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Das erste Buch Mose (Allen P. Ross)


EINFÜHRUNG


Das 1. Buch Mose, auch Genesis genannt, ist das Buch der Anfänge. Es enthält die weltbewegenden Berichte von der Entstehung des Universums und der Menschheit, des Einbruchs der Sünde in die Welt, der katastrophalen Folgen des Fluches als Strafe für die Sünde und der Anfänge des Planes Gottes, durch sein Volk alle Völker der Erde zu segnen.
Die meisten Bücher der Bibel beziehen sich in irgendeiner Form auf das 1.Buch Mose. Darüberhinaus hat der Gegenstand von 1. Mose seit Jahrhunderten das Interesse der Ausleger auf sich gefunden.
Was für die biblischen Wahrheiten allgemein gilt, gilt auch für 1. Mose. Es wurde zum Stein des Anstoßes für viele, die es voreingenommen oder rationalistisch lesen wollten. Für diejenigen aber, die es als das Wort Gottes anerkennen, dem sie dienen, ist 1. Mose eine Quelle der Erbauung und Ermunterung. Sie gehen anders an die Fragen und Schwierigkeiten des Buches heran.
Der Titel des Buches: Das erste Wort des hebräischen Textes bere´šît ist zugleich der hebräische Titel des Buches und bedeutet »am Anfang«. Der griechische und lateinische Titel »Genesis« leitet sich von der griechischen Übersetzung des wichtigen Wortes in 1.Mose tôledôt ab und bedeutet »Entstehung« oder »Entstehungsgeschichte«. In 1.Mose 2,4a findet sich in der Septuaginta das Wort geneseos: »Dies ist das Buch der Entstehungsgeschichte von Himmel und Erde«. Im Deutschen wird entweder der Titel »Genesis« verwendet oder das Buch als erstes der fünf Bücher Moses bezeichnet (vgl. zur Verfasserfrage im folgenden).
Verfasserfrage: Sowohl andere biblische Bücher als auch die jüdische Tradition schreiben den Pentateuch (1.Mose - 5.Mose, penta = fünf) Mose zu. Dies reichte für die meisten Leute in den Synagogen und Kirchen durch Jahrhunderte aus, um 1.Mose mit Sicherheit Mose zuzuschreiben.
Tatsächlich hätte auch niemand eine bessere Qualifikation zum Schreiben des Buches gehabt. Da Mose »in aller Weisheit der Ägypter gelehrt« wurde (Apg 7,22), mußte ihn sein literarisches Können dazu befähigen, die Traditionen und Berichte Israels zu sammeln und daraus ein Buch zusammenzustellen. Seine Gemeinschaft mit Gott am Horeb und während seines ganzen Lebens konnte ihm Hinweise für diese Aufgabe geben. 1.Mose stellt die theologischen und historischen Grundlagen für den Auszug (Exodus) und den Bund am Sinai dar.
Die mosaische Autorschaft der Genesis und des ganzen Pentateuch wird jedoch von kritischen Forschern verneint. Das ist kein moderner Standpunkt, denn schon in der frühesten Zeit des Christentums konnten sich einige Theologen nicht zwischen Mose und Esra als Autor entscheiden. Aber die moderne Ansicht, daß der Pentateuch aus verschiedenen Quellen zusammengestellt wurde, scheint ein Ergebnis des rationalistischen Skeptizismus zu sein. Benedikt Spinoza (1632-1677) glaubte, daß der Pentateuch von Esra geschrieben wurde, der eine Vielzahl von Traditionen, einschließlich einiger auf Mose zurückgehender Überlieferungen, benutzte.
Der erste Versuch einer Dokumentenhypothese der Entstehung von 1.Mose wurde 1753 von dem Arzt Jean Astruc (1684-1766) unternommen. Er verbreitete die Idee, daß 1.Mose aus zwei Hauptquellen und mehreren kleineren Quellen zusammengestellt wurde. Die nächsten 124 Jahre debattierten und entwickelten Forscher diese Idee, bis schließlich Julius Wellhausen (1844-1918) den Ansatz der Dokumentenhypothese umfassend und gründlich neu formulierte.
Wellhausen unterteilte den Pentateuch in vier literarische Quellen, dargestellt durch die Buchstaben J, E, D, P. Das »J«-Material, so genannt, weil in ihm der Name Jahwe vorgezogen wird, entstand für ihn um 850 v.Chr. Es war persönlich und biographisch ausgerichtet, hatte eine anthropomorphe Sprache und schloß eine prophetenähnliche Ethik und theologische Reflektionen ein. Das »E«-Material, so genannt, weil in ihm der Name Elohim (Gott) vorgezogen wird, wurde im Nordreich um 750 v.Chr. geschrieben. Es war objektiver, beschäftigte sich weniger mit ethischen und theologischen Reflektionen und bot mehr konkrete Einzelheiten.
Entsprechend dieser Sicht, wie sie von nachfolgenden Forschern weitergebildet wurde, wurden diese beiden Quellen um 650 v.Chr. von einem unbekannten Redaktor oder Herausgeber kombiniert. Das Ergebnis war »JE«.
Die Komposition wurde dann durch Material aus den Quellen »D« (deuteronomistische Quelle, von Deuteronomium = 5.Mose) und »P« (Priester-Quelle, von Priestern verfaßt) ergänzt. »D« wurde demnach angeblich unter Hiskia um 621 v.Chr. als Teil der damaligen Reformation abgefaßt, also nicht, wie das AT selbst es darstellt, nur wiederentdeckt. Die deuteronomistische Schule bearbeitete nicht nur 5.Mose, sondern auch die Bücher von Josua bis 2.Könige. »P« (Esra und das Heiligkeitsgesetz »H«) soll zwischen 570 und 445 v.Chr. entstanden sein und sich vor allem mit dem Ursprung und den Bestandteilen der Theokratie, der Familiengeschichten, der Opfer und der religiösen Handlungen beschäftigt haben.
Die Berechtigung zu einer solcher >Quellenscheidung< zogen bibelkritische Forscher aus der Verwendung verschiedener Gottesnamen, aus unterschiedlichen Parallelberichten, aus sprachlichen Besonderheiten und aus der Betonung unterschiedlicher theologischer Grundgedanken.
Die Kritik an der Quellenscheidung (>Dokumentenhypothese<) muß bei ihren weltanschaulichen Voraussetzungen beginnen. Ein übernatürliches Handeln Gottes wurde ausgeschlossen, die Bibel wie jedes andere menschliche Buch behandelt. Die Evolutionstheorie wurde auf die Geschichte Israels übertragen, indem sich der Monotheismus angeblich allmählich aus dem Polytheismus mehrerer Stämme entwickelte. Die Hegelsche Dialektik führte zu der Auffassung, daß die endgültige Form der Wahrheit sich aus sich widersprechenden Lehren entwickelt haben müsse.
Aber auch unabhängig von den überholten und unchristlichen Voraussetzungen, die jede göttliche Offenbarung untergraben, wirft die Quellenscheidung schwerwiegende Probleme auf. So besteht keinerlei Einigkeit über den Umfang der einzelnen Quellen J, E, P, D, da jeder Gelehrte die einzelnen Verse anders zuordnet, wobei offensichtlich auch rein subjektive Empfindungen eine Rolle spielen. Häufig wird dabei auch im Kreis argumentiert. Ein Zirkelschluß liegt zum Beispiel vor, wenn man einen Text J zuordnet, weil er häufig das hebräische Wort für gebären yalad verwendet, und zugleich yalad nur in J vorfindet und dies besonders herausstellt. Außerdem wird zu oft der Text umgestellt, verändert und hinterfragt, wenn er so wie er vorliegt, nicht in das System paßt.
Archäologische Entdeckungen haben viel Material zutage gefördert, das nicht nur die Kriterien der Quellenscheidungshypothesen in Frage stellt, sondern zugleich Licht auf die frühe Umwelt von 1.Mose wirft. Die ugaritische Literatur in Kanaan (ca. 1400 v.Chr.) beweist die frühe Verwendung von kultischer Sprache (oft P zugeschrieben und als jung angesehen), poetischen Formen, seltenen Worten (die man für junge »Aramäismen« hielt), die Vielfalt von Gottesnamen und anderen Namen im selben Text und die Wiederholung als Mittel der Betonung. Neuere Entdeckungen in Ebla bieten weitere Dokumente für die Verwendung von Namen, Orten und Vorstellungen zur Zeit von 1.Mose (vgl. Giovanni Pettinato, The Archives of Ebla, Garden City, N.Y.: Doubleday&Co., 1981).
Die weiter östlich in versunkenen Archiven in Nuzi 1925 und in Mari 1933 gefundenen Täfelchen bieten viele Parallelen zu Gebräuchen und Gesetzen aus der Zeit der Patriarchen, wie sie uns in 1.Mose überliefert sind.
Auch wenn solche Beiträge der Archäologie die Existenz der Patriarchen oder das hohe Alter der Erzählungen nicht >beweisen< können, fügen sie sich doch ausgezeichnet in den Inhalt und den Stil der Erzählungen in 1.Mose ein. Aufgrund der immer noch zunehmenden archäologischen Funde wird ein junges Alter von 1.Mose immer unwahrscheinlicher.
Die sogenannte »Formkritik«, die Hermann Gunkel erstmals auf das Alte Testament angewandt hat, geht von einem hohen Alter der zugrundeliegenden Überlieferungen aus. 1.Mose 1-11 wird mit sumerisch-akkadischen Texten des 3. und 2. Jahrtausend v.Chr. verglichen, während die Patriarchen nicht in die spätere Welt der Assyrer der ersten Hälfte des 1. Jahrtausend v.Chr. passen. Die Formkritik will die Gattung, Struktur, Umwelt und Absicht der literarischen Einheiten hinter dem vorliegenden Text erforschen, um die ursprüngliche Verwendung des Textes in ihrer Beziehung zu Israel zu erkennen.
Diese Methode isoliert die einzelnen literarischen Einheiten dann meist an Hand der Quellen JEDP. Anschließend werden Gattung und einzelne Einheiten (z.B. Segensformel, Eid, Lied, Legende) festgelegt und gemeinsame Motive, Begriffe und Strukturen miteinander verglichen. Dann wird versucht, den »Sitz im Leben« der Texteinheit im Alltag des antiken Israels festzustellen, um die ursprüngliche Absicht zu erfahren. Dazu muß die Formkritik oft beurteilen, wie die jeweilige Einheit im einzelnen überliefert wurde.
Gunkel nennt sechs Arten von Sagen und Erzählungen in 1.Mose, die die ursprünglich, mündlich überlieferte Dichtung darstellen: a) ätiologische Sagen (z.B. die Erklärung, warum der Mensch sündigt), b) ethnologische Sagen (z.B. die Erklärung, warum Kanaan versklavt wurde), c) ethymologische Sagen (z.B. die Erklärung des Namens von Babel), d) zeremonielle Sagen (z.B. die Erklärung für die Entstehung des Sabbat), e) geologische Sagen (z.B. die Erklärung für die Entstehung des Salzes bei Sodom), f) unklassifizierbare Sagen.
Allgemein geht die Formkritik etwas wohlwollender mit dem vorliegenden Text um als die eigentliche Quellenscheidungskritik und berücksichtigt auch den vorhandenen Text in den Untersuchungen. Trotzdem teilt sie weitgehend die Schwächen der Quellenscheidungshypothesen. Sie geht zunächst einmal von einer natürlichen und allmählichen Entwicklung des Textes aus und schließt ein übernatürliches Reden und Eingreifen Gottes aus. Der Monotheismus Israels entwickelte sich aus dem Glauben an viele Götter, die berichteten Wunder sind lediglich nachträgliche Erklärungsversuche, die frühe Ereignisse, die nicht oder jedenfalls nicht so passiert sind, zur Erklärung für Fakten der Gegenwart (religiöse Zeremonien, theologische Fakten oder historische Gegebenheiten) erzählen.
Außerdem dürfte es schwer sein, zu beweisen, daß die Sagen als eigenständige Einheiten, die mündlich überliefert wurden, je existiert haben. Erschwert wird der Beweis dadurch, daß die Formkritik davon ausgeht, daß die Sagen bei ihrer Aufnahme in ein schriftliches Werk stark verändert wurden. Das ist jedoch reine Vermutung, die aber Formkritiker dazu führt, oft sehr subjektiv und spekulativ die uns vorliegenden Überlieferungen mit Hinsicht auf ihre Vorgeschichte stark abzuändern und umzuinterpretieren. Der Schwerpunkt wird von dem sicheren, für alle eine gemeinsame Basis bildenden vorliegenden Text auf die jeweils von einzelnen Forschern vertretene angenommene Vorstufe der Texte verlagert.
Aus der Formkritik heraus haben sich verschiedene neue Richtungen entwickelt. Vor allem die traditionsgeschichtliche Schule kritisiert die strenge Quellenscheidung in JEDP und will einen umfassenderen analytischen Ansatz vorbereiten, der mündliche Überlieferung, vergleichende Mythologie, psychologische Analyse und weitere Prozesse zusammenführt, um die Entstehung und Überlieferung der Tradition Israels zu erarbeiten.
Die Subjektivität dieser Schule ist durch die unterschiedlichen Schwerpunkte bedingt und hat zu einer nicht zu übersehenden Vielfalt von Forschermeinungen geführt. Allen gemeinsam sind im wesentlichen folgende Elemente: Die Geschichten wurden in einem frühen Stadium mündlich überliefert, die Erzählung aus dem Gedächtnis wurde von eigenen Erklärungen begleitet, diese Überlieferungen durch verschiedene Kräfte umgeformt (z.B. durch kanaanäische Sagen, das Erlösungsmotiv in der Königszeit), schließlich in Zyklen zusammengefaßt, die ein schöpferischer Redaktor endlich zu einer literarischen Einheit zusammenfügte, die dann in der nachexilischen Zeit normativen Charakter erhielt. Die beiden großen Zyklen werden P und D genannt und umfassen 1.Mose-4.Mose (P) mit dem Schwerpunkt auf dem Passafest und 5.Mose- 2.Kön (D). Obwohl die Quellenscheidung im Prinzip zurückgewiesen wird, kommt man also doch zu ähnlichen Ergebnissen. Die Geschichte der Überlieferung interessiert dabei meist mehr als der uns bis heute überlieferte Text selbst.
Die Kritiker der traditionsgeschichtlichen Schule weisen zunächst darauf hin, daß ihre Vertreter der mündlichen Überlieferung ohne Beweis einen so großen Stellenwert einräumen. Die Archäologie hat inzwischen viele Belege dafür zusammengetragen, daß im Nahen Osten viele Dokumente sorgfältig auf schriftlichem Wege überliefert wurden und viele mündliche Überlieferungen zugleich auch schriftlich weitergegeben wurden.
Der Vergleich mit anderen Mythologien setzt voraus, daß die Religion Israels überhaupt mit heidnischen Religionen zu vergleichen und aus ihnen heraus zu erklären ist. Dabei werden die großen Unterschiede zum hebräischen Monotheismus leicht übersehen. Am Ende bleibt die Frage offen, wie der einzigartige Glaube des AT überhaupt je entstehen konnte. Die Möglichkeit, daß Gott einem Volk, das im Ungehorsam gegen ihn manches von den umliegenden Völkern übernahm, seinen gänzlich neuen Willen offenbarte, wird von vornherein nicht in Betracht gezogen.
Alle Versuche, hinter den Text des AT zurückzugehen und seine Entstehung in verschiedenen Schichten herauszuarbeiten, führen zu Spekulation und Subjektivität, da keine konkreten Anhaltspunkte und Beweise vorliegen. Dort, wo das AT selbst gelegentlich etwas über seine eigene Vorgeschichte sagt (z.B. im Buch Jeremia), werden diese Angaben nicht ernstgenommen, sondern grundsätzlich verworfen. Doch selbst wenn wir genau wüßten, welche Geschichte die einzelnen Texte hinter sich haben, wäre damit immer noch nicht die Frage beantwortet, warum wir die Texte in der heute vorliegenden Form vor uns haben und was sie eigentlich sagen wollen.
In neuerer Zeit wird daher immer häufiger von dem vorliegenden hebräischen Text ausgegangen. Stilunterschiede, Wiederholungen und Variationen erscheinen dann plötzlich als typisch altorientalisch und werden zu Argumenten für die Einheit der Texte.
Die traditionelle Sicht des 1.Buch Mose und des Pentateuch überhaupt geht von der sinnvollen Einheit des Textes aus, die auf Mose zurückgeht und bis heute erhalten geblieben ist. Alle Belege weisen auf ein hohes Alter der endgültigen Texte hin. Das schließt nicht aus, daß vom Geist Gottes inspirierte Herausgeber die Texte zusammengestellt haben. Die Annahme tiefgreifender Umarbeitungen und Umdeutungen ist jedoch überflüssig. Der Text will tatsächlich passierte Ereignisse (oft mit Datum, Ort, Zeugen und Beteuerungsformeln) berichten und diese im Lichte der Offenbarung Gottes deuten.
Der Charakter von 1.Mose: Die Diskussion über die historische Glaubwürdigkeit von 1.Mose hängt eng mit der Frage zusammen, welchen Charakter die einzelnen Berichte haben. Dies gilt für das ganze Buch, insbesondere aber für 1. Mose 1-11. Daher sollen zunächst einige Theorien kritischer Forscher angesprochen werden.
1. Enthält 1.Mose Mythen? Viele Autoren beschreiben den Inhalt von 1.Mose als Mythen. Der Vergleich mit mythologischer Literatur scheint den Ursprung der Symbole und Bilder erklären zu können. Es geht um »heilige Geschichte«, nicht um wirkliche Geschichte. Dabei geht man oft davon aus, daß Israel seine Mythen von heidnischen Völkern entlehnte, sie aber insofern »entmythologisierte«, als es heidnische Elemente unterdrückte und die Mythen dem Jahweglauben anpaßte. Wenn man aber die semitische Mythologie genauer betrachtet, zeigt sich, daß so etwas unmöglich war. Mythen sind nicht einfach nur Berichte in symbolischer Sprache, die eine >primitive< Mentalität widerspiegeln, da die antiken Menschen in ihnen ihre Weltanschauung niederlegten. Im Zentrum der Mythen steht das Sympathieprinzip, also die Lehre von der Entsprechung des Irdischen und Göttlichen: die Vegetation stirbt, wenn Gott stirbt usw. Folgerichtig waren die mythisch begründeten Rituale ein Sympathiezauber, der auf magischem Weg die Fruchtbarkeit der Natur und des Menschen erhalten wollte.
Das AT bricht radikal mit dieser magischen Philosophie der antiken Welt. Man wird deswegen dem AT nicht gerecht, wenn man ihm unterstellt, daß Israel Mythen anderer Völker entlieh oder den Glauben mit einer mythologischen Sprache beschreibe. Für die Hebräer hatte ein absolut souveräner und unbestechlicher Gott ihre Nation ins Leben gerufen. Ihre Vorstellung von der Zeit war nicht zyklisch, so daß wie in den umherliegenden Religionen bestimmte Ereignisse immer wiederkehrten, sondern eschatologisch, also auf ein Ziel ausgerichtet. Der Tempelgottesdienst war kein kosmisches oder magisches Ritual, sondern ein Akt der Erlösung. Auch die Vorstellung vom Raum entsprach nicht dem der Nachbarvölker. Kurz gesagt, Israels Weltanschauung und Zeitverständnis war völlig in sein Geschichtsbild eingebettet (vgl. Brevard S.Childs, Myth and Reality in the Old Testament, Naperville: Alec R. Allenson, 1960, S.13).
1.Mose kann deswegen kein Mythos sein. Der hebräische Glaube war gerade eine radikale Abkehr von den typischen Gedanken der heidnischen Mythologien. James Barr schreibt zurecht: »Der eigentliche Kampf des hebräischen Glaubens richtet sich gegen die Vermischung und Verwechslung des Menschlichen und des Göttlichen, von Gott und der Natur«, die in heidnischen Mythen so vorherrschend ist (»The Meaning of >Mythology< in Relation to the Old Testament«, Vetus Testamentum 9, 1959: 3). Wenn das AT überhaupt einige mythologische Elemente überliefert, dann nur, um zu zeigen, daß sie im Jahweglauben überwunden sind. Die antimythologische Polemik von 1.Mose ist besonders gut von Gerhard Hasel dargestellt worden (»The Polemic Nature of the Genesis Cosmology«, Evangelical Quarterly 46, 1974: 81-102).
2. Enthält 1.Mose Ätiologien? Die Erzählungen wurden auch als Ätiologien oder ätiologische Sagen bezeichnet, also als Überlieferungen, die den Ursprung irgendeines landschaftlichen, sprachlichen, kulturellen oder religiösen Phänomens erklären sollten.
Wenn es sich um reine Ätiologien handelt, die auf keiner Tradition beruhen, sind die Erzählungen historisch gesehen natürlich völlig unglaubwürdig. Wenn jedoch gezeigt werden kann, daß das vorrangige Interesse der Erzählungen wie im Falle von 1. Mose eine historische Darstellung ist, kann im nachhinein die Tatsache, daß geschichtliche Ereignisse auch Elemente der Gegenwart erklären, nicht gegen die historische Glaubwürdigkeit eines Textes verwendet werden. Im übrigen erklären in 1.Mose meist nur einzelne Elemente gegenwärtige Phänomene, nicht jedoch alle in der Erzählung vorkommenden Elemente.
3. Erzählt 1.Mose Geschichte? Alle diese Fragen werfen das Problem nach der Historizität von 1.Mose auf. Manche Forscher waren nicht bereit, den Begriff »Geschichte« zu verwenden, solange er nicht in Abgrenzung vom Begriff der modernen Geschichtsphilosophie definiert worden ist. Norman Porteous schreibt: »Die Tatsache, daß die religiösen Überlieferungen Israels häufig auf das übernatürliche Eingreifen Gottes verweisen, ist oft genug der Grund dafür, daß Historiker den Berichten skeptisch gegenüberstehen und annehmen, daß die tatsächlichen Ereignisse ganz anders verlaufen sein müssen.« (>The Old Testament and History<, Annual of the Swedish Theological Institute 8, 1972: 22).
Für viele sind die Berichte in 1.Mose historisch nicht glaubwürdig. Ohne andere Quellen, die die Ereignisse bestätigen, können sich Historiker nur auf die biblischen Texte selbst stützen. Sogar die zahlreichen Entdeckungen der Archäologie können nur die Umweltbedingungen der Ereignisse bestätigen, nicht aber beweisen, daß etwa Abraham oder Josef wirklich gelebt haben.
Man muß allerdings berücksichtigen, daß die Bibel ein besonderes Buch ist. In 1.Mose geht es weder um eine reine Chronik der Ereignisse oder um Geschichte um ihrer selbst willen noch um eine vollständige Geschichte eines Volkes. 1.Mose ist eine theologische Einordnung und Beurteilung bestimmter ausgewählter Ereignisse der Ahnen des Volkes Israel. Wie letztendlich jede geschichtliche Betrachtung will 1.Mose den Ursachen hinter den Ereignissen nachgehen, wobei dabei sowohl göttliche als auch menschliche Ursachen angesprochen werden. Weil 1.Mose dabei Teil der Offenbarung Gottes ist und sich von den rein menschlichen Mythologien der heidnischen Nachbarvölker stark abhebt, sind sowohl die Ereignisse als auch die Erklärungen Wahrheit.
Für die Israeliten wurden viele grundlegende Fragen über das Leben durch die theologische Beurteilung der geschichtlichen Ereignisse beantwortet. Diese Ereignisse wurden als Bestandteile eines von Gott geplanten und ausgeführten Weges der Geschichte angesehen, der von der Schöpfung bis zum Ende der Welt reicht. Zwischen diesen beiden Punkten spannt sich die biblische Geschichte. Damit war der Glaube eine unabdingbare Voraussetzung zum Verständnis von nationalen und internationalen geschichtlichen Ereignissen.
Im Mittelpunkt dieser biblischen Geschichte steht der Bund Gottes mit den Menschen. Dieser Bund begann für Israel mit der Erwählung Abrahams und damit auch des Volkes Israel. Gottes Volk konnte zurückschauen und sehen, was Gott bisher getan hatte und auf dieser Grundlage nach vorn schauen und der Erfüllung der Verheißungen entgegensehen. Auch wenn Verheißung und Erfüllung wichtige Säulen der biblischen Geschichte sind, ist der Gehorsam gegenüber dem Bund das eigentlich tragende Element in den Berichten der Erzähler. Die Berichte über die geschichtlichen Ereignisse dienen also einem apologetischen, polemischen und didaktischen Zweck.
Die Tatsache, daß 1.Mose eine theologische Erklärung antiker Ereignisse bietet, stellt seine historische Glaubwürdigkeit nicht in Frage. Porteous schreibt: »Es erscheint durchaus sinnvoll anzunehmen, daß die Erklärung eine Reaktion auf etwas ist, was nach einer Erklärung verlangte.« (>The Old Testament and History<, a.a.O., S.107). E. A. Speiser geht davon aus, daß, auch wenn 1.Mose nicht Geschichte in unserem Sinne ist, er trotzdem nicht »als Erfindung abgetan werden kann. Der Autor erzählt die Ereignisse in der für ihn geeigneten Weise, erfindet sie aber nicht. Damit wird Tradition unter vorsichtiger Verwendung der literarischen Fähigkeiten niedergeschrieben. Wo diese Tradition durch unabhängige Quellen überprüft werden kann, erweist sie sich als zuverlässig. Lange Zeit gab es nur Beweise für bestimmte einzelne Ereignisse. Inzwischen stellte sich jedoch heraus, daß die gesamte Umwelt der Patriarchen wahrheitsgetreu dargestellt wird.« (>The Biblical Idea of History in the Common Near Eastern Setting<, Israel Exploration Journal 7, 1957: 202).
4. Enthält 1.Mose Sagen? Manche Forscher würden die Erzählungen in 1.Mose lieber als überlieferte »Sagen« bezeichnen. Gemeint sind damit Erzählsammlungen des Volkes. Solche kümmern sich nicht um die Historizität der Erzählungen, weshalb diese auch nicht anzunehmen ist, auch wenn es sicher immer einen historischen Kern gibt. Gerhard von Rad behauptet sogar, daß Sagen mehr als Geschichte sind, weil in ihnen Gott, nicht der Mensch, der Handelnde ist (Genesis, Philadelphia: Westminster Press, 1961, S.31). Es wird dabei jedoch übersehen, daß es tiefgreifende literarische Unterschiede zu den Sagen und Mythen anderer Völker gibt, so daß etwa konkrete Orte, Namen und Zeiten genannt werden können und die Texte selbst immer wieder die historische Glaubwürdigkeit betonen.
Konservative Forscher teilen diese Zurückhaltung gegenüber den Quellen nicht. Sie gehen davon aus, daß durchaus sehr alte Berichte und Stammbäume von den Stammvätern der Patriarchen aus Mesopotamien mitgebracht wurden. Zu ihnen fügte man die Familienchroniken der Patriarchen hinzu. Diese mündlichen oder schriftlichen Traditionen wurden vielleicht von Josef zusammen mit seinem eigenen Bericht aufbewahrt. Mose stellte die Überlieferungen dann im wesentlichen in der uns heute vorliegenden Form zusammen und wurde durch die Inspiration des göttlichen Geistes vor Irrtümern und Fehlern bewahrt (Vgl. Kenneth A. Kitchen, »The Old Testament in Its Context: 1«, Theological Students Fellowship Bulletin 59, 1971: 1-9). Demnach gehen die Berichte zwar auf eine lange Überlieferungskette zurück, überliefern jedoch keine Volkssagen, sondern echte Chroniken, so daß wir eine Erklärung tatsächlich passierter Ereignisse vor uns haben.
1.Mose ist das erste Buch der Thora, der fünf Bücher des Gesetzes. Auch wenn es nur wenige Gesetze und Bestimmungen enthält, legt es doch den Grund für das Gesetz. Es bietet eine theologische Erklärung für die historische Entwicklung, die zum Bund Gottes mit Israel am Sinai führte. Mose bereitet seine Leser durch 1.Mose auf die Offenbarung des Gesetzes vor. Auch darin beweist 1.Mose seinen didaktischen Charakter.
Er berührt sich daneben auch stark mit der biblischen Weisheitsliteratur, vor allem in der Josefserzählung. Die Betonung liegt auf dem Segen Gottes für alle, die im treuen Gehorsam Gott gegenüber leben. Diese Betonung findet sich in der ganzen Weisheitsliteratur. 1.Mose ist zwar der Punkt, an dem alle Geschichte und Theologie beginnt, und damit einmalig, zugleich stimmt es jedoch im Charakter mit den späteren Büchern der Bibel überein.
Der literarische Aufbau von 1.Mose 1.Mose bildet eine literarische Einheit, die die Traditon nach den »Berichten« (tôledôt) ordnet und an Hand des Motivs von Segen und Fluch entwickelt. Anschließend berichtet es von den historischen Voraussetzungen für die Erwählung und die Bundesverheißungen an Abraham und seine Nachkommen.
1. Die Absicht von 1.Mose 1.Mose enthält die geschichtlichen Grundlagen des Bundes Gottes mit seinem Volk. Es bildet die Einleitung zu dem Drama des Exodus (= Auszug, der lateinische Name für 2.Mose) des seit Abraham auserwählten Volkes Israel. Die ersten 11 Kapitel berichten von der Erschaffung der Welt, dem Sündenfall und der Geschichte der Menschheit bis zur Zeit Abrahams. Diese ersten Kapitel legen die Grundlage für alles weitere. Die Welt wird von zwei Faktoren bestimmt. Sie ist einerseits gesegnete Schöpfung Gottes (1. Mose 1-2), andererseits steht sie seit dem Ungehorsam des Menschen unter dem Fluch der Sünde (1. Mose 3ff). Bewahrendes und richtendes Handeln Gottes stehen daher nebeneinander. Demzufolge beherrscht das Motiv von Segen und Fluch 1.Mose und von dort ausgehend die gesamte Bibel.
Was für die ganze Menschheit gilt, gilt auch für die mit der Berufung Abrahams einsetzende Erwählung Israels. Daß alle Völker der Welt durch Abrahams Nachkommen gesegnet werden sollen (1.Mose 12,1-3), ist ohne Kapitel 1-11 nicht zu verstehen. Gott erwählt ein Volk, um die ganze Welt zu segnen, stellt dieses Volk jedoch zugleich vor die Wahl zwischen dem Segen, wenn sie zu seinem Bund gehören wollen und dem Fluch, wenn sie sich von ihm abwenden.
3. Der Aufbau von 1.Mose Der Aufbau von 1.Mose wird durch 11 Abschnitte mit einer Einleitung, die jeweils mit der gliedernden Formel tôledôt (»Dies ist die Geschichte von...«) beginnt, vorgezeichnet. Die Formel ist ein fem. Nomen, das sich von der Kausativform des Verbes yalad (»gebären«, »hervorbringen«) ableitet. Es wird oft mit »Generationen«, »Stammbaum« oder »Geschichte« wiedergegeben.
Die Formel wurde traditionell als Überschrift der jeweiligen Abschnitte verstanden. Demnach ist das Buch folgendermaßen einzuteilen:
1.Die Schöpfung (1. Mo 1,1-1. Mo 2,3)
2.tôledôt von Himmel und Erde (1. Mo 2,4- 1. Mo 4,26)
3.tôledôt von Adam (1. Mo 5,1-1. Mo 6,8)
4.tôledôt von Noah (1. Mo 6,9-1. Mo 9,29)
5.tôledôt von Sem, Ham und Jafet (1. Mo 10,1-1. Mo 11,9)
6.tôledôt von Sem (1. Mo 11,10-26)
7.tôledôt von Terach (1. Mo 11,27-1. Mo 25,11)
8.tôledôt von Ismael (1. Mo 25,12-18)
9.tôledôt von Isaak (1. Mo 25,19-1. Mo 35,29)
10.tôledôt von Esau (1. Mo 36,1-8)
11.tôledôt von Esau, Vater der Edomiter (1. Mo 36,9-1. Mo 37,1)
12.tôledôt von Jakob (1. Mo 37,2-1. Mo 50,26).
Die Ansichten über diese Gliederung weichen voneinander ab. Speiser sieht tôledôt als Überschrift an allen Stellen außer 1. Mo 2,4; 1. Mo 25,19 und 1. Mo 37,2. An diesen Stellen geht er von der Bedeutung »Bericht«, »Geschichte« aus, die sich auf den vorhergehenden, nicht auf den folgenden Text bezieht (Genesis, a.a.O., S.XXIV). Skinner zweifelt überhaupt daran, ob sich das Wort auf den Text davor beziehen kann und sieht es als reine Überschrift an (Genesis, a.a.O., S.39- 40).
tôledôt leitet sich von yalad (»gebären«, »hervorbringen«) ab. Es bedeutet »das Hervorgebrachte« und markiert den Anfangspunkt, von dem aus sich etwas entwickelt hat. Mit Hilfe einer Kombination von Stammbaum und Erzählung schreitet die Komposition von einem Punkt (tôledôt) zum nächsten Einschnitt (dem nächsten tôledôt). Am Ende steht jeweils das Ergebnis einer von einem bestimmten Punkt ausgehenden Entwicklung.
Einige Ausleger stimmen mit der traditionellen Ansicht, daß tôledôt eine Überschrift ist, nicht überein. P. J. Wiseman und R. K. Harrison nehmen an, daß tôledôt ähnlich wie auf Keilschrifttontafeln verwendet wird und sich auf das vorhergehende Material bezieht (Wiseman, Die Entstehung der Genesis, Wuppertal: Brockhaus Verlag, 1965; Harrison, Introduction to the Old Testament, a.a.O., S.548). Sie gehen davon aus, daß die Berichte in 1.Mose zunächst auf Tontafeln überliefert und schließlich in der vorliegenden Form gesammelt wurden.
Wiseman verweist darauf, daß die Formel tôledôt in 1.Mose den babylonischen Kolophonen entspricht, die Titel, Datum der Abfassung, Nummerierung und den Hinweis auf die Vollendung einer Serie (beim letzten Kolophon), sowie den Namen des Autors oder Besitzers enthalten (Creation Revealed in Six Days, London: Marshall, Morgan&Scott, 1949, S.46).
Diese Ansicht kann jedoch nicht überzeugen. Die babylonischen Kolophone entsprechen der Formel tôledôt in 1.Mose gerade nicht (vgl. Alexander Heidel, The Baylonian Genesis, 2. Auflage, Chicago: University of Chicago Press, 1963, S.25+30; A. L. Oppenheim, Ancient Mesopotamia, Chicago: University of Chicago Press, 1964, S.240-241). Auf den Keilschrifttafeln ist der Titel eine Wiederholung der ersten Zeile der Tafel. Der genannte Besitzer scheint der gegenwärtige, nicht der ursprüngliche Besitzer oder Autor zu sein. Die akkadische Entsprechung zu tôledôt wird dabei gar nicht verwendet.
Wenn tôledôt in 1.Mose sich wirklich auf den vorangehenden Text beziehen würde, dürfte es nicht erst nach dem hinzugefügten Material 1.Mose 4,17-26 in 1.Mose 5,1 stehen, sondern müßte sich direkt im Anschluß an die Geschichte von Adam in 1. Mo 4,16 finden. Auch in 1. Mo 10,1 wäre das tôledôt Noahs als Abschluß nach Sintflut und Verfluchung am falschen Ort, vor allem wenn in 1. Mo 10,32 die nächste Formel folgt. Neben diesen Einzelproblemen steht die Schwierigkeit, daß dann die Geschichte von Abraham von Ismael niedergeschrieben wurde, die Geschichte Ismaels von Isaak, die Geschichte Isaaks von Esau und die Geschichte Jakobs von Josef.
Nirgends im AT bezieht sich tôledôt eindeutig auf den vorangehenden Text. Es kann sich jedoch immer auf den folgenden Text beziehen, oft ist dies sogar zwingend, etwa in Rut 4,18, wo es sich auf den folgenden Stammbaum des Perez bezieht, oder in 4.Mose 3,1, wo sich das tôledôt von Aaron und Mose nicht auf die Zählung in 4.Mose 1-2 beziehen kann. Bezieht man tôledôt jeweils auf den folgenden Text, ergeben sich in 1.Mose keinerlei Schwierigkeiten.
Auch 1.Mose 2,4 enthält eine Überschrift. Selbst Wiseman gibt zu, daß 1. Mo 2,1-3 einen natürlichen Schluß für den Schöpfungsbericht bildet. 1. Mo 2,4a wäre dann die Überschrift und 1. Mo 2,4b der Beginn des abhängigen Satzes (wie der Beginn des Enuma Elisch). Dieser Aufbau entspricht 1. Mo 5,1, wie ein Vergleich der beiden Verse zeigt:
»Dies sind die tôledôt der Himmel und der Erde, als sie erschaffen worden waren, als Jahwe-Gott Himmel und Erde gemacht hatte...« (1. Mo 2,4).
»Dies ist das Buch tôledôt von Adam. Als Gott den Menschen geschaffen hatte...« (1. Mo 5,1).
Auch der Umstand, daß in 1. Mo 2,4-1. Mo 3,24 der Ausdruck »Jahwe-Gott« (»Jahwe-Elohim«) verwendet wird, spricht dafür, daß 1. Mo 2,4, das denselben Ausdruck enthält, die Überschrift bildet. (Übrigens ist der Ausdruck »Jahwe-Elohim« eines der gewichtigsten Argumente gegen eine Quellenscheidung des Schöpfungsberichtes in eine jahwistische und eine elohistische Quelle, die angeblich jeweils einen Gottesnamen bevorzugen sollen.)
(Die Ablehnung des Ausdrucks tôledôt als Kolophon, also als überleitende Unterschrift, und die Argumente gegen die Theorie von Wiseman, soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß es andere Ausdrücke als tôledôt in 1.Mose gibt, die ein Kolophon darstellen, z.B. 1. Mo 10,5.20.31-32.1. Mo 25,16 schließt 1. Mo 25,12-16 ab, 1. Mo 36,19 schließt 1. Mo 36,1-19 ab, 1. Mo 36,30b schließt 1. Mo 36,20-30 ab und 1. Mo 36,43 schließt 1. Mose 36 ab.)
Die tôledôt-Überschrift leitet den Bericht über die historische Entwicklung von einem Vorfahren ausgehend ein und könnte übertragen wiedergegeben werden mit: »Dies ist, was aus... wurde« oder »Dies ist, was mit... begann« (vgl. M. H. Woudstra, »The Toledot of the Book of Genesis and Their Redemptive-Historical Significance«, Calvin Theological Journal 5, 1970: 187). In 1.Mose 2,4 leitet das tôledôt demnach die historischen Folgen der Erschaffung des Kosmos ein, so daß 1. Mo 2,4-1. Mo 4,26 berichtet, was aus Himmel und Erde wurde. Dieser Bericht umfaßt den Sündenfall, die Ermordung Abels und die Entwicklung der Sünde innerhalb der Zivilisation. Der Bericht liefert keinen zweiten Schöpfungsbericht, sondern setzt den Bericht von der Schöpfung ausgehend fort bis hin zum Sündenfall. Dies ist eben, »was aus Himmel und Erde wurde«.
Schaut man alle entscheidenden Beispiele im AT an, scheint diese Definition von tôledôt die beste zu sein. Jedenfalls kann man die Formel nicht auf die Bedeutung »Genealogie«, »Stammbaum« einschränken, weil der Zusammenhang meist viel weitreichender dargestellt wird. Es geht auch nicht einfach um Biographien oder Geschichten, wie der fehlende biographische Faden beweist. Stattdessen geht es darum, was aus einer bestimmten Person wurde bzw. wie es mit ihr begann, wobei jeweils das ausgewählt wird, was für die Absicht von 1.Mose von Bedeutung ist. Das tôledôt Terachs berichtet folglich nicht über Terach, sondern über Abraham und seine Nachkommen, weil es darum geht, was aus Terach wurde. Das tôledôt Isaaks behandelt Jakob und nebenbei auch Esau. Das tôledôt Jakobs führt die Familiengeschichte von Jakob durch das Leben Josefs hindurch fort. Die im Zusammenhang mit dem tôledôt genannte Person ist normalerweise der Ausgangspunkt, nicht die Hauptperson, des folgenden Berichtes.
Zwei weitere Beobachtungen können über den einem tôledôt folgenden Text gemacht werden. Die eine ist, daß die Entwicklung der einzelnen Linien jeweils eine Einengung darstellt. Nach den Neuanfängen nach der Sintflut wird das tôledôt von Sem, Ham und Jafet überliefert. Doch direkt darauf schließt sich das tôledôt von Sem an. Das nächste tôledôt von Terach berichtet über das Leben Abrahams. Dann wird zunächst das tôledôt Ismaels überliefert, dann erst das tôledôt Isaaks. Ismael war nicht nur der ältere Bruder, sondern auch kein Glied der Segenslinie. Die Linie verengt sich auf Isaak. Dieselbe Reihenfolge finden wir beim tôledôt Esaus, das vor dem tôledôt Jakobs steht.
Die zweite Beobachtung ist, daß jeder einzelne Abschnitt unter der Überschrift des tôledôt eine kleine Widerspiegelung der Entwicklung des ganzen 1. Buches Mose ist, wobei das Motiv von Fluch und Segen eine vorherrschende Rolle spielt. In den ersten Abschnitten findet sich der den Fluch auslösende Niedergang. Erst in 1. Mo 12,1-3 wird die Verheißung des Segens wieder zum Thema. Von nun an gibt es einen unausgesetzten Kampf um die Fortsetzung dieses Segens. Zugleich beginnt jedoch auch wieder der Niedergang, da Isaak und Jakob nicht den geistlichen Weg Abrahams einschlagen. Folgerichtig befindet sich die auserwählte Familie am Ende von 1.Mose nicht im verheißenen Land des Segens, sondern im Land der Knechtschaft, Ägypten. Derek Kidner drückt dies so aus: »Der Mensch legte einen weiten Weg vom Garten Eden in einen Sarg zurück (Sintflut), die auserwählte Familie einen weiten Weg von Kanaan nach Ägypten« (Genesis, S.224).
Die Entwicklung der Botschaft in 1.Mose Die tôledôt-Überschriften sind die Säulen, auf denen 1.Mose ruht (vgl. Woudstra, »The Toledot of the Book of Genesis«, S.188-189). Jedes tôledôt erklärt, was aus einer Linie wurde und zeigt sowohl die Verengung der Segenslinie als auch den Niedergang zum Fluch auf.
1. Schöpfung Der erste Abschnitt (1. Mo 1,1-1. Mo 2,3) hat keine tôledôt-Überschrift, weil es um den Anfang geht, so daß die Frage, was aus der Schöpfung wurde, noch nicht gestellt werden kann. Die Überschrift in 1. Mo 1,1 gibt aber den Inhalt des Abschnittes an. Die Bedeutung des Abschnittes liegt darin, daß Gott seine Arbeit nach einem göttlichen Plan ausführt und sein Segen in der Vollendung dieses Planes liegt. Tierisches Leben (V.22-25), menschliches Leben (V.27) und der siebte Tag (1. Mo 2,3) wurden besonders gesegnet. Diese Dreifachheit ist wichtig: Der Mensch, der im Bilde Gottes geschaffen ist, erfreut sich der Herrschaft über alle anderen Geschöpfe auf der Erde und begann seine Herrschaft ausgehend von der Sabbatruhe Gottes im Segen.
2. Das tôledôt der Himmel und der Erde Dieser Abschnitt (1. Mo 2,4-1. Mo 4,26) berichtet, was aus dem Kosmos wurde. Der Abschnitt beginnt mit einem spezielleren Bericht der Erschaffung von Adam und Eva, fährt dann mit der Sünde der beiden und mit Gottes Fluch über diese Sünde fort. Die Sünde breitet sich unter den Nachkommen aus. Der Mensch findet keine Ruhe mehr, sondern ist auf der Flucht, lebt in Furcht, versucht seine eigene Welt zu bauen und entwickelt die Zivilisation. Wie eine Antwort auf die dreifache Segnung der Schöpfung findet sich in diesem Abschnitt eine dreifache Verfluchung, nämlich des Satans (1. Mo 3,14), des Erdbodens wegen der Schuld des Menschen (1. Mo 3,17) und von Kain (1. Mo 4,11).
In all diesem Niedergang des Lebens findet sich das Gnadengeschenk Gottes (1. Mo 4,15) und ein Hoffnungsschimmer (der Mensch beginnt Jahwe anzurufen).
3. Das tôledôt des Buches Adams In diesem zentralen Stammbaum von Adam bis Noah wird der menschliche Niedergang ebenfalls deutlich (1. Mo 5,1-1. Mo 6,8). Dieser Abschnitt beginnt mit einem erneuten Hinweis auf die Schöpfung (1. Mo 5,1) und endet mit Gottes Zorn über die Menschen. 1. Mo 5,1-2 beschreibt die Schöpfung mit dem Wort barak (»segnen«), 1. Mo 5,29 berichtet, daß die Geburt Noahs ein ermunterndes Gnadengeschenk angesichts des Fluches (´arar, »verfluchen«) war. Dem Segen, der anfänglich auf dem ganzen menschlichen Geschlecht lag, steht der Hinweis gegenüber, daß alle Nachkommen starben. Eine Ausnahme von dem Fluch des Todes, Henoch, läßt die Hoffnung aufkommen, daß der Fluch nicht endgültig ist.
4. Das tôledôt Noahs Dieser Abschnitt (1. Mo 6,9-1. Mo 9,29) behandelt das Gericht Gottes (Fluch) und daran anschließend den Segen Gottes, da Gott verheißt, die Erde nie wieder so zu verfluchen (1. Mo 8,21). Gleichzeitig beginnt die Geschichte mit dem Segen, daß Noah Gnade vor Gottes Augen findet und endet mit der Verfluchung Kanaans.
In diesem Abschnitt findet sich der Neubeginn einer Welt, die aus dem Wasser kommt. Dabei gibt es einige Parallelen zu Kapitel 1. Auch hier beginnt eine Welt aus dem Chaos heraus und erscheint das trockene Land als Zeichen der Gnade Gottes. Der Bund mit Noah entspricht dem Segen, den Adam empfing.
5. Das tôledôt der Söhne Noahs Noah prophezeite seinen Söhnen eine weltweite Ausbreitung. Damit wendet sich der Text den Nationen zu. Der Autor entwickelt die Botschaft, daß der Mensch sich immer wieder zum Chaos abwärts entwickelt. Er beginnt mit der Fruchtbarkeit der Nachkommen von Sem, Ham und Jafet und endet mit der Erklärung der Entstehung der Völkervielfalt durch die Zerstreuung in Babel (1. Mo 10,1-1. Mo 11,9). Es ist ein literarisches Ereignis, daß dieser Bericht den Höhepunkt am Ende des Abschnittes bildet, obwohl er chronologisch weiter nach vorne gehören würde. So ist der Leser gespannt, wie denn Gottes Antwort auf den ständigen Niedergang der Menschen aussieht und wie Gott den verheißenen Segen vorbereitet.
6. Das tôledôt Sems Dieser Abschnitt (1. Mo 11,10-26) verengt den Blick von allen Völkern über die Linie Sems hin zu Abraham. Der Stammbaum führt die Segenslinie von Noah über Sem zu Abraham, wie Kapitel 5 die Linie von Adam zu Noah überliefert. Gott ließ die weitverstreuten und geteilten Völker nicht hoffnungslos unter dem Fluch, sondern erwählte einen Mann und erschuf ein Volk, um durch sie alle Völker auf Erden zu segnen. Der Abschnitt verbindet das Gericht von Babel mit dem Segen, der nun über Abraham kommen sollte.
7. Das tôledôt Terachs Während Kapitel 1-11 von der weltweiten Rebellion des Menschen berichten, behandeln Kapitel 12-50 Gottes Handeln, um die Menschen zum Ort des Segens zu bringen. Dieser Abschnitt (1. Mo 11,27-1. Mo 25,11) berichtet, was aus Terach, dem letzten Mann der Liste (1. Mo 11,32), wurde. Er berichtet von dem Leben seines Sohnes Abrahams und ist der Schlüssel zu 1.Mose, zum ganzen AT mit dem göttlichen Segensplan und zur Bibel überhaupt. Gott verhieß Abraham, den er wie niemanden sonst segnete, ein Volk, ein Land und einen Namen. Der Bericht beschreibt die Entwicklung des Glaubensgehorsams Abrahams.
8. Das tôledôt Ismaels Dieser Abschnitt (1. Mo 25,12-18) erklärt, was aus Ismael wurde, da dieser nicht zu der von Gott auserwählten Segenslinie gehörte. Erst anschließend kehrt der Autor zur Segenslinie zurück.
9. Das tôledôt Isaaks Dieser Abschnitt (1. Mo 25,19-1. Mo 35,29) berichtet, was aus dem Sohn der Verheißung, Isaak, wurde und erzählt die Lebensgeschichte Jakobs, seines Sohnes, die Streitigkeiten innerhalb seiner Familie und die Entstehung des Volkes Israel. Die Verheißung von 1. Mo 12,2 beginnt sich zu entfalten. Der Abrahamssegen wird ausschließlich auf Jakob übertragen (1. Mose 27). Jakob wächst im Glauben, wird dabei aber zum Krüppel. Er war nicht mit seinem Großvater Abraham zu vergleichen und dennoch wuchs »Israel« heran.
10. Das tôledôt Esaus Noch einmal beginnt 1.Mose mit dem Ausgangspunkt Isaak. Doch bevor das tôledôt des Sohnes der Segenslinie folgt, berichtet dieser Abschnitt (1. Mo 36,1-8) von Esau, dem Jakob das Erstgeburtsrecht abkaufte. Das Volk, das von Jakob abstammte, sollte noch oft mit seinen Verwandten, den Edomitern (Esau = Edom), in Kontakt treten. Der Abschnitt berichtet von drei der Frauen Esaus und seinen fünf Söhnen.
11. Das tôledôt Esaus, des Vaters der Edomiter Ein zweiter Bericht (1. Mo 36,9-1. Mo 37,1), der bei Esau beginnt, wird wegen der großen Bedeutung der in ihm erwähnten Häupter der Edomiter, Amalekiter und Horiter aufgelistet.
12. Das tôledôt Jakobs Was wurde aus Jakob? Seine Söhne wurden die Stammväter der Stämme Israels (1. Mo 37,2-1. Mo 50,26). Dieser Bericht beschäftigt sich vorwiegend mit dem Leben Josefs und dem Umzug der Großfamilie Jakobs nach Ägypten. Er erklärt, weshalb Gottes Volk in Ägypten zu finden ist und wie sich das zu dem verheißenen Segen Gottes verhält. In Kanaan erlebte die Familie einen Niedergang und war kurz davor, sich mit den Kanaanitern völlig zu vermischen. Um die Segenslinie zu erhalten, führte Gott in seiner Gnade sein Volk mit Hilfe der bösen Absichten der Brüder Josefs unter die Herrschaft der Ägypter. Als das verheißene Land durch eine Hungersnot verflucht wurde, hielt Gott seinen Segen durch die Weisheit und Macht Josefs bereit. Das Buch endet jedoch an einem Punkt (vgl. 2.Mose 1), der nur die Vorbereitung für eine größere Ausschüttung des Segens Gottes sein kann, wozu Gott erneut einen Mann, Mose, erwählt (2.Mose 2ff).
Schluß: Weil 1.Mose das Fundament des Pentateuch bildet, beginnt 2.Mose damit, daß Gott sich an seinen Bund mit Abraham erinnert: »Und Gott erhörte ihr Wehklagen und gedachte seines Bundes mit Abraham, Isaak und Jakob. Und Gott sah auf die Israeliten und nahm sich ihrer an« (2.Mose 2,24-25). Die letzten Ereignisse und die letzten Worte in 1.Mose nehmen 2.Mose vorweg: »Gott wird euch gnädig heimsuchen und aus diesem Land führen in das Land, das er Abraham, Isaak und Jakob zu geben geschworen hat« (1.Mose 50,24). Diese Worte wurden von Mose wiederholt, als er die Gebeine der Patriarchen aus Ägypten mitnahm (2.Mose 13,19).
1.Mose liefert also die theologische und geschichtliche Grundlage für Israels Erwählung. Israel konnte seine Abstammung auf Abraham zurückführen, den Gott aus den umherlebenden Völkern ausgewählt und dem Gott die große Bundesverheißung des Landes und des Wachstums gegeben hatte.
Wegen der großen Bedeutung der direkten Abstammung und des Erstgeburtssegens widmet 1.Mose den Familien der Patriarchen großen Raum und berichtet von ihren Frauen, Söhnen, Erben, von Erstgeburtsrechten und Segnungen durch die Väter. 1.Mose überbrückt im Anschluß an die Weissagungen Jakobs (1.Mose 49) 400 Jahre. Dadurch wird das Geburtsrecht der Stämme Israels in ihrer Zeit in Ägypten begründet, das schließlich dazu führte, daß diese gerufen wurden, Ägypten zu verlassen.
Israel sollte erkennen, daß es tatsächlich gemäß der Verheißung an Abraham zu einem großen Volk geworden war. Dementsprechend lag seine Zukunft nicht in Ägypten, Sodom oder Babylon, sondern allein in dem Schwur Gottes, ihnen das Land zu geben.
1.Mose sollte Israel überzeugen, daß Gott Israel nicht nur eine solche Zukunft geschworen hatte, sondern auch in der Lage war, seine Verheißungen wahrzumachen. Immer wieder berichtet 1.Mose vom übernatürlichen Eingreifen Gottes im Leben der Patriarchen, um Israel soweit zu bringen. Sicher würde Gott, der ein gutes Werk begonnen hatte, dieses Werk auch vollenden (vgl. Phil 1,6). Das Volk sollte durch die Erkenntnis, daß seine Existenz auf die Erwählung und Segnung durch Gott zurückging, zum Gehorsam geführt werden. Daher ist 1.Mose eine ausgezeichnete Vorausetzung für den Auftrag Moses, Israel aus Ägypten zu führen.
Die Theologie von 1.Mose 1.Mose geht von der Voraussetzung aus, daß Gott existiert und daß er sich in Wort und Tat den Stammvätern Israels offenbart hat. Das Buch bietet keine Beweise für die Existenz Gottes, sondern geht stillschweigend davon aus, daß alles, was existiert, seine Ursache in Gott hat.
Das Hauptthema der Theologie von 1.Mose ist Gottes Handeln, um Israel als Werkzeug zur Segnung aller Völker vorzubereiten. 1.Mose bildet Grundlage und Einführung des Hauptthemas des ganzen Pentateuchs, der Theokratie, der Herrschaft Gottes über die ganze Schöpfung. Es stellt die Ursprünge dar, die hinter der Theokratie liegen, nämlich die Verheißung, daß Abrahams Nachkommen das Land ererben und ein Segen für alle Völker werden.
Das 2. Buch Mose berichtet von der Erlösung des Volkes aus der Knechtschaft und von dem Bund, den Gott mit ihm schloß. Das 3. Buch Mose enthält die Ordnungen, die die Voraussetzungen dafür schufen, daß der heilige Gott unter seinem Volk wohnen konnte, indem er sie heiligte. Das 4. Buch Mose berichtet von den militärischen Auseinandersetzungen und Volkszählungen der Stämme in der Wüste und zeigt dabei, wie Gott seine Verheißungen gegenüber allen inneren und äußeren Feinden verteidigt. Das 5. Buch Mose beschreibt die Erneuerung des Bundes.
Innerhalb der Entfaltung dieses göttlichen Panoramas führt 1.Mose den Leser in das Wesen Gottes als souveräner Herr über das ganze Universum ein. Gott bewegt Himmel und Erde, um seinen Willen auszuführen. Er will die Menschheit segnen, duldet aber zugleich keinerlei Ungehorsam und Unglauben. Dadurch lernt der Leser, daß es »ohne Glauben unmöglich« ist, »Gott zu gefallen« (Hebr 11,6).

AUSLEGUNG


[[@Bible:Gen 1:1]]I.Die Urgeschichte (1,1-11,26)


[[@Bible:Gen 1:1]]A.Die Schöpfung (1,1-2,3)


Der Bericht über die Schöpfung ist der logische Anfangspunkt des 1.Buches Mose (Genesis), weil damit der Beginn des Universums erklärt wird. Ihm wurde im Zusammenhang mit den Naturwissenschaften viel Aufmerksamkeit zuteil, was auch zu erwarten war. Dennoch ist der Abschnitt in gleicher Weise eine theologische Abhandlung, da er das Fundament für die übrigen Bücher Mose (Pentateuch) legt.
Als Mose diesen Bericht für Israel niederschrieb, wollte er Gott als den Begründer und Schöpfer allen Lebens darstellen. Der Bericht zeigt, daß der Gott, der Israel erschaffen hat, auch der Gott ist, der die Welt ins Leben rief und alles, was darin ist. Deshalb ist die Gottesherrschaft in Israel auf den allmächtigen Gott der Schöpfung gegründet. Die Nation, ihr Gesetz, ihre Sitten und ihr Glaube geht auf das Wesen Gottes zurück. Israel sollte daran lernen, von was für einem Gott es zu einer Nation gemacht wurde.
Die sich hieraus ergebenden Folgen sind gewaltig. Erstens bedeutet es, daß alles, was existiert, unter Gottes Kontrolle stehen muß. Die Schöpfung muß dem Schöpfer unterworfen sein. Die Gewalten der Natur, die Feinde und alle Geschöpfe und Gegenstände, die zu heidnischen Gottheiten wurden, konnten den Dienern des lebendigen Gottes zur Bedrohung werden.
Zweitens offenbart der Bericht die Grundlage des Gesetzes. Wenn Gott wirklich vor allem anderen gewesen war und alles erschaffen hatte, wie töricht würde es dann sein, andere Götter zu haben, die angeblich schon vor ihm waren. Wenn Gott wirklich den Menschen in seinem Bild geschaffen hatte, um ihn zu repräsentieren, wie töricht würde es dann sein, sich ein Bildnis von Gott zu machen. Wenn Gott wirklich einen Tag bestimmt hatte, um von seinem Werk auszuruhen, sollte dann nicht der Mensch, der seinen Weg mit Gott geht, es ihm gleichtun? Hier findet sich das Grundprinzip aller Gebote.
Drittens enthüllt der Bericht, daß Gott ein Gott der Erlösung ist. Er stellt dar, wie Gott den Kosmos aus dem Chaos herausführt, Licht statt Finsternis schafft, die beiden voneinander scheidet, Fluch in Segen und das Böse und die Finsternis in das Heilige verwandelt. Ähnliches geschieht im Handeln Gottes beim Auszug aus Ägypten in 2.Mose. Die Erlösung Israels geschieht hier durch die Zerstörung der ägyptischen Streitkräfte, die für das Chaos stehen. Die Propheten und die Apostel sahen hierin ein Musterbeispiel für Gottes erlösendes Handeln. Und schließlich läßt der, der bei der Erschaffung der Welt das Licht aus der Finsternis leuchten ließ, auch das Licht in den Herzen der Gläubigen aufleuchten (2.Kor 4,6), so daß sie zu neuen Schöpfungen werden (2.Kor 5,17).
1. Mo 1,1-2: Diese Verse sind traditionell als Hinweis auf den tatsächlichen Beginn der Materie verstanden und daher als Teil des ersten Tages angesehen worden. Aber das Vokabular und die Grammatik dieses Abschnitts erfordern eine eingehendere Untersuchung. Die Motive und die Struktur des Schöpfungsberichtes werden in den ersten zwei Versen vorgestellt. Daß das Universum Gottes schöpferisches Werk ist, wird durch die Feststellung Gott schuf Himmel und Erde in vollkommener Weise ausgedrückt. Der Begriff bara´ (»erschaffen«) kann die Schöpfung aus dem Nichts heraus bedeuten, kann aber mit Sicherheit nicht darauf eingeschränkt werden (vgl. 1. Mo 2,7). Vielmehr betont dieser Ausdruck, daß das, was gebildet wurde, neu und vollkommen war. Dieser Begriff wird überall in der Bibel nur in Verbindung mit Gott als dem Handelnden gebraucht.
1. Mo 1,2 beschreibt jedoch ein Chaos: die Erde war wüst und leer und Finsternis war über der Tiefe. Die Satzteile in Vers 2 gehören anscheinend als Bedingung zu Vers 3, indem sie den Zustand der Welt schildern, als Gott sie zu erneuern begann. Es war ein wüstes Chaos der Leere und der Finsternis. Solche Verhältnisse können nicht das Ergebnis von Gottes schöpferischem Werk (bara´) sein, vielmehr sind sie in der Bibel Anzeichen für Sünde und dem Gericht zugeordnet. Darüberhinaus beginnt Gottes Reden, das die Schöpfung ins Leben rief, erst in Vers 3, und die Elemente, die wir in Vers 2 finden, werden in der Schöpfung ersetzt, indem das Licht die Finsternis vertreibt. Der Ausdruck »wüst und leer« (tohû wabohû) gibt offensichtlich ebenfalls den Aufbau von Kapitel 1 wieder, indem zunächst das Gestalten Gottes statt der Wüste und dann das Füllen der leeren Erde beschrieben wird.
Einige Ausleger haben hier eine Zwischenstufe der Schöpfung sehen wollen, d.h., daß das Werk der Schöpfung in Vers 2 schon begonnen hatte, aber noch nicht abgeschlossen war, sondern später in den gegenwärtigen Zustand umgestaltet wurde (V.3-25). Aber diese These wird weder durch die Syntax noch durch die Wortwahl gestützt.
Andere sehen eine »Kluft« zwischen den ersten beiden Versen. Dazwischen lag für sie der Fall Satans und der Eintritt der Sünde in die Welt, durch die das Chaos verursacht wurde. Es ist jedoch wahrscheinlicher, daß sich Vers 1 auf einen relativen Beginn und nicht auf den absoluten Beginn bezieht (Merrill F. Unger, Ungers's Commentary on the Old Testament, 2 Bd., Chicago: Moody Press, 1981, Bd. 1, S.5). Das restliche Kapitel würde in diesem Fall von der Schöpfung des Universums berichten, wie der Mensch sie versteht, nicht den eigentlichen Beginn aller Dinge im Plan Gottes. Vers 1-2 würden dann die Einleitung dazu bilden. Der Fall Satans und der Eintritt der Sünde in Gottes ursprüngliche Schöpfung müßte dann vorher stattgefunden haben.
Es geschah durch den Geist, daß Gott alles Existierende in souveräner Weise erschuf (V.2b). Aber schon in der Finsternis des Chaos setzte der Geist Gottes die Dinge in Bewegung, um das Schöpfungswerk Gottes vorzubereiten.
1. Mo 1,3-5: Das Modell für jeden der Schöpfungstage wird hier deutlich: (a) das erschaffende Wort, (b) der Bericht über dessen Wirkung, (c) Gottes Bewertung des Erschaffenen als »gut«, (d) gelegentlich die souveräne Namensgebung und (e) die Zählung eines jeden Tages. Zum Begriff Tag (yôm) gibt es zahlreiche Interpretationen: (1) Die Schöpfungstage beziehen sich auf ausgedehnte geologische Zeitalter vor dem Dasein des Menschen auf der Erde; (2) die Tage sind 24-Stunden-Tage, in denen Gott seine schöpferischen Taten offenbarte, die schon vorher geschehen waren; (3) die Tage sind wörtlich zu nehmende 24-Stunden-Tage des göttlichen Handelns. Zugunsten der dritten Sichtweise spricht die Tatsache, daß der Begriff yôm zusammen mit einem Ordnungszahladjektiv (erster, zweiter usw.) einen 24-Stunden-Tag bezeichnet, wo immer sich diese Konstruktion im AT findet. Auch das vierte Gebot (2.Mose 20,11) legt diese Auslegung nahe.
Gottes erstes Schöpferwort erzeugte Licht. Die Schönheit und Majestät der Schöpfung durch Gottes Anordnung steht in erhabenem Gegensatz zu den bizzaren Schöpfungsgeschichten der heidnischen Völker. Hier wird die Macht des Wortes Gottes demonstriert. Es war eben dieses Wort, das Israel motivierte, Gott zu vertrauen und zu gehorchen.
Das Licht war natürliches, also physikalisches Licht. Seine Erschaffung war ein unmittelbarer Sieg, weil das Licht die Finsternis vertrieb. Licht und Finsternis sind in der Bibel auch Symbole für Gut und Böse. Hier nahm Gottes Werk seinen Anfang, das im kommenden Zeitalter seinen Höhepunkt erreicht, wenn es keine Finsternis mehr geben wird (Offb 22,5). Israel sollte erkennen, daß Gott das Licht ist und daß die Wahrheit und der Weg bei ihm allein zu finden sind. In der Finsternis Ägyptens (2.Mose 10,21-24) hatten sie das Licht und bei der Befreiung aus Ägypten folgten sie seinem Licht (2.Mose 13,21).
1. Mo 1,6-8: Am zweiten Tag schied Gott durch eine gewölbte Ausdehnung, nämlich dem Himmel, die Wasser der Atmosphäre von den Wassern der Erde. Dies weist darauf hin, daß zuvor eine intensive Feuchtigkeit die Erde einhüllte. Gottes Wort bewirkte hier Trennung und Unterscheidung.
1. Mo 1,9-13: Das trockene Land mit seiner Vegetation (Pflanzenwelt) wurde am dritten Tag gebildet. Die Vegetation ist ein Teil des geordneten Universums des wahren Gottes. Es gibt in der Bibel keinen zyklischen, jahreszeitlichen Mythos, um das pflanzliche Leben zu erklären, wie dies in anderen Religionen der Fall ist. Gott setzte alles ein für alle Mal in Bewegung. Während die Heiden an Götter aus der Tiefe glauben, zeigt dieser Bericht, daß Gott die Grenzen der Meere unter seiner Kontrolle hat (vgl. Hiob 38,8-11).
1. Mo 1,14-19: Der vierte Tag schließt die Erschaffung der Sonne zum Regieren (V.16) des Tages und die Erschaffung des Mondes und der Sterne zum Regieren der Nacht mit ein. Entweder wurden sie mit einem scheinbaren Alter geschaffen oder sie waren schon vorher erschaffen worden und wurden erst am zweiten Tag auf der Erde sichtbar, als Gott das Licht von der Finsternis schied und die Wasser oberhalb und unterhalb der Wölbung voneinander trennte.
Die Himmelskörper sollten als Zeichen für Jahreszeiten, Tage und Jahre dienen (V.14). Diese Ausdrücke sind ebenso wie der Ausdruck »Tag und Nacht« in Vers 5 ohne die Existenz der Sonne und der Planetenrotation bedeutungslos.
In der Astrologie benutzen Ungläubige Sterne und Planeten als Wegweiser, aber die Bibel lehrt, daß sie nur die Schöpferkraft und Allmacht Gottes offenbaren (Ps 19,2). Was ist es doch für eine Torheit, den astrologischen Karten der Babylonier zu folgen oder den Sonnengott der Ägypten zu verehren. Man sollte vielmehr dem einen vertrauen, der diese Objekte am Himmel erschaffen hat. Dennoch lehnen Menschen immer wieder den Schöpfer ab, um stattdessen die Schöpfung zu verehren (Röm 1,25).
1. Mo 1,20-23: Die großen Ungeheuer in der Luft und im Meer wurden am fünften Tag erschaffen. In diesem Abschnitt wird in Vers 21 zum zweiten Mal das Wort bara´ (»geschaffen«; vgl. V.1) verwendet. Große Tiere (Kreaturen) der Tiefe, die als Drachen und Monster in der alten Welt verehrt wurden, waren nichts weiter als große Geschöpfe des allmächtigen Gottes. Ferner kommt die Fruchtbarkeit des Lebens aus den Segnungen des einen wahren Gottes (V.22) und nicht aus irgendeinem Fruchtbarkeitszauber.
1. Mo 1,24-31: Der sechste Tag war der Höhepunkt der Schöpfung, da er die Erschaffung des Menschen einschloß. Obwohl der Mensch das letzte in dem Bericht erwähnte Geschöpf ist, entwickelte er sich nicht, sondern wurde eigens erschaffen.
Das Leben des Menschen wurde nach dem Bilde Gottes (wörtlich »zum«, d.h. »im Wesen/Geist«) geschaffen (V.27). Diese Ebenbildlichkeit Gottes wurde nur dem Menschen verliehen (1. Mo 2,7). »Bild« (selem) wird hier im übertragenen Sinn gebraucht, weil Gott keine menschliche Gestalt hat. Nach dem Bilde Gottes geschaffen zu sein, bedeutet, daß die Menschen, wenn auch unvollkommen und begrenzt, an Gottes Wesen, d.h. an bestimmten Eigenschaften Gottes wie Leben, Persönlichkeit, Wahrheit, Weisheit, Liebe, Heiligkeit, Gerechtigkeit teilhaben und dadurch die Fähigkeit zur geistlichen Gemeinschaft mit ihm besitzen.
Gottes Absicht bei der Erschaffung des menschlichen Lebens nach seinem Bild war zielgerichtet. Der Mensch sollte regieren, also die Herrschaft über die Erde ausüben (1. Mo 1,26.28). Gottes Herrschaft wurde durch einen »Repräsentanten« ausgeübt. (Die ägyptischen Könige taten später im Götzendienst etwas ähnliches: sie stellten ihre Regierung oder Herrschaft durch Symbolstatuen ihrer selbst dar.) Heute stehen infolge der Sünde nicht mehr alle Dinge unter der Herrschaft des Menschen (Hebr 2,8). Aber Jesus Christus wird bei seinem zweiten Kommen seine Herrschaft über die ganze Erde (Hebr 2,5-8) aufrichten.
Gott sprach seinen Segen über den Mann und die Frau. Sie sollten fruchtbar sein und sich vermehren. In 1.Mose bedeutete gesegnet zu sein immer auch reich und fruchtbar zu sein. Diese erstaunlichen Befehle waren für Israel von entscheidender Bedeutung, da es selbst ja Gottes Stellvertreter auf Erden sein sollte.
1. Mo 2,1-3: Der siebte Tag war der Tag der Ruhe, der Sabbat. Die Struktur der Sätze in Vers 2-3 ist im Hebräischen mit der parallelen Betonung des Adjektives »der siebte...« wohl geordnet. Die Zahl »sieben« stellt oft einen Bundesschluß dar. (Das Verb »schwören« ist etymologisch mit ihr verbunden). So ist es kein Wunder, daß der Sabbat das Zeichen für Gottes Bund am Sinai wurde (2.Mose 31,13.17).
Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn (sprach ihn heilig), weil er eine Erinnerung an die Vollendung seines schöpferischen Werkes war. Gottes Sabbatruhe wurde ein wichtiges Leitmotiv der Bibel. Vor dem Sündenfall verkörperte sie die vollkommene Schöpfung, geheiligt und in Ruhe. Seit dem Sündenfall kann diese Ruhe nur ein Ziel sein, das erst erstrebt werden muß. Die Einsetzung einer theokratischen Ruhe im Land verlangte unter Mose und bei Josua Glauben und Gehorsam. Heute treten die Gläubigen in diese Sabbatruhe geistlich ein (Hebr 4,8-10). Sie werden mit Sicherheit an seiner völligen Wiederherstellung teilhaben.
Der Schöpfungsbericht hatte in den Augen des neuen Volkes Israel zur Zeit Moses große geistliche und theologische Bedeutung. Aus dem Chaos und der Finsternis der heidnischen Welt brachte Gott sein Volk heraus, lehrte es die Wahrheit, sicherte ihm den Sieg über alle Mächte des Himmels und der Erde, bevollmächtigte es als seine Vertreter und verhieß ihm die theokratische Ruhe Gottes.

[[@Bible:Gen 2:4]]B.Die Geschichte seit der Erschaffung von Himmel und Erde (2,4-4,26)


[[@Bible:Gen 2:4]]1.Die Erschaffung von Mann und Frau (2,4-25)


Der Abschnitt Vers 4-25 enthält den Bericht von (das, was wurde aus) den Himmeln und der Erde, als (beyôm, wörtl. »an dem Tag«, ein Ausdruck für »als«) sie geschaffen wurden (1. Mo 2,4a). Was wurde also aus der Schöpfung? Die Schöpfung wurde durch den Eintritt der Sünde zerstört.
1. Mo 2,4-7: Bei der Erschaffung Adams ist der Gegensatz auffallend: Obwohl es kein Leben gab, kein Wachstum, keinen Regen und niemanden, um den Boden zu bestellen, formte Gott den Menschen sehr sorgfältig. Die Anordnung in diesen Versen schließt einen Titel (V.4), drei Bedingungssätze, die im Hebräischen mit »als« (»als« noch kein Strauch/Gesträuch ... auf der Erde war, »als« es noch keinen Menschen gab, den Erdboden zu bebauen, »als« keine Ströme ... den Erdboden ... bewässerten) eingeleitet werden und das Verb, das eine Erzählung einleitet (und [Er] formte) ein. Hierin spiegelt sich Kapitel 1 wider (Titel/Überschrift: 1. Mo 1,1; Bedingungssätze: 1. Mo 1,2 und das erste erzählende Verb: 1. Mo 1,3).
Die wiederholte Betonung von »Gott, der Herr« ist bedeutsam (1. Mo 2,4-5.7-9.15-16.18-19.21-22). Der allmächtige Schöpfer (»Gott«) des ersten Kapitels ist zugleich auch der Jahwe (Herr), der einen Bund mit den Menschen schließt. Auf diese Weise sollte Israel erkennen, daß ihr Herr alles erschaffen und daß er den Menschen nach einem besonderen Plan gebildet hatte.
Die Erschaffung des Menschen schloß sowohl die Gestaltung aus dem Staub als auch das Einhauchen des Lebensodems ein. Der Begriff bildete (von yasar) beschreibt das Werk eines Künstlers. Wie ein Töpfer ein irdenes Gefäß aus Ton bildet, so bildete Gott den Menschen aus dem Staub des Erdbodens. Der Mensch wurde aufgrund eines göttlichen Planes gemacht, aber er wurde andererseits aus der Erde geschaffen. Er ist »irdisch«, »von der Erde« und das trotz aller späterer Träume, wie Gott sein zu können (1. Mo 3,5). Das hebräische Wort für Mensch (´adam, also »Adam«, 1. Mo 3,8) ist verwandt mit dem Wort für Acker (´adamâh, vgl. 1. Mo 3,17).
Gottes Einhauchen des Lebensodems verwandelte die äußere Gestalt des Menschen in ein lebendiges Wesen (wörtl. in »eine lebendige Seele«). Dieses Einhauchen machte den Menschen zu einem geistlichen Wesen mit der Fähigkeit, Gott zu dienen und nachzufolgen. Im Hinblick auf diese besondere Erschaffung des Menschen konnte der Leser erst die Bedeutung des Sündenfalls ermessen. Seit dem Sündenfall ist die Wiedergeburt durch die »Einhauchung« des Heiligen Geistes von entscheidender Bedeutung, wenn Menschen die Gemeinschaft mit Gott erleben wollen.
1. Mo 2,8-10: Der Mensch wurde in eine vollkommene Umgebung gebracht. Der Garten lieferte den Schauplatz für die Gehorsamsprüfung des Menschen. Die Beschreibung des überreichen Gartens (V.8), der Bäume (V. 9) und der Ströme in ihm (V.10) leitet zu dem Gebot Gottes über. Der Mensch durfte alles genießen, aber nicht von dem einen verbotenen Baum essen (V.17).
Während Gott möglicherweise anfänglich Bäume mit einem scheinbaren Alter schuf, waren die Bäume in diesem Garten erst später gewachsen (1. Mo 2,9). Unter den Bäumen im Garten war einer, der Leben bewirkte (der Baum des Lebens) und ein anderer, der Erkenntnis verschaffte (der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse), wenn man von ihren Früchten aß. Diese »Erkenntnis« war erfahrbar. Der Ausdruck »Gut und Böse« bringt die Dinge, die das Leben schützen und zerstören, auf eine kurze Formel. Auch sie würden durch das Essen der verbotenen Frucht erfahrbar sein (V.17). Die Möglichkeit der Katastrophe war groß, wenn der Mensch in selbstbewußtem Stolz (Hybris) seine Grenzen überschreiten und den Versuch unternehmen würde, das Leben zu manipulieren. Der Baum des Lebens war andererseits ein Weg für Adam und Eva, ihren glückseligen Zustand zu bewahren und zu fördern. Beide Bäume befanden sich in der Mitte des Gartens, offensichtlich nahe beieinander. Sie schufen die Grundlage für die kommende Prüfung.
Die Bäume (V.9), die Flüsse (V.10) und wertvolles Gold und Edelsteine (V.11-12) des Gartens werden auch auf der neuen Erde in ihrem ewigen Zustand vorhanden sein. Die neue Schöpfung wird mit all diesen Bestandteilen ausgestattet sein (Offb 21,10-11.21; Offb 22,1-2), was zeigt, daß mit ihr das Paradies auf der neuen Erde wiederhergestellt wird.
1. Mo 2,11-14: Diese Verse bilden einen längeren Einschub in den Text und beschreiben den Reichtum der damals bekannten Welt. Der Garten befand sich möglicherweise im Gebiet des Persischen Golfes, wenn man von den Ortsnamen dieser Verse her urteilt. Wenn die geographischen Verhältnisse dieses Gebietes nach der Sintflut dieselben waren wie vorher, können der Tigris (wörtl. Hiddeqel) und der Euphrat, also der dritte und der vierte Strom, identifiziert werden. Der erste der vier Flüsse, der Pischon, floß dann in Hawila im Norden Zentralarabiens, östlich von Palästina. Der zweite Fluß, der Gihon, floß im Lande Kusch, wobei Kusch wahrscheinlich nicht das heutige Äthiopien, sondern das Land der Kassiden (im Akkadischen kaššu) in den Bergen östlich von Mesopotamien bezeichnet.
1. Mo 2,15-17: Der Sinn des Lebens für den Menschen ist der geistliche Dienst, wie die sorgfältig gewählten Worte in Vers 15 andeuten: er wurde in den Garten gesetzt (nûah, »zur Ruhe einsetzen«), um ihn zu bebauen (`abad, »dienen«) und zu bewahren. Welche Arbeit er auch immer tun mochte, sie wurde als Dienst für Gott beschrieben.
In Vers 16 wird zum ersten Mal im AT das Wort sawâh, das wichtigste Verb für »gebieten« (»Gebot«), verwendet. Gottes erstes Gebot an den Menschen betraf Leben und Tod, Gut und Böse. So wie bei allen fogenden Geboten Gottes gehörten auch zu diesem ersten Gebot positive Segnungen und negative Warnungen. Alle irdischen Güter und Freuden standen dem Menschen zur Verfügung. Ausgenommen war nur dieser eine verbotene Baum. Die hebräischen Worte in Vers 16-17 beschreiben das Gebot mit strengen Worten: der Mensch konnte völlig frei von all den anderen Früchten essen, aber wenn er von dem verbotenen Baum äße, würde er sicher sterben.
Auch diese erste Lektion muß mit dem Volk Gottes unter Mose in Verbindung gebracht werden. Gott erschuf die Menschen nach einem besonderen Plan und gab ihnen die Fähigkeit zur moralischen Verantwortlichkeit. Er setzte sie in den Garten, damit sie seine gehorsamen Diener sein sollten, warnte sie aber, daß vor ihnen Leben oder Tod läge, was davon abhinge, ob sie dem Gebot Gehorsam leisten würden. 5.Mose 30,11-20 macht Israel alle Gebote parallel zu den Motiven in 1.Mose 2,8-17 bekannt: Gehorsam gegen Gottes Gebote hat Leben und Segen zur Folge, der Ungehorsam das Elend und den Tod.
1. Mo 2,18-25: Dieser Abschnitt berichtet von der Erschaffung der ersten Frau und der Einsetzung der Ehe und war deswegen für die Gesellschaft des Volkes Israel von großer Bedeutung. Es war Gottes Absicht, daß (Ehe)mann und (Ehe)frau eine geistliche und funktionierende Einheit sein sollten, indem sie in Rechtschaffenheit wandeln, Gott dienen und zusammen seine Gebote halten würden. Wenn diese Harmonie Wirklichkeit ist, gedeiht eine Gesellschaft unter Gottes Führung.
Adam war allein und das war nicht gut, obwohl alles andere in der Schöpfung gut war (vgl. 1. Mo 1,4.10.12.18.21.25). Als der Mensch als Gottes Stellvertreter zu handeln begann, indem er den Tieren Namen gab, was sein Herrschaftsrecht bewies (1. Mo 2,19-20), wurde er sich seiner Einsamkeit bewußt (1. Mo 2,20). Gott ließ deshalb einen Schlaf (V.21) auf ihn fallen und schuf Eva aus seinem Fleisch und Bein (Gebein) (V.21-23).
Gott beschloß, eine Hilfe für den Mann zu schaffen (wörtl. »eine Hilfe, ihm entsprechend«, »ein helfendes Gegenüber« oder »eine ihm entsprechende Hilfe«) (V.18). »Hilfe« ist kein erniedrigender Ausdruck. Er wird in der Bibel oft gebraucht, um Gott, den Allmächtigen, zu beschreiben (z.B. Ps 33,20; Ps 70,6; Ps 115,9). Die Beschreibung der Frau als »ihm entsprechend« bedeutet im Grunde, daß das, was über den Mann in 1.Mose 2,7 gesagt wird, auch für sie gilt. Sie hatten beide dasselbe Wesen im Bilde Gottes. Die Frau füllt aber das aus, was dem Mann fehlte, weil er allein war. Sie ergänzt, was ihm fehlt, und er ergänzt, was sie entbehrt. Der Höhepunkt ist die Tatsache, daß beide ein Fleisch (V.24) werden, womit die völlige Einheit von Mann und Frau in der Ehe beschrieben wird. Da Adam und Eva eine geistliche Einheit waren und ohne Sünde in Rechtschaffenheit lebten, war keine Anweisung erforderlich, wer die Führung zu übernehmen habe. Paulus diskutiert diese Frage später in Verbindung mit der Schöpfungsordnung und dem Sündenfall (1.Kor 11,3; 1.Tim 2,13).
Der Ausdruck `al-ken (deshalb oder darum, 1.Mose 2,24) wird in 1.Mose häufig verwendet. Wenn er und der ganze Satz in Vers 24 direkt von Gott an Adam gerichtet ist, muß das Verb »verlassen« im Futur mit wird verlassen übersetzt werden. Wenn aber, was vom Sinn her auch möglich ist, Gott diese Worte durch Mose an die Leser richtet, sollten sie im Präsens übersetzt werden: »darum verläßt ein Mann...«. Jedenfalls ist es die Folge der Erschaffung der Frau, daß die Ehe Mann und Frau zu »einem Fleisch« macht. Ihre Nacktheit (V.25) läßt annehmen, daß sie ungezwungen, ohne Angst vor dem Ausgenutztwerden oder der Möglichkeit der Sünde, miteinander umgingen. Diese Gemeinschaft wurde später beim Sündenfall zerstört und wird seitdem nur bis zu einem gewissen Grad in der Ehe wiedererlangt, wenn ein Paar ungezwungen miteinander umzugehen beginnt. Hier deutet die Nacktheit, trotz des wörtlich zu nehmenden Bezugs, auch auf die Sündlosigkeit hin.

[[@Bible:1 mose 3]]2.Die Versuchung und der Sündenfall (1. Mose 3)


1. Mo 3,1-7: Diese Verse enthalten sowohl den Bericht des historischen Sündenfalls des Menschen als auch das typische Muster der Versuchung schlechthin. Sie stellen eine ideale Fallstudie für die Versuchung dar, weil hier für die Sünde weder die Umwelt noch die Veranlagung verantwortlich gemacht werden können.
1.Mose 1-2 berichtet, was Gott gesagt hatte; nun spricht die Schlange (also nach Offb 20,2 der Teufel). Das Wort des Herrn brachte Leben und Ordnung; das Wort der Schlange brachte Chaos und Tod. Die Wahrheit ist älter als die Lüge; Gottes Wort erging noch vor den Lügen Satans an den Menschen.
1.Mose 3,1 steht durch ein hebräisches Wortspiel mit 1. Mo 2,25 in Verbindung: Adam und Eva waren »nackt« (`arûmmîm), und die Schlange war listiger (`arûm, »schlau« oder »scharfsinnig«) als alle anderen Tiere. Die Nacktheit der Menschen ist ein Zeichen dafür, daß sie dem Teufel gegenüber blind waren und nicht wußten, wo die Fallen lagen, wohingegen der Satan in seiner List ihre Unbescholtenheit ausnutzte. Die Eigenschaft der Schlauheit oder Listigkeit ist nicht schon an sich teuflisch. In der Bibel wird der Mensch immer wieder dazu aufgefordert. So wird das Wort `armâh in Spr 1,4 mit Klugheit übersetzt, die jeder Mensch erlangen soll. Aber hier wurde diese Eigenschaft für teuflische Zwecke benutzt.
Der Versucher war eine Schlange (Satan in Gestalt einer Schlange), was zeigt, daß die Versuchung unter einer Tarnung eingeflüstert wird, unerwartet kommt und häufig von jemandem ausgeht, der einem eigentlich untergeordnet ist (also jemand, über den man die Herrschaft ausüben sollte; vgl. 1.Mose 1,28). Es kann sich hier allerdings auch um ein polemisches Element handeln, da die Schlange von den Heiden angebetet wurde. Das heidnische Lebenssymbol war in Wirklichkeit die Ursache des Todes. Die Göttlichkeit wird eben nicht durch das Nachahmen des heidnischen Glaubens und der heidnischen Symbole erlangt (vgl. das Versprechen des Satans in 1. Mo 3,5). Die Schlange weist den Weg zum Tod, nicht zum Leben.
Entweder kannte Eva Gottes Gebote nicht wirklich gut oder wollte sich nicht an sie erinnern. Im Gegensatz dazu erlangte Christus den Sieg über Satan durch seine präzise Kenntnis des Wortes Gottes (Mt 4,4.7.10). (Vgl. die Übersicht »Die Versuchung von Eva und Jesus« zu Mt 4,3-11). Eva schmälerte in ihrer Antwort ihre Vorrechte, indem sie verschwieg, daß sie von allen Bäumen essen durfte, fügte den Verboten einige eigene hinzu, indem sie selbst das Berühren der Früchte unter Strafe stellte und schwächte die Strafe ab. Damit stellte sie Gottes ursprünglichen Geboten (1.Mose 2,16-17) ihre eigenen Worte gegenüber (1.Mose 3,3). Nachdem Satan dies gehört hatte, leugnete er frech die Todesstrafe, die Gott angekündigt hatte (1. Mo 3,4). Satan ist der Lügner von Anfang an (Joh 8,44), und dies ist seine Lüge: der Mensch kann sündigen und dennoch ungestraft davonkommen. Aber der Tod ist die Strafe der Sünde (1.Mose 2,17).
Der Versucher wirft darüberhinaus Zweifel über Gottes Charakter auf, indem er behauptet, daß Gott eifersüchtig ist und die Menschen von ihrer Bestimmung fernhält (1. Mo 3,5). Stattdessen verspricht er ihnen, daß sie wie Gott sein würden, wenn sie die verbotenen Früchte äßen, was Gott angeblich genauso wüßte.
Hiermit war das Werk Satans vollendet. Die Frau wurde daraufhin ihren natürlichen Bedürfnissen und physischen Trieben überlassen. Der Begriff für begehrenswert (nehmad, V.6) steht in Verbindung mit dem später verwendeten Wort in dem Gebot »Du sollst nicht begehren...« (tahmod, 2.Mose 20,17). Die physische Verwendbarkeit (gut zur Speise), ästhetische Schönheit (eine Lust für die Augen) und die Möglichkeit, Erkenntnis zu erlangen (wörtlich »im Wissen zu sein«), bringen den Menschen über die Schwelle der Versuchung, wenn er erst einmal die Strafe nicht mehr ernst nimmt.
Die Ergebnisse widersprachen dem natürlich völlig. Das Versprechen göttlicher Erleuchtung wurde nicht eingelöst. Sie hatten beide gegessen und gesehen, aber waren dadurch nur verdorben worden. Sie fühlten sich unbehaglich gegeneinander (Mißtrauen und Entfremdung) und sie fühlten sich unbehaglich Gott gegenüber (Angst und Verstecken vor ihm). Satans Versprechungen bewahrheiten sich nie. Erkenntnis kann nie durch eine Nichtbeachtung des Wortes Gottes erlangt werden. Stattdessen ist die Furcht des Herrn der Weisheit Anfang (Spr 1,7).
1. Mo 3,8-13: Der Rest dieses Kapitels zerfällt in drei Abschnitte: (a) die Gegenüberstellung mit dem Herrn, wobei die beiden Sünder, die ihn hörten, sich fürchteten und unter den Bäumen versteckten (V.8-13); (b) die Verfluchungen und Verheißungen des Herrn, durch die die Schlange, die Frau und der Mann neue Maßstäbe erhielten (V.14-19); und (c) die Bekleidung der Menschen durch den Herrn als eine Vorkehrung für eine neue Ordnung (V.20-24).
Die Wirkungen der Sünde sind Bestrafungen und Strafbestimmungen. Während doch Mann und Frau nach dem Versprechen des Teufels Leben haben sollten, erhielten sie nun den Tod; während sie Freude haben sollten, erhielten sie Schmerzen; während sie Fülle haben sollten, erlangten sie eine bloße Existenzmöglichkeit durch harte Arbeit; während sie vollkommene Gemeinschaft hätten haben sollen, mußten sie nun in Entfremdung und Streit leben.
Die Motive in Kapitel 3 - Tod, Mühsal, Schweiß, Dornen, der Baum, der Kampf und der Samen - führen uns später alle zu Christus. Er ist der zweite Adam, der zum Fluch wurde, der große Blutstropfen bitteren Todeskampfes schwitzte, der eine Dornenkrone trug, der an das Holz gehängt wurde bis er starb, und der in den Staub des Todes gelegt wurde.
1. Mo 3,14-19: Gott sprach mit der Schlange (V.14-15), mit Eva (V.16) und mit Adam (V.17-19). Gottes Worte an die Schlange beinhalteten (a) die Ankündigung, daß die Schlange auf dem Bauch kriechen und Staub fressen sollte und dadurch eine fortwährende Mahnung an die Versuchung und den Sündenfall für den Menschen sei; (b) eine Weissagung bezüglich der hinter der Schlange stehenden Macht. Gott weissagte, daß es eine fortwährende Feindschaft zwischen den satanischen Mächten und dem Menschen geben werde, zwischen Satan und der Frau bzw. ihrer jeweiligen Nachkommenschaft (wörtl. »Samen«). Die »Nachkommenschaft« der Frau war zunächst Kain, dann die gesamte Menschheit und schließlich Christus und alle, die »in Christus« sind. Die »Nachkommenschaft« der Schlange schließt die Dämonen und alle, die Satans Reich der Finsternis dienen, ein, also letztlich auch diejenigen, deren »Vater« der Satan ist (Joh 8,44). Satan würde den Menschen lähmen (du wirst ihm die Ferse zermalmen), aber der Samen, Christus, sollte sie von dem tödlichen Schlag erlösen (er wird dir den Kopf zermalmen).
Dann sagte Gott zur Frau, daß sie in Zukunft Mühsal bei der Geburt haben würde. Sie würde zudem von ihrem Mann beherrscht werden, den sie zur Sünde verführt hatte. (Die Worte Dein Verlangen wird nach deinem Mann sein bedeuten möglicherweise, daß die Frau ihren Mann zur Sünde zu verführen sucht; vgl. den Kommentar zu 1.Mose 4,6-7).
Zu Adam sagte Gott, daß er große Mühe haben werde, seinen Lebensunterhalt zu erarbeiten (1. Mo 3,17-19). (Für Mühsal steht dasselbe Wort, das bereits in Vers 16 für die Mühen der Frau gebraucht wurde. Dieses Wort kommt nur dreimal im AT vor, hier in Vers 16-17 und in 1. Mo 5,29.) Der Tod wird das Ende des Menschen sein. Der Mensch wird zur Erde zurückkehren (´adamâh), eine gnädige Bestimmung, wenn man an die Länge der Leiden denkt. Er wird wieder zum Staub zurückkehren und wieder das Opfer der Schlange werden (vgl. 1. Mo 3,14). Was für eine harte Strafe für die Begierde, Gott gleich sein zu wollen! Der Mensch mag versuchen, so wie Gott zu sein, aber er ist nur Staub der Erde.
Diese Bestrafungen stellen die vergeltende Gerechtigkeit Gottes dar. Adam und Eva sündigten, indem sie aßen; nun mußten sie leiden, um essen zu können. Die Frau verführte ihren Mann; nun wird sie von ihrem Mann beherrscht. Die Schlange zerstörte das menschliche Geschlecht; nun wird sie selbst zerstört werden.
Gott gab auch gnädige Bestimmungen. Der Mensch wird sterben und nicht in diesem chaotischen Zustand ewig leben. Es werden ihm Kinder geboren werden (V.16), so daß das menschliche Geschlecht fortdauern kann. Der letzte Sieg wird durch Christus, den Samen (Gal 3,16) der Frau, geschehen (vgl. Gal 4,4: »von einer Frau geboren«).
Es spielt keine Rolle, wie sehr sich die Menschen bemühen, die Herrschaft des Mannes, die quälende Arbeit, die mühevolle Geburt und den Tod abzuschütteln: diese Übel werden aufgrund der nun einmal vorhandenen Sünde fortdauern. Sie sind die Frucht der Sünde.
1. Mo 3,20-24: Der Glaube Adams und Gottes Handeln werden in diesen Versen festgehalten. Gott rettete die Menschen und sorgte dafür, daß sie in diesem Zustand nicht ewig leben würden. Adams Glaube wird in der Namensgebung für seine Frau Eva (wörtl. »lebendig«) deutlich. Demzufolge blickte Adam in die Zukunft und nicht in erster Linie auf den Tod. Evas Glaube wird später sichtbar, als sie ihren Erstgeborenen Kain nannte, da er vom Herrn kam (1. Mo 4,1).
Alles Handeln Gottes mit den Sündern kann auf diesen Akt des Ungehorsams durch Adam und Eva zurückgeführt werden. Gott ist ein rettender Gott. Die Tatsache, daß er Adam und Eva bekleidete, bezeugt das. Ein Tier wurde geopfert, um den Menschen Kleidungsstücke aus Fell zu verschaffen. Später wurden alle israelitischen Tieropfer Bestandteil von Gottes Verordnungen, um den Fluch wegzunehmen: ein Leben für ein anderes Leben. Der Sünder muß sterben (Hes 18,20; Röm 6,23). Dennoch wird er leben, wenn er sein Vertrauen auf den HERRN setzt, der einen Ersatz geschaffen hat. Das Fell, mit dem Gott Adam und Eva bekleidete, erinnerte sie ständig an Gottes Gebote. In gleicher Weise nahm Gott, als die Zeit erfüllt war, das Opfer Jesu Christi an, und auf der Grundlage dieses Sühneopfers Christi bekleidet er die Gläubigen mit Gerechtigkeit (Röm 3,21-26).

[[@Bible:1 mose 4:1]]3.Das Fortschreiten der Sünde durch Kains Mord an Abel (4,1-16)


Das Thema von Kapitel 4 ist die Ausbreitung einer gottlosen Gesellschaft. Der Mensch lebt nun in Rebellion gegen Gott. Es war der Mensch, der nicht gehorcht, der den göttlichen Plan zerstört und seine Verantwortlichkeit und Strafe dafür geleugnet hatte. Die Ungläubigen sind hier als in der Welt Lebende dargestellt (mit einem schützenden Zeichen der Gnade; vgl. den Kommentar zu V.15), die jedoch nicht gerettet werden. Ihr Schuldempfinden ließ während ihrer kulturellen Entwicklung und ihrer geographischen Ausbreitung nach.
Unter der Führung Moses sollte Israel sich in einer Welt mit verschiedenen Kulturen bewegen. Zivilisationen mit Musik, Kunst, Gewerbe und Unternehmen würden überall anzutreffen sein. Sie standen Israel feindlich gegenüber und konnten Gottes Volk dazu verführen, die Opfer zurückzuweisen und als verfluchtes Volk zu leben. Israel hatte es nötig, vor solchen Gegnern gewarnt zu werden.
In der Geschichte von Kain und Abel trifft der Samen der Frau auf den Samen der Schlange (1. Mo 3,15). Kain fiel dem lauernden Teufel zum Opfer und zog schließlich aus, um eine gottlose Gesellschaft zu bilden und verwarf dabei den Weg Gottes. Der »Weg Kains« (Jud 11) bedeutet einen Mangel an Glauben, der im Neid auf Gottes gerechte Behandlung, in mörderischen Taten, in der Leugnung der Verantwortlichkeit und in der Weigerung, Gottes Bestrafung anzunehmen, zum Ausdruck kommt.
1. Mo 4,1-5: Kain und Abel werden hier gegeneinander ausgespielt. Abwechselnd wird zunächst Kain, dann Abel etc. genannt. Diese Gegenüberstellung zieht sich durch das ganze Kapitel. Kain wird dabei in den Versen 1-16 13 Mal, Abel siebenmal erwähnt, und an drei weiteren Stellen wird sein Name durch »Bruder« ersetzt. Der Apostel Johannes betrachtet Mord dementsprechend als eine Sünde gegen den »Bruder« (1.Joh 3,12.15).
Das Wesen des rebellischen Menschen entfaltet sich in der Person Kains, der als Kind der Hoffnung doch so einen verheißungsvollen Anfang genommen hatte. Aber die Erzählung stellt ihn in eine Linie mit dem Fluch nach dem Sündenfall. Er war ein Ackermann (wörtl. »er bearbeitete den Erdboden«, ´adamâh, 1.Mose 4,2, vgl. 1. Mo 3,17). Abel scheint jedoch mit der ursprünglichen Aufgabe des Menschen, nämlich über das Leben zu herrschen, in eine Linie gestellt zu werden (vgl. 1. Mo 1,28), denn er war ein Schafhirte. Diese Beschreibungen werden durch die Handlungen bei der Anbetung noch gesteigert. Abel hatte Glauben an Gott (Hebr 11,6), während Kain nur seine Pflicht erfüllte. Abels Handlungen waren gerecht, wohingegen Kains Taten böse waren (1.Joh 3,12). Diese zwei Typen von Menschen sind noch heute gegenwärtig.
Kains Mangel an Vertrauen auf Gott wird in seiner Antwort auf Gottes Ablehnung seines Feldopfers deutlich (1.Mose 4,5). Anstatt darum bemüht zu sein, dieser Situation abzuhelfen und Gott zu gefallen, wurde er sehr zornig.
1. Mo 4,6-7: Kain war so zornig, daß er nicht auf seine Sünde angesprochen werden konnte, noch nicht einmal von Gott. Eva mußte ihre Sünde vom Satan eingeredet bekommen; aber Kain »stammte von dem Bösen« (1.Joh 3,12). Es scheint, als ob er nicht abwarten konnte, seinen Bruder zu töten. Dies scheint die natürliche Lösung des Menschen für seine eigenen Vergehen zu sein.
Gott teilte Kain mit, daß, wenn er Gott gefallen würde, indem er täte, was recht ist, alles in Ordnung kommen könne. Aber wenn er nicht rechtschaffen leben wolle, lauere die Sünde vor seiner Tür (robes, »lauern«, »kauern« »lagern« hier im Bild eines kriechenden Tieres verwendet), bereit, ihn zu überwinden. Die Sünde begehrt, Kain zu besitzen (diese Verwendung macht Gottes Verständnis des Wortes »Verlangen« in 1.Mose 3,16 deutlich), aber Kain sollte über sie herrschen. Hier wird der immerwährende Kampf zwischen Gut und Böse deutlich. Jeder, der mit Neid und Hader angefüllt ist, wird zur Beute des Bösen.
1. Mo 4,8-16: Nachdem Kain seinen Bruder ermordet hatte (V.8), lehnte er die Verantwortung dafür ab (V.9) und behauptete, Gottes Bestrafung (keinen Ackerertrag mehr und unstete Wanderung, V.10-12) sei zu hart (V.13). Gott schützte Kain gnädigerweise durch ein Zeichen, das zur Abschreckung von Rächern dienen sollte (V.15). Nirgends wird erklärt, um was für ein »Zeichen« es sich gehandelt hat. Gott verdammte ihn aber auch zu einem endlosen Wanderleben (V.12). Von Gottes Angesicht vertrieben zu sein war sein Fluch (V.14). Aber Kain wollte sich diesem Fluch widersetzen, indem er sich in einer Stadt in dem Land Nod (wörtl.: »Wanderung«) niederließ, das östlich von Eden lag (V.16).
Etliche mosaische Leitmotive werden hier begründet: (1) Opfer sollten Gott mit einem Herzen des Glaubens dargebracht werden und sollten das Beste aus dem Viehbestand darstellen, nämlich das Erstgeborene (V.4). (2) Die Israeliten trugen für ihre Brüder Verantwortung, sie waren füreinander als Hüter eingesetzt und durften sich nicht gegenseitig töten. (3) Mordblut verunreinigte das Land und schrie nach Vergeltung; vergossenes Blut erhob seine Stimme zur Anklage (V.10). (4) Die Blutrache wurde von Gott durch schützende Vorsorge abgewandt, so wie später die Flucht in eine Zufluchtsstadt einen Rächer abwenden konnte. (5) Bestrafung für Schuld war das Fundament für Israels Theokratie. (6) Leben ohne Gott ist ein gefährliches Leben ohne Schutz. (7) In manchen Fällen wurde der ältere Sohn zugunsten des jüngeren zurückgestellt, wobei die normative gesellschaftliche Sitte umgekehrt wurde.

[[@Bible:1 mose 4:17]]4.Die Ausbreitung der gottlosen Zivilisation (4,17-26)


Der Bericht erzählt nun die Ausbreitung der Nachkommen Kains. Was wird aus einer Gesellschaft, die sich gegen Gott erhebt und das Land der Segnung in zorniger Mißachtung seiner Gebote und Opfer verläßt? Im Falle der Nachkommen Kains gedieh die Gesellschaft zunächst. Doch auch in einer solchen Situation soll der Gerechte weder den Bösen beneiden noch seiner Lebensweise folgen (Ps 49; Ps 73). Gott erlaubt bisweilen den Sündern, in ihrer irdischen Art und Weise zu gedeihen. Die Nachkommen Kains brachten Musik hervor, Waffen, Ackergeräte und die Kulturen der großen Städte. Das war ihre einzige Zuflucht in einer rauhen, verfluchten Welt.
Anders stand es um die Gerechten. Diejenigen, die ihre Erblinie auf Set, den Ersatz für Abel, zurückführten, begannen, den Namen des Herrn zu verkündigen. Diese Gerechten, unter ihnen Noah und Abram, predigten ihrer Generation die Wahrheit. Einige Menschen - auch wenn sie nur einen Überrest darstellten - ließen sich nicht durch ein wohlhabendes, »gutes Leben« verführen, sondern waren auf geistliche Dinge ausgerichtet. Israel sollte seine Ahnenreihe sowohl im Geist als auch biologisch auf Enosch zurückführen (1.Mose 4,26).
1. Mo 4,17-18: Kains Familie begann im Land Nod (V.16). Der Name »Nod« (nôd) hängt mit den Worten für »rastloser Wanderer« (na`wanad, V.14) zusammen. Dies war das Land für die vor Gott Geflüchteten. Hier zeugte Kain ein Kind, Henoch und benannte eine Stadt nach ihm. (Ohne Zweifel war die Frau Kains eine Tochter Adams, vgl. 1. Mo 5,4)
1. Mo 4,19-24: In der siebten Generation nach Adam lebte Kains Nachkomme Lamech (möglicherweise ein Zeitgenosse des gerechten Henoch, der ebenfalls in der siebten Generation von Adam gerechnet lebte, 1. Mo 5,3-21). Lamech veränderte den Plan Gottes und heiratete zwei Frauen. Seine Familie schuf Musikinstrumente (Zither und Flöte) und Werkzeuge (Werkzeuge aus Erz und Eisen), um das Leben annehmbar zu gestalten.
Aber trotz dieses erfolgreichen guten Lebens breitete sich das Böse verhängnisvoll aus. Lamech erschlug einen jungen Krieger, der ihn verwundet hatte und forderte noch größere Rache, als sie Kain gewährt worden war (1. Mo 4,24). Lamech prahlte mit dem Mord (das Wort für tötete in Vers 23 ist harag, wörtl. »schlagen, schlachten«, also dasselbe Wort, das für Kains Mord an Abel gebraucht wurde, Verse 8.25). So wird hier das Bild einer wohlhabenden Gesellschaft entworfen, die sich Gott und seinen Gesetzen widersetzt und dabei nach Vergnügen und hemmungsloser Genußsucht strebt. In diese Welt sollte Israel (und später die Gemeinde) als ein königliches Priestertum gehen, um Gottes Gerechtigkeit zu verkünden.
1. Mo 4,25-26: Die Gerechten lebten in völligem Gegensatz zu dieser gottlosen Gesellschaft. In der Linie von Set herrschte Vertrauen auf Gott. Die Geburt von Set selbst war eine Verheißung Gottes, was Eva im Glauben festhielt. In den Tagen Enoschs, des Sohnes Sets, begannen die Menschen, den Namen des HERRN(Jahwe) anzurufen (besser: »zu verkündigen«).

[[@Bible:1 mose 5:1]]C.Die Geschichte seit Adam (5,1-6,8)


Hier beginnt ein neues tôledôt, das die zweifache Absicht hat, die Geschichte der Menschen der ersten Zeit mit der Geschichte Noahs zu verbinden und das Ergebnis der Sünde aufzuzeigen. Tatsächlich wird dadurch ein Problem beantwortet, das im vorhergehenden Abschnitt aufkommen mußte. Statt der Sünde findet sich Fortschritt, Zivilisation und Gedeihen. Was ist nun mit der Verfluchung? Die Antwort ist einfach: ungeachtet der Bestrebungen der Menschen müssen sie sterben.

[[@Bible:1 mose 5]]1.Die Geschlechterfolge von Adam bis Noah (1. Mose 5)


Die Genealogie dieses Kapitels ist eine »vertikale« Auflistung, die die Nachkommenschaft von Adam über Set bis Noah zeigt. Die Genealogie in Kapitel 4 verzeichnete 7 Generationen (von Kain bis Jubal); diese Genealogie enthält 10 Generationen (von Adam bis Noah). Beide Listen enden mit drei Söhnen, die aus der letzten Generation der Auflistung hervorgehen (Jabal, Jubal, Tubal-Kain, 1. Mo 4,20-22 und Sem, Ham und Jafet, 1. Mo 5,32). In jeder Auflistung spricht nur ein Mann: Lamech als Nachkomme Kains (1. Mo 4,23-24) und ein anderer Lamech als Nachkomme Sets (1. Mo 5,29). Der kainitische Lamech verhöhnte den Fluch (1. Mo 4,24), wohingegen der setitische Lamech unter dem Fluch litt und nach dem Trost durch seinem Sohn Noah suchte (1. Mo 5,29).
Sowohl der biblische Bericht als auch die sumerische Königsliste aus Mesopotamien belegen die Langlebigkeit der ersten Menschen. Anscheinend versetzte die vorsintflutliche Umwelt die Menschen in die Lage, länger zu leben. Sicher hätte diese Langlebigkeit auch Teil von Gottes Plan sein können, die Erde zu füllen (vgl. 1. Mo 1,28).
1. Mo 5,1-2: Dieses Kapitel beginnt mit einer Wiederholung der Erschaffung des Menschen im (oder »nach dem«) Bildnis (»Abbildung«, ein Synonym für »Bild«; vgl. 1. Mo 1,26-27) Gottes. Man kann kaum die Betonung der Segnung des Bildes (Er segnete sie) bei der Erschaffung des Menschen übersehen. Aber das Kapitel wendet sich dem zu, was daraus geworden ist: Sünde und Tod.
1. Mo 5,3-32: Gottes Bild in Adam wurde dann in Set, Adams Sohn, wiedererschaffen. Die Fähigkeiten und Eigenschaften eines Elternteils werden auf sein Kind durch natürliche Fortpflanzung weitergegeben.
Außer der Darstellung der Zeit zwischen Adam und Noah enthält dieses Kapitel ein Leitmotiv, das nicht ausgelassen werden kann, nämlich die Formel: dann starb er (V.5.8.11.14.17.20. 27.31). Wenn sich jemand im Zweifel befände, ob der Lohn der Sünde der Tod sei (Röm 6,23), müßte er nur einen Blick in die menschliche Geschichte werfen.
Im Falle Henochs wird diese Feststellung nicht getroffen. Von ihm heißt es nicht, daß er nach einer Reihe von Jahren starb. Stattdessen wandelte er mit Gott (1.Mose 5,22.24). »Wandeln« ist der biblische Ausdruck für Nachfolge und Gehorsam, der die göttliche Zuwendung zur Folge hat. Henochs Wandel dauerte 300 Jahre. Sicher ist, daß er seinen gerechten Wandel fortgesetzt hätte, aber Gott nahm ihn hinweg (V.24), d.h., er wurde entrückt. Solch ein Wandel wurde Israel und der Gemeinde als Vorbild gegeben (3.Mose 26,3.12).
1.Mose 5 enthält die Etymologie (Herkunft der Wortbedeutung) des Namens Noah (V.29), dessen Leben die vorherrschende Rolle in den folgenden Abschnitten spielen wird. Lamech nannte seinen Sohn Noah, weil er hoffte, daß er ihnen Trost über die Verfluchung spenden würde (V.29; vgl. »Mühsal« und die Verfluchung des Ackerbodens in 1. Mo 3,17). »Noah« hat nicht die Bedeutung von »Trost«, aber die Worte klingen gleich. Lamech hatte keine Vorstellung davon, wie Gott diese Worte umkehren und seinen Wunsch in seiner eigenen Art und Weise erfüllen würde (vgl. die Auslegung zu 1. Mo 6,5-8), aber er setzte große Hoffnungen auf seinen Sohn. So kommt hier in diesem Kapitel des Todes ein zweiter Hoffnungsschimmer auf. Henoch entkam dem Fluch des Todes, und Noah hatte die Aufgabe, die Menschen unter dem Fluch zu trösten.

[[@Bible:1 mose 6:1]]2.Der Niedergang des menschlichen Geschlechts (6,1-8)


Die Einzelheiten dieses Abschnittes waren bereits Gegenstand endloser Erörterungen, wobei häufig das, was wirklich dasteht, unbeachtet blieb. Es muß daran erinnert werden, daß dieser Abschnitt ein Teil des tôledôt ist, das in 1. Mo 5,1 beginnt. Welche Sicht man auch immer bezüglich der Einzelheiten haben mag, so ist doch deutlich, daß diese Verse die Schlechtigkeit der menschlichen Rasse zeigen und den Tod als fortwährende Bestrafung vor Augen führen.
1. Mo 6,1-4: Viele Ausleger meinen, daß der Ausdruck »die Söhne Gottes« die gerechte Linie Sets und der Ausdruck »die Töcher der Menschen« die Kainiten meint. Aber diese Deutung wird den Worten und dem Zusammenhang nicht gerecht. Andere Ausleger sehen die »Söhne Gottes« als Engel (so wie in Hiob 1,6) an, die zu den Frauen auf der Erde eingingen. Diese Deutung gerät jedoch in Konflikt mit Mt 22,30.
Es geht auf jeden Fall um die Hybris des Menschen. Die Stolzen überschritten ihre Grenzen. Die »Söhne Gottes« waren dann eine tatkräftige, mächtige Gesellschaftsgruppe, die nach Ruhm und Reichtum strebte. Möglicherweise waren sie mächtige Herrscher, die von gefallenen Engeln unter Kontrolle gehalten wurden. Es kann auch zutreffen, daß gefallene Engel ihre Wohnstatt verlassen hatten und in den Körpern von menschlichen Tyrannen, Kriegern und Mächtigen der Erde Wohnung genommen hatten.
Aus Hes 28,11-19 und Dan 10,13 ist bekannt, daß hinter großen Königen der Erde »Fürsten« stehen können, die aus dem Hintergrund regieren. Ihre Macht ist also dämonischer Art. Es kann nicht überraschen, daß in der ugaritischen Literatur (wie auch in der Literatur anderer Völker) Könige als göttlich oder halbgöttlich beschrieben werden. Die Heiden verehrten diese starken Führer. Zahlreiche mythologische Überlieferungen beschreiben sie als die Nachkommen der Götter selbst. Tatsächlich wird bn´lm (»Söhne« der Götter) im Ugaritischen für die Mitglieder des Pantheons ebenso wie für die großen Könige der Erde gebraucht. In der ugaritischen Legende des Sonnenaufgangs verführt der Hauptgott des Pantheons El zwei Frauen der Menschen. Aus dieser Verbindung eines Gottes mit einer Frau der Menschen gingen šhr (»Sonnenaufgang«) und šlm (»Sonnenuntergang«) hervor, die Göttinnen geworden zu sein scheinen, welche die Venus repräsentieren. So haben für Heiden die Götter ihren Ursprung im Verkehr zwischen Göttern und Menschen. Jedes übermenschliche Individuum im Mythos oder jeder mythologische oder tatsächliche Riese würde den Heiden einen göttlichen Ursprung nahelegen.
1.Mose 6,1-4 beschreibt dann, wie verdorben die Welt geworden war, als die Gesetzesübertretung überhand nahm. Das ist auch ein polemischer Angriff auf den heidnischen Glauben, daß Riesen (Nefilim; vgl. 4.Mose 13,32-33) und berühmte Menschen (1.Mose 6,4) von Göttern abstammen und daß man Unsterblichkeit durch ein unmoralisches Leben erlangen kann. Der kanaanitische Kult und die meisten der Kulte des Alten Orients schlossen Fruchtbarkeitsriten ein, zu denen der Sympathiezauber gehörte, der auf der Annahme beruht, daß Menschen auf übernatürliche Weise durch einen Gegenstand, der ihnen gehört, beeinflußt werden können. Israel wurde vor diesem verderblichen Unsinn gewarnt. Dieser Abschnitt widerlegt den heidnischen Glaubensgrundsatz durch die Erklärung der Wahrheit. Die Söhne Gottes waren nicht von göttlicher Natur; sie standen unter der Herrschaft der Dämonen. Die Heirat mit so vielen Frauen, wie sie es wünschten (vielleicht liegt hier der Ursprung der Harems), geschah, um ihre niederen Instinkte zu befriedigen. Sie waren eben nur eine andere niedere Art von Geschöpfen, auch wenn sie mächtig und von Dämonen beeinflußt waren. Die Kinder aus diesen Ehen waren, entgegen der heidnischen Vorstellung, keine Götter-Könige. Obwohl sie Helden und »berühmte Männer« waren, waren sie »Fleisch«; und sie starben gemäß des Fluches, wie alle Angehörigen der menschlichen Rasse. Wenn Gott die Welt richtet - und er stand gerade im Begriff, dies zu tun - kann kein Riese, keine Gottheit und kein menschliches Wesen ihm
irgendwelche Macht entgegenhalten. Gott bestimmt souverän die Tage jedes Einzelnen, wie sie >gezählt< sind.
1. Mo 6,5-8: In Gottes Worten, die die menschliche Rasse betreffen, liegt ein gewisser Pathos. Die Bosheit des Menschen war groß und alles Sinnen (besser alle »Vorhaben«, yeser) seines Herzens war nur böse den ganzen Tag (vgl. 1. Mo 8,21: »das Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf«). Gott hatte den Menschen aufgrund seines »Vorhabens« (yasar, 1. Mo 2,7) geschaffen, aber der Mensch hatte sich der ihm verliehenen Fähigkeit zu planen bemächtigt und nur das Böse hervorgebracht. Es gibt in der Bibel kaum eine deutlichere Aussage über die Sünde der Menschheit. Dieser Abschnitt vermittelt das Verständnis der Aussage Jesu, daß vor der Sintflut die Menschen aßen und tranken, freiten und sich freien ließen (Mt 24,38). Dies ist scheinbar eine harmlose Feststellung, solange man nicht den geschichtlichen Hintergrund beachtet. Schon vor der Sintflut hatte Gott festgestellt, daß der Mensch »verderbt« und »voller Frevel« (1.Mose 6,11.13) war.
Die Wortspiele in den Versen 5-8 sind auffallend. Gott »reute« es, daß er den Menschen gemacht hatte, weil die Sünde der Menschheit ihn mit Schmerzen erfüllte. Die Worte »reuen«, »Schmerzen« und »machen« gehen auf Kapitel 3 und 5 zurück. Lamech sehnte sich nach Trost (naham) für die schmerzliche Arbeit unter dem Fluch (1. Mo 5,29). Nun »reute« es Gott (naham, wörtl. er wurde bekümmert), daß er den Menschen gemacht hatte, weil die Sünde des Menschen ihm Schmerzen bereitete (1. Mo 6,6). Dies ist der Grund, warum der Schmerz in die Welt kam. Gott war durch die Sünde bekümmert.
Gott beschloß die Vernichtung der gesamten Menschheit. Daß Gott etwas »reute« (wörtl. »schmerzt«, »bekümmert«) meint nicht, daß Gott sich anders besonnen hätte, da er unwandelbar ist (Mal 3,6). Stattdessen bedeutet es, daß Gott traurig war.
Obwohl das Gericht rasch hereinbrechen sollte, weil Gottes Geist den Menschen nicht auf immer beschützen würde (dûn; »beschützen« ist besser als »im Menschen walten«, 1.Mose 6,3), wurde dennoch das Gericht um 120 Jahre aufgeschoben (V.3). Während dieser Zeit war Noah ein »Prediger der Gerechtigkeit« (2.Petr 2,5).
Noah empfing die Gnade Gottes und wurde deshalb im Gegensatz zu denen, die nach Unsterblichkeit gestrebt hatten, vom Gericht verschont. In der Zeit Moses sollte Israel erkennen, daß es von Gott auserwählt war und in Gerechtigkeit wandeln sollte. Beim Einzug ins verheißene Land stießen die Israeliten auf die Nefilim (die Anakiter, 4.Mose 13,33) und auf die Emiter (5.Mose 2,11; 5. Mo 3,13; Jos 12,4). Aber Israel sollte sich nicht vor ihnen fürchten, als ob sie Halbgötter wären.
Gott wollte die verdorbene Welt wegen ihres Götzendienstes und Ehebruches richten. Ebenso werden in den letzten Tag die Bösen plötzlich durch das Gericht hinweggetan werden, wenn Gott sein theokratisches Königreich des Segens aufrichten wird.

[[@Bible:1 mose 6:9]]D.Die Geschichte seit Noah (6,9-9,29)


[[@Bible:1 mose 6:9]]1.Das Strafgericht durch die Sintflut (6,9-8,22)


Gott richtete die Bösen durch ein strenges und katastrophales Gericht, um das Leben erneut mit einem Bund der Anbetung zu beginnen. Inmitten der Flut, in der der allmächtige Herr der Schöpfung die Welt zerstörte, segelte Noah, der Diener Gottes und Empfänger göttlicher Gnade, auf dem Weg zu einer »neuen Schöpfung« und betete Gott an.



Warum schickte Gott solch eine Flut? Dafür gibt es mehrere Gründe: 1) Gott herrscht allmächtig über alle Kreatur und benutzt die Natur häufig, um die Menschheit zu richten. 2) Die Sintflut war die wirkungsvollste Art und Weise, um die Welt zu reinigen. Sie wusch sie sauber, so daß noch nicht einmal eine Spur des Bösen gefunden werden konnte. Die Taube konnte keinen Ruheplatz für »ihren Fuß« finden (1. Mo 8,6-9). 3) Die Sintflut wurde von Gott benutzt, um »eine neue Schöpfung« zu beginnen. Die erste Schöpfung mit Adam wird hier mit der zweiten mit Noah parallel gesetzt. So wie dort das trockene Land unter den zurückfließenden Wassern zum Vorschein kam (1. Mo 1,9), so nahmen die Wasser hier ab, bis sich die Arche auf dem Ararat niederließ (1. Mo 8,4). Als Noah die Arche nicht mehr benötigte, beauftragte ihn Gott ebenfalls, fruchtbar zu sein und sich zu mehren (1. Mo 9,1) und über die Erde zu herrschen (1. Mo 9,2), so wie er es Adam befohlen hatte (1. Mo 1,26.28). Noah pflanzte einen Weinberg (1. Mo 9,20), wohingegen Gott einen Garten für Adam und Eva gepflanzt hatte (1. Mo 2,8). Adam und Noah werden aber nicht nur nebeneinander, sondern auch einander gegenübergestellt: Während Adams Nacktheit ein Zeichen seiner Gerechtigkeit war (1. Mo 2,25), ist Noahs Blöße ein Zeichen seiner Entwürdigung (1. Mo 9,21) und er verflucht schließlich seinen Enkel Kanaan (1. Mo 9,25-27).
Die in 1. Mo 6,9-1. Mo 8,22 genannten Beweggründe für die Sintflut sind bezeichnend. Erstens ist Gott als der Richter der ganzen Erde zu erkennen. Mit einem Wort macht er den Unterschied zwischen dem Gerechten und dem Ungerechten, dem Reinen und dem Unreinen deutlich. Das Reine war allein für Gott bestimmt.
Ein zweiter Beweggrund ist, daß Gott für die Empfänger seiner Gnade Verheißungen gegeben hatte. Dies war zugleich eine Warnung an die, die als Empfänger der Gnade mit Gott in Gerechtigkeit wandeln und von den Sündern getrennt leben sollten.
Der dritte Beweggrund hatte für Israel Bedeutung. So wie Gott die Welt in den Tagen Noahs richtete und Noah durch die Flut hindurchgebracht wurde, so richtete er die bösen Ägypter und brachte Israel durch die Wasser des Roten Meeres, damit sie ihn anbeten und ihm dienen sollten. Die Anweisungen für diese Anbetung finden sich in 3.Mo. Es kann uns daher nicht überraschen, daß zahlreiche Ausdrücke, die hier verwendet werden (1.Mose 6,9-1. Mo 8,22) in 3.Mose wiederkehren.
Daß eine ganze Generation von Sündern starb, sollte andere Generationen vor dem kommenden Zorn Gottes warnen. Trotz des Gerichtes entkam Noah in ein neues Zeitalter. Die Katastrophe unterbrach Gottes Programm nicht.
Der Sintflutbericht unterstreicht Gottes Macht und freie Verfügung über seine Schöpfung. Die Flut zeigt Gottes gewaltigen Unmut über die Sünde. Sie macht deutlich, daß Gottes gnädige Errettung erst angesichts des Gerichtes Bedeutung erhält und daß seine Gnade nicht auf die leichte Schulter genommen werden darf. Die Ursache für Gottes Gericht wird hervorgehoben, nämlich die gewaltigen Verbrechen der Sünde. Darin unterscheidet sich die Sintflut in 1.Mose von den heidnischen Darstellungen (z.B. Atrahasis und Gilgamesch). Das babylonische Gilgameschepos behauptet zum Beispiel, daß die Götter die Flut wegen des von Menschen verursachten Lärmes herbeigeführt hätten.
So beantworten die Kapitel 6-9 grundsätzlich die Frage: Was ist das Ende des Menschen? Kann er ungestraft entkommen und sein Leben auf den Kurs der Unmoral bringen und dabei unbekümmert die Vergnügungen dieser Welt genießen? Ist dieses Leben gut zu Ende gebracht oder gut auf das Ende vorbereitet? Gottes Gericht macht die Antwort deutlich. Dennoch scheint der Aufwand sehr groß und das Gericht hart zu sein. Kein Wort des Entsetzens über die Verlorenen wird erwähnt, obwohl Noah sich wohl entsprechend gefühlt hat. Die Sintflut macht deutlich, was Gott zu unternehmen bereit ist, um Heiligkeit und Frieden auf die Erde zu bringen. Hier finden die Gerechten Ermutigung in Gottes Plan, daß das Gute letztlich über das Böse triumphieren wird. Nur noch ein anderes Ereignis zeigt noch deutlicher, daß Heiligkeit unter den Menschen eine Sache ist, für die Gott alles andere opfert: die Kreuzigung seines Sohnes.
Der Bericht ist in drei Teile untergliedert: der Befehl an Noah, die Arche zu bauen und das Leben zu bewahren (1. Mo 6,9-1. Mo 7,5), die Vernichtung allen Fleisches außerhalb der Arche durch das Wasser (1. Mo 7,6-24) und die Anbetung Noahs durch das Opfer nach der Flut (1. Mose 8).

[[@Bible:1 mose 6:9]]a.Der Auftrag an Noah (6,9-7,5)

1. Mo 6,9-13: Im Gegensatz zu der Begründung für die Flut in dem babylonischen Bericht (die Laune der Götter aufgrund des Lärms der Menschen) stellt der biblische Bericht die Flut ausdrücklich als Gericht über die moralische Verdorbenheit hin. Die menschliche Rasse war verdorben (V.11-12) und voller Frevel (V.11.13), so daß Gottes Zorn alles Fleisch vernichtete, ausgenommen Noah, der mit Gott wandelte (V.9) und seine Familie (V.18).
1. Mo 6,14-18: Die Errettung geschah durch das Mittel Arche, ein flachbödiges , rechteckiges Wasserfahrzeug, 300 Ellen lang, 50 Ellen breit und 30 Ellen hoch mit einer Wasserverdrängung von ungefähr 43300 Tonnen (Merrill F. Unger, Archaelogy and the Old Testament, Grand Rapids: Zondervan Publishing House, 1954, S.59-60) und drei Stockwerken. (Die Skizze ist der Entwurf eines Künstlers, nach der Vorstellung, wie die Arche ausgesehen haben könnte.) Das Schiff in der babylonischen Tradition war würfelförmig konstruiert und fünfmal so groß wie Noahs Arche. Nur 1.Mose hat die Beschreibung eines seetüchtigen Gefährts erhalten.
1. Mo 6,19-1. Mo 7,5: In diese Arche sollte Noah alle Arten der Tiere mitnehmen, um das Leben auf der Erde zu bewahren. Es wurde sehr früh eine klare Unterscheidung zwischen reinen und unreinen Tieren gemacht. Um das Leben zu erhalten, mußte Noah zwei von jeder Art der Tiere an Bord nehmen, aber um für Nahrung und für Opfer zu sorgen, mußte er sieben Paare jeder Art der reinen Tiere hineinbringen (1. Mo 7,2). Die Unterscheidung zwischen reinen und unreinen Tieren wurde zu einem Hauptpunkt im levitischen Gesetz (3.Mose 11,2-23).

[[@Bible:1 mose 7:6]]b.Die Zerstörung allen Fleisches ausserhalb der Arche (7,6-24)

1. Mo 7,6-20: Nachdem alle Vorkehrungen getroffen waren, kam die Flut. 40 Tage und Nächte strömte der Regen wolkenbruchartig herab (V.11-12). Gleichzeitig gab es gewaltige Aufbrüche und Verschiebungen der Erdkruste, die die Meeresgründe zum Ansteigen und Aufbrechen ihrer Reservoirs an unterirdischem Wasser brachten (V.11; vgl. Unger, Archaeology, S.61). Als Ergebnis davon war die gesamte Erde während der Katastrophe überflutet (V.19). Es besteht kein Zweifel daran, daß die Erdoberfläche, das Leben und die Länge des Lebens durch diese Katastrophe verändert wurden.
1. Mo 7,21-24: Alles... Lebendige auf der Erde (außerhalb der Arche) wurde zerstört. Nur das Leben im Wasser überlebte. Die Sünde vergiftete alle Lebensbereiche. So war nur ein völliger Neubeginn ausreichend. So wird es ebenfalls am Ende der Tage sein (Mt 24,37-39).

[[@Bible:1 mose 8]]c.Noahs Opfer (1. Mose 8)

1. Mo 8,1-3: Die schweren Regenfälle dauerten 40 Tage (1. Mo 7,4.12), aber die Wasser blieben noch weitere 110 Tage stehen (vgl. 1. Mo 7,24: »die Wasser wuchsen gewaltig auf Erden hundertfünfzig Tage«). Die 40 Tage waren Bestandteil der 150 Tage, in denen der Regen weniger stark fiel (oder die Aufbrüche der unterirdischen Wasser weitere 110 Tage anhielten (vgl. die Übersicht »Chronologie der Sintflut«).



1. Mo 8,4-19: Die Arche ließ sich 150 Tage nach dem Beginn der Regenfälle auf dem Gebirge Ararat nieder. Assyrische Berichte verlegen den Berg nach Armenien in der östlichen Türkei, aber der genaue Ort ist unbekannt. Nachdem sich herausgestellt hatte, daß die Erde bewohnbar war, verließen die acht Menschen und alle Tiere die Arche. Dies geschah 377 Tage nachdem sie in die Arche gegangen waren (vgl. 1. Mo 7,11 mit 1. Mo 8,13-14). Das »Niederlassen« bzw. »Ausruhen« taucht in der ganzen Erzählung häufiger auf. Die Arche »ließ sich nieder« (V.4); zuerst konnte die Taube keinen Ort finden, um ihren Fuß niederzusetzen (V.9, wörtl.: »wo ihr Fuß ruhen konnte«). Als sich die Arche auf dem Berg Ararat niederließ, war dies mehr als eine physikalische Landung auf trockenem Boden. Es war ein Neuanfang: Die Erde war rein und ruhte sich aus.
1. Mo 8,20-22: Nachdem Noah die Arche verlassen hatte, brachte er Gott ein Opfer dar, das diesem ein lieblicher Geruch war. Das Volk Gottes ist ein opferndes Volk (wie Israel das später lernen sollte). Das Opfer bedeutete, Gott eines der besten der Dinge zurückzugeben, die ihm gehörten. Die Erlösten des Herrn opfern Gott das Lob ihrer Lippen (Hebr 13,15) mit dem besten, was sie haben (Spr 3,9) und mit der Bereitschaft und Demut ihres Geistes. Noah wurde der Gnade Gottes teilhaftig, wandelte mit diesem in Gehorsam und Gerechtigkeit, wurde vor dem Gericht bewahrt, kam in ein neues Zeitalter, in welchem die Bosheit der Menschen für eine Zeit beseitigt worden war und antwortete Gott mit Anbetung und Opfer.
Nachdem Noah geopfert hatte, versprach Gott, nie wieder die Erde so zu verfluchen. Der Ablauf der Jahreszeiten ist das Zeichen für die Geduld Gottes mit dem Menschen.

[[@Bible:1 mose 9:1]]2.Der Bund mit Noah (9,1-17)


1. Mo 9,1-4: Gott wies Noah an, fruchtbar zu sein, sich zu mehren und die Erde zu füllen (V.1.7), so wie er es Adam bereits befohlen hatte (1. Mo 1,28). Noah sollte wie Adam über die Tiere herrschen (1. Mo 9,2, vgl. 1. Mo 1,26.28). Beiden wurde Nahrung zum Verzehr gegeben (1. Mo 9,3; vgl. 1. Mo 1,29; 1. Mo 2,16), jedoch jeweils mit einer Ausnahme (1. Mo 9,5-6; vgl. 1. Mo 2,17).
1. Mo 9,5-7: Mit dem Neubeginn für Noah entstand ein neuer Bund. Es war nun nötig geworden, einen Bund mit Verpflichtungen für die Menschheit und einem Versprechen von Gott zu schließen. Wegen der Zerstörung des Lebens durch die Sintflut konnten die Menschen meinen, daß Gott das Leben wenig wert und die Zerstörung keine große Sache sei. Dieser Bund zeigt nun, daß das Leben heilig ist und daß der Mensch den Menschen nicht zerstören soll, der nach dem Bilde Gottes geschaffen ist.
Von seinem Charakter her sollte der Bund die Stabilität der Natur festigen. Er sicherte die Ordnung der Welt. Die Menschen sollten darüberhinaus lernen, daß Gesetze für den Menschen für die Beständigkeit des Lebens nötig sind und daß sich Bosheit nicht weiter ungehindert ausbreiten darf. So wurde der Staat begründet.
1. Mo 9,8-17: Der neue Bund (V.9.11-13.15-17) erstreckt sich auf den gesamten Kosmos (jedes lebendige Wesen, V.10; V.12; alle lebenden Wesen, V.15-16; alles Leben, V.11.15.17). Dies wird durch den Regenbogen deutlich, den Gott als Zeichen gegeben hat (V.12-13.17). Wenn er sich nach einem Regen über den Horizont wölbt, ist dies ein alles umfasssendes Zeichen für Gottes Treue gegenüber seinem Werk der Gnade. Die Zeichen erinnern die Teilhaber eines Bundes daran, die Bedingungen einzuhalten. Durch den Regenbogen erinnert der allwissende Gott sich ständig daran (wiederholt in V.15-16), niemals wieder die ganze Erde zu überfluten (V.11.15). Weil vor der Flut kein Regen fiel (1. Mo 2,5), war kein Regenbogen nötig gewesen. Wenn sich nun die Wolken aufklären, wird durch Lichtbrechungen dieses wunderbare Schauspiel sichtbar. Der Regenbogen wölbt sich wie ein Bogen des Kampfes, der an die Wolken gehängt wurde (Das hebr. Wort für Regenbogen, qešet, ist dasselbe Wort wie für »Kampfbogen«). Wo immer im AT Gott sich auf Stürme des Gerichtes bezieht, werden die Begriffe für Pfeil und Bogen verwendet.
Der Bogen ist nun »hinweggetan«, hängt an seinem Platz in den Wolken mit dem Hinweis, daß »Kampf« und Sturm vorüber sind. So spricht der Regenbogen vom Frieden. Im Nahen Osten wurden in alten Zeiten Bünde bzw. Verträge nach Kriegen als ein Schritt zum Beginn des Friedens hin geschlossen. In gleicher Weise machte Gott, nachdem er das Gericht über die Sünde verhängt hatte, einen Bund des Friedens. Israel sollte durch den Anblick des Regenbogens im Himmel immer wieder Gottes Zeichen erkennen, daß er seine Verheißung der Gnade auch erfüllt. Aber sicher erinnerte er auch die Gläubigen in Israel daran, daß das Gericht Gottes für dieses Zeitalter erfüllt war. Das Gericht wird am Ende der Zeiten wieder kommen (Sach 14,1-3; Offb 19,15), bevor der völlige 1000jährige Friede einkehren kann (Offb 20,6). Auf diese Weise läßt 1.Mose 9,8-17 vorausempfinden, daß am Ende Israel seine Schwerter in Pflugscharen umschmieden wird (Jes 2,4; Mi 4,3). In der Zwischenzeit geht das Leben nach einer neuen Ordnung weiter; Gott hat Geduld und die »allgültige Gnade« ist bis zum Ende wirksam.

[[@Bible:1 mose 9:18]]3.Die Verfluchung Kanaans (9,18-29)


Dieser Abschnitt ist nicht leicht auszulegen und hat bereits viele Ausleger beschäftigt. Es ist wichtig, sich an die Absicht dieses Buches zu erinnern, da sich dieser Abschnitt direkt auf das Wesen und das Schicksal der Kanaaniter, der Widersacher Israels, bezieht.
1. Mo 9,18-23: Diejenigen, die aus der Arche gekommen waren, werden mit dem speziellen Hinweis identifiziert, daß Ham der Vater Kanaans war. Alle Menschen der Erde sind Nachkommen der drei Söhne Noahs. Die Nachkommen Sems sind die Semiten, aus denen Abraham hervorging (vgl. 1. Mo 10,21-31; 1. Mo 11,10-26).
Noah, »der Mensch der Erde« (so übersetzten die Rabbiner die Worte ein Mann des Erdbodens), begann, einen Weinberg zu pflanzen. Obwohl der Wein das Herz erfreut (Ri 9,13; Ps 104,15) und das Leid des Fluches mildert (Spr 31,6) ist doch ebenso klar, daß er auch zerstören kann. Hier lag Noah betrunken und nackt in seinem Zelt. Trunkenheit und sexuell lockeres Verhalten sind Kennzeichen der Heiden. Beides wird auf dieses Ereignis in Noahs Leben zurückgeführt. Der Mensch hat sich nicht verändert. Trotz der Möglichkeit, eine »neue Schöpfung« zu beginnen, handelte Noah wie ein Heide (vgl. 1.Mose 6,5; 1. Mo 8,21).
Die grundlegende Frage zielt auf das, was Ham, der jüngste Sohn Noahs, getan hat (1. Mo 9,22.24) und auf das Warum der Verfluchung von Hams »Sohn« Kanaan durch Noah (V.25-27). Bezüglich dieser Frage sind schon zahlreiche Ideen geäußert worden. Die Rabbiner vertraten die Ansicht, daß Ham Noah kastrierte, was dann auch erklärt hätte, daß Noah keine weiteren Söhne hatte. Andere sind der Ansicht, daß Ham mit seiner Mutter Geschlechtsverkehr hatte und so die Blöße seines Vaters aufdeckte und daß Kanaan die Nachkommenschaft dieser Verbindung war. Andere behaupteten, daß Ham sich an seinem Vater homosexuell verging. Aber der hebräische Ausdruck bedeutet einfach das, was er aussagt: Ham ... sah die Nacktheit seines Vaters (V.22). Er nahm keine sexuellen Beziehungen zu Noah auf. In diesem Fall hätte das Hebräische lauten müssen: »er deckte die Blöße seines Vaters auf« (kausative Form von galâh). Stattdessen hatte sich Noah selbst entblößt (wayyitgal, reflexive Form, V.21) und Ham sah ihn entblößt.
In der Antike und im AT bedeutete es eine Verletzung der Ethik innerhalb der Familie, seinen Vater nackt zu sehen. Die Heiligkeit der Familie war zerstört, und die Stärke des Vaters war lächerlich gemacht worden. Ham stolperte gewissermaßen in diese Situation, ging jedoch hinaus und berichtete seinen beiden Brüdern triumphierend davon, als ob er einen Triumph über seinen Vater gewonnen hätte.
So wurde der scheinbar unbedeutende Vorfall zu einem wichtigen Ereignis. Noahs Vorhersage (V.25-27) zeigt, daß sich das Wesen seiner drei Söhne in ihren drei Nachkommen fortsetzen würde.
In allen Versen in 3.Mose 18,6-19 außer einem findet sich die kausative Form des Verbes galâh, um auf die »Entblößung« anderer Menschen (als »sexuelle Beziehungen« auszulegen) durch die Kanaaniter hinzuweisen. Dieser Euphemismus weist auf das ausschweifende und abstoßende unmoralische Verhalten der Nachkommen Hams hin (vgl. 3.Mose 18,3). Hams Neigung zur Preisgabe moralischer Grundsätze hatte die Unmoral seiner Nachkommen, der Kanaaniter, zur Folge.
1. Mo 9,24-29: Wegen dieses Ereignisses sprach Noah eine Prophezeiung über die Nachkommen seiner Söhne aus. Er begann unmittelbar: Fluch über Kanaan! Trotzdem hat Noah nicht den Sohn Hams für etwas bestraft, was Ham getan hatte. Tatsächlich zielten die Worte Noahs auf die kanaanitische Nation hin, die in Ham durch Kanaan ihren Ursprung haben sollte. Hams Hybris konnte nicht ohne Auswirkungen bleiben. Eine Erniedrigung gleichen Ausmaßes war nach den Vergeltungsgesetzen erforderlich. Ham hat einen irreparablen Bruch in der Familie seines Vaters herbeigeführt; also wurde ein Fluch über der Familie seines Sohnes ausgesprochen. So wie sich Ham als Sohn falsch verhielt, muß er nun unter dem falschen Verhalten seines Sohnes leiden. Man hat vermutet, daß Ham versucht hat, seine Brüder zu beherrschen, um seine eigenen Ziele durchzusetzen. Das würde anderen Überlieferungen entsprechen, in denen ein Sohn die Stellung seines Vaters übernimmt. Aber falls Ham dies wirklich tat, schlug sein Versuch fehl, und seine Linie seit Kanaan wurde nicht zur Führung anderer Sippen eingesetzt, sondern diesen untergeordnet (V.25).
Noahs Weissagung prophezeite, daß die Kanaaniter Diener der Semiten und Jafetiten werden würden (V.26-27). Aber das war geschehen, weil die Kanaaniter ein entwürdigendes Leben führten, wie Ham es getan hatte, und nicht infolge der Tat Hams. Trunkenheit und Ausschweifung versklaven letztlich auch eine ganze Nation. Darum waren die Kanaaniter im Plan Gottes, der den Segen Israels vorsah, verdammt. Sie mußten von Gott durch die Landnahme gerichtet werden, weil ihr Handeln in denselben Bahnen verlief wie das ihres Vorfahren Ham.
Die Versklavung der Kanaaniter wird in der alttestamentlichen Geschichte mehrfach deutlich. Das erste Beispiel ließ nicht lange auf sich warten: die Kanaaniter wurden besiegt und von den Königen des Ostens versklavt (1. Mose 14). Ein anderes Beispiel sind die Gibeoniter, die später unter Josua Holzfäller und Wasserträger für Israels Stiftshütte wurden (Jos 9,27). Wenn man die Unterwerfung Kanaans unter die jafetische Linie im strengen Sinne des Wortes `ebed (Sklave; 1.Mose 9,26-27) versteht, reicht die Weissagung bis zum Kampf um Karthago (146 n.Chr.), in dem die Phönizier, die Kanaaniter waren, endgültig besiegt wurden. Aber die Worte Noahs scheinen eher eine allgemeine als eine spezielle Prophezeiung gewesen zu sein, nämlich, daß die Linie Sems gesegnet und die Linie Hams in Kanaan verflucht werden sollte.
Dieses Motiv der Segnung und Verfluchung ist in 1.Mose von entscheidender Bedeutung. Die Kanaaniter sollten aus ihren Wohnstätten von Israel unter Josua vertrieben werden, um die Gnade Sem zuteil werden zu lassen (V.26) und die Jafetiten in den Zelten Sems wohnen zu lassen (V.27). Das bedeutete, daß die Jafetiten friedlich mit den Semiten zusammenleben würden und nicht, daß die Jafetiten die Semiten von ihrem Gebiet vertreiben sollten. Verse 24-29 legten also die Grundlage für die Außenpolitik Israels im Land (5.Mose 20,16-18).

[[@Bible:1 mose 10:1]]E.Die Geschichte seit den Söhnen Noahs (10,1-11,9)


[[@Bible:1 mose 10]]1.Die Völkertafel (1. Mose 10)


1. Mo 10,1: Die Völkertafel gibt einen Überblick über die Nachkommen der drei Söhne Noahs. Gott hatte ihnen befohlen, die Erde zu füllen (1. Mo 9,1). Später jedoch war die Auswanderung ihrer Nachkommen und das Füllen der Erde (1. Mo 11,1-9) ein göttliches Gericht über ein rebellisches Volk.
Diese Völkertafel scheint die bekannten Völker der Erde zu nennen. 70 Nachkommen der Söhne Noahs werden aufgelistet, und zwar 14 Nachkommen Jafets, 30 von Ham und 26 von Sem. Diese Völker sind sinnvoll in Gruppen geordnet worden.
Der Rahmen der Tafel ist das Motiv der benê (»die Söhne«). (Das hebr. benê erscheint zwölfmal in V.2-4.6-7.20-23.29.31-32.) An anderer Stelle in Kapitel 10 wird yalad (»er zeugte«) gebraucht, was darauf hinzuweisen scheint, wie man den Ausdruck benê auszulegen hat. Die Abschnitte mit yalad (die in V.8.13.15.26 beginnen) weisen im Zusammenhang mit dem Aufbau der tôledôt auf die wichtigen Entwicklungen der Personen innerhalb der Struktur der Tafel hin. (Eine Bibelübersetzung gibt das Verb yalad in V.8.13.15.26 mit »war der Vater von«, in V.21 mit »war der Vorfahr von« und in V.25 mit »war ihm geboren« wieder.) Von besonderem Interesse sind Vers 15-19, in denen die Nachkommen Kanaans genannt (V.15-18) und sogar die Grenzen des verheißenen Landes festgelegt werden (V.19). Der Schreiber benutzte offensichtlich eine alte Tafel, um zu erklären, welche der Nachkommen Noahs Segen ererben und welche verflucht werden sollten. Der größte Teil der yalad (»er zeugte«)-Abteilungen beziehen sich auf die Kanaaniter oder Hamiten, die Völker in der Nähe Israels. Um zu sehen, welche ihrer Nachbarn gesegnet oder verflucht wurden, hätte Israel nur diese Tafel beachten müssen.



Die Völkertafel ist eher eine »horizontale« Genealogie als eine »vertikale« (wie in 1. Mose 5 und 11). Der Zweck der Tafel ist nicht in erster Linie der, die Vorfahren festzustellen. Man erkennt vielmehr politische, geographische und ethnische Verbindungen zwischen den Völkern aus ganz verschiedenen Gründen, ganz besonders wegen des Heiligen Krieges. Die Völker, die miteinander »verwandt« waren, sollten sich miteinander verbinden. Daher bringt diese Tafel die mächtigen Völker in und um das Israel verheißene Land in eine Reihenfolge. Die Namen schließen die Väter der Völker, die Sippen, die Städte und die Gebiete ein.
Die Tafel verdeutlicht, welche Völker in der früheren Welt unter dem Segen bzw. dem Fluch standen. Sie erörtert auch die Ausbreitung und Ausfüllung der Erde, auch wenn dies nicht aus Gehorsam geschah. Sie stammen alle von einem Menschen ab, von Noah, und waren deshalb ein Volk. Einige Völker jedoch waren enger verwandt, andere weniger. Die Tafel erläutert die Lage der menschlichen Rasse, die über die Erdoberfläche verstreut und nach kultureller und sprachlicher Zugehörigkeit getrennt lebt.
1. Mo 10,2-5: Die 14 Nachkommen Jafets werden zuerst genannt. Sie waren weit entfernt von Israel im Norden angesiedelt. Gomer repräsentierte die Kimbern. Man nimmt an, daß sie der gleichen Abstammung sind wie die Skythen. Magog war das Land Gogs zwischen Armenien und Kappadozien (Hes 38,2; Hes 39,6; vgl. die Karte »Die Welt Jeremias und Hesekiels« in der Einführung zu Jer). Der Name steht für die skythischen Horden südwestlich des Schwarzen Meeres. Madai steht für die Meder östlich von Assyrien und südwestlich des Kaspischen Meeres. Jawan war die allgemeine Bezeichnung für die hellenische Rasse, die Ionier des westlichen Teils Kleinasiens. Tubal und Meschech waren kämpferische Staaten im Norden. Möglicherweise lagen sie in Pontus und dem Armenischen Gebirge. Tiras könnte auf die seefahrenden Pelagianer der Ägäischen Küste hinweisen.
Von diesen sieben Völkern stammen weitere sieben Völker ab. Drei Völker im Norden stammen von Gomer ab: Aschkenas (verwandt mit den Skythen); Rifat und Togarma (weiter entferntere Völker im Norden).
Die Nachkommen Jawans, zwei geographische Bezeichnungen und zwei Völkernamen, waren alle mit den Griechen verwandt. Elischa entspricht Alaschia oder Zypern. Tarsis war eine weit entfernte Küste in Kleinasien. Die Kittäer siedelten ebenfalls auf Zypern. Mit den Rodanitern ist die Insel Rhodos gemeint (vgl. 1.Chr 1,7). (»Dodanim« ist eine Textvariante zu »Rodanim« [Rhodos] und könnte die Bewohner von Dodona in Griechenland meinen.)
Diese im Norden ansässigen Stämme formten nicht in erster Linie die Geschichte Israels, tauchen aber häufig in den Propheten auf (z.B. Hes 27; 37-39).
1. Mo 10,6-7: Die Nachkommenschaft Hams (V.6-20) bildete die im Osten und Süden ansässigen Völker Mesopotamiens.
Die Kuschiten (Nachkommen von Kusch) siedelten sich im Süden Arabiens an. Heute siedeln sie im südlichen Ägypten, im Sudan und in Nordäthiopien. Sie haben sich mit den semitischen Stämmen vermischt, die in derselben Region siedelten; daher werden einige der Namen der anderen Linien wiederholt. Seba lag in Oberägypten. Hawila (»Sand-Land«) könnte sich auf Nord- und Ostarabien am Persischen Golf oder auf die äthiopische Küste beziehen. Sabta, das antike Hadramaut, lag an der westlichen Küste des Persischen Golfes. Ragma und Sabtecha lagen im südlichen Arabien.
Saba lag im Südwesten Arabiens (vgl. die Königin von Saba, 1.Kön 10,1-13) und Dedan in Nordarabien. Einige Völker dieser alten Königreiche führten ihre Abstammung auf Joktan, den Nachkommen Sems, zurück (1.Mose 10,29). Bei der Besiedelung ergaben sich also Vermischungen.
1. Mo 10,8-12: In die Völkertafel ist die Geschichte Nimrods eingefügt. Dies ist der erste Abschnitt, der mit dem Ausdruck »zeugte« (yalad; vgl. den Kommentar zu V.1) beginnt. Er bildet eine wichtige stilistische Unterbrechung der Völkernamen, die der Erzählung vorausgehen. Die Versuche, Nimrod zu identifizieren oder zeitlich zu bestimmen, haben sich als wenig erfolgreich erwiesen. Da der Name Nimrod scheinbar mit dem Verb »rebellieren, sich auflehnen« (marad) zusammenhängt, hat die Überlieferung ihn mit einer Tyrannenherrschaft gleichgesetzt. Er war der Begründer der frühesten Macht eines Weltreiches in Babylon und Assyrien. Die Tafel stellt ihn einfach als gewaltigen Jäger vor; ein häufiges Merkmal assyrischer Könige. Er war der Gründer mehrerer mächtiger Städte. Die Zentren, die er gründete, wurden später zu den mächtigsten Feinden Israels.
1. Mo 10,13-14: Ein weiterer »Sohn« Hams war Mizrajim oder »Ägypten«. Mizrajim teilte sich in verschiedene Stämme (yalad), die sich von Nordafrika bis nach Kreta erstreckten. Die Erwähnung der Philister in diesem Zusammenhang weist auf Wanderungen hin (ähnlich wie bei Israel, das »aus« Ägypten kam). Die Philister wanderten aus ihren ägäischen Heimatländern über Kaftor in das Delta Ägyptens ein und kamen schließlich nach Palästina. Hier bezieht sich der Text jedoch offensichtlich auf eine frühere Gruppe der Pelago-Philister, also auf Völker, die nicht mit den gleichnamigen Völkern des 13. Jh. n.Chr. zu tun haben.
1. Mo 10,15-20: Die letzte hamitische Linie, die Bedeutung für Israel hatte, waren die Kanaaniter. Noch einmal spricht die Auflistung von »zeugte« (yalad), um die Städte und Völker, die im verheißenen Land lebten, aufzuzählen. Sidon war die vorwiegend phönizische Stadt gleichen Namens. Über die Hetiter (het, »Heth«) kann nichts Genaues gesagt werden. Der Name könnte sich auf die wenigen Hetiter aus den frühen Völkerwanderungen beziehen. Die Jebusiter siedelten in Jerusalem. Amoriter war eine allgemeine Bezeichnung für im Westen lebende Semiten. Hier geht es jedoch um eine kleinere ethnische Gruppe in der gemischten Bevölkerung Kanaans. Die anderen sieben kanaanitschen Völkernamen sind weniger problematisch. Es handelt sich um Völker, die im Libanon, Hamat am Fluß Orontes und überall im Land siedelten. Aufgrund des Abschnittes, in dem der Fluch über Kanaan verhängt wird (1. Mo 9,25-27) ist ihre Erwähnung hier von Bedeutung.
1. Mo 10,21-31: Die Nachkommen Sems werden zuletzt aufgeführt. Die Elamiten, Nachkommen des ersten Sohnes Sems, Elam, siedelten im Hochland östlich von Babylon. Assur war der Name der Region und des Volks von Assyrien, wo Nimrod, ein Hamit, mehrere Städte gegründet hatte (V.11). Arpachschad siedelte nordöstlich von Ninive. Lud war der Ludbu der Assyrer. Vielleicht ist Lud eine Kurzform für Ludda, möglicherweise ein anderer Name für Lydien (heute die Westtürkei). Aram war der Vorfahre der armenischen Völker in den Steppen von Mesopotamien. Seine Nachkommen (V.23) sind kaum bekannt.
Die Genealogie führt dann von Arpachschad zu Eber und seinen Söhnen. Dieser Exkurs wird durch den Ausdruck »wurden... geboren« eingeleitet.
Die Bemerkung über Ebers Sohn Peleg - in seiner Zeit wurde die Erde zerteilt - scheint den Turmbau von Babel (1. Mo 11,1-9) zeitlich genau festzulegen. Das Verb palag wird im AT gebraucht, um die Spaltungen in verschiedene Sprachen zu beschreiben. Der Turmbau von Babel fand demnach fünf Generationen nach der Flut statt.
Die Völkertafel führt nun die Völker von Pelegs Bruder ... Joktan auf (1. Mo 10,26-29), von denen die meisten auf der Arabischen Halbinsel lebten. Israel sollte eine alte Blutsverwandtschaft zu diesen 13 Völkern der Joktaniter in der Wüste feststellen.
1. Mo 10,32: Hier endet ein Kolophon-Typ, eine Schrifttafel, und erinnert den Leser daran, daß alle Familien von Noah abstammen, daß aber einige für das Volk Israel von besonderem Interesse sind.

[[@Bible:1 mose 11:1]]2.Die babylonische Zerstreuung (11,1-9)


Dieser Abschnitt erklärt, wie die Völker über die Fläche der alten Welt verstreut wurden. Es ist eine Gerichtsbotschaft. Das, womit sich die Völker brüsteten, wurde zu ihrem eigenen Niedergang. Was sie am meisten fürchteten, betraf sie dann auch (vgl. Spr 10,24a).
Der Bericht ist durch antithetische Parallelismen und Chiasmen strukturiert. Alles, was die Menschheit in der ersten Hälfte plant (1.Mose 11,3-4), wird in der zweiten Hälfte über den Haufen geworfen (V.5-9), was ein Rückgängigmachen oder Umstoßen ihres Handelns bedeutet hätte, sogar bis hin zu den parallelen Ausdrücken. Die Erzählung hängt an der zentralen Aussage, daß »der Herr herniederfuhr« (V.5).
Eines der Probleme dieses Abschnittes ist seine Verbindung zu Kapitel 10. Am Beginn von Kapitel 11 besitzt die Welt »eine Sprache« und einen Wortschatz. Aber in Kapitel 10 sind die Menschen bereits nach Völkern und Sprachen getrennt. Die Ausdrücke »Länder«, »Geschlechter«, »Völker« und »Sprachen« tauchen dreimal auf, allerdings nicht immer in derselben Anordnung (1. Mo 10,5.20.31). Möglicherweise erklärt 1. Mo 11,1-9, wie die Anordnung in Kapitel 10 zustande gekommen ist. 1.Mose verläßt zur thematischen Anordnung des Materials häufig den chronologischen Rahmen. Auf die genaue Chronologie weist nur der Ausspruch über Peleg hin: »Zu seiner Zeit wurde die Erde zerteilt« (1. Mo 10,25).
1. Mo 11,1-4: Die Sünde der Schinariter (Bewohner der Ebene in Schinar) scheint der übermäßige Stolz gewesen zu sein. Sie sprachen: Kommt, laßt uns eine Stadt bauen mit einem Turm, dessen Spitze bis an den Himmel reicht, damit wir uns einen Namen machen. Das war offene Rebellion gegen Gott und der Wunsch nach Unabhängigkeit von Gott. Demut wird häufig mit Vertrauen und Gehorsam gleichgesetzt. Im Gegensatz dazu ist Stolz mit Unabhängigkeit und Ungehorsam verbunden. Hier kamen die Menschen zusammen, um sich selbst zu stärken und um sich selbst in ihrem Stolz einen Namen zu schaffen, damit sie nicht über die Oberfläche der ganzen Erde zerstreut würden. Das stand im direkten Gegensatz zu Gottes Gebot, sich über die ganze Erde zu zerstreuen und sie zu füllen (1. Mo 9,1).
1. Mo 11,5-9: Der Wunsch, ihre Einheit zu steigern und zu stärken, gab dem Gedanken zur schlimmsten Tat Raum. So beurteilte es jedenfalls der Herr: Wenn ... sie dies zu tun begonnen haben, wird ihnen nichts mehr, was sie sich vorgenommen haben, unmöglich sein. Also brachte Gott das, was sie nicht im Gehorsam tun wollten, (d.h. sich über die Erde verstreuen, V.4) als Gericht über sie (V.8).
Zweifellos weist Schinar (V.2) auf die Gegend Babylons hin. Der Abschnitt gipfelt nämlich (V.9) in einem Wortspiel: Babel (babel) klingt dem Verb verwirren (balal) ähnlich. Schriftliche babylonische Berichte über den Bau der Stadt Babel bezeichnen die Erbauung bis zum Himmel durch die Götter als himmlische Stadt als Ausdruck des Stolzes (Enuma Elish VI, Zeile 55-64). Diese Berichte sprechen davon, daß der Turm mit demselben Vorgang des Ziegelbrennens, der in Vers 3 beschrieben wird, gebaut wurde. Auf jeden Ziegel wurde der Name des babylonischen Gottes Merodach geschrieben. Auch die erste Zikkurat, ein stufenförmiger Turm, wurde offensichtlich in Babylon errichtet. Seine Spitze soll bis in den Himmel gereicht haben (vgl. V.4). Dieser künstliche Berg mit einem kleinen Tempel auf der Spitze des Turmes wurde das Zentrum der Anbetung in der Stadt. Die Babylonier waren auf ihren Bau sehr stolz. Sie rühmten sich ihrer Stadt, die nicht nur als unbezwingbar galt, sondern zudem als göttliche Stadt (babili, »das Tor Gottes«) bezeichnet wurde.
Der Bericht in 1.Mose sieht diese Stadt als die führende Macht der Welt, die Konzentration gottloser Mächte, mit einem Wort als »Anti-Königtum« an. So ist der Bericht in den Versen 1-9 also darin durchaus als polemisch anzusehen, daß er Gottes absolute Macht in einem schnellen Gericht deutlich macht. Die Einheit, die die Menschen als ihre größte Stärke betrachteten, zerstörte Gott sehr schnell, indem er ihre Sprache verwirrte (V.7; vgl. V.9). Wovor sie sich am meisten fürchteten, nämlich der Zerstreuung (V.4), betraf sie dann (Der Herr zerstreute sie ... über die ganze Erde, V.8; vgl. V.9). Was sie sich am meisten gewünscht hatten, nämlich sich selbst einen Namen zu machen (V.4), wurde ironischerweise Wirklichkeit, weil sie als »Babel« bekannt wurden. Dann hörten sie auf, die Stadt zu bauen und wurden weit zerstreut.
Diese Erzählung liefert einen passenden Schluß für die Ereignisse der Frühgeschichte. Sie beschreibt, wie die Familien der Erde hoffnungslos in der damals bekannten Welt zerstreut wurden. Für sie gab es kein Zeichen der Flüchtigen wie bei Kain (vgl. 1. Mo 4,15), keinen Regenbogen in den Wolken (1. Mo 9,13), keinen Hoffnungsstrahl und kein Zeichen der Gnade. Das läßt den Leser nach einer Lösung der Situation suchen. Nach einer den Zusammenhang herstellenden Genealogie (1. Mo 11,10-26) wird die Lösung angesprochen: Aus den zerstreuten Nationen bildete Gott eine Nation, die sein Kanal der Gnade wurde. Gott war also mit dem menschlichen Geschlecht noch nicht am Ende. Kapitel 11 bereitet den Leser lediglich auf Gottes Werk vor.
Ganz sicher geht es hier um mehr als nur um einen bloßen Bericht, um die Völkertafel zu erklären (1. Mose 10). Wenn Mose einfach die Entwicklung des Planes Gottes zurückverfolgen wollte, hätte er es auf direktem Wege tun können. Aber die Wortspiele, Wiederholungen, Charakterisierungen und moralischen Lehren - alle auf der Grundlage des ethischen Standards des Gesetzes (tôrâh) - vermitteln eine wichtige Lektion.
Israel wurde aus Ägypten gerufen, um Gottes Theokratie zu werden. Israel sollte als von Gott geeintes Volk in der ganzen Welt bekannt werden. Die einzige, einfache Forderung war, daß das Volk gehorchen sollte. Wenn sie das täten, wollte Gott sie auf festen Grund stellen. Aber wenn sie ihre Häupter im Stolz erheben und gegen Gott rebellieren würden, sollten sie über die Erdoberfläche zerstreut werden. Als es dann soweit war, ging Israel denselben verderblichen Weg wie die Babylonier.



Das Thema, um das es hier geht, der Stolz, ist von entscheidender Bedeutung. Gott demütigt die, die sich selbst in Stolz erheben. Zerstreuung (mit seinen Kriegen und Konflikten) ist besser, als vereinte Abtrünnigkeit. Gottes Plan wird erfüllt werden, wenn nicht mit dem Gehorsam des Menschen, dann doch trotz des Ungehorsams des Menschen.
Das Verderben von Babel wird von Zefania gut erklärt, dessen Ausdrücke sicher auf dieses Ereignis zurückzuführen sind. Er weissagt die große Vereinigung im Tausendjährigen Reich, wenn jeder eine reine Sprache sprechen und auf Gottes heiligem Berge anbeten wird und wenn alle Nationen dorthin versammelt werden, von wo aus sie zerstreut wurden (Zef 3,9-11). Das Wunder an Pfingsten (Apg 2,6-11) war ein Vorbote dieses noch zukünftigen Ereignisses.

[[@Bible:1 mose 11:10]]F.Die Geschichte seit Sem (11,10-26)


1. Mo 11,10-26: Der genealogische Bericht führt die Linie von Noahs Sohn Sem bis zu Abram fort. Vorher hatte Mose die Linien der Familien der Erde dargestellt, die von Noahs drei Söhnen herkamen (1. Mose 10), indem er erklärte, warum sie auf der Erde zerstreut wurden (1. Mo 11,1-9). Hier lenkt er unsere Aufmerksamkeit wieder auf die Semiten.
Die Genealogie Sems ist eine »vertikale« Genealogie, um die legitimen Vorfahren zu benennen. Diese Art des Stammbaums wurde in der Antike häufig benutzt, um die Legitimität eines Königs oder einer Dynastie darzulegen. Die Liste in den Versen 10-26 zeigt die direkte Linie von Sem, der gesegnet war, hin zu Abram auf. So wird deutlich, daß der Segen Gottes auf Abram überging.
Man hat behauptet, daß die Namen in den genealogischen Listen in den Kapiteln 5 und 11 einfach zusammengestellt sind, wobei Namen ausgewählt wurden (aus anderen Namen, die nicht aufgelistet wurden und aus längeren Listen), um eine Symmetrie zu erreichen (z.B. endet jede Liste mit einem Hinweis auf drei Söhne: 1. Mo 5,32; 1. Mo 11,26). Diese Sicht kann durch logische Exegese nicht begründet werden. Um »Lücken« in der Genealogie aufzuzeigen, muß man Auslassungen postulieren: »X lebte so viele Jahre und zeugte (die Linie, die ihren Höhepunkt fand in) Y.« Solche Auslassungen sind nur sehr schwer zu beweisen. Darüberhinaus sind Lükken an zwei Stellen der Liste schwer möglich (Sem war der Sohn Noahs, und Abram war der Sohn Terachs). Also gehen wir davon aus, daß Vers 10-26 eine geschlossene Chronologie ergeben.
Der wichtigste Beitrag dieses Abschnitts ist die Verbindung Abrams mit der Linie Sems. Hier findet sich die Herkunft Israels. Interessantes archäologisches Material hat gezeigt, daß viele dieser Namen in Ortsnamen um Haran erhalten geblieben sind.
Anders als die Genealogie in Kapitel 5 nennt die Liste in 1. Mo 11,10-26 die Gesamtzahl der Jahre jeder Person und schließt nicht jeden Abschnitt mit den Worten »und er starb« ab. 1.Mose 5,1-1. Mo 6,8 hebt den Tod vor der Sintflut hervor; 1. Mo 11,10-26 betont das Leben und seine Ausbreitung, obwohl die Länge des Lebens abnahm. Die Stimmung von Kapitel 11 ist eine andere als diejenige der früheren Genealogie. Dies ist der Fall, weil Vers 10-26 den Stammbaum Abrams, der gesegnet werden sollte bis zu Sem, der durch Gott gesegnet wurde (1. Mo 9,26), zurückverfolgt.

[[@Bible:1 mose 11:27]]II.Die Erzvätererzählungen (11,27-50,26)


[[@Bible:1 mose 11:27]]A.Die Geschichte seit Terach (11,27-25,11)


Die Geschichte Abrahams, die hier ihren Anfang nimmt, steht unter der Überschrift des Namens Terach. Wie wir oben gesehen haben (vgl. die Einführung »3. Die Struktur der Genesis«), folgen dem tôledôt die »Einzelheiten« über die Familie Terachs, also das, was aus Terach in seinem Sohn Abram wurde. Es begann mit der Wanderung Terachs nach Haran und setzte sich mit Abrams Zug nach Kanaan fort, der der Empfänger der Verheißung war. Die Geschichte Terachs endete damit, daß Abram endlich einen Sohn bekam, der die Linie und den Segen weitertragen sollte.

[[@Bible:1 mose 11:27]]1.Gottes Bund mit Abraham (11,27-15,21)


[[@Bible:1 mose 11:27]]a.Die Reise Terachs (11,27-32)

1. Mo 11,27-32: Dieser kurze Abschnitt berichtet von den drei Söhnen Terachs und ihren Ehen (vgl. die Übersicht »Terachs Nachkommen«). Er berichtet ebenfalls von Lot, Abrams Neffen, der in den Erzählungen über Abram eine wichtige Rolle spielt.
Terach war ein Götzendiener, der andere Götter verehrte (Jos 24,2). Vielleicht war die ursprüngliche Heimat Terachs Haran, denn viele der Namen der Vorfahren Terachs sind den Ortsnamen des Landes Aram ähnlich, in dem die Stadt Haran lag. Wenn dies der Fall ist, war die Familie ca. 1000 km nach Südosten nach Ur gezogen, der Hauptstadt Sumeriens, wo der jüngste Sohn Terachs, Haran, geboren wurde (1.Mose 11,28) und starb. Gottes Berufung erreichte Abram (1. Mo 12,1) in Ur. Die Familie zog anschließend nach Haran zurück und wohnte dort (1. Mo 11,31), wo Terach starb (V.32). Weil dies nicht das verheißene Land war, zog Abram weiter nach Kanaan, wo ihm Gott erschien und den Ort bestätigte.

[[@Bible:1 mose 12:1]]b.Abrams Berufung (12,1-9)

In diesem Bericht ändert sich die Ausrichtung des Buches. Dieser Abschnitt berichtet, wie Gott Abram aus einer heidnischen Welt herausrief und ihm ungeheure Verheißungen gab; Verheißungen, die später Teil des formalen Abrahamsbundes wurden.
Der Abschnitt stellt darüberhinaus den Glauben Abrams heraus und lehrt uns, daß der Glaube Gott gehorcht. Abram war im mittleren Alter, wohlhabend, hatte sich fest niedergelassen und war ein Heide durch und durch. Das Wort des Herrn geschah zu ihm, auch wenn wir nicht genau wissen, wie es geschah, und er antwortete im Glauben und verließ im Gehorsam alles, um Gottes Plan zu befolgen. Deshalb ist er in der ganzen Bibel der Vater des Glaubens (vgl. Röm 4,1-3.16-24; Gal 3,6-9; Hebr 11,8-19; Jak 2,21-23).
Der historische und theologische Angelpunkt des Abschnitts ist sicher die Berufung Abrams, um ein neues Volk zu begründen. Israel sollte dadurch lernen, daß ihre eigentliche Existenz Gottes Werk war, und mit einem Mann begann, der im Glauben geantwortet hatte und seine Heimat mit Richtung auf Kanaan verließ. Diese Botschaft sollte Israel von seiner göttlichen Berufung überzeugen und die Notwendigkeit des Glaubens betonen, wenn sie aus Ägypten nach Kanaan ausziehen wollten.
1. Mo 12,1-3: Vers 1-3 berichten Abrams Berufung durch Gott, Vers 4-9 von Abrams Gehorsam. Die Berufung enthält zwei Imperative (Befehle), denen jeweils Verheißungen folgen. Der erste Imperativ betrifft das Ausziehen (geh aus deinem Vaterland ... und geh in ein Land, V.1). Der zweite Imperativ in Vers 2 wird allerdings in vielen Übersetzungen nicht wörtlich wiedergegeben, sondern als Voraussage »du wirst ein Segen sein« übersetzt. Aber wörtlich heißt es hier: Sei ein Segen. Der Auszug Abrams zog eine ganze Kette von Ereignissen nach sich. Wenn Abram aus Ur ausziehen würde, würde Gott drei Dinge für ihn tun, damit er ein Segen im Land sein könnte (der zweite Imperativ). Zugleich sollte er ein Segen sein, damit Gott drei weitere Dinge für ihn tun würde. Diese Symmetrie sollte nicht übersehen werden, da dadurch die Bedeutung des Abschnittes unterstrichen wird. Abrams Berufung hatte ein Ziel: Sein Gehorsam sollte großen Segen bringen.
Drei Verheißungen waren an die Berufung Abrams und das Aufgeben der Heimat gekoppelt: (a) eine große Nation, (b) ein Segen für Abram und (c) ein großer Name (V.2). Diese Verheißungen machen es möglich, daß Abram selbst wieder »zum Segen wird« (der zweite Imperativ in V.2). Gegründet auf diesen Gehorsam ergingen Gottes drei Verheißungen: (a) es sollten die gesegnet werden, die ihn segneten, (b) die verflucht werden, die ihn schlecht behandelten und (c) die Geschlechter der Erde durch ihn gesegnet werden (V.3). Abram zu segnen oder zu verfluchen bedeutete, den Gott Abrams zu segnen oder zu verfluchen. Leider mußte Gott häufig andere Nationen benutzen, um sein Volk zu disziplinieren, weil sie weit entfernt davon waren, für die Welt ein Segen zu sein, und die meiste Zeit im Ungehorsam lebten. Die dritte Verheißung findet die größte Erfüllung in der Tatsache, daß Jesus Christus zum Werkzeug des Segens für die ganze Welt wurde (Gal 3,8.16; vgl. Röm 9,5).
Der Glaube wird in diesen Abschnitten beleuchtet. Abram wurde befohlen, mehreres zu verlassen: sein »Vaterland«, seine Verwandtschaft und seines Vaters Haus (1.Mose 12,1). Aber ihm wurde nichts bezüglich des Landes gesagt, in das er ziehen sollte. Sein Auszug war eine beispiellose Glaubenstat.
Das Thema von Segen und Fluch erreicht hier seinen Höhepunkt. Tatsächlich ist dies die zentrale Stelle von 1.Mose. Hier beginnt der Teil der Heilsgeschichte, der nach den Kapiteln 1-11 so dringend nötig geworden ist. Kapitel 1-11 machen die Notwendigkeit des Segens Gottes deutlich. Dies war die Berufung; Abram antwortete darauf im Glauben. Die nachfolgenden Verheißungen wurden später im Rahmen des Bundes formuliert (1. Mo 15,8-21).
1. Mo 12,4-9: Die Erzählung berichtet einfach, daß Abram gehorchte. Von seinem Gehorsam wird analog zu den zwei Imperativen in Vers 2 auf zweierlei Weise berichtet. Er verließ (V.4), und er war ein Segen (V.5-9). In Haran hatten Abram und seine Familie Leute gewonnen (wörtl. »Seelen«) (V.5). Dieses »Seelengewinnen« könnte sich auf Proselytismus beziehen, d.h., daß Abram einige Haraniten dazu bewegt hatte, Jahwe nachzufolgen. Im Lande Kanaans errichtete er Altäre in Sichem (V.6) und östlich von Bethel (V.8). An diesem zweiten Ort rief er den Namen des Herrn an, d.h. er rief Jahwe bei seinem Namen an (vgl. 1. Mo 21,33; 1. Mo 26,25). Luther hat dieses Verb mit »predigen« übersetzt und hatte sich damit nicht weit von der eigentlichen Bedeutung entfernt. Gott hatte also inmitten der Kanaaniter, die zu der Zeit im Lande wohnten, einen Zeugen. In der Tat ist die Erwähnung des großen Baumes More (wörtl. »der Lehrer«) im Zusammenhang mit folgendem bedeutsam. Die Kanaaniter besaßen Schreine in Eichenhainen. More könnte eines ihrer Kultzentren gewesen sein.



In Sichem erschien Jahwe Abram, um seine Verheißung zu bestätigen und Abrams Glauben zu belohnen: Deinen Nachkommen will ich dieses Land geben (1. Mo 12,7). Abram kam in das Land, und Gott zeigte es ihm. Es wurde aber seinen Nachkommen, nicht ihm selbst, gegeben. In der Tat, als Abram starb, war sein einziger wirklicher Besitz eine Höhle, die er für die Begräbnisse seiner Familie gekauft hatte (1. Mo 23,17). Nachdem Gott seine Verheißung bestätigt und erneuert hatte, blieb Abram in dem Land und wartete auf die Erfüllung der Verheißung. Aber die Kanaaniter besaßen das ganze gute, fruchtbare Land. Abram mußte sich etappenweise in Richtung der großen, furchtbaren Wüste Negev (»Südland«) (1. Mo 12,9) aufmachen, die öde und unfruchtbar südlich von Kanaan liegt.
Für Israel machte die Berufung ihres großen Patriarchen deutlich, daß die ihnen gegebenen Verheißungen von Gott gekommen waren, die Verheißung einer großen Nation, eines Landes, des Segens Gottes und des souveränen Schutzes. Jahwes Erscheinen und seine Bestätigung (V.7) stellten unter Beweis, daß Kanaan das für Israel vorgesehene Land war. Aber Gott forderte eine Antwort im Glauben, wenn diese Generation die verheißenen Segnungen empfangen wollte. Der Glaube nimmt Gott bei seinem Wort und gehorcht ihm.

[[@Bible:1 mose 12:10]]c.Abram und Sarai in Ägypten (12,10-20)

Dieser Bericht über den Aufenthalt in Ägypten ist weit mehr als nur eine Ermahnung zur Aufrichtigkeit, obwohl die Erzählung sicherlich auch vor der Torheit des Betrugs warnen will. Die Behauptung »sie ist meine Schwester« taucht dreimal in den Erzählungen von den Patriarchen auf (V.13; 1. Mo 20,2; 1. Mo 26,7). Von bibelkritischer Seite behauptet man, daß diese Erwähnungen auf ein und dasselbe Ereignis anspielen. Aber beim zweiten Mal erklärt Abram, daß dieses Vorgehen überall seine Taktik war, wo er hinkam (1. Mo 20,13). Demzufolge überrascht es nicht, daß er seine Lüge wiederholt und sein Sohn sie übernimmt.
Die absichtliche Parallele zwischen dem Aufenthalt Abrams in Ägypten und der späteren Gefangenschaft des Volkes Israels in Ägypten kann dem Leser nicht entgehen. Die Motive sind bemerkenswert ähnlich: die Hungersnot im Land (1. Mo 12,10; 1. Mo 47,13), das Hinaufziehen nach Ägypten, um dort zu wohnen (1. Mo 12,10; 1. Mo 47,27), der Versuch, Männer (bzw. männliche Kinder) zu töten, aber Frauen (bzw. weibliche Kinder) am Leben zu lassen (1. Mo 12,12; 2.Mose 1,22), die Plagen in Ägypten (1.Mose 12,17; 2.Mose 7,14-2. Mo 11,10), der Ruin Ägyptens (1.Mose 12,16; 2.Mose 12,35-36), die Errettung (1.Mose 12,19; 2.Mose 15) und das Herabziehen zum Negev (1.Mose 13,1; 4.Mose 13,17.22). Die große Erlösung aus der Gefangenschaft, die Israel erfuhr, war also bereits in ihrem Vorfahren erfüllt worden und wurde für sie möglicherweise zu einer Quelle des Trostes und der Ermutigung. Gott hatte mehr getan, als nur die Errettung für eine zukünftige Nation zu verheißen. Es war, als ob er in Abram ihre Errettung im voraus ausgeführt hätte.
In bezug auf die Botschaft des Buches wurde 1.Mose 12,10-20 bezeichnenderweise direkt hinter die Berufung Abrams und seinen Gehorsamsschritt plaziert. In diesem Bericht wandelte Abram nicht so wie zu Beginn im Glauben, aber Gott hatte ihm Verheißungen gegeben und würde sie auch erfüllen. Abram war nicht der einzige Patriarch, der auf recht unrühmliche Weise aus solchen Schwierigkeiten gerettet werden mußte.
1. Mo 12,10-13: Abrams Plan, der aus seiner Angst heraus geboren wurde, kehrte sich gegen ihn. Gottes Verheißung an ihn wurde gefährdet. Nur Gott konnte seine Frau retten, damit die Verheißung an Abram erfüllt werden konnte. Abram, der sich einer Hungersnot ausgesetzt sah, faßte den Entschluß, nach Ägypten zu ziehen, um dort zu wohnen und sich eine Zeitlang aufzuhalten, ohne die Absicht zu haben, sich dort anzusiedeln. Weitere Hungersnöte in Palästina werden in 1.Mose 26,1; 1. Mo 41,56 erwähnt. Abram kann für diesen Umzug nicht getadelt werden, auch wenn nirgends gesagt wird, daß er im Glauben gehandelt habe. Der typische Plan eines Beduinen, den Abram sich erdacht hatte, bestand darin, mit einer Halbwahrheit von seiner Schwester-Frau zu sprechen. Das war ein listiger Weg, sein eigenes Gewissen zu beschwichtigen. Sarai war in der Tat seine Schwester (d.h. eine Halbschwester; vgl. 1. Mo 20,12). Abram übermittelte den Ägyptern nur das, was er sie wissen lassen wollte. Sein Motiv lag unzweifelhaft in den Gesetzen der frateriarchischen Gesellschaft (vgl. Laban, 24,29-61) begründet. Im feindlichen Gebiet konnte ein Ehemann wegen seiner Frau getötet werden. Wenn aber Abram als ihr Bruder bekannt würde und jemand, der sie zur Frau haben wollte, bei ihm um ihre Hand anhielte, könnte ihm das möglicherweise Zeit geben, die Situation nach seinen eigenen Wünschen zu bewältigen.
1. Mo 12,14-16: Ihre ironische Wendung erhält die Geschichte dadurch, daß jemand Sarai zur Frau haben wollte; und zwar jemand, der es nicht nötig hatte, um sie zu handeln, nämlich der Pharao selbst. Genau die eigenen Worte Abrams (»auf daß mir's wohlgehe«, V.13) kamen auf ihn selbst wieder zurück. Der Pharao tat Abram Gutes aufgrund der Schönheit Sarais und Abram wurde sehr reich (vgl. später die gute Behandlung des Urenkels Abrahams, Josef, durch den Pharao, 1. Mo 41,41-43 und des Enkels Abrahams, Jakob, 1. Mo 45,16-20). Aber dieses Handeln kettete Abram an eine Verpflichtung, von der er sich selbst nicht mehr lösen konnte. Durch sein Vorgehen verlor er fast seine Frau, und ohne Sarai wäre die verheißene Segnung verloren gewesen.
1. Mo 12,17-20: Aber der Herr schlug die Bewohner des ägyptischen Palastes mit großen Plagen. Nur durch das Eingreifen Gottes konnte Sarai vor dem Harem des Pharaos unversehrt bewahrt werden. Mit der Rettung ging eine königliche Rüge (V.18-19) und die Vertreibung aus dem Land (V.20) einher. Die Ägypter waren ein abergläubisches Volk, so daß solche Plagen ihnen unheilvoll erscheinen mußten. Der Befehl des Pharaos an Abram, fortzuziehen (nimm sie und zieh fort!) steht parallel zu den Worten von Abrams Berufung durch Gott (»Verlaß dein Vaterland...und geh!; V.1). Pharaos Worte wurden jedoch in Schmach gesprochen.
Man kann sicher in diesem Bericht erkennen, wie Gott die Familie des Patriarchen durch Plagen aus der Hand der Ägypter rettete und wie dadurch der noch in der Zukunft liegende Auszug sein Vorbild erhielt. Aber diese erste Errettung war aufgrund von Abrams betrügerischer Täuschung nötig geworden. Trotz der Schwierigkeiten, die Abram für seine eigene Person verursachte, hielt sich Gott treu an sein Wort und ließ nicht zu, daß sein Plan durch die Torheit dieses Mannes gefährdet wurde. Vielleicht spürte Abram, daß der leichteste Weg aus der Gefahr heraus der sei, den Pharao über den wahren Sachverhalt hinwegzutäuschen. Aber dieses Vorgehen brachte ihn erst in Gefahr und setzte die Verheißung Gottes aufs Spiel. Gottes Diener müssen Gott völlig vertrauen und nicht zu selbsterdachten Plänen Zuflucht nehmen.
Zunächst ging es Abram als Folge seines Betrugs sehr gut. Er wurde reich, aber diese Reichtümer hätten ihn davon abbringen können, Sarai zurückzuerhalten und damit den Menschen, der zur Erfüllung der Verheißung notwendig war. Darüberhinaus nimmt man allgemein an, daß Abram Hagar während seines Aufenthaltes in Ägypten erworben hatte. Indem er seine Frau Sarai »weggegeben« hatte, konnte Abram Hagar, die später seine Magd und Nebenfrau wurde, erwerben (1. Mo 16,1-2).
Mose wollte, daß seine Leser lernen, wie Gott seinen Plan durch göttliches Eingreifen und Errettung gnädig zur Ausführung brachte. Er wollte auch deutlich machen, wie töricht es ist, wenn Menschen sich selbst durch Betrug und Täuschung aus heiklen Situationen zu retten versuchen.



[[@Bible:1 mose 13]]d.Die Trennung von Lot (1. Mose 13)

Aufgrund des Problems des Überlebens, das sich dadurch steigerte, daß Abram und Lot so große Besitztümer hatten (V.6), gerieten die Knechte schnell miteinander in Streit (V.7), so daß sich ihre Anführer Abram und Lot voneinander trennen mußten. Sie gingen getrennte Wege. Man hätte erwarten können, daß Abram, der die göttliche Verheißung empfangen hatte, seine Rechte wahrnähme und als erster wählte. Aber großherzig bat er Lot, zuerst zu wählen. Lot traf seine Wahl einzig auf der menschlichen Ebene und sättigte sich mit dem guten Teil des Landes. Abrams Entscheidung, Lot zuerst wählen zu lassen, war unzweifelhaft eine Glaubensentscheidung, indem Abram nicht auf das Zeitliche schaute, sondern auf das Geistliche, d.h. auf Gottes Verheißung.
Kapitel 13 macht deutlich, wie der Glaube Streitigkeiten löst. Man könnte vielleicht sagen, daß Großzügigkeit ein Zeichen des Vertrauens in Gottes Verheißungen ist. Der Glaube verlangt nicht selbstsüchtig nach der Erfüllung der eigenen Wünsche. Er ist vielmehr großzügig, großherzig und verleugnet sich selbst.
1. Mo 13,1-7: Vers 1-4 geben der Erzählung ihren Rahmen, wobei der Rahmen selbst eine eigene Begebenheit darstellt. Inmitten von Gottes Segnungen entsteht ein Konflikt. Die ersten Verse heben die Rückkehr Abrams an den Ort hervor, an dem er am Anfang gewesen war. Hier muß die Betonung auf früher und zuerst (»vormals«) bei der Beschreibung seiner Rückkehr in das Land (V.3-4) auffallen. Ins Land zurückgekehrt, erneuerte Abram die Verehrung und Anrufung des Herrn (Jahwe) an einem Altar (vgl. 1. Mo 12,8).
Recht bedeutsam in diesem Abschnitt ist der Hinweis auf den Reichtum Abrams (1. Mo 13,2, sehr reich an Vieh und an Silber und an Gold) und auf den Reichtum Lots, der mit ihm gezogen war (V.5 Schafe und Rinder und Zelte). Sie waren beide sehr reich geworden. Bei Lot wird besonders hervorgehoben, daß er Zelte besaß, worauf später näher eingegangen wird.
Aber als sie sich wieder mitten im Land befanden und um sie herum Kanaaniter und Perisiter wohnten, brachen Streitigkeiten zwischen ihnen aus (V.7). (Die Perisiter waren einer der in Palästina lebenden Stämme, die häufig zusammen mit den Kanaanitern genannt werden; vgl. 1. Mo 34,30; 5.Mose 7,1; Ri 1,4; Ri 3,5.) Das Land konnte es nicht ertragen, daß Abram und Lot beieinander wohnten, weil die Kanaaniter die besten Teile des Landes bewohnten. Die Knechte Abrams und Lots mußten sich im verbliebenen Teil über Wasser und Nahrung auseinandersetzen. In dieser schwierigen Situation brach Streit (rîb) aus. (Dieser hebr. Begriff wurde später zur Bezeichnung einer legalen Auseinandersetzung in Israel benutzt.)
1. Mo 13,8-13: Die Lösung Abrams in diesem Streit war das großherzige Angebot, Lot zuerst seinen Landstrich wählen zu lassen. Es ist fast Ironie, denn man hätte erwarten können, daß Abram an dem ihm verheißenen Gut festgehalten und Lot angewiesen hätte, sich sein Land selbst zu suchen.
Abrams Warnung: Laß doch keinen Streit sein zwischen mir und dir (merîbâh, verwandt mit dem Wort rîb) muß die Herzen der Israeliten angerührt haben, als sie diese Begebenheit später im Zusammenhang mit den Ereignissen in Meriba lasen (2.Mose 17,1- 7). In der dortigen Wildnis gab es kein Wasser, und das Volk murrte gegen Jahwe, so daß Mose an den Felsen schlug. Daraufhin wurden Massa (»Versuchung«) und Meriba (»Murren«) zu unheilvollen Begriffen, weil das Volk Jahwe erzürnt hatte und zur Wanderschaft in die Wildnis hinausgeschickt wurde, bis es starb (Ps 95,10). Ihre Selbstsucht bewies ihren Unglauben (Ps 95,10), so daß sie nicht in das Land kamen (Ps 95,11). Auch hier war die Wahl Lots ganz und gar selbstsüchtig. Er verließ Abram und brach nach Sodom auf (1.Mose 13,12). Gottes warnende Ankündigung (Ps 95,8-11) war Abrams Warnung (1.Mose 13,8) sehr ähnlich.
Der Beweggrund für eine solche Trennung ist nicht schwer zu finden - sie waren Brüder, d.h. Verwandte (V.8). Ihre gemeinsame Verbindung, die sie so lange vereint hatte, wollte Abram nicht zerstört sehen. Um sie zu erhalten, schien die Trennung die einzige Möglichkeit zu sein.
Wieder tritt das Land hervor. Abram bot Lot die Wahl über das ganze Land an, das rechtmäßig Abram gehörte. Lot sah auf (wörtl. »hob [nasa´] seine Augen auf«) und sah (ra´âh); vgl. V.14) die ganze Ebene (Gebiet) des Jordan-Tales. Dieses Tal war saftig, fruchtbar und wasserreich wie der Garten Gottes. (Zoar war eine kleine Stadt in der Ebene, in die Lot und seine Familie flohen, 1. Mo 19,18-22. Vordem wurde sie Bela genannt, 1. Mo 14,2.8.) Es mag dies eine ernste Erinnerung an den ersten Blick in heftigem Begehren in ein solches paradiesisches Gartenland sein (1. Mo 3,6). Sicher ist der im Temporalsatz gegebene Hinweis unheilverkündend - bevor der Herr Sodom und Gomorra zerstört hatte - als wenn das bedeuten sollte, daß das, was Lot sich erwählt hatte, nur kurz bestehen sollte. Ohne auf Abram Rücksicht zu nehmen, traf Lot seine Wahl und beging damit den größten Fehler seines Lebens.
Er schlug seine Zelte bei Sodom auf, wo die Menschen böse waren und sehr vor dem Herrn sündigten. Kapitel 19 offenbart später ihre Verdorbenheit.
1. Mo 13,14-18: Dieser dritte Abschnitt in diesem Kapitel vermittelt Trost: Jahwe bestätigt seine Verheißung. Die Unterbrechung in der Erzählung wird durch (wörtl.) »Und der Herr...« gekennzeichnet. Vers 14-17 erläutern, warum Abram Lot die Wahl über das ganze Land überlassen konnte: Er hatte die sichere Verheißung Gottes empfangen. Er hatte begriffen, daß er in Gott alles im Überfluß besaß. Weil Abram wußte, daß die Verheißung Gottes wahr war, kam es ihm nicht mehr darauf an, welchen Teil Lot für sich wählen würde. Wer die Verheißung Gottes für seine Versorgung besitzt, muß sein Herz nicht an Vergängliches hängen.
In Vers 14-17 unterscheidet sich Abram erheblich von Lot. Lot hatte gehandelt und das für sich genommen, was er für das beste gehalten hatte. Nun formulierte Jahwe seine Gedanken noch einmal neu und gab Abram mit Geboten seine Anweisungen. Abram sollte seine Augen aufheben (nasa´) und schauen (ra´âh, V.14; vgl. V.10) und damit das tun, was Lot schon autonom getan hatte. Abram wartete auf Gott, damit dieser ihm das Land geben solle, Lot nahm es sich selbst. Gott versicherte erneut, daß er das Land Abram als seinen Besitz geben werde. Wieviel besser ist es, wenn Gott gibt, als wenn es sich ein Mensch selbständig aneignet. Gott verhieß Abram auch, daß seine Nachkommen so zahlreich sein würden wie der Staub der Erde (vgl. 1. Mo 22,17; 1. Mo 28,14). Dann bat ihn Gott, das Land zu durchziehen und seinen Besitz zu betrachten. Kapitel 13 schließt ebenso, wie es begonnen hat: Abram ließ sich nieder und zwar jetzt nahe den großen Bäumen von Mamre (vgl. 1. Mo 14,13; bei Hebron, ca. 40 km südlich von Jerusalem) und errichtete Jahwe einen Altar.
Kaum ein anderes Kapitel der Bibel beschreibt so wunderbar, was Glauben ist. Hier war der Patriarch wahrhaftig gläubig und verehrte Jahwe, auch wenn dieser Glaube einen Konflikt heraufbeschwor. Lot, der nach dem Anschein ging, wählte das, was ihm gefiel. Seine Wahl war selbstsüchtig und selbstgefällig. Aber diese Entscheidung wurde gefährlich und kurzlebig, weil nicht alles tatsächlich so schön war, wie es an seiner Oberfläche erschien. Abram auf der anderen Seite, der im Glauben stand, ließ großzügig Lot zuerst wählen. Er handelte selbstlos und vertraute Gott. Er hatte erfahren, daß er weder mit seinen eigenen Plänen in den Besitz des Landes gelangen würde noch durch eifersüchtiges Bewachen seines Territoriums. Er handelte gerecht und großherzig. Wer darauf vertraut, daß Gott versprochen hat, für ihn zu sorgen, kann nicht gierig auf seinen eigenen Gewinn bedacht oder habsüchtig sein.

[[@Bible:1 mose 14:1]]e.Der Sieg über die Könige des Ostens (14,1-16)

Der Bericht von der Schlacht der vier gegen die fünf Könige ist besonders interessant, weil Gott auch damit seine Verheißung erfüllt hat. Gott hatte versprochen, Abram groß zu machen, die zu segnen, die ihn segnen und die zu verfluchen, die ihn verfluchen (1. Mo 12,3). Kapitel 14 beschreibt ein typisches »internationales« Kampfgefecht in der Alten Welt, in der mächtige Nationen sich verbündet hatten, um zu plündern und die Gebiete nahe der Landesgrenze, die Abram von Gott versprochen waren, zu unterwerfen.
1. Mo 14,1-12: In dem Bemühen, eine Rebellion niederzuwerfen (V.4) fielen vier mächtige Könige aus dem Osten in das Jordantal nahe dem Salzmeer, d.h. dem Toten Meer (V.3), ein. Sie schlugen die Kämpfer dieser Region nieder (V.5-7), raubten die fünf jordanischen Könige aus (V.8-11) und nahmen Lot gefangen (V.12).
Die Archäologie leistet uns große Dienste, um den Hintergrund dieses Kapitels zu verstehen. Die Namen der Könige sind aus keinem außerbiblischen Fund bekannt, aber ihre Bezeichnungen fügen sich problemlos in diese Epoche im Nahen Osten ein, und zwar in ganz besonderer Weise in die Welt der mesopotamischen Könige. (Der Name Arriyuk, Arjoch sehr ähnlich, wurde in Mari aufgefunden; Kedor-Laomer paßt auf den Namen Kudur und Tudhalia, was an Tidal erinnert, findet sich in der frühen hetitischen Literatur.) Darüberhinaus war der Zusammenschluß von Stadtstaaten (»Völkern«) im Militärdienst durchaus üblich.
Inzwischen ist auch von vielen Gebieten und Städten bekannt, wo sie sich im einzelnen befanden. Schinar (vgl. 1. Mo 10,10) ist ein anderer Name für Babylonien. Elam (vgl. 1. Mo 10,22) befand sich östlich von Schinar. Ellasar und Gojim konnten nicht lokalisiert werden. Sodom, Gomorra, Adma, Zebojim und Bela (d.h. Zoar; vgl. 1. Mo 19,22) - die Städte der fünf Könige, die gegen Kedor-Laomer rebelliert hatten - lagen beim Salz- (Toten)meer. Aschterot und Karnajim (1. Mo 14,5) befanden sich in Hauran, dem alten Baschan, östlich vom See Kinneret (im NT: See Gennesaret). Ham lag im Osten Gileads südlich von Baschan. Schawe Kirjatajim befand sich östlich des Toten Meeres und das Bergland von Seïr südostlich des Toten Meeres in der später als Edom bekannten Region. El-Paran heißt heute Elat und liegt am Golf von Akaba. Kadesch und Hazezon-Tamar befanden sich südwestlich des Toten Meeres. Die Route der Eroberer war in der Antike wohlbekannt und wurde als die »Königsstraße« bezeichnet (4.Mose 20,17; 4. Mo 21,22). Die vier Könige Kedor-Laomer, Tidal, Amrafel und Arjoch (1.Mo 14,9) zogen den Jordan am östlichen Ufer hinab, kehrten in Araba um (dem Senkungsgraben südlich des Toten Meeres), zogen nach Kadesch, dann nach Hazezon-Tamar und schließlich in die Region Sodoms und Gomorras im Tal Siddim (V.8.10). Die fünf Städte der Ebene lagen offensichtlich im südlichen Ende des Tales nahe beieinander (Unger, Archaeology and the Old Testament, S.114-118). Die vier Könige plünderten Sodom und Gomorra aus und nahmen Lot gefangen.
1. Mo 14,13-16: Als Abram von dem Einfall und der Gefangennahme Lots hörte, versammelte er seine 318 ausgebildeten Männer, und zusammen mit seinen Verbündeten (V.13) verfolgte und besiegte er die Invasoren in einem Nachtangriff. Er jagte ihnen den ganzen Weg bis nach Dan nach, der zukünftigen nördlichen Grenze des verheißenen Landes (240 km von Abrams Heimat in Hebron entfernt). Dan wurde später Leschem (Jos 19,47) oder Lajisch (Ri 18,29) genannt. In der Nacht verfolgte Abram sie bis nach Hoba, das weitere 170 km nördlich von Dan liegt, brachte Lot und alle seine Habe zurück und ebenso dessen Familie und andere Gefangene. Das war ein eindrucksvoller Sieg für den Patriarchen über vier führende Könige, die vorher einen so großen Teil Transjordaniens und der Gebiete südlich des Toten Meeres erobert hatten.
Abram, der Hebräer (`ibrî, 1.Mose 14,13), wurde nun als Stammesführer anerkannt. Hier taucht zum ersten Mal in der Bibel das Wort »Hebräer« auf. Obwohl man den Begriff »Hebräer« nicht mit einer später auftretenden Gruppe plündernder Soldaten, die als die »Habiru« bekannt waren, gleichsetzen darf, könnten beide Begriffe etymologisch miteinander verwandt sein. In der Tat zeigt das militärische Handeln Abrams in diesem Kapitel, daß diese bedeutungsvolle Bezeichnung dazu paßt. So war Abram zu einer Macht geworden, mit der die Völker zu rechnen hatten.
Durch die Ansiedlung Lots in Sodom wurde Abram in den Konflikt hineingezogen. Abram wohnte in Hebron (1. Mo 13,18), hatte aber mit Mamre, dem Amoriter und seinen Brüdern Eschkol und Aner einen Bund geschlossen (1. Mo 14,13; vgl. V.24). Hier hat der Bund für Abraham zum Guten ausgeschlagen, denn die Amoriter, die ihm erlaubt hatten, bei ihnen zu wohnen, mußten auch mit ihm kämpfen. Wenn der Begriff »Amoriter« alleine benutzt wird, bezieht er sich auf westliche semitische Völker, die in den transjordanischen Königreichen und den Gebirgen Palästinas lebten. Diese Amoriter waren eine kleine ethnische Gruppe. Es handelte sich dabei nicht um das große Volk der Amoriter, das in das alte Sumer und den Westen einströmte.
Abram war der Befehlshaber der Schlacht gewesen, und so wurde ihm der Sieg zugeschrieben (V.17). Allerdings erklärt das den Triumph nicht vollständig. Später hat Melchisedek den Sieg Gott selbst als Teil der Segnungen Gottes an dem Patriarchen zugeschrieben (V.20). Gott hat durch das Leben Abrams in Übereinstimmung mit seiner Verheißung gewirkt. Als die Invasoren das Land plünderten und seinen Verwandten, der ihm aber bereits Schwierigkeiten bereitet hatte, entführten, griff Abram sofort ins Geschehen ein.
Israel sollte daran lernen, daß Gott seinem auserwählten Volk über die Feinde, die das verheißene Land plündern, Sieg gibt. Das muß für Gottes Volk in der Zeit der Richter und späterer Invasionen eine Ermutigung gewesen sein. Natürlich waren der Glaube und der Gehorsam Voraussetzungen für den Sieg.
Im AT wurde vielfach Krieg geführt. Er war aber auch in geistlicher Hinsicht in Beziehung auf den Glauben von großer Bedeutung. Das NT lehrt, daß der Kampf und die Waffen eines Christen geistlicher Natur und die Verheißungen Gottes ewig sind. Paulus stellt den Tod Christi als einen Sieg dar (Eph 4,8) und gebraucht dafür militärische Ausdrücke. In diesem Sieg bezwang er die Sünde und den Tod. Christi Gaben sind geistliche Gaben für seine Knechte, um sie in seinem Dienst zu gebrauchen. Mit diesen geistlichen Gaben und ausgerüstet mit geistlichen Waffen, sollen Christen für Recht, Wahrheit und Gerechtigkeit (Eph 6,10-19) kämpfen. Gott verleiht seinem Volk Sieg über die Welt in Übereinstimmung mit seinen Verheißungen, zu segnen und zu verfluchen. Er gebraucht seine Diener, die seine göttliche Berufung kennen und die die Waffen der geistlichen Kriegsführung mit Geschick gebrauchen.

[[@Bible:1 mose 14:17]]f.Die Segnung durch Melchisedek (14,17-24)

1. Mo 14,17-21: Hier finden wir eine der faszinierendsten Begegnungen im AT. Zwei Könige treffen bei seiner Rückkehr vom Kampf auf Abram. Viel unterschiedlicher hätten sie nicht sein können. Im Gegensatz zu der verderbten Stadt Sodom und ihrem Herrscher Bera (V.2), der ebenfalls ohne Zweifel ein schlechter, gottloser Mensch war, stand Melchisedek, der König von Salem (d.h. von Jerusalem, Ps 76,3), ein Priester Gottes des Höchsten (1.Mose 14,18). Der Name Melchisedek bedeutet »König der Gerechtigkeit« und weist auf einen gerechten Herrscher als Stellvertreter Gottes hin. (Einige Ausleger halten Melchisedek für eine Gotteserscheinung, eine Erscheinung des noch nicht fleischgewordenen Jesu Christi.)
Melchisedek war der einzige, den Abram als geistlich über ihm stehend betrachtete. Abram nahm seine Segnung an (V.19) und bezahlte ihm ein Zehntel (den Zehnten) von allem, was er hatte (V.20). Abram tat das im vollen Bewußtsein seines Handelns. Es wird klar, wie gottesfürchtig und demütig Abram sogar noch nach seinem Sieg war. Er erkannte, daß die Offenbarung Gottes nicht auf seine Person beschränkt war. Während sich die Aufmerksamkeit des Lesers ungeteilt auf Abram richtet, der die geistliche Hoffnung der ganzen Welt in sich trägt, taucht aus einem unbedeutenden Tal Kanaans ein Mann auf, der Gott noch näher steht als Abram und der Abram segnete. Das Tal war das Tal Schawe (V.17), vielleicht das Tal Kidron bei Jerusalem (vgl. 2.Sam 18,18).
Die Gegenüberstellung Abrams mit den Königen ist chiastisch (über Kreuz) aufgebaut: (a) der König von Sodom traf auf Abram (1.Mose 14,17), (b) der König von Salem traf auf Abram (V.18), (b') der König von Salem segnete Abram (V.19-20), (a') der König von Sodom bot Abram einen Handel an (V.21). Die Tatsache, daß das Angebot des Königs von Sodom nach der Segnung Melchisedeks erfolgte, half Abram, die Dinge aus der richtigen Perspektive zu sehen.
1. Mo 14,22-24: Abram schwor vor dem Herrn, dem höchsten Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde (vgl. V.19), daß er nichts von dem Besitz Sodoms nehmen würde, damit sich es der König von Sodom nicht als Verdienst anrechnete, Abram reich gemacht zu haben.
Das Ereignis war eine Prüfung für Abrams Glauben nach einem großen Sieg. Bera, der König von Sodom, bot Abram ein reizvolles Geschäft an. Aber Abram, der wohl wußte, was er dem König von Sodom angetan hatte, erkannte, daß die Annahme der Kriegsbeute von Sodom, die er erbeutet hatte, ihn von Bera abhängig machen würde. Er erstrebte etwas weitaus Dauerhafteres als Besitz und Reichtum. Er wünschte sich die Erfüllung von Gottes wunderbarer und ewig gültiger Verheißung. Der Glaube blickt über die Reichtümer dieser Welt hinaus zu den weitaus großartigeren Vorhaben Gottes.
Abram wußte, daß er viel wohlhabender werden würde, und er wußte, wer ihn segnete. Er wollte alles von Gott empfangen und auch nicht einen Faden von Sodom annehmen. Gehorsame Gläubige gestalten ihr Leben so, daß sie in allem Erfolg, aller Freude, allem Wohlergehen und allem Wohlstand von Gott abhängig sind. Ihr Glaube ist wie Abrams Glaube tief verwurzelt und wird beständig stärker statt kurzlebig und schwach zu sein. Der König von Sodom war ganz offensichtlich ein verdorbener Mensch, der über ein verdorbenes Reich regierte. Abram erkannte, daß ein Handel mit ihm gefährlich sein könnte. Er hätte folgern können, daß Gott ihn durch dieses Angebot segnen wollte. Aber er konnte die Segnungen Gottes nicht mit dem Besten, was Sodom zu bieten hatte, gleichsetzen.
Melchisedek ist in der Bibel eine wichtige Figur. Er ging Abram voran und war kein levitischer Priester. Als David, der erste König Israels, auf Melchisedeks Thron saß, prophezeite er, daß sein großer Nachkomme, der Messias, ein ewiger Priester nach der Ordnung Melchisedeks sein werde (Ps 110,4).
David sah über die levitische Priesterschaft hinaus, die dann hinweggetan sein würde. Der Hebräerbrief zeigt auf, wie Jesus Christus in seinem Tod die levitische Ordnung erfüllte und den Beginn für ein besseres Hohepriestertum legte. Der Schreiber des Hebräerbriefs machte sich die Anonymität Melchisedeks zunutze, indem er auf Melchisedek als dem vollkommenen Bild Christi Bezug nahm. In 1.Mose, das viele Genealogien und Berichte über biblische Vorfahren enthält, taucht dieser Mann ohne einen einzigen Hinweis auf seine Verwandten auf (Hebr 7,3). Man erinnert sich an Melchisedek als an einen Hohepriester. Weil Abram den Zehnten an Melchisedek gab, ist die Ordnung Melchisedeks höher als Levis, der Abrams Nachkomme war (Hebr 7,4-10).

[[@Bible:1 mose 15]]g.Gott schliesst einen Bund mit Abram (1. Mose 15)

Nachdem Abram Lot gerettet und die Segnung Melchisedeks empfangen hatte, machte der Herr förmlich einen Bund mit Abram und bestätigte darin die Verheißung, die er ihm vorher bereits gegeben hatte (1. Mo 12,2-3). Gott kündigte aber auch eine lange Zeit der Sklaverei an (1. Mo 15,13).
1. Mo 15,1-3: Bevor Gott den Bund mit Abram schloß, beseitigte er dessen Angst und Zweifel durch ein Wort der Ermutigung: Fürchte dich nicht. Ich bin dein Schild. Als der Herr Abram verhieß, daß sein Lohn sehr groß sein würde, fragte der Patriarch sofort, was er von Gott empfangen werde, denn er war kinderlos. Das zeigt seinen Glauben. Seine geistliche Sicht war nicht durch das Angebot Beras getrübt worden (1. Mo 14,22-24). Abram hatte weiterhin nur eine Hoffnung, nämlich die Verheißung, die Gott ihm zu Anfang gegeben hatte (1. Mo 12,2-3). Abram brachte sein Anliegen durch ein Wortspiel, bezogen auf die Herkunft seines Knechtes Eliëser, vor: Eliëser von Damaskus (Dammeseq) ist der Erbe (ben mešeq, wörtl. »Sohn des Besitzes«) meines Besitzes (1. Mo 15,2). Es scheint fast so, als wollte Abram Gott gegenüber betonen: »Nomen est omen«. Nur ein Knecht würde sein Erbe werden.
1. Mo 15,4-6: Aber der Herr antwortete in aller Deutlichkeit: Dieser Mann (er gebrauchte Eliësers Namen nicht) wird nicht dein Erbe sein. Ein Sohn, der von Abrams eigenem Leib kommen würde, soll sein Erbe sein. Dann zeigte Gott Abram die Sterne und verhieß ihm, daß seine Nachkommen so zahlreich wie die Sterne sein würden (vgl. 1. Mo 22,17; 1. Mo 26,4). Das mächtige Wort Gottes, das die Sterne erschaffen hatte, konnte auch Abram Nachkommen schaffen.
Abram glaubte (wörtl. »glaubte daran«) dem Herrn und das wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet. Diese grundlegende Wahrheit wird dreimal im NT wiederholt (Röm 4,3; Gal 3,6; Jak 2,23), um deutlich zu machen, daß Gerechtigkeit vor Gott durch Glauben erlangt wird.
1.Mose 15,6 enthält eine wichtige Bemerkung, beschreibt aber eigentlich nicht die Umkehr Abrams. Diese war viele Jahre vorher geschehen, als er Ur verließ. (Die hebr. Form »glaubte« zeigt, daß sein Glaube nicht nach den in den Versen 1-5 geschilderten Ereignissen begann.) Abrams Glaube wird hier erwähnt, weil er die unbedingte Grundlage für den Bund mit Gott darstellte. Der abramitische Bund verschaffte Abram keine Erlösung. Es war ein Bund, der mit Abram geschlossen wurde, der bereits geglaubt hatte und dem bereits Gerechtigkeit zugerechnet wurde. Die Bibel lehrt ganz klar, daß in allen Zeitaltern Gerechtigkeit (d.h. Errettung) nur auf den Glauben zurückgeführt werden kann.
1. Mo 15,7-10: In dem feierlichen Geschehen, bei dem der Herr mit Abram einen verbindlichen Bund schloß, versicherte ihn Gott der schließlichen Erfüllung seiner Verheißungen (V.7.18-21). Gott kündigte fernerhin eine 400 Jahre dauernde Knechtschaft für die Nachkommen Abrams an (V.13-16).
Abram befolgte die Anweisungen Gottes und zerteilte (V.10) drei Tiere - eine Kuh, eine Ziege und einen Widder (V.9) - und brachte außerdem eine Turteltaube und eine andere Taube dar.
1. Mo 15,11-16: Dann überkam Abram plötzlich ein großer Schrecken, weil unreine Raubvögel auf die geopferten Tiere niederstießen, was zweifellos ein böses Omen war. Die Ankündigung Gottes über die Gefangenschaft Israels (V.13-14) wirft Licht auf die Bedeutung der angreifenden Vögel. Das Wort unterdrücken (`anâh, V.13; vgl. 1. Mo 16,6) ist derselbe Begriff, der in 2.Mose 1,11-12 zur Beschreibung der Unterdrückung Israels in Ägypten gebraucht wird. Ägypten war, wie die Raubvögel, ein Feind des Bundes Gottes, der aber doch letztendlich erfüllt wird. Als die Israeliten in den Tagen Moses in Ägypten waren, konnten sie die Jahre nicht zählen und erkennen, daß 400 Jahre vergangen waren (von dem Jahr an, d.h. dem Jahr 1876 v.Chr., in dem Jakob nach Ägypten gekommen war; vgl. die Übersicht »Chronologie der Patriarchen« zu 1.Mose 47,28-31) und die Zeit ihrer Erlösung aus der Sklaverei gekommen war (sie werden ausziehen). 2.Mose 12,40 und Gal 3,17 berichten von 430 Jahren ägyptischer Sklaverei (von 1876 bis 1446). Offensichtlich werden in 1.Mose 15,13 und Apg 7,6 mit der Angabe von 400 Jahren gerundete Zahlen genannt (vgl. den Kommentar zu Apg 7,6 und Gal 3,17).
Gott ist gerecht und wollte zulassen, daß die Sünde der Amoriter erst voll werden sollte, bevor er sie richtete (1.Mose 15,16). (Vgl. den Kommentar zu den Amoritern in 1. Mo 14,13-16.) Gott duldete ihre Sünden, bis Israel und Josua Palästina einnahmen. So schloß die Erfüllung der Verheißungen Abrams ein Vergeltungsgericht an den Bewohnern des Landes Kanaans mit ein. Abrams Samen würde eines Tages das Land besitzen, aber nicht eine Stunde bevor es die absolute Gerechtigkeit erforderlich machte. Gott mußte vieles tun, bevor er seine Verheißung erfüllen konnte. Das schloß auch mit ein, sein Volk zu erziehen, um es darauf vorzubereiten, die Verheißung zu empfangen. Es war ebenso schrecklich für Abram, dies alles im voraus zu erkennen, wie die Raubvögel zu sehen.
1. Mo 15,17-21: Nach Sonnenuntergang offenbarte sich Gott selbst in Verbindung mit dem Bild eines Ofens (rauchender Feuerofen) und einer Feuerflamme, zwei Elementen, die mit dem Opferritual im Alten Orient in Zusammenhang standen. Diese Bilder waren Teil des Motivs des »Brennens«, das Gottes Eifersucht und Gericht in der Welt beschreibt. Feuer steht sowohl für die verzehrende, reinigende Eifersucht Jahwes als auch für seine unnahbare Heiligkeit, die miteinander zusammenhängen (vgl. Jes 6,3-7). In der Dunkelheit (1.Mose 15,17) erkannte Abram nichts in dem Erscheinungsbild außer den brennenden Elementen, die zwischen die Stücke der geschlachteten Tiere hineinfuhren. Der heilige Gott strebte danach, die Völker zu richten und die Verheißung seines Bundes an Israel zu erfüllen. Er fuhr herab und schloß (wörtl. »schnitt«) einen förmlichen Vertrag (einen Bund) mit Abram (den Abramsbund). Weil Gott bei keinem größeren »schwören« (den Bund bekräftigen) konnte, »schwor er bei sich selbst« (Hebr 6,13). Oder anders gesagt, war dies ein einseitiger Bund. Deswegen waren seine Zusicherungen auch absolut sicher.
Gott bezeichnete die geographischen Grenzen des Landes Israel noch näher - von dem Strom Ägyptens (Wadi el-Arisch, nicht der Nilfluß) bis an den großen Strom, den Euphrat. Israel hat nie dieses Land in seiner Ganzheit besessen. Es wird es aber besitzen, wenn Christus wiederkommt, um als Messias zu regieren. Die aufgeführten kanaanitischen Stämme (1.Mose 15,19-21) wurden später bei der Eroberung vertrieben.
Für Abram war die Botschaft Gottes deutlich: trotz der Aussicht auf Leiden und Tod (Sklaverei in Gefangenschaft) sollten seine Nachkommen die Verheißungen empfangen, weil Gott sie zugesichert hatte. Dadurch würde Israel bei seinem Auszug Ermutigung erfahren, so wie auch in folgenden Zeiten des Kummers und Elends und sogar während der babylonischen Gefangenschaft. Gottes feierlicher Bund versicherte dem auserwählten Volk die schließliche Erfüllung seiner Verheißungen trotz der Zeiten von Leiden und Tod.
Israel würde auch der Parallele bei Beginn der Erzählung Aufmerksamkeit schenken. Vgl. »Ich bin der Herr [Jahwe], der dich aus Ur in Chaldäa geführt hat«, V.7, mit 2.Mose 20,2: »Ich bin der Herr [Jahwe], dein Gott, der dich aus Ägyptenland... geführt hat.« Das gab Israel die Zusicherung, daß trotz Widerstand und Gefangenschaft Gott ihre Unterdrücker richten und seine Verheißungen erfüllen würde.
Diese Stelle ermutigt auch die neutestamentlichen Gläubigen. Gott versichert feierlich, daß er seine Verheißungen über Errettung und all die Segnungen, die dieses Leben betreffen (vgl. 2.Petr 1,3-4), erfüllen wird; trotz Widerstand, Leiden und sogar Tod. Er hält, was er verspricht.

[[@Bible:1 mose 16:1]]2.Gott schafft Abraham die verheißene Nachkommenschaft. Abrahams Glaube wächst durch Prüfungen (16,1-22,19)


Dieser Erzählzyklus berichtet von dem Kampf, den der Erzvater Abram durchzustehen hatte, während er auf die Erfüllung der Verheißungen Gottes wartete. Er strauchelte bisweilen, aber sein Glaube zeigte sich schließlich deutlich.

[[@Bible:1 mose 16]]a.Der Mangel an Glauben und die Geburt Ismaels (1. Mose 16)

Obgleich der Glaube Abrams sich zeigte und geprüft wurde, erfüllten sich die Verheißungen Gottes doch nur zögernd. In schwachen Momenten weicht man auf andere Pläne aus, Pläne, die nicht vom Glauben gekennzeichnet sind. Die menschlichen Bemühungen, bei der Erfüllung der göttlichen Verheißungen mitzuhelfen, machen die Sache schwieriger. Später sollte Israel erfahren, daß die ohne Gott ausgeführten Dinge die Lage nur schwieriger machten.
1. Mo 16,1-6: Sarai war unfruchtbar, und nach aller menschlichen Kalkulation konnte der Erbe der Verheißung gar nicht von ihr geboren werden. Diese Tatsache brachte das fragwürdige Handeln von Abram und Sarai in Bewegung. Abram lernte jedoch, daß Gottes Verheißung nicht auf diesem Wege erfüllt werden würde.
Nach den Gesetzesbräuchen jener Tage konnte eine unfruchtbare Frau ihre Magd ihrem Ehemann als Ehefrau geben, und das aus dieser Verbindung hervorgehende Kind wurde als das erstgeborene Kind der Ehefrau betrachtet. Wenn der Mann zu dem Sohn seiner Ehefrau-Magd sprach: »Du bist mein Sohn«, wurde er Adoptivkind und Erbe. Also war Sarais Vorschlag nach den Gebräuchen jener Zeit einwandfrei. Aber Gott verwirft häufig die Gebräuche einer Gesellschaft.
Der Plan Sarais, mit Abrams Billigung durchgeführt, nahm jedoch eine bittere Wendung, als die ägyptische Sklavin Hagar schwanger wurde. Hagar begann, Sarai zu verachten. Beide Frauen mögen sich gefragt haben, was aus Abrams Nachkommen werden würde. Würde Hagar ihn bekommen? Infolge des Konfliktes zwischen den Frauen klagte Sarai Abram für die Schwierigkeiten an. Er wies sie an, so zu handeln, wie sie wollte. Sarai demütigte (`anâh; vgl. den Kommentar zu diesem Wort zu 1. Mo 15,13) Hagar, so daß diese floh (1. Mo 16,6).
Nun war Abram, der wie Adam dem falschen Rat seiner Frau gefolgt war (1. Mo 3,17), mitten in der Sache gefangen.
1. Mo 16,7-16: Die Geschichte hat sowohl eine schlechte Seite (Sarai hatte ihre Magd gedemütigt) als auch eine gute (der Engel des Herrn sprach zu Hagar in der Wüste).
Es ist unschwer zu erkennen, was an dieser Geschichte nicht in Ordnung war. Als der Weg des Glaubens (der das geduldige Warten miteinschließt) einmal verlassen und der Weg der menschlichen Kalkulation eingeschlagen worden war, wurde Abram in eine Kette von Ursache und Wirkung gefangen, die ihm in den kommenden Jahren viele Schwierigkeiten bereiten sollte. (Ismael wurde der Vorfahre der Araber, die bis heute die Feinde der Juden sind.)
Der Engel des Herrn fand die Magd in der Wüste bei einer Wasserquelle am Weg nach Schur (vgl. 1. Mo 25,18) auf dem Weg in ihre Heimat, Ägypten. Dies ist einer der vielen Hinweise im AT auf den »Engel des Herrn« (wörtl. »der Engel Jahwes«). Dieser Engel wird in 1. Mo 16,13 mit Jahwe gleichgesetzt, ebenso in 1. Mo 22,11-12; 1. Mo 31,11.13; 1. Mo 48,16; Ri 6,11.16.22; Ri 13,21-23; Sach 3,1-2. Dennoch unterscheidet sich der Engel des Herrn von Jahwe (1.Mose 24,7; 2.Sam 24,16; Sach 1,12). Der »Engel des Herrn« könnte sich also auf eine Gotteserscheinung des noch nicht fleischgewordenen Christus beziehen (vgl. 1.Mose 18,1-2; 1. Mo 19,1; 4.Mose 22,22; Ri 2,1-4; Ri 5,23; Sach 12,8).
Nachdem der Engel Hagar zwei Fragen gestellt hatte (Wo bist du hergekommen, und wo willst du hin?), gab Gott ihr zwei sichere Antworten: Eine war eine Ermahnung - kehre um und demütige dich (1.Mose 16,9) -, und eine war ein Versprechen - sie sollte einen Sohn gebären (V.10-12). Sie nannte Gott einen, der mich sieht (V.13), und zum Gedenken an das Ereignis nannte sie den Brunnen an diesem (uns nicht bekannten) Ort Beer Lahai Roi (»Brunnen des Lebendigen, der mich sieht«; vgl. 1. Mo 24,62; 1. Mo 25,11).
In 1.Mose enthalten häufig die allgemein bekannten Ethymologien (Herkunftsbedeutungen) bereits eine Botschaft. Es handelt sich um rhetorische Kunstgriffe, die aus einem Ereignis die Erklärung eines Namens ableiten. So war der Name eine Gedächtnishilfe, um Ereignisse und ihre Bedeutung in Erinnerung zu rufen. In diesem Abschnitt bilden zwei allgemein bekannte Herleitungen nicht nur den Höhepunkt, sondern die Spitze der ganzen Erzählung. Gott selbst nannte den Knaben Ismael und erklärte dies anschließend: denn der HERR hat dein Elend erhört (1. Mo 16,11). Natürlich bezog er das in erster Linie auf Hagar, aber es traf ebenso auf Abram und Sarai zu.
Die andere Namensgebung war der von Hagar verwendete Gottesname »der, der (nach mir) sieht«, d.h., der, der nach ihr ausschaut. So findet man in diesen zwei Namen eine Welt der Theologie: Gott hört und Gott sieht. Der Ort wurde später zu einem heiligen Ort, an dem Gott gefunden werden konnte, an dem er für sein Volk sorgte und die Schreie seines Volkes hörte.
Die Namen enthalten eine Botschaft. Gott sprach in unmittelbarer Offenbarung, und Hagar antwortete im Glauben. Gott sieht den Kummer und das Elend, und er hört. Sarai sollte das gewußt haben. Weil Gott wußte, daß Sarai unfruchtbar war, hätte Sarai zum Herrn schreien sollen. Stattdessen mußte sie auf schwerem Weg ihre Lektion lernen - und zwar aus der Erfahrung mit einer verachteten Sklaven-Frau, die ironischerweise mit einer Glaubenserfahrung zurückkehrte. Wie sehr mußte Abram sich gerügt sehen, als Hagar erzählte, Gott habe sie geheißen, ihren Sohn Ismael, »Gott hört«, zu nennen.
In großem Kummer (hier die Unfruchtbarkeit Sarais) muß sich der Mensch zum Herrn kehren, weil er die Bekümmerten hört, sie in ihrer Not sieht und auf wunderbare Weise seine Verheißungen erfüllen wird. Durch menschliches Eingreifen können sie nicht herbeigezwungen werden. Einer unfruchtbaren Frau Kinder zu bescheren ist das Werk Gottes (Ps 113,9). Auch Lea hat später erfahren, daß Gott ihren Kummer gehört hat. Deshalb nannte sie ihre Söhne Ruben und Simeon (1.Mose 29,32-33). Sarai stand noch immer der Weg offen, nach ihrem Glauben zu handeln.
So sorgte Gott für die schwangere Frau, die in die Wüste hinausgestoßen worden war. Gott verhieß, daß Hagar eine Stammutter werden würde. Ihr Sohn sollte der Vater eines großen Stammes der wilden, feindseligen Menschen werden (vgl. 1. Mo 25,18), die in der Arabischen Wüste lebten (1. Mo 25,12-18). Aber sie waren nicht die verheißenen Nachkommen, sie komplizierten die Dinge lediglich. Sarais Sünde verursachte die Entstehung der Ismaeliten, eine Ernte, die noch immer eingefahren wird. Tatsächlich wurde später der Urenkel Sarais, Josef, von Ismaeliten nach Ägypten verschleppt (1. Mo 37,28).
Die Lehre für Sarai, Abram, Hagar, Israel und alle Gläubigen ist deutlich: Die Diener Gottes sollen seinen Worten vertrauen und auf ihre Erfüllung warten, indem sie geduldig bis zum Ende ausharren. Es wird in 1.Mose immer klarer, daß jeder Mensch und jedes Volk, das seine Existenz der Erwählung Gottes verdankt, im Glauben leben soll. Menschliche Anstrengungen werden keine Hilfe bringen. Aber die gute Botschaft für Gottes Volk ist, daß der lebendige Gott sieht und hört.

[[@Bible:1 mose 17]]b.Die Verheissung eines Nachkommen wird durch einen Namen und ein Zeichen bestätigt (1. Mose 17)

Dieses Kapitel berichtet (a) von Gottes Zusicherung seiner Verheißungen, indem die Namen Abrams (V.1-8) und Sarais (V.15-18) abgewandelt werden, (b) von Gottes Einsetzung der Beschneidung als ein Zeichen des Bundes (V.9-14), (c) von Gottes verläßlichem Wort hinsichtlich der Erfüllung der Verheißungen durch Sara (V.19-22) und (d) von Abrahams Gehorsam (V.23-27).
In den ersten drei Abschnitten dominiert Gott als Handelnder: Er verheißt Abram einen Sohn und nennt ihn Isaak. Er gibt Abram und Sarai neue Namen, um darin die Verheißung widerzuspiegeln, und er setzt das Zeichen ein.
1. Mo 17,1-8: Gottes Verheißungen an Abram wurden immer großartiger. Er ist Gott, der Allmächtige, und ist vollkommen imstande, alle seine Verheißungen zu erfüllen. (Hier taucht zum ersten Mal im AT der Titel »Gott, der Allmächtige« auf [´el šadday], der in 1.Mose mehrfach gebraucht wird, 1. Mo 17,1; 1. Mo 28,3; 1. Mo 35,11; 1. Mo 43,14; 1. Mo 48,3; vgl. 1. Mo 49,25). Wissenschaftler haben angenommen, daß šadday mit der Akkusativform von šadû verwandt ist, das Brust, Berg oder auch beides bedeuten kann. (Manche Wörter, die Körperteile beschreiben, wurden auch für geographische Gegebenheiten benutzt; so z.B. »Mund/Mündung« eines Flusses, »Fuß« eines Berges.) šadday bezieht sich, wenn Gott es gebraucht, entweder auf seine Fähigkeit, reichlich zu versorgen (»der Überströmende«) oder auf seine majestätische Stärke (»der Allmächtige«). Gott sprach, du wirst der Vater vieler Völker sein (1. Mo 17,4; vgl. »ein großes Volk«, 1. Mo 12,2), und Könige werden von dir kommen (1. Mo 17,6; vgl. V.16). Gott sagte: Der Bund wird für ewig bestehen (V.7). Auch das Land Kanaan, das Abram besitzen sollte (1. Mo 15,7), sollte ein ewiger Besitz der Nachkommen Abrams sein.
Die Veränderung des Namens des Patriarchen war von großer Bedeutung. Abram (1. Mo 17,5) bedeutete »erhabener Vater«, ging auf Terach zurück (1. Mo 11,27) und deutete an, daß Abram aus königlichem Geschlecht stammte. Aber im Hebräischen klingt der Name Abraham (´abrahâm) ähnlich wie »Vater vieler (´ab hamôn) Völker (1. Mo 17,4-5). Sein neuer Name impliziert die Vorausschau auf seine Nachkommen.
Man kann sich gut vorstellen, daß Abram von dem unterdrückten Lächeln auf den Gesichtern seiner Männer verletzt war, als er ihnen mitteilte, sie sollten ihn von nun an Abraham nennen, was Vater vieler Völker bedeutete. Immerhin war er bereits 99 Jahre alt (V.1.24). Dennoch wußte Abraham, daß Gott ihn nicht irregeführt hatte. Sein neuer Name und der neue Name seiner Frau waren die ständige Erinnerung an Gottes gewisses Wort. Immer wenn ihn jemand ansprach, konnte er sich Gottes Verheißung ins Gedächtnis rufen, bis schließlich Isaak, das Kind der Verheißung, ihn »abba« (Vater) nennen würde.
1. Mo 17,9-14: Das andere den Bund bekräftigende Zeichen war die Beschneidung.
Dieses eine Zeichen galt für alle Männer, die an der Verheißung teilhatten. Im Nahen Osten wurde die Beschneidung früher auch an anderen Orten praktiziert, aber hier erhielt sie eine neue Bedeutung. Sie erinnerte Abraham und seine Nachkommen an den ewigen Bund (V.13; vgl. V.7.19). Durch dieses Symbol prägte Gott ihnen die Unreinheit der Natur und die Abhängigkeit von Gott bei der Hervorbringung neuen Lebens in das Gedächtnis. Sie sollten erkennen und sich daran erinnern: (a) die angeborene Unreinheit muß abgelegt werden, ganz besonders in der Ehe, und (b) die menschliche Natur ist nicht in der Lage, den verheißenen Samen hervorzubringen. Sie sollten ihrer Familie treu sein. Jeder Israelit, der sich weigerte, so beschnitten zu werden, sollte wegen seines Ungehorsams Gottes Geboten gegenüber ausgerottet werden aus seinem Volk (V.14).
Auch an anderen Stellen bezieht sich die Heilige Schrift auf die Beschneidung als Symbol der Trennung, Reinheit und Treue zum Bund Gottes. Mose sagte, daß Gott die Herzen seines Volkes beschneiden werde, so daß sie ihn lieben werden (5.Mose 30,6). Paulus schrieb, daß die »Beschneidung des Herzens« (z.B., indem man innerlich »durch den Geist« geheiligt ist) die Errettung und die Gemeinschaft mit Gott bezeugt (Röm 2,28-29; vgl. Röm 4,11). Der Mensch muß im Vertrauen zu Gott und zu seinen Verheißungen umkehren und seine natürliche Stärke ablegen. Unglaube wird als »ein unbeschnittenes Herz haben« beschrieben (Jer 9,25; Hes 44,7-9).
1. Mo 17,15-18: Gott kündigte an, daß Sarai Sara genannt werden sollte. Dieser neue Name, obwohl er nur eine kleine Veränderung darstellt und »Prinzessin« bedeutet, paßte auf jemanden, dessen Same Könige (V.16; vgl. V.6) hervorbringen sollte. Als er dies hörte, lachte Abraham, weil es ihm unglaublich schien, daß eine unfruchtbare 90jährige Frau einen Sohn gebären sollte. Abraham hatte angenommen, daß seine Nachkommen aus Ismael hervorgehen würden.
1. Mo 17,19-22: Dennoch gab ihm Gott die Zusicherung, daß Sara einen Sohn gebären würde, den man Isaak nennen sollte, was »er lacht« bedeutet (V.19). Dieser Name sollte eine ständige Erinnerung daran sein, daß man über ein Wort von Gott gelacht hatte. Ismael war dennoch nicht in Vergessenheit geraten, denn Gott hatte gesagt, daß auch er viele Nachkommen haben würde. Sogar die Zahl der Söhne Ismaels - 12 - wurde vorhergesagt. Ihre Namen werden in 1. Mo 25,13-15 genannt.
1. Mo 17,23-27: Dennoch gehorchte Abraham, der das Wort Gottes bezüglich Isaak empfangen hatte, sofort dem Gebot der Beschneidung und brachte damit seinen Glauben an Gottes Wort zum Ausdruck. Abraham wurde im Alter von 99 Jahren beschnitten, Ismael mit 13 Jahren und alles männliche in der Sippe des Patriarchen, und alles männliche, sei es, daß es dort geboren oder aus der Fremde hergebracht worden war, wurde auch beschnitten.

[[@Bible:1 mose 18:1]]c.Die Verheissung des Nachkommens wird durch einen Besuch bestätigt (18,1-15)

1. Mo 18,1-8: Drei Männer suchten Abraham nahe den großen Bäumen von Mamre bei Hebron auf (vgl. 1. Mo 13,18; 1. Mo 14,13), um zu bestätigen, daß die Zeit der Erfüllung der Verheißung herangekommen war. Diese drei Männer waren der HERR (1. Mo 18,1.10.13; vgl. den Kommentar zum »Engel des Herrn« zu 1. Mo 16,7) und zwei Engel. Obwohl man sicher rechtfertigen könnte, hierin eine Lehre zum Thema Gastfreundschaft zu sehen, suchten die Engel mit Sicherheit Abraham nicht auf, um ihm diese beizubringen. Warum näherte sich der Engel des Herrn Abraham in dieser Weise? Warum gebrauchte Gott nicht ein Orakel, eine Vision oder eine Stimme? Vielleicht sollte es eine Prüfung für Abraham und die Sodomiter sein. Der moralische Zustand von Abraham und Sodom wurde vielleicht durch ihre unterschiedliche Behandlung der Fremden angedeutet. Der friedliche, ruhige Besuch Abrahams stand in krassem Gegensatz zu Sodoms Ausbrüchen von Brutalität und Unmenschlichkeit (vgl. die 1. Mose 18-19).
Es ist jedoch wahrscheinlicher, daß die Besucher Abrahams die Botschaft der engen Gemeinschaft mit Gott überbringen sollten. Das gemeinsame Essen war für Gemeinschaft, Friedensangebote und Verträge wichtig. Als der Herr die Erfüllung seiner Bundesverheißung näher bestimmen wollte, kam er selbst und aß in Abrahams Zelt. Nichts hätte ihre enge Beziehung zueinander bezeichnender herausstellen können.
Abraham eilte ihnen entgegen (1. Mo 18,2), eilte zurück zum Zelt (V.6), rannte zu der Herde (V.7), und seine Knechte beeilten sich (V.7) ebenfalls. Abraham verneigte sich vor den Engeln (V.2), ließ Wasser bringen, ihre Füße zu waschen (V.4), servierte ihnen frisch gebackenes Brot (V.6), ein zartes Kalb (V.7), Butter und Milch (V.8), und stand vor ihnen, während sie aßen (V.8; vgl. V.1-2). All das weist darauf hin, daß Abraham begriffen hatte, wer seine Besucher waren.
1. Mo 18,9-15: Nach der Mahlzeit kündete einer der Engel an, daß Sara in einem Jahr einen Sohn gebären werde. Dieser Engel des Herrn war zweifellos der Herr selbst (vgl. 1. Mo 16,7). Der Gedanke daran schien Sara lächerlich zu sein, und sie lachte in ihrem Herzen. Die Antwort des Herrn tadelte Sara: Sollte irgend etwas dem HERRN unmöglich (besser: zu »wunderbar«) sein?
Grundsätzlich ist dieser Bericht ein Aufruf, zu glauben, daß Gott das Unmögliche tun kann. Gott bestätigte seine Verheißung durch einen persönlichen Besuch - er aß mit ihnen -, um anzukündigen, daß die Zeit greifbar nahe war. Es war die Ankündigung einer menschlich gesprochen unmöglichen Geburt. Wenn etwas so Unglaubliches verkündet wird, ist die Reaktion des Menschen oft dementsprechend: wie Sara nehmen sich die Menschen nicht mehr in acht, lachen und leugnen dann aus Angst, daß sie gelacht haben (1. Mo 18,15). Aber Gott kennt das Herz des Menschen und weiß auch, daß Christen häufig unsicher werden, ob Gott auch das tun kann, was er angekündigt hat.
Ist ein Kind aus einem erstorbenen Leib zu wunderbar für den, der alle Dinge geschaffen hat? Da gibt es nichts zu lachen. Er kann es tun. Nichts ist unglaublich für die, die in der Gemeinschaft des Bundes mit dem Herrn leben, weil nichts für ihn zu schwer ist.

[[@Bible:1 mose 18:16]]d.Abrahams Fürbitte für die Menschen in Sodom (18,16-33)

Das vorherrschende Thema dieser Erzählung, das aus den vorhergehenden Versen erwächst (V.9-15), ist die Gerechtigkeit. Sicher ist Gott in der Lage, das zu tun, was er tun möchte, aber wird das gerecht sein? Die Antwort liegt auf der Hand und wird durch die Antworten Gottes auf Abrahams Bitten deutlich.
1. Mo 18,16-21: Dieser Abschnitt enthält das Selbstgespräch des Herrn über sein Gericht über die Städte der Ebene, deren Hauptstadt Sodom war. Interessanterweise hatte Gott zwei Beweggründe dafür, seinen Plan offenzulegen: (1) Alle Völker sollten durch Abraham gesegnet werden. Deshalb teilte Gott ihm mit, daß eine Stadt (Sodom) weggeschafft werden sollte, bevor sie überhaupt durch ihn gesegnet werden konnte. (2) Abraham sollte seine Nachkommen Geradheit und Gerechtigkeit lehren (was recht und gut ist, V.19), so daß sie sich an Gottes Segnungen erfreuen könnten.
Weil die Schreie der Menschen gegen die schlimmen Sünden von Sodom und Gomorra so groß waren, ging der Herr selbst, um zu sehen, ob es so schlimm sei. (Natürlich kannte er in seiner Allwissenheit die Sünden von Sodom und Gomorra, aber er wollte ihnen seine Gerechtigkeit offenbar machen.) Wenn die Sünde dieser Menschen »voll« wäre, sollten sie gerichtet werden.
1. Mo 18,22-23: Sollte Gott den Gerechten mit dem Ungerechten auslöschen? Abraham war überzeugt, daß es in Sodom Gerechte gab - er bat nicht nur für Lot - und bat deshalb für Sodom aufgrund der Gerechtigkeit Gottes.
Durch diese Fürbitte wird der großartige Charakter Abrahams offensichtlich. Er bat, daß alle in den Städten - die Gottlosen wie auch die Gerechten - wegen der Gerechten verschont würden (V.23). Vorher hatte er persönlich diese Menschen im Krieg gerettet (1. Mo 14,16). Nun setzte er sich mit derselben Kühnheit, Beharrlichkeit und Großherzigkeit für sie ein, mit der er auch für sie gekämpft hatte. Abrahams »Handel« mit Gott verwirrt manche Leser. Aber Abrahams Bitten wurden, obwohl sie kühn waren, mit echter Demut und tiefer Ehrerbietung vorgetragen. Um der Gerechtigkeit willen setzte er sich für sie ein: Errettung für Sodom, wenn es dort 50...45...40...30 ...20 oder nur 10 Gerechte gäbe (1. Mo 18,24-32). Abraham versuchte nicht, Gott zu etwas zu bewegen, was gegen dessen Willen gewesen wäre. (Dennoch war das Gebet Lots für Zoar ein echter Gegensatz; 1. Mo 19,18-23).
Das Thema Gerechtigkeit herrscht hier also vor: die, die sich an Gottes Segnungen erfreuen werden, sollen (a) Gerechtigkeit lehren (1. Mo 18,19); (b) sie dürfen für ein gerechtes Gericht eintreten, um die Gerechten zu bewahren; und (c) wissen, daß Gott die Gottlosen um der Gerechten willen bewahren kann. Bestimmt lernte Israel hierdurch, daß Gott ein gerechter Richter ist, daß Gerechtigkeit ein Volk erhöht (vgl. Spr 14,34) und daß die Gerechten die Gesellschaft erhalten helfen (vgl. Mt 5,13). Diese Wahrheiten sollten für Israel von ebenso großer Bedeutung sein wie für Abraham, der sie in mitleidsvoller Fürbitte angewendet hatte.

[[@Bible:1 mose 19]]e.Das Gericht über die Städte der Ebene (1. Mose 19)

Dieses Kapitel berichtet von dem Gericht Gottes über eine moralisch bankrotte kanaanitische Zivilisation, enthält aber auch eine ernste Warnung für andere, nicht genauso wie diese zu werden: es war schwierig, Lot aus Sodom und Sodom aus Lots Familie herauszubekommen.
Lot war ein rechtschaffener Bürger, gastfreundlich und großzügig (V.2-3) und ein Führer der Gemeinschaft. In der Tat war er ein Richter, denn er »saß unter dem Tor der Stadt« (V.1; vgl. V.9). Die Richter saßen gewöhnlich an den Stadttoren, öffentlichen Toren (Hiob 29,7.12-17), wo rechtliche Angelegenheiten und geschäftliche Transaktionen endgültig beschlossen wurden (vgl. 1.Mose 23,18). Als Richter versuchte Lot, die Gottlosigkeit der Stadtbevölkerung zu beseitigen und Ratschläge für einen guten Lebenswandel zu geben. Er kannte Wahrheit und Gerechtigkeit, Geradheit und das Böse. Er war ein »Gerechter« (2.Petr 2,7-8).
Trotz der öffentlichen Verurteilung ihrer Lebensweise mochte Lot dennoch das angenehme Leben der Gesellschaft Sodoms. Er zog es vor, sein Geld mit den Bewohnern der Stadt zu machen, anstatt in den Bergen zu wohnen (vgl. 1.Mose 13,10-11), wo es kein schmutziges Leben, aber auch kein »gutes Leben« gab.
Die Stunde der Wahrheit kam mit dem Besuch aus der Höhe. Lot war scheinbar gottesfürchtig und rein, aber er war ein Heuchler. Man nahm dort seine Worte nicht ernst (1. Mo 19,14). Der »Heilige« schlug zuerst sein Zelt nahe bei Sodom auf, aber später übte Sodom Kontrolle über sein Leben aus. Er war ein moralischer Mann, weil er Sodomie und Homosexualität ablehnte; er erlebte viel Böses, wenn er es sah. Aber ironischerweise war er bereit, die Jungfernschaft seiner Töchter zu opfern, um die Lasterhaftigkeit der Männer Sodoms abzuwehren (V.8). Er entging dem Gericht durch die Gnade Gottes, aber sein Herz war in Sodom. Seine Frau war der Stadt zu sehr zugetan, um dem Ruf der Gnade zu folgen, und seine Töchter hatten keine Bedenken, mit ihrem betrunkenen und nackten Vater sexuellen Verkehr zu haben (V.30-35).
Solange der Herr Lot alleine ließ, wollte er versuchen, den Glauben zu bekennen, während er zur selben Zeit in Sodom lebte. Letzten Endes konnte er nicht beides haben. Sodom hätte ihn zerstört, wenn der Herr nicht Sodom zerstört hätte.
1. Mo 19,1-14: Die zwei Engel (vgl. 1. Mo 18,2. 22) waren widerstrebende Gäste bei Lot. Trotz der Gastfreundschaft Lots, wollten sie lieber im Freien übernachten. Aber als die Engel in Lots Haus waren, umringten alle Männer der Stadt das Haus. Sie wollten sexuellen Verkehr mit Lots Besuchern haben (wörtl. sie [sexuell] »erkennen«). Sie wollten eine homosexuelle Beziehung mit den beiden, die sie für Männer hielten. Als Engel hatten sie sicher eine stattliche Gestalt. Die Schändlichkeit der Männer paßte überraschenderweise zu der Heuchelei Lots, denn er war bereit, ihnen seine jungfräulichen Töchter zu geben (1. Mo 19,8). Seinen Gast zu schützen war Bestandteil der Gastfreundschaft, aber das ging doch zu weit! Lots Einsatz für das Gute (V.7) war nun verschwendet, als die Sodomiter eine andere Seite ihres Richters erkannten (V.9). Er könnte ebensogut gespottet haben. Die Engel zogen Lot zurück ins Haus, schlugen die Männer vor der Tür mit Blindheit und befahlen Lot, hinauszugehen, weil sie die Stadt zerstören wollten. Als Lot das den Verlobten seiner beiden Töchter mitteilte, glaubten sie ihm nicht.
1. Mo 19,15-22. Früh am Morgen mußten die Engel Lot förmlich aus der Stadt zerren (V.16). Der HERR war gnädig darin, Lot um Abrahams willen zu verschonen (vgl. 1. Mo 18,23; 1. Mo 19,29). Aber noch nachdem er gerettet worden war, rang Lot den Engeln ein Zugeständnis ab. Er wollte sich zu der kleinen Stadt Zoar, was »eine Kleine« bedeutet, begeben (V.18-22). (Vorher hieß diese Stadt Bela, 1. Mo 14,2.) Diese Episode sollte Israel immer an Lot erinnern, der gezögert und geschwankt hatte und hinaus in die Sicherheit gezogen wurde. Warum gehören einige vom Volk Gottes lieber zu der verdorbenen Welt anstatt bereitwillig eine Gesellschaft hinter sich zu lassen, die zur Zerstörung bestimmt ist?
1. Mo 19,23-29: Brennenden Schwefel ließ der Herr in einer großen Vernichtung auf die verdorbenen Städte und die ganze Ebene regnen (V.24-25). Manche Ausleger nahmen an, daß Schwefellager in der Erde ausbrachen (vgl. die »Erdharzgruben« in 1. Mo 14,10) und dann vom Himmel in Feuerflammen herabregneten (vgl. Lk 17,29). Lots Frau sah absichtlich zurück und wurde in eine Salzsäule verwandelt, ein Denkmal ihres Ungehorsams. Der dichte Rauch (1. Mo 19,28), den Abraham sah, wurde von dem brennenden Schwefel hervorgerufen (V.24). Obwohl Gott die Sünder in den Städten der Ebene richtete, gedachte er Abrahams, erinnerte sich also der Bitte Abrahams (1. Mo 18,23-32) und rettete Lot aus der Katastrophe.
1. Mo 19,30-38: Dieser abschließende Abschnitt berichtet von dem Handeln der beiden Töchter Lots in einer Berghöhle. Lot hatte Angst gehabt, in die Berge zu fliehen (V.19), so daß er sich stattdessen nach Zoar wandte (V.22). Aber nun verließ er ironischerweise Zoar, um in den Bergen in einer Höhle zu leben (V.30). Was für ein Gegensatz zu der »fortschrittlichen Zivilisation« (Lk 17,28) der Stadt Sodoms, die er verlassen hatte.
Die beiden Töchter, die ihre Heiratschancen nunmehr als sehr gering betrachteten (1.Mose 19,31) und deren Verlobte in der Katastrophe bei Sodom umgekommen waren, machten ihren Vater betrunken und hatten sexuellen Verkehr mit ihm (V.32-35). Ihr Inzest macht den Einfluß Sodoms auf sie deutlich. Sie brachten zwei Knaben, Moab und Ben-Ammi zur Welt, deren Nachfahren die Moabiter und Ammoniter wurden (V.36-38), beständige Feinde Israels. »Moab« klingt wie »vom Vater« und »Ben-Ammi« bedeutet »Sohn meines Blutsverwandten«. Diese Wortableitungen ließen für Israel den schändlichen Ursprung ihrer bösen Feinde ständig fortbestehen.
Vier Hauptmotive befinden sich in diesem Kapitel: Gottes schnelles Gericht über die schändlichen Kanaaniter, Lots enge Bindung an die verdorbene Gesellschaft, Gottes gnädiges Verschonen Lots vom Verderben und die »Neugeburt von Sodom« in der Höhle.
Durch diese Begebenheiten konnte Israel erkennen, daß, wenn Gott ein Volk hart richtet, er gerecht ist, weil er ihre große Sünde bestraft.
Israel konnte auch aus der Torheit lernen, der Verdorbenheit Kanaans nicht so sehr zugetan zu sein.
Wie sollte man denn leben, wenn man weiß, wie Gott mit den Kanaanitern verfuhr? Die Lehre liegt auf der Hand: »Habt nicht die Welt lieb noch was in der Welt ist... [denn] die Welt vergeht mit ihrer Lust...« (1.Joh 2,15.17) unter dem Gericht Gottes. Es ist gefährlich und töricht, dem gegenwärtigen, verdorbenen Weltgefüge anzuhängen, da es der raschen und plötzlichen Vernichtung durch Gott entgegengeht.
Jesus nahm Bezug auf 1.Mose 19, 26, um vor der kommenden Vernichtung des ungläubigen Israel zu warnen: »Denkt an Lots Frau!« (Lk 17, 32) Wenn Christus wiederkommt, sollen die Menschen nicht zurückschauen, wie es die Frau Lots getan hatte (Lk 17,30-31). Wenn ein Ungläubiger sich nach dem Besten dieser Welt sehnt, wird er beides verlieren, diese Welt (weil sie vergeht) und das Leben in der zukünftigen Welt (Lk 17,33-37).
Jesus sagte auch, daß, wenn er die Wunder, die er in Kapernaum getan hatte, in Sodom vollbracht hätte, die Sodomiter umgekehrt wären (Mt 11,23). »Es wird dem Land der Sodomer erträglicher ergehen am Tag des Gerichts als dir« (Mt 11,24). Das bedeutet, daß Gott gemäß dem Wissen und der Verantwortung des Menschen richtet und daß die Sünder ein größeres Gericht erwartet als nur ihre physische Vernichtung.

[[@Bible:1 mose 20]]f.Der Betrug Abrahams vor Abimelech (1. Mose 20)

Diese Geschichte berichtet von Gottes gnädiger Bewahrung seines Volkes. Die Betonung liegt aber auf der Reinheit, besonders auf der Bewahrung der Reinheit Saras. Für die Erfüllung der Verheißung ist die Ehe wichtig: Die Teilhabe an den verheißenen Segnungen Gottes fordert die Trennung von der Verderbtheit der Welt.
Sündhaftigkeit und Glaubensschwäche führten zu einer Bedrohung der verheißenen Segnung. Es ist ein trauriger Kommentar hinsichtlich des Mangels an Glauben, wenn Gott den Menschen immer wieder von seiner eigenen Sünde erretten muß.
1. Mo 20,1-7: Früher hatte Gott Abram durch Plagen aus Ägypten errettet, als er die Lüge von Sarai als seiner Schwester vorgebracht hatte (1. Mose 12). Hier erzählte Abraham aus Angst (1. Mo 20,11) Abimelech, dem König von Gerar, wieder dieselbe Lüge über Sara (1. Mo 20,2). Später hat Isaak genau dasselbe bei einem anderen Abimelech getan (1. Mo 26,1-11)! Gerar lag nahe der Küste, etwa 20 km südlich von Gaza und etwa 85 km südlich von Hebron, im Land der Philister (1. Mo 21,34). Als Abimelech Sara zu sich genommen hatte, warnte ihn Gott durch einen Traum (1. Mo 20,3) und durch die Unfruchtbarkeit seiner Frau und Sklavinnen (V.17-18), daß diese Frau verheiratet war.
Wir finden hier ein passendes Wortspiel. Abraham hatte gebetet, daß der Gerechte nicht umkommen solle mit dem Gottlosen (1. Mo 18,23-32). Die Worte Abimelechs wiederholen dasselbe Anliegen: Herr, wirst du ein unschuldiges Volk vernichten? Der Tadel in diesem Ausdruck muß für Abraham eindrucksvoll gewesen sein.
Als Abimelech Gott seines reinen Gewissens in dieser Sache versicherte, befahl ihm Gott, Sara zurückzubringen und Abraham, den Propheten (nabî´; dieses Wort taucht hier zum ersten Mal im AT auf), den Sprecher Gottes, aufzufordern, für Abimelech zu beten. Einzig das Gebet des Patriarchen rettete das Leben des Königs.
Gott tadelte Abimelech nicht, aber mit Sicherheit machte er ihm die Ernsthaftigkeit der Warnung klar: er sollte keinen Ehebruch begehen, weil das ein schweres Vergehen war (1. Mo 20,7). Die Wortwahl nimmt offensichtlich das entsprechende Gebot des Dekalogs vorweg (2.Mose 20,14). Gott hatte Abraham und Sara zusammengefügt, so daß sie gemeinsam einen von Gott gekommenen Nachkommen hervorbringen sollten. Das war grundlegend für den Bund.
Beide Errettungen des Patriarchen bewahrten Saras Reinheit und ließen die Verheißung unangetastet. Der erste Vorfall (1.Mose 12) geschah allerdings außerhalb des verheißenen Landes und spiegelte deutlicher den Kampf des Volkes um Leben und Tod in Ägypten wider, so wie es Gott später auch aus Ägypten erretten und erlösen würde. Das zweite Ereignis (1. Mose 20) geschah innerhalb des Landes und stellte ein Ereignis dar, in welchem Gott Saras Ehe und dadurch seine Verheißung schützte. Gott ist der Herr über die Geburt; er greift wunderbar ein; er öffnet und verschließt den Leib (V.17-18). Kein bloßer menschlicher Machthaber kann den Plan Gottes durchkreuzen.
1. Mo 20,8-18: Obwohl Gott Abimelech nicht getadelt hatte, erteilte Abimelech Abraham einen Verweis. Der König sprach von großer Schuld, die das Handeln Abrahams über ihn gebracht habe (V.9) und er sprach zu Sara von seiner (Abimelechs) Übertretung ihr gegenüber (V.16).
Er sah ein, daß sein Vorhaben, Sara in seinen Harem aufzunehmen, falsch gewesen war. So ließ er davon ab und gab dem Patriarchen Vieh (Schafe und Rinder; vgl. 1. Mo 21,27) und Sklaven (1. Mo 20,14) und gestattete ihm, in seinem Land zu leben (V.15). Er gab Abraham (den er Saras Bruder genannt hatte!) tausend Schekel Silber (V.16).
Die Tatsache, daß Gott die Zerstörung der Ehe Abrahams durch Ehebruch verhindert hatte, unterstrich die Tatsache, daß die Israeliten ihre Ehen nicht zugrunde richten sollten. Hier lag die Betonung auch auf der Bewahrung vor einer Mischehe mit einem Heiden. Die Frau eines anderen Mannes nehmen ist eine Sache auf Leben und Tod. Gott bestraft eine solche Sünde.
So war also die Botschaft ganz deutlich: Gott wollte nicht die Mischehe mit Heiden - und zwar ganz besonders, wenn Ehebruch oder Scheidung mit im Spiel waren. Israel hat sich nur selten daran erinnert (vgl. Mal 2,10-17).

[[@Bible:1 mose 21:1]]g.Die Geburt Isaaks und die Austreibung Ismaels (21,1-21)

1. Mo 21,1-7: Gott gab das Kind der Verheißung Abraham und Sara ... zu der Zeit, zu der es Gott versprochen hatte (vgl. 1. Mo 18,10). Sie antworteten darauf im Glauben, indem sie (a) es Isaak nannten (1. Mo 21,3), (b) es gemäß des Bundes (V.4; vgl. 1. Mo 17,9-14) beschnitten und (c) Gott für die unbegreifliche Erfüllung priesen (1. Mo 21,6-7).
Der Name Isaak (»er lacht«) wird in diesem Abschnitt geschickt erklärt. Sara sagte, daß Gott ihr ein Lachen, also Freude, gegeben habe (V.6). Ihr Lachen des Unglaubens (1. Mo 18,12) war nun verwandelt worden in die Freude über ihren Sohn. Jeder, der davon hörte, würde darüber lachen, d.h. sich mit ihr freuen. Aber Ismael kehrte ihr Lachen in beißenden Spott (vgl. den Kommentar zu 1. Mo 21,9) über das Werk Gottes.
1. Mo 21,8-13: Gott benutzte diesen Vorfall, daß Ismael sich über Isaak lustig gemacht hatte, um das Kind Ismael und Hagar (V.10) zu vertreiben, da sie für den verheißenen Nachkommen eine Bedrohung sein würden. Das Wort »scherzen« ist im Hebr. mesaheq (»lachen« oder »scherzen«), von dem »Isaak« (yishaq) herkommt. Vorher hatte Sara Hagar gedemütigt (1. Mo 16,6), nun demütigte der Sohn Hagars den Sohn Saras. Vorher war Sara die Ursache dafür, daß die schwangere Hagar fliehen mußte (1. Mo 16,6); nun brachte sie Hagar und ihren 16 oder 17 Jahre alten Sohn dahin, zu fliehen. (Abraham war 86 als Ismael geboren (1. Mo 16,16) und 100 Jahre als Isaak geboren wurde (1. Mo 21,5). Isaak wurde möglicherweise im Alter von zwei oder drei Jahren entwöhnt (V.8).) Als Abraham wegen Saras Forderung, Hagar und Ismael zu vertreiben, bekümmert wurde, versicherte Gott Abraham, daß Ismael auch eine Zukunft haben werden, weil er auch der Nachkomme Abrahams war (V.11-13).
Die zwei Schwerpunkte (V.1-13) des Textes sind also folgende: die Geburt Isaaks (wobei der Name die Erfüllung der Verheißung in Erinnerung ruft und die Beschneidung den Bund bestätigt) und die Vertreibung Ismaels als Beseitigung der Bedrohung. Nachdem das verheißene Kind einmal da war, mußten Abraham und Sara, die über Gottes wunderbares Handeln frohlockten, jede mögliche Bedrohung des Erbens Isaak vermeiden. Weil Gott einen Sohn erwählt hatte, mußte seine Wahl unter Schutz gestellt werden. Abraham und Sara mußten Ismael vertreiben.
1. Mo 21,14-21: Der Engel des Herrn fand Hagar wie schon einmal (1. Mo 16,7) in der Wüste (V.17-18) und verschaffte ihr wie damals (1. Mo 16,14) Wasser aus einem Brunnen (1. Mo 21,19). Gott sagte Hagar so, wie er es schon Abraham gesagt hatte, daß aus Ismael ein großes Volk hervorgehen werde (1. Mo 21,18; vgl. V.13). Ismael lebte in der Wüste ... wurde ein Bogenschütze (V.20; vgl. 1. Mo 16,12) und heiratete eine Ägypterin (1. Mo 21,21). Die Wüste Paran ist der nördlichste Teil der Sinaihalbinsel.
Paulus benutzt diesen Bericht auf ganz wunderbare Weise (Gal 4,21-31; vgl. den Kommentar dort). Ismael war im Fleisch durch »die Magd« (Gal 4,29-30) geboren worden. Isaak war durch die Verheißung geboren worden und war der Erbe. Der eine stellte die Knechtschaft am Sinai dar, der andere die Freiheit, als die Verheißung endlich eintraf. Als Christus, der Same, kam, war das Alte hinweggetan. Nun, da die Verheißung gekommen ist, sind die Gläubigen Mit-Erben mit dem verheißenen Samen durch Adoption aufgrund der Gnade Gottes. Unter das Gesetz zurückkehren hieße, die Erfüllung von Gottes Verheißung zunichte zu machen. Diejenigen, die von »dem Samen« angenommen sind, werden selbst zu Samen und sind von der Knechtschaft des Gesetzes befreit (Gal 5,1). So wie Ismael und Isaak miteinander in Gegensatz gerieten (Gal 4,29), so harmonieren auch Fleisch und Geist nicht miteinander. Das Fleisch kämpft gegen den Geist und verspottet ihn häufig (Gal 5,16-18). Deshalb müssen Gläubige »von der Magd und ihrem Sohn freiwerden« (Gal 4,30), d.h. die Gefahr des Fleisches meiden und »im Geist leben« (Gal 5,16).

[[@Bible:1 mose 21:22]]h.Der Bund bei Beerscheba (21,22-34)

Eine bemerkenswerte Besonderheit in diesem Abschnitt ist die Namenserklärung von Beerscheba, des Wohnortes Abrahams. Dieser Name wird immer auf den Bund hindeuten, den der Patriarch mit den Bewohnern des Landes geschlossen hatte, die ihm ermöglichten, hier in Frieden und Wohlstand zu wohnen.
1. Mo 21,22-34: Das Wort šaba` (»schwören« oder »einen Eid leisten«) kommt dreimal in diesem Abschnitt vor (V.23-24 schwören, 31 geschworen). Das numerische Adjektiv šeba` (sieben) taucht ebenso dreimal auf (V.28-30); der Name be´er šaba` (»Brunnen der Sieben« oder »Brunnen des Eides«) kommt ebenfalls dreimal vor (V.31-33). Mit Sicherheit liegt die Betonung auf der Bedeutung des Eides (V.31) zwischen Abraham und Abimelech, ein Umstand, der durch die Namensgebung Beerscheba in Erinnerung gerufen wird. šaba` ist ganz sicher der Schlüssel zum Verständnis des Abschnittes. Später sollte Israel den Ernst von Schwüren und Verträgen erfahren.
Die Erzählung paßt gut in den Kontext, der den Zusammenhang für das Opfer von Isaak in Kapitel 22 herstellt. Die Geburt von Isaak war deutlich vorhergesagt (1. Mo 18,1-15). Mit dem Betrug Abrahams (1. Mose 20) erfuhr Abimelech, daß die Hand Gottes auf diesem Mann war (vgl. 1. Mo 21,22). Dann wurde der verheißene Nachkomme geboren und der Rivale vertrieben (V.1-18). Nun (V.22- 34) wurde ein Bund geschlossen, der Abraham gestattete, in diesem Land in Frieden zu wohnen und Abimelech, an dieser Segnung teilhaben zu lassen. All das wird bis zur Prüfung in Kapitel 22 aufgebaut, wobei jedes Kapitel die Vollendung der verschiedenen Abschnitte der Verheißungen zeigt.



Die Geschichte in Kapitel 21,22-34 spiegelt wider, daß der Patriarch von Gott gesegnet worden war und daß Heiden Gottes Segnungen erkannten. Das Motiv der Quelle taucht hier wieder auf (vgl. 1. Mo 16,14; 1. Mo 21,19). Gott sorgte für Wasser - ein Symbol des Segens - mitten aus der Wildnis heraus, aus dem unfruchtbaren Land, aus dem Felsen heraus. Abimelech erkannte das, und nach der Auseinandersetzung mit der Inbeschlagnahme der Quelle durch seine Knechte (V.25) schlossen die beiden Männer einen Pakt, so daß der heidnische König an der Segnung teilhaben konnte (vgl. 1. Mo 12,1-3).
Mit dem Abschluß des Vertrages (Bundes) gab Abraham Abimelech sowohl Schafe und Rinder (1. Mo 21,27; vgl. das Umgekehrte in 1. Mo 20,14), einschließlich sieben Lämmern (1. Mo 21,29-30). Diese schützten das gesetzliche Recht Abrahams, in dem Land in Frieden zu wohnen und zwangen Abimelech, gesetzlich anzuerkennen, daß dieser Brunnen bei Beerscheba Abraham gehörte (V.30-31). Der Patriarch sicherte durch den Vertrag sein Recht auf den Brunnen, d.h. die Bereitstellung der Segnung Gottes.
Wichtig ist der Umstand, daß Abraham dort einen Baum pflanzte und sich dort viele Tage aufhielt (V.33-34), was auf seinen Glauben und seine Sicherheit hindeutet. Einen Baum in Beerscheba zu pflanzen, setzte die fortwährende Versorgung mit Wasser voraus und zeigte die Bestimmung an, in dieser Region bleiben zu wollen. Gott würde mit Brunnenwasser segnen, und Abraham würde als Siedler im Land bleiben. Unter dem Baum eines anderen verweilen war ein Zeichen von friedevoller Sicherheit (Sach 3,10).
Der Abschnitt nimmt mit Sicherheit die zukünftige friedliche Koexistenz Israels im Land zusammen mit anderen Stämmen voraus, die für die Botschaft des Friedens und des Verlangens, an der Segnung teilzuhaben, empfänglich sein würden.
Man findet dennoch in der Erzählung einen unterschwelligen Tadel (vgl. den Tadel Abimelechs in 1.Mose 20, 9-10). Abimelech drängte auf den Pakt, damit Abraham nicht untreu an ihm handeln sollte (1. Mo 21,23). Alles, was Abimelech von diesem Mann wußte, war, (a) daß Gott ihn gesegnet hatte (V.22) und (b) daß er betrogen hatte (V.23). Dieser tragische Widerspruch verlangte einen bindenden Vertrag.
In gleicher Weise sollte Israel seine Eide halten und von der Falschheit abstehen. Der wahrhaftige und treue Umgang, der friedliche Beziehungen bewahrt, verherrlicht das Werk Gottes.
Die Philister (1.Mose 21,32) siedelten sich in großen Zahlen um 1200 v.Chr. in Palästina an. Aber etliche Seehändler siedelten sich an der Küste von Palästina auch zur Zeit Abrahams an, der von 2166-1991 v.Chr. lebte; vgl. die Übersicht »Chronologie der Patriarchen« zu 1. Mose 47,28-31.

[[@Bible:1 mose 22:1]]i.Die Versuchung von Abrahams Glauben (22,1-19)

1. Mo 22,1-2: Die größte Prüfung im Leben Abrahams (Gott versuchte ihn) kam, nachdem er den verheißenen Nachkommen nach einer langen Wartezeit empfangen hatte. Die Versuchung war sehr real: Er sollte Isaak Gott zurückgeben. Als eine Versuchung war sie dazu bestimmt, den Glauben zu beweisen. Damit es eine wirkliche Prüfung sein sollte, mußte es der Logik widersprechen. Es mußte etwas sein, gegen das sich Abraham sträuben würde.
Gott hatte dem Patriarchen befohlen, Ismael wegzuschicken (1. Mo 21,12-13), und nun befahl er Abraham, Isaak zu opfern. Abraham hatte Ismael bereitwillig weggeschickt, aber er wollte Isaak nicht töten.
Es ist eine Sache, zu fordern, daß man Gottes Wort gehorchen muß, wenn man auf etwas wartet. Es ist aber etwas ganz anderes, seinem Wort zu vertrauen und zu gehorchen, wenn man es empfangen hat. Dies war eine Prüfung dafür, inwiefern Abraham dem Wort Gottes gehorchen würde. Würde er sich an den Jungen klammern, nun, da er ihn hatte oder würde er noch immer gehorchen und ihn dem Herrn zurückgeben? Oder anders gesagt: Wie weit würde Abrahams Gehorsam gehen? Glaubte er wirklich, daß Gott noch immer sein Wort halten und den Samen der Verheißung aufrichten würde?
Es bestehen offensichtliche Verbindungen zu den Worten, die Gott früher zu Abraham gesprochen hatte, nämlich auszuziehen und in das Land zu gehen, das Gott ihm zeigen würde (1. Mo 12,1-3). Aber diese feine Erinnerung des ursprünglichen Rufes Gottes erinnerte ihn auch an die Erfüllung, die die Prüfung so schwer machte: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen Sohn Isaak (»Lachen«), den du liebst (1. Mo 22,2). Der Befehl, seinen eigenen Sohn als ein Brandopfer zu opfern würde ohne Zweifel völlig unvernünftig erscheinen (auch wenn in Kanaan Kinderopfer bekannt waren). Wie hätte Gott denn die Verheißung erfüllen können, die er vorher gegeben hatte (1. Mo 12,1-3), von dem gefühlsmäßigen Verlust seines einzigen Sohnes gar nicht zu sprechen, der ihm so spät im Leben geboren worden war?
1. Mo 22,3-8: Die Antwort Abrahams war beeindruckend. Er gehorchte augenblicklich und ohne zu fragen. Er brach sogar sehr früh auf! Dennoch verlief die Dreitagesreise wohl still und mühsam. Die Entfernung von Beerscheba zum Berg Morija betrug etwa 85 km (vgl. die Karte »Abrahams und Isaaks Reise zum Berg Morija«).
Als er in der Gegend von Morija den Ort sah (V.2; später der Tempelberg; 2.Chr 3,1), nahm er nur Isaak und ließ die zwei Knechte zurück. Seine Erklärung, wir wollen anbeten und dann werden wir zurückkehren (1.Mose 22, 5), ist erstaunlich. Alles, was Abraham wußte, war (a), daß Gott die Zukunft im Umfeld Isaaks plante und (b), daß Gott wollte, daß er Isaak opferte. Er konnte nicht beides miteinander in Einklang bringen, aber er würde in jedem Fall gehorchen. Das ist Glaube. Als Antwort auf die Frage Isaaks: Wo ist das Schaf?, offenbarte Abraham wieder seinen Glauben: Gott selbst wird dafür sorgen (V.8; vgl. V.14). Isaak war zweimal »von den Toten« hergebracht worden - einmal aus dem toten Schoß Saras und dann wieder von einem Hochalter (vgl. Hebr 11,17-19).
1. Mo 22,9-14: Gottes dramatisches und belehrendes Eingreifen macht deutlich, daß er niemals beabsichtigt hatte, daß Abraham das Opfer auch darbringen sollte (es gab keine Kinderopfer in Israel), aber es war wirklich eine Prüfung. Der Engel des HERRN (vgl. den Kommentar zu 1. Mo 16,7) hielt Abraham zurück, gerade als der Patriarch das Messer in seine Hand nahm, um Isaak zu schlachten. Nun wußte Gott, daß Abraham nichts zurückhalten würde und daß er in der Tat Gott fürchtete. Gott zu fürchten bedeutet, vor ihm als dem Souveränen Ehrfurcht zu haben, ihm bedingungslos zu vertrauen und ihm ohne Fragen zu gehorchen.
Wer Gott wahrhaftig anbetet, hält nichts vor Gott zurück, sondern gibt ihm gehorsam, was er fordert und vertraut, daß er für alles sorgen wird. Der Schlüsselgedanke der gesamten Passage wird in dem Namen zusammengefaßt, den Abraham dem Ort gab: Yahweh Yir´eh, der Herr wird sorgen (oder »sehen«; V.14). Die Erklärung lautet: Auf dem Berg des HERRN wird versorgt werden (oder »gesehen«, yera´eh, V.14; vgl. V.8). Dies ist das Fundament für eine im Alten Testament häufig wiederholte Wahrheit: Der Herr sollte auf seinem heiligen Berg von seinem Volk angebetet werden. Dreimal im Jahr sollen alle Männer (Israels) vor dem Herrn, dem Herrscher, erscheinen (yera´eh, >gesehen werden<), um ihn anzubeten und ihm ihre Gaben und Opfer darzubringen (2.Mose 23,17; vgl. 5.Mose 16,16). Der Herr wird die Bedürfnisse jener sehen (ra´âh), die vor ihn kommen und ihren Mangel ausfüllen. So wird er »gesehen«, wenn er sie versorgt.
Indem Abraham dem Ort einen Namen gab, rief er sich selbstverständlich seine eigene Erfahrung des Opfers für den Herrn in Erinnerung. Aber ein Tier, ein Widder - kein Schaf; vgl. 1.Mose 22,8 -, der mit seinen Hörnern in einem Dornenbusch hing, wurde durch Gottes Gnade als Ersatz für den Jungen dargebracht (V.13).
Später sollte Israel dem Herrn Tiere opfern. Die Anbetung schloß die Anerkennung von Gottes Ersatz für das Opfer ein. Im NT setzte Gott natürlich seinen einzigen Sohn an Stelle der Tiere, und das vollkommene Opfer wurde dargebracht. Johannes hatte dies sicher im Sinn, als er Jesus als »Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt« (Joh 1,29) bezeichnete.
Dennoch ist der wesentliche Punkt von 1.Mose 22,9-14 nicht die Lehre von der Sühne. Es wird hier ein gehorsamer Knecht dargestellt, der Gott im Glauben anbetet, obwohl ihn das sehr viel kostet und der dafür schließlich die Versorgung Gottes erfährt. Abraham hielt seinen Sohn nicht zurück. In ähnlicher Weise schreibt Paulus, daß Gott seinen eigenen Sohn nicht verschonte (epheisato), sondern ihn für uns alle hingegeben (übergeben) hat (Röm 8,32). Eine Form desselben griechischen Wortes wird in der Septuaginta für Abraham gebraucht: »Du hast deinen geliebten Sohn nicht verschont« (epheiso) (1.Mose 22,12).
Dieses Handeln spiegelt die Größe von Abrahams Glauben wieder; er war bereit, Gott zu gehorchen, indem er seinen Sohn opferte. Auch die Glaubensgröße von Isaak in der Unterwerfung wird deutlich. Er hatte alles in der Welt, um leben zu können, aber folgte bereitwillig den Worten seines Vaters und glaubte, daß Gott für ein Schaf sorgen würde.
1. Mo 22,15-19: Gott bestätigte wieder seinen Bund mit Abraham (vgl. 1. Mo 15,5.18-21; 1. Mo 17,3-8). Seine Nachkommen sollten zahlreich wie die Sterne sein (vgl. 1. Mo 15,5; 1. Mo 26,4), wie der Sand am Ufer des Meeres (vgl. 1. Mo 32,13) und »wie der Staub auf Erden« (vgl. 1. Mo 13,16; 1. Mo 28,14). Gott fügte dann noch ein anderes Element hinzu: Die Nachkommen Abrahams sollten über die Städte ihrer kanaanitischen Feinde siegen. Das geschah später bei der Landnahme durch Josua.
Die Belehrungen über die wahre Verehrung Gottes sind zeitlos gültig: (1) Der Glaube gehorcht völlig dem Wort Gottes. (2) Der Glaube übergibt das Beste Gott und hält nichts zurück. (3) Der Glaube wartet auf den Herrn zur Erfüllung aller seiner Bedürfnisse. Gott sorgt nicht, bevor nicht auch persönliche Opfer gebracht werden. Wahre Verehrung Gottes kostet viel. Das galt zu jeder Zeit für Israel, wenn sie ihre Opfer darbrachten. Jene Gaben sollten im Glauben dargebracht werden und Gott stillte alle Bedürfnisse eines jeden, der bereitwillig Gott anbetete.

[[@Bible:1 mose 22:20]]3.Durch Abrahams Glaubenstreue gehen die Verheißungen Gottes auf Isaak über (22,20-25,11)


Von da an war es die Aufgabe Abrahams, sich auf das Empfangen zukünftiger Segnungen durch Isaak vorzubereiten.

[[@Bible:1 mose 22:20]]a.Der Bericht von der Familie Nahors (22,20-24)

1. Mo 22,20-24: Aus dem Osten war die Nachricht gekommen, daß die Familie Nahors, des Bruders Abrahams (vgl. 1. Mo 11,27-29) sich erweitert hatte. Unter den Neugeborenen war Rebekka, die zukünftige Frau Isaaks (vgl. 1. Mo 24,15.67). Sie war eine Tochter Betuëls, des jüngsten von Nahors acht Söhnen von Milka (Nahors Nichte). (Vgl. die Übersicht »Terachs Nachkommen« zu 1. Mose 11,27-32.) Der Bericht ist hier eingefügt, obwohl man ihn eher bei Kapitel 24 erwarten würde. Er dient jedoch als Verbindung zu Kapitel 23, das von Saras Tod und Begräbnis berichtet. Mit ihrem Begräbnis handelte Abraham nicht nach der Sitte seiner Vorfahren, denn er ging dazu nicht nach Paddan Aram zurück.

[[@Bible:1 mose 23]]b.Der Erwerb der Höhle in Machpela im Land (1. Mose 23)

1. Mo 23,1-4: Abrahams Erwerb einer Höhle zum Begräbnis »bei Mamre« (V.19; vgl. 1. Mo 13,18; 1. Mo 14,13; 1. Mo 18,1) wurde durch den Tod Saras verursacht, die 127 Jahre alt geworden war. (Isaak war zu dieser Zeit 37; 1. Mo 17,17.) Das war das erste Anzeichen dafür, daß ein Übergang im Kommen war. Nachdem Abraham um seine Frau in Hebron getrauert hatte (1. Mo 23,2), erwarb er sich ein Stück Land mit einer Begräbnisstätte.
Dieser Vorfall beinhaltet viele Ähnlichkeiten mit den kanaanitischen und hetitischen Gesetzen. (Vgl. James B. Pritchard (Hg.), Ancient Near Eastern Texts Relating to the Old Testament. Princeton, N.J.: Princeton University Press, 1955, S.188-96, Par. 46 über Lehensverpflichtungen für ein ganzes Feld, Par. 47 über Geschenke, die Lehensverpflichtungen aufheben, so wie auch Par. 48 und 169.) Andere Gesetze aus dem Ugaritischen (in Syrien) sind für dieses Ereignis ebenfalls von Bedeutung. Die Besitzer des Feldes waren Hetiter (V.3.5.7.10.16.18.20). Obwohl das große hetitische Reich (Jos 1,4) sich niemals so weit nach unten ausgedehnt hatte, konnten sich hier Enklaven von Hetitern angesiedelt und ihre Gebräuche beibehalten haben, obwohl ihre Sprache semitisch war. Und obwohl die geschriebenen hetitischen Gesetze erst nach diesen Ereignissen datiert werden, können sie mündlich überliefert worden sein, bevor man sie niederschrieb.
1. Mo 23,5-20: Abraham genoß bei dem Volk um ihn herum große Achtung: Du bist ein mächtiger Fürst unter uns (vgl. 1. Mo 20,6-11).
Mit diesem Rechtsgeschäft wollte Abraham nur die Höhle, die Efron gehörte (1. Mo 23,9), erwerben, aber Efron wollte das ganze Feld verkaufen. Als Efron gesagt hatte, daß er Abraham das Feld und die Höhle schenken wollte (zweimal in V.11), wollte er damit nicht sagen, daß sie umsonst sei. Es war vielmehr die Handelsweise der Beduinen - geben, um zu bekommen. Obwohl Abraham nicht das ganze Feld haben wollte, war er doch bereit, es zu einem hohen Preis zu nehmen (V.12-13) (400 Schekel Silber), um die Höhle zu bekommen (V.15-16). Das Geschäft wurde dann in Gegenwart aller Hetiter am Tor der Stadt, dem Ort rechtmäßigen und geschäftlichen Handelns (vgl. 1. Mo 19,1), abgeschlossen.
In dieser Höhle wurde nicht nur Sara, sondern auch Abraham (1. Mo 25,9), Isaak, seine Frau Rebekka, Jakob und Lea begraben (1. Mo 49,29-31; 1. Mo 50,13).
Das Besondere dieses Ereignisses lag in der Versicherung, daß die Höhle und das Feld Abrahams Besitz waren. Er war nicht dreist gewesen. Im Glauben kaufte er das Land und nahm nichts von diesen Leuten an (vgl. 1. Mo 14,21-24). Damals war es von Bedeutung, wo man seine Toten begrub; das Begräbnis hatte in ihrer Heimat stattzufinden. Nun gab es kein Zurück mehr. Obwohl Abraham ein Fremder und Beisasse unter dem Volk war (1. Mo 23,4), lag seine Hoffnung in diesem Land.
Mit dem Kauf dieser Höhle sagte er sich von Paddan Aram los, d.h. von Nordwestmesopotamien (vgl. 1. Mo 25,20). Dieser Ort war gerade erst indirekt beim Leser eingeführt worden (1. Mo 22,20-24), als die Verwandten Abrahams erwähnt wurden, die in Mesopotamien geblieben waren (vgl. 1. Mo 11,27-31).
Kanaan war nun die neue Heimat Abrahams geworden. Den einzigen Teil des verheißenen Landes, den Abraham jemals empfangen hatte, erwarb er interessanterweise durch Kauf, und es handelte sich um eine Begräbnishöhle. Dieser erste Besitz der Patriarchen - eine Höhle - band sie an das verheißene Land. Das war eine wirkliche »Besetzung« des Landes. Es würde nie mehr eine Rückkehr nach Mesopotamien geben. Später wurden die Patriarchen nach ihrem Tod bei ihren Vorfahren in Kanaan begraben.
Abraham wußte, daß er die Verheißung Gottes nicht ausschöpfen konnte. Also machte er Pläne für die Zukunft. Indem er das Land für seine tote Frau gekauft hatte, mußte er erkennen, daß die Verheißungen Gottes nicht mit diesem Leben zu Ende gehen. Gott wird noch viel mehr tun als das, was er in diesem Leben getan hat; das ist die Hoffnung aller, die im Glauben sterben.
Die Verheißung des Landes ist eines der Hauptthemen in 1.Mose. Dasselbe gilt für den Tod. Der Tod kam durch die Sünde und richtete die Menschen zugrunde. Der Tod der Patriarchen und Heiligen ist eine bittere Erinnerung daran, daß der Mensch ein Sünder ist. Der Tod ruft Trauer hervor. Aber in diesem Abschnitt ist der Tod auch ein Fundament für die Hoffnung. Im Leben waren die Patriarchen Gäste, im Tod waren sie Erben der Verheißung und »nahmen das Land ein«.
Die Patriarchen und andere sind gestorben und haben die Verheißung nicht empfangen. Dennoch sind sie im Glauben gestorben (Hebr 11,39-40). Es war nicht der Plan Gottes, ihnen den verheißenen Rest ohne die Teilhabe der neutestamentlichen Gläubigen zu geben. Eine Sabbatruhe ist noch übrig; aber dennoch treten schon jetzt die in sie ein, die glauben, und sie werden es in der Zukunft in vollendeter Weise tun (Hebr 4,8-10). Gottes Verheißungen für die, die aus Glauben leben, erschöpfen sich nicht in diesem Leben. Wie Abraham in Hoffnung eine Begräbnisstätte im Land erwarb, so haben die Gläubigen heute eine Hoffnung über dieses Leben hinaus. Die Zeit des Todes - wenn der natürliche Weg die Trauer ist, so wie die Welt trauert - sollte eine Zeit sein, in der ein Gläubiger den größten Beweis seines Glaubens liefert, weil der Empfänger der Verheißungen Gottes eine Hoffnung über das Grab hinaus hat. Jesus selbst bezog sich auf Abraham, als er die Auferstehung mit den Sadduzäern erörterte (Mt 22,31-32). Gottes Verheißungen verlangen die Auferstehung!

[[@Bible:1 mose 24]]c.Der Erwerb einer Frau für Isaak (1. Mose 24)

Diese Geschichte betont das gnädige Wirken Gottes in den Lebensumständen seiner gläubigen Knechte. Der Schlüsselgedanke des Abschnittes ist das Wort hesed, »treue Liebe« oder »Bundestreue« - sowohl aus der Perspektive Gottes als auch aus der des Menschen.
Der Herr versicherte gnädig die Erfüllung seiner Verheißung, indem er den Knecht Abrahams darin führte, für Isaak eine Braut zu erlangen. Das Kapitel teilt sich in vier Abschnitte:
(1) Der Auftrag 24,1-9: Abraham, der der Verheißung des Herrn vertraute, ließ seinen ältesten Knecht einen Eid schwören, eine Frau für Isaak aus der Heimat Abrahams, 800 km entfernt, zu suchen. Eliëser legte seine Hand unter die Hüfte des Patriarchen (vgl. 1. Mo 47,29). Das war ein feierliches Zeichen dafür, daß, wenn der Eid nicht ausgeführt werden sollte, die Kinder, die Abraham geboren werden sollten, die Treulosigkeit des Knechtes rächen würden.
(2) Das Vertrauen 24,10-27: Eliëser (1. Mo 15,2) vertraute dem Herrn, daß er ihm eine besondere Führung gewährte. Er betete, daß die zukünftige Braut Isaaks ihm und seinen Kamelen Wasser zu trinken geben sollte. Zehn durstige Kamele zu tränken bedeutete sehr viel Arbeit, weil Kamele ungeheure Mengen Wasser saufen. In der Stadt Nahor in Aram Naharajim (in Nordwestmesopotamien, 1. Mo 24,10; 1. Mo 25,20) erhielt er eine klare Antwort auf sein Gebet. In Dankbarkeit gab er dem Mädchen kostbaren Schmuck: einen goldenen Stirnreif, der ein Beka wog (einen halben Schekel, d.h. ein Fünftel einer Unze) und zwei goldene Armreifen mit einem Gewicht von 10 Schekeln (4 Unzen). Er fragte, ob es in ihres Vaters Haus Raum gäbe, in dem er die Nacht verbringen könnte. Wieder offenbarte sie ihre Freundlichkeit, als sie ihm nicht nur einen Platz zum Bleiben anbot, sondern auch Nahrung für die Kamele.
(3) Das Gelingen 24,28-59: Laban lud Eliëser und seine Männer ein. Eliëser berichtete dann noch einmal von seiner Mission und von Gottes Vorsehung und erhielt ihre Erlaubnis und ihren Segen, Rebekka zu Isaak mitzunehmen. In jener Gesellschaft übergab der Bruder seine Schwester für die Heirat. Das erklärt, warum Laban, der Bruder Rebekkas, der Unterhändler in diesem Ehevertrag war.
(4) Die Vollendung 24,60-67: Rebekka kehrte mit Eliëser zu Isaak im Negev (Südland) zurück und wurde Isaaks Frau, als Isaak 40 Jahre alt war (1. Mo 25,20; Abraham war damals 140 Jahre alt).
In diesen vier Abschnitten handelten vier Personen in hesed: Abraham, indem er für die Zukunft sorgte, Eliëser, indem er das Beschlossene ausführte, Gott, indem er es vollbrachte und Rebekka, indem sie darauf einging.
In der Fürsorge Gottes und seiner hesed (»treuen Liebe«) wirkte er souverän durch die Umstände jener, die im Glauben lebten. Dieser verborgene Zusammenhang Gottes wird in Kapitel 24 auf drei Arten hervorgehoben:
1. Gott war ganz allein die Ursache für all die Ereignisse in der Geschichte. Die Worte Eliësers »Der Herr hat mich... geführt« (V.27; vgl. V.48) sind der Wahlspruch. Dies ist die Wahrheit durch die ganze Bibel hindurch. Sogar Laban, der Bruder Rebekkas (V.29) erkannte, daß dies das Tun des Herrn war (V.50-51).
2. Gott war überlegen im Hintergrund und lenkte die Handlungen. Dieses Ereignis im Leben Abrahams war der Erfahrung Ruts ähnlich (Ronald M. Hals, The Theology of the Book of Ruth. Philadelphia, Fortress Press, 1969). Die Erzählung in 1.Mose 24 berichtet kein Wort von Gott, kein Wunder, kein prophetisches Orakel, es wiederholt noch nicht einmal den Abrahamsbund. Dieses Ereignis ist in 1.Mose eigenartig und dennoch für Gläubige heute wirklichkeitsnah. Die vorausgreifende Rolle des Glaubens, die sich im persönlichen Gebet ausdrückt, schaut nach äußerlichen Zeugnissen des Wirkens Gottes und herrscht vor, weil Gott nicht sichtbar handelt.
3. Die Geschichte enthüllt mehr als die Vorsorge Gottes in diesem Geschehen. Sie ist auch Teil der Entwicklung seines Planes, die Menschheit zu segnen. Viele mögliche Pannen wurden vermieden: Der Knecht hätte das »Zeichen« verfehlen können (V.5-8), Laban hätte ablehnen können (V.49-51) oder Rebekka hätte nicht bereit sein können (V.54-58). Gott lenkte durch all die möglichen Gefahren hindurch und fügte dann alle Teile zusammen.
Während man zu Recht über die Vorsorge Gottes in diesem Ereignis staunt, ist doch auch die Verantwortung des Menschen offensichtlich. Der Knecht führte seinen Auftrag treu aus. (1) Er verhielt sich loyal gegenüber seiner heiligen Aufgabe, Gottes Plan voranzutreiben, die Menschheit zu segnen. (2) Er vertraute Gott unbedingt und schaute im Gebet auf Gottes Führung. (3) Bundestreue war seine vorherrschende Motivation (V.9.12.27. 49). (4) Er pries Gott sogar schon, bevor seine Arbeit völlig vollendet war (V.27.48-49). Dieses Lob ist ein wichtiger Teil der Geschichte. Viele Ausleger gehen darüber als Wiederholung hinweg. Aber hierauf kommt es an: Es handelt sich um eine solch wunderbare Geschichte, daß das Lob wiederholt werden muß.
So lag die Wahl der Braut für Isaak bei Gott. Das Zeichen gab die Bestätigung. Laban erkannte das. Rebekka kam der Aufforderung nach. Wer den Willen Gottes in Gebet und Gehorsam tut, wird von Gott geführt (Spr 3,5-6).

[[@Bible:1 mose 25:1]]d.Der Tod Abrahams (25,1-11)

Mit diesem Bericht kam das Leben Abrahams zu seinem Ende, und die Segnung Gottes wurde an Isaak, seinen »einzigen« Sohn (1. Mo 22,2), weitergegeben.
Dieser Abschnitt enthält vier Unterteilungen: (a) die Geburt der anderen Söhne Abrahams (1. Mo 25,1-4), (b) die Sicherung des Erbteils Isaaks (V.5-6), (c) der Tod und das Begräbnis Abrahams (V.7-10) und (d) die Segnung Isaaks (V.11).
1. Mo 25,1-4: Wann Abraham Ketura heiratete, ist unbekannt, aber das Verb nahm und das Adjektiv eine andere weisen darauf hin, daß es nach dem Tod Saras war. (Eigentlich war Ketura eine Konkubine, 1.Chr 1,32.) Das würde bedeuten, daß für die Geburten der sechs Söhne Keturas höchstens 37 Jahre blieben. (Abraham war 138 als Sara starb, und er starb mit 175.) Stämme in Saba und Dedan in Arabien (1.Mose 25,3) sowie die Midianiter (V.4) stammen von Abraham ab. Das geschah in Erfüllung der Verheißungen Gottes an Abraham, daß er groß werden sollte (1. Mo 12,2), weil »so viele Völker« auf ihn als ihren Vorfahren blickten (1. Mo 17,4).
1. Mo 25,5-6: Abraham liebte alle diese Jungen und gab ihnen Geschenke. Aber sie und ihre Nachfahren konnten möglicherweise für Isaak eine Bedrohung darstellen. So schickte sie Abraham fort, so wie er es mit Ismael getan hatte (1. Mo 21,8-14). Er schickte sie ins Land des Ostens und bewahrte so die Vorrangstellung Isaaks und sein Recht als Erbe Abrahams.
1. Mo 25,7-11: Während Isaak und Ismael gemeinsam ihren Vater in der Höhle begruben (der 175 Jahre gelebt hatte), in der Sara begraben worden war (vgl. 1. Mo 23,19), konnte Ismaels Gegenwart möglicherweise nun, da ihr Vater tot war, für die Rechte Isaaks eine Bedrohung darstellen. Aber die Segnung Gottes blieb auf Isaak.
Isaak lebte danach in Beer Lahai Roi. Das war ein Ort, von dem man wußte, daß Gott dort Antwort gab. Gott hatte dort Hagar erhört und sie gerettet (1. Mo 16,14). Isaak betete hier, als er auf seine zukünftige Frau wartete (1. Mo 24,63). So lebte Isaak an einem ganz besonderen Ort, an dem Gott Gebet erhört hatte.
Als Abraham alle seine anderen Söhne im Glauben weggeschickt hatte, sorgte er dafür, daß sein Segen auf Isaak überging, der auf den Herrn wartete. Abraham würde sterben, der Plan Gottes aber fortbestehen. Kein Führer des Bundes ist unersetzlich, weil das Vorhaben Gottes, die Welt zu segnen, von Generation zu Generation weiter wachsen und sich ausdehnen wird. Jeder Diener Gottes muß alles tun, was er kann, um das Weitergehen des Wirkens Gottes zu sichern. Das Werk ist jedoch größer als jeder einzelne Mensch.

[[@Bible:1 mose 25:12]]B.Die Nachkommen Ismaels (25,12-18)


1. Mo 25,12-18: Ismael war ein Sohn Abrahams. Deshalb teilte Gott mit, was aus ihm und seiner Linie wurde (der Bericht (tôledôt) von Ismael), bevor er zu der erwählten Linie zurückkehrte, nämlich der Nachkommen Isaaks. Ismael hatte zwölf Söhne, wie Gott es vorausgesagt hatte (1. Mo 17,20) und starb im Alter von 137 Jahren. Seine Söhne lebten auf der Arabischen Halbinsel von Hawila (in Nordzentralarabien) bis nach Schur (zwischen Beerscheba und Ägypten). Die Ismaeliten lebten in Feindschaft mit ihren Brüdern, was eine Erfüllung des Wortes Gottes an Hagar war (1. Mo 16,12).

[[@Bible:1 mose 25:19]]C.Die Nachkommen Isaaks (25,19-35,29)


Nachdem die Linie Ismaels kurz erwähnt wurde (1. Mo 25,12-18), wendet sich die Erzählung wieder der auserwählten Linie und damit Isaak zu. Dies ist der Bericht (tôledôt) von Isaak, 1. Mo 25,19. Der erste Abschnitt (1. Mo 25,10-1. Mo 28,22) berichtet von dem Wohlstand Isaaks und dem Kampf Jakobs um sein Recht darauf - sogar im Land der Verheißung. Kapitel 29-32 berichten über die Segnung Jakobs an seinem Aufenthaltsort außerhalb des Landes der Verheißung und Kapitel 33-35 über seine Rückkehr in das Land und über die Verdorbenheit des Landes.

[[@Bible:1 mose 25:19]]1.Jakob erhält anstelle von Esau den verheißenen Segen (25,19-28,22)


[[@Bible:1 mose 25:19]]a.Das Zeichen bei der Geburt der Zwillinge (25,19-26)

Der Bericht über die Geburt von Esau und Jakob ist eine passende Einleitung zu den folgenden Kapiteln, denn ihr Kampf um die Vorrangstellung wurde sogar schon vor ihrer Geburt offenbar (vgl. Hos 12,3).
1. Mo 25,19-20: Rebekka, die Frau Isaaks, war auch seine Kusine (vgl. 1. Mo 24,15). In ähnlicher Weise hatte Nahor seine Nichte geheiratet (1. Mo 11,29). (Vgl. die Übersicht »Die Nachkommen Terachs« zu 1. Mose 11,27-32.) Die Heirat Isaaks mit Rebekka verband ihn also mit dem Heimatland Abrahams und mit den Aramäern in Nordwestmesopotamien (vgl. 1. Mo 24,10), das später unter dem Namen Syrien bekannt wurde.
1. Mo 25,21-23: Gott gab Isaak auf übernatürliche Weise einen Sohn. Wie Sara war auch Rebekka unfruchtbar (V.21), obwohl Gott doch verheißen hatte, daß Völker von Abraham abstammen sollten! Im Gegensatz zu Abraham betete Isaak (1. Mo 16,1-4), und Gott antwortete. Das zeigt, daß eine Geburt manchmal ein übernatürliches Ereignis war. Die Frau Jakobs, Rahel, war später auch für einige Zeit unfruchtbar (1. Mo 29,31).
Aber es ergab sich ein Streit im Leib Rebekkas (1. Mo 25,22). Als sie ging, um den HERRN darüber zu befragen, machte er ihr eine Voraussage: Zwei Völker, d.h. Zwillings-Vorfahren zweier Völker, kämpften miteinander in ihrem Leib, und der jüngere siegte (V.23). In der Tat kämpften die Israeliten (die Nachkommen Jakobs) und die Edomiter (die Nachkommen Esaus) beständig miteinander. Gottes Erwählung Jakobs, des Jüngeren, statt Esaus, des Älteren, ging gegen die natürliche Ordnung.
1. Mo 25,24-26: Die Eltern beobachteten die merkwürdige Situation und gaben, das Wunderzeichen Gottes im Blick, den Kindern passende Namen.
Der erste der Zwillinge war rot und haarig wie ein kleines Tier, so daß sie ihn Esau nannten. Die Erwähnung von »rot« sagt die zukünftige rauhe Natur Esaus voraus (V.27-34).
Fesselnde Wortspiele werden benutzt, um den ersten Zwilling zu beschreiben. Der Name Esau (`esaw) steht in loser Verbindung zu dem Wort »Seïr« (se´îr), dem früheren Namen für Edom zum Südosten des Toten Meeres hin, wo Esau später lebte (1. Mo 32,4; 1. Mo 36,8). Das hebräische Wort »rot« (´admônî) ist mit dem Wort »Edom« (´edôm; vgl. 1. Mo 25,30) verwandt; und »haarig« (se`ar) ist »Seïr« ähnlich. Diese Worte wurden sorgfältig gewählt, um den Jungen in der Natur Edoms, ein späterer Erzfeind Israels, darzustellen.
Der zweite Zwilling faßte bei seiner Geburt Esaus Ferse (V.26). Im Hinblick auf das Wunderzeichen, das die Eltern erhalten hatten (V.23), schien es angemessen, diesem Kind einen Namen zu geben, das die Erinnerung an dieses Ereignis wachhielt. Der Name Jakob (ya`aqob, mit der Bedeutung »Er [Gott] sei Beschützer«) wurde wegen seiner Verbindung in Laut und Sinn zu dem Substantiv »Ferse« (`aqeb) ausgewählt. Das Verb »`aqab« bedeutet »von hinten sehen«. Aber wie bei Esau sollte der Name Jakobs später im Leben einen anderen Sinn erhalten, als sein trügerisches Wesen offensichtlich wurde. Sein Name bedeutete auch »einer, der nach der Ferse greift« oder »einer, der jemand zu Fall bringt«. Also hatte die Geburt der Zwillinge für die späteren Ereignisse in ihrem Leben große Bedeutung.
Gottes Erfüllung seiner Verheißung an Abraham war durch seine Erwählung Jakobs (später der Nation Israels) geschehen. Gleichzeitig war auf der menschlichen Seite Gebet nötig (V.21). Gottes Verheißung wird nicht ohne den Glauben an sein übernatürliches Wirken Wirklichkeit. Später gab Gott Israel, seinem auserwählten Volk, die Verheißung. Aber ohne das Ringen Israels sollte sie nicht Wirklichkeit werden.
Gleich von Anfang an wurde die Geburt des Volkes Israel auf übernatürliche Weise überwacht. Paulus vermerkte, daß vor der Geburt der Zwillinge der jüngere vor dem älteren auserwählt worden war (Röm 9,11-12). Gott kehrt häufig die natürliche menschliche Ordnung um, denn seine Wege sind nicht unsere Wege.

[[@Bible:1 mose 25:27]]b.Der Kauf des Erstgeburtsrechtes von Esau (25,27-34)

Es ist traurig, daß häufig Dinge von großem geistlichem Wert weltlich oder verschlagen gehandhabt werden. Manch einer behandelt geistliche und ewige Dinge mit Geringschätzung, weil er sie als wertlos betrachtet. Andere, obwohl sie solche Dinge hoch achten, machen sich die höheren Dinge durch List und Manipulation zu Dienern. Esau und Jakob sind Beispiele für beide Seiten.
1. Mo 25,27-34: Jakob und Esau entwickelten sich gemäß ihrer ursprünglichen Eigenschaften. Esau, »der rote Mann«, wurde von seinem physischen Appetit für »rote Linsen« (V.30) überwältigt und verkaufte sein Erstgeburtsrecht. Jakob, »der nach der Ferse gefaßt hatte«, überholte klug seinen Bruder und erlangte das Erstgeburtsrecht.
Obwohl Jakob nicht gerecht gewesen war, war er in diesem Fall nicht betrügerisch. Er war klar und offen, wenn auch skrupellos. Man muß anerkennen, daß er wußte, was Wert besaß und was später geschehen würde. Esau hingegen war vollkommen »gottlos« (weltlich, Hebr 12,16).
Auch dieser Abschnitt enthält einige wichtige Wortspiele. Esau war ein geschickter Jäger (wörtl., »ein Mann, der das Jagdspiel kannte«, [sayid], ein Mann des offenen Feldes (1.Mose 25,27), aber er konnte dieses Mal kein Wild finden (V.29). Sein Vater liebte ihn wegen seines eigenen Gefallens an der wilden Jagd (sayid, V.28). So wurden das Wesen und die Beschäftigung Esaus von Isaak wegen der Befriedigung seines Gaumens bevorzugt. Sowohl Isaak als auch Esau trafen ihre Wahl aufgrund ihres Appetites.
Jakob wurde von Rebekka geliebt (V.28), teilweise aufgrund des Wunderzeichens (V.23), das sie möglicherweise häufig erwähnt hat. Er war ein gesitteter Mann, der bei den Zelten blieb (V.27). Ironischerweise war jedoch Jakob der listigere Jäger, der seine Falle für das hungrige »Tier« stellte. Eines Tages bereitete er (wörtl. »kochte« wayyazed) ein Gericht (»Gemüsesuppe«, nazîd, V.29) aus Linsen. Diese Worte spiegeln durch den Klang den Begriff für »Jagd« (sayid, V.27-28) wider. Aber auch das Verb zîd (»kochen«) spricht von der Einstellung Jakobs, denn es bedeutet »begeistert sein« oder »dreist sein«. So stellt die kochende Suppe bildhaft einen Mann dar, der sich über seine Grenzen hinauslehnt.
Als der Erstgeborene hatte Esau das Erstgeburtsrecht, und Jakob hatte das Linsengericht. Aber im Austausch erhielt Esau das Linsengericht und Jakob das Erstgeburtsrecht. Esau verachtete sein Erstgeburtsrecht (V.34), denn was hätte es ihm helfen können, wenn er vor Hunger stürbe (V.32)?
Jakob, der Zweitgeborene, besaß nun das Erstgeburtsrecht. Der berechnende, gesittete Mann, der den geistlichen Wert in dem Erstgeburtsrecht erkannte, manipulierte seinen weltlich gesinnten Bruder dahingehend, daß er dieses aufgab. Vielleicht hatte er in Kenntnis des Wunderzeichens (V.23) auf diese Gelegenheit gewartet. Dennoch brachte Gott später Jakob ins Bewußtsein, daß seine Verheißungen nicht auf diesem Weg erlangt werden können (vgl. die Manipulation seines Großvaters Abraham in 1. Mose 16,1-4).
Mit Sicherheit stellte das weltlich gesinnte Wesen Esaus für Israel eine Warnung dar. Es ist unrecht, geistliche Gaben zur Stillung des physischen Hungers zu opfern. Es ist eine Frage der Prioritäten. Esau sah nur das Essen und tat alles, was erforderlich war, um das zu bekommen, was er wollte (vgl. Eva und die Frucht des Baumes, 1. Mo 3,6).
Esau wird als emotionaler Mensch gezeichnet: er war matt und keuchte (verschmachtete, 1. Mo 25,29), verschlang das Essen (darauf wird im Hebräerbrief hingedeutet, V.34) und verachtete dann sein Erstgeburtsrecht (V.34). In diesem Fall war er kein geschickter Jäger; er war eher wie ein Tier, das man mit einem Köder fängt. Auf diesem niederen Niveau zu leben und seinen Hunger zu stillen führt unvermeidlich zur Verachtung geistlicher Dinge.
Jakob war, obwohl er sich zu Hause aufhielt, ein besserer Jäger als Esau. Er sehnte sich auch nach etwas - aber nach etwas, das es auch wert war. Damals hatte er nach der Ferse gegriffen; nun forcierte er die Sache ganz anders. Aber es liegt auch eine Gefahr in solchem geistlichen Streben. Gläubige sollten nach Dingen von geistlichem Wert streben, aber sie sollten die Einfälle des Fleisches vermeiden. Nachdem Jakob später von seinen menschlichen Erwägungen gereinigt war, wurde er aber ein tüchtiger Diener, weil seine Prioritäten richtig waren.

[[@Bible:1 mose 26:1]]c.Isaak erfreut sich an dem Reichtum des Segens Abrahams (26,1-33)

1. Mo 26,1-5: Manche Ausleger haben angenommen, daß diese Erzählung von Isaak in Gerar bei Abimelech in der Überlieferung mit den Berichten, in denen sich Abraham in Ägypten (1. Mo 12,10-20) und bei Abimelech in Gerar (1. Mose 20) aufhielt, durcheinandergeraten sind. Aber die Wiederholung der Motive geschieht bewußt: Sie zeigt, daß die Segnung auf die Nachkommen Abrahams übergegangen war. Die Parallelen Isaaks zu Abraham sind zahlreich; (a) eine Hungersnot (vgl. 1. Mo 12,10); (b) der Plan, nach Ägypten zu ziehen (vgl. 1. Mo 12,11); (c) der Aufenthalt in Gerar (vgl. 1. Mo 20,1); (d) die Bezeichnung der Ehefrau als »Schwester« aus Angst (vgl. 1. Mo 12,12-13; 1. Mo 20,2.11); (e) die Schönheit der Frau (1. Mo 12,11.14); (f) Abimelechs Sorge, Ehebruch zu begehen (1. Mo 20,4-7); und (g) der Tadel des Abimelech (1. Mo 20,9-10). Der Abimelech in 1. Mo 26,1 ist möglicherweise nicht derselbe Abimelech wie in Kapitel 20, da die Ereignisse etwa 90 Jahre auseinander lagen. Es ist nicht unmöglich, daß Abimelech ein Titel (wie Pharao oder Cäsar) war, denn Achisch (1.Sam 21,11) war ebenfalls als Abimelech bekannt (vgl. die Überschrift zu Ps 34). In ähnlicher Weise könnte Pichol (1.Mose 26,26) ein Titel sein, obwohl es dafür keinen Beweis gibt. Oder Pichol könnte auch einfach ein Namensvetter des früheren Pichol sein (1. Mo 21,22.32).
Abraham war gestorben. Was würde nun mit der Verheißung Gottes an ihn geschehen? Ganz einfach, die Verheißung würde sich nach Abrahams Tod in gerader Linie fortsetzen. Kapitel 26 betont durch rhetorische Kunstgriffe, daß die Verheißung in Isaak ihren Fortgang fand.
Der grundlegende Gedanke in 1. Mo 26,1-11 war, daß die Nachkommen des gehorsamen Knechtes Abraham seinetwegen gesegnet werden sollten. Aber auch sie mußten den Glauben praktizieren, um sich an den verheißenen Segnungen erfreuen zu können. Aufrichtiger Glaube an die Verheißungen Gottes hat ein furchtloses Wandeln mit ihm zur Folge; aber sich in Angst ducken gefährdet die Segnung und macht den Glauben zum Gegenstand des Spottes.
Der Gehorsam eines Mannes brachte seinen Nachkommen Segen. Der Herr gab die Abrahamsverheißungen an Isaak (Gottes Gegenwart, seine Segnung, der Besitz des Landes und Nachkommenschaft, so zahlreich wie die Sterne; vgl. 1. Mo 12,2-3; 1. Mo 15,5-8; 1. Mo 17,3-8; 1. Mo 22,15-18; 1. Mo 28,13-14). All das geschah, so sagte Gott, weil Abraham mir gehorsam war (wörtl. »meiner Stimme gehorchte«) und meine Forderungen, meine Gebote, meine Verordnungen und meine Gesetze gehalten hat. Das sind Standardbegriffe in den Gesetzesbüchern des AT. Israel erkannte sofort die Terminologie der Thora (des Gesetzes) in dem Bericht über Abraham und wurde veranlaßt, das Gesetz zu halten. Abraham lernte, daß wahrer Glaube dem Wort Gottes gehorcht.
1. Mo 26,6-11: Isaak täuschte wie sein Vater in Gerar Abimelech und wurde von dem heidnischen König getadelt, der wußte, daß die Strafe für Ehebruch der Tod war (V.10-11). Auch diese Erwähnung der gesetzlichen Vorschriften sollte Israel daran erinnern, wie wichtig es für die Zukunft seines Volkes war, die Ehe beizubehalten. Wenn diese Hauptstütze wegfällt, zerfällt eine Gesellschaft. (Wenn die Ehe Isaaks zu Ende gegangen wäre, hätte es keine israelitische Gesellschaft gegeben.)
Interessant ist das Wortspiel mit dem Namen Isaaks. Nachdem er Abimelech dahingehend getäuscht hatte, daß Rebekka seine Schwester sei, wurde Isaak gesehen, wie er sie liebkoste (mesaheq, V.8). Dieses Partizip spielt auf den Namen Isaaks (yishaq) an, aber es erinnert auch an den Spott Ismaels (mesaheq, 1. Mo 21,9). Die Wortwahl ist interessant. Es ist, als ob Mose schreibt, daß Isaaks Abweichen vom Glauben - indem er nach Gerar ging und seine Frau als seine Schwester ausgab - aus der großen Verheißung, die in seinem Namen verkörpert war, einen Spott machte. In der Tat spottete Isaak dem Abimelech durch die Täuschung. Indem er seine Frau liebkoste, spottete er Abimelech, den er zu täuschen versucht hatte. Isaak hätte die gerade gegebenen Bundesverheißungen ernster nehmen müssen.
So empfing Isaak gleich Abraham Gottes große Verheißung, täuschte aber ängstlich Abimelech und machte die verheißene Segnung zum Gespött. Die Angst verhöhnt den Glauben; der Glaube lacht kühn im Triumph. Aber wer aufrichtig den Verheißungen Gottes glaubt, gehorcht seinen Satzungen, Lehren und Geboten.
1. Mo 26,12-22: Isaak hielt sich in dem Land auf, erfreute sich des von Gott gegebenen Wohlstandes (seine Ernten gediehen und er wurde reich). Aber die Philister, die ihn um seinen Reichtum beneideten, verstopften Isaaks Brunnen mit Erde.
Wieder liefern die Brunnen ein vorherrschendes Motiv: sie sind der greifbare Beweis göttlichen Segens (vgl. den Streit Abrahams mit den Philistern über einen Brunnen, 1. Mo 21,25.30). Wo immer Isaak grub und wie oft die Philister die Brunnen auch verstopften, grub er die alten mit Erde gefüllten Brunnen wieder aus (1. Mo 26,18). Die Segnung Gottes an Isaak konnte nicht verhindert werden.
Von den Philistern vertrieben, lagerte sich Isaak im Tal von Gerar und setzte dort seine Suche nach Wasser fort. Er sah sich auch dort einer Auseinandersetzung gegenüber. Die Gerariter behaupteten, daß das Wasser von zwei der drei Brunnen, die Isaak ausgegraben hatte, ihnen gehörte. Die Namen, die er den drei Brunnen gab, spiegeln nicht nur seinen Streit, sondern auch seinen Triumph wider: Esek (»Zank«) und Sitna (»Streit«) spiegeln die Auseinandersetzung über die beiden Brunnen wieder, und Rehobot (»Weiter Raum«) steht für den Raum, den der Herr gemacht hatte. Isaak lehnte ab, wieder zu kämpfen. Er fuhr fort, einen Brunnen nach dem anderen preiszugeben, bis die Philister ihn enttäuscht alleine ließen.
1. Mo 26,23-25: Nachdem Isaak nach Beerscheba gezogen war, erschien ihm Gott und bestätigte wieder den Abrahamsbund (V.23-24). Isaak antwortete so wie sein Vater und baute einen Altar und rief den Namen Jahwes an (vgl. 1. Mo 12,7-8; 1. Mo 21,33).
1. Mo 26,26-33: Schließlich wurde die Auseinandersetzung über die Brunnen beigelegt. Abimelech bat Isaak um einen Bund. So wie ein früherer Abimelech anerkannt hatte, daß Gott mit Abraham war (1. Mo 21,22), so erkannte dieser Abimelech an, daß Gott mit Isaak war. Isaak nannte den Brunnen dort Schiba (»Schwur« oder »sieben«), weil sie mit einem Eid einen Bund schlossen (1. Mo 26,28-31.33). Er war dem Abkommen ähnlich, das Abraham schloß, als er die Stadt Beerscheba benannte (1. Mo 21,23-24.31). Notwendigerweise wurde der Bund mit Isaak erneuert. Gottes Segnung lag auf dem Samen Abrahams; Isaak war der rechtmäßige Erbe.
Durch wieviel Widerstand auch die Sache vereitelt werden sollte: Der Segen sollte doch gedeihen. Andere Völker sollten erkennen, daß die Hand Gottes über dem Nachkommen Abrahams war, und sie sollten mit Israel nach Frieden trachten, wenn sie an dem Segen teilhaben wollten.

[[@Bible:1 mose 26:34]]d.Der Fehltritt Esaus (26,34-35)

1. Mo 26,34-35: Die Heirat Esaus mit zwei hetitischen Frauen (Jehudit und Basemat) war für seine Eltern ein Kummer. Diese Bemerkung veranschaulicht, wie unpassend Esau für die Segnung Gottes und wie töricht der spätere Versuch Isaaks, Esau zu segnen (1. Mo 27,39-40), war. Später heiratete Esau noch eine dritte Frau, Mahalat (1. Mo 28,9).

[[@Bible:1 mose 27:1]]e.Die Täuschung Jakobs um des Segens willen (27,1-40)

Gott erwartet von seinen Dienern, daß sie ihre geistliche Verantwortung durch den Glauben wahrnehmen. Unglücklicherweise ist der Glaube nicht zu jeder Zeit vorhanden, und dann werden die Dinge kompliziert. Dieses Kapitel stellt dar, wie eine ganze Familie versucht, ihre geistliche Verantwortung mit ihren physischen Sinnen ohne den Glauben wahrzunehmen. Es ist die bekannte Geschichte, wie Jakob den Segen von seinem Vater Isaak durch Täuschung erhält. Es ist eine Geschichte des Zerbruchs einer Familie über geistliche Dinge!
Alle Teilnehmer irrten sich. Isaak kannte das Wunderzeichen Gottes an Rebekka (1. Mo 25,23), nämlich, daß der ältere dem jüngeren dienen würde; dennoch begann er, dem durch die Segnung Esaus entgegenzuarbeiten! Esau, der mit dem Vorhaben einverstanden war, brach den Eid, den er Jakob abgelegt hatte (1. Mo 25,33). Rebekka und Jakob versuchten beide, zwar in einer gerechten Sache, doch durch Betrug, ohne Glauben oder Liebe den Segen Gottes zu erlangen. Ihnen sollte der Sieg gehören, aber sie ernteten Haß und Trennung, denn Rebekka sah Jakob niemals wieder! So wurde der Konflikt zwischen Jakob und Esau durch Jakobs Betreiben noch viel größer - er wollte das, was dem Erstgeborenen gehörte, den Segen. Aber die Geschichte handelt nicht nur von Jakob. Er alleine zerstörte die Familie nicht; vielmehr war es die Bevorzugung der Kinder durch die beiden Eltern.
1. Mo 27,1-4: SZENE 1 (Isaak und Esau): Isaak erklärte sich bereit, Esau zu segnen. Es werden hier wichtige Bemerkungen hinsichtlich der schwachen Augen und dem hohen Alter Isaaks gemacht. Darüberhinaus wird seine Liebe zum Wildbret und zum wohlschmeckenden Essen betont (vgl. 1. Mo 25,28. 34). Sein Gaumen regierte sein Herz. Aber der springende Punkt bei Isaak war, daß er vorhatte, Esau seinen Segen zu geben. Es entstand für Rebekka eine Zwickmühle, die sie zum Handeln herausforderte.
1. Mo 27,5-17: SZENE 2 (Rebekka und Jakob): Rebekka brachte Jakob zum Handeln, um Isaak an seinem Vorhaben zu hindern. Sie schien sich sicher zu sein, daß sie den Fleischgeschmack des Wildbretes mit Ziegenfleisch nachmachen konnte (V.9). Aber Jakob war sich nicht so sicher, daß er seinen Vater täuschen konnte. Schließlich sagte Jakob, wenn Isaak ihn betastete, würde er den Unterschied zwischen der behaarten Haut Esaus und der glatten Haut Jakobs erkennen. Jakob hatte keine Schuldgefühle - nur Angst - im Hinblick auf das Vorhaben. Aber der Segen stand auf dem Spiel, und alles mußte riskiert werden, sogar einschließ- lich der Möglichkeit eines Fluches über Rebekka (V.12-13). Also tat Jakob das, was ihm seine Mutter befohlen hatte. Rebekka steckte Jakob sogar in Esaus beste Kleider.
1. Mo 27,18-29: SZENE 3 (Jakob und Isaak): Jakob betrog seinen Vater und erhielt den Segen. Von seiner Mutter angestachelt, log Jakob seinen Vater zweimal an; erstens über seine Identität (Ich bin Esau, V.19), und zweitens, daß Gott ihm (bei der Jagd, V.20) Erfolg verliehen hatte. Dreimal äußerte der alte Mann seinen Argwohn (V.20. 22.24). Aber indem er von seinem Tastsinn (V.16.23) und Geruchsinn (V.27) getäuscht worden war, segnete er Jakob in dem Glauben, daß es Esau sei (V.27-29). Der Segen schloß das Gedeihen der Ernten (V.28), die Herrschaft über andere Völker und seine Brüder (vgl. V.37), Fluch über jene, die ihm fluchten, und Segen über jene, die ihn segneten (V.29), ein.
1. Mo 27,30-40: SZENE 4 (Esau und Isaak): Bald danach kam Esau nach Hause und bat seinen Vater um seinen Segen. Als Esau das Essen hineinbrachte, wurden die Gefühle aufgepeitscht. Isaak bebte heftig über das, was geschehen war, und Esau war sehr bitter und böse (V.34). Isaak wußte, daß er sich in Gottes Plan hineingemischt hatte und überwältigt worden war; da gab es nun kein Zurück mehr. Esau begann, das wahre Wesen Jakobs zu erkennen. Zweimal hatte Jakob Esau »überlistet« oder betrogen, indem er ihm sein Erstgeburtsrecht (1. Mo 25,29-34) nahm und nun, indem er ihm den Segen stahl. Alles, was blieb, war ein Segen für einen weltlichen Menschen (1. Mo 27,39-40). Esau würde weder die Reichtümer der Erde noch den Tau des Himmels genießen (vgl. V.28). Die Edomiter, die Nachkommen Esaus, würden in einem weniger fruchtbaren Land als Palästina leben. Auch Esau würde unter dem Vorzeichen der Gewalt leben, Jakob dienstbar und ruhelos sein (vgl. Ismael, 1. Mo 16,12).
So siegten Rebekka und Jakob auf der einen Seite, obwohl sie nichts erlangten, was Gott ihnen nicht sowieso gegeben hätte; aber sie verloren auf der anderen Seite viel.
Dennoch wirkte Gott durch ihr Handeln. Ihre Taten folgten nur dem nach, was das Wunderzeichen Gottes prophezeit hatte. Der Plan Gottes wird den Sieg davontragen, häufig sogar trotz des Handelns der Menschen.
Die Geschichte handelt von elterlicher Begünstigung, die die Familie völlig zerriß. Die Geschichte ist auch ein Bericht geistlicher Unempfänglichkeit. Alle natürlichen Sinne haben auffallenden Anteil - insbesondere der Geschmacksinn, mit dem Isaak sich selbst brüstete, der ihm aber die falsche Antwort gab. Sich auf die eigenen Sinne für die Unterscheidung geistlicher Dinge zu verlassen, erweist sich nicht nur als fehlbar, sondern beschwert das Leben übermäßig.
Am wichtigsten ist jedoch, daß die Geschichte vom Betrug handelt. Das einzige Zögern Jakobs lag in seiner Angst begründet, daß er, anstatt gesegnet zu werden, verflucht werden könnte (1. Mo 27,12). Er erkannte wenigstens, daß ein solches Handeln die Verheißung Gottes gefährden würde. Jakob lernte später, daß Segen von Gott gegeben und nicht durch Betrug erlangt wird.

[[@Bible:1 mose 27:41]]f.Die Flucht Jakobs (27,41-28,9)

1. Mo 27,41-46: Dieser Abschnitt bildet den Übergang zu den Geschichten über Laban und Jakob. Aufgrund seines Betruges mußte Jakob von zu Hause fliehen. Aber der Anlaß eröffnete den Beweggrund dafür, von seinen Verwandten im Osten eine Frau zu nehmen. Während Isaak im Land geblieben war, während der Knecht Abrahams losgezogen war, um seine Frau zu finden und herbeizubringen (1. Mose 24), war die Reise Jakobs durch die drohende Gefahr, von seinem zornigen Bruder getötet zu werden (1. Mo 27,41-42), zwingend notwendig geworden. Darüber hinaus handelte Gott mit Jakob ernstlich unter der Hand Labans, seines Onkels. In der Tat steht der Aufenthalt außerhalb des Landes auf mehrere Weisen zu dem späteren Aufenthalt der Familie Jakobs in Ägypten parallel.
Rebekka berichtete Jakob von dem Zorn Esaus und drängte ihn, sofort zu ihrem Bruder Laban in Haran zu ziehen. Indem sie wiederum ihren Mann um ihres Sohnes willen täuschte, drückte sie Mißfallen an ihren beiden hetitischen Schwiegertöchtern, Jehudit und Basemat (V.46; 1. Mo 26,34-35), aus und drängte Isaak, Jakob eine Frau aus ihrem eigenen Volk zu geben. Auf diese Weise konnte Jakob mit dem Segen Isaaks fliehen (vgl. 1. Mo 28,1).
1. Mo 28,1-5: Wieder segnete Isaak Jakob und befahl ihm: Nimm keine kanaanitische Frau. Das kanaanitische Volk war eine gemischte Rasse und vereinigte Dutzende von Gruppen und Stämmen durch Bünde und Eheschließungen in seiner Gesellschaft. Die Familie Abrahams sollte einer solchen Vermischung Widerstand leisten (vgl. die Weigerung Abrahams, Isaak eine kanaanitische Frau zu geben, 1. Mo 24,3). Der Grund für die Heirat innerhalb der Sippe war der Wunsch, in der Linie Reinheit zu bewahren und sich der eigenen Familie gegenüber loyal zu verhalten. Der sicherste Weg, die Unterscheidung zwischen den Stämmen zu verlieren, war, in ein Volk mit verschiedenen Elementen hineinzuheiraten. Sicher war Moses immer wieder ausgesprochene Aussage an die Israeliten, daß ihre Vorfahren der Heirat mit den Kanaanitern widerstanden hatten, auch eine Warnung. Kanaaniter zu heiraten würde mit Sicherheit der Reinheit der Linie ein Ende setzen, aber was noch wichtiger war, es würde die Reinheit des israelitischen Glaubens zerstören.
Bevor Jakob wegzog, gab ihm Isaak den bloßen, rechtmäßigen Segen. Es gab nun kein Zurückhalten mehr. Isaak hatte den Segen, den Gott sowohl Abraham als auch Isaak gegeben hatte, an Jakob weitergegeben. Isaak wiederholte den Segen von Gott, dem Allmächtigen (´el šadday; vgl. den Kommentar zu 1. Mo 17,1), das Gedeihen und das Land betreffend (1. Mo 28,3-4; vgl. 1. Mo 15,5.18-20) und drängte seinen Sohn, nach Mesopotamien zu ziehen. Diejenigen, die Erben der Segnung des Abrahamsbundes sind, durften diese Segnungen nicht durch Eheschließungen mit den Kanaanitern gefährden. Die geistliche Reinheit sollte in allen Generationen bewahrt werden.



1. Mo 28,6-9: Im Gegensatz dazu heiratete Esau, der seinem Vater gefallen wollte, zusätzlich zu den beiden hetitischen Frauen einen Nachkommen Abrahams durch Ismael. Mahalat, eine Tochter Ismaels, war also eine Kusine Esaus. Ironischerweise heiratete der nichterwählte Sohn Isaaks in die nichterwählte Linie Ismaels hinein! So versuchte Esau, seinen Ruf als Ehemann zu verbessern, indem er eine dritte Frau heiratete (vgl. 1. Mo 26,34). Esau hatte für den Abrahamsbund und seine Reinheit kein Verständnis. Er lebte noch immer auf der menschlichen Ebene.

[[@Bible:1 mose 28:10]]g.Die Verheissungen des Bundes werden in Bethel bestätigt (28,10-22)

Die Vision Jakobs in Bethel war auf die bloße Gnade Gottes gegründet. Gott erschien Jakob, um ihn seiner Verheißung des Segens und Schutzes zu versichern und brachte damit Jakob dazu, eine wunderbare, anbetende Antwort zu geben, in der er Treue gelobte. Dieser Abschnitt beantwortet (a) die Frage, ob der Herr auch der Gott Jakobs war, und zeigt (b), wie Jakobs Aussichten sich auf dramatische Weise änderten.
1. Mo 28,10-15: Jakob, der für die Nacht auf seinem Weg zu seinem aramäischen Onkel Laban in Haran in Mesopotamien (vgl. 1. Mo 25,20; 1. Mo 28,2) angehalten hatte, träumte von Engeln auf einer Leiter, die bis zum Himmel reichte. Der entscheidende Zug der Geschichte ist der, daß Gott mit Jakob war, wohin er auch ging. Dies wurde durch die »Leiter« symbolisiert, die durch die Worte Gottes erklärt (V.13-15) und im Glauben von Jakob erkannt wurde (V.20-22). Gott wiederholte Jakob den Bund, den er mit Abraham und Isaak geschlossen hatte und verhieß ihm das Land, Nachkommen so zahlreich wie der Staub (vgl. 1. Mo 13,16; 1. Mo 22,17) und einen allgemeinen Segen durch ihn (vgl. 1. Mo 12,2-3; 1. Mo 15,5.18; 1. Mo 17,3-8; 1. Mo 22,15-18; 1. Mo 35,11-12). Gott verhieß auch, Jakob zu beschützen und mit ihm zu sein, während er außerhalb des Landes war und darauf zu sehen, daß er zurückkehren würde.
1. Mo 28,16-22: Jakobs anbetende Antwort schloß ein, daß er (a) vor dem Herrn Furcht hatte, daß er (b) einen Gedenkstein aufrichtete, daß er (c) den Stein weihte, indem er auf die Spitze Öl goß, daß er (d) den Ort Bethel (»Haus Gottes«) nannte, um das Ereignis in Erinnerung zu rufen, daß er (e) ein Gelübde ablegte, indem er zum ersten Mal seinen Glauben an den Herrn ausdrückte (der HERR wird mein Gott sein), und daß er (f) den Zehnten versprach (V.22). All diese Dinge unterstrichen den zentralen Gedanken von Gottes beschützender Gegenwart.
Mehrere spätere Gebräuche liegen in diesem Geschehen begründet. Der bemerkenswerteste ist das Denkmal in Bethel. Später hielten die Israeliten diesen Ort für einen heiligen Platz, wo Gott »geschaut« werden konnte.
Ein anderes Motiv ist das Geben des Zehnten (so wie bei Abram in 1. Mose 14,20). Den Zehnten zu geben, war eine Handlung, durch die ein Mensch anerkannte, daß alles, was er besaß, Gott gehörte. Der Glaube erkennt diese Tatsache äußerlich in Form eines Geschenkes an.
Auch das Gelübde Jakobs war ein wichtiges Element bei diesem Ereignis. Er gelobte, daß, wenn Gott ihn beschützte, für ihn sorgte und ihn in seine Heimat zurückbrächte, dieser Ort dann ein Zentrum der Anbetung für ihn werden würde. Später waren Gelübde für Israel sehr wichtig.
Darüberhinaus erhielten aufgerichtete Steine von diesem Zeitpunkt an große Bedeutung. Sie unterschieden sich von Altären. Denkmäler wurden aufgerichtet, um sich das Erscheinen Gottes ins Gedächtnis zu rufen, so daß andere bei der Frage: »Was bedeuten euch diese Steine?« (Jos 4,6) etwas über Gott erfahren konnten.
Die Gegenwart dieser wichtigen religiösen Motive betonen die Tatsache, daß ein unbekannter »Ort« für Israel ein wichtiger Ort der Anbetung wurde. Die parallele Struktur beider Abschnitte (1.Mose 28,10-13 und 16-19) zeigt, daß die Anbetung eine Antwort auf das Gesicht war. Z.B. wird das Wort »Haupt« oder Kopf wiederholt; zuerst für das Haupt Jakobs auf dem Stein (V.11), dann für die Spitze (wörtl. »Kopf«) der Leiter (V.12) und dann für die Spitze des Steinmales (V.18). Ein weiteres Wortspiel hängt mit dem Wort »steht« zusammen. Zuerst stand der Herr auf der Spitze der Leiter (V.13), und dann wurde der Stein als ein Denkmal aufgerichtet (wörtl. »stand auf«) (V.18). Diese Parallelen machen deutlich, daß der kleine Altar Jakobs das Gesicht verkörperte.
Gottes Verheißung, mit seinem Volk zu sein, ist ein Thema, das in der Heiligen Schrift ständig wiederholt wird. (Z.B. sagte Gott zu Isaak: »Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir«, 1. Mo 26,24.) Die Versicherung der Gegenwart Gottes sollte in jedem Gläubigen dieselbe Antwort, die Jakob antrieb, hervorbringen, nämlich Anbetung und Vertrauen. Das ist die Botschaft von Anfang an: Gott sucht in Gnade sein Volk auf und verheißt ihm Bewahrung und Versorgung, so daß es für andere ein Segen sein kann. Es muß im Gegenzug im Glauben antworten, indem es den Herrn fürchtet, ihn verehrt, ihm opfert, sich ihm weiht und zukünftigen Anbetern an solchen Orten Denkmäler für die Zukunft setzt.
Das Ereignis in Bethel war also ein Archetyp der Verehrung Israels, die nach ihrem Patriarchen Jakob gestaltet - und auch tatsächlich nach ihm benannt wurde.

[[@Bible:1 mose 29]]2.Die Segnung Jakobs in der Fremde (1. Mose 29-32)


Diese Kapitel zeigen, wie Gott zu seiner Verheißung stand und Jakob reichlich segnete. Sie zeigen auch, wie Gott den Patriarchen züchtigte.

[[@Bible:1 mose 29:1]]a.Das Treffen mit Rahel und der Betrug Labans (29,1-30)

1. Mo 29,1-6: Der Aufbau und der Inhalt dieses Abschnittes spiegeln die Bedeutung der Erfahrung in Bethel wider. Jakob war vor Esau geflohen. Nun suchte er sich eine Braut. Dieser Umschwung in seiner Absicht geschah aufgrund der Verheißung Gottes, die ihm in Bethel gegeben worden war. Seine Suche war die Erfüllung eines Teiles der Verheißung, nämlich, daß er Nachkommen bekommen sollte, während er sich außerhalb des Landes aufhielt. Darüberhinaus war der Geist Jakobs nun großmütig und selbstlos. Er hatte eine neue Zielsetzung.
Bezeichnenderweise steht Jakobs Treffen mit Rahel parallel zu dem Treffen seines Vaters mit Rebekka (1. Mose 24). Mit Sicherheit erinnerte sich Laban, der Bruder Rebekkas, daran, wie Gott Eliëser geführt hatte. Dennoch betont diese Erzählung im Gegensatz zu Kapitel 24 nicht die göttliche Leitung, sie wird aber angedeutet. Hier war ein Mensch, der eine wunderbare Schau erhielt. Er kannte den Plan Gottes, ihn zu segnen und zu führen. So beeilte sich Jakob mit seinem Plan (er setzte seine Reise fort heißt wörtl. »er nahm seine Beine in die Hand«). Er kam »zufällig« an einen Ort, wo ein Brunnen lag; es war »zufällig« bei Haran, wo Laban wohnte (1. Mo 29,5), und Labans Tochter Rahel kam gerade »zufällig« zu dem Brunnen (V.6). Diese zeitliche Abstimmung war das Wirken des liebenden allmächtigen Gottes, der den ganzen Weg geführt hatte (vgl. 1. Mo 24,27). Die Tatsache, daß das Zusammentreffen am Brunnen stattfand, ist bedeutsam, weil ein Brunnen häufig mit dem Segen Gottes in Verbindung gebracht wurde (vgl. 1. Mo 16,13-14; 1. Mo 21,19; 1. Mo 26,19-25.33).
1. Mo 29,7-14: Als Jakob die Herden Labans tränkte, gab eine Bemerkung eine Vorahnung wieder: die folgenden Kapitel 30-31 stellen dar, wie Laban und seine Herden in der Gegenwart Jakobs gediehen (vgl. 1. Mo 12,2-3). Im Gegensatz zu Labans faulen Hirten (1. Mo 29,7-8) war Jakob großherzig, eifrig und fleißig (V.10). Er hatte eine Sendung, ein Streben. Dieses brennende Ziel, eingeprägt durch frühere Erfahrung, führte ihn dazu, sein Ziel zu erreichen.
Das Küssen von Verwandten (V.11. 13) war eine angemessene Begrüßung. Indem Laban Jakob sein eigenes Fleisch und Blut nannte (V.14), erkannte er Jakob, seinen Neffen, möglicherweise sogar als einen Sohn an.
1. Mo 29,15-30: Die freudige Aussicht Jakobs, Rahel zu heiraten, wandelte sich durch den Betrug Labans in einen Alptraum. In Laban fand Jakob seinen Meister und auch sein Werkzeug zur Züchtigung. Jakob hatte seinen eigenen Bruder und Vater getäuscht und wurde nun von dem Bruder seiner Mutter getäuscht! Zwanzig Jahre (1. Mo 31,38) der Plackerei, des Kummers und des Betruges lagen vor ihm. Durch Laban erhielt er seine eigene Medizin der Falschheit. Aber Jakobs Zähigkeit zeigt, daß er sie als geringes Hindernis zählte. Gott nahm ihn, entwickelte seinen Charakter, kehrte die Früchte seines Betruges in Segen und schuf die verheißenen Nachkommen, das Volk Israel.
Jakob hatte sich vorgenommen, sieben Jahre zu arbeiten, um Rahel zur Frau zu bekommen. Jene sieben Jahre der Arbeit gingen für Jakob wegen seiner Liebe zu ihr schnell vorbei (1. Mo 29,20). Interessanterweise waren die Frauen der ersten drei Patriarchen schön: Sara (1. Mo 12,11), Rebekka (1. Mo 24,15-16) und Rahel (1. Mo 29,17).
Als die Zeit für das Hochzeitsfest herankam (V.21-22) waren die Herzen fröhlich und die Stimmung gut. Aber in der Nacht wurde Jakob Lea, Rahels ältere Schwester, untergeschoben. Dies war ein Meisterstück schamlosen Verrates. Die ungeliebte Lea wurde einem Mann gegeben, der Rahel liebte.
Jakobs Ärger war nutzlos. Nun, als er selbst das Objekt der Betrügerei war, verstand er, wie Esau empfunden hatte. Laban bot ihm als Ausflucht eine örtliche Sitte: es ist nicht recht, die Jüngere vor der Älteren zu verheiraten. Diese Worte mußten Jakob durchbohrt haben. In seinen früheren Tagen hatte er, der Jüngere, seinem Vater in Betrug vorgetäuscht, der ältere Bruder zu sein (1. Mose 27). Wenn gesellschaftliche Konventionen außer acht gelassen werden müssen, sollte es durch Gott geschehen, nicht durch Betrug. Die kränkenden Worte Labans wurden ohne Kommentar stehengelassen; das Ereignis war einfach Gottes Ratschluß über Jakob.
Die Bibel macht immer wieder das Prinzip deutlich: Was ein Mensch sät, das wird er ernten (Gal 6,7). Man hat das Ironie oder poetische Gerechtigkeit genannt, es ist aber mehr als das. Es ist die göttliche Strafe, bei der häufig mit demselben Maß heimgezahlt wird. Gott ordnet die Angelegenheiten der Menschen, um die Dinge in Ordnung zu bringen. Dieser Betrug war bei Jakob ganz und gar angebracht. Es war die göttliche Bestrafung, um ihm seine eigene List vor Augen zu führen. Jakob hatte sich betrügerisch mit der Verkleidung Esaus, des Erstgeborenen, seinem Vater dargeboten; nun wurde ihm Lea, die Erstgeborene, mit der Aufmachung der Rahel, der Jüngeren, betrügerisch zugeführt. Nach seiner anfänglichen Reaktion erkannte Jakob den Betrug als solchen und nahm ihn hin. Er beendete die Hochzeitswoche (1.Mose 29,27; vgl. Woche in V.28), an deren Ende er Rahel bekam (zwei Frauen in sieben Tagen). Jeder Tochter wurde eine Magd als Hochzeitsgabe gegeben, ein Brauch, der in dieser Gesellschaft üblich war. Lea bekam Silpa, V.24, und Rahel erhielt Bilha, Vers 29 (vgl. 1. Mo 30,4-13.) Dann arbeitete Jakob weitere sieben Jahre, die er Laban als Gegenleistung für Rahel schuldig war (1. Mo 29,30; vgl. 1. Mo 31,38.41).
Unglücklicherweise war Jakob nicht der einzige Gläubige, der einen Laban brauchte, der ihn züchtigte.

[[@Bible:1 mose 29:31]]b.Die Ausbreitung des verheissenen Samens durch die Geburt der Vorfahren der 12 Stämme (29,31-30,24)

Der Wunsch nach liebevoller Anerkennung führt häufig auf gefährliche Wege. Der Wettkampf im Kindergebären zwischen Rahel und Lea zeigt gerade einen solchen Kampf innerhalb einer Familie. Die Geschichte dreht sich um das Flehen der Menschen um Liebe und Anerkennung und um den Preis, dem entgegenzuarbeiten.
1. Mo 29,31-35: In seinen Familienbeziehungen säte Jakob noch einige bittere Samen. Er war zu Lea, seiner ungewollten Frau, kühl. Gott war sich darüber, ebenso wie Lea, im klaren. Rahel war unfruchtbar, so wie Sara und Rebekka vor ihr (V.31; vgl. 1. Mo 16,1; 1. Mo 25,21).
Die ersten vier Söhne Leas wurden in rascher Folge geboren. Dies muß den langen Wartezeiten der Vorväter gegenübergestellt werden. Der Bericht von diesen Geburten ist traurig, aber man erkennt hier, so wie in dem Kapitel als Ganzem Gott als den einen an, der ungeachtet menschlicher Bemühungen Leben gibt.
Lea nannte ihren Erstgeborenen Ruben (re´ûben) und zeigt damit an, daß der HERR ihr Elend gesehen hatte (ra´âh be`anyî). Ein anderes Wortspiel schließt sich an: Nun wird mein Mann mir doch zugetan (ye´ehabanî) sein. Diese Benennung zeigte ihre Hoffnung, aber auch ihren Trost und ihren Glauben. Jakob hat nie ihren Kummer gesehen, aber der Herr sah ihn (vgl. »Beer Lahai Roi«, wörtl. »der Brunnen des Lebendigen, der mich sieht«, 1. Mo 16,14; 1. Mo 24,62; 1. Mo 25,11).



Simeon wurde so genannt, weil der HERR gehört hat (šama`), daß Lea ungeliebt war. »Gott hörte« war ihr Zeugnis im Glauben an seine Versorgung (vgl. »Ismael«, was bedeutet »Gott hört«, 1. Mo 16,15).
Levi wurde nach ihrer Hoffnung benannt, daß ihr Mann ihr zugeneigt (yillaweh) werden würde, was aber nicht geschah.
Juda war ihr Trost; sie sollte zufrieden sein, um dem Herrn zu danken (´ôdeh), denn Juda bedeutet »laßt ihn gelobt werden«. Lea zeigte echten Glauben in der Zeit ihres großen Kummers.
1. Mo 30,1-8: Die Söhne Rahels durch Bilha spiegeln nicht den Glauben wider, den Lea hatte. Rahel fühlte sich mit ihrer Unfruchtbarkeit ins Unrecht gesetzt. Ihr Bemühen, Kinder durch ihre Magd zu haben, spiegelt Saras ähnlichen Versuch mit Hagar wider (1. Mo 16,1-4). Die Namen der beiden Söhne, die Bilha geboren wurden, spiegeln Rahels verbitterten Kampf und das Gefühl ihres Sieges wider. Der Name Dan wird durch das Wort danannî erklärt. Gott hat mich gerechtfertigt, d.h. er hat nun die Kränkung Rahels, ihre Unfruchtbarkeit, beseitigt. Der Name Naftali spiegelte ihren harten Kampf (naptûlê), den »ich gekämpft habe« (niptaltî) mit meiner Schwester, wie sie sagte (1. Mo 30,8), wider.
1. Mo 30,9-13: Lea antwortete darauf, indem sie Jakob ihre Magd Silpa anbot, der Gad (Glück) und Asser (»Segen«) geboren wurden. Lea erkannte, daß es ihr mit der Hilfe Gottes wohlerging.
1. Mo 30,14-21: Ruben, der Erstgeborene Jakobs, fand einige Alraunepflanzen, die man für Aphrodisiaka hielt, und Rahel war der Meinung, daß diese ihr nützen könnten (V.14-15). So dingte Lea Jakob mit den Pflanzen und bekam einen Sohn, Issachar. Issachar wird erklärt durch sekartîka (»mein Lohn«). Der Name des sechsten Sohnes Leas, Sebulon, hat die doppelte Bedeutung von Mitgift oder »Gabe« so wie auch von »Ehre«. Lea sagte damit, daß Gott ihr Sebulon als eine Gabe gab, und ihr Mann sollte sie mit Ehrerbietung behandeln. So hatte Lea die Hoffnung niemals verlassen. Dann wurde ihr Dina, eine Tochter, geboren.
1. Mo 30,22-24: Schließlich gebar Rahel Josef (yôsep), jedoch nicht durch die Alraunepflanzen. Das zeigt, daß Geburten durch Gott geschehen und nicht von Menschen manipuliert werden. Josefs Name, wie derjenige Sebulons, hatte eine doppelte Bedeutung. Rahel sagte, Gott hat meine Schmach hinweggenommen (´asap) und sie betete, daß er einen anderen Sohn hinzufüge (yosep). Schließlich jubelte Rahel und schaute im Glauben auf ein zweites Kind von Gott.
Dieser Abschnitt (1. Mo 29,31-1. Mo 30,24) ist eine Kombination kleinerer Erzählungen, die die Wortspiele der Namen der Söhne Jakobs hervorheben. Jeder Name wurde von Lea oder Rahel auf die konkrete Familiensituation gedeutet, womit sie den geistlichen Gehalt, nämlich das Zeugnis für Gott als dem Spender des Lebens, aufgaben.
Mit Sicherheit zeigt der Abschnitt, wie Gott Jakob wachsen ließ und begann, aus ihm ein großes Volk zu schaffen. Alle Israeliten konnten so zurückschauen und ihre Vorfahren in Jakob und in dem Konflikt der Frauen erkennen. Als Brüder sollten die Söhne Jakobs, die »Israel« wurden, nicht wie ihre Mütter eifersüchtig werden.
Für Israel waren diese Erzählungen mehr als interessante kleine Geschichten. Die Rivalität, die hier aufkommt, erklärt viel von der späteren Stammesrivalität. Aber 1.Mose ist deutlich: Gott erwählte die verachtete Mutter, Lea, und erhob sie zur ersten Mutter. Der königliche Stamm von Juda und der Priesterstamm von Levi gehen auf sie zurück und das ungeachtet der Liebe Jakobs für Rahel und ihren Sohn Josef.

[[@Bible:1 mose 30:25]]c.Die Ausdehnung der Besitztümer Jakobs auf Kosten Labans (30,25-43)

Dies ist die ungewöhnliche Geschichte davon, wie Jakob Reichtum erlangte. Dieser kluge Mann überlistete einen weiteren Gegner, oder jedenfalls schien es so. Aber Jakobs Sieg hatte er mehr Gott zu verdanken, als er im Moment wahrnahm.
1. Mo 30,25-36: Als Jakob Laban um die Erlaubnis bat, nach Hause ziehen zu dürfen, verhandelte Laban mit ihm, daß er doch bleiben möge (V.27-28.31). Das war orientalische Diplomatie - zwei Beduinenführer waren vorsichtig auf der Hut, als sie miteinander verhandelten. Laban erklärte, daß er durch göttliche Weissagung erkannt hatte, daß Gott ihm wegen Jakob Gedeihen geschenkt hatte. Vielleicht hatte er nach Zeichen Ausschau gehalten oder es einfach gespürt. Dunkle Schafe waren ein Omen für das Gute und vielleicht sprach eine ungewöhnliche Menge von ihnen dafür (V.32). Jakob stimmte zu, daß Gott Laban gesegnet hatte (V.30). So schlug Jakob einen Plan vor, bei dem er (jedenfalls scheinbar) wenig erhalten würde. Er sollte als Lohn für seine Arbeit die schwarzen und bunten Ziegen - die seltenere Art - und die gefleckten und gesprenkelten Schafe, die geboren wurden, erhalten. Laban überdachte das und schloß schnell den Handel ab (V.34). Er konnte für sich selbst nur Vorteile sehen.
Jakobs Plan war sehr risikoreich. Dennoch suchte er seine eigenen Interessen und hoffte, damit zu Wohlstand zu gelangen.
Aber Labans List trug mit zu dem Risiko bei. Um der größeren Sicherheit willen sonderte Laban sofort alle Tiere mit unüblicher Farbe aus und gab sie nicht Jakob, sondern seinen Söhnen. Und als zusätzliche Vorsichtsmaßnahme legte er eine Drei-Tages-Reise zwischen sie. So trachtete er danach, sicherzugehen, daß Jakob eine schwierige Zeit erleben und keine große Herde bekommen würde.
1. Mo 30,37-43: Gott segnete Jakob auf eine ungewöhnliche Art und Weise. Wir haben hier ein Wortspiel mit dem Namen Laban vor uns, denn als Jakob die Borke von den Stäben schälte und die weißen (laban) dorthin stellte, sah er seine Herde anwachsen. Er spielte Labans Spiel und gewann - er überlistete den »Weißen«.
Es ist offensichtlich, wie Jakob später anerkannte (1. Mo 31,7-12), daß Gott eingegriffen hatte, um Jakobs Erwartungen in die Stäbe zu erfüllen. Die geschälten Stäbe, die in die Wassertränken gelegt worden waren, veranlaßten seine Tiere zur Vermehrung, so daß sie sich vor den Tränken paarten. Zusätzlich wählte Jakob die Tiere bei der Züchtung so aus, daß er die kräftigeren Tiere für sich selbst und die schwächeren weiblichen Ziegen und Schafe für Laban züchtete. Aber das war nicht das einzige Mal, daß der Anteil Gottes am Erfolg Jakobs viel größer war, als es einem Beobachter hätte erscheinen können.
So erlangte Jakob in der Erfüllung der Verheißung Gottes in Bethel auf Kosten Labans großen Wohlstand (1. Mo 30,43), der nun teilweise die ihm angemessene Vergeltung empfing. Ein spannender Kampf entwickelte sich zwischen Jakob und Laban. Labans Ungerechtigkeit und seine List gingen dem Vorhaben Jakobs voraus, so wie Isaaks Versuch, Esau zu segnen, bereits früher den Betrug Jakobs veranlaßt hatte. In beiden Fällen wurde der Versuch, Jakob zu betrügen, tatsächlich von Jakob selbst bezwungen. Jakob betrachtete jedoch seinen Gewinn als göttliche Segnung, obwohl er die Auswirkungen seiner List (Angst und Gefahr) hinnehmen mußte.

[[@Bible:1 mose 31]]d.Die Flucht vor Laban und der Schutz Gottes (1. Mose 31)

Es ist ein Zeugnis des Segens Gottes, daß Jakob bei Laban zu Wohlstand kam und daß Jakob unversehrt in seine Heimat zurückkehrte. Dieser Beweis göttlichen Schutzes und des Gedeihens sollte helfen, Gottes Volk zu einem Leben im Glauben zu führen.
1. Mo 31,1-16: Jakob verließ Kanaan wegen zweier miteinander in Wechselbeziehung stehender Gründe. Erstens entwickelte sich eine Feindseligkeit von Labans Söhnen gegen Jakob, und Labans Stimmung gegen Jakob wurde gefährlich (V.1-2). Vielleicht hatte Gott die ganze Sache ins Rollen gebracht. Zweitens hatte Gott Jakob befohlen, in sein eigenes Land zurückzukehren (V.3). Hier war ein Ruf Gottes, um in das Land der Verheißung aufzubrechen.
Jakob hielt seinen beiden Frauen, die ihn auf seine Aufforderung hin draußen auf den Feldern getroffen hatten, eine wunderbare Rede (V.4-16). Es war aber mehr als Selbstverteidigung. Jakob wollte eine Familie mitnehmen, die in sein Vorhaben eingewilligt hatte. Auf diese Weise bezeugte er Gottes Führung und Versorgung. Nun mußte er das Gelübde halten, das er in Bethel gegeben hatte (1. Mo 28,20-22). Die Antwort beider Frauen geschah ebenso im Glauben (1. Mo 31,14-16). Laban hatte die Besitztümer seiner Töchter ausgebeutet und so ihren guten Willen verloren. So waren sie willig, ihren Vater zu verlassen.
1. Mo 31,17-21: So folgte nun die Flucht. Sie war risikoreicher, als Jakob erwartet hatte, denn Rahel stahl Labans Hausgötter (wörtl. »Teraphim«, Götterfigürchen). Das zeigt den heidnischen Einfluß in Labans Familie. Ein Wortspiel macht deutlich, daß Rahel ein echter »Jakob« ist. Es geschahen zwei parallele Diebstähle: Jakob stahl sich davon, und Rahel stahl die Götter. Vielleicht sagte sie zu sich selbst, daß sie sie verdient hatte, weil Laban ihr gegenüber im Namen der Gebräuche den Spieß umgedreht und ihr das Recht vorenthalten hatte, zuerst zu heiraten. Was immer der Grund auch war, ihr nüchterner Eigennutz führte beinahe zur Katastrophe. Die Teraphim zu besitzen könnte das Erbrecht bedeutet haben (es hatte diese Bedeutung nach den Nuzi-Tafeln des 15. Jh. n. Chr.); es bedeutete mit Sicherheit jedenfalls, daß Laban nun ohne das war, was er für seinen Schutz hielt.
Dies war der Grund, warum Laban Jakob verfolgte. Es war eine Sache von Jakob, seine Herden und seine Familie mitzunehmen; aber daß er auch seine Götter nahm, war zuviel. Vielleicht würde sich Jakob eines Tages nach Haran zurückstehlen und den ganzen Besitz Labans beanspruchen. (Als Laban die Götter nicht finden konnte, schloß er einen Bund, V.43-53, um diesen unangenehmen Mann von seinem Gebiet fernzuhalten.)
1. Mo 31,22-35: Nach einer siebentägigen Verfolgung nach Gilead, östlich des Jordans, wurde Laban, gerade als Laban Jakob eingeholt hatte, von Gott in einem Traum gewarnt, zu Jakob etwas Böses zu sagen. Ohne dieses entscheidende Handeln Gottes hätte Jakob vielleicht nichts mit nach Hause gebracht.
In dem Streitgespräch zwischen Jakob und Laban wurde die Gesetzessprache gebraucht, um einen Zivilprozeß zu beschreiben. Beim ersten »Kampf« (rîb; vgl. V.36) oder der ersten Anklage behauptete Laban, daß Jakob ihn beraubt habe (V.26-27.30) - er stellt sich selbst als gekränkter Vater (V.28) und als getäuschter Rächer (V.29) dar. Als Laban von Jakob die Rückgabe der Teraphim (der Götter) verlangte, verhängte Jakob, ohne es zu wissen, die Todesstrafe über Rahel (V.32).
Aber Laban wurde darauf von Rahel betrogen (V.33-35). Sie steckte die Götzen in ihren Kamelsattel und setzte sich auf den Sattel in ihrem Zelt. Anscheinend ließ sich Laban nie im Leben träumen, daß eine Frau es wagen würde, es darauf ankommen zu lassen und die Götzen zu verunreinigen. Aber was war das für ein Schlag für die Teraphim - sie wurden zu »Nichts-Göttern«, denn eine Frau behauptete unrein zu sein und saß auf ihnen (V.34-35; vgl. 3.Mose 15,20).
1. Mo 31,36-42: Der zweite »Kampf« oder die zweite Anschuldigung kam von Jakob. (Die Worte stellte Laban zur Rede heißen wörtl. »hatte einen Kampf oder eine Auseinandersetzung [wayyareb, ist verwandt mit dem Nomen rîb, >Kampf oder Beschuldigung<] mit Laban.«) Laban, der Ankläger, wurde nun zum Angeklagten. Jakob, der von Rahels Diebstahl der Götter nichts wußte, ging verärgert zum vernichtenden Gegenangriff über. Er berichtete im einzelnen von den Härten, die er für Laban 20 Jahre lang erduldet hatte (vgl. 1. Mo 29,27-30). Er hatte selbst finanzielle Verluste eingesteckt, während er seine Herden in der Hitze des Tages und der Kälte der Nacht hütete. Der Schrecken Isaaks, das ist der Gott, den Isaak fürchtete, war mit Jakob, und Gott hatte seine Mühsal und seine harte Arbeit gesehen.
1. Mo 31,43-1. Mo 32,1: Laban schlug vor, einen Bund zu schließen, also ein Abkommen bezüglich einer Grenzlinie zwischen ihnen beiden (V.44.52). Laban stiftete den Bund, denn Jakob hatte ihn weder nötig noch machte er sich etwas aus seiner Einhaltung.
Jakob richtete einen kleinen Stein auf und häufte dann einen Steinhaufen um ihn auf. Laban nannte ihn mit der aramäischen Bezeichnung Jegar-Sahaduta, aber Jakob nannte ihn hebräisch Gal-Ed. Laban erklärte, daß die Bezeichnung einen Haufen von Zeugen bedeutete, fügte aber die hebräische Bezeichnung Mizpa (»Wachtturm«) hinzu und vertraute damit ihre Überwachung Gott an. Die Abmachungen lauteten so, daß Jakob die Töchter Labans nicht bedrücken sollte (V.50) und daß Jakob und Laban getrennt bleiben sollten (V.52).
Bei der Nennung der Bedingungen des Übereinkommens gebrauchte Laban zahlreiche Worte, um seine Unzuverlässigkeit zu verdecken. Der unabhängige Mann versuchte zu vermitteln, daß Jakob ein schlüpfriger Charakter sei, der durch eine ganze Reihe von Abmachungen eingebunden werden mußte. Laban versuchte, Jakob Angst einzujagen, als wenn er gottlos gewesen wäre und unbedingt bedroht werden müßte. Er eignete sich sogar den Steinhaufen an (diesen Haufen und dieses Steinmal habe ich aufgerichtet, V.51), also das Denkmal, das Jakob geschaffen hatte.
Sowohl das Abkommen über die Grenzlinien als auch die Anrechte der Frauen zeigen, daß Laban und Jakob den Status quo bestätigen wollten. Aber der Bund markierte auch den Bruch mit dem Osten für die Familie Israels. Dieser Grenzvertrag bezeichnete die Grenze im Gebirge von Gilead.
Bei ihrem letzten Zusammenstoß erschien Gott Jakob (V.3) und Laban (V.24) im Traum, um ihnen klarzumachen, daß sie sich trennen sollten. Das ganze Ereignis wurde durch irdische und egoistische Interessen noch komplizierter, so z.B. durch Rahels Diebstahl der Götter und durch die selbstsüchtige Feindseligkeit Labans. Interessanterweise wurde zum Schluß Gott selbst angerufen, um sie zu überwachen (V.49).
Dieser Bericht erhielt später für Israel große Bedeutung: Gott erlöste und schützte Israel, als er es in das Land aus Ägypten zurückbrachte. Hier schon sah Israel den Sieg Gottes über Götzenbilder und Götzendiener und wie Gott Träume zur Errettung und zum Schutz benutzte und die Grenzlinie errichtete, durch die er sein Volk von seinen Feinden getrennt hielt. All das wurde für die späteren israelitisch-aramäischen Beziehungen wichtig (Laban war Aramäer oder Syrer, 1. Mo 25,20).

[[@Bible:1 mose 32:2]]e.Die Vorbereitung auf Esau (32,2-22)

1. Mo 32,2-3: Gott bereitete Jakob auf die Begegnung mit Esau vor, indem er dem Patriarchen eine Engelerscheinung schickte. Jakob hatte gerade Laban verlassen und wollte nun in das Land zurückkehren und Esau noch einmal entgegentreten. An dieser Stelle berührte Gottes unsichtbare Welt unverhüllt die sichtbare Welt Jakobs.
Die Begegnung wird mit auffallender Kürze beschrieben. Vier hebräische Worte berichten die Begegnung: die Engel Gottes begegneten ihm. Jakob benannte dann den Ort Mahanajim, was vielleicht »zwei Heerlager« bedeutete. Er mußte das Heerlager der Engel gesehen haben, als er sich bereit machte, in das Land hineinzugehen.
Ein Vergleich mit der früheren Begegnung Jakobs mit den Engeln in Bethel (1. Mo 28,10-22), als er das Land verließ, erweist sich als höchst aufschlußreich. Der Ausdruck »die Engel Gottes« taucht im AT nur in 1. Mo 32,2 und in 1. Mo 28,12 auf. Das hebräische paga` mit be taucht in 1. Mo 28,11 (»erreichte«) und in 1. Mo 32,2 (»begegnete«) auf. Zeh (»dieser«) wird viermal in 1. Mo 28,16-17 verwendet und ist ein wichtiger Hinweis auf die Erwiderung Jakobs in 1. Mo 32,3. (Vgl. z.B. »Hier ist die Pforte des Himmels«, 1. Mo 28,17, mit Hier ist das Heerlager Gottes 32,3.) In beiden Fällen deutete Jakob das, was er gesehen hatte, bevor er es benannte (1. Mo 28,17; 1. Mo 32,3), und im Hebräischen wird derselbe Ausdruck bei der Bezeichnung beider Orte verwendet (1. Mo 28,19; 1. Mo 32,3). Und schließlich werden halak und derek (»sich auf den Weg machen«, d.h. »eine Reise unternehmen«) in 1. Mo 28,20 und 1. Mo 32,2 gebraucht.
Es ist offensichtlich, daß die beiden Abschnitte miteinander in Beziehung stehen. Was bei der Namensgebung von Bethel auf dem Weg Jakobs aus dem Land heraus geschah, ereignete sich nun bei der Benennung von Mahanjim auf seinem Weg zurück in das Land. Der Anblick der Engel Gottes versicherte Jakob noch einmal des göttlichen Schutzes, der ihn begleitete. Und die Engel empfingen ihn bei seiner Rückkehr in das Land der Verheißung. Diese erneute Versicherung kam zu einer Zeit, als Jakob sie äußerst nötig hatte.
Wenn Gott handelnd eingreift, ist der Konflikt ein geistlicher, kein fleischlicher. Dies galt für Jakob, es galt für Israel, und es gilt auch heute. Keine menschliche Anstrengung kann für geistliche Dinge ausreichend sein. Der Ursprung der Verteidigung und die Mittel zum Sieg kommen von Gottes dienenden Engeln.
1. Mo 32,4-9: Von der Vorstellung in dem Gesicht bewegt, sandte Jakob Boten zu Esau in Edom. (Das hebräische Wort für »Engel« bedeutete auch »Bote«, »Botschafter«.) Zahlreiche Schlüsselvorstellungen und Wortspiele befinden sich in diesem Abschnitt. Jakob hatte eben die Engel erblickt (die Botschafter Gottes) und sandte nun seine eigenen Botschafter zu Esau. Er hatte die Engel als »Heerlager (mahaneh) Gottes« erkannt, den Ort mahanayim (V.3) benannt und dann (aus Angst vor Esau, der ihm mit 400 Mann entgegenkam) seine Familie in zwei Gruppen oder Lager (mahanôt) aufgeteilt.
1. Mo 32,10-13: Aus Angst betete Jakob darum, gerettet zu werden. Zweifellos erinnerte er sich an Esaus Drohung, ihn umzubringen (1. Mo 27,41). Jakob fürchtete sich noch, sollte aber sehen, daß Gott ihn vor seinem Bruder rettete. In der Tat taucht Jakobs tiefe Angst in jedem Teil dieses Abschnittes auf, ja sogar in seinem Gebet.
Jakob sprach Gott als den Gott meines Vaters Abraham und meines Vaters Isaak an und erinnerte Gott an seinen Befehl, daß er in sein Land zurückkehren solle, und an seine Verheißung, ihn zu segnen. Gott möchte, daß Menschen ihn an sein Wort erinnern, wenn sie beten. Das ist ein Beweggrund für den Glauben. Jakob bekannte anschließend, daß er der Freundlichkeit und Treue Gottes und seines materiellen Segens unwürdig war. Er hatte die richtige Haltung im Gebet - die völlige Abhängigkeit von Gott. Jakob bat Gott, ihn vor Esau zu retten, weil der jüngere Zwilling einen Schrecken bekommen hatte. Dann wiederholte er die Verheißung, die ihm Gott bezüglich seiner Nachkommen gegeben hatte, die so zahllos wie der Sand des Meeres werden sollten (vgl. 1. Mo 22,17). All das hätte die Zuversicht Jakobs aufbauen sollen, aber seine Schuld und seine Angst beherrschten ihn zu diesem Zeitpunkt völlig.
1. Mo 32,14-22: Um Esau zu beschwichtigen, nahm Jakob einen Teil seiner Segnung und bereitete eine Gabe (minhâh) für Esau vor. Eine minhâh wurde häufig einem Höherstehenden übergeben, um seine Gunst zu erlangen. Jakob sandte Esau Ziegen, Schafe, Kamele, Rinder und Esel - 500 Tiere insgesamt, die jungen Kamele noch nicht gerechnet. Er war der Meinung, daß diese fünf getrennt vorausgeschickten Herden Esau beeindrucken und ihn besänftigen würden (V.21). Jakob mußte später dennoch erfahren, daß Gott ihn auch ohne solche Gaben gerettet hätte. So mußte auch das Volk erfahren, daß die Errettung durch den Glauben an Gott geschieht und nicht, indem man dem Feind Tribut zollt.
Dieser Abschnitt schließt mit einem bedeutsamen Wortspiel in Vers 22, das deutlich macht, wie sehr diese Gabe der Vision entgegenstand (V.2), die Jakob des Schutzes versichert hatte. Die Geschenke (wörtl. »die Gabe« hamminhâh) zog vor ihm her, aber er verbrachte die Nacht im Lager (bammahaneh).

[[@Bible:1 mose 32:23]]f.Die Segnung bei Pnuël (32,23-33)

Bevor Jakob in das Land der Verheißung kam, traf Gott mit ihm zusammen, fügte ihm eine Behinderung zu und segnete ihn. Dieses Ereignis war ein wichtiger Wendepunkt im Leben des Patriarchen.
Um die Absicht des Berichtes zu verstehen, müssen mehrere Punkte erwähnt werden. Erstens ereignete sich der Ringkampf, als Jakob an der Schwelle zum Land der Verheißung stand, denn der Jabbok in Gilead fließt von der östlichen Grenze (V.23-25) in den Jordan. Zweitens wurde aus Jakob Israel, was zugleich sein neuer Name war (V.29). Sein neuer Name stand nicht nur mit der Erzählung in Verbindung, sondern erklärt sich aus ihr. Drittens steht der Bericht mit dem Ortsnamen Pnuël in Verbindung, der von Jakob als Antwort auf seine eigene Namensgebung gegeben wurde (V.31). Viertens enthält die Geschichte eine Speisevorschrift für das Volk Israel (V.33). Dieses Tabu wurde zum Brauch in Israel, aber nicht Bestandteil des mosaischen Gesetzes. Orthodoxe Juden lehnen es noch immer ab, die Hüfte am Gesäß eines Tieres zu verzehren.
Die Betonung der Erzählung liegt mit Sicherheit auf dem Ringkampf, dessen Absicht darin bestand, Jakob in Israel zu verwandeln. Man kann nicht den Zusammenhang mit dem Leben Jakobs übersehen. Die Verbindung wird durch die Anspielungen auf den Namen noch verstärkt. Am Anfang (V.23.25) ist ya`aqob (»Jakob«) der Mann, yaboq (»Jabbok«) der Ort und ye´abeq (»er kämpfte«) der Kampf. Das weckt die Aufmerksamkeit des hebräischen Lesers aufgrund der Ähnlichkeiten der Konsonanten y, q und b in den Worten. Bevor Jakob (ya`aqob) den Jabbok (yaboq) überqueren konnte, um in das Land der Verheißung zu gelangen, mußte er kämpfen (ye´abeq). Er mußte noch einmal versuchen, einen Gegner zu Fall zu bringen, denn an dieser Stelle traf ihn jemand, der mit ihm ein persönliches Gefecht austragen wollte, und Jakob war gezwungen, zu kämpfen.
1. Mo 32,23-26: Bevor Jakob den Jabbok nach seiner Familie, seinen Knechten und seiner Habe überqueren konnte, griff ihn ein Mann an und kämpfte mit ihm. Wir erfahren keine Einzelheiten des Kampfes, denn dies war nur der Auftakt für den wichtigsten Teil, den Dialog. Dennoch geschah der Kampf real auf physischer Ebene.
Der Begriff (´îš) (»ein Mann«) enthüllt nichts über dessen Identität. Das ist allerdings angebracht, denn der »Mann« weigerte sich später, sich selbst unmittelbar zu offenbaren (V.30).
Die Tatsache, daß der Kampf bis zum Morgengrauen fortdauerte, ist bedeutsam, weil die Dunkelheit die Situation Jakobs symbolisierte. Angst und Unsicherheit packten ihn. Wenn Jakob begriffen hätte, daß er mit Gott kämpfen mußte, hätte er sich niemals auf einen Kampf eingelassen, der die ganze Nacht dauerte.
Auf der anderen Seite läßt die Tatsache, daß der Ringkampf bis zum Morgengrauen dauerte, vermuten, daß es ein langer, entschlossener Kampf war. In der Tat besiegte der Angreifer Jakob nicht, bis er zu einem außergewöhnlichen Mittel griff.
Schließlich berührte der Angreifer Jakob, so daß seine Hüfte verrenkt wurde. Die Sache ist ganz deutlich: der Angreifer hatte sich einen Vorteil verschafft. Jakob, der betrügerische Kämpfer, war durch einen übernatürlichen Schlag lahmgelegt. Mit einem Wort, Jakob stieß auf jemanden, den er nicht besiegen konnte, wie es ihm bei so vielen früheren Konkurrenten gelungen war.
1. Mo 32,27-30: Obwohl Jakob lahmgelegt und nicht in der Lage war, zu siegen, hielt er seinen Angreifer fest, um sich segnen zu lassen. Daraufhin dämmerten Jakob sowohl die Identität des Angreifers als auch die Bedeutung des Kampfes. Als Jakob erkannte, wer sein Angreifer war (V.27), hielt er entschlossen an ihm fest und bat um eine Segnung. Es ist bedeutsam, daß als Antwort auf die Bitte Jakobs um den Segen der Mann fragte: Wie heißt du?. Wenn man sich daran erinnert, daß im AT der Name mit dem Wesen einer Person verbunden ist, wird die Sache klar: Jakobs Lebensweise mußte radikal verändert werden! Indem er seinen Namen sagte, mußte Jakob sein ganzes Wesen enthüllen. Hier wurde der »Fersenhalter« ergriffen und mußte sein wahres Wesen bekennen, bevor er gesegnet werden konnte.
Die Segnung geschah in Form eines neuen Namens - Israel. Dieser Name bedeutet möglicherweise »Gott kämpft«, wenn man der allgemein verbreiteten Wortableitung folgt. Die Erklärung darauf wurde dahingehend gegeben, daß Jakob mit Gott und mit Menschen gekämpft hatte. Es ist leicht einzusehen, daß er mit Menschen gekämpft hatte, aber daß er »mit Gott« gekämpft hatte, ist schon schwieriger zu verstehen. Durch sein ganzes Leben hindurch hatte er den Segen Gottes in allen Situationen zu seinem eigenen Nutzen in Anspruch genommen, also unter »seine eigene Kraft« gestellt. Er war zu eigenwillig und zu stolz, als daß er sich den Segen hätte schenken lassen.
Nun war sein Name »Gott kämpft«. Das bedeutete erstens, daß Gott aufgrund der Halsstarrigkeit und des Stolzes des Patriarchen beschloß, gegen ihn zu kämpfen. Zweitens bedeutete es, daß Gott für Israel stritt.
Der neue Name Jakobs sollte ihn und andere an diesen Kampf erinnern, in dem er überwunden hatte. Diese Worte waren für die Israeliten voller Hoffnung. Wenn jemand erfolgreich mit Gott ringen konnte, dann konnte er auch den Kampf mit Menschen gewinnen. So erlangte der Name »Gott kämpft« und die Erklärung, daß Jakob »überwunden« hatte, die Bedeutung einer Verheißung für die dem Volk bevorstehenden Kämpfe.
1. Mo 32,31-33: Jakob nannte den Ort Pnuël (»Angesicht Gottes«), weil er Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen hatte und verschont worden war. So wie zuvor (1. Mo 28,19; 1. Mo 31,47; 1. Mo 32,2) benannte er den Ort, um an das Geschehen zu erinnern. Dennoch heißt es: »Niemand hat Gott je gesehen« (Joh 1,18). Zur Erklärung dieser vermeintlichen Widersprüchlichkeit vgl. den Kommentar zu 2.Mose 33,11.20; Joh 1,18.
Gott war Jakob so nahe wie möglich gekommen - er hatte seine Hand auf ihn gelegt. Der Gedanke ist nicht: und dennoch wurde er verschont, sondern vielmehr »und« sein Leben wurde verschont. Er hatte um Errettung gebetet (2.Mose 32,12) und benutzte mit nasal (»rette mich«) dieselben Worte, die er später gebrauchte (nasal, »verschont«, V.31). Jakobs Gebet um Errettung wurde von Gott mit dieser Von-Angesicht-zu-Angesicht-Begegnung und mit dem Segen beantwortet.
Als Gott die stärkste Sehne des Kämpfers berührte, schrumpfte sie und mit ihr das hartnäckige Selbstbewußtsein Jakobs. Seine fleischlichen Waffen wurden lahm und nutzlos; sie versagten in seinem Kampf mit Gott. Was er in den vergangenen 20 Jahren vermutet hatte, dämmerte ihm nun: er war in der Hand des einen, gegen den der Kampf nutzlos ist. Nach dieser Berührung, die Jakob lahmlegte, ging sein Kampf in eine neue Richtung. Nachdem er in seiner natürlichen Stärke lahmgelegt worden war, wurde er im Glauben stark.
Jakob war nicht der einzige, dem Gott in dieser Art und Weise begegnete. Mose begegnete Gott, als er noch nicht völlig Gottes Willen befolgt hatte (2.Mose 4,24). Jakobs Begegnung fand an der Grenze des Landes statt, das den Nachkommen Abrahams verheißen worden war. Gott, der eigentliche »Eigentümer« des Landes, stellte sich seinem Einzug als »Jakob« entgegen. Mit seinem Eigenwillen und seiner eigenen Stärke konnte er niemals das Land einnehmen.
Die Absicht der Geschichte für die neue Nation Israel, die aus Ägypten in das Land der Verheißung kommen würde, ist offensichtlich: Israels endgültiger Sieg sollte nicht auf üblichem Wege geschehen, durch den die Nationen Macht erlangen, sondern durch die Macht der göttlichen Segnung. Selbstgenügsamkeit ist mit dem Wirken Gottes in jedem Zeitalter unvereinbar. Nur der Glaube allein überwindet die Welt.

[[@Bible:1 mose 33]]3.Die Rückkehr Jakobs und die Gefahr des Abfalles im Land (1. Mose 33-35)


[[@Bible:1 mose 33:1]]a.Die Versöhnung mit Esau (33,1-17)

Jakobs lang erwartetes Treffen mit Esau war ein wunderbares Ereignis. Gott wandelte das Herz Esaus so um, daß er darauf aus war, sich mit seinem Bruder zu versöhnen. Vorher hatte sich Esau nichts aus seinem Erstgeburtsrecht gemacht (1. Mo 25,32-34), und er machte sich nun nicht viel aus seinem altem Groll. Jakob, der erleichtert war, daß Esau ihm nicht feindlich begegnete, mußte wieder erkennen, daß dies mehr auf das Eingreifen Gottes zurückging, als ihm zu Bewußtsein gekommen war.
1. Mo 33,1-7: Jakob zeigte noch immer Schwäche und Angst, als er Esau traf. Er stellte seine Kinder und seine Frauen in einer Reihe nach ihrer Bedeutung für ihn auf. Rahel und Josef blieben im Hintergrund, dem sichersten Platz.
Die Gegensätze zwischen den beiden Brüdern, als sie sich nach 20 Jahren trafen, sind sehr interessant.
Jakob verneigte sich siebenmal in Huldigung zur Erde nieder (V.3) und zögerte so auf seinem Weg zu Esau. Esau rannte jedoch eifrig auf Jakob zu, umarmte und küßte ihn, und sie weinten beide. Was für Veränderungen geschehen doch, wenn »Gott kämpft«. Als Jakob zu Esau sprach, verwies er ständig auf sich als dein Knecht oder »sein Knecht« (V.5.14) und auf seinen Bruder als »mein Herr« (V.8.13-15), wohingegen Esau Jakob einfach »meinen Bruder« nannte (V.9). Dies unterscheidet sich scharf von der Segnung ihrers Vaters, als Isaak Jakob zum Herrn Esaus gemacht hatte (1. Mo 27,29). Jakob näherte sich Esau eindeutig vorsichtig und demütig in dem Bemühen, jede mögliche Vergeltungsstimmung abzuwehren.
1. Mo 33,8-11: Jakob drängte Esau, die Gabe von 550 Tieren anzunehmen (vgl. 1. Mo 32,14-16). Als Esau zögerte, das Vieh anzunehmen, bestand Jakob darauf. Er sagte: Nimm diese (wörtl. »meine«) Gabe (minhatî, denselben Begriff benutzte er in 1. Mo 32,14). Dann fügte Jakob hinzu: Nimm das (wörtl. »mein«) Geschenk (birkatî) an. Das Wort »Geschenk« kommt von barak, »segnen«. Indem Jakob birkatî benutzte, zeigte er, daß er bewußt seine Segnung mit Esau teilen wollte. Er versuchte, damit sein früheres Handeln abzumildern.
Jakobs Erläuterung, daß Esaus Angesicht sehen wie das Angesicht Gottes sehen sei, machte deutlich, daß er wohl wußte, daß seine Errettung vor Schaden durch Esau von Gott kam. Bei Pnuël hatte Jakob das Angesicht Gottes gesehen und war gerettet worden (1. Mo 32,31). Nachdem er dabei am Leben geblieben war, überlebte er dann auch Esau. So war die freundliche Reaktion Esaus Gottes gnädiges Handeln.
1. Mo 33,12-17: Jakob vermied es klugerweise, mit Esau zu reisen. Er bewegte Esau dazu, zu denken, daß er wegen seiner kleinen Kinder und seiner jungen Tiere langsam reisen müsse und daß er mit Esau in Seïr zusammentreffen würde. Aber Jakob steuerte die entgegengesetzte Richtung an - nördlich von Sukkot, östlich des Jordans und nördlich des Jabbok anstatt südlich von Seïr. Es mag weise gewesen sein, Edom zu umgehen, aber er hätte seinen Bruder nicht wieder täuschen müssen.
So wurden in Jakob und Esau Wunder gewirkt. In Jakob schuf Gott einen Geist der Bescheidenheit und Großzügigkeit. Esau wurde dahingehend verändert, daß er nicht mehr Rache, sondern die Versöhnung suchte. Diese Veränderungen waren der Beweis, daß Gott Jakob in Antwort auf sein Gebet (1. Mo 32,12) gerettet hatte.

[[@Bible:1 mose 33:18]]b.Das Siedeln bei Sichem (33,18-20)

1. Mo 33,18-20: Diese Verse bilden eine Art Epilog zum Aufenthalt Jakobs außerhalb des Landes. Er kehrte in Frieden zurück und lagerte sich bei Sichem, unmittelbar westlich des Jabbok, etwa 35 km vom Jordan in Kanaan entfernt. Dort hatte sich Abram zuerst niedergelassen, als er in Kanaan ankam (1. Mo 12,6). Sichem lag zwischen dem Gebirge Ebal und dem Gebirge Garizim.
Jakob erwarb wie Abram einen Teil des Landes, errichtete dort, so wie Abram (1. Mo 12,7), einen Altar und nannte ihn El Elohe Israel (»El ist der Gott Israels«). Dadurch erkannte er an, daß ihn der Herr den ganzen Weg zurück in das Land geführt hatte.
Die folgenden Kapitel verlagern den Schwerpunkt auf Jakobs Kinder. Seine Rückkehr in das Land und das Errichten des Altars sind der Höhepunkt von Jakobs »Laban-Erfahrung«. In diesem Kapitel benannte Jakob zwei weitere Orte (vgl. Bethel, 1. Mo 28,19; Gal-Ed, 1. Mo 31,47; Mahanajim, 1. Mo 32,3; Pnuël, 1. Mo 32,31). Sukkot (»Schutz«) wurde wegen der dortigen Ställe so genannt, die er für sein Vieh gebaut hatte (1. Mo 33,17), und der Name des Altars erinnerte an die Bedeutung von Gottes Beziehung zu Israel, dem neuen Namen Jakobs. Gott hatte Gedeihen geschenkt und Jakob beschützt, so wie er es verheißen hatte.

[[@Bible:1 mose 34]]c.Die Schändung Dinas (1. Mose 34)

Als Jakob sich nun in dem Land angesiedelt hatte, wurde die Bedrohung durch die Kanaaniter zu einem Problem. Die Geschichte ist die einzige Vermischung von Gut und Böse, die wir überhaupt in den Erzählungen von den Patriarchen finden. Für Israel war das mit Sicherheit eine Warnung vor den verunreinigenden Auswirkungen einer Beziehung mit den Kanaanitern, und sei es auch nur durch Betrug. Israel sollte sich nicht mit den Kanaanitern vermischen oder mit ihnen einen Bund schließen. Der Abschnitt warnt jedoch ebenso davor, die Töchter des Landes aufzusuchen (V.1). Darüberhinaus dürfen Bundesübereinkünfte nicht vorgetäuscht werden (V.13), denn der Name Israels stand im Land auf dem Spiel (V.30). Um dessentwillen wurden Simeon und Levi (V.25) bei der Segnung mit dem Geburtsrecht (1. Mo 49,5-7) übergangen.
1. Mo 34,1-4: Dina, Jakobs einzige Tochter, (1. Mo 30,21), ging aus, um die Frauen des Landes zu sehen. Diese Tat machte einen Stein los, der einen Erdrutsch verursachte. Jakob war geschäftlich mit Sichem in Verbindung getreten (1. Mo 33,19), aber Dinas Schritt hin zu einer gesellschaftlichen Kontaktaufnahme beinhaltete schwere Verwicklungen. Die Kanaaniter zu meiden wäre weit sicherer gewesen.
Sichem... der Herrscher jenes Landes lag bei ihr und tat ihr Gewalt an (`anâh, »quälen, unterdrücken«), d.h., er vergewaltigte sie. Wenn eine Frau auf diese Weise entwürdigt worden war, konnte sie nicht mehr erwarten, noch einmal eine gültige Ehe eingehen zu können. Trotzdem liebte Sichem das Mädchen und wollte sie zur Frau haben.
1. Mo 34,5-7: Die Erwiderung Jakobs auf Dinas Situation war äußerst ungewöhnlich. Als er hörte, daß sie geschändet worden war (timme´,»verunreinigen«), schwieg er still darüber, bis seine Söhne nach Hause kamen. Seine Söhne waren jedoch erzürnt, denn eine schändliche Tat (wörtl. »Torheit«, nebalâh) war in Israel begangen worden. (Dies ist die erste Erwähnung des Volkes Israel mit diesem Namen.) Solch eine sexuelle Sünde war niederträchtig und belastete eine ganze Gemeinschaft, etwas, das nicht getan werden durfte. Während die Söhne voller Zorn und Wut waren, verhielt sich Jakob passiv und behielt die Dinge nicht in der Hand. Vielleicht hätte er sich anders verhalten, wenn Dina eine Tochter von Rahel statt von Lea gewesen wäre.
1. Mo 34,8-12: Die Kanaaniter näherten sich mit einem Friedensangebot. Der alte Hamor, Sichems Vater, hielt eine diplomatische Rede: Beide Seiten könnten große Vorteile erlangen, wenn man übereinkäme, untereinander zu heiraten (V.8-10). Hamor bot Israel das Land vehement an (V.10). Aber Gott, nicht die Kanaaniter, sollte ihnen Israel geben. Hamors späterer Aufruf an seine Mitbürger macht deutlich, daß er die ganze Zeit hinterhältig war und nur darauf hoffte, Jakobs Besitz übernehmen zu können (V.23). Für Israel würde nichts Gutes dabei herauskommen, wenn sie den Kanaanitern, die geschändet hatten, vertrauten. Sichem bot daraufhin an, Jakob und den Brüdern Dinas als Preis für die Braut zu zahlen, was immer sie vorschlügen und versuchte so, sich seinen Weg aus der Misere freizukaufen.
1. Mo 34,13-24: Die Brüder (nicht Jakob!) lehnten einen Bund ab, weil, wie sie sagten, Sichem nicht beschnitten war und eine Heirat mit ihm eine Schande sei (herpâh, »eine Schande, ein Hohn«). Diese Worte - »nicht beschnitten« (im Hebräischen hat dieses Wort auch die Bedeutung von Unreinheit) und »eine Schande« - beschreiben die Kanaaniter gut. Also sahen die Brüder für Sichems äußere Anpassung die Beschneidung vor, aber das war natürlich kein echter Bund. Wie ihr Vater handelten sie hinterhältig (V.13). Sie nahmen offensichtlich an, daß Sichem und Hamor niemals einwilligen würden, als Bedingung für die Heirat alles, was männlich war, beschneiden zu lassen. Aber die Kanaaniter nahmen den Vorschlag an, und ließen alles, was männlich war, in ihrer Stadt beschneiden, damit nicht nur Sichem Dina haben konnte, sondern um ganz raffiniert alle Herden der Israeliten und den anderen Besitz zu erhalten.
1. Mo 34,25-31: Die Ausführung der Verschwörung selbst war grausam. Simeon und Levi (und ohne Zweifel ihre Angehörigen) ermordeten alle männlichen Kanaaniter, als sie von der Beschneidung her Schmerzen hatten und durch die Wundheilung noch schwach waren. Dann retteten die Brüder Dina und plünderten die Stadt und die Felder wegen des Besitzes der Sichemiten: Herden, Besitztümer, Frauen und Kinder. Das alles entfachte Jakobs Angst, denn diese Tat konnte für ihn und seine Familie ernsthafte Folgen haben. Aber die Brüder antworteten einfach: Hätte Sichem unsere Schwester wie eine Hure behandeln sollen?
Später wurde das Volk Israel belehrt, die Verunreinigung mit den Kanaanitern zu vermeiden. Israels »Außenpolitik« war, sie völlig zu vernichten, bevor sie die Israeliten verunreinigen konnten (5.Mose 20,16-18).
In dieser Erzählung ist das Empfinden Simeons und Levis zwar richtig, aber aufgrund ihrer ungezügelten Leidenschaft wurden sie später bei der Segnung Jakobs übergangen (1.Mose 49,5-7). Darüberhinaus sollte ein hinterhältiger Bund den Heiden nicht verlockend in Aussicht gestellt werden. Dennoch benutzte Gott bei Gelegenheit einen Simeon, einen Levi und einen Jehu (2.Kön 10,11-14.17-31) als seine Werkzeuge des Gerichtes.

[[@Bible:1 mose 35:1]]d.Die Rückkehr nach Bethel (35,1-15)

Zwei Themen ziehen sich durch Kapitel 35: Vollendung und Zurechtweisung. Es ist eine Geschichte der Erfüllung, weil Jakob mit seiner ganzen Familie und allem seinem Besitz in das Land der Verheißung nach Hause zurückkehrte. Der Sieg war errungen, das Ziel erreicht und die Verheißung erfüllt. Es ist aber auch eine Geschichte der Zurechtweisung, weil die Familie sich nicht ganz an den Wandel im Glauben gehalten hatte: Götzenbilder mußten vergraben und mit Ruben eine Sache geklärt werden.
1. Mo 35,1: Die ersten 15 Verse berichten von der Rückkehr Jakobs nach Bethel, etwa 25 km südlich von Sichem sowie der Erfüllung seiner Gelübde. Diese Gelübde, die Jakob früher in Bethel gegeben hatte, beinhalteten auch, Jahwe zu seinem Gott und Bethel zum Haus Gottes zu machen und zu versprechen, Gott den Zehnten zu geben (1. Mo 28,20-22). Gott forderte Jakob auf, in das Land zurückzukehren (1. Mo 28,13-15; 1. Mo 31,3), aber seine Pilgerschaft dauerte lange Zeit. Gott mußte Jakob an die vergessenen Gelübde erinnern. Offensichtlich schuf seine Gleichgültigkeit jenen Gelübden gegenüber die Gelegenheit für die Schändung Dinas durch Sichem (1. Mose 34). Jakob hätte nach Beerscheba, der Heimat seiner Eltern (1. Mo 28,10) reisen sollen, ohne in Sichem anzuhalten.
1. Mo 35,2-5: Um seine Gelübde zu erfüllen, mußte eine Heiligung geschehen. Jakobs Familie mußte alle ihre Götzenbilder beseitigen, die fremden Götter. Gott läßt keine Rivalen zu. Er läßt nur aufrichtige Treue zu und keine magische Zauberei. Die ganze Reinigung (die Götter loswerden, sich selbst reinigen und die Kleider wechseln) war für Israel lehrreich, das später solch eine Heiligung brauchte, als es in das Land der Verheißung kam (Jos 5,1-9).
Nachdem die Götzenbilder (und die Ohrringe, die offensichtlich auf irgendeine Weise mit den Götzenbildern in Verbindung standen, vielleicht als Fetische) bei Sichem begraben worden waren, brachen Jakob und seine Familie nach Bethel auf. Die Menschen in den umliegenden Städten, die offensichtlich von dem Blutbad bei Sichem (1.Mose 34,25-29) gehört hatten, fürchteten Jakob.
1. Mo 35,6-8: Als Jakob nach Bethel (das man Lus nannte, 1. Mo 28,19) zurückgekehrt war, baute er dort einen Altar, wie ihm Gott geheißen hatte (1. Mo 35,1). Mittlerweile starb Debora, die Amme Rebekkas, der Mutter Jakobs. Dieser Tod scheint das Ende eines anderen Abschnittes der Patriarchenerzählungen anzuzeigen. Die Bezeichnung Allon Bachut (»Trauereiche«) erinnerte an das Weinen über die alte Amme, die unter einer Eiche begraben wurde. Interessanterweise wurden die Götzenbilder der Frauen Jakobs auch unter einer Eiche (Elberfelder: Terebinthe), nahe bei Sichem, begraben (V.4).
1. Mo 35,9-15: In Bethel bestätigte Gott seine Verheißung, die er dort schon früher gegeben hatte (1. Mo 32,29). Die Namensänderung Jakobs in Israel war ein Beweis der verheißenen Segnung. Indem sich Gott selbst als Gott, den Allmächtigen (´el šadday; vgl. den Kommentar zu 1. Mo 17,1) bezeichnete, versicherte er ebenfalls, daß seine Verheißungen erfüllt würden (vgl. 1. Mo 28,3). Nun, da der Patriarch in das Land der Verheißung zurückgekehrt war, wurde die Verheißung des Volkes (»Samens«), des Königs und des Landes noch einmal bestätigt (vgl. 1. Mo 12,2-3; 1. Mo 15,5.18; 17, 3-8; 1. Mo 22,15-18; 1. Mo 28,13-14). Das Handeln Jakobs stimmt fast völlig mit seinem früheren Handeln bei der in Bethel gemachten Erfahrung überein: er richtete einen Steinhaufen auf, goß Öl darüber und nannte den Ort Bethel (vgl. 1. Mo 35,6-7.14-15; 1. Mo 28,16-19). Beide Male verhieß Gott Jakob zahlreiche Nachkommen im Land (1. Mo 28,13-14; 35, 11-12). Aber hier fügte er noch hinzu, daß zu der Nachkommenschaft Jakobs Könige gehören sollten.

[[@Bible:1 mose 35:16]]e.Die Vervollständigung der Familie und die Verdorbenheit Rubens (35,16-29)

1. Mo 35,16-20: Nachdem sie einmal im Land waren, wurde die Familie durch die Geburt von Benjamin vervollständigt. (Interessanterweise wurden 11 der 12 Söhne Jakobs, Vorfahren der 12 Stämme, außerhalb des Landes in Paddan Aram geboren, 1. Mo 29,31-1. Mo 30,24.) Nun starb Rahel bei der Geburt. Ihr Tod ist der zweite Tod in Kapitel 35 (vgl. V.8), der einen Übergang einleitet.
Der Name, den sie dem Kind gab, Ben-Oni (»Sohn meines Kummers«), war nicht der richtige Name für den Jungen. Jakob nannte ihn in Benjamin (»Sohn meiner rechten Hand«) um. Jakob kehrte diesen Anlaß zur Trauer in einen Triumph und einen siegreichen Blick in die Zukunft um. Zusätzlich wollte er dem Kind einen guten Namen geben, der die Antwort auf Rahels Gebet (1. Mo 30,24) um einen zweiten Sohn festhalten würde (der Name Josef, yôsep, kommt von yasap, »hinzufügen«).
Dieser Abschnitt macht zudem deutlich, daß Israel, nachdem es einmal im Land war, unter dem Segen Gottes weiterhin gedeihen würde. Jakob errichtete ein Steinmal (vgl. seine anderen Steinmale: 1. Mo 28,18; 1. Mo 31,45-47; 1. Mo 35,14) über ihrem Grab zwischen Bethel und Bethlehem. (Efrata war ein älterer Name für Bethlehem; vgl. »Bethlehem Efrata«, Mi 5,1. Vgl. auch Rut 4,11; 1.Chr 2,50-51.)
1. Mo 35,21-22. Das tôledôt (»Bericht«) Isaaks kommt in Vers 21-29 mit mehreren kurzen Berichten zum Ende. Der erste beschreibt Rubens Verstoß gegen Jakobs Familie durch seinen Inzest mit Bilha, Jakobs Nebenfrau und Rahels Magd, von der Jakob zwei Söhne, Dan und Naftali, hatte (1. Mo 30,3-8). Rubens Vergehen geschah bei Migdal-Eder zwischen Bethlehem und Hebron. Möglicherweise versuchte Ruben, Jakobs Ältester, durch dieses heidnische Vorgehen seinen Vater vorzeitig als Patriarchen abzulösen. Aber indem er das tat, verlor er sein Erbe (sein Geburtsrecht; vgl. 1. Mo 49,3-4; 1.Chr 5,1-2). Diese Tat nahm Jakob, der in 1.Mose 35,21-22 zweimal Israel genannt wurde (vgl. 1. Mo 32,29; 1. Mo 35,10), zur Kenntnis. (Man erinnere sich an sein Stillschweigen, als er von der Vergewaltigung seiner Tochter Dina gehört hatte, 1. Mo 34,5.)
1. Mo 35,23-26: Ein zweiter Bericht zählt die 12 Söhne auf, die die Häupter der 12 ursprünglichen Stämme wurden. (Vgl. die Übersicht »Jakobs Nachkommen« zu 1. Mose 29.) Dies war eine weitere Zusicherung, daß die Verheißungen Gottes gut sind. Die Aufzählung nennt die Erstlinge der Stämme, die das große Volk werden sollten.
1. Mo 35,27-29: Der letzte Bericht des Kapitels handelt vom Tod Isaaks, der 180 Jahre gelebt hatte. Dies ist der dritte Tod, der in Kapitel 35 berichtet wird (vgl. V.8.18) und eine Überleitung darstellt. Isaak lebte damals bei Hebron, südlich von Beerscheba (vgl. 1. Mo 28,10). Jakob und Esau taten sich zusammen, um Isaak zu begraben. Vielleicht war dies das erste Mal seit ihrem Fortgang, daß sich die beiden Brüder wieder trafen (1. Mo 33,16-17).
Durch die Geschehnisse in Kapitel 35 erfuhr Jakob, daß er nicht selbstzufrieden sein konnte, während seine Rückkehr nach Kanaan eine Erfüllung der Verheißungen war, weil es auch ein Neubeginn war. Debora, Rahel und Isaak starben und bezeichneten das Ende einer Epoche. Ruben gab sein Recht auf das Erbe des Segens auf (vgl. 1. Mo 49,3-4); man bekämpfte die Sünde. Die Götzenbilder mußten begraben werden, und jedermann mußte sich heiligen, um das Gelübde Jakobs in Bethel zu erfüllen. Das Volk mußte mit 12 Söhnen (Stämmen) im Land vollständig sein. Während dieses großen Übergangs mußte der Glaube an Gott wiederbelebt werden, damit sein Bund fortgesetzt werden konnte. Aus diesem Grund legte dieses Kapitel die Betonung auf Jakobs Gelübde und Gottes Verheißung.

[[@Bible:1 mose 36:1]]D.Die Nachkommen Esaus (36,1-8)


Dieses Kapitel ist verwickelt und schwierig und die Einzelheiten ziemlich verwirrend. Das tôledôt Isaaks (1. Mo 25,19-1. Mo 35,29) ist abgeschlossen, so daß 1.Mose nun die Nachfolge seiner Söhne behandelt und dabei der Sitte folgt, die Geschichte der nichterwählten Linie voranzustellen (1. Mose 36), bevor es zu der erwählten Linie übergeht (1. Mose 37; vgl. 1. Mose 4 mit 1. Mose 5; 1. Mo 10,1-20 mit 1. Mo 10,21-31; 1. Mo 21,8-21 mit 1. Mo 22,1-18).
1. Mo 36,1-8: Diese Verse beinhalten das tôledôt von Esau. Er hatte drei Frauen: Ada, Oholibama und Basemat. Zwei der Namen dieser Frauen sind nicht dieselben wie zuvor (1. Mo 26,34; 1. Mo 28,9). Entweder waren zwei inzwischen gestorben oder Esau gab diesen drei unter seinen sechs Frauen den Vorzug. Es kann aber auch sein, daß zwei von ihnen unterschiedliche Namen hatten.
Oholibama war eine Urgroßenkelin von Seïr, dem Horiter, dessen Nachkommen in Edom lebten, als Esau dorthin gegangen war (1. Mo 36,20.25). Von diesen drei Frauen hatte Esau fünf Söhne.
Die Erzählung hebt auf zwei Punkte ab. Erstens wurden die Söhne Esaus in dem Land geboren (Kanaan, V.5), bevor er nach Seïr zog (V.8). Das ist ein scharfer Kontrast zu Jakob, dessen Kinder außerhalb des Landes geboren wurden und dann in das Land zogen. Zweitens war Esau Edom. In der Tat wird der Leser durch das ganze Kapitel hindurch daran erinnert. Sicherlich begriff Israel den Sinn, da es häufig mit den Edomitern, den Nachfahren Esaus (1.Mose 36,43), kämpfte (vgl. Obd).
Der Wortlaut in Vers 7 ist auffallend. Man denkt an Lot: Das Land konnte sie beide nicht tragen, weil ihre Herden zu groß waren (vgl. 1. Mo 13,5-6). Esau zog wie Lot wegen des grüneren Landes nach Osten fort (vgl. 1. Mo 13,8-12).

[[@Bible:1 mose 36:9]]E.Die Nachkommen Esaus, des Vaters der Edomiter (36,9-37,1)


1.Mo 36, 9-19: Der zweite Teil von Kapitel 36 (V.9-40) beginnt ebenfalls mit tôledôt (der Bericht, V.9; vgl. V.1), obwohl man das häufig als eine kleinere Unterteilung innerhalb des Berichtes gesehen hat, welcher verfolgte, was aus Esau geworden war.
Die Söhne Esaus hatten wieder Söhne. So hatte Esau 5 Söhne und 10 Enkel (entweder buchstäbliche Nachkommen und/oder Stämme, die durch sie begründet wurden). (Esau hatte 11 Enkel, wenn man Korach (V.16) mit hinzuzählt. Der hebräische MT führt ihn hier auf, jedoch nicht in Vers 11 oder in 1.Chr 1,36. Vielleicht starb er bald, nachdem er Führer geworden war. Oder vielleicht ist Korach in 1.Mose 36,16 ein Schreibfehler, der durch die ähnliche Schreibweise von Korach in Vers 14 aufgenommen wurde.) Im Hebräischen wird jeder der 10 Enkel und 3 der Söhne - zusammen 13 - »Fürst« (´allûp, V.15-18), ein Oberhaupt eines Stammes genannt. Esau erscheint dabei als ein oberster Herr vieler Stämme (vgl.V.40-43).
1. Mo 36,20-30: Diese Verse zählen die Söhne (d.h. Söhne, Enkel und Enkelinnen) von Seïr, dem Horiter auf, die die Bewohner des Landes waren. Diese Söhne waren möglicherweise die ursprünglichen Edomiter, die von Esau besiegt worden waren (5.Mose 2,12). Die Söhne Seïrs (1.Mose 36,20-21) wurden horitische Fürsten (vgl. V.29), und aus ihnen kamen 20 »Söhne« oder »Töchter« (d.h. Stämme). Eine der Frauen Esaus war Oholibama, eine Enkelin von Seïr (vgl. V.2.14.18.25; Seïr gebar Zibon, V.20, die Ana gebar, V.24, deren Tochter Oholibama war).
1. Mo 36,31-39: Man weiß nicht genau, wie die Könige von Edom mit Esau in Beziehung stehen, aber sie waren Könige, die in Edom regierten, und »Esau ist Edom« (V.8). Die Ordnung der Sippen in Edom spiegelte offensichtlich diejenige Israels wider. Sie wählten schließlich einen König aus einem ihrer Stämme, der eine Erbfolgelinie begründete. Ob die Linie der acht Könige, die hier erwähnt werden, über die Zeit von Jakob und Esau hinausgeht oder nicht, ist unklar. Die Betonung liegt mehr auf dem Vergleich: Sie waren in Edom Könige, bevor irgendein israelitischer König regierte (V.31).
1. Mo 36,40-43: Diese Verse zählen die Namen der Fürsten nach ihren Familien, Orten und Namen auf, die Nachfahren Esaus waren. Esau war also ein großer, mächtiger Oberherr: der Vater der Edomiter (V.43) über Sippen und Gebiete (V.40) mit 11 Fürsten, die von ihm abstammten. Isaaks Verheißungen an Esau waren also erfüllt worden. In der Abwesenheit von Jakob hatte er das »Joch« seines Bruders von seinem »Nacken« abgeworfen (1. Mo 27,39-40).
1. Mo 37,1: Geradezu im Gegensatz zu dem expandierenden, mächtigen Esau wohn- te Jakob in dem Land, wo sein Vater sich aufgehalten hatte, dem Land Kanaan. Im Unterschied zu Esau hatte Jakob noch keine »Fürsten« oder Könige (1. Mo 35,11), kein Land zum Regieren und keine großen Stämme. Er war ein Gast im Land. Delitzsch stellt treffend fest, daß profane, weltliche Macht schneller zu erlangen ist als geistliche Größe (A New Commentary on Genesis, 1. Mo 2,238). Eine verheißene geistliche Segnung fordert Geduld und Glauben. Abwarten, während andere gedeihen, ist eine Prüfung der eigenen Treue und Ausdauer.

[[@Bible:1 mose 37:2]]F.Die Nachkommen Jakobs (37,2-50,26)


Die Geschichte von Josef in Ägypten bildet eine großartige literarische Einheit in 1.Mose. Die Tatsache, daß bestimmte Elemente in den Berichten wiederholt werden, beweist durchaus nicht, daß der Stoff in zwei verschiedenen Traditionen überliefert worden ist, wie viele kritische Gelehrte annehmen. Wiederholungen sind das Kennzeichen des hebräischen Stiles. Sie dienen dazu, die Botschaft hervorzuheben, indem sie vielfach betont wird.
Ein Beispiel für die Wiederholung ist die Analogie zwischen den Erzählungen von Jakob und Josef. Beide Erzählzyklen beginnen damit, daß der Vater getäuscht wird und die Brüder verräterisch handeln (1. Mose 27; 37). Beide Zyklen schließen eine Periode von 20 Jahren der Trennung mit ein, in welcher der jüngere Bruder sich in einem fremden Land aufhält. (Zu Jakob vgl. 1. Mo 31,38. Josef war 13 Jahre in Potifars Haus und im Gefängnis - von seinem 17. (1. Mo 37,2) bis zu seinem 30. Lebensjahr (1. Mo 41,46) - und nach 7 Jahren des Reichtums kamen seine Brüder nach Ägypten; 1. Mo 41,53-54; 1. Mo 42,1-2.) Beide Erzählungen schließen mit einer Wiedervereinigung und Versöhnung der Brüder (1. Mo 33,1-15; 1. Mo 45,1-15). So wie Gott die Dinge für Jakob zu einer guten Lösung kommen ließ, so tat er dasselbe mit dessen Sohn Josef.
Die Josefsgeschichte war auch für Israel lehrreich. So wie Josef Jahre der Gefangenschaft in Ägypten verbracht hatte, bevor er aus dieser errettet wurde, so waren auch die Nachkommen Jakobs dort in Gefangenschaft und wurden dann daraus befreit. Josefs Glaube wurde durch die Züchtigung geprüft; der Glaube des Volkes durch seinen Aufenthalt in Ägypten, um es zu bewahren und zu erziehen.
In dem Bericht über Josefs Leben gibt es mehrere Zyklen von Ereignissen: drei Reihen von Träumen, vier Reihen von parallelen Beziehungen (Josef und seine Familie, Josef und Potifars Haus, Josef und die Gefangenen. Josef und das Haus des Pharao), zwei Episoden in einem Gefängnis, das eine falsche Beschuldigung, den Gebrauch seiner Kleidung als Beweisstück und den wiederholten Besuch seiner Brüder in Ägypten einschließt. Diese Zyklen bilden die Struktur des tôledôt (»Berichtes«) von Jakob (1. Mo 37,2).
Die Erzählungen unterscheiden sich von dem vorhergehenden Stoff in 1.Mose hinsichtlich des Stils. Das Thema der Josefserzählung scheint eng mit der Weisheitsliteratur der Sprüche und des Predigers verwandt zu sein, wie besonders aus den kurzen Kommentaren und dem Hinweis, daß Josef ein weiser Herrscher war (1. Mo 41,39), deutlich wird.
Das Thema des Leidens als Charakterprüfung herrscht vor, und zwar sowohl für Josef als auch für seine Brüder. Obwohl Josef gerecht war, wurde er nicht vor dem Leiden bewahrt. Er wurde durch seinen Glauben durch die Prüfung hindurch bewahrt. Am Ende konnte Josef anerkennen, daß Gott alles gut gemeint hatte (1. Mo 50,20). Die Weisheitsliteratur der Bibel versichert den Gläubigen, daß Gott aus dem Bösen und dem Leiden Gutes hervorbringt. Dem Gottlosen kann es zwar eine Zeitlang gutgehen, aber der Gerechte hält an seiner Rechtschaffenheit fest, weil es eine höhere, bleibende Lebensgrundlage gibt (vgl. das Buch Hiob). Die Weisen erkennen, daß Gott, der Herr, der Herrscher über die Schöpfung und Völker ist und daß er die Dinge seiner Kinder gerecht ordnet. Zeitweise scheinen die Wege Gottes ungerecht und paradox zu sein, aber wenn man an ihnen im Glauben festhält, bringen sie dem Gerechten Segen.

[[@Bible:1 mose 37:2]]1.Josef wird nach Ägypten verkauft (37,2-36)


[[@Bible:1 mose 37:2]]a.Josefs Träume (37,2-11)

1. Mo 37,2-4: Nachdem die Überschrift diesen Abschnitt als den letzten tôledôt, den Bericht von Jakob einleitet, beginnt die Geschichte des Josef. Josef wird als ein gehorsamer 17jähriger Sohn vorgestellt, der einen negativen Bericht über seine Halbbrüder abstattet. (Er stattete keinen negativen Bericht über seinen richtigen Bruder Benjamin ab.) Der Inhalt dieses Berichtes wird uns nicht mitgeteilt. Obwohl ein solches Handeln niemals beliebt gewesen ist, zeigt es doch, daß Josef ein treuer Knecht war. Natürlich haßten ihn seine Brüder deswegen.
Der Junge wurde auch von Jakob ausgezeichnet, der ihm einen reich verzierten Rock machte, möglicherweise eine vielfarbige Tunika. Dies schien zu bedeuten, daß Jakob ihn gegenüber den anderen bevorzugte und die Absicht hatte, ihm alles oder einen größeren Teil der Erbschaft zuzusprechen. Denn Josef war der Erstgeborene Rahels, der geliebten Frau Jakobs (1. Mo 30,22- 24). Dennoch hätte Jakob sich daran erinnern müssen, was Bevorzugung durch die Eltern in einer Familie bewirkt. Dies hatte ihn von seiner liebenden Mutter getrennt (1. Mo 27,1-1. Mo 28,5), und es sollte bald auch Josef von Jakob trennen.
1. Mo 37,5-11: Gott bestätigte Jakobs Wahl seines treuen Sohnes durch zwei Träume. Gottes Offenbarung geschah im AT in verschiedener Gestalt. Gott benutzte Träume, wenn sein Volk außerhalb des Landes war oder auszog, d.h. sich in heidnischen Ländern aufhielt. Er hatte Abraham in einem Traum die ägyptische Gefangenschaft zuerst angekündigt (1. Mo 15,13); in einem Traum verhieß er Jakob Schutz und Gedeihen an seinem Aufenthaltsort bei Laban (1. Mo 28,12.15); und durch zwei Träume sagte er voraus, daß Josef über seine Familie herrschen würde.
Die Brüder haßten Josef umso mehr (1. Mo 37,5.8) und waren auf ihn neidisch, aber Jakob sann über die Sache nach (V.11). Er wußte, wie Gott wirkt; er war sich darüber im klaren, daß Gott den Jüngeren auswählen konnte, über die Älteren zu herrschen und daß Gott seine Erwählung im voraus durch ein Wunderzeichen oder einen Traum deutlich machen konnte.
Die Szene des ersten Traumes betraf den Ackerbau (V.7). Man könnte hierin einen Hinweis darauf sehen, auf welche Weise Josefs Autorität über seine Brüder erlangt werden sollte (1. Mo 42,1-3). Seine Getreidegarbe stand aufrecht, während ihre Garben sich vor seiner Garbe herabneigten. Die Szene des zweiten Traumes betraf den Himmel (V.9). Die Sonne, der Mond und 11 Sterne beugten sich zu ihm nieder. In alten Kulturen verkörperten diese astronomischen Symbole Herrscher. Der Traum nahm die Emporhebung Josefs über das ganze Haus Jakobs (Josefs Vater die Sonne, seine Mutter der Mond, seine 11 Brüder die Sterne, V.10) symbolisch vorweg.
Es war also zu spüren, daß Josef über seine Brüder zur Berühmtheit erhoben werden sollte, und so ist ihr Neid und Haß verständlich. Dennoch machte ihre Reaktion im Gegensatz zu Josefs Ehrlichkeit und Treue deutlich, warum die Wahl Jakobs mit Josef richtig war. Gottes souveräne Wahl eines Führers bringt häufig die Eifersucht jener ans Licht, die sich unterzuordnen haben. Anstatt die Auserwählung Gottes anzuerkennen, leiteten seine Brüder Josefs Vernichtung ein. Ihr Handeln, obwohl sie von dem Glauben veranlaßt wurden, daß sie anführen sollten, zeigt, warum sie gerade nicht führen sollten.

[[@Bible:1 mose 37:12]]b.Josef wird verkauft (37,12-36)

1. Mo 37,12-17: Die Gelegenheit, Josef zu verkaufen, kam, als er gehorsam zu seinen Brüdern nach Dotan ging (V.17), um sich über ihr Wohlergehen zu erkundigen. Trotz des Hasses, den sie, wie Josef wußte, für ihn hegten, erfüllte er den Wunsch seines Vaters. Von Jakobs Heimat im Tal Hebron (V.14) bis nördlich von Sichem (V.12) waren es etwa 85 km, und Dotan lag weitere 25 km nördlich davon. Man könnte sich fragen, ob sie ihre Herden mit dem heimlichen Ziel nach Dotan getrieben hatten, das Land von Sichem zu kontrollieren, dessen Herrscher ihre Schwester Dina vergewaltigt hatte (1. Mose 34).
1. Mo 37,18-24: Die Brüder ersannen einen Plan, diesen Träumer zu töten, um zu verhindern, daß sich seine Träume erfüllten. Früher hatten sie geplant, viele Sichemiter als Rache für ihre Schwester zu töten (1. Mo 34,24-29); nun planten sie im Gegensatz dazu, ihren eigenen Bruder umzubringen!
Ruben, der versuchte, eine Gelegenheit zu bekommen, Josef Jakob zurückzubringen, überredete seine Brüder, kein solches Verbrechen zu begehen. Er schlug vor, Josef lebend in einen Brunnen zu werfen. Er dachte, daß er ihn dann später retten könnte. So zogen die Brüder dem Knaben seine Tunika aus und warfen ihn in einen trockenen Brunnen, damit er dort sterben sollte.
1. Mo 37,25-28: Juda bewegte daraufhin seine Brüder dazu, Josef an die vorüberziehenden Ismaeliten zu verkaufen, die auf dem Weg von Gilead nach Ägypten waren. Die Ismaeliten waren durch Hagar Nachfahren Abrahams (1. Mo 16,15), und die Midianiter (1. Mo 37,28) stammten durch seine Nebenfrau Ketura von Abraham ab (1. Mo 25,2). Der Begriff Ismaeliten wurde zu einer generellen Bezeichnung für Wüstenstämme, so daß die midianitischen Händler auch als Ismaeliten bekannt waren. Josef wurde von seinen Brüdern rauh behandelt; aber indem er für 20 Schekel (8 Unzen Silber) verkauft und nach Ägypten gebracht wurde, wurde er am Leben erhalten.
1. Mo 37,29-35: Das Thema des Betruges tauchte wieder in der Familie auf; hier wurde Jakob noch einmal betrogen - diesmal von seinen eigenen Söhnen. Die Söhne tauchten Josefs Tunika in das Blut einer Ziege, um den Patriarchen dahingehend zu täuschen, daß er dachte, Josef sei von einem wilden Tier zerissen worden und tot. Jakob trauerte sehr über den Verlust seines geliebten Sohnes (seine Kleider zu zerreißen und Sackleinen [grobe Tierhäute] zu tragen, waren Zeichen des Kummers und der Trauer; vgl. 1. Mo 44,13; Hiob 1,20; Hiob 16,15) und lehnte es ab, getröstet zu werden. So nahm jedermann trotz des Betruges an dem Leiden teil.
1. Mo 37,36: Die traurige Szene in Hebron (vgl. V.14) steht im Gegensatz zu der Bemerkung, daß Josef an Potifar verkauft wurde, an des Pharaos Obersten der Leibwache.
Dies ist eine Geschichte von Haß und Betrug. Die Brüder versuchten, ihr Los bei ihrem Vater durch gottlose Mittel zu verbessern. Jakob hatte etwas ähnliches mit seinem Vater versucht. Die Brüder mußten dennoch wie Jakob erfahren, daß Gott seine Segnung nicht weiter an diejenigen gibt, die solche Dinge tun. Es ist schon Ironie, daß sie Ziegenblut benutzten, denn Ziegenhaut wurde von Jakob benutzt, um seinen Vater zu täuschen (1. Mo 27,16). Die Sünde Jakobs war zurückgekehrt, um ihn heimzusuchen. Die Haltung der Brüder mußte auch von Gott verändert werden oder es würde kein Volk der Verheißung entstehen.
Hier beginnt nun das Leiden Josefs, des gehorsamen Knechtes. Gott prüfte seine Persönlichkeit durch die Dinge, die er erlitt, so daß er danach erhöht werden konnte.

[[@Bible:1 mose 38]]2.Der Niedergang der Familie Judas und die Bestätigung der Wahl Gottes (1. Mose 38)


Ein bizarres Ereignis scheint auf den ersten Blick die Geschichte Josefs zu unterbrechen. Dennoch dient es in 1.Mose einer wichtigen Absicht. Es bestätigte den Plan Gottes, den Jüngeren vor dem Älteren zu erwählen, ungeachtet dessen, was andere versuchten, dem entgegenzusetzen.
1. Mo 38,1-5: Juda, der den Vorschlag gemacht hatte, daß die Brüder Josef an die Ismaeliten verkaufen sollten (1. Mo 37,26-27), zog darauf fort, blieb in Adullam (etwa 25 km nordwestlich von Hebron) und heiratete eine kanaanitische Frau. Sie hatten drei Söhne, Er, Onan und Schela. Diese Heirat mit einer Kanaaniterin ruinierte beinahe Judas Familie. Mischehen mit den Kanaanitern hatte man früher vermieden (1. Mose 34). Dieser Bericht von der Angleichung an die Leute des Landes hilft zu verstehen, warum Gott sein junges Volk in der Sicherheit Ägyptens für sein Wachstum ansiedelte.
1. Mo 38,6-11: Judas erster Sohn Er starb, weil er gottlos war. Aufgrund der Sitte des Leviratsgesetzes (vom lateinischen levir, »Bruder des Ehemanns«) zur Ehe mußte Onan, der zweite Sohn Tamar, die Witwe seines Bruders, heiraten und für seinen Bruder Nachkommen schaffen. Aber Onan gebrauchte dieses Gesetz wiederholt zu seiner sexuellen Befriedigung. Er nutzte die Situation aus, lehnte aber die Verantwortung, die damit auf ihn zukam, ab. So nahm Gott auch sein Leben.
Im Hinblick auf die Lage weigerte sich Juda, Tamar, der Witwe Ers, seinen dritten Sohn Schela zu geben. Schela war noch nicht erwachsen (aber auch später, als er erwachsen war, weigerte sich Juda noch; V.14).
1. Mo 38,12-23: So geriet die Zukunft der Familie in Gefahr. Tamar meinte, sie müßte die Dinge in die Hand nehmen, wenn man ihr die Rechte der Sitte der Leviratsehe nicht gewährte. Diese Ordnung wurde später von Mose festgehalten, um den Namen des Verstorbenen zu bewahren (5.Mose 25,5-10).
Als die richtige Zeit gekommen schien, lockte Tamar ihren Schwiegervater Juda betrügerisch in eine unmoralische Verbindung mit einer Tempelprostituierten - jedenfalls war er dieser Meinung (1.Mose 38,15.21). Als Pfand dafür, daß er zur Bezahlung eine Ziege schickte, ließ er sein Siegel (das an einer Schnur um seinen Hals hing) und seinen Stab bei ihr. Als er versuchte, die Dinge durch seinen Freund Hira (vgl. V.1) wiederzubekommen, konnte man das Mädchen nirgends finden. Wieder erlebte Jakobs Familie Betrug - diesmal durch seine kanaanitische Schwiegertochter.
1. Mo 38,24-26: Juda mangelte es an moralischer Sauberkeit (V.16), und nun erkannte man ihn als Heuchler. Als von Tamar berichtet wurde, daß sie seit drei Monaten schwanger war, verurteilte er sie als Prostituierte zum Tode. Darauf bewies sie durch das Siegel, die Schnur und den Stab, daß er der schuldige Partner war. Tamar hatte das Recht gewonnen, die Mutter der Kinder Judas zu sein, jedoch in einer betrügerischen Weise. Sie handelte verzweifelt und unter großem Risiko.



1. Mo 38,27-30: Dieser letzte Teil der Geschichte erklärt die Bedeutung des ganzen Berichtes. Gott gab Tamar Zwillinge, und die Linie Jakobs setzte sich durch sie fort. Aber bei der Geburt der zwei Jungen geschah etwas ungewöhnliches, das schon bei der Geburt von Jakob und Esau entsprechend verlaufen war. Nachdem die Hand eines Zwillings herausgekommen war, machte der andere einen Riß und wurde zuerst geboren, so daß er richtig Perez (»Riß«) benannt wurde. Der andere Zwilling wurde dann wegen des roten Fadens, den die Hebamme um sein Handgelenk gebunden hatte, Serach (»Scharlach«) genannt. Es ist, als ob das Wunderzeichen von Jakobs Herrschaft über seinen älteren Bruder (1. Mo 27,29) in der Linie Judas wiederauflebte. Das eigentlich Bedeutsame liegt in der Verbindung zu Judas Vergehen an Josef (1. Mo 37,26-28). Er und seine Brüder verkauften ihren jüngeren Bruder nach Ägypten und dachten, sie könnten Gottes Plan, daß die älteren Brüder dem jüngeren Josef dienen sollten, durchkreuzen. Nun geschah Gottes Wille in Judas eigener Familie, trotz seiner Versuche, Tamars Heirat zu verhindern, in einer deutlichen Bekräftigung des Prinzips, daß der Ältere dem Jüngeren dienen sollte. Die Linie der Verheißung wurde von Perez weitergetragen (vgl. Mt 1,3), denn Gottes Plan kann nicht einfach beiseite geschoben werden.

[[@Bible:1 mose 39]]3.Der Aufstieg Josefs in Ägypten (1. Mose 39-41)


[[@Bible:1 mose 39]]a.Josefs Versuchung durch Potifars Frau (1. Mose 39)

1. Mo 39,1-6a: Nach dem wichtigen Exkurs über die Familiengeschichte Judas (1. Mose 38) kehrt die Erzählung zu Josef zurück, dem es unter Gott wohlerging und der Aufseher oder Verwalter über Potifars Haus wurde. Potifar war der Oberste der Leibwache des Pharao. Dieser Pharao war möglicherweise Sesostris II. (1897-1879 v.Chr.). (Vgl. die Tabelle »Chronologie von Salomo zurück bis Josef«.) Durch Josefs Gegenwart wurde auch der Segen Gottes über Potifar sichtbar.
1. Mo 39,6b-10: Nun prüfte Gott Josef durch Potifars Frau, um zu sehen, ob er gehorsam war. Als sie den schönen Josef lockte, weigerte er sich, mit ihr ins Bett zu gehen, denn das würde eine Sünde sowohl gegen Gott als auch gegen seinen Herrn sein. Darauf versuchte er, besonnen und weise ihr tägliches Vordringen zu umgehen, indem er sogar vermied, in ihrer Nähe zu sein. Seine Ablehnung wurde dadurch bestärkt, daß er überzeugt war, daß Gott ihn zu einer besonderen Aufgabe berufen hatte. Er konnte den Beweis dafür in seinem Emporkommen aus der Sklaverei sehen. Wenn man den Plan Gottes erfüllen muß, kann man nicht gegen den Gott sündigen, der ihn zustande bringen wird.
1. Mo 39,11-20a: Potifars Frau, gedemütigt durch Josefs Zurückweisung ihrer Person, erfand eine Lüge, um Josef des Überfalls zu beschuldigen. Sie zeigte ihren Hausknechten und später auch Potifar das Kleid, das Josef zurückgelassen hatte, als er vor ihrem beständigen Vordringen geflohen war. Dies war das zweite Mal, daß Josefs Kleidung benutzt wurde, um über ihn einen falschen Bericht zu erstatten (vgl. 1. Mo 37,31-33). In beiden Fällen hatte er treu gedient. Aber in beiden Fällen endete Josef in der Gefangenschaft.
1. Mo 39,20b-23: Josef erging es im Gefängnis durch die Gnade Gottes gut. So betraute der Gefängniswärter Josef mit der Aufsicht über das Gefängnis. Josef war in Potifars Haus unter Gott gediehen und dort als Verwalter eingesetzt worden. Hier fand er wieder unter Gott Gedeihen und hatte bald das Gefängnis unter sich. Viermal versichert dieses Kapitel, daß der HERR mit Josef war (V.2-3.21.23).
Das Kapitel zeigt, daß Josef ein treuer Diener Gottes war. Er behielt die Träume über seine Zukunft im Gedächtnis (1. Mo 37,6-7.9) und blieb Gott gegenüber treu, anstatt der Versuchung beim ersten Anzeichen seines Aufstieges zur Macht nachzugeben. Weise Herrscher erkennen, daß der Gehorsam gegen Gott die erste Voraussetzung für einen vorbildlichen König darstellt. Israel erfuhr ebenfalls, daß es treu beim Herrn bleiben sollte, trotz der Folgen, die der Gerechte leidend in Kauf nehmen mußte.
Die Geschichte ist dem Ratschlag ähnlich, der von König Salomo häufig in den Sprüchen gegeben wird. Es ist töricht, der Versuchung einer schmeichlerischen Frau oder eines Mannes nachzugeben und alle Aussichten eines Lebens im Dienst für Gott zu zerstören. Der Weg der Weisheit ist, die Kosten der Sünde zu bedenken. Josef gab der Versuchung nicht nach, weil er überzeugt war, daß Gott für ihn eine wunderbare Aufgabe hatte. Josef warf nicht den Segen Gottes für die Freuden der Sünde fort. Er war auch nicht verdrossen, weil er für seine Treue litt. Gott würde ihn letztendlich auszeichnen, wie er es verheißen hatte.

[[@Bible:1 mose 40]]b.Josefs Auslegung der Träume der Gefangenen (1. Mose 40)

Daß Josef nicht den Glauben an Gottes Verheißung verlor, wird durch seine Bereitwilligkeit belegt, Träume zu deuten. Er war noch immer überzeugt, daß Gottes Offenbarung in seinen beiden früheren Träumen (1. Mo 37,5- 7.9) erfüllt werden würde.
1. Mo 40,1-8: Im Gefängnis hatten zwei Kämmerer des Pharao, nämlich sein Oberster der Mundschenke und sein Oberster der Bäcker, in der selben Nacht einen beunruhigenden Traum. Josef bemerkte ihre Traurigkeit und war damit einverstanden, ihre Träume zu deuten. Er verstand ihre Träume so, daß sie von Gott kamen und erkannte, daß Gott begann, seinen Willen durch zwei weitere Träume auszuführen.
1. Mo 40,9-15: Josef deutete die Träume der beiden Kämmerer des Pharaos. Der Traum des Obersten der Mundschenke erhielt eine günstige Auslegung. Sein Traum spiegelte seine Aufgabe wider, aber mit zunehmenden Aktivitäten. Der Traum der drei Weinreben mit reifenden Trauben bedeutete, daß der Pharao das Haupt dieses Mannes erheben, d.h. ihn innerhalb dreier Tage wieder einsetzen werde. Dazu fügte Josef die Bitte hinzu, daß der Mann sich an ihn erinnern möge und versuchen sollte, ihn aus dem Gefängnis freizubekommen.
1. Mo 40,16-19: Der Traum des Bäckers dagegen war überhaupt nicht günstig. Sein Traum spiegelte ebenfalls seine Aufgabe wider, aber darin fraßen Vögel das Brot, das er in drei Körben auf seinem Kopf trug. Zur Enttäuschung des Bäckers erklärte Josef, daß der Pharao auch sein Haupt innerhalb dreier Tage erheben werde, aber er werde durch Hängen hingerichtet werden, und dann sollten die Vögel sein Fleisch fressen.
1. Mo 40,20-23: Die Auslegung erwies sich als wahr, denn innerhalb dreier Tage setzte der Pharao an seinem Geburtstag den Mundschenk wieder ein, aber den Bäcker ließ er hinrichten. Josef war jedoch im Gefängnis vergessen worden.
Dennoch war die entscheidende Tatsache für Josef, daß er Träume richtig auslegte. Er verstand die Offenbarung Gottes an ihn nicht falsch. Vielleicht verstand er nicht, warum er im Gefängnis saß, aber er wurde in seinem Glauben ermutigt. Der Mundschenk vergaß ihn, aber Gott vergaß ihn nicht. In dieser Hoffnung hatte Josef einen beharrlichen Glauben. Sein Glaube wurde nicht durch die Begleitumstände zerstört.

[[@Bible:1 mose 41:1]]c.Josefs Auslegung der Träume des Pharao (41,1-40)

Gott benutzte daraufhin zwei Träume, um Josef aus dem Elend des Gefängnisses zur Pracht des Hofes emporzuheben. Josef hatte sich Gott gegenüber als treu und damit zum Dienst geeignet erwiesen.
1. Mo 41,1-8: Die beiden Träume des Pharao verursachten diesem großen Kummer, besonders, weil keiner der Weisen Ägyptens sie erklären konnte (V.8). Gott benutzte einen israelitischen Sklaven, um die Weisheit Ägyptens zunichte zu machen. Später war in den Tagen Moses ein anderer Pharao in der Hand von Gottes Macht.
Die ägyptische Färbung ist in diesen Träumen offensichtlich. Kühe stehen gerne halb im Nil im Ried, um vor der Hitze und den Fliegen zu flüchten. Sie kommen dann aus dem Wasser heraus, um zu weiden. Der beunruhigende Teil des ersten Traumes war, daß sieben häßliche und magere Kühe heraufkamen und die sieben fetten Kühe verschlangen.
Der zweite Traum beinhaltete eine ähnliche Botschaft. Sieben volle Getreideähren an einem Halm wurden von sieben dünnen und verdörrten Getreideähren verschlungen, die nach ihnen aufschossen.
Die Wahrsager gehörten zu einer Zunft, die mit dem Umgang der Ritualbücher der Magie und der Priesterkunst vertraut war. Trotzdem konnten sie die Träume des Pharaos nicht deuten. Später war eine Zunft weiser Männer in Babylon ebenfalls nicht in der Lage, den Traum eines Königs, nämlich Nebukadnezars, zu deuten, und Gott benutzte einen anderen hebräischen Sklaven, Daniel, um zu zeigen, daß, wie mächtig ein Volk auch immer sein kann, es noch immer unter Gottes souveräner Kontrolle ist (Dan 2).
1. Mo 41,9-27: Man ließ Josef aus dem Gefängnis kommen, als der Mundschenk sich daran erinnerte, daß Josef die Gabe der Traumdeutung besaß. Als nun Josef vor dem Pharao stand (rasiert, wie es ägyptische Sitte war, und in frischgewechselten Kleidern), erklärte er, daß die Deutung allein Gott zustände (vgl. 1. Mo 40,8). Nachdem der Pharao beide Träume noch einmal erzählt hatte (1. Mo 41,17-24; vgl. V.1-8), wiederholte Josef seine Anschauung, indem er erklärte, daß Gott dem Pharao bekannt mache, was er vorhatte (V.25-27).
1. Mo 41,28-32: Beide Träume prophezeiten, daß sieben Jahren des Reichtums sieben Jahre schlimmen Hungers folgen würden. Darüberhinaus erklärte Josef: Daß der Traum in zwei Spielarten kam, bedeutet, daß er von Gott kommt und bald zur Durchführung kommen wird. Während Gott mit Josef handelte, müssen mehrere Dinge durch dessen Kopf gegangen sein: seine beiden eigenen Träume (1. Mo 37,5-7.9), seine zwei Gefängnisaufenthalte (1. Mo 37,24; 39, 20), die beiden Träumer im Gefängnis (1. Mo 40,5-23) und nun die zwei Träume des Pharao.
1. Mo 41,33-36: Gottes Offenbarung erforderte eine Antwort. So gab Josef dem Pharao den Rat, einen weisen Mann auszusuchen, der darüber wachen sollte, daß 20 Prozent des Getreides in
jedem der Jahre des Reichtums für die kommenden Jahre des Hungers als Vorrat angelegt würden. Die Weisheitsliteratur lehrt, daß weise Vorausplanung ein grundlegendes Prinzip praktischen Lebens ist.
1. Mo 41,37-40: Der Mann, den der Pharao für eine solche Aufgabe als fähig ansah, war Josef, in dem der Geist Gottes war. Jahrhunderte später wurde Daniel aus demselben Grund auserwählt, der dritthöchste Herrscher in Babylon zu sein (Dan 5,7.16).
Josef war in all den kleinen Dinge, die Gott ihm geschickt hatte, treu gewesen. Nun sollte er der Herrscher über ganz Ägypten unter dem Pharao werden.

[[@Bible:1 mose 41:41]]d.Josefs Erhebung (41,41-57)

1. Mo 41,41-46: Der Siegelring, den der Pharao Josef gab, war ein Ring mit einem Siegel, um damit Dokumente zu unterzeichnen. Wenn man das Siegel auf ein weiches Tondokument drückte, das dann hart wurde, ließ es einen unauslöschlichen Eindruck des Herrschersiegels zurück und trug so das Zeichen seiner Autorität. Der Pharao kleidete Josef in leinene Kleider und mit einer goldenen Halskette, machte ihn zum zweiten Mann nach dem Pharao und ließ ihn in dem zweiten Wagen fahren, so daß jedermann ihm huldigen konnte. Als ein Zeichen für Josefs neue Stellung gab der Pharao Josef eine Frau, Asenat, aus der priesterlichen Familie von On (eine Stadt, die ein Zentrum der Sonnenverehrung war und sieben Meilen nördlich von Kairo lag. Sie war auch als Heliopolis bekannt). Er gab Josef auch einen ägyptischen Namen, Zafenat-Paneach (die Bedeutung ist unbekannt). 13 Jahre nachdem Josef von seinen Brüdern verkauft worden war (1. Mo 37,2), gab ihm seine Position die Möglichkeit, ausgedehnte Reisen quer durch Ägypten zu machen. (Ps 105,16-22 spricht von der Zeit Josefs im Gefängnis, seiner Freilassung und seinem Aufstieg zur Macht.)
1. Mo 41,47-52: Dann wurden die Träume des Pharaos erfüllt. Das Land brachte sieben Jahre überreiche, ja unermeßliche Ernten hervor. Josef sammelte sie in Lagern in den ägyptischen Städten und übte im ganzen Land absolute Autorität aus.
Trotz seines Erfolges verließ er sein israelitisches Erbe nicht. Bezeichnenderweise gab er seinen beiden Söhne hebräische Namen. Manasse (vergiß) bedeutete, daß Gott ihn das Elend seiner Trennung von seiner Familie vergessen ließ. Ephraim (fruchtbar) bedeutete, daß Gott ihn in dem Land Ägypten fruchtbar gemacht hatte.
1. Mo 41,53-57: Josefs Weisheit trug Früchte, denn die sieben guten Jahre wurden tatsächlich von sieben Hungerjahren abgelöst, und sowohl die Ägypter als auch die Menschen in anderen Ländern kamen, um aus den Lagerhäusern in ganz Ägypten Getreide zu kaufen.
Am Ende hatte Josef die Macht in Ägypten inne. Gottes Offenbarung an ihn durch die Träume hatte sich erfüllt.

[[@Bible:1 mose 42:1]]4.Der Umzug nach Ägypten (42,1-47,27)


Die folgenden Erzählungen machen deutlich, daß Gott die Hungersnot benutzte, um Israel nach Ägypten unter die Herrschaft von Josef zu bringen. Das Volk sollte dort etwa 400 Jahre bleiben, so wie Gott es Abram prophezeit hatte (1. Mo 15,13). Israel konnte sich damit trösten, daß trotz seiner Gefangenschaft Gott es eines Tages ermächtigen würde, über Ägypten zu triumphieren.

[[@Bible:1 mose 42]]a.Der erste Besuch der Brüder in Ägypten (1. Mose 42)

1. Mo 42,1-5: Die Hungersnot war weitverbreitet und herrschte auch in Kanaan. Daher sandte Jakob seine Söhne nach Ägypten hinab, um Nahrung zu kaufen - alle seine Söhne außer Benjamin, denn er wollte nicht noch den anderen Sohn Rahels verlieren. Seine Weigerung, diesen Jungen loszuschicken, macht offenbar, was für einen Verdacht Jakob mittlerweile hegte. Josefs Schicksal war nicht ans Licht gekommen, aber die Eigenschaften der Brüder waren dem alten Mann bekannt. Vielleicht würden sie Benjamin auch wieder ein Leid antun.
1. Mo 42,6-17: Josef, der seine Brüder erkannte, prüfte sie, indem er sie viermal anschuldigte, daß sie Spione seien (V.9.12.14.16). Er behandelte sie rauh (V.7.30), aber unter seiner Strenge verbarg sich Liebe, wie die spätere Wiedervereinigung deutlich macht. Ironischerweise sprachen die Brüder zu jemand, den sie für tot hielten (der eine ist nicht mehr; V.13).
Ihre Anwesenheit in Ägypten bestätigte die Wahrheit der Träume Josefs, aber nicht ihre Erfüllung. Josef wußte, daß die ganze Familie nach Ägypten unter seine Herrschaft kommen mußte. Er forderte, daß einer von ihnen ihren kleinen Bruder als Beweis dafür herbrächte, daß sie keine Spione seien. Sie im Gefängnis zurückzuhalten war eine interessante Wendung der Ereignisse, weil die Brüder damals Josef in ein »Brunnen-Gefängnis« geworfen hatten.
1. Mo 42,18-24: Nach einer dreitägigen Haft der Brüder änderte Josef seinen Plan und gab zu verstehen, daß er nur einen im Gefängnis festhalten werde, während die anderen neun zurückkehren dürften. Er hielt Simeon zurück (V.24), während die anderen mit dem Getreide nach Hause nach Kanaan zurückkehrten. Wenn sie nicht mit ihrem jüngsten Bruder wiederkämen, sollte Simeon getötet werden. Ein Sinn für Strafe begann in den Brüdern zu erwachen, einen Sinn, den Josefs Ruf um Gnade (V.21) und Jakobs Tränen (1. Mo 37,34-35) nicht erwecken konnten. Sie spürten, daß Benjamin gegen den Wunsch ihres Vaters nach Ägypten zurückzubringen, die Strafe dafür war, daß sie Josef verkauft hatten. Jakob war seither immer voller Kummer gewesen, nun hatten sie selbst Kummer. Als sie so redeten, waren sie sich nicht bewußt, daß Josef sie verstand, denn er benutzte einen Übersetzer. Als er ihre Reue sah, wurde er davon berührt und er kehrte sich ab und weinte (vgl. 1. Mo 43,30; 1. Mo 45,2.14; 1. Mo 50,1.17).
1. Mo 42,25-28: Als ein weiteres Mittel, die Furcht Gottes (vgl. V.18.28.35) in seinen Brüdern zu erwecken, hatte Josef ihr Silber (mit dem sie das Getreide gekauft hatten) in ihre Säcke gelegt. Ob er nun vorgesehen hatte, daß sie das Geld unterwegs oder erst zu Hause entdecken sollten, so war der erste Schock doch wirksam. Das bereits hochgekommene Gefühl der Schuld führte schnell dazu, daß die Gruppe die Hand Gottes im Handeln des Herrschers sah. So war die Frage: Was hat uns Gott da angetan? immerhin schon eine fruchtbare Reaktion auf die Schwierigkeiten. Sie spürten offensichtlich, daß Josef sie des Diebstahls anklagen würde, und das unterstützte wieder seine Behauptung, daß sie Spione seien.
1. Mo 42,29-38: Als sie zuhause in Kanaan ankamen, erzählten die neun Brüder Jakob, was geschehen war. Jakob war voller Kummer, weil er dachte, ein weiterer Sohn sei nun tot (Simeon ist nicht mehr) und weigerte sich, Benjamin mitgehen zu lassen. Ruben, der Älteste, versuchte seinen Vater damit zu beruhigen, daß er Benjamin sicher wieder zurückbrächte. Das ist Ironie, denn Ruben hatte den Verlust von Josef nicht verhindern können (1. Mo 37,21-22). Aber Jakob lehnte es ab, Benjamin ziehen zu lassen. Er sagte, wenn seinem Jüngsten etwas zustieße, müßte er seine restlichen Tage Leid haben. Dasselbe hatte er gesagt, als er von Josefs »Tod« gehört hatte (1. Mo 37,35).
Josefs Prüfungen waren in Gottes Plan, den Samen Abrahams zu segnen, von Bedeutung. Gott beabsichtigte, die Familie nach Ägypten zu bringen, so daß sie dort zu einem großen Volk anwachsen konnte. Aber es war notwendig, daß die Menschen, die nach Ägypten kamen, dem Herrn treu waren. Es war notwendig, daß die Brüder geprüft wurden, bevor sie an dem Segen Gottes teilhaben konnten. Josefs Anstöße mußten fein sein; die Brüder mußten die Hand Gottes spüren, die sich gegen sie wandte, so daß sie ihr Verbrechen gegen Josef und ihren vorherigen Unglauben in seine Träume eingestanden. Aber eine Prüfung war nicht ausreichend; es waren zwei erforderlich.

[[@Bible:1 mose 43]]b.Der zweite Besuch der Brüder in Ägypten (1. Mose 43)

1. Mo 43,1-7: Die Hungersnot hielt an, und Jakobs Familie brauchte mehr Getreide. Diesmal mußte jedoch Benjamin mit ihnen nach Ägypten gehen. Juda erinnerte seinen Vater daran, daß ihre lange Reise nach Ägypten ohne Benjamin umsonst sein würde. Jakob zögerte selbstverständlich; sein Schelten (warum habt ihr dem Mann gesagt, daß ihr noch einen Bruder habt?) war ein Versuch, der Entscheidung zu entrinnen, vor der ihm graute. Dennoch mußte er Benjamin freigeben, damit sie nach Ägypten zurückkehren konnten. Andernfalls würden sie alle vor Hunger sterben.
1. Mo 43,8-14: Juda überwand den toten Punkt mit einem herzlichen, persönlichen Schritt und bot an, die Schuld auf sich zu nehmen, wenn Benjamin nicht zurückkehren würde. Juda (Jakobs vierter Sohn; 1. Mo 29,31-35) hatte Erfolg, wo Ruben versagt hatte (1. Mo 42,37), und Benjamin zog mit seinen Brüdern hinab nach Ägypten. Interessanterweise war Juda derjenige, der den Plan aufgebracht hatte, Josef nach Ägypten zu verkaufen (1. Mo 37,26-27). Nun mußte er mit seinem Vater darum handeln, um Benjamin zu bekommen, damit er Josef sähe.
Jakob empfahl, daß sie einiges vom besten Ertrag dem Mann als Geschenk bringen sollten, einschließlich Balsam, Honig, Gewürze und Myrrhe, Pistazien und Mandeln. Offensichtlich waren diese Delikatessen in Ägypten nicht zu haben (vgl. 1. Mo 37,25). Sie nahmen auch den doppelten Betrag Silber mit und kehrten mit dem zurück, was sie zuvor in ihren Geldbeuteln gefunden hatten. Jakob fand sich mit dem hohen Risiko ab, möglicherweise einen dritten Sohn zu verlieren - zuerst Josef, dann Simeon und nun vielleicht auch noch Benjamin.
1. Mo 43,15-30: Die Brüder eilten nach Ägypten. Als sie ankamen, wurden sie zu Josefs Haus gebracht. Sie fürchteten sich, weil sie meinten, daß sie gefangengenommen würden. Als sie dem Haushalter Josefs von dem Silber erzählten, das sie in ihren Säcken gefunden hatten, als sie von ihrer ersten Reise zurückkehrten, befahl ihnen der Haushalter, keine Angst zu haben, weil ihr Gott ihnen das Geld gegeben habe. Vielleicht hatte Josef mit dem Haushalter über den wahren Gott gesprochen.
Simeon wurde ihnen zurückgegeben (V.23), und ein Mittagsmahl wurde für die 11 Gäste Josefs zubereitet. Als sie Josef ihre Geschenke übergaben, fielen sie in Erfüllung des Traumes Josefs vor ihm nieder (1. Mo 37,7). Josef, der seinen Bruder Benjamin sah, konnte seine Freudentränen nicht zurückhalten. Benjamin war ja sein richtiger Bruder; die anderen waren Halbbrüder. So wie zuvor ging er beiseite, als er mit ihnen gesprochen hatte (1. Mo 42,24) und weinte.
1. Mo 43,31-34: Bei dem Mahl führte Josef ihnen etwas Seltsames vor. Die geheimnisvolle Genauigkeit der Sitzordnung (von dem Erstgeborenen zu dem Jüngsten) erhöhte ihr unbehagliches Empfinden, Gegenstand göttlichen Eingreifens zu sein.
Überhaupt wurden die Brüder bei all den Ereignissen dieses Besuches mit dem gnädigen Handeln Gottes durch diesen »Ägypter« konfrontiert (V.16. 27.29.34). Das Kapitel ist ein Vorgeschmack auf zukünftige Ereignisse, denn, wie Josef später sagte (1. Mo 45,5), sandte Gott ihn vor ihnen herab, um sie inmitten der Hungersnot zu versorgen.

[[@Bible:1 mose 44]]c.Die Prüfung durch Josef (1. Mose 44)

1. Mo 44,1-13: Josef, der bereits glänzenden Erfolg darin gehabt hatte, während der beiden Besuche Spannungen aufzubringen, vollführte nun sein Meisterstück. Er prüfte ihre Wertschätzung Benjamins, um sie ihre Sünde erkennen zu lassen. Wenn sie diese Prüfung nicht bestanden, wenn sie kein Mitleid mit diesem zweiten Sohn Rahels empfänden, dann hätten sie auch keinen Anteil an der Erfüllung der Verheißungen erlangt. Gott konnte noch einmal beginnen und Josef zu einem großen Volk machen, wenn die anderen sich als dessen unwürdig erwiesen (vgl. 2.Mose 32,10).
Die Prüfung schloß folgendes mit ein: Das Silber der Männer in ihren Säcken (so wie es bei der ersten Rückreise geschehen war), Josefs eigener silberner Becher in Benjamins Sack und dann ihre Verfolgung, um Benjamin gefangenzunehmen. Als der Haushalter sie einholte und sie des Diebstahls bezichtigte, schuf er vorsätzlich unter ihnen Spannung, indem er den Sack des Ältesten zuerst öffnete und mit dem des Jüngsten endete. Er wußte natürlich, daß der silberne Becher in Benjamins Sack war. Die plötzliche Bedrohung Benjamins war wie ein Schwert, das ihr Herz durchbohrte (vgl. Salomos Plan; 1.Kön 3,16-28). Alle Umstände waren für einen weiteren Verrat vorhanden, als Benjamin beschuldigt wurde. Dennoch zeigt ihre Antwort diesmal, daß die Züchtigung ihr Werk getan hatte. Sie zerrissen ihre Kleider im Kummer (vgl. Hiob 1,20), eine Reaktion, die sie vorher bei ihrem Vater über den Verlust Josefs hervorgerufen hatten (1.Mose 37,34).
1. Mo 44,14-17: Die Brüder kehrten zurück und warfen sich wieder vor Josef nieder (V.14; vgl. 1. Mo 37,7; 1. Mo 43,26.28). Josef benutzte möglicherweise nicht wirklich Weissagung, um ihren Verrat aufzudecken (1. Mo 44,5.15). Er könnte einfach darauf verwiesen haben, um die Ehrfurcht seiner Brüder vor ihm zu steigern. Juda, der wieder der Sprecher war, bekannte, daß Gott ihre Schandtat aufgedeckt hatte und erklärte, daß sie alle Josefs Sklaven seien. Aber Josef verkündigte, daß, so wie der Haushalter gesagt hatte (V.10), nur der »Schuldige« sein Sklave sein sollte. Die anderen könnten nach Hause zurückkehren.
1. Mo 44,18-34: Juda trat für den Knaben ein; sein langes Plädoyer, an Stelle von Benjamin gefangengesetzt zu werden, ist eine der großartigsten und bewegendsten Bitten. Sie bewies sein Mitleid mit seinem Vater, der sicherlich sterben würde, wenn Benjamin nicht mit ihnen zurückkehrte (V.31.34; vgl. 1. Mo 42,38).
So legten die Brüder dar, daß sie ihre Sünde gegen ihren Bruder Josef bereut hatten (»Gott hat die Schuld deines Knechtes aufgedeckt«; 1. Mo 44,16). Sie bewiesen auch ihr Mitleid mit ihrem Vater und ihrem jüngsten Bruder Benjamin. So gab sich Josef ihnen daraufhin (1. Mo 45,1-15) zu erkennen und brachte sie und ihre Familien nach Ägypten, um dort zu leben, wo Nahrung war (1. Mo 45,16-1. Mo 47,12).

[[@Bible:1 mose 45:1]]d.Die Versöhnung der Brüder mit Josef (45,1-15)

1. Mo 45,1-8: Mit einem Gefühlsausbruch gab sich Josef seinen Brüdern zu erkennen. Das (V.2) war nun das dritte von fünf Malen, daß er über seine Brüder geweint hatte (1. Mo 42,24; 1. Mo 43,30; 45, 14; 1. Mo 50,17; vgl. 1. Mo 50,1). Die Brüder waren von der Nachricht wie betäubt und aus Angst, daß Josef sie töten könnte, unfähig zu sprechen. In diesem Abschnitt vervollständigen starke Gefühle, gute geistliche Einsicht und eine Erörterung das Werk der Versöhnung, das bis hierher eine harte Prüfung verlangt hatte. Es war die Aufgabe eines weisen Mannes gewesen, und über einen langen Zeitraum hinweg erfüllte Josef die Aufgabe auf wunderbare Weise.
Josef erklärte, daß Gott ihn souverän nach Ägypten gebracht hatte, um ihre Errettung von der Hungersnot vorzubereiten. Seine Worte bilden eine klassische Aussage über göttliche Führung. Gott hat mich vor euch hergesandt (1. Mo 45,5). Ihr habt mich nicht hergesandt, sondern Gott (V.8; vgl. V.9). Die Sicherheit, daß Gottes Wille, nicht der des Menschen, die Wirklichkeit in jedem Ereignis überwacht, schimmert als Grundlage der Versöhnung hindurch. Zweifellos hatte sich Josef selbst viele Male mit diesem Glaubensgrundsatz getröstet. Der geistliche Mensch kann die Hand Gottes in jedem Ereignis erkennen und ist deshalb in der Lage, denen zu vergeben, die ihm Unrecht tun.
1. Mo 45,9-13: Josef wies darauf seine Brüder an, ohne Aufschub zu Jakob zurückzueilen (vgl. schnell in V.13) und ihn von Josefs Macht in Kenntnis zu setzen (als »Herrscher über Ägypten«, 1. Mo 45,8, und Herr über ganz Ägypten, V.9), dem im ganzen Land Ägyptens Ehre zu erweisen war (V.9.13). Die ganze Familie mußte nach Ägypten ziehen und in der Gegend von Goschen, einem fruchtbaren Gebiet im Nildelta (vgl. den Kommentar zu 1. Mo 47,1-12), unter der Herrschaft Josefs wohnen, weil Gott den Weg durch alle Begleitumstände hindurch bereitet hatte.
1. Mo 45,14-15: Endlich waren die Brüder wieder vereint, zuerst Josef und Benjamin, dann alle von ihnen. Das waren bewegte Augenblicke, erfüllt vom Weinen (vgl. 1. Mo 42,24; 1. Mo 43,30; 1. Mo 45,2) und dann erfüllt vom Gespräch. Ihr früherer Haß und ihr Neid auf Josef (1. Mo 37,4.8.11) waren nun verschwunden.

[[@Bible:1 mose 45:16]]e.Der Wegzug der Familie (45,16-47,12)

1. Mo 45,16-24: Den Brüdern wurden Anweisungen gegeben, Jakobs gesamte Familie nach Ägypten zu bringen. Der Pharao selbst wies sie an zurückzukehren, bot ihnen das Beste des Landes Ägypten an, versorgte sie mit Karren, um ihre Familienmitglieder zurückzubringen (vgl. 1. Mo 46,5) und versprach ihnen das Beste des Landes Ägyptens.
Josef versorgte seine Brüder reichhaltig für ihre Reise, auch mit Kleidung, Nahrung und für Jakob mit den besten Dingen Ägyptens. Als sie fortzogen, wies Josef seine Brüder an, auf dem Weg nicht zu streiten. Es war nicht die Zeit der Anklagen und Beschuldigungen. Es war eine Zeit der freudigen Wiedervereinigung. Dennoch wußte Josef, daß sie sich auf dem Heimweg entzweien konnten.
1. Mo 45,25-28: Zuerst war Jakob wie gelähmt vor Unglauben über den Bericht seiner Söhne, daß Josef noch lebte. Aber als er dann ihre Geschichte hörte und sah, was Josef ihm alles geschickt hatte, war Jakob überzeugt und beschloß unverzüglich, dorthin zu ziehen und seinen Sohn aufzusuchen.
Diese fürstliche Einladung Jakobs, des alten Patriarchen, der dem Ende der Hoffnung nahe war und die Einladung der zehn mit Schuld beladenen Brüder war in ihrem Leben ein Wendepunkt und die Erfüllung der Prophezeiung Gottes (1. Mo 15,13-16), daß sie in einem fremden Land in die Absonderung gehen und ohne ihre Identität zu verlieren, sich vermehren sollten.
1. Mo 46,1-7: Jahre vorher war Abram während einer Hungersnot in Kanaan nach Ägypten gezogen (1. Mo 12,10). Nun zogen der Enkel Abrams, Jakob, und 11 Urenkel (Josef, der bereits dort war, nicht mitgerechnet) dorthin. Gott beruhigte Jakob über seine Reise nach Ägypten. Nachdem er Hebron verlassen hatte (vgl. 1. Mo 37,14), war sein erster Halt Beerscheba, wo er dem Gott Isaaks ein Opfer brachte. Es war Beerscheba, wo Isaak gelebt hatte und von wo Jakob wegging, um dem Zorn Esaus zu entkommen (1. Mo 28,10).
Darauf hatte Jakob in der Nacht ein Gesicht von dem Herrn. Der Herr wiederholte die Verheißung, daß er seine Familie zu einem großen Volk hier in Ägypten machen würde, und erklärte, daß er das Volk wieder zurückbringen werde. Gott hatte Isaak angewiesen, nicht nach Ägypten zu ziehen (1. Mo 26,2), aber nun befahl er Jakob, dorthin zu gehen. Das Gesicht, das den Patriarchen beruhigte, ermutigte auch das Volk Israel, als Mose sie ermunterte, das Land Ägypten zu verlassen und nach Kanaan zurückzukehren, um die Verheißung Gottes zu empfangen.
1. Mo 46,8-27: In dem Bericht des Zuges nach Ägypten ist eine Aufzählung der Nachkommen Jakobs eingeschlossen. In Vers 26 wird die Zahl der Nachkommen mit 66 benannt, wohingegen in Vers 27 die Zahl bei 70 liegt. Die erste Zahl steht für diejenigen, die mit Jakob nach Ägypten zogen, und die zweite Zahl schließt die Kinder und Enkel mit ein, die bereits in Ägypten waren. Die folgende Tabellarisierung zeigt, wie diese Personen bestimmt werden:

Leas Kinder und Enkelkinder (V.15) 33
Zilpas Kinder und Enkelkinder (V.18) 16
Rahels Kinder und Enkelkinder (V.22) 14
Bilhas Kinder und Enkelkinder (V.25) 7
Zusammen: 70
Dina (V.15) +1
Zusammen: 71
Er und Onan (starben in Kanaan,V.12);
Josef und seine 2 Söhne bereits in Ägypten (V.20) -5
Alle, die mit Jakob nach Ägypten zogen (V.26) 66
Josef, Manasse, Ephraim und Jakob (V.27) +4
Jakob und seine Familie (V.27) 70

Aus diesen 70 (die die beiden Söhne Josefs einschlossen, die in Ägypten geboren worden waren, V.20.27; vgl. 1. Mo 41,50-52) sollte das Volk Israel erwachsen. (In der Urgemeinde erwähnte Stephanus 75 Mitglieder der Familie Jakobs; vgl. den Kommentar zu Apg 7,14.)
1. Mo 46,28-34: Endlich, nach 22 Jahren (vgl. die Tabelle »Chronologie von Salomo zurück bis Josef« zu 1. Mose 39,1-6a) waren Josef und Jakob wieder vereint. Ihre Reaktion war beiderseitige Freude. Noch einmal weinte Josef (vgl. 1. Mo 42,24; 1. Mo 43,30; 1. Mo 45,2.14-15), was ja nur verständlich war. Das letzte Mal hatte Josef seinen Vater gesehen, als er 17 Jahre alt gewesen war (1. Mo 37,2). Jakob genügte es, seinen Sohn lebend zu sehen, denn er war derjenige, der als Erbe ausersehen war, derjenige, den Gott auserwählt hatte, um über die Familie zu regieren. Also war es mehr als eine Wiedervereinigung der Familie; es war eine Bestätigung, daß die verheißene Segnung Gottes unberührt geblieben war.
Josef ermunterte seine Familie, vor dem Pharao hervorzuheben, daß sie Viehzüchter, keine Schafhirten waren, weil die Ägypter letztere verachteten. Josef war wie auch sonst nicht darauf erpicht, die ägyptischen Bräuche und Vorlieben über den Haufen zu werfen (vgl. 1. Mo 41,14; 1. Mo 43,32). Dennoch antworteten fünf Brüder nicht mit derselben Diplomatie (1. Mo 47,3).
1. Mo 47,1-12: Der Pharao gab Jakobs Familie den besten Teil des Landes, nämlich Goschen (vgl. 1. Mo 45,10) und verlieh sogar einigen der Brüder die Aufsicht über seine eigenen Herden (1. Mo 47,6). Goschen wird in den alten ägyptischen Schriften nicht erwähnt, aber der Name, den die Gegend später trug, war das Gebiet von Ramses (V.11; vgl. 2.Mose 1,11). Dieser Umstand zusammen mit der Tatsache, daß die Gegend fruchtbar war und nahe bei Josef am Hof lag, deutet darauf hin, daß sie im östlichen Teil des Nildeltas lag.
Als Jakob dem Pharao vorgeführt wurde, gestand der Patriarch ein 130jäh- riges Leben voll Kummer ein. Für ihn war es eine Wanderschaft gewesen. Sowohl als Jakob eintrat, als auch als er fortging, segnete er den Pharao. Es ist interessant, daß das Volk Israel in einem fremden Land, einem Land mit einer anderen Kultur, dem Pharao Gottes Segen wünschte.



[[@Bible:1 mose 47:13]]f.Die Weisheit der Herrschaft Josefs (47,13-27)

1. Mo 47,13-27: Josef erwies sich als ein weiser Verwalter im Lande Ägypten, so daß unter seiner Amtsgewalt die Menschen vom Hungertod bewahrt blieben und der Wohlstand des Pharao zunahm. Der Herrscher zu dieser Zeit war Sesostris III. (1878-1843 v.Chr.).
Beim Verkauf von Nahrung an das Volk während der Hungersnot, die sehr schwer war, nahm Josef Geld und Vieh (Pferde, Schafe, Ziegen, Rinder und Esel) als Bezahlung an und schließlich auch das ganze Land Ägypten selbst, ausgenommen das Land der Priester. Als das Land erst einmal dem Pharao gehörte, wies Josef die Leute an, Samen zu säen, den er ihnen gegeben hatte. Seine einzige Bedingung war, daß der Pharao ein Fünftel allen Ertrages erhalten sollte. Mit einem Wort: Die Menschen überlebten, aber sie wurden (ausgenommen die Priester) Leibeigene des Pharao.
Dennoch gediehen die Israeliten im Lande Goschen und vermehrten sich stark.
So segnete Gott sein Volk gemäß der Verheißung, die er Abraham gegeben hatte. Sie wurden schnell zu einem großen Volk. Darüberhinaus segnete Gott den Pharao, weil er den Samen Abrahams mit dem Besten Ägyptens gesegnet hatte. Später, in der Zeit Moses, als ein anderer Pharao Israel unterdrückte, verfuhr Gott mit den Ägyptern hart.

[[@Bible:1 mose 47:28]]5.Vorsorge für das Andauern der verheißenen Segnungen (47,28-50,26)


In diesem letzten Abschnitt des Buches wenden sich die Berichte der Zukunft der Nachkommen Abrahams zu.

[[@Bible:1 mose 47:28]]a.Die Segnung Ephraims und Manasses (47,28-48,22)

Aus der langen Laufbahn Josefs wählte der Schreiber des Hebräerbriefes diese Segnung der Söhne Josefs durch den Patriarchen als dessen große Glaubenstat aus (Hebr 11,21). Es war sein Streben nach der Fortdauer der Verheißung Gottes im Angesicht des Todes. Ironischerweise ist dies genau das, was er einst durch Betrug erreicht hatte (1.Mose 27). Noch einmal wurde der Segen an den Jüngeren gegeben, aber dieses Mal gab es keine Intrige oder Bitterkeit. Es war eine Glaubenstat.
1. Mo 47,28-31: Jakob lebte 17 Jahre in Ägypten (vgl. V.9) bis zum Alter von 147 Jahren. (Abraham starb im Alter von 175 Jahren; 1. Mo 25,7-8; und Isaak mit 180 Jahren; 1. Mo 35,28.) Wenn das Jahr des Wegzugs Jakobs nach Ägypten 1876 v.Chr. war (vgl. die Tabelle »Chronologie von Salomo zurück bis Josef« zu 1. Mose 39,1-6a), dann starb Jakob im Jahr 1859. Seine Geburt 147 Jahre zuvor gehört dann in das Jahr 2006 v.Chr. (vgl. die Tabelle »Chronologie der Patriarchen«). Am Ende seines Lebens redete Jakob Josef zu, zu schwören, daß er ihn dort begraben würde, wo seine Väter begraben worden waren (vgl. 1. Mo 49,29-33). Er bezog sich dabei selbstverständlich auf die Höhle von Machpela, die Abraham erworben hatte (1. Mose 23). Da Jakob wünschte, daß Josef ihm versicherte, daß er sein Versprechen durchführen würde, bat er seinen Sohn, seine Hand unter seine Hüfte zu legen (vgl. den Kommentar zu diesem Brauch zu 1. Mose 24,1-9). Sogar, als er sich dem Tod näherte, betete Jakob (hier wird er Israel genannt) an.
1. Mo 48,1-4: Jakob, krank, aber aufrecht im Bett sitzend, wiederholte, wie Gott, der Allmächtige (´el šadday; vgl. den Kommentar zu 1. Mose 17,1) ihm bei Lus erschienen war, das Jakob Bethel nannte, und ihm den Segen eines unzählbaren Volkes im Land als einen immerwährenden Besitz verhieß (vgl. 1. Mo 28,10-22). Die Worte dieser Verheißung hatten dem Patriarchen durch seine ganze Wanderschaft hindurch Hoffnung geschenkt, so wie sie die Hoffnung in dem Volk erwecken würden, das aus ihm hervorging. Es hatte Gottes sicheres Wort.
1. Mo 48,5-7: Jakob gab das Erstgeburtsrecht an Josef, indem er Ephraim und Manasse, Josefs Söhne (1. Mo 41,51-52), in den Rang erstgeborener Söhne erhob und gab Josef so ein doppeltes Erbteil. Sie ersetzten auf diese Weise Ruben und Simeon, die beiden ersten Söhne Jakobs, die Lea geboren worden waren (vgl. 1.Chr 5,1-2). Die Anerkennung der Söhne Josefs hatte Jahre später in den Tagen Josuas (Jos 16-17) Auswirkungen auf die Verteilung des Landes der Verheißung. Jakobs Erhebung der Söhne Josefs wurde durch seine Erinnerung an Rahel, seine Lieblingsfrau, veranlaßt, die im Lande Kanaan gestorben war (vgl. 1.Mose 35,16-20).
1. Mo 48,8-14: Als Josef seine beiden Söhne vor den betagten Patriarchen brachte, wurde der Segen erteilt. Wie Isaak gab Jakob seinen Segen, als sein Augenlicht schwach geworden war. Aber beim Segen überkreuzte Israel seine Hände, so daß seine rechte Hand auf Ephraims Haupt und seine linke auf Manasse lag, obwohl Manasse, der Erstgeborene, normalerweise mit der rechten Hand gesegnet werden sollte. Es war Jakobs Entscheidung trotz der Weisung Josefs. Josef erwartete wie so viele andere, daß Gott auf eine bestimmte Art und Weise wirkte, aber er stellte fest, daß es Gott häufig gefällt, auf andere Weise zu wirken und manchmal sogar auf unkonventionelle Art vorzugehen. Aber der Glaube erkennt, daß Gottes Wege nicht des Menschen Wege sind. Jakob brauchte sein Leben lang Erziehung, um diese Tatsache zu lernen. Aber er lernte sie, und nun segnete er den Jüngeren vor dem Älteren. In vier hintereinanderfolgenden Generationen folgte man diesem umgekehrten Weg: Isaak wurde über Ismael gesetzt, Jakob über Esau, Josef über Ruben und Ephraim über Manasse.
1. Mo 48,15-20: Als Jakob Josef segnete, gebrauchte er eine dreifache Anrufung Gottes (V.15-16): (a) der Gott, der mit seinen Vätern Abraham und Isaak im Bundesverhältnis gestanden hatte (eine Tatsache, die viele Male Jakobs Glauben gefestigt hatte, 1. Mo 28,13; 1. Mo 31,5. 42; 1. Mo 32,10; 1. Mo 46,3), (b) der Eine, der auf dem ganzen Weg sein Hirte gewesen war (vgl. 1. Mo 49,24; Ps 23,1) und (c) der Engel (vgl. den Kommentar zu 1.Mose 16,7), der ihn von allem Übel erlöst hatte. Das Hebräische Wort ga´al, mit »erlöst« übersetzt, drückt den Schutz und die Heilung aus, die Jakob aus den Bedrückungen heraus erfahren hatte. Mit diesen ungewöhnlichen Beschreibungen Gottes betete Jakob um Gottes gnädigen Segen für die Jungen. Hier erhält man eine Ahnung von Jakobs Glauben.
Als Josef sah, daß sein Vater Ephraim vor Manasse segnete, legte er Widerspruch ein. Aber Jakobs Worte: Ich weiß, mein Sohn, ich weiß, drückten das Vertrauen seines Glaubens aus: er segnete gemäß dem göttlichen Plan, nicht gemäß der üblichen Sitte. Er hatte erfahren, daß trotz allem, was der Mensch unternimmt, Gott ihn, den Jüngeren, gesegnet hatte. Das führte er nun bei Josefs Söhnen fort. Jahre später wurde Ephraim ein führender Stamm im nördlichen Königreich und stand weit über dem Stamm Manasse, so wie Jakob es vorausgesagt hatte.
1. Mo 48,21-22: Mit der Überzeugung, daß Gott sie zurück in das Land der Verheißung bringen würde, erklärte Jakob, daß Josef ein doppelter Teil gehören sollte. Man könnte hier die Übersetzung bevorzugen »Und ich gebe dir einen Teil mehr als deinen Brüdern«. Das hebräische Wort für »Teil« heißt šekem, ein Wortspiel mit dem Namen der Stadt Sichem. Später wurde Josef in Sichem begraben (Jos 24,32) als ein Zeichen, daß er dieses vererbte Land besessen hatte. Jakob hatte offensichtlich dieses Stück des Landes von den Amoritern (Kanaanitern des Berglandes) erobert, obwohl dies die einzige Erwähnung einer solchen Eroberung in der Bibel ist. Jakob hatte dort einen Brunnen gegraben (vgl. Sychar, Joh 4,4-5).

[[@Bible:1 mose 49:1]]b.Die Weissagung Jakobs über die Stämme (49,1-28)

Ein grundlegendes Prinzip in Gottes System ist es, daß das Leben und das Wesen der Patriarchen Folgen für ihre Nachkommen hatte. Gott bewirkt die vielfältigen Geschicke seines Volkes in Übereinstimmung mit ihren Unterschieden auf moralischem Gebiet. 1.Mose 49 vermittelt einen flüchtigen Einblick in solch einen Plan Gottes. Dieses Kapitel beinhaltet die letzten der vielen großen Weissagungen über das Geschick der Menschen in 1.Mose - Segnungen, Verfluchungen, Gerichtssprüche und Verheißungen. Jakob, der im Glauben stand und Gottes Bundeswerkzeug war, blickte der Eroberung und Besiedlung Israels im Lande Kanaan und darüberhinaus einem ruhmreicheren Zeitalter entgegen.
Gott gab seinem Volk diese Prophezeiung, um sie durch die trostlose Dürre ihrer Erfahrungen durchzutragen und um ihnen zu zeigen, daß er die ganze Zukunft geplant hatte. Für Jakobs Familie lag die Zukunft jenseits der Gefangenschaft in Ägypten in dem Land der Verheißung. Aber die Freude am Segen dieser Hoffnung war von der Treue der Beteiligten abhängig. So beurteilte Jakob seine Söhne einen nach dem anderen von dem feierlichen Ernst seines Sterbebettes aus und übertrug seine Beurteilung auf die zukünftigen Stämme.
1. Mo 49,1-2: Jakob rief seine Söhne an sein Bett und teilte ihnen mit, daß er ihnen verkünden wollte, was aus ihnen in den vor ihnen liegenden Tagen werden sollte. Seine Worte waren eine reiflich überdachte prophetische Weissagung.
1. Mo 49,3-4: Jakob überhäufte Ruben, seinen Erstgeborenen, mit Lob, das in sich zusammenbrach, als er ankündigte, daß Ruben seines Vaters Bett befleckt hatte. Das bezog sich ganz deutlich auf Rubens Ehebruch mit Jakobs Nebenfrau Bilha (1. Mo 35,22). Ruben hatte Anrecht auf das Führeramt und auf ein doppeltes Erbteil (1.Chr 5,1-2), doch weil er den unbeherrschten Drang von aufwallendem Wasser hatte (ungestüm wie das Wasser), würde er als Anführer versagen. In der Zeit der Richter (Ri 5,15-16) wurde der Stamm Ruben durch Unentschlossenheit gekennzeichnet.
1. Mo 49,5-7: Simeon und Levi waren Männer der Gesetzlosigkeit (Gewalt) und nicht der Gerechtigkeit, Männer von unkontrolliertem Zorn und von Wut, die Menschen und Tiere mißachteten. Dies war Gottes Beurteilung des Hinschlachtens der Sichemiter (1. Mo 34,25-29). Gott unterscheidet heiligen Krieg und Rache. Beide Stämme wurden später zerstreut (1. Mo 49,7). Simeon fiel zum großen Teil auseinander (zumal sein Land innerhalb des Landes von Juda lag; Jos 19,1.9), aber Levi wurde eine ehrhafte Zerstreuung gewährt, weil es der Stamm der Priester wurde (Jos 21).
1. Mo 49,8-12: In seiner Weissagung prophezeite Jakob eine wilde, löwenhafte Herrschaft Judas über seine Feinde und über seine Brüder, die ihn preisen sollten. Es findet sich hier ein Wortspiel auf den Namen Juda, der »Lob« bedeutet (vgl. 1. Mo 29,35). Die Weissagung drehte sich um das Wort bis (1. Mo 49,10b). Wenn der Verheißene, der die Völker regiert, erscheint, wird der Schauplatz zu einem irdischen Paradies werden. Diese Verse nehmen das Königtum in Juda vorweg, das in der Herrschaft des Messias seinen Höhepunkt findet (vgl. den Stamm Judas in Offb 5,5), in welcher die Völker ihm gehorchen werden.
Der dritte Teil von 1.Mose 49,10 kann auch übersetzt werden »bis Schilo kommt«. Zahlreiche Quellen, einschließlich der Targum (aramäische Übertragung des AT) verstehen »Schilo« als Bezeichung für den Messias. Dennoch sollte das hebräische Wort šîloh übersetzt werden mit »dem es gehört«, also: das Zepter wird nicht von Juda weichen, bis der kommt, dem es (nämlich das Zepter) gehört. Ähnlich heißt es in Hes 21,32 an die Adresse des letzten Königs von Juda: »bis der kommt, dem sie (gemeint ist die Krone, Hes 21,31) rechtmäßig gehört«.
1. Mo 49,13-15: Sebulon sollte vom Seehandel leben (auch wenn es später nicht direkt am Mittelmeer wohnte, vgl. Jos 19,10-11). Issachar würde wie ein knochiger Esel sein und gezwungen werden, für andere zu arbeiten. Issachar lebte später in der fruchtbaren und lieblichen Ebene von Jesreel und wurde oft von Invasionsheeren unterdrückt.
1. Mo 49,16-17: Dan zeigt eine andere Verteilung zwischen Berufung und Anmaßung (vgl. V.3-4). Dan sollte Gerechtigkeit schaffen (»Dan« bedeutet »Richter«), zog aber den Betrug vor, der mit einer Schlange am Weg verglichen wird. Zur Zeit der Richter trat der erste größere Fall von Götzendienst im Stamm Dan auf (vgl. Ri 18,30).
1. Mo 49,18: Jakob warf die Bitte um Errettung durch den Herrn dazwischen. So wie er auf den Herrn angewiesen war, galt dies auch für seine Söhne.
1. Mo 49,19-21: Drei der sechs hebr. Wörter in Vers 19 sind ein Wortspiel mit dem Namen »Gad« (»Angriff«): Gad wird von Scharen angegriffen werden und er wird sie angreifen. Das Verb gadad bedeutet »einbrechen in« oder »angreifen«. Der Stamm Gad erlebte später in seinem Siedlungsgebiet an der Ostseite des Jordans Grenzüberfälle (z.B. 1.Chr 5,18-19).
Aser sollte fruchtbar sein und produktiv, um reichlich Nahrung zu produzieren. Dieser Stamm ließ sich dann an der fruchtbaren Nordküste Kanaans nieder.
Naftali sollte ein freies Berbervolk werden, das mit einer Hirschkuh verglichen werden kann. Debora sang später vom Stamm Naftali, dessen Männer ihr Leben »auf der Höhe im Feld« (Ri 5,18) ließen. Der Stamm siedelte nordwestlich des See Kinneret in Galiläa.
1. Mo 49,22-26: Diese Weissagung ist überschwenglicher als alle anderen, da hier der größte Teil des Segens lag (vgl. 1.Chr 5,1-2). Jakob leitete die Verheißung der Fruchtbarkeit von dem Namen des Sohnes Josefs, Ephraim, ab, der fruchtbar bedeutet und verhieß ausführlich den Sieg (1.Mose 49,23-24a) und den Reichtum (V.25b) der beiden Stämme Josefs. Josua, Debora und Samuel, die alle dem Stamm Ephraim angehörten, siegten in der Schlacht ebenso wie Gideon und Jefta, die zum Stamm Manasse gehörten. In diesen Versen finden sich viele wunderschöne Gottesbezeichnungen: der allmächtige Eine Jakobs, der Hirte (vgl. 1. Mo 48,15), der Fels Israels, der Gott eurer Väter, der Allmächtige (šadday; vgl. ´el šadday, 1. Mo 17,1), der, der segnet mit Segnungen des Himmels oben (z.B. Regen für das Getreide) und mit Segnungen der Tiefe unten (z.B. Flüsse und Brunnen mit Wasser) und mit Segnungen der Brüste und des Mutterleibes (d.h. mit zahlreichem Nachwuchs). Jakob legte auf Josef die größeren Verheißungen, weil er der Fürst unter seinen Brüdern war (vgl. 1. Mo 41,41).
1. Mo 49,27-28: Die Weissagung über Benjamin beschreibt einen Stamm mit gewalttätigem Geist: ein reißender Wolf, der zerreißt (vgl. die Grausamkeit der Benjaminiter in Ri 20 und des Benjaminiters Saul in 1.Sam 9,1-2; 1. Sam 19,10; 1. Sam 22,17).
Die Weissagung über die Söhne Jakobs erfüllt eine ähnliche Funktion wie die Weissagung über die Söhne Noahs (1.Mose 9,24-27). Beide schauen am Ende eines Zeitalters prophetisch in die Zukunft der Söhne.

[[@Bible:1 mose 49:29]]c.Der Tod und das Begräbnis Jakobs (49,29-50,14)

1. Mo 49,29-33: Noch einmal wird das Grab eines Patriarchen wichtig, als Jakob Josef anwies, ihn bei seinen Vätern in Kanaan und nicht in Ägypten zu begraben (vgl. 1. Mo 47,29-30). Darin lag seine Hoffnung. Bei der Höhle von Machpela (von Abraham gekauft, 1. Mo 23,3-20) bei Hebron waren Sara (1. Mo 23,19), Abraham (1. Mo 25,8-9), Isaak (1. Mo 35,27-29), Rebekka (Isaaks Frau, 1. Mo 49,31) und Lea (Jakobs erste Frau, V.31) begraben worden.
So starb Jakob nach 147 Jahren (1. Mo 47,28) der Mühsal: Sein Kummer hatte ein Ende gefunden. Schwächen hatte er viele; Sünden nicht wenige. Aber Jakob hatte ein unstillbares Verlangen nach dem Segen Gottes. Er war von einer tiefen Frömmigkeit, die trotz aller widrigen Umstände auf Gott vertraute. Am Ende starb er als ein Mann mit echtem Glauben. Er lernte in seinem Leben die Quelle der wahren Segnungen kennen und kämpfte mit Gott und Menschen, um das Vorrecht zu erhalten, den Segen an seine Söhne weitergeben zu dürfen.
1. Mo 50,1-6: Nachdem Josef über dem toten Körper seines Vaters geweint hatte (vgl. die anderen Stellen, die vom Weinen Josefs berichten: 1. Mo 42,24; 1. Mo 43,30; 1. Mo 45,2.14; 1. Mo 50,17), befahl er, daß Jakobs Körper für das Begräbnis in typisch ägyptischer Weise einbalsamiert werden sollte. Die Zeit der Salbung war selten kürzer als einen Monat und dauerte normalerweise 40 Tage. Die Ägypter trauerten um Jakob 70 Tage - zweieinhalb Monate -, gerade nur zwei Tage weniger als die übliche Trauerzeit für einen Pharao. Das zeigt die hohe Achtung, die die Ägypter für Josef hatten. Nach der Trauerzeit bat Josef den Pharao und erhielt die Erlaubnis, seinen Vater in der Höhle von Machpela in Kanaan zu begraben.
1. Mo 50,7-9: Josef führte eine große Prozession, einschließlich ägyptischer Würdenträger, Josefs Familie und Brüder und Wagenlenker nach Kanaan, um seinen Vater zu begraben. Josef war zum ersten Mal nach 39 Jahren wieder in seiner Heimat (er war 22 Jahre in Ägypten gewesen, bevor Jakob dorthin zog, und Jakob lebte danach noch weitere 17 Jahre). Jahrhunderte später verließen die Kinder Israel wieder Ägypten und nahmen die Gebeine des Patriarchen Josef mit sich. Hier war jedoch der Aufenthalt im Land der Verheißung nur vorübergehend; das Grab war ein Anrecht auf das Land der Verheißung. Gott hatte Jakob verheißen, daß er ihn in das Land zurückbringen und daß Josef ihn begraben werde (1. Mo 46,4).
1. Mo 50,10-14: Auf dem Weg gab die siebentägige Trauer der Hinterbliebenen auf einer Tenne nahe des Jordans Anlaß, den Ort Abel-Mizrajim zu benennen, was »Wiese (´abel) der Ägypter« bedeutet. Ein Wortspiel legt jedoch »Trauer (´ebel) der Ägypter« nahe. Die Kanaaniter erkannten, daß dies ein großes Ereignis war. Die folgende Reise nach Ägypten war das vierte Mal, daß die Mehrheit der Brüder nach Ägypten reiste. Es war zugleich das zweite Mal für Josef.

[[@Bible:1 mose 50:15]]d.Die Zusicherung der Erfüllung der Segnung (50,15-26)

1. Mo 50,15-21: Nun, da Jakob tot war, baten die Brüder, die Bedenken hatten, daß Josef mit ihnen wegen ihrer Missetaten (vgl. 1. Mo 45,3) hart verfahren könnte, um Vergebung. Noch einmal (vgl. 1. Mo 44,33) sprachen sie von sich als Sklaven Josefs (vgl. 1. Mo 37,7). Aber Josef (nachdem er geweint hatte; vgl. 1. Mo 42,24; 1. Mo 43,30; 1. Mo 45,2.14; 1. Mo 50,1) versicherte ihnen (indem er zweimal sagte: Fürchtet euch nicht, V.19.21; vgl. 1. Mo 43,23), daß alles, was geschehen war, zu Gottes Plan gehörte, um die Erfüllung der verheißenen Segnung zu ermöglichen (vgl. 1. Mo 45,5.7-9). Josef versprach auch noch einmal, sie zu versorgen (vgl. 1. Mo 45,11) und sprach freundlich mit ihnen.
1. Mo 50,22-26: Josef starb ebenfalls in Ägypten. Wie seine Väter vor ihm, ließ er seine Brüder versprechen, daß seine Gebeine bei der großen Errettung (V.24-25; vgl. 2.Mose 13,19; Jos 24,32; Hebr 11,22) aus dem Land Ägypten gebracht werden sollten. Diese Errettung, so versicherte er ihnen, sollte geschehen, wenn Gott sie besuchen würde, um seine Verheißungen an ihren Vätern zu erfüllen.
Josef lebte solange, daß er noch seine Ururenkel von Ephraim und seine Urenkel von Manasse zu sehen bekam. Er setzte sie bei ihrer Geburt auf seine Knie. Diese Geste bedeutete, daß sie zu ihm gehörten (vgl. Hiob 3,12). Josef starb mit 110 Jahren und wurde wie Jakob gesalbt. (Abraham wurde 175 Jahre alt, 1. Mo 25,7; Isaak 180, 1. Mo 35,28, und Jakob 147, 1. Mo 47,28.) 1.Mose schließt mit der Verheißung des Landes, die noch unerfüllt war und mit der Erwartung eines Besuches aus der Höhe im Zusammenhang stand. Josefs Worte, die einmal wiederholt werden, fassen erstaunlicherweise die Hoffnung zusammen, die im ganzen AT und auch im NT ausgedrückt wird: Gott wird euch sicher zu Hilfe kommen (1. Mo 50,24-25). So lebte die Gemeinschaft der Gläubigen in der Erwartung dieses Besuches des verheißenen Samens, des Messias, der den Fluch beenden und tatsächlich die langerwartete Segnung Gottes schaffen sollte.

BIBLIOGRAPHIE


Kommentare


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Das zweite Buch Mose (John D. Hannah)


EINFÜHRUNG


Name: Der Name des zweiten Buches der hebräischen Bibel lautet nach den ersten Worten des Buches we´elleh šemôt (»dies sind die Namen«). Der lateinische Titel »Exodus« (»das Herausgehen«, »der Auszug«) gibt den Titel der griechischen Septuaginta wieder, die das Buch nach seinem vorherrschenden Thema, dem Auszug Israels aus Ägypten, bezeichnet. Allerdings behandelt das Buch mehr als nur den Auszug. Der Auszug aus Ägypten selbst wird in 2. Mo 13,17-2. Mo 15,21 beschrieben. Das Buch behandelt darüber hinaus die Geschichte der Familie Jakobs vor dem Auszug, den Zug von Ägypten zum Sinai nach dem Auszug und viele Erfahrungen, die Israel dort machte.
Autor: Bibelkritische Wissenschaftler halten eine mosaische Autorschaft für unwahrscheinlich und rechnen mit einem jungen Alter von 2. Mose. Sie vertreten dabei jeweils eine der folgenden drei Theorien: 1. Julius Wellhausen versuchte, die verschiedenen Quellen des Buches, von denen er schließlich drei fand, die über einen langen Zeitraum entstanden, voneinander zu scheiden. Diese Dokumentenhypothese ist als JEDP-Theorie bekannt, wobei in 2. Mose allerdings keine D-Quelle angenommen wird. (Vgl. ausführlicher die Einführung zu 1. Mose) 2. Die formkritische Methode versucht, kleinere literarische Einheiten im Text zu ermitteln, indem sie die Geschichten hinter den Formen herauszuarbeiten und so den Zeipunkt der ursprünglichen Abfassung zu erkennen sucht. 3. Die traditionsgeschichtliche Schule geht von einer langen mündlichen Überlieferung aus, die eine genaue Wiederauffindung der einzelnen Berichte unmöglich macht. Diese drei kritischen Auffassungen gehen jedoch von ähnlichen Voraussetzungen aus: Mose hat das Buch nicht geschrieben, die geschichtliche Grundlage der Berichte ist kaum zu bestimmen, und das Buch entstand sehr spät.
Evangelikale Wissenschaftler gehen dagegen davon aus, daß 2.Mose während oder kurz nach dem Aufenthalt Moses am Sinai von diesem geschrieben wurde. Dies wird durch das Selbstzeugnis der Bibel bestätigt.
Die Bibel geht eindeutig davon aus, daß Mose die nötigen Fähigkeiten hatte, um eine solche Aufgabe zu bewältigen. Mose war in der ganzen Weisheit der Ägypter erzogen (Apg 7,22).
2.Mose bestätigt die Verfasserschaft Moses ausdrücklich. Gott befahl ihm, die Ereignisse der militärischen Auseinandersetzung zwischen Josua und den Amalekitern schriftlich festzuhalten (»Schreibe dies zum Gedächtnis in ein Buch«, 2.Mose 17,14). Mose schrieb auch sein Gespräch mit dem Herrn auf dem Berg Sinai nieder (»Da schrieb Mose alle Worte des Herrn nieder«, 2. Mo 24,4). Dieser Bericht wurde »das Buch des Bundes« (2. Mo 24,7) genannt. Auf dem Berg Sinai gab der Herr Mose die Anweisung: »Schreib dir diese Worte auf« (2. Mo 34,27), und Mose »schrieb auf die Tafeln die Worte des Bundes« (2. Mo 34,28).
Aussagen in anderen Teilen der 5 Bücher Mose unterstreichen die mosaische Autorschaft. In 5.Mose 31,9 heißt es: »Mose schrieb dies Gesetz und gab's den Priestern«. 5.Mose 31,24 ist noch eindeutiger: »Als nun Mose damit fertig war, die Worte dieses Gesetzes vollständig in ein Buch zu schreiben«.
Auch andere Bücher des AT legen von der mosaischen Autorschaft von 2.Mose Zeugnis ab. David forderte Salomo zum Gehorsam gegenüber Gottes Geboten und Vorschriften, »wie geschrieben steht im Gesetz des Mose«, auf (1.Kön 2,3). Esra las aus dem Buch des »Gesetzes des Mose« (Neh 8,1) vor. In Neh 13,1 werden die 5 Bücher Mose einfach »das Buch des Mose« genannt.
Jesus bestätigte, daß Mose der Verfasser von 2.Mose war. Ein Zitat aus 2.Mose 20,12 und 2. Mo 21,17 leitete Jesus mit den Worten »Mose hat gesagt« (Mk 7,10) ein und ein Zitat aus 2.Mose 3,6 mit den Worten »Habt ihr nicht gelesen im Buch des Mose?« (Mk 12,26).
Entstehungszeit: Die Datierungen des Auszugs aus Ägypten, des Zuges von Jakob nach Ägypten und der Niederschrift von 2.Mose sind viel diskutiert worden.
1. Die Datierung des Auszugs aus Ägypten Einige Forscher datieren den Auszug in das 13.Jh.v.Chr. (ca. 1290 v.Chr., zur Zeit des Pharao Ramses II.), andere in das 15.Jh.v.Chr. (nämlich 1446 v.Chr., zur Zeit von Amenhotep II.).
Das frühere Datum wird durch den biblischen Bericht und archäologische Funde unterstützt. Zum ersten betrug laut 1.Kön 6,1 die Zeit zwischen dem Auszug aus Ägypten und dem Beginn des Baues des salomonischen Tempels (im vierten Regierungsjahr Salomos) 480 Jahre. Da das vierte Regierungsjahr Salomos das Jahr 996 v.Chr. war, fand der Auszug im Jahr 1446 v.Chr. statt. Nach Ri 11,26 war Israel zur Zeit Jeftas (ca. 1100 v.Chr.) bereits 300 Jahre im Land. Rechnen wir zu den 300 Jahren im Land die 40 Jahre der Wüstenwanderung und einige Zeit, um Heschbon zu erobern, hinzu, kommen wir ebenfalls in die Mitte des 15.Jh. v.Chr.
Zum zweiten stimmen die archäologischen Daten aus Ägypten zu dieser Zeit mit dem biblischen Bericht überein (vgl. Merill F. Unger, Archaeology and the Old Testament, Grand Rapids: Zondervan Publishing House, 1954, S.140-145 und Gleason L. Archer, Jr., A Survey of Old Testament Introduction, Chicago: Moody Press, 1964, S.215-216). Zum Beispiel folgte Thutmosis IV.zwar seinem Vater Amenhotep II. auf den Thron, war jedoch nicht dessen ältester Sohn. Das könnte dem biblischen Bericht entsprechen, daß der älteste Sohn des Pharaos in der Nacht des ersten Passa vom Herrn getötet wurde; 2.Mose 12,29. Amenhotep II. (1450-1425 v.Chr.) unterdrückte in der ersten Zeit seiner Regierung Aufständische. Er zwang Semiten, Ziegel herzustellen (vgl. 2.Mose 5,7-18). Verschiedene Pharaonen der 18. Dynastie in Ägypten (ca. 1567-1379 v.Chr.) führten große Bauten im Norden Ägyptens durch. »Da die Pharaonen der 18. Dynastie häufig Kriegszüge nach Palästina unternahmen, erscheint es durchaus denkbar, daß sie im Deltagebiet Garnisonen und Lagerstädte anlegten, um die Bewegungen zwischen den Orten in Syro-Palästina und Ägypten selbst kontrollieren zu können (John J. Davis, Moses and the Gods of Egypt, S.27).
Zum dritten stimmen verschiedene Ereignisse in Palästina um 1400 v.Chr. mit der Eroberung unter Josua überein. Archäologische Funde legen nahe, daß Jericho, Ai und Hazor um 1400 v.Chr. zerstört wurden. Ein Forscher schließt daraus: »Alle anerkannten Funde in Palästina belegen den literarischen Bericht, daß die Eroberung zu der Zeit stattfand, die die biblischen Historiker angeben« (Bruce K. Waltke, »Palestinian Artifactual Evidence Supporting the Early Date of the Exodus«, Bibliotheca Sacra 129, Januar-März 1972, S.47).
Die Argumente für das spätere Datum des Auszugs (ca. 1290 v.Chr.) können widerlegt werden. Zum ersten weisen die Vertreter des späten Datums darauf hin, daß die Israeliten gezwungen wurden, die »Vorratsstädte« Pitom und Ramses zu bauen (2.Mose 1,11). Diese Städte, so wird argumentiert, wurden aufgrund archäologischer Beweise zur Zeit der Regierung Ramses II. (ca. 1304-1236 v.Chr.) gebaut, der demnach der Pharao zur Zeit des Auszugs gewesen wäre. Die Städte wurden aber mindestens 80 Jahre vor dem Auszug gebaut, da Mose, der beim Auszug 80 Jahre alt war (2. Mo 7,7), erst nach den in 2. Mo 1,11 berichteten Ereignissen geboren wurde. Dadurch lag die Erbauung von Pitom und Ramses sowieso vor der Zeit Ramses II.
Demnach konnte die Stadt Ramses nicht nach Ramses II. benannt werden. Wie aber ist der Name dann zu erklären? Ramses könnte zur Zeit der Hyksos-Könige (1730-1570 v.Chr.) in Ägypten ein verbreiteter Name gewesen sein. Ramses bedeutet »geboren von Ra« (oder Re), dem Sonnengott der Hyksos. Außerdem wurde der Name der Stadt ursprünglich Raamses (Hebr. ra`amses) geschrieben, während der Name des Pharao Rameses (Ra-mes-su) lautete.
Zum zweiten argumentieren die Vertreter der Spätdatierung des Auszuges, daß die Bedingungen in Transjordanien gegen eine Frühdatierung sprechen. Der Archäologe Nelson Glueck fand zum Beispiel keine Belege für eine Besiedlung von Edom, Moab und Ammon zwischen 1900 und 1300 v.Chr. Deswegen konnte Mose dort erst im 13.Jh.v.Chr. auf starken Widerstand stoßen.
Darauf sind zwei Dinge zu antworten. Es muß sich nicht notwendigerweise um bewohnte Siedlungen gehandelt haben. Es genügt, wenn die Edomiter, Moabiter und Ammoniter, die Halbnomaden waren, diese Gebiete militärisch unter Kontrolle hielten. Unger schreibt kommentierend zu 4.Mose 20,14-17: »Es gibt nichts in dem Abschnitt, das ein entwickeltes Stadtleben in Edom oder starke Befestigungsbauten erforderlich machen würde« (Archaeology and the Old Testament, S.151). Darüberhinaus sind die Methoden Gluecks von anderen Archäologen hinterfragt worden, und neuere Funde legen nahe, daß es dort doch einige Siedlungen, besonders bei Tell Deir `Alla, gab (H.J. Franken, W.J.A. Power, »Glueck's Explorations in Eastern Palestine in the Light of Recent Evidence«, Vetus Testamentum 21(1971): 119-123).
Zum dritten meinen die Vertreter der Spätdatierung, daß die archäologischen Funde auf eine weiträumige Zerstörung in Palästina im 13.Jh.v.Chr., nicht jedoch im 15.Jh.v.Chr. hinweisen. Dagegen ist jedoch einzuwenden, daß die militärische Eroberung durch Josua mit Ausnahme von Jericho, Ai und Hazor die Zerstörung von Städten nicht mit einschloß (vgl. Jos 11,13). Waltke schreibt: »Andere historische Ereignisse könnten für diese Schichten der Zerstörung verantwortlich sein, etwa die Überfälle auf Palästina durch Nernepath von Ägypten um 1230 v.Chr. oder die Überfälle auf die Seevölker durch die Israeliten um 1200 v.Chr. während ihrer ständigen Auseinandersetzungen mit den Kanaanitern zur Zeit der Richter« (»Palestinian Artifactual Evidences«, S.35-36).
2. Die Datierung des Zuges Jakobs nach Ägypten Wenn der Auszug aus Ägypten 1446 v.Chr. stattfand, können uns verschiedene biblische Angaben helfen, auch weitere Jahresangaben zu berechnen. Da die Zeit der Fremdlingschaft 430 Jahre (2.Mose 12, 40-42) dauerte, zog Jakob im Jahr 1876 v.Chr. nach Ägypten. (Vgl. die Übersicht »Chronologie der Patriarchen« zu 1.Mose 47,28-31).
3. Die Datierung der Abfassung von 2. Mose Die Wanderung vom Auszug aus Ägypten zur Wüste Sinai dauerte genau drei Monate (2.Mose 19,1-2). Es ist durchaus vernünftig, davon auszugehen, daß Mose 2.Mose während oder kurz nach der Zeit der Lagerung am Sinai im Jahr 1446 v.Chr. abfaßte. Das Buch beginnt mit Ereignissen, die einige Zeit vor Moses Geburt im Jahr 1526 v.Chr. (2. Mo 2) geschahen, und endet mit den Ereignissen am Berg Sinai (1446 v.Chr.).
Absicht und Thema: Das zentrale Ereignis von 2.Mose ist die wunderbare Befreiung Israels aus der Sklaverei
in Ägypten und die Gründung einer theokratischen, Mose unterstellten Nation durch Gott und durch eine neue »Verfassung«, den mosaischen Bund (2. Mo 19,3-19). Unger schreibt: »Die Absicht des 2. Buches Mose findet ihren Mittelpunkt in der großen Erfahrung der Erlösung und der Einsetzung der Nachkommenschaft Jakobs als theokratische Nation am Berg Sinai. Gott, der bisher mit den Israeliten nur durch den Bund mit Abraham verbunden war, den er Isaak und Jakob bestätigt hatte, verbindet nun die ganze Nation durch die Erlösung mit sich selbst. Als auserwähltes Volk, aus dem der Erlöser kommen sollte, wurde es von Gott dem mosaischen Bund unterstellt. Er wohnte in der Wolke der Herrlichkeit unter ihnen.« (Introductory Guide to the Old Testament, Grand Rapids: Zondervan Publishing House, 1951, S.196).
2.Mose stellt somit die Verbindung zwischen der Entstehung des Volkes durch die Verheißung Gottes an Abraham (1.Mose 12,2) und dem Beginn des theokratischen Königreiches unter Mose her. Das Volk der Verheißung wurde auf wunderbare Weise aus der Sklaverei erlöst und dem mosaischen Bund unterstellt, um »ein heiliges Volk« (2.Mose 19,6) und ein großer Segen für die Heidenvölker (1.Mose 12,3; vgl. »Licht der Heiden«, Jes 42,6) zu werden. 2.Mose betont deswegen Erlösung und Heiligung.
Historischer Hintergrund
1. Die Geschichte Ägyptens vor dem Auszug Das Alte Ägypten erstreckte sich etwas mehr als 900 km von Aswan (in der Antike: Syene), dem ersten Katarakt des Nils, bis zum Mittelmeer. Dieses Gebiet umfaßte das schmale Niltal von Aswan bis Memfis und das Nildelta, ein Dreieck, das sich von Memfis aus zum Meer erstreckte. Südlich von Aswan lag das antike Land Kusch. Der Name »Ägypten« ist aus dem Griechischen (Aigyptos) und dem Lateinischen (Aegyptus) entlehnt und geht letzlich auf das antike Ha-ku-ptah, einem früheren Namen von Memfis, der Hauptstadt etwas nördlich vom heutigen Kairo, zurück. Solange Memfis Hauptstadt war, wurde sein Name von Ausländern als Bezeichnung des ganzen Volkes verwendet. Die Ägypter selbst bezeichneten ihr Land als Ta-meri (»das geliebte Land«) oder Kemet (»das schwarze Land«, eine Anspielung auf den fruchtbaren Boden am Nil, den Nilschlamm).
Die Geschichte des Alten Ägypten wird in drei Abschnitte unterteilt: die prädynastische Zeit (ca. 3500-3100 v.Chr.), die protodynastische Zeit (ca. 3100-2686 v.Chr.) und die dynastische Zeit (2686-332 v.Chr.). In der prädynastischen Zeit wurden die Ackerbauern am Nil allmählich seßhaft. Die entstehenden Zivilisationen in Oberägypten (dem Süden) und Unterägypten (dem Norden) wurden von Narmer, dem ersten Pharao von Oberägypten, vereinigt, womit die protodynastische Zeit beginnt. Diese Zeit umfaßt die ersten beiden Dynastien Ägyptens.
Die dynastische Zeit von 2686 v.Chr. bis zur Eroberung Ägyptens durch Alexander den Großen im Jahr 332 v.Chr. umfaßte 29 Dynastien. Die 3. bis 6. Dynastie (ca. 2686-2181 v.Chr.) wurde von enormen Fortschritten der Kultur und der Technik gekennzeichnet. In dieser Zeit des sogenannten Alten Reiches wurden die großen Pyramiden gebaut. Die Pharaonen hatten von Memfis aus eine starke, absolutistische Herrschaft inne. Die Erste Zwischenzeit (7.-11. Dynastie, 2181-1991 v.Chr.) war eine Zeit des Niedergangs. Das Mittlere Reich schloß sich an (12. Dynastie, ca. 1991-1786 v.Chr.), in dem der Staat seine Grenzen ausweitete und von Theben aus regiert wurde. Eine zentralistische Herrschaft wurde wieder unter Amenemhet I. erreicht, der die blühende 12. Dynastie begründete.
Die 12. Dynastie war das goldene Zeitalter der ägyptischen Kunst und des Handwerks, in der der Reichtum wiederhergestellt wurde. In dieser Wachstumszeit wurde Josef Kanzler von Ägypten, und Jakob und seine Söhne wanderten nach Ägypten aus (1876 v.Chr., 1.Mose 46,6).
Es folgte die Zweite Zwischenzeit (ca. 1786-1567 v.Chr.), die die 13. bis 17. Dynastie umfaßte. Unter der 13. und 14. Dynastie ging es mit Ägypten bergab. Unter der 15. und 16. Dynastie wurde Ägypten von den Hyksos, einem semtisch-asiatischen Mischvolk, regiert. Wegen ihrer überlegenen Waffentechnik (eiserne Wagen, asiatische Bögen) beherrschten die Hyksos das Land von Avaris im Nildelta aus für eineinhalb Jahrhunderte. Die Hyksos wurden allmählich abgelöst, als um 1600 v.Chr. Seqenenre II., der Prinz von Theben, einen Aufstand begann. Die Geschichte der Nachkommen Jakobs unter den Hyksos ist unklar (vgl. Unger, Archaeology and the Old Testament, S.130-135).
Mit Ahmose I. von Theben begann die Zeit des Neuen Reiches (ca. 1567-1220 v.Chr., 18.-19. Dynastie), eine der brilliantesten Zeiten in der Geschichte Ägyptens. Ägypten wurde zu einer internationalen Großmacht und dehnte seinen Einflußbereich über den Euphrat hinaus aus. Die Ereignisse von 2.Mose fanden unter der 18. Dynastie statt. Es war eine Zeit, in der eine neue Welle des ägyptischen Nationalismus die Toleranz der Hyksos gegenüber Fremden beseitigte. Die Ägypter bauten ihr Reich zur Verteidigung aus und dehnten ihre Grenze nach Palästina aus. Offensichtlich wollten sie die semitische Bevölkerung jedoch nicht ausrotten, sondern benutzten sie als Arbeitssklaven, um ihre Verteidigungsanlagen und königlichen Paläste zu bauen.
2. Die Geschichte Ägyptens zur Zeit des Exodus Der Vater Amenhoteps I. zentralisierte die Herrschaft; Amenhotep I. regierte von 1546 bis 1526 v.Chr. Ihm folgte Thutmosis I. auf dem Thron, der von 1526 bis 1512 v.Chr. herrschte. Mose wurde ca. 1526 v.Chr. unter diesem Pharao oder gegen Ende der Regierungszeit von Amenhotep I. geboren. Die berühmte Tochter von Thutmosis I., Hatschepsut, könnte die königliche Prinzessin gewesen sein, die Mose auf dem Nil fand. Als Thutmosis II. (1512-1504 v.Chr.) starb, war Thutmosis III. noch sehr jung. Deshalb begann seine Stiefmutter Hatschepsut ab 1503 v.Chr., sich selbst zur Herrscherin zu machen. Thutmosis III. regierte offiziell auch 1504 bis 1482 v.Chr., in Wirklichkeit herrschte er jedoch zusammen mit Hatschepsut.
Unter Hatschepsuts brillianter Herrschaft erlebte Ägypten großen Wohlstand. In diesen Jahren lebte Mose am königlichen Hof. Nach Hatschepsuts Tod im Jahr 1428 v.Chr. regierte Thutmosis III. alleine bis 1450 v.Chr. Er liquidierte den gesamten königlichen Hof und versuchte, den Namen Hatschepsuts aus allen Inschriften auf Monumenten im ganzen Land zu entfernen. In dieser Zeit wurde es Mose am Hof vermutlich zu ungemütlich, und er floh nach Midian. Thutmosis III. baute sein Königreich mit mächtiger Hand aus und fügte Syrien seinem Herrschaftsbereich hinzu.
Auf Thutmosis III. folgte Amenhotep II. (1450-1425), der Pharao des Auszugs. Im Gegensatz zu seinem kriegerischen Vater scheint Amenhotep II. Angriffe hingenommen zu haben, weil er nicht in der Lage war, ausgedehnte Feldzüge zu unternehmen. Seine militärische Schwäche könnte eine Folge davon gewesen sein, daß er seine ganze oder jedenfalls fast seine gesamte Wagenstreitmacht im Schilfmeer verlor. Die sogenannte >Traumstele< des Thutmosis IV.berichtet, daß der Gott Har-em-akht dem jungen Prinzen mitteilte, daß er eines Tages König sein würde. Wenn Thutmosis IV.der älteste Sohn gewesen wäre, hätte er sein Thronrecht nicht beweisen müssen. Demnach scheint er der jüngere und nicht der ältere Sohn des Amenhotep II. gewesen zu sein. Dies stimmt mit dem Hinweis in 2.Mose 12,29 überein, daß der älteste Sohn des Pharao in der Passanacht starb.
Somit war Thutmosis III. der Pharao der Unterdrückung und Amenhotep II. der Pharao des Auszugs.
Die Geschichte Ägyptens nach der Zeit des neuen Reiches bis zu den Griechen umfaßte die Spätzeit des Neuen Reiches (20. Dynastie, ca. 1200-1085 v.Chr.), die Dritte Zwischenzeit (21.-25. Dynastie, 1085-663 v.Chr.) und die Späte Zeit (26.-31. Dynastie, 663-332 v.Chr.).
3. Der Ort des Auszuges Die Route des Auszugs aus Ägypten ist Anlaß zu zahlreichen Diskussionen gewesen. Die ungenaue Übersetzung des hebr. yam sûp als >Rotes Meer< statt >Schilfmeer< hat die Frage noch schwieriger gemacht. Das Gebiet liegt jedenfalls irgendwo zwischen dem Golf von Suez und dem Mittelmeer am heutigen Suezkanal entlang, wo es viele Lagunen und Seen gibt.
Zwei Ansichten über den möglichen Ort des Auszugs werden vertreten. Die >nördliche Sicht< verlegt den Ort des Auszugs an eine Lagune, die an das Mittelmeer grenzt, die >südliche Sicht< (oder >zentrale Sicht<) verlegt ihn nach Sukkot in der Nähe des Balasees oder des Timsasees. Gott führte die Israeliten von der ausgebauten und militärisch befestigten Handelsstraße, die nordwärts in die Wüste verlief (»den Weg durch das Land der Philister, der am nächsten war«, 2. Mo 13,17), weg, um Berührungen mit dem ägyptischen Militär zu vermeiden. Die nördliche Sicht geht davon aus, daß der Berg Sinai in der Nähe von Kadesch-Barnea liegt. Die gewichtigeren Gründe liegen jedoch auf der Seite der südlichen Sicht, die den Sinai auf die südliche Sinaihalbinsel verlegt.
Die Israeliten verließen Ramses und zogen nach Sukkot, etwas über 50 km in südöstlicher Richtung (2.Mose 12, 37; 4.Mose 33,5). In der Nähe von Sukkot wurden die Israeliten auf wunderbare Weise aus der Hand der Wagenstreitmacht des Pharaos Amenhotep II. befreit. Für die südliche Sicht spricht auch die Tatsache, daß die Wüste Schur (2.Mose 15,22), in die Israel nach dem Durchzug durch das Schilfmeer zog, Sukkot direkt im Osten gegenüberliegt. Weiter ist zu berücksichtigen, daß die beiden Seen Bala und Timsa durch starke Ostwinde im Sinne von 2. Mo 14,21 aufgewühlt werden können. (Vgl. die Karte »Mögliche Route des Auszugs aus Ägypten« zu 4.Mose 33,1-5.)

AUSLEGUNG


Das 2. Buch Mose teilt sich in zwei Abschnitte. Der erste Abschnitt (2. Mo 1-18) handelt von der bedrohlichen Lage und der Befreiung von Jakobs Nachkommenschaft aus der tyrannischen Herrschaft Thutmosis' III. und Amenhoteps II.; der zweite Abschnitt (2. Mo 19-40) handelt vom Gottesdienst der befreiten Nation. Der erste Abschnitt preist Gottes mächtige Befreiung; der zweite schildert die Vorbereitung des Volkes für eine ruhige und gehorsame Unterwerfung im Gottesdienst.

[[@Bible:Exod 1]]I.Die Befreiung des Volkes Gottes aus Ägypten (2. Mo 1-18)


Mose beschreibt die Lage Israels in Ägypten, das Aufstehen eines Befreiers (nämlich er selbst) und das Tauziehen um das starrsinnige Herz des Pharao, das schließlich in der wunderbaren Befreiung der Nation Israel durch das Rote Meer hindurch und ihrer sicheren Ankunft am Berg Sinai ein Ende fand.

[[@Bible:Exod 1]]A.Die Unterdrückung Israels in Ägypten (2. Mo 1)


[[@Bible:Exod 1:1]]1.Die Ausgangslage: Israel in Ägypten (1,1-7)


2. Mo 1,1-5: Diese Verse bilden ein Verbindungsglied zwischen der Periode der Patriarchen in den letzten Kapiteln von 1.Mose und den Geschehnissen in 2.Mose. Nach seinem Plan beschützte Gott die Söhne Jakobs (auch Israel genannt) und vermehrte ihre Nachkommenschaft, so daß aus einer kleinen Gruppe ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung Ägyptens wurde.
Leas sechs Söhne werden in der Reihenfolge ihrer Geburt genannt, und zwar von Ruben bis Sebulon (vgl. 1.Mose 35,23). Danach folgt Benjamin, der Sohn von Jakobs zweiter Frau Rahel, während Josef, Rahels Erstgeborener, nicht genannt wird, da er bereits in Ägypten war. Dan und Naftali waren die Söhne von Rahels Magd Bilha (1.Mose 35,25), Gad und Asser waren die Söhne von Leas Magd Silpa (1.Mose 35,26). Die Männer, die mit Jakob nach Ägypten kamen, zählten 70 (vgl. 1.Mose 46,27; 5.Mose 10,22; vgl. die Anmerkung in Apg 7,14, wo die Zahl mit 75 angegeben wird).
2. Mo 1,6-7: Jakobs Nachkommenschaft wuchs: Die Söhne Israel aber waren fruchtbar und wimmelten und mehrten sich und wurden sehr, sehr stark (d.h. zahlreich) (vgl. Apg 7,17). Mehrere Generationen trennten Levi von Mose (vgl. den Kommentar zu 4.Mose 26, 58-59), so daß die Zeit zwischen dem Tod Josefs (1.Mose 50,26) und der in 2.Mose 1,7 beschriebenen Ereignisse wahrscheinlich etwas mehr als 100 Jahre betrug. Die Zahl der männlichen Erwachsenen beim späteren Auszug lag bei etwa 600000 (Frauen und Kinder wurden nicht mitgerechnet; 2. Mo 12,37), so daß die Gesamtbevölkerung Israels zu dieser Zeit bei ungefähr 2 Millionen gelegen haben dürfte. Kein Wunder also, daß das Land (also Goschen, 1.Mose 45,10, im südöstlichen Delta) von ihnen voll wurde. Gemäß Gottes Verheißung an Abraham (1.Mose 12,1-3) war eine große Nation entstanden. Sie sollten aber noch ein Land (1.Mose 15,18-21) und eine »Verfassung« bekommen (das mosaische Gesetz).

[[@Bible:Exod 1:8]]2.Die Unterdrückung Israels unter den Pharaonen (1,8-22)


Mose unterscheidet während der Regierungszeit der 18. Pharaonendynastie zwei Formen der Unterdrückung: die Sklavenarbeit (V.8-14) und die Kindestötung (V.15-22). Gott benutzte diese Umstände, um bei den Kindern Israel den Wunsch nach der Befreiung aus Ägypten zu wecken.

[[@Bible:Exod 1:8]]a.Die Sklaverei (1,8-14)

In Vers 8-10 werden die Überlegungen und in den Versen 11-14 die daraufhin erfolgenden politischen Maßnahmen des neuen Königs aufgezeigt.

2. Mo 1,8-10: Der neue König kannte Josef nicht. Wer dieser Pharao war, ist nicht genau bekannt, möglicherweise handelt es sich um Ahmose I., den Begründer der 18. Dynastie, wahrscheinlicher aber um Amenhotep I. (1546-1526 v.Chr.) oder Thutmosis I. (1526-1512 v.Chr.; vgl. den Abschnitt »Historischer Hintergrund« in der Einleitung). Wenn die Aussage, »er kannte Josef nicht (mehr)«, bedeutet, daß er Josefs Charakter oder Errungenschaften nicht zu würdigen wußte, so läßt dies darauf schließen, daß die Amtszeit des neuen Monarchen in die Zeit nach der Unterdrückung durch die Hyksos fiel. Vermutlich begegneten die Ägypter während der Phase des auflebenden ägyptischen Nationalismus allen Semiten, d.h. auch den Hyksos (die sie haßten) und den Israeliten, mit größtem Mißtrauen. Der Pharao nannte für seine Besorgnis zwei Gründe: zum einen das bedrohliche Bevölkerungswachstum der Israeliten, zum anderen die Angst vor ihrem im Kriegsfalle möglichen Umschwung auf die gegnerische Seite. Der Ausdruck um es mit ihren Lastarbeiten zu drücken macht deutlich, worum es ging: Es sollte gleichzeitig ihr Bevölkerungswachstum eingedämmt und ihre Arbeitskraft ausgenutzt werden.
2. Mo 1,11-14: Diese erzwungene Arbeitsleistung wurde im Nildeltagebiet zur Erbauung der königlichen Vorratsstädte Pitom und Ramses eingesetzt. Das Wort für bedrückt (`anâh) ist das gleiche wie in 1.Mose 15,13, wo der Herr die ägyptische Knechtschaft vorhersagt, (hier wird es mit »unterdrückt« übersetzt). Die Sklaverei in Ägypten wird in 5.Mose 4,20 mit dem Aufenthalt in einem »glühenden Ofen« verglichen. Trotz dieser unbarmherzigen Behandlung der Israeliten durch die Ägypter ließ Gott sie zahlenmäßig zunehmen. Dies wiederum löste bei den Ägyptern größere Ängste und demzufolge noch härtere Zwangsarbeit aus.

[[@Bible:Exod 1:15]]b.Die Kindestötung (1,15-22)

2. Mo 1,15-16: Da die praktische Versklavung als bevölkerungspolitische Maßnahme alleine nicht wirkungsvoll genug war, entschloß sich der Pharao zu einer aggressiveren Vorgehensweise, nämlich zur Kindestötung. Die Erwähnung der beiden Hebammen (wörtlich: »die beim Gebären helfen«) bedeutet nicht, daß Israel nur zwei Hebammen hatte. Bedingt durch seine hohe Bevölkerungszahl benötigte Israel sehr viele Hebammen. Somit ist anzunehmen, daß die beiden erwähnten Frauen die Leitung eines ganzen Stabes von Hebammen hatten. Die Anweisungen des Königs waren unmißverständlich: Alle männlichen Säuglinge sollten getötet, die weiblichen am Leben gelassen werden. Die damals gebräuchliche Gebärweise erfolgte auf zwei Steinen sitzend, wie auf einem sog. »Geburtsstuhl«.
2. Mo 1,17-19: Die Hebammen fürchteten Gott (vgl. V.21) jedoch mehr als die Vorschriften eines Menschen (Apg 5,29) - auch wenn es sich hier um einen Monarchen handelte - und gehorchten seinen Vorschriften nicht. Aus diesem Grund wurden Schifra und Pua zur Rede gestellt; sie antworteten mit dem Hinweis auf die rasche Entbindung der hebräischen Frauen: Noch ehe die Hebammen eintreffen konnten, hatten sie schon entbunden und - so ist zu schließen - die Neugeborenen versteckt. Schifra und Pua konnten sie also nicht töten. Diese Antwort erscheint eigentlich nicht einleuchtend, aber wahrscheinlich haben sich die Hebammen einfach bei Aufträgen für Hausbesuche sehr viel Zeit gelassen. Vom Pharao wurden sie offensichtlich nicht für ihre Nachlässigkeit bei der Ausführung seiner Anordnungen bestraft.
2. Mo 1,20-21: Gott segnete ganz Israel mit verstärkter Fruchtbarkeit und tat den Hebammen Schifra und Pua Gutes. Sein Ziel bei diesem starken Bevölkerungswachstum scheint folgendes gewesen zu sein: Der Zorn und die Angst der Ägypter sollten geschürt werden, damit sie Gottes Volk noch gröber mißhandeln und bei diesen damit den Willen zur Befreiung stärken sollten. Somit bewirkte die unmittelbare Segnung zunächst negative Umstände, um zu einem späteren Zeitpunkt eine umso deutlichere Segnung zu ermöglichen.
2. Mo 1,22: Der Pharao verfügte daraufhin eine aggressivere Politik, um das Bevölkerungswachstum der Israeliten einzudämmen. Da der Versuch gescheitert war, die Tötung der männlichen Säuglinge im geheimen durch die hebräischen Hebammen zu bewirken, befahl er nun seinem eigenen Volk, diese Morde auszuführen. Während die Lage des Volkes Israel in der Unterdrückung immer unerträglicher wurde, bereitete Gott seinen Befreier vor.

[[@Bible:Exod 2]]B.Der Befreier Israels aus Ägypten (2. Mo 2-4)


[[@Bible:Exod 2:1]]1.Die Geburt und Bewahrung Moses in Ägypten (2,1-10)


2. Mo 2,1-2: Die Geburt Moses wird nur kurz erwähnt. Sein Leben ist offensichtlich durch die Anordnung des Pharaos (2. Mo 1,16.22) direkt gefährdet. Die Namen seiner Eltern werden hier nicht erwähnt, aber in 2. Mo 6,20 erfahren wir einiges: sein Vater war Amram und seine Mutter Jochebed, Amrams Tante. Beide stammten »vom Haus Levi« ab und hatten zwei weitere Kinder: Mirjam (2. Mo 15,20) und Aaron (2. Mo 6,20). Aaron war drei Jahre älter als Mose (2. Mo 7,7). Erfolgte der Auszug aus Ägypten 1446 v.Chr. und war Mose zu dieser Zeit 80 Jahre alt, was aus Kapitel 7,7 hervorgeht, so ergibt sich 1526 v.Chr. als Geburtsjahr Moses. Seine Geburt fiel also in den Beginn der Regierungszeit Thutmosis' I. (1526-1512 v.Chr.) oder in das Ende der Regierungszeit von Amenhotep I. (1546-1526 v.Chr.). Moses Eltern mißachteten die Anordnung des Pharao und versteckten den Säugling (vgl. Apg 7,17-20). Seine Namensgebung erfolgte nicht durch die Eltern, sondern durch eine ägyptische Prinzessin (2.Mose 2,10).
Der neugeborene Sohn war schön (V.2), d.h. er war ein gutaussehendes und gesundes Kind. Stephanus (Apg 7,20) und der Schreiber des Hebräerbriefes (Heb 11,23) beschreiben ihn ebenfalls als »schön vor Gott« und »schön«. Seine Eltern vertrauten für die Lösung ihres schweren Problems auf Gottes Möglichkeiten und versteckten das Kind, ohne sich vor dem königlichen Erlaß zu fürchten. Dennoch war es nach drei Monaten nicht mehr sicher genug, ihn zu Hause zu behalten.
2. Mo 2,3-4: In dieser Situation entschied Moses Mutter Jochebed, das Kind in einem Kästchen aus Schilfrohr im dichten Schilf am Nilufer zu verstecken. Dazu machte sie einen Korb aus Schilf und verklebte ihn mit Erdharz und Pech, (vgl. »Pech« auf Noahs Arche, 1.Mose 6,14), bevor sie ihn in den Sumpf setzte. Auf ironische Weise leistete Jochebed, indem sie ihren Sohn in den Fluß legte, der Anordnung des Pharaos Folge: die Söhne waren »in den Nil zu werfen« (2. Mo 1,22).
Sie beauftragte Mirjam, die Schwester des Kindes, in einiger Entfernung zu wachen. War dies alles eine geplante Sache und hoffte Jochebed, daß jemand das Kind finden und schützen würde? Möglicherweise ja, da Mirjam den Auftrag hatte, dort zu stehen, um zu erfahren, was mit ihm geschehen würde. Ein weiterer Hinweis ist auch ihr bereitwilliger Vorschlag an die Pharaonentochter, sich um eine mütterliche Versorgung für das Kind zu bemühen (2. Mo 2,7).
2. Mo 2,5-9: Hier wird Gottes Fürsorge für das Kind ganz deutlich: auf wunderbare Weise kam es zu seinen eigenen Eltern zurück. Wer war nun diese Pharaonentochter? Falls Thutmosis I. der Herrscher war, so muß es sich um seine Tochter Hatschepsut gehandelt haben. Der Text berichtet: die Pharaonentochter sah das Kästchen; vielleicht war es nicht ganz außer Sichtweite versteckt. Es ist aber auch denkbar, daß ihre Aufmerksamkeit durch das Schreien des Kindes auf das Kästchen gelenkt wurde.
Als sie das Kästchen geöffnet hatte, erregte der Anblick des weinenden Kindes ihr Mitleid, und genau in diesem Moment bot ihr Mirjam ihre Dienste zur Verpflichtung einer hebräischen Amme an. So erhielt Moses Mutter ihr Kind trotz der Anordnungen des Pharaos auf legale Weise nach Hause zurück und wurde dafür sogar noch entlohnt (2. Mo 2,9)! Dieses Geschehnis ist ein wunderbares Beipiel für das Wachen Gottes über die Ereignisse. Interessanterweise spielen rund um Moses Geburt viele Frauen eine Rolle: die Hebammen, die in ihrer Gottesfurcht dem Pharao nicht gehorchten, die ebenfalls den Anordnungen zuwiderhandelnde Mutter Moses, die mitleidige Pharaonentocher und Moses eigene Schwester, die im rechten Moment zur Verfügung stand. In den Versen 1-10 werden alle Frauen ohne Namensnennung erwähnt.
2. Mo 2,10: Am Ende seiner frühen Kindheit brachte man Mose der Tochter des Pharao zurück, und er wurde ein Mitglied des königlichen Hauses (vgl. Apg 7,21-22). Die Prinzessin adoptierte ihn, gab ihm einen Namen, und er wurde ihr zum Sohn. Er »wurde in aller Weisheit der Ägypter gelehrt« und war ein kraftvoller Redner (Apg 7,22). Später verwarf er dieses ägyptische Erbe, er wollte »nicht mehr als Sohn der Tochter des Pharao gelten« (Heb 11, 24-25).
Laut einigen Auslegern stammt der Name Mose (mošeh) aus dem Hebräischen, wobei dies voraussetzt, daß die Ägypter Hebräisch verstanden. Anderen Auslegern zufolge ist »Mose« ein ägyptischer Name: Sie verweisen dabei auf das Vorkommen des Namens in Thutmosis oder Ahmose. Cassuto (in: A Commentary on the Book of Exodus, S.20-21) hält Mose für einen ägyptischen Ausdruck mit der Bedeutung »Sohn« oder »ist geboren«, obwohl der Klang des Wortes mošeh auf das hebräische Verb mašâh, »herausziehen« (Ich habe ihn ja aus dem Wasser gezogen), anspielt.
Wiederum wurden somit die Bemühungen des Pharaos, alle männlichen Kinder der Hebräer zu töten, vereitelt. Das Kind wurde zunächst, als es hilflos im Nil dahintrieb, in einem Schilfkästchen bewahrt, danach war es ausgerechnet Pharaos eigene Tochter, deren spontanes Mitleid Moses Leben rettete. Gott schützte sein Leben durch souveränes Eingreifen vor der Anordnung des Pharao und machte aus ihm sogar ein Mitglied der königlichen Familie!

[[@Bible:Exod 2:11]]2.Moses Flucht nach Midian (2,11-4,17)


[[@Bible:Exod 2:11]]a.Der Grund seiner Flucht (2,11-14)

2. Mo 2,11-14: Die Ereignisse, die in diesen Versen berichtet werden, fanden 40 Jahre nach Moses Geburt statt (vgl. Apg 7,23), d.h. im Jahre 1485 v.Chr., während der Regierungszeit von Hatschepsut (vgl. den Abschnitt »Historischer Hintergrund« in der Einleitung). Mose war bestens ausgebildet (Apg 7,22) und sprach wahrscheinlich fließend Ägyptisch und Hebräisch.
Er verteidigte einen seiner unterdrückten Brüder, indem er einen Ägypter erschlug, wonach er die Leiche im Sand verscharrte. Hierbei hatte er wohl gedacht, sein wohlgemeintes Eingreifen würde beim Volk Israel die Erkenntnis auslösen, er sei sein Befreier (Apg 7,25). Die Tat selbst, so dachte er, sei von niemandem gesehen worden. Scheinbar hatte aber der Israelit, den er verteidigt hatte, die Information weitergegeben, denn am folgenden Tag, als er in den Streit zweier Israeliten eingreifen wollte, wurde sie ihm bereits von einem der beiden vorgehalten (Apg 7,24-28). Daraufhin befürchtete Mose, die Kunde von seinem Mord würde allgemein verbreitet und dem Pharao zugetragen werden.

[[@Bible:Exod 2:15a]]b.Moses Zufluchtsort (2,15a)

2. Mo 2,15a: Als der Pharao diese Sache hörte, geriet er in Wut (Heb 11,27) und suchte Mose umzubringen. Dieser Pharao war vermutlich Thutmosis III., der zusammen mit der Königin Hatschepsut regierte. Mose floh vor ihm in östlicher Richtung. Unter den Midianitern, die als Nomaden lebten, begann er seinen nächsten Lebensabschnitt. Die Midianiter waren Nachfahren des Midian, eines Sohnes Keturas, der letzten Frau Abrahams. Abraham hatte Midian und seine Brüder in das Land des Ostens geschickt (1.Mose 25,1-6). Dort bewohnten sie den Südosten der Sinaihalbinsel und den nordwestlichen Teil Arabiens, also die Wüstenregionen zu beiden Seiten des Golfes von Akaba.

[[@Bible:Exod 2:15b]]c.Moses Heirat (2,15b-22)

2. Mo 2,15b-22: Als Mose eines Tages in Midian an einem Brunnen saß, machte er die Bekanntschaft der sieben Töchter Reguëls (an anderer Stelle auch Jitro genannt, 2. Mo 3,1; 2. Mo 18,1), des Priesters von Midian. Mose beschützte die Töchter, als Hirten sie beim Tränken ihrer Herde vertreiben wollten. Dies war bereits das dritte Mal, daß Mose eingriff, um andere aus Bedrohungen zu befreien (vgl. 2. Mo 2,12-13). Seine zukünftige Rolle als Befreier der Nation zeichnete sich auf diese Weise schon ab. Die heldenhafte Tat veranlaßte den Vater der Mädchen, ihn, den sie, wohl aufgrund seiner Kleidung, als »ägyptischen Mann« bezeichneten, zum Essen mit der Familie einzuladen. Im Anschluß an diese Begebenheit heiratete Mose Reguëls Tochter Zippora (der Name bedeutet: »kleiner Vogel«), und sie bekamen einen Sohn, den sie Gerschom nannten. Gerschom bedeutet »Vertreibung« oder »als Fremder dort wohnen«. Es klingt an das hebräische Verb garaš, »vertreiben« oder »verbannen« (vgl. 2. Mo 6,1) an. Er war der Sohn der Verbannung Moses, denn er kam zur Welt, während Moses ein Fremder... in einem fremden Land war.
Vierzig Jahre lang (Apg 7,30) führte Mose das mühsame Leben eines Herdenhalters im Sinaigebiet. Während dieser Zeit lernte er die ganze Halbinsel gründlich kennen, was ihm später, als er das Volk Israel durch dieses karge Land zu führen hatte, sehr nützlich war.

[[@Bible:Exod 2:23]]d.Moses Berufung (2,23-4,17)

(1) Die Ursache der Berufung:

2. Mo 2,23-25: Der verstorbene König (V.23) war aller Wahrscheinlichkeit nach Thutmosis III., der Pharao, der das Volk unterdrückt hatte (1504-1450 v.Chr.). Sein Nachfolger war Amenhotep II. (1450-1425 v.Chr.) Während der vierzig Jahre, die Mose in Midian zugebracht hatte, war das Volk Israel weiter in der leidensvollen Knechtschaft der Ägypter (2. Mo 2,23) gewesen. Als der Herr ihr Stöhnen hörte, dachte er an seinen Bund mit Abraham (1.Mose 12,1-3; 1. Mo 15,18-21; 1. Mo 17,3-8), Isaak (1.Mose 17,21) und Jakob (1.Mose 35,10-12). Mitleidsvoll sah er nach den Söhnen Israel (vgl. 2. Mo 3,7) und kümmerte sich um sie. Nun beschloß er einzugreifen. Die Verse 24 und 25 bedeuten den Wendepunkt in der Erzählung: bisher (2. Mo 1,1-2. Mo 2,23) waren Unterdrückung, Sklaverei und Tod die dominierenden Themen, ab jetzt geht es schwerpunktmäßig um Befreiung und Triumph. Der Herr war in seiner souveränen Allmacht bereit, seinen Verheißungen gemäß zu handeln und sein Volk zu bewahren.
(2) Moses Berufung (2. Mo 3,1-2. Mo 4,17):

Dieser Abschnitt, der Gottes Ruf an Mose auf dem Berg Horeb erzählt, kann in fünf Teile gegliedert werden: die Beschreibung der Umstände, unter denen die Begebenheit stattfand (2. Mo 3,1-3), die direkte Anrede Moses (2. Mo 3,4-10), seine Bestürzung (2. Mo 3,11-15), die Anweisungen für Mose (2. Mo 3,16-22) und Moses Einwände (2. Mo 4,1-17).
2. Mo 3,1-3: Diese Verse beschreiben die Umstände, unter denen Gottes Ruf an Mose erfolgte. Nach 40 Jahren am Hofe des Pharao hatte er die nächsten 40 Jahre als Hirte zugebracht. Er weidete die Herde seines Schwiegervaters, als er sich, auf der Suche nach Weideland, dem Berg Horeb näherte (dies ist ein anderer Name für den Berg Sinai; vgl. 2. Mo 19,10-11 mit 5.Mose 4,10). Warum der Schwiegervater hier Jitro und nicht mehr Reguël (vgl. 2. Mo 2,16.18) genannt wird, ist unsicher. Möglicherweise fühlte sich Reguël durch die Heirat seiner Tochter mit Mose, einem Mitglied der ägyptischen Königsfamilie, geehrt, und er veränderte deshalb seinen Namen in Jitro, was Überfluß oder Überlegenheit bedeutet. Die Bezeichnung des Berges Horeb als Berg Gottes (vgl. 2. Mo 4,27; 2. Mo 18,5; 2. Mo 24,13) rührt von den Ereignissen her, die hier später stattfinden sollten.
Interessanterweise handelt es sich hier nämlich um den gleichen Ort, an dem Mose später die Gesetzestafeln in Empfang nehmen sollte (2. Mo 19,20; 2. Mo 24,13-18; vgl. 2. Mo 3,12). Moses Aufmerksamkeit wurde zunächst durch einen brennenden Busch, der aber von den Flammen nicht verzehrt wurde, erregt. Der Engel des HERRN ist der Herr selbst (vgl. Kommentar zu 1.Mose 16,9). Feuer war ein Symbol der Gegenwart Gottes, was besonders deutlich wurde, als der Herr später »im Feuer« vom Berg Sinai herabstieg (2. Mo 19,18).
2. Mo 3,4-10: In der direkten Anrede an Mose gab Gott ihm die Aufgabe, sein Volk aus Ägypten zu befreien (V.10). Mose war sich bewußt, daß es Gott war, der ihn rief, deshalb antwortete er: Hier bin ich. Die gleiche Antwort gaben Abraham (1.Mose 22,11), Jakob (1.Mose 46,2) und Samuel (1.Sam 3,4). Gott befahl Mose als Zeichen seiner Verehrung dieser heiligen Stätte die Schuhe auszuziehen (vgl. Jos 5,15), denn der Boden war durch die Gegenwart Gottes heilig. Als der Herr sich Mose zu erkennen gab, bezeichnete er sich als der Gott seiner Väter (Abrahams... Isaaks... und... Jakobs; vgl. 2. Mo 3,15-16; 2. Mo 4,5), und Mose verhüllte sein Gesicht, denn er fürchtete sich davor, Gott anzuschauen (vgl. Kommentar zu 2. Mo 33,11, Joh 1,18).
Gott teilte Mose nun mit, daß er das Elend seines Volkes gesehen hatte (2. Mo 3,7.9, vgl. 2. Mo 2,24) und er es aus Ägypten befreien wolle. Sein ganzer Einsatz kommt in den Worten darum bin ich herabgekommen (2. Mo 3,8) zum Ausdruck. Sie stehen für das Eingreifen Gottes. Er wollte sein Volk (a) aus Ägypten befreien und (b) in ein gutes und geräumiges Land, d.h. in ein Land von ganz anderer Beschaffenheit als die karge midianitische Wüste, führen.
Die Formulierung ein Land, das von Milch überfließt, weist darauf hin, daß Kanaan für die Ziegen- und Rinderzucht sehr geeignet war. Bei guter Fütterung auf saftigem Weideland geben Ziegen, Schafe und Kühe viel Milch. Der überfließende Honig, der die emsige Honigproduktion der Bienen umschreibt, ist ein weiterer Hinweis auf den landwirtschaftlichen Reichtum dieses Landes. Es handelt sich hier um die erstmalige Verwendung dieser Formulierung im AT. Ein Land, das von Milch und Honig überfließt kommt jedoch noch an vielen weiteren Stellen im AT vor: Vers 17; 3.Mose 20,24; 4.Mose 13,27; 4. Mo 14,8; 4. Mo 16,13-14; 5.Mose 6,3; 5. Mo 11,9; 5. Mo 26,9.15; 5. Mo 27,3; 5. Mo 31,20; Jos 5,6; Jer 11,5; Jer 32,22; Hes 20,6.15.
Das verheißene Land war von den Kanaanitern, Hetitern, Amoritern, Perisitern, Hiwitern und Jebusitern besetzt (vgl. 2. Mo 3,17; 2. Mo 13,5; 2. Mo 23,23; 2. Mo 33,2; 34, 11).

Abgesehen von den Perisitern werden alle genannten zusammen mit einigen anderen Stämmen in 1.Mose 10, 15-18 erwähnt. Sie stammen von Kanaan ab, einem Sohn Hams und Enkel Noahs. Beim Bündnisschluß mit Abraham (1.Mose 15,18-21) zählt der Herr neben fünf weiteren (vgl. sieben in 5.Mose 7,1) auch fünf der sechs hier erwähnten Stämme auf.
Bei dem Begriff »Kanaaniter« handelt es sich um einen Oberbegriff. Die Hetiter waren gleich den Amurru aus dem Norden eingewanderte Volksgruppen, die Amoriter kamen aus dem Norden Mesopotamiens (vgl. 1.Mose 14,13-16). Die Perisiter waren vielleicht Dorfbewohner oder Nomaden. Von den Hiwitern nimmt man an, daß sie im Norden von Palästina und dahinter lebten (Jos 11,3; Ri 3,3), die Jebusiter im Hügelland (4.Mose 13,29) und in der Umgebung Jebus (später als Jerusalem bekannt, Jos 15,8).
Anschließend teilte der Herr Mose mit, wie er die Befreiung seines Volkes vollziehen würde und welche Rolle er dabei spielen sollte. Durch göttliche Befähigung wollte er ihn dazu einsetzen; nicht vergleichbar mit seinem früheren Handeln aus eigener Kraft (Apg 7,25). Gott sagte: Nun aber geh hin, denn ich will dich... senden. Interessanterweise gab Gott zwar für sein Volk zwei Verheißungen (die Befreiung aus Ägypten und den Eintritt in ein neues Land), Mose jedoch wurde nur mit der Ausführung der ersten von beiden beauftragt. Der Herr wußte schon, daß Mose das verheißene Land niemals betreten würde (5.Mose 32, 48-52).
2. Mo 3,11-15: Mose machten die Ankündigungen Gottes (V.7-10) sehr betroffen. Er konnte sie kaum fassen und wies, als Einwände gegen den Befehl Gottes, sofort auf seine mangelnde Fähigkeit (V.11) und Autorität (V.13) hin. Er bezweifelte, daß es ihm gelingen würde, den neuen Pharao (Amenhotep II.) zum Freigeben des Volkes Israel zu bewegen. Gott gab zur Entkräftung dieser Einwände zwei Zusagen: die Versicherung seiner persönlichen Gegenwart (Ich werde mit dir sein, V.12; zu »ich werde sein« vgl. Kommentar zu V.14) und die Verheißung, daß Mose zum Berg Horeb zurückkehren sollte (Ihr, also Mose und das Volk, werdet an diesem Berg Gott dienen).
Gott zu dienen war somit das eigentliche Ziel der Befreiung Israels. Dieses Ziel wird in 2.Mose sehr oft erwähnt (2. Mo 4,23; 2. Mo 7,16.26; 2. Mo 8,16; 2. Mo 9,1.13; 2. Mo 10,3.7- 8.11.24.26; 2. Mo 12,31). Das hebr. Wort für »dienen« ist gleichbedeutend mit »ein Sklave, ein Knecht sein« (`abad). Die Israeliten waren Sklaven (`abo-dîm), lebten in Sklaverei bzw. »Knechtschaft« (`abodâh, 2. Mo 2,23) in Ägypten, Ägypten war ihr »Sklavenhaus« (bet `abadîm, 2. Mo 13,3.14; 2. Mo 20,2). Bis jetzt hatte Israel den Ägyptern als Sklaven gedient, nun sollte es dem Herrn dienen und ihn als sein Volk verehren.
Mose hatte als nächstes den Einwand, die Israeliten würden eine Bestätigung seines göttlichen Sendungsauftrages zu ihrer Befreiung fordern. Gott beauftragte ihn daraufhin, ihnen Gott als ich bin, der ich bin (´ehyeh ´ašer ´ehyeh, 2. Mo 3,14; vgl. »Ich werde... sein«, ´ehyeh, V.12) und Ich bin (´ehyeh) hat mich zu euch gesandt (V.14) auszuweisen. Der eine Gott sagte hier seinem Volk seine Gegenwart in Zeiten der Not und Schwierigkeiten zu. Ehyeh ist wahrscheinlich ein Wortspiel mit Jahwe (Herr) in Vers 15. Obwohl also eine enge Beziehung zu dem Verb »sein« besteht, steht der Name Jahwe nicht nur für Gottes Existenz, sondern für weit mehr: meist hat er mit seiner Beziehung zu seinem Volk zu tun; als Herr befreite er sie (2. Mo 6,6), war treu (2. Mo 34,5-7) und machte einen Bund mit ihnen (1.Mose 15,18).
Das Wort weiter (2.Mose 3,15) weist auf eine zweite Antwort auf Moses zweite Frage hin. (Die erste Antwort findet sich in Vers 14.) Der allgegenwärtige Gott hatte sein Wesen den Vätern (Patriarchen; vgl. 2. Mo 3,6.16; 2. Mo 4,5) gezeigt. Die Bereitschaft, sich liebevoll um sein Volk zu kümmern, gehörte unaufgebbar dazu. Deswegen sollte man sich in Ewigkeit an diesen Namen erinnern. Vielleicht kannte Mose Gott zwar als fernen, allmächtigen Gott, nicht aber als den gegenwärtigen Gott, der sich sorgt und seine Erwählten liebt. Beide Einwände Moses (2. Mo 3,11.13) werden mit einer Lektion über das Wesen Gottes beantwortet.
2. Mo 3,16-22: Nachdem Mose das Wesen seiner Aufgabe (V.7-10) und das Wesen Gottes (V.11-15) kennengelernt hatte, erhielt er genauere Anweisungen, wie er seinen Auftrag erfüllen sollte. Die Anweisungen betreffen die Ältesten (V.16-17), den König von Ägypten (V.18-20) und die Israeliten (V.21-22). Mose sollte zu den Ältesten (den Führern und Beratern) von Israel gehen und ihnen von der Erscheinung Gottes im brennenden Dornbusch, von Gottes Botschaft des Erbarmens (Ich habe... gesehen, was euch... angetan wurde; V.16; vgl. 2. Mo 2,24; 2. Mo 3,7) und seinem Plan, sie aus Ägypten heraus in das Land Kanaan hinein zu retten (vgl. V.8 und den Kommentar dazu), berichten. Er sollte mit den Ältesten zu Amenhotep II. gehen. Die Formulierung >Der Gott der Hebräer< (V.18) wurde von Mose später tatsächlich verwendet, als er mit dem Pharao sprach (vgl. 2. Mo 5,3; 2. Mo 7,16; 2. Mo 9,1.13; 2. Mo 10,3). Es war ein Ausdruck, den auch Polytheisten verstehen konnten.
Mose und die Ältesten sollten einfach um die Erlaubnis bitten, Ägypten aus religiösen Gründen für eine kurze Dreitagesreise verlassen zu dürfen. Sie sagten wohlüberlegt nichts über ihre Rückkehr.
Gott sagte Mose (2. Mo 3,19-20), daß der Pharao auf seine Anfrage nicht eingehen würde, wenn Gott nicht eingriffe. (Gottes mächtige Hand als Hinweis auf seine Festigkeit und Stärke im Handeln wird auch in 2. Mo 6,1 (zweimal); 2. Mo 13,14. 16; 2. Mo 32,11; 5.Mose 4,34; 5. Mo 5,15; 5. Mo 6,21; 5. Mo 7,8. 19; 5. Mo 9,26; 5. Mo 11,2; 5. Mo 26,8 erwähnt). Gott würde Wunder vollbringen (die zehn Plagen), um den Pharao zu überzeugen, Israel gehen zu lassen.
Die Plagen über Ägypten würden die Ägypter dazu bringen, den Israeliten Gnade vor ihren Augen zu schenken, so daß sie den Frauen (und Männern, die in 2. Mo 11,2 erwähnt werden) sogar Silber, Gold und Kleider (vgl. 1.Mose 15,14b; 2.Mose 12,35-36) mitgeben würden. Gottes Volk sollte nicht mit leeren Händen ausziehen. Vielleicht war das teilweise als Wiedergutmachung für die vierhundert Jahre der Sklaverei gedacht. Später wurde das Gold und Silber zum Bau der Stiftshütte verwendet (2. Mo 35,5.22).
2. Mo 4,1-17: Noch einmal äußerte Mose Einwände gegen seine Berufung, weil er sich persönlich ungeeignet fand. Die genauen Anweisungen in 2. Mo 3,16-22 vergrößerten Moses Angst vor der neuen Aufgabe. Deswegen brachte er zwei weitere Einwände vor: seine Angst davor, daß die Israeliten seine Autorität ablehnen könnten (2. Mo 4,1) und seine fehlende Beredsamkeit (V.10). Gott ging geduldig und freundlich auf Moses Besorgnis ein. Die Sorge Moses, daß Israel nicht glauben könnte, daß ihm Gott erschienen war, war verständlich, da Gott den Israeliten während der 400jährigen Knechtschaft in Ägypten nicht erschienen war. Die Antwort Gottes für den zweifelnden Befreier war die Macht, drei übernatürliche Aufgaben zu erfüllen, zwei sofort (V.3-5 und 6-8) und eine in der Zukunft (V.9).
Das erste Zeichen war die Verwandlung eines Hirtenstabes in eine Schlange und wieder zurück in einen Stab. Eine Schlange beim Schwanz zu fassen war normalerweise eine sehr gefährliche Sache. Es bedurfte Mut und Glauben, um der Anweisung des Herrn Folge zu leisten. Weil die Schlange bei den Ägyptern Macht und Leben symbolisierte, bewies Gott Mose damit, daß er in der Lage war, die Macht Ägyptens zu überwinden. Dieses Wunder sollte nach der Aussage Gottes die Israeliten zum Glauben führen, daß der Gott der Väter und Patriarchen zu Mose gesprochen hatte.
Als zweites Zeichen wurde Moses Hand aussätzig und wieder gesund. Diese Krankheit war vielleicht nicht genau dieselbe Krankheit, die wir heute als Lepra bezeichnen. Sie war aber in Ägypten weit verbreitet und galt als unheilbar. Mose war aus Angst vor der Schlange fortgelaufen (2. Mo 4,3). Wie erschrocken mußte er nun gewesen sein, als er seine aussätzige Hand aus dem Gewand zog. Dann aber wurde er wohl mit ehrfürchtigem Staunen erfüllt, als er ihre plötzliche Reinigung feststellte. Dieses Zeichen sollte nach der Aussage Gottes bei den Menschen mehr bewirken als das erste (V.8). Damit wurde Moses Sorge, daß niemand seinem göttlichen Auftrag Glauben schenken würde, hinfällig.
Das dritte Zeichen sollte die wunderbare Befähigung sein, Wasser vom Nil in Blut zu verwandeln (V.9). Die Ägypter betrachteten den Nil als Quelle des Lebens und der Fortpflanzung. Wenn Mose dem Volk zeigen konnte, daß er Macht über den Nil hatte, mußte das ein Beweis dafür sein, daß Gott Mose die Kraft gegeben hatte, Ägypten zu überwinden. Später tat Mose diese Wunder vor den Israeliten (V.29- 30), und das Volk glaubte (V.31), genau wie Gott es vorhergesagt hatte (V.5.8). Interessanterweise ähnelte die erste Plage dem dritten Wunder: Als Aaron den Nil mit seinem Stock berührte, verwandelte er sich in Blut (2. Mo 7,17-21).
Der vierte Einwand Moses war seine angeblich fehlende Beredsamkeit und Redebegabung (2. Mo 4,10-17; vgl. 2. Mo 6,12.30). Eine schwere Zunge bezeichnet die Unfähigkeit zur flüssigen Rede. Mose spielte hier offensichtlich seine Fähigkeiten herunter, denn Stephanus nennt ihn »mächtig in Worten« (Apg 7,22). Gottes erste Reaktion war es, Mose durch eine Reihe von Fragen daran zu erinnern, daß der Herr die Fähigkeiten und Behinderungen eines Menschen festlegt. Anschließend wiederholte er seinen kurzen Auftrag (Geh jetzt...; vgl. 2.Mose 3,10). Auch wenn Mose die Kraft Gottes zugesichert bekam (Ich werde dir... helfen; vgl. 2. Mo 4,15), schreckte ihn doch die Größe und Schwierigkeit der zu haltenden Rede.
Als Mose schließlich vorschlug, ihn zu ersetzen (V.13), wurde Gott zornig (vgl. fünf weitere Hinweise auf Gottes Zornigsein: 2. Mo 15,7; 2. Mo 22,23; 2. Mo 32,10-12). Warum wurde Gott zornig? Wahrscheinlich ging er davon aus, daß Mose mehr aus Ungehorsam, als aus Sorge redete. Trotzdem sagte er Mose zu, daß er seinen Bruder für ihn reden lassen werde (2. Mo 4,14-16; vgl. 2. Mo 7,1). Gerade dieser Sprecher würde eines Tages das goldene Kalb schaffen (2. Mo 32,1-5) und ein lügender Wortführer werden (32, 22-24). Gott teilte ihnen dann noch mit, daß er beiden beim Reden vor dem Pharao und vor dem Volk helfen werde (2. Mo 4,15-16; vgl. V.12; 2. Mo 7,1-2). Mose wurde aufgefordert, den Stab, der zur Schlange geworden war (2. Mo 4,2-4), als ein Zeichen für weitere Wunder, die folgen sollten, zu nehmen (vgl. 2. Mo 7,9-10). In 4,20 wird er »der Stab Gottes« genannt.

[[@Bible:Exod 4:18]]3.Die Rückkehr Moses nach Ägypten (4,18-31)


[[@Bible:Exod 4:18]]a.Die Vorbereitung auf die Rückkehr (4,18-23)

2. Mo 4,18-23: Mose bat Jitro um Erlaubnis, zu seinem Volk nach Ägypten zurückkehren zu dürfen, weil er sich um ihr Ergehen sorgte. Jitro gab seine Einwilligung und entließ ihn mit seinem Segen. Der Herr hatte Mose offenbart, daß während seines 40jährigen Aufenthaltes in Midian alle, die nach seinem Leben getrachtet hatten - zweifellos auch Thutmosis III. - gestorben waren, so daß er keine Vergeltung zu fürchten brauchte. Er nahm seine Frau Zippora (2. Mo 2,20) und seinen Sohn mit. Sein ältester Sohn war Gerschom (2. Mo 2,22; vgl. 2. Mo 18,3), sein zweiter Sohn Eliëser, wie wir später erfahren (2. Mo 18,4). Eliëser (»Gott ist Hilfe«) wurde, wie man aus der Namensgebung in 2. Mo 18,4 schließen kann, vielleicht geboren, nachdem Gott Mose erschienen (2. Mo 3,1-17) und Mose zu Jitro zurückgekehrt war.
Daraufhin offenbarte Gott Mose seine zukünftige Aufgabe vor dem Pharao (2. Mo 4,21-23). Mose sollte Amenhotep II. Gottes Macht beweisen. Aber es würde zu keinem Ergebnis führen, sagte Gott, weil er das Herz des Pharao verhärten werde, so daß er sich weigern würde, das Volk Gottes ziehen zu lassen. In 2.Mose wird bei zahlreichen Gelegenheiten festgestellt, daß Gott das Herz des Pharao verhärtete. Für einige Leute scheint die Verhärtung durch Gott die Ausübung des eigenen Willens des Pharaos auszuschließen. Aber der Pharao verhärtete auch selbst sein Herz (2. Mo 7,13: »wurde verstockt«; 14: »ist hart«; 22: »wurde verstockt«; 2. Mo 8,11.28: »verhärtete«; 2. Mo 8,15: »wurde verstockt«; 2. Mo 9,7.35: »wurde verstockt«; 2. Mo 9,34: »verhärtete«; 2. Mo 13,15: »hartnäckig war« - ein anderes hebr. Wort mit ähnlicher Bedeutung). Die ersten beiden Erwähnungen der Verhärtung durch Gott (2. Mo 4,21; 2. Mo 7,3) sind eigentlich nur Vorhersagen, daß Gott dies in der Zukunft tun wolle. Die nächsten sieben Erwähnungen sprechen davon, daß der Pharao selbst sein Herz verhärtete (2. Mo 7,13-14. 22; 2. Mo 8,11.15.28; 2. Mo 9,7). Erst dann ist davon die Rede, daß Gott diesem das Herz verhärtete (2. Mo 9,12; 2. Mo 10,1.20.27; 11, 10; 2. Mo 14,4.8). Zum ersten Mal verhärtete Gott das Herz des Pharaos nach der sechsten Plage. Der Pharao verhärtete sein Herz sechsmal durch seine Weigerung. Später verhärtete er sein Herz als Reaktion auf die siebte Plage noch einmal. Gott wiederum verhärtete dann jeweils nach der achten bis zehnten Plage dessen Herz. Er bestätigte die hartnäckige und willentliche Weigerung, indem er als Gericht sein Herz verhärtete (vgl. 5.Mose 2,30; Jos 11, 20).
Buße und Umkehr sind ein Geschenk Gottes (Apg 5,31; Apg 11,18; 2.Tim 2,25), das er in seiner Gnade einigen zukommen läßt, obwohl er in seiner unendlichen Liebe wünscht, daß alle Menschen gerettet werden (1.Tim 2,4; 2.Petr 3,9). Gott gebraucht Menschen, um Teile seines Planes zu erfüllen. So versteht Paulus auch die Weigerung des Pharaos (Röm 9,17-18). Gott brachte den Pharao für diese Gelegenheit an die Macht, damit dieser in seiner Rebellion gegen Gott ein Werkzeug der Verherrlichung Gottes sei. Weil das Herz des Pharao verhärtet bleiben würde, war es letztlich notwendig, ihn durch die letzte Plage, den Tod der Erstgeborenen, zu zwingen. Erstaunlicherweise sagte Mose ihm das schon gleich zu Anfang (2.Mose 4,22-23). Die Ägypter schätzten ihre erstgeborenen Söhne und behandelten sie als etwas Besonderes. Bemerkenswerterweise ist Israel Gottes Sohn (vgl. Hos 11,1) und ihm deswegen heilig.
Die Verhärtung des Herzens des Pharaos durch Gott hat noch eine weitere Bedeutung, weil sie einen ägyptischen Glaubensgrundsatz auf den Kopf stellte. Die Ägypter glaubten, daß das Herz einer Person nach ihrem Tod in der Gerichtshalle gewogen werde. War es >schwer< (dasselbe Wort liegt dem hebräischen >verhärtet< zugrunde) von Sünde, wurde die Person verurteilt. Ein steinerner Skarabäuskäfer wurde auf das Herz der verstorbenen Person gelegt, um ihren natürlichen Hang zum Bekennen der Sünde, der zur Verurteilung führen mußte, zu unterdrücken. Diese »Verhärtung des Herzens« durch den Skarabäus sollte zur Errettung des Verstorbenen führen.
Gott kehrte im Falle des Pharaos dieses Vorgehen um. Statt nach ägyptischem Brauch sein Herz zu beschweren, damit er über seine Sünde schwieg und so errettet wurde, wurde sein Herz verhärtet. Dies hatte jedoch zur Folge, daß er seine Sünde bekannte (2.Mose 9,27.34; 2. Mo 10,16-17). Für die Ägypter führte die »Verhärtung des Herzens« zur Stille (also dem fehlenden Sündenbekenntnis) und deswegen zur Errettung. Gottes Verhärtung des Herzens des Pharao führte dagegen zur Anerkennung der Sünde und zum Gericht.

[[@Bible:Exod 4:24]]b.Die Beschneidung des Sohnes Moses (4,24-26)

2. Mo 4,24-26: Die Beschneidung des Sohnes Moses (wohl Gerschom) erscheint befremdlich. In den Jahren in Midian hatte Mose es vernachlässigt, Gottes Geboten gehorchend (vgl. 1.Mose 17, 10), seinen Sohn zu beschneiden. Deswegen wollte Gott ihn töten, vielleicht indem er eine schwere Krankheit verursachte. Zippora beschnitt ihren Sohn mit einem scharfen Stein, und Gott verschonte seinen Propheten. Die Berührung der Scham Moses mit der Vorhaut des Sohnes war möglicherweise ein symbolischer Akt, in dem der Gehorsam den Ungehorsam ersetzte. Zippora nannte Mose einen Blutbräutigam. Die Bedeutung des Wortes ist unbekannt, aber einige meinen, daß er abfällig benutzt wurde, um anzudeuten, daß Zippora diesen Ritus nicht liebte, obwohl sie ihn ausführte, um das Leben ihres Mannes zu retten. Andere nehmen an, daß Zippora in diesem Akt eine Art Erlösung sah, in der das Blut des Sohnes Mose vor dem Herrn wiederherstellte und sie ihn somit als neuen Bräutigam erhielt.
Zu dieser Zeit kehrten Zippora und die Söhne vielleicht zu Jitro zurück (2. Mo 18,2-3). Die plötzliche Erkrankung Moses war eine Warnung, daß er Gott völlig gehorchen und seine Aufgabe erfüllen mußte. Außerdem steht diese Begebenheit direkt nach dem Abschnitt 4,22-23, der die Bedeutung des Sohnseins unterstreicht (der Sohn des Pharao und Gottes Sohn Israel).

[[@Bible:Exod 4:27]]c.Das Zusammentreffen mit Aaron und dem Volk (4,27-31)

2. Mo 4,27-31: Wie Gott angedeutet hatte (V.14-17), war das Zusammentreffen mit Aaron sehr herzlich. Sie trafen sich am Berg Horeb (dem Sinai oder Berg Gottes, vgl. 2. Mo 3,1; 2. Mo 18,5; 2. Mo 24,13), wo Mose den brennenden Dornbusch gesehen hatte. Mose berichtete Aaron über ihre Berufung zu einer neuen Aufgabe (2. Mo 4,28). Um seine Beauftragung unter Beweis zu stellen, tat Mose Wunder vor dem Volk (wie in V.8-9.28 angedeutet wird) und erklärte Gottes Sorge um ihr Elend (vgl. 2. Mo 2,24-25; 2. Mo 3,7.9) und seinen Plan, sie aus Ägypten zu retten (vgl. 2. Mo 3,8.10.17). Als Antwort glaubte das Volk, daß Mose von Gott gesandt war - womit Moses Befürchtungen hinfällig wurden - und betete Gott für sein barmherziges Erbarmen an.

[[@Bible:Exod 5:1]]C.Der Kampf Moses mit dem Pharao von Ägypten (5,1-12,36)


In diesem langen Abschnitt berichtet Mose von seinen Versuchen, die Freilassung des Volkes Gottes aus der Herrschaft Amenhoteps II. zu erreichen. Gottes Führer stand nicht nur dem fürchterlichen Zorn des Pharao, sondern auch der Unzufriedenheit und dem Mißtrauen des eigenen Volkes gegenüber. Der Abschnitt hat zwei Teile: (a) Die Konfrontation Moses mit dem Pharao und die Beschreibung der Handlungen der Israeliten (2. Mo 5,1-2. Mo 7,13) und (b) Gottes Gericht über Ägypten, das normalerweise als >die Plagen< bezeichnet wird (2. Mo 7,14-2. Mo 12,36).

[[@Bible:Exod 5:1]]1.Die Konfrontation Moses mit dem Pharao (5,1-7,13)


Mose forderte die Freilassung seines Volkes aus Ägypten bei zwei Gelegenheiten (2. Mo 5,1-5; 2. Mo 7,10-13). Jedesmal verweigerte der Pharao dem Volk die Freiheit, wie Gott es vorhergesagt hatte (2. Mo 4,21).

[[@Bible:Exod 5:1]]a.Die anfängliche Konfrontation (5,1-6,27)

Mose sprach mit dem Pharao, der deshalb die Arbeitslast der Israeliten erhöhte (2. Mo 5,1-14). Daraufhin wurde Mose von seinem Volk zum Schweigen gebracht, weil sie davon ausgingen, daß er die Ursache für ihre zusätzliche Unterdrückung war (2. Mo 5,15-2. Mo 6,9).
(1) Die Bitte Moses:

2. Mo 5,1-4: Dies muß eine dramatische Begegnung gewesen sein. Mose und Aaron, beide in ihren 80er Jahren, traten als Botschafter Gottes vertrauensvoll dem Pharao gegenüber, den sein Volk für einen Gott hielt. Ihre Bitte findet sich in Vers 1 und wird in Vers 3 ausgeführt. Mose und Aaron baten um die Erlaubnis, für eine Dreitagesreise in die Wüste ziehen zu dürfen, um Gott Opfer zu bringen (vgl. 2. Mo 3,18).
Der Pharao reagierte auf dreifache Weise: (1) Er verwarf den Gott der Hebräer (vgl. zum Titel den Kommentar zu 2. Mo 3,18; vgl. 2. Mo 7,16; 2. Mo 9,1.13; 2. Mo 10,3), weil er keine Autorität habe (2. Mo 5,2). (2) Ihm war es gleichgültig, ob den Israeliten möglicherweise Schaden zugefügt würde, weil sie ihrem Gott nicht gehorchten (V.2-3). (3) Er war darum besorgt, daß ihm Arbeitsleistung verloren gehen könnte. Der Pharao (wahrscheinlich Amenhotep II.) betrachtete die Israeliten als Ware und ihren Dienst als Wertbesitz, während der frühere Pharao in 2. Mo 1,8-10.22 (vielleicht Amose) sie ausrotten wollte.
(2) Die zusätzliche Arbeitslast:
2. Mo 5,5-14: Die Härte des Herzens des Pharao beweist sich in den Worten am gleichen Tag. Er sorgte sofort dafür, daß die Last der Israeliten schwerer wurde. Das Argument des Pharao lautete wohl, daß Menschen in der Sklaverei nur dann von der Freiheit träumen, wenn sie zu viel freie Zeit haben und es ihnen gestattet wird, Zeit zu vergeuden (sie sind faul; vgl. V.17). Um dieses Problem zu lösen, wies er die Sklaventreiber an, dieselbe Tagesleistung an Ziegeln zu verlangen, aber nicht mehr durch das Anliefern des Strohs zu helfen. Das Stroh wurde nicht als Bindemittel mit Lehm und Sand vermischt, sondern um die Haltbarkeit der Lehmziegel zu erhöhen. Die Anordnungen des Pharao wurden zwar ausgeführt (V.10-13), aber die zusätzliche Arbeit war zuviel und verschlang zuviel Zeit, so daß die Tagesleistung an Ziegeln nicht mehr erfüllt werden konnte. Als Folge davon wurden die Aufseher aus den Reihen der Israeliten von den Sklaventreibern des Pharaos geschlagen, weil sie verlangten, daß die Anweisungen Amenhoteps II. erfüllt werden müßten.
(3) Die Bitte der Aufseher:

2. Mo 5,15-19: In Folge dieser Unterdrückung baten die Aufseher der Israeliten um eine Audienz beim Pharao, um sich über die unvernünftigen Forderungen zu beschweren. Aber das Treffen der Aufseher mit dem Pharao führte zu nichts. Dreimal unterstrichen sie die Loyalität der Israeliten mit den Worten deine Diener (V.15-16). Sie brachten vor, daß sie nur deswegen die Tagesleistung an Ziegeln nicht erfüllen könnten, weil sie nun Stroh sammeln müßten, eine Aufgabe, die bisher den Ägyptern zugeteilt worden war. Aber der Pharao bestand darauf, daß sie faul seien (V.8-9). Die Aufseher erkannten, daß der Pharao seine Befehle nicht ändern würde.
(4) Die Anklage gegen Mose (2. Mo 5,20-23):
2. Mo 5,20-21: Die Worte der Aufseher gegen Mose und Aaron waren sehr scharf (V.20-21). Ebenso deutlich waren Moses Worte an Gott (V.22-23). Warum Mose und Aaron auf die Aufseher warteten, ist unbekannt, aber um so klarer sind die harten Worte der Aufseher. Das Volk wurde schon vor Moses Rückkehr schwer unterdrückt, aber dieser zusätzliche Druck war einfach zu viel. Der Sinn des Wortes Gestank (V.21) muß übertragen als >verachten, verdammen< verstanden werden. Zuvor hatte Mose dem König angekündigt, daß Gottes Gericht über die Hebräer kommen könnte, wenn ihnen nicht gestattet würde, in der Wüste anzubeten (V.3), aber hier beschweren sich die Aufseher über das Schwert des Pharao.
2. Mo 5,22-23: Mose wandte sich mit seiner Trauer umgehend an den HERRN. Er stimmte mit den Aufsehern überein, daß die jüngste Unterdrückung der Israeliten eine Folge seiner Begegnung mit dem Pharao war. Er fragte nun Gott, warum er ihn eigentlich dorthin gesandt hatte. Die Zweifel Moses rührten von seinem schweren Herzen her, nicht aus dem Mißtrauen gegen Gott, auch wenn seine Sprache sehr deutlich ist (Du hast dein Volk überhaupt nicht befreit).
(5) Die erneute Bestätigung für Mose (2. Mo 6,1-9):

2. Mo 6,1: Mose war traurig, weil die Bitte um Freilassung tragischerweise die Last des Volkes nicht erleichtert, sondern erschwert hatte. Deswegen tröstete der Herr seinen Diener und bestärkte ihn, indem er zweimal mit ihm redete.
Beim ersten Mal (V.1) teilte er Mose erneut mit, was er dem Pharao antun werde. Beim zweiten Mal wiederholte er seine Verheißungen für das Volk (V.2-8). Gott versicherte Mose, daß er sein Volk auf jeden Fall befreien werde. Er bereitete nur die Umstände vor, so daß der Pharao sie schließlich ziehen lassen, ja sogar dazu zwingen werde. All dies würde wegen der mächtigen Hand Gottes (vgl. den Kommentar zu 2. Mo 3,19 und den Hinweis zum >ausgestreckten Arm< in 2. Mo 6,6) eintreten. Herausführen ist die Übersetzung von yegaršem, das ebenso von dem Verb gaaš abgeleitet ist, wie der Name des Sohnes Moses Gerschom (geršom; vgl. den Kommentar zu 2. Mo 2,22).
2. Mo 6,2-5: Dann erinnerte Gott Mose an sein Wesen, wie er es in seinem Namen >Jahwe< offenbart hatte (vgl. 2. Mo 3,14). Die Worte ich bin der HERR erscheinen viermal in 2. Mo 6,2-8. Als der Herr (Jahwe) ist er mit den Seinen und immer vertrauenswürdig und wahrhaftig.
Warum sagte Gott, daß er sich den Patriarchen nicht mit seinem Namen zu erkennen gab? War Gott nicht Abraham, Isaak und Jakob mit seinem Namen Jahwe bekannt? Ja, er war es (z.B. 1.Mose 13,4). Er erschien ihnen vorwiegend als Gott, der Allmächtige (´el šadday), der Eine, der alles versorgt und erhält (vgl. den Kommentar zu 1.Mose 17,1). Er hatte sich den Patriarchen nicht vorwiegend mit dem Namen Jahwe zu erkennen gegeben. In 2.Mose 3,14 meint Gott also, daß er sich Mose nicht nur als Erhalter und Versorger offenbart, sondern als der, der seine Verheißungen hält, der Eine, der persönlich zu seinem Volk steht und es befreien wird (vgl. den Kommentar zu 2. Mo 3,14-15).
2. Mo 6,6-8: Gott befahl Mose daraufhin, seinen zerbrochenen Geist und seine Gefühle der Unzulänglichkeit beiseite zu lassen und zu seinem Volk zurückzukehren. Siebenmal sagt Gott in diesen drei Versen Ich werde (andere Übersetzungen: ich will), womit er unterstreicht, daß er ein Gott ist, der die Verheißungen einhält.



Die sieben »Ich werde« drehen sich um drei Verheißungen: Befreiung aus Ägypten (V.6: Ich werde euch herausbringen... Ich werde euch befreien... Ich werde euch erretten...), Annahme des Volkes als sein Eigentum (V.7) und das Geschenk des Landes (V.8). Darüberhinaus beginnt und endet der Abschnitt mit derselben Erklärung: Ich bin der HERR. Die Befreiung des Volkes sollte die Grundlage einer Bundesbeziehung sein, die dazu führen sollte, daß das Volk im Land lebte. Diese Verse geben in Kurzform die Geschichte Israels von der Befreiung aus Ägypten bis zur Landnahme unter Josua wieder. Daß Gott Israel mit ausgestrecktem Arm befreien würde, bedeutete, daß er seine Macht beweisen würde (vgl. 5.Mose 4,34; 5. Mo 5,15; 5. Mo 7,19; 5. Mo 11,2; Ps 136,12; Hes 20,33). Die erhobene Hand war dagegen eine Geste zur Vereidigung, wie sie es noch heute ist (vgl. 1.Mose 14,22; 5.Mose 32,40; Neh 9,15; Ps 106,26; Hes 20,5-6.15.23.42; Hes 36,7; Hes 44,12; Hes 47,14). Der entmutigte Geist Moses wurde durch eine Offenbarung des Wesens und Planes Gottes wieder aufgerichtet.
2. Mo 6,9: Mose kehrte mit neuer Kraft und mit Gottes Worten zu seinem Volk zurück. Aber sie hörten wegen der Last ihrer Unterdrückung nicht auf ihn. Sie vergaßen tragischerweise ihre anfänglich positive Antwort an Mose und Aaron (2. Mo 4,31).
(6) Die erneute Sendung Moses zum Pharao:
2. Mo 6,10-13: Gott befahl Mose, wiederum zum Pharao zu gehen und die Freilassung der Israeliten zu verlangen. Mose zögerte, weil sein Eifer durch die Reaktion des Volkes (V.9) gedämpft worden war. Wenn er noch nicht einmal die Macht hatte, sein eigenes Volk zu beeinflußen, wie sollte er dann den Pharao überzeugen? Er muß gedacht haben, daß sein ausbleibender Erfolg auf seine fehlenden sprachlichen Fähigkeiten zurückzuführen sei (vgl. 2. Mo 4,10). Für ungeschickt zum Reden steht eigentlich unbeschnittene Lippen (vgl. 2. Mo 6,30), was die Unfähigkeit und moralische Unreinheit meint. Dieser Einwand wurde mit Gottes Befehl, das Volk aus Ägypten zu führen, beantwortet, der diesmal an Mose und Aaron erging.
(7) Der Stammbaum von Mose und Aaron:
2. Mo 6,14-27: Dieser Abschnitt verwirrt manche Leser, weil er ein unnatürlicher Einschub in die Erzählung zu sein scheint. Der Stammbaum wurde aber hier eingeführt, um Mose und Aaron näher zu identifizieren, weil sie als Repräsentanten Israels vor dem ägyptischen Monarchen eine hervorragende Rolle einnahmen. Die Verse 26-27, die den Abschnitt abschließen, verbinden den Abschnitt mit Vers 13 und erklären, warum der Stammbaum eingefügt wurde: Dieser Aaron und dieser Mose sind es (V.26; vgl. die Wiederholung in V.27), und diese waren es, die mit dem Pharao sprachen (V.27).
Die Formel: Dies sind die Häupter ihrer Vaterhäuser (V.14) wird mit etwas unterschiedlichen Worten am Ende des Stammbaums wiederholt. Die Geschlechter Rubens und Simeons (V.14- 15) werden erwähnt, um zu Levi, Jakobs drittem Sohn und Vorfahre von Mose und Aaron, zu gelangen. Levis Söhne werden in Vers 16, seine weiteren Nachkommen in den Versen 17-19 genannt. Der Vater von Mose und Aaron, Amram, ihre Onkel und Neffen, sowie die Familie Aarons werden in den Versen 20-25 genannt. Der Amram in Vers 20 ist wahrscheinlich nicht mit dem Amram aus Vers 18 identisch (Söhne in V.18 kann auch Nachkommen bedeuten). Vergleiche dazu die Übersicht »Moses Vorfahren seit Abraham« und den Kommentar zu 4.Mose 26,58. Da zwischen dem Umzug Levis zusammen mit seinen Brüdern und seinem Vater Jakob nach Ägypten im Jahr 1876 v.Chr. und dem Auszug aus Ägypten unter Mose im Jahr 1446 v.Chr. 430 Jahre liegen, muß es zwischen Levi und Mose mehr als zwei Generationen gegeben haben. Es stand aber außer Frage, daß Mose und Aaron zum Stamm Levi und darin zum amramitischen Zweig der Sippe Kehat gehörten.
Obwohl die Familie Aarons bis zu seinen Söhnen und seinem Enkel Pinhas (2.Mose 6, 23.25) hinabverfolgt wird, wird die Hochzeit von Mose nicht erwähnt. Vielleicht lag das daran, daß seine Frau Zippora keine Hebräerin war. Wie schon gesagt, unterstreichen die Verse 26-27 den Sinn dieses Stammbaumes, nämlich die Abstammung von Mose und Aaron und ihre Autorität, das Volk aus den Fängen des Pharao zu befreien, in den Mittelpunkt zu stellen. In den Versen 20 und 26 wird Aaron vor Mose genannt, weil er der ältere war (vgl. 2. Mo 7,7). In 6,27 steht dagegen Mose vor Aaron, weil er die Hauptverantwortung für den Auszug aus Ägypten trug.

[[@Bible:Exod 6:28]]b.Das zweite Aufeinandertreffen (6,28-7,13)

(1) Gottes erneuter Befehl an Mose (2. Mo 6,28-2. Mo 7,7):
2. Mo 6,28-30: Die erneute Botschaft Gottes an Mose ähnelt stark der allerersten Aufforderung, mit dem Pharao zu reden. Gott begann mit den Worten: Ich bin der HERR, der immer gegenwärtige Eine, der sich um sein Volk kümmert und seine Verheißungen erfüllt (vgl. 2. Mo 3,14-15; 2. Mo 6,2.6-8). Mose wandte wiederum ein, daß der Pharao wegen Moses mangelnder Beredsamkeit nicht hören werde (vgl. 2. Mo 4,10 und den Kommentar zu 2. Mo 6,12).
2. Mo 7,1-5: Nachdem Gott die Worte Moses über seine Unfähigkeit (2. Mo 6,30) gehört hatte, befahl er ihm erneut, zu gehorchen. Mose sollte für den Pharao wie Gott sein (vgl. 2. Mo 4,16), wahrscheinlich weil Gott die Plagen durch Mose wunderbar ausführen lassen würde. Aaron sollte sein Prophet sein (nabî´, eigentlich jemand, der für einen anderen spricht; vgl. 2. Mo 4,16). Die kurze Botschaft war wieder diesselbe wie bisher (2. Mo 7,2; 2. Mo 5,1; vgl. 2. Mo 3,10.18; 2. Mo 6,11). Verschiedene Dinge sollten die Folge darauf sein (2. Mo 7,3-5). Trotz Aarons Beredsamkeit und Moses Befähigung, ihre Autorität durch übernatürliche Zeichen unter Beweis zu stellen, würde Gott das Herz des Pharao verhärten (vgl. den Kommentar zu 2. Mo 4,21). Die Verhärtung des Herzens des Pharaos sollte zu mächtigen Gerichtshandlungen Gottes (die 10 Plagen) über Ägypten (2. Mo 7,8-2. Mo 12,36), und als Gegenzug zur Befreiung Israels (2. Mo 7,4) und zur Erkenntnis Ägyptens, daß er Jahwe, der Herr, ist (V.5), führen.
2. Mo 7,6-7: Mose und Aaron gehorchten dem HERRN. Mose war 80 und Aaron 83 Jahre alt. Im AT wird oft das Alter von wichtigen Personen zum Zeitpunkt eines herausragenden Ereignisses angegeben (vgl. z.B. 1.Mose 16,16; 17, 24-25). Nach der 40jährigen Wüstenwanderung starb Mose im Alter von 120 (5.Mose 34,7) und Aaron im Alter von 123 Jahren (4.Mose 33,38-39).
(2) Moses Befehl an den Pharao:
2. Mo 7,8-13: Weil Gott wußte, daß der Pharao die Autorität von Mose und Aaron (vgl. 2. Mo 5,1-2) hinterfragen und sie zum Vorführen von Wundern auffordern würde, wies Gott die beiden an, wie sie ihre Beweise handhaben sollten. Mose sollte Aaron anweisen, seinen Stab vor dem Pharao hinzuwerfen, wobei er zur Schlange werden würde (vgl. 2. Mo 4,2-4). Als sie dies aber tatsächlich taten, machten die Magier des Pharaos das Wunder durch ihre geheimen Künste nach, bei denen es sich wohl um Wunder durch die Kraft Satans und wohl kaum um Taschenspielertricks handelte. Satan ist in der Lage, alle Arten von Machttaten, Zeichen und Wundern der Lüge (2.Thess 2,9) zu tun, die die Menschen verführen (2.Thess 2,10; Offb 13,11-15; vgl. Mt 24,24). Vielleicht waren zwei dieser Männer Jannes und Jambres, die nach 2.Tim 3,8 »Mose widerstanden«.
Die Magier waren auch in der Lage, die Verwandlung des Wassers in Blut (2.Mose 7,22) und das Auftreten der Frösche (2. Mo 8,3), also die ersten beiden Plagen, zu wiederholen. Allerdings verschlang Aarons Stab bzw. Schlange die Schlangen der Magier und bewies damit die übergeordnete Macht Gottes.
Mose und Aaron trafen als Botschafter Gottes auf die Botschafter des Satans, nämlich die Götter Ägyptens und ihre Magier. Jedes der nun folgenden Gerichte zerschmetterte einen Bereich des religiösen Lebens der Ägypter (der Satan gehörte). Der Höhepunkt war der Tod des Götternachkommens, nämlich des erstgeborenen Sohnes von Amenhotep II. Der Gott Israels triumphierte über die Mächte der Finsternis. Wie Gott vorhergesagt hatte (2. Mo 4,21; 2. Mo 7,3; vgl. V.22; 2. Mo 8,11.15), konnte das Herz des Pharao die Botschaft nicht erfassen und so auch keine Buße durch das Freilassen des Volkes beweisen (2. Mo 7,13). Gott beweist seine absolute Souveränität über die Menschen, indem er sie gebraucht, wie es ihm gefällt, einige wie Mose, die ihn verehren, andere wie Amenhotep II., die ihn verachten. Beide Gruppen von Menschen verherrlichen Gott auf ihre Art, auch wenn es über unsere begrenzten Fähigkeiten hinausgeht, dies zu verstehen.

[[@Bible:Exod 7:14]]2.Die 10 Gerichte Gottes über Ägypten (7,14-12,36)


10 Gerichte wurden über Ägypten verhängt. Diese Gerichte, die man allgemein Plagen nennt, können in drei Zyklen von je drei Plagen und einer 10. Plage als Höhepunkt des Gerichtes eingeteilt werden. Die erste, vierte und siebte Plage am Anfang der drei Zyklen werden mit den Worten »morgen früh« (2. Mo 7,15; 2. Mo 8,16; 2. Mo 9,13) eingeleitet.



Die ersten drei Gerichte (Blut, Frösche und Mücken) waren ekelerregend, die drei Gerichte des zweiten Zyklus' lästig (Stechfliegen) und schmerzhaft (Viehpest und Geschwüre an Menschen und Tieren), die dritte Reihe von Gerichten waren Naturplagen (Hagel, Heuschrecken und Finsternis). Die dritte Plage endete mit der Niederlage der Zauberer (2. Mo 8,14), die sechste Plage mit ihrer Unfähigkeit, vor Mose zu treten (2. Mo 9,11), und die neunte mit der Trennung von Mose und dem Pharao (2. Mo 10,28).
In den ersten drei Plagen benutzte Aaron seinen Stab (2. Mo 7,19; 2. Mo 8,1-2.12- 13), im dritten Plagenzyklus benutzte Mose den seinen (2. Mo 9,22-23; 2. Mo 10,12-13. 21-22; obwohl 2. Mo 10,21-22 nur Moses Hand erwähnt, könnte der Stab darin eingeschlossen sein.) In den zweiten drei Plagen wurde von niemandem ein Stab verwendet.
Die zehn Plagen können innerhalb von einem Zeitraum von neun Monaten eingetreten sein. Die erste Plage trat ein, als der Nil anschwoll (Juli/August). Die siebte Plage fand im Januar statt, da die Gerste in Ähren und der Flachs in Blüte stand (2. Mo 9,31). Die vorherrschenden Ostwinde im März oder April (2. Mo 10,13) werden wohl die Heuschrecken herbeigetragen haben. Die zehnte Plage geschah schließlich im Passamonat April (2. Mo 11-12). Durch die Plagen richtete Gott die Götter Ägyptens, deren es viele gab, und bewies damit, daß er ihnen überlegen ist (2. Mo 12,12; 2. Mo 18,11; 4.Mose 33,4). Vergleiche dazu die Karte »Die Plagen und die Götter und Göttinnen Ägyptens«.



Die Plagen hatten vielleicht auch die Aufgabe, dem Pharao zu widerstehen und ihm seine Ohnmacht zu beweisen. Das Volk des Pharao hielt ihn für den Gott Horus, Sohn des Hathor. Hathors Vater war der oberste Gott Amon-Re. Die Plagen zeigten dem Pharao und den Ägyptern, daß Gott Herr (Jahwe; 2.Mose 7,5.17; 2. Mo 8,6.18; 2. Mo 9,14.16) ist, aber bewiesen dies auch den Israeliten (2. Mo 10,2).
Interessant ist die Antwort des Pharaos auf die einzelnen Plagen. Nach der ersten wollte er die Bitte für die Befreiung der Israeliten noch nicht einmal anhören (2. Mo 7,22-23). Während der zweiten Plage erklärte er sich einverstanden, das Volk ziehen zu lassen, wenn die Frösche entfernt würden (2. Mo 8,4). Während der dritten Plage weigerte er sich, auf den Vorschlag der Zauberer zu hören (2. Mo 8,15). Als Antwort auf die vierte Plage schlug er vor, daß die Israeliten im Land opfern sollten (2. Mo 8,21). Später war er bereit, sie ziehen zu lassen, aber nicht zu weit (2. Mo 8,24), zog dann aber sein Versprechen zurück (2. Mo 8,28). Auch nach der fünften und sechsten Plage wies er die Bitte zurück (2. Mo 9,7.12). Nach der siebten Plage versprach er aber, sie gehen zu lassen (2. Mo 9,28), wenn Regen und Hagel aufhören würden, um dann sein Versprechen doch wieder zurückzuziehen (2. Mo 9,35). Während der achten Plage bot er an, die Männer gehen zu lassen (2. Mo 10,11) und gestand sogar seine Sünde ein (2. Mo 10,16)! Während der neunten Plage sagte er, daß Männer, Frauen und Kinder ziehen könnten, aber ihre Tiere nicht mitnehmen dürften (2. Mo 10,24). Nach der zehnten Plage drängte er das Volk, zu gehen (2. Mo 12,31-32)! In Ps 78,46-51 und Ps 105,28-36 wird auf mehrere Plagen als Beweis für Gottes Macht und Fürsorge hingewiesen.

[[@Bible:Exod 7:14]]a.1. Plage: Der Nil wird in Blut verwandelt (7,14-25)

Dieser Abschnitt über die erste Plage kann in drei Teile gegliedert werden: Gottes Anweisungen an Mose und Aaron (V.14-19), die Wunder durch die beiden (V.20-21) und die darauf folgenden Handlungen des Pharao und seines Volkes (V.22-25).
2. Mo 7,14-19: Gott wies Mose an, den Pharao zu treffen, während er zum Wasser, also dem Nil, hinausginge. Der Nil galt als Gottheit und wurde als Quelle des Lebens Ägyptens angesehen. Wenn der Nil im Juli und August seine Ufer übertrat, befruchtete er die Böden und ermöglichte es dem Volk, reichlich Feldfrüchte anzubauen. Um diese Zeit amtierte der Pharao in öffentlichen Zeremonien zur Erinnerung an den durch den Fluß erhaltenen Segen. Vielleicht unterbrach Mose den Pharao während einer dieser besonderen Feiern (vgl. 2. Mo 7,20).
Mose sollte den Pharao über die Gründe für die Gerichte aufklären. (Zu der Gott der Hebräer, 2. Mo 7,16, vgl. 2. Mo 3,18; 2. Mo 5,3; 2. Mo 9,1.13; 2. Mo 10,3). Der Pharao hatte den wahren Gott bisher nicht anerkannt (2. Mo 7,16), was das Wesen und die Bestandteile des kommenden Gerichtes erklärte (V.17-18). Das Gericht sollte sich über den Fluß, seine Nebenarme und sogar seine kleinsten Verzweigungen erstrecken (V.19).
2. Mo 7,20-21: Als Aaron auf Moses Anweisung hin seinen Stab über den Nil hielt, geschah ein erschreckendes Gericht: das Wasser verwandelte sich in Blut. Einige Ausleger haben vorgeschlagen, daß sich das Wasser nicht wörtlich in Blut verwandelte, sondern lediglich eine rote Farbe annahm. Cassuto vermutet, daß diese rote Farbe durch »winzige Pilze und anderes rotes Pflanzenmaterial oder kleine Insekten mit rötlichem Farbton« verursacht wurde (A Commentary on the Book of Exodus, S.98). Das ist jedoch keinesfalls sicher und erklärt nicht das plötzliche Auftreten des Wunders und das ungeheure Fischsterben. Auch wenn die chemische Zusammensetzung der roten Substanz unbekannt ist, erschien und schmeckte sie den Ägyptern wie Blut. Die toten Fische brachten den Fluß zum Stinken (V.18; vgl. stinkend in V.21). Da der Nil für die Landwirtschaft und die Wirtschaft allgemein von einer alles beherrschenden Bedeutung war, mußte dieses Wunder alarmierend wirken. Mit dem Nil waren verschiedene ägyptische Gottheiten wie Hapi, Isis und Khnum verbunden (siehe die Übersicht »Die 10 Plagen und die Götter und Göttinnen Ägyptens«). Auch die jährliche Wiedergeburt von Osiris, des Gottes der Erde und der Fruchtbarkeit, symbolisierte die Überflutung des Nils. Weil die Ägypter glaubten, daß der Nil der Blutstrom von Osiris war, ist es auffallend, daß der Nil in Blut verwandelt wurde (Davis, Moses and the Gods of Egypt, S.94).
2. Mo 7,22-25: Die Zauberer waren jedoch in der Lage, das Wunder nachzuahmen, was das Herz des Pharao gegen Gott verhärtete.
Woher konnten die Zauberer aber Wasser zur Nachahmung hernehmen, wenn alles Wasser zu Blut geworden war? Die Antwort scheint in Vers 24 zu

liegen: das Wasser des Nils, nicht aber die natürlichen Quellen und das Grundwasser, waren ungenießbar. Die Menschen mußten darauf verzichten, Wasser aus dem Nil zu trinken. Die Verschmutzung des Nils hielt sieben Tage an (V.25). Einige Ausleger meinen, daß Vers 25 sieben Tage zwischen der ersten und zweiten Plage meint. Weil jedoch auch sonst die Zeit zwischen den Plagen nicht genannt wird, scheint die Annahme, daß die Plage sieben Tage dauerte, begründeter zu sein.

[[@Bible:Exod 7:26]]b.2. Plage: Frösche (7,26-8,11)

2. Mo 7,26-29: Gott befahl Mose, mit einem Ultimatum zum Pharao zurückzukehren: Entweder sollte Israel freigelassen werden oder aber ein neues Gericht kommen, und zwar diesmal Frösche. (Wenn du dich aber weigerst findet sich auch in 2. Mo 9,2 und 2. Mo 10,4). Frösche gab es normalerweise reichlich am Nil, wenn sich das Wasser im Dezember zurückzog, aber das Volk erwartete sie nicht im August. Außerdem blieben die Frösche normalerweise nahe am Nil, während sie diesmal den Nil verließen und die Häuser (2. Mo 7,28), Höfe und Felder belästigten (2. Mo 8,9), wahrscheinlich wegen der toten Fische im Nil. Die Ägypter glaubten, daß Frösche göttliche Kräfte hätten. Die Göttin Heqet hatte einen Frauenkörper mit einem Froschkopf. Aus ihrem Nasenloch kam, so glaubte man, der Atem des Lebens, der die Körper lebendig machte, die ihr Mann, der große Gott Khnum, aus dem Staub der Erde geschaffen hatte. Frösche durften deswegen nicht getötet werden.
Gott ließ ihnen damit eine andere ihrer Gottheiten zum Fluch, und nicht zur Hilfe, werden. Diese heiligen Tiere sollten sich vermehren und in die Schlafzimmer der Leute eindringen, was eine Ironie war, da man glaubte, daß die Froschgöttin Heqet Frauen bei der Geburt helfen würde. Die Frösche drangen sogar in die Küchen ein und kletterten an den Menschen empor (2. Mo 7,28- 29).
2. Mo 8,1-3: Auf Gottes Anweisung hin befahl Mose Aaron, das Gericht zu eröffnen (V.1), was dieser auch tat (V.2). Zu den ersten drei Plagen benutzte Aaron seinen Stab (2. Mo 7,19-20; 2. Mo 8,1-2; 2. Mo 8,12- 13), während der sechsten und siebten Plage Mose den seinen (2. Mo 9,23; 2. Mo 10,13). Die ägyptischen Zauberer konnten das Wunder (vgl. 2. Mo 7,22) nachahmen, wobei sie das Unheil nur vermehrten (2. Mo 8,3).
2. Mo 8,4-7: An dieser Stelle wendet sich die Erzählung dem Pharao zu, der offensichtlich von seinen Zauberern keine Wiederholung, sondern eine Beseitigung der Plage wollte. Er bat Mose und Aaron um Hilfe, was zeigt, daß seine Kenntnis über den Gott der Hebräer zugenommen hatte (vgl. 2. Mo 5,2). Er suchte göttliche Hilfe und war so zermürbt, daß er Mose jeden Wunsch erfüllen wollte. Mose gestattete dem König, den Termin für die Befreiung von der Plage selbst festzulegen, aber er wollte, daß der Pharao den Grund dafür kennenlernte: damit er wisse, daß niemand wie der HERR, unser Gott, ist (2. Mo 8,6). Der Pharao bat Mose, für die Befreiung von den Fröschen am nächsten Tag zu bitten.
2. Mo 8,8-11: Mose betete, und Gott ließ die Plage am nächsten Tag aufhören. Die Haufen von Froschleichen verursachten im ganzen Land einen üblen Gestank. Aber der Pharao zog sein Versprechen zurück.

[[@Bible:Exod 8:12]]c.3. Plage: Mücken (8,12-15)

2. Mo 8,12-15: Im Gegensatz zu den ersten beiden Plagen kam die dritte ohne Vorwarnung. Dies trifft auch für die sechste und neunte Plage, also jeweils die letzte einer Dreiergruppe, zu. Der Grund könnte in dem falschen Versprechen des Pharaos liegen (V.4.11). Das Gericht kam plötzlich. Aaron schlug den Staub mit seinem Stab, und fliegende und beißende Insekten bedeckten Menschen und Tiere. Das hebräische Wort für Mücken ist kinnîm und kommt nur hier im AT vor. Der Ausdruck der Staub wurde zu Mücken soll vielleicht wiedergeben, daß die Mücken ungewöhnlich zahlreich waren.
Diese Plage könnte ein Angriff auf Set, den Gott der Wüste, sein. Sie könnte sich außerdem gegen die ägyptische Priesterschaft richten. Die Priester waren auf ihre Reinheit stolz, die sie durch regelmäßige Waschungen und Rasuren und durch das Tragen von leinenen Gewändern erlangten. Nun verunreinigte der Herr die religiösen Eiferer mit ekligen Insekten.
Die Zauberer waren nicht in der Lage, das Wunder nachzuahmen, und gestanden zu, daß Gott es tat. (Dies ist der Finger Gottes; vgl. 2. Mo 31,18; 5.Mose 9,10; Ps 8,4; Lk 11,20). Wie der HERR zuvor geredet hatte (vgl. 2.Mose 7,3), blieb das Herz des Pharao verstockt und unbußfertig (vgl. »wie der Herr geredet hatte«: 2. Mo 7,13.22; 2. Mo 8,11).

[[@Bible:Exod 8:16]]d.4. Plage: Fliegen (8,16-28)

2. Mo 8,16-20: Mit der vierten Plage beginnt der zweite Zyklus von drei Plagen, wie die Formulierung morgen früh zeigt (V.16; vgl. 2. Mo 7,15; 2. Mo 9,13). Wie die ersten drei Plagen waren auch diese drei auf die Ägypter beschränkt (Ich werde das Land Goschen, wo sich mein Volk befindet, anders behandeln, 2. Mo 8,18). Dies zeigt, daß Gott zwischen den Ägyptern und den Israeliten einen Unterschied machte (vgl. 2. Mo 9,4; 2. Mo 11,7), wobei die einen für das Gericht, die anderen für die Befreiung ausersehen waren. Dies sollte zusätzlich Gottes Souveränität und Macht beweisen.
Der Herr wies Mose an, noch einmal wegen der Befreiung der Hebräer am Nil vor den Pharao zu treten (vgl. 2. Mo 7,15). Falls der Pharao sich weigern würde, sollten Fliegenschwärme (2. Mo 8,17) über die Ägypter und ihre Häuser geschickt werden. Die Fliegen sind möglicherweise durch die verwesenden Frösche angezogen worden. Stechfliegen in Mengen (V.20) meint wörtlich einen schweren oder niederdrückenden Schwarm. Es könnte sich bei diesen Fliegen um die Hundefliege handeln, die wegen ihres schmerzhaften Bisses bekannt war. Vielleicht repräsentierten sie Re, eine bedeutende ägyptische Gottheit. Vielleicht handelte es sich aber auch um Ichneumoniden, die den Gott Uatchit darstellten.
2. Mo 8,21-28: Unter dem gemeinsamen Gewicht der vier Plagen gab der Pharao nach und war bereit, einen Kompromiß vorzuschlagen. Die Israeliten sollten ihrem Gott Opfer bringen, jedoch in Ägypten und nicht in der Wüste. Diesen Kompromiß konnte Mose nicht annehmen. Er erklärte, daß ein Tieropfer in Ägypten abscheulich sein würde. Dies könnte daran liegen, daß die Ägypter den Stier für heilig hielten, weil er die Götter Apis oder Re darstellte; ebenso die Kuh, die die Göttin Hathor widerspiegelte. Dies würde für die Ägypter Gotteslästerung sein und zur Steinigung der Israeliten führen.
Der zweite Kompromißvorschlag des Pharaos war, das Volk nur eine kurze Strecke in die Wüste gehen zu lassen (V.24). Mose nahm diesen Kompromiß mit der ernsten Warnung an den Pharao an, nicht wieder, wie bereits früher geschehen (V.4.11), zu betrügen. Dies war eine erstaunliche und mutige Feststellung, da der Pharao als Vorbild für Gerechtigkeit und Wahrheit galt.
Mose verließ den Pharao in dem Glauben, daß der Herrscher sich an sein Wort halten werde. Deswegen betete Mose gemäß der Bitte des Pharao um Befreiung von der Plage. Aber der Pharao änderte seine Absicht wieder und weigerte sich, sein Wort zu halten.

[[@Bible:Exod 9:1]]e.5. Plage: Viehpest (9,1-7)

2. Mo 9,1-4: Mose forderte erneut die Freilassung der Israeliten. (Zum Gott der Hebräer vgl. 2. Mo 3,18; 2. Mo 5,3; 2. Mo 7,16; 2. Mo 9,13; 10, 3.) Falls der Pharao sich weigerte, sollte nach den Worten Moses die Hand des HERRN (vgl. 2. Mo 3,19; 2. Mo 6,1) eine Plage über die Haustiere bringen: Pferde ..., Esel ..., Kamele ..., Rinder ..., Schafe ..., Ziegen ... Da es im ganzen Land tote Frösche gab und dazu Fliegen, die Krankheitserreger übertrugen, könnte es sich um die Infektionskrankheit Anthrax (Milzbrand) gehandelt haben. Die Plage könnte im Januar stattgefunden haben, da dann nach dem Ende der Nilüberschwemmungen das Vieh auf die Weiden geführt wurde. Die Plage mußte verheerende Folgen für die ägyptische Wirtschaft haben. Außerdem waren viele Tiere heilig (vgl. 2. Mo 8,22), besonders, wie schon oben ausgeführt, der Stier, der die Götter Apis und Re darstellte, und die Kuh, die die Göttin der Liebe, der Schönheit und der Freude, Hathor, repräsentierte. Hathor stellte man sich als eine Frau mit Kuhkopf vor, manchmal auch nur mit Kuhhörnern. Khnum war dagegen eine Widdergottheit. Die Tiere der Israeliten, der Empfänger der göttlichen Barmherzigkeit, sollten von der Plage nicht betroffen werden (2. Mo 9,4; vgl. 2. Mo 8,18- 19; 2. Mo 11,7).
2. Mo 9,5-7: Die Plage trat ein, wie es der Herr vorhergesagt hatte: alles Vieh der Ägypter starb. Der Pharao ließ darauf untersuchen, ob in Goschen irgendein Tier der Israeliten gestorben war. Obwohl er sah, daß Gott tatsächlich einen Unterschied gemacht hatte (V.4), weigerte er sich weiterhin, umzukehren.
Wie kann man jedoch die Existenz weiterer Tiere in Vers 10 und weiteren Viehs in den Versen 20-21 erklären, wenn alles Vieh in dieser Plage umgekommen war? Es sind zwei Erklärungen möglich: (1) Das Wort »alles« in Vers 6 ist ein hyperbolischer (übertreibender) Ausdruck, der als Redewendung eine sehr große Zahl meint, aber nicht alles Vieh umfaßt. (2) Eine bessere Erklärung ist vielleicht, daß die Plage alles Vieh auf dem Feld (V.3), nicht aber in den Ställen tötete.

[[@Bible:Exod 9:8]]f.6. Plage: Geschwüre (9,8-12)

2. Mo 9,8-12: Wie die dritte und neunte Plage wurde auch diese dem Pharao nicht vorher angekündigt. Sie war die erste, die das menschliche Leben direkt gefährdete. Sie bestand aus offenen Geschwüren (Geschwüre, die in Blasen aufbrechen, V.9-10) auf den Körpern von Menschen und Tieren. Es mag ein symbolischer Akt gewesen sein, Ofenruß in die Luft zu werfen, ähnlich wie der Gebrauch des Stabes von Aaron bei früheren Plagen. Die Ägypter verehrten aus großer Furcht vor Epidemien die löwenköpfige Göttin Sekhmet, die Kraft über die Krankheiten haben sollte; außerdem Sunu, den Pestgott, und Isis, die Göttin der Heilung. Aber alle diese Götter konnten das Volk und die Tiere nicht von ihren Qualen befreien. Die Zauberer Ägyptens waren wieder hilflos (vgl. 2. Mo 8,14), da sie selbst betroffen waren (2. Mo 9,11) und feststellten, daß ihre Götter machtlos waren. Doch das Herz des Pharao blieb verstockt (V.12).

[[@Bible:Exod 9:13]]g.7. Plage: Hagel (9,13-35)

Dieses Gericht eröffnet den dritten Zyklus der Plagen. Die siebte, achte und neunte Plage waren ernsthafter als die vorhergehenden und werden ausführlicher beschrieben. Die siebte Plage führte zu schweren wirtschaftlichen Nöten. Deutlich wurde wieder die Macht mehrerer ägyptischer Götter in Frage gestellt. Der Himmelsgott Nut konnte den Sturm nicht verhindern, Osiris, der Gott der Fruchtbarkeit der Feldfrüchte, konnte die Feldfrüchte nicht vor dem Hagel bewahren und Set, der Sturmgott, konnte den Sturm nicht zurückhalten.
Der lange Abschnitt, der diese Plage beschreibt, gliedert sich in vier Teile: die Anweisungen Moses (V.13-19), die Zerstörungen durch die Plage (V.20- 26), das Gespräch zwischen Mose und dem Pharao (V.27-32) und die Unbußfertigkeit des Pharaos (V.33-35).
2. Mo 9,13-19: Mose sollte dem Pharao wieder früh am Morgen begegnen (vgl. 2. Mo 7,15; 2. Mo 8,16). Der Grund für das bevorstehende Gericht war wiederum die fehlende Bereitschaft des Pharao, das Volk Gottes freizulassen. Der Pharao verkannte die Würde des Gottes der Hebräer (vgl. 2. Mo 3,18; 2. Mo 5,3; 2. Mo 7,16; 2. Mo 9,1; 10, 3). Er wollte nicht anerkennen, daß es niemanden wie ihn auf der ganzen Erde gibt. Obwohl Gott so gnädig war, seinen Zorn nicht in voller Schärfe auszuführen (9, 15), sollte diese Plage etwas von seiner Macht zeigen. Er sagte, daß er den Pharao dazu erweckt habe (vgl. Röm 9,17.22). Gott wollte seine Macht durch einen Hagelsturm von ungeheuren Außmaßen beweisen, der keine historischen Vorläufer hatte (2.Mose 9,18; vgl. V.24). Aber in seiner Gnade wies Gott den Pharao an, alles Vieh (vgl. den Kommentar zu V.5-7) und alle Menschen in die Ställe und Häuser zu bringen. Das ägyptische Vieh befand sich normalerweise bis zum Einsetzen der Sommerhitze von Januar bis April auf den Weiden.
2. Mo 9,20-26.31-32: Einige Ägypter, die Moses Vorwarnung hörten, glaubten Gottes Wort durch Mose und reagierten entsprechend (V.20). Andere ließen Tiere und Knechte auf dem Feld, obwohl sie schon mehrere Plagen miterlebt hatten (V.21). Ihre Herzen waren so verstockt, wie das des Pharao.
Der Herr brachte, wie angekündigt, Zerstörung über die Ägypter, jedoch fiel der Hagel (mit Regen, V.33-34) nicht auf die Israeliten im Land Goschen (V.26). Menschen und Tiere wurden durch den Hagel getötet, und die Feldfrüchte zerstört. Der Ausdruck alles, was auf dem Feld wuchs (V.22. 25) wird jedoch durch die Aussage in den Versen 21-22 genauer beschrieben und eingeschränkt. »Alles« bezieht sich auf die Feldfrüchte, die am Reifen waren, nämlich Flachs, der gebraucht wurde, um Leinen herzustellen, und Gerste. Weizen und Korn (eine minderwertige Weizenart) blieben unberührt. Flachs und Gerste blühen im Januar und werden im März und April geerntet. Weizen und Korn reifen etwa einen Monat später, im April, und werden im Juni und Juli geerntet (vgl. die Übersicht »Der Kalender in Israel« zu 2.Mose 12,1). Daraus ist zu schließen, daß die Plage im Februar stattfand.
2. Mo 9,27-30.33-35: Dieser furchteinflößende Beweis der Allmacht Gottes führte zu einer scheinbaren Umkehr des Pharaos (ich habe gesündigt, V.27; vgl. 2. Mo 10,16). Er erkannte an, daß Gott im Recht war, und war bereit, die Israeliten freizulassen (ich werde euch gehen lassen, V.28). Mose versprach, daß er Gott bitten wolle, die Plage zu beenden, obwohl er wußte, daß die Umkehr des Pharao oberflächlich und selbstsüchtig war (V.30).
Da es in ganz Ägypten mörderischen Hagel regnete, stellt sich die Frage, wie sich Mose so frei bewegen konnte. Die Plage betraf wohl wiederum nur die Felder (vgl. V.3) und zerstörte nur selektiv (Menschen, Tiere, Bäume, Flachs und Gerste). Mose hatte mit seinem Urteil über den Pharao Recht (V.30), aber der wahre Gott war so gnädig, dem Unwetter ein Ende zu bereiten. Der Pharao blieb jedoch rebellisch gegen ihn (V.34-35).

[[@Bible:Exod 10:1]]h.8. Plage: Heuschrecken (10,1-20)

Der Bericht über die achte Plage kann in vier Abschnitte eingeteilt werden: Die Anweisungen an Mose (V.1-6), das Gespräch mit dem Pharao (V.7-11), die Zerstörung durch die Heuschrecken (V.12-15) und die Demütigung und Verhärtung des Pharao (V.16-20).
2. Mo 10,1-6: Diese Plage offenbart einen weiteren Sinn der Gerichte. Sie sollten nicht nur den Pharao demütigen und Israel Befreiung bringen, sondern Israel auch die Macht Gottes beweisen, von der die Israeliten ihren Kindern und Enkeln erzählen sollten. Aufgrund dieser Zeichen konnte Israel wissen, daß Gott der Herr (Jahwe) ist.
Falls der Pharao sich weigern sollte, sich vor Gott zu demütigen, würde Gott eine schreckliche Heuschreckeninvasion schicken. Heuschrecken können, wenn sie zu Millionen fliegen, Feldfrüchte hektarweise völlig vernichten (vgl. Joel 1,2-7; Am 7,1-3). Sie fressen die Blätter und sogar die Baumrinde. Der größte Teil des Nahrungsmittelbedarfs einer Stadt oder eines Volkes können dabei in Minuten oder Stunden völlig vernichtet werden.
Was die letzte Plage übriggelassen hatte, nämlich Weizen und Korn (2. Mo 9,32), Früchte (2. Mo 10,15) und andere Feldpflanzen (2. Mo 10,12-15), sollte nun verschlungen werden. Wie die Frösche (2. Mo 7,28-29) und die Fliegen (2. Mo 8,17.20) sollten die Heuschrecken in die Häuser der Menschen eindringen. Wie der Hagel (2. Mo 9,18) sollte es in der Geschichte Ägyptens kein derartiges Vorbild dafür geben (2. Mo 10,6; vgl. V.14).
2. Mo 10,7-11: Eine wirtschaftliche Katastrophe von solchem Ausmaß brachte die Hofbeamten des Pharao zu der Einsicht, daß das Zurückhalten der Sklaven einen solchen Preis nicht wert war: Ägypten, so sagten sie, sei ruiniert. Daraufhin beugte sich der Pharao der Hauptbitte Moses und sagte: Geht (V.8). Obwohl Mose nie gesagt hatte, daß er mit dem Volk nicht zurückkehren werde, dachte sich der Pharao, daß das Volk für immer verloren sein würde, wenn alle Familienmitglieder sowie Schafe und Rinder mitzögen (V.9). Das war in seinen Augen böse (V.10). Deswegen schlug er einen neuen Kompromiß vor (vgl. 2. Mo 8,21.24): Ihr Männer, zieht doch hin (V.11). Mose und Aaron, die nicht bereit waren, auf diesen Kompromiß einzugehen, wurden zum Hof hinausgeworfen (garaš; vgl. den Kommentar zu 2. Mo 2,22 und 2. Mo 6,1).
2. Mo 10,12-15: Als Folge des Unglaubens und der Sturheit des Pharao ließ Gott Mose seine Hand ausstrecken (vgl. 9, 22; 2. Mo 10,21), damit die Heuschrecken kämen. Er streckte seinen Stab aus, worauf den ganzen Tag ein Ostwind bließ. Manche meinen, daß mit >Ostwind< ein Sturmwind gemeint ist, weil der Wind normalerweise immer von Osten über Ägypten bläst. Aber diese Auslegung wird dadurch widerlegt, daß Mose in Vers 19 von einem Westwind spricht, der die Heuschrecken in das Rote Meer (wörtlich: >Meer des (Papyrus-) Schilfes< oder >Schilfmeer<, vgl. den Kommentar zu 2. Mo 14,2) trug.
Die Vernichtung überstieg jegliche Vorstellung. Die Zahl der Heuschrecken war so groß, daß der Boden schwarz war (2. Mo 10,15). Ganz Ägypten war betroffen. So war Ägypten seiner natürlichen Schönheit beraubt, mit allen wirtschaftlichen, sozialen und theologischen Konsequenzen. Nut, der ägyptische Himmelsgott, konnte diese Heuschrecken ebensowenig kontrollieren, wie Osiris, der Gott der Fruchtbarkeit und der Vegetation, die Zerstörung der Feldfrüchte nicht aufhalten konnte.
2. Mo 10,16-20: Der Pharao tat wieder Buße über seine Sünde (vgl. 2. Mo 9,27) und bat um Befreiung, aber seine Handlungen offenbarten ein verstocktes Herz. Auf Moses Fürbitte hin beendete Gott das Gericht, und der Pharao widerrief wieder ehrfurchtslos sein Versprechen.

[[@Bible:Exod 10:21]]i.9. Plage: Finsternis (10,21-29)

2. Mo 10,21-23: Wie auch die dritte und sechste Plage kam die neunte Plage ohne Vorwarnung. Als Mose seine Hand (vgl. 2. Mo 9,22; 2. Mo 10,12-13) ausstreckte, wurde das Land drei Tage lang von einer tiefen Finsternis bedeckt. Nur im Land Goschen war Licht. Die genaue Ursache für die Finsternis ist unbekannt, aber da das Land Goschen ausgespart wurde, kann es sich nicht um eine Sonnenfinsternis gehandelt haben. Einige verstehen unter der Finsternis, die man fühlen kann (2. Mo 10,21) einen ungeheuren Sandsturm, der mit seiner Finsternis und seiner Hitze die Menschen zwingt, in den Häusern zu bleiben. Da das Land wegen des Hagels und der Heuschrecken ohne Vegetation war, hätte ein Sandsturm, der möglicherweise im März von Süden kam, eine ungeheure Kraft entfaltet.
Diese Plage richtete sich gegen einen der wichtigsten Götter Ägyptens, den Sonnengott Re, den der Pharao repräsentierte. Re war für Sonnenlicht, Wärme und Fruchtbarkeit zuständig. Andere Götter, wie Horus, waren ebenfalls mit der Sonne verbunden. Auch Nut, der Himmelsgott, wurde durch die Plage gedemütigt, genauso wie durch den Hagel und die Heuschrecken.
2. Mo 10,24-29: In seinem Unglück rief der Pharao Mose herbei und teilte ihm mit, daß er bereit wäre, das Volk ziehen zu lassen, aber ohne ihre Schafe und Rinder. Das war der vierte Kompromißversuch des Pharao (vgl. 2. Mo 8,21.24; 10, 11). Die Tiere hätten, wenn sie zurückgeblieben wären, Ägypten geholfen, seinen durch die fünfte und siebte Plage bedingten Verlust an Tieren zu ersetzen. Aber Mose war nicht im geringsten kompromißbereit (keine Klaue darf zurückbleiben, V.26). Er bestand darauf, daß das Volk zum Opfer gerufen wurde und deshalb kein einziges der Opfertiere zurücklassen würde.
Ärgerlich befahl der Pharao Mose, sich aus seiner Gegenwart zu entfernen. Mose antwortete ruhig, daß er nie mehr zurückkehren und ihm unter die Augen treten würde (V.29). Dies scheint jedoch der späteren Begegnung von Mose und Aaron mit dem Pharao zu widersprechen (2. Mo 12,31). Man könnte es so erklären, daß Mose in Vers 29 meinte, daß er wegen des Ärgers des Pharaos nie mehr in Gnade mit einem Wort Gottes vor ihn treten würde. Mit anderen Worten, wenn Mose den Pharao wiedersehen würde, dann nur, um ein unwiderrufliches Gericht zu verkündigen oder auf des Pharaos Bitte hin, damit dieser Mose und den Israeliten die Erlaubnis geben könnte, das Land zu verlassen.

[[@Bible:Exod 11:1]]j.10. Plage: Tod der Erstgeborenen (11,1-12,36)

Nach den drei Zyklen von je drei Plagen war Ägypten ruiniert. Gott hatte seine große Macht gezeigt, indem er die Ohnmacht der Götter Ägyptens bewies. Indem er die mächtige Nation wirtschaftlich zerstörte, sähte er Furcht in die Herzen der Bevölkerung. Er hatte die Ägypter so weit gebracht, daß sie sehnsüchtig auf die Abwanderung der Israeliten warteten, auch wenn der Pharao selbst noch gedemütigt werden mußte. Die zehnte Plage würde großes Leid in jede ägyptische Familie mit Kindern bringen und schließlich zur Befreiung des Volkes Gottes führen.
(1) Die Ankündigung der letzten Plage (2. Mo 11)

2. Mo 11,1-3: Nach einer weiteren Plage, sagte Gott, würde der Pharao seine Sklaven ohne irgendwelche Einschränkungen (vgl. dagegen 2. Mo 8,21.24; 2. Mo 10,11. 24) freilassen. Bis dahin hatte Mose nicht gewußt, wieviele Plagen über das ägyptische Volk kommen sollten. Im Hinblick auf ihre baldige Befreiung sollten die Israeliten Silber und Gold von den Ägyptern erbitten, die ihnen wohl günstiger gesonnen waren als der Pharao (vgl. 2. Mo 3,21-22; 2. Mo 12,35-36). Sogar Mose selbst war beim Volk und bei den Hofbeamten des Pharaos hoch angesehen, wahrscheinlich wegen der Wunder, die sie gesehen hatten. Dies kann eine Erklärung dafür sein, daß die Ägypter den Israeliten einige ihrer wertvollsten Schmuckstücke gaben.
2. Mo 11,4-8: Wie die dritte, sechste und neunte Plage kam auch die zehnte ohne Vorwarnung an den Pharao und ohne jede Möglichkeit für ihn, vorher umzukehren. Wahrscheinlich setzen diese Verse die Begegnung zwischen dem Pharao und Mose in 2. Mo 10,24-29 fort. Das Gericht wurde sehr detailiert angekündigt: In jeder ägyptischen Familie würde der erstgeborene Sohn um Mitternacht sterben, und zwar von den Ärmsten der Armen (der erstgeborene Sohn einer Sklavin) bis zur königlichen Familie (der erstgeborene Sohn des Pharao). Ein solches Wehgeschrei, wie über den Verlust der Söhne, sollte noch nie dagewesen sein. - Der Erstgeborene wurde in Ägypten besonders geehrt, und der Sohn des Pharaos als Thronerbe sogar als Gott angesehen.
Warum wollte Gott einen solchen Schmerz über die Ägypter bringen? Gott ist in seinem Handeln an den Menschen souverän. Das Aufblühen von Völkern und das Gericht über sie hängt nicht davon ab, wen er leiden kann und wen nicht. Gott möchte seinen Willen auf der Erde erfüllen. Weil er allein heilig ist, hat er das Recht, Menschen zu gebrauchen und beiseite zu stellen.
Alles, was Gott tut, ist gerecht, weil er Gott ist (Ps 115,3). Außerdem muß man sich vergegenwärtigen, daß die Ägypter Vielgötterei betrieben und vielen Götzenbildern und falschen Göttern dienten. Wer sich weigert, dem wahren Gott zu dienen, kommt unter sein Gericht (vgl. Röm 1,18-23).
Die Göttin Isis, die Frau und Schwester von Osiris, sollte angeblich Kinder beschützen.



Aber die Plage zeigte, daß sie völlig unfähig zu dem war, woran die Ägypter glaubten.
Die Israeliten sollten durch diese große Plage niemanden verlieren. Um Mitternacht würde noch nicht einmal ein Hund bellen (wörtl.: »kein Hund wird seine Zunge schärfen«). Das heißt, daß kein Hund knurren oder beißen würde, weil dem Volk Gottes nichts zuleide getan würde. Durch diese besondere Behandlung der Hebräer sollte Ägypten erkennen, daß Gott Israel erwählt hatte (vgl. 2.Mose 8,18; 2. Mo 9,4). Deshalb sollten nun die Beamten des Pharaos, die nach der achten Plage ihren König gedrängt hatten, die Israeliten ziehen zu lassen (vgl. 2. Mo 10,7), Mose direkt bedrängen, mit seinem Volk fortzuziehen.
In verschiedenen Begegnungen hatte Mose dem Pharao die Befreiung des Volkes als Möglichkeit, die Plagen loszuwerden, angeboten. Diesmal war es anders. Die Plage würde kommen, dann würde der Pharao das Volk ziehen lassen. Die grimmige Ankündigung durch Mose war endgültig. Er würde dem Pharao nie wieder mit dem Angebot zur Umkehr gegenübertreten (vgl. den Kommentar zu 2. Mo 10,28-29). An den bisherigen Plagen waren Mose und Aaron beteiligt, aber dieses letzte Gericht sollte allein das Werk Gottes sein.
2. Mo 11,9-10: Diese Verse fassen noch einmal den widerspenstigen Geist des Pharaos zusammen. Gott hatte ja angekündigt, daß der Pharao sich weigern würde, zu gehorchen (vgl. 2. Mo 7,22). Diese Weigerung führte zu Gottes Wundern in einem götzendienerischen Land und zur Verhärtung des Herzens des Herrschers durch den Herrn (vgl. den Kommentar zu 2. Mo 4,21).
(2) Die Feier des ersten Passafestes (2. Mo 12,1-28)
Anstatt sich auf die Begegnung zwischen Mose und dem Pharao zu konzentrieren, schwenkt die Erzählung zu Mose und dem Volk Israel über. Der Abschnitt besteht aus zwei Teilen: die Anweisungen des Herrn an Mose bezüglich des Festes (V.1-20) und die erste Feier des Festes (V.21-28).
2. Mo 12,1-2: Zunächst einmal ordnete Gott Mose und Aaron die Zeit des Passafestes an. Das Fest sollte den Beginn eines neuen Zeitalters in der Geschichte Israels darstellen (der erste Monat, der erste Monat eures Jahres). Obwohl die Ereignisse dieses Kapitels im siebten Monat des zivilen Jahres stattfanden, ist dies der erste Monat im religiösen Kalender Israels. Heute liegt er im September/Oktober. Dieser Monat sollte Abib (wörtl.: »frische, junge Ähren«, z.B. von der Gerste) heißen. Er sollte zur Zeit der Gerstenernte liegen (etwa März/April). Mit einem neuen Kalender erhielten die Israeliten eine neue Identität als das geliebte Volk des wahren Gottes.
Nachdem Israel in die babylonische Gefangenschaft geriet, erhielten der 4. und der 12. Monat babylonische Namen. Der April wurde Nisan genannt (vgl. Neh 2,1; Est 3,7), was soviel wie »früh« oder »Anfang« bedeutet. (Vgl. die Übersicht »Der Kalender in Israel«).
2. Mo 12,3-6: Der Ausdruck »die ganze Gemeinde Israel« (vgl. V.6) wird hier zum ersten Mal im AT auf das Volk angewandt. Das Wort legt einen Neubeginn nahe. Die Feier des Passafestes fand in den Häusern statt. Am 10. Tag des Monats (März/April) sollte jede israelitische Familie ein Lamm oder ein Zicklein auswählen (seh wird mit Lamm übersetzt, kann aber sowohl ein junges Schaf als auch eine junge Ziege meinen). Wenn eine Familie zu klein war, um ein ganzes Tier zu essen, konnten Absprachen getroffen werden, um das Mahl mit einer anderen Familie zu teilen. Das Tier mußte ein Jahr alt, männlich und ohne Fehler sein. Vier Tage später (am 14. Tag) mußte jedes Tier in der Dämmerung (wörtl. »zwischen zwei Abenden«) getötet werden. Dies bedeutete entweder die Zeit zwischen Sonnenuntergang und völliger Dunkelheit oder die Zeit zwischen 3 und 5 Uhr nachmittags. Die letztere Zeitspanne ist vermutlich die richtige, da sie mehr Zeit für das Schlachten und Vorbereiten der Tiere lassen würde, die später nötig war, als viele Opfer gleichzeitig im Heiligtum dargebracht wurden.
2. Mo 12,7-11: In diesen Versen folgen Anweisungen, wie das Passa begangen werden soll. Auch wenn das Fest eigentlich im Haus eines jeden Israeliten gefeiert wurde, sollte sie ihr geeinter und gleichzeitiger Gottesdienst zu einer einzigen Gemeinschaft zusammenfügen (vgl. V.3). Das Blut mußte an die Türrahmen des Hauses gestrichen, das Fleisch des Tieres gebraten und vom Volk zusammen mit bitteren Kräutern und ungesäuertem Brot gegessen werden. Das Schlachten der Tiere anstelle der Erstgeborenen der Israeliten (V.13) und das Besprengen mit Blut ist ein Bild für den stellvertretenden Tod Jesu Christi. Er ist unser Passalamm (1.Kor 5,7), ein Lamm ohne Schuld und Fehler (1.Petr 1,19; vgl. Joh 1,29). Sein eigenes Opfer ist der Weg, durch den der einzelne Gläubige dem Schrecken des geistlichen Todes entflieht.
Bittere Kräuter (wahrscheinlich Endivie, ChicorÆee und Löwenzahn) symbolisierte Leid und Trauer (vgl. Klgl 3,15) für vergangene Sünden oder die bitteren Erfahrungen der Unterdrückung in Ägypten. Das ungesäuerte Brot symbolisierte den hastigen Aufbruch (2.Mose 12,11.39; 5.Mose 16,3). Das Fleisch sollte gebraten und nicht roh gegessen werden, wie es einige Heidenvölker taten. Das Volk sollte das gesamte Mahl schnell essen und dabei für die Reise fertig angezogen sein (zu die Lenden gegürtet vgl. den Kommentar zu »Gürte doch wie ein Mann deine Lenden« zu Hiob 38,3; Hiob 40,7).
Unter dem Schutz des vergossenen Blutes sollte sich die Gemeinde an die Reinigung von den Sünden (vgl. Hebr 9, 22) und an die Fremdlingschaft in einem fremden Land erinnern. Es ist das Passa des HERRN meint, daß das Passafest für den Herrn gefeiert wurde (vgl. »ein Fest für den Herrn«, 2.Mose 12,14).
2. Mo 12,12-14: Gott sagte, daß er in derselben Nacht (um Mitternacht, 2. Mo 11,4; 2. Mo 12,29), nachdem die Israeliten ihr Passalamm mit Kräutern und Brot gegessen hätten, die erstgeborenen Söhne und Tiere in jeder ägyptischen Familie töten würde (vgl. 2. Mo 11,5; 2. Mo 12,29-30). Der Sinn dieser Plage entsprach dem Sinn der anderen Plagen, nämlich das Gericht über die Götter Ägyptens zu bringen (vgl. 4.Mose 33,4) und dadurch zu zeigen, daß Gott der Herr ist. Der älteste Sohn und Thronfolger des Pharaos wurde für göttlich gehalten. Min, der ägyptische Gott der Fortpflanzung, und Isis, die Göttin der Liebe, die Frauen bei der Geburt besuchte, wurden durch diese, alle anderen übertreffende Plage und Katastrophe gerichtet.
Das an die Häuser der Israeliten gesprengte Blut schützte vor dem Tod, während Gott die Erstgeburt der Ägypter schlug. Der Name des Festes >Passa< (pesah) kommt von dem Verb >vorübergehen< (pasah). So wie das Blut der Tiere das Mittel war, befreit zu werden und dem Tod zu entkommen, so ist das Blut Christi das Mittel der Erlösung der Gläubigen (Röm 5,9; Eph 1,7).
Das Passa sollte jährlich von allen Nachkommen als ewige Ordnung (vgl. 2.Mose 12,17.24; 2. Mo 13,10) gefeiert werden. Andere jährliche Ereignisse, Feste und levitische Anordnungen wurden ebenfalls »ewige Ordnung« genannt (z.B. 2. Mo 27,21; 2. Mo 28,43; 2. Mo 29,9; 2. Mo 30,21; 3.Mose 16,29.31.34; 3. Mo 23,14.21.41). Das Passafest war ein Fest für den HERRN (vgl. 2.Mose 5,1; 2. Mo 10,9).
2. Mo 12,15-20: Anschließend gab Gott Anweisungen für das Fest der ungesäuerten Brote als Nationalfest der Befreiung Israels aus Ägypten. Das Passafest und das Fest der ungesäuerten Brote waren so eng miteinander verbunden, daß beide oft als ein Fest angesehen wurden (vgl. Lk 2,41; Lk 22,1; vgl. die Kommentare zu Lk 22,7-38 und Joh 19,14). Das Fest der ungesäuerten Brote sollte sieben Tage (2.Mose 13,6-7), vom 15. bis zum 21. des Monats (3.Mose 23,6; 4.Mose 28,17), dauern. Beim Passafest durfte auch kein gesäuertes, d.h. mit Hefe durchsetztes, Brot gegessen werden (2.Mose 12,8). Die Häuser sollten von der Hefe gereinigt werden (V.15-16), die ein Bild für die Sünde ist (1.Kor 5,8). Das Fehlen der Hefe zeigt, daß diejenigen, die in der Sicherheit des vergossenen Blutes leben, vor einem heiligen Gott frei von aller Verdorbenheit der Sünde waren. Wenn jemand irgendetwas Gesäuertes während der Festtage aß, sollte er aus Israel ausgerottet werden (2.Mose 12,19), d.h. er sollte aus dem Lager ausgeschlossen werden und alle Bundesrechte verlieren, was wohl zum Tod führte. Außerdem sollte sich das Volk am ersten und am siebten Tag zu einem speziellen Gottesdienst versammeln. Außer der Essenszubereitung war in der ganzen Woche keine Arbeit erlaubt. Wie das Passafest sollte auch das Fest der ungesäuerten Brote eine ewige Ordnung (V.17; vgl. V.14) sein und späteren Generationen Segen bringen. Sowohl das Passafest als auch das Fest der ungesäuerten Brote sollten eine »Ordnung«, der man gehorchen (V.14. 17.24), und ein »Brauch«, den man befolgen sollte (V.25-26), sein. Das Passa war ein »Fest« (V.14), das ein »Opfer« einschloß (V.27). Die Verse 19-20 wiederholen die Anweisungen des Verses 15, um ihn zu betonen.
2. Mo 12,21-28: Mose gab nun den Ältesten für das Passafest Anweisungen (V.21- 23), die denen entsprachen, die der Herr Mose gegeben hatte (V.3-11). Das Blut sollte mit einem Büschel Ysop, einer verbreiteten, buschigen Pflanze, die auf felsigem Untergrund wächst, an den Türrahmen (V.7) gestrichen werden. Diese Pflanze wurde oft bei israelitischen Reinigungshandlungen verwendet (3.Mose 14,4.6.49. 51-52; 4.Mose 19,6.18). Der Verderber (vgl. Hebr 11,28), der die Erstgeborenen tötete, könnte der >Engel des Herrn< (Christus vor seiner Fleischwerdung, vgl. den Kommentar zu 1.Mose 16,9) oder ein Engel gewesen sein.
Anschließend wurde das Volk Gottes ermahnt, das Passafest auf jeden Fall auch in dem Land zu feiern, das Gott ihnen versprochen hatte, und ihren Kindern seine Bedeutung zu erklären (2.Mose 12,26-27; vgl. 2. Mo 13,14-15). Das Volk war für die baldige Befreiung aus der jahrhundertelangen Sklaverei dankbar und betete den Herrn an. Dann führten sie seine Gebote aus.
(3) Das Verderben durch die Plage (2. Mo 12,29-36)
Die ausführlichen Anweisungen über das Passafest und das Fest der ungesäuerten Brote erhöhen die Spannung, die zu dem Höhepunkt im Gericht über die Erstgeborenen Ägyptens (V.29-30) und der Befreiung der Israeliten (V.31- 36) führt.
2. Mo 12,29-30: Die zehnte Plage wird mit ihrer Zeit (Mitternacht), ihrem Ausmaß (jeder Erstgeborene; vgl. 2. Mo 4,22-23) und ihrem Ergebnis (lautes Geschrei; vgl. 2. Mo 11,6) beschrieben. Die Nation wurde von großem Leid ergriffen, als Gott die geliebten Söhne der Familien aller Gesellschaftsschichten, vom König bis zum politischen Gefangenen (vgl. 2. Mo 11,5) tötete. Dieses Leid ist zugleich eine eindrückliche Erinnerung an den Zorn Gottes gegen die Sünder und den schmerzhaften Preis für die Sünde. Offensichtlich hatte »eine mächtige Hand«, nämlich die Gottes, den Pharao gezwungen, Gottes Volk ziehen zu lassen (2. Mo 3,19)!
2. Mo 12,31-33: Als Antwort auf die Tragödie entließ der Pharao die Israeliten in derselben Nacht ohne irgendwelche Einschränkungen. Er befahl ihnen sogar, zu gehen. Gott hatte verheißen: »Er wird euch ziehen lassen« (2. Mo 3,20; 2. Mo 6,1). Der Pharao, der als Gott angesehen wurde, war nun so gedemütigt, daß er Mose und Aaron bat, für ihn um Segen zu beten (vgl. 2. Mo 8,28). Er wollte unter dem Segen Jahwes sein, nicht unter dem Fluch der Plage. Auch das ägyptische Volk drängte die Israeliten, fortzuziehen, weil sie fürchteten, daß sie alle sterben müßten.
2. Mo 12,34-36: Der Auszug geschah so plötzlich, daß das Volk den ungesäuerten Teig roh mitnahm, weil es keine Zeit mehr hatte, Brot daraus zu machen (V.39). Die Plage bewies Gottes Macht und verschaffte den Israeliten solche Gunst bei den Ägyptern, daß diese bereit waren, ihnen alles zu geben, um den Auszug zu beschleunigen. Sie gaben ihnen sogar ihren wertvollen Schmuck und Kleidung (vgl. 2. Mo 3,21-22; 2. Mo 11,3). So erfüllte sich Gottes Verheißung an Abraham über die Gefangenschaft seiner Nachkommen (1.Mose 15, 13-14): »Aber ich will das Volk richten, dem sie dienen müssen. Danach sollen sie ausziehen mit großem Gut«. Sie erhielten damit einigen »Lohn« für die 400 Jahre des Sklavendienstes.

[[@Bible:Exod 12:37]]D.Die Befreiung Israels aus Ägypten (12,37-18,27)


Dieser Abschnitt berichtet den Auszug der Hebräer von dem Moment an, als sie Ramses verließen bis zur ihrer Ankunft am Berg Sinai drei Monate später. Durch das Besprengen mit Blut war das Volk vom Tod befreit worden (2. Mo 12,13); jetzt wurden sie von der Knechtschaft befreit, und ihr Blick sollte sich auf ein Leben in Heiligkeit und Gottesdienst richten.

[[@Bible:Exod 12:37]]1.Die Flucht in Ägypten bis zum Meer (12,37-13,22)


2. Mo 12,37-42: Von Ramses aus, wo das Volk offensichtlich konzentriert war (vgl. 2. Mo 1,11), reisten sie nach Sukkot, dem heutigen Tell el-Maskhutah in der Nähe des Sees Timsah. Die Zahl der israelitischen Männer betrug etwa 600000 (2. Mo 38,26 und 4.Mose 1,46 gibt die genaue Zahl 603550 an). Mit Frauen und Kindern dürfte die Gesamtzahl etwa zwei Millionen betragen haben. Mit ihnen zogen Nichtisraeliten von unbestimmter Zahl, offensichtlich eine zusammengewürfelte Gruppe (in 4.Mose 11, 4 Pöbel genannt). In der Wüste veranlaßten sie die Israeliten gegen Mose aufzubegehren (4.Mose 11,4).
Auf dem Weg buk das Volk ungesäuertes Brot (vgl. 2.Mose 12,34). Mose schloß diesen Abschnitt über den Beginn des Auszuges mit einem historischen Hinweis, einer Erinnerung an Gottes Treue und einem Aufruf zum Gedenken in der Zukunft. Die Zeit, die die Israeliten in Ägypten verbrachten, wird hier mit 430 Jahren (vgl. Gal 3,17) angegeben, während andere Abschnitte von 400 Jahren (1.Mose 15,13. 16; Apg 7,6) oder »etwa 450 Jahren« (Apg 13,20; vgl. den Kommentar dort) sprechen. Offensichtlich betrug die gesamte Zeit in Ägypten tatsächlich 430 Jahre (von 1876 v.Chr. bis 1446 v.Chr.; vgl. die Kommentare zu Apg 7,6 und Gal 3,17). Die Tatsache, daß Gott in der Nacht des Auszuges über seinem Volk gewacht hatte, sollte in Erinnerung bleiben. Weil der Herr über sie wachte, sollten sie darüber wachen, ihm zu dienen und ihn zu verehren. Sie sollten wachsam sein, weil er es auch ist.
2. Mo 12,43-51: In Sukkot erhielten Mose und Aaron Anweisungen über das Feiern des Passafestes (V.43-51) und über die Heiligung der Erstgeburt (2. Mo 13,1- 16). Die verschiedenen Anweisungen wurden offensichtlich wegen der Nichtisraeliten notwendig, die sich dem Auszug und der Religion der Hebräer anschlossen. Wenn sich jemand nicht durch den Beschneidungsritus mit den Bundesverheißungen einsmachte, konnte er das Passafest nicht feiern (12, 44. 48-49). Das Fest sollte sich auf die Häuser konzentrieren, aber von der ganzen Gemeinde ausgeführt werden.
2. Mo 13,1-16: Nach einer einführenden Erklärung über die Erstgeborenen der Israeliten (V.1-2), die dem Dienst des Herrn geweiht werden sollten (denn sie waren in der zehnten Plage verschont worden), sprach Mose wieder zum Volk über das Passafest und das Fest der ungesäuerten Brote (V.3-10) und kehrte dann zum Thema des Erstgeborenen zurück (V.11-16).
Wieder erinnerte Mose das Volk an die Bedeutung des Tages ihrer Errettung (vgl. 2. Mo 12,24-27) aus dem Land der Sklaverei (wörtl. »Sklavenhaus«) in das Land der Verheißung durch Gottes mächtige Hand (vgl. den Kommentar zu 2. Mo 3,19). (Zu den Kanaanitern und anderen Gruppen, die in 2. Mo 13,5 erwähnt werden, vgl. den Kommentar zu 2. Mo 3,17; zu dem Land, in dem Milch und Honig fließt, vgl. den Kommentar zu 2. Mo 3,8). An dieses siegreiche Ereignis sollte man sich jährlich bei der Zeremonie des siebentägigen Festes der ungesäuerten Brote erinnern.
So wie das Passa (2. Mo 12,26-27) hatte auch das Fest der ungesäuerten Brote zu Hause großen erzieherischen Wert (2. Mo 13,8-9). Das Fest war wie ein Zeichen auf ihrer Hand oder Stirn, d.h. es war eine ständige Erinnerung an Gottes mächtige Errettung aus Ägypten. Manche orthodoxe Juden legen heute diese Passage (und 5.Mose 6,8; 2. Mo 11,18) wörtlich aus und binden Abschnitte des Gesetzes (nämlich 2.Mose 13,2- 10; 5.Mose 6,4-9.5. Mo 11,18-21) in kleinen Beuteln, sogenannten Phylakterien, auf Arm und Stirn, obwohl dies wahrscheinlich nicht Gottes Absicht gewesen war.
Wenn sie einmal im Land der Verheißung waren (2.Mose 13,11), sollte die Erstgeburt der Söhne und männlichen Tiere dem Herrn geweiht werden (vgl. V.2; 4.Mose 18,15). Die Tiere waren miteingeschlossen, weil »sie auch von der Erlösung«, die Gott in der 10. Plage geschenkt hatte, »ihren Vorteil hatten« (Davis, Moses and the Gods of Egypt, S.154). Weil Esel für die Feste als unrein galten konnten sie nicht geopfert, jedoch durch Lämmer, die an ihrer Stelle geopfert wurden, ausgelöst werden (padâh, »für einen Preis zurückkaufen«). Da Menschenopfer aber natürlich unannehmbar waren, wurden die hebräischen Söhne ebenfalls »ausgelöst«. Auch das hatte in den Häusern Lehrwert (vgl. 2.Mose 12,26-27; 2. Mo 13,8). Die ägyptischen Erstgeborenen waren im Gericht getötet worden, die israelitischen »Erstgeborenen« dagegen wurden entweder als stellvertretendes Opfer getötet (die Tiere) oder ausgelöst (die Söhne). So wie das Fest der ungesäuerten Brote (V.7-9) war die Hingabe des Erstgeborenen ein Zeichen und Symbol, eine Erinnerung an Gottes mächtige Errettung (V.16). Beide waren Erinnerungen an Gottes gnädige Errettung aus dem Land der Sklaverei.
2. Mo 13,17-22: Der kürzeste Weg in das Land Kanaan führte durch das Gebiet der Philister in Richtung auf Beerscheba und den Negev. Er ging am Mittelmeer entlang, der Militärstraße der Ägypter. Aber die von Gott ausgesuchte Route ging nach Südosten in Richtung auf den Sinai zu, um eine mögliche militärische Auseinandersetzung mit den ägyptischen Wachen zu vermeiden, die das Volk hätten ermuntern können, nach Ägypten zurückzukehren. Die genaue örtliche Festlegung der Wüstenroute ist unsicher, aber möglicherweise führte sie zu den Bitteren Seen (vgl. die Karte »Mögliche Route des Auszugs aus Ägypten« bei 4.Mose 33,1-5). Bewaffnet für den Kampf heißt möglicherweise eher organisiert für den Marsch, als mit Waffen, Pfeilen und Bogen für den Krieg ausgerüstet.
Mose hatte von Josefs Bitte gehört, seine Gebeine aus Ägypten mitzunehmen (vgl. 1.Mose 50,25), und so achtete er diese Bitte. Später wurden die Gebeine Josefs in Sichem begraben (Jos 24,32). Stephanus wies darauf hin, daß die Überreste der anderen Söhne Jakobs ebenfalls dorthin gebracht worden waren (Apg 7,15-16; vgl. den Kommentar dort).
Nach einiger Zeit in Sukkot zogen die Israeliten nach Etam (vgl. die Karte »Mögliche Route des Auszugs aus Ägypten« bei 4.Mose 33,1-5). Die Israeliten, die auf übernatürliche Weise tagsüber durch eine Wolkensäule, nachts durch eine Feuersäule geführt wurden, zogen offensichtlich jeden Tag ein Stück weiter. Die Wolke symbolisierte darüber hinaus, daß sie führte, auch die Gegenwart Gottes und versicherte den Israeliten seine Güte und Treue. (Es war nur eine Wolke, keine zwei; vgl. 2.Mose 14,24.) Das Volk wurde zum Rand der Wüste gebracht (vgl. 4.Mose 33,6).

[[@Bible:schilf]]2.Der Durchzug durch das Rote (Schilf-) Meer (2. Mo 14)


[[@Bible:schilf]]a.Das Lager beim Roten (Schilf-) Meer (14,1-4)

2. Mo 14,1-4: Nachdem die Israeliten einige Tage lang auf südöstlichem Wege gereist waren, und sich eine Zeit bei Etam gelagert hatten, befahl der Herr Mose, das Volk anzuweisen, daß es nach PiHahirot zwischen Migdol und dem Meer und gegenüber Baal-Zefon umkehre (vgl. 4.Mose 33,7). Diese Städte lagen östlich von Ramses. Dieser Richtungswechsel würde den Pharao denken lassen, daß die Israeliten in Verwirrung waren. Als ein Ergebnis der Verhärtung seines Herzens durch Gott (vgl. den Kommentar zu 2.Mose 4,21) würde er versuchen, das Volk wieder zu versklaven. Dann würde Gott seine furchteinflößende Macht durch ein weiteres großes Gericht deutlich machen.
Das Schilfmeer wird in 2. Mo 10,19; 2. Mo 13,18; 2. Mo 15,4.22 Rotes Meer genannt. »Rotes Meer« (yam sûp) heißt wörtlich »Schilf- (Papyrus) Meer«. Mehrere Gründe weisen darauf hin, daß es weiter nördlich als die nördliche Spitze des Golfes von Suez lag (der nordwestliche »Finger« des Roten Meeres zwischen Ägypten und der Sinai-Halbinsel): (1) Der Golf von Suez weist kein Schilf auf. (2) Die nördlichste Spitze des Golfes von Suez liegt viel weiter südlich als Pi-Hahirot und Migdol. (3) Das Gebiet, in dem sich die Israeliten lagerten, war sumpfig. Das gilt jedoch nicht für das Land westlich vom Golf von Suez. (4) Von »dem Meer« aus zogen die Israeliten in östlicher oder südöstlicher Richtung in die Wüste Schur (2. Mo 15,22), die auch Wüste Etam genannt wird (4.Mose 33,8), im nordwestlichen Teil der Sinai-Halbinsel. Möglicherweise war also das Meer, das der Herr für die Israeliten austrocknen ließ, der See Bala (vgl. die Karte »Mögliche Route des Auszugs aus Ägypten« bei 4.Mose 33,1- 5).

[[@Bible:Exod 14:5]]b.Die Verfolgung durch die Ägypter (14,5-9)

2. Mo 14,5-9: Als dem Pharao und seinen Großen die Konsequenzen der Freilassung der Hebräer bewußt wurden (wir haben ihre Dienste verloren; vgl. 2. Mo 1,14), waren sie fest entschlossen, die Flucht zu verhindern. Obwohl die israelitischen Männer über 600000 an der Zahl waren, wurde der Pharao durch die Tatsache, daß die Israeliten scheinbar unentschlossen zu sein schienen, und durch seine eigene, überragende militärische Tüchtigkeit ermutigt. Möglicherweise war der Pharao von dem Wegzug der Israeliten von Ramses unmittelbar am 15. Tag des Monats unterrichtet worden. Aber ohne Zweifel reagierte er nicht augenblicklich, denn die Ägypter waren damit beschäftigt, ihre Toten zu begraben und zu betrauern (vgl. 4.Mose 33,3-4) und weil Mose wiederholt von einer »Dreitagesreise« gesprochen hatte (2.Mose 3,18; 2. Mo 5,3; 2. Mo 8,23). Als sich der Pharao später darüber klar wurde, daß der Wegzug der Israeliten nicht nur vorübergehender Natur war, brachte er 600 Streitwagen, Wagenlenker und Truppen zusammen und holte die Israeliten bei Pi-Hahirot ein.

[[@Bible:Exod 14:10]]c.Das Schreien des Volkes und der Glaube Moses (14,10-14)

2. Mo 14,10-14: Als die Wagenlenker und bewaffneten Truppen des Pharaos herankamen, ergriff das ganze Lager Angst. Die Israeliten waren zwischen dem Roten Meer (wörtl. »Schilf- [Papyrus-] Meer«; vgl. den Kommentar zu V.2) vor und einem schweren Gegner hinter sich wie in einer Falle gefangen. Die Reaktion der Israeliten war hier dieselbe, wie durch das ganze Buch hindurch (vgl. 2. Mo 5,21) in Zeiten von Zwang und Ängsten. Obwohl sie zum Herrn schrien, hatten sie kein Vertrauen, daß er ihnen helfen könnte. Schnell war die Vergangenheit vergessen, und sie klagten Mose voll Bitterkeit an, daß er sie betrogen habe, indem er sie in die Wüste führte, damit sie dort sterben sollten. Haben wir nicht in Ägypten gesagt: Laß uns in Ruhe, und laß uns den Ägyptern dienen? Mose erkannte, daß die Angst ihr Gedächtnis verwirrt hatte und Zorn gegen ihn entstehen ließ. So trachtete er danach, ihnen zu versichern, daß der Herr sie erretten würde, indem er für sie stritte (vgl. 2. Mo 15,3; Ps 35,1), während sie beständig im Vertrauen bleiben sollten. Es ist überraschend, daß das Volk Gottes voller Mißtrauen und Angst war, als der größte Augenblick ihrer Erlösung herannahte.

[[@Bible:schilf]]d.Die Teilung des Roten (Schilf-) Meeres (14,15-22)

Gott teilte Mose seine Absichten mit (V.15-18). Der Engel Gottes beschützte die Israeliten (V.19-20), und sie zogen auf trockenem Land hindurch (V.21-22).
2. Mo 14,15-18: Gott übermittelte Mose, daß er das Volk auf wunderbare Weise durch das Meer hindurchretten würde. Mose brauchte nur seinen Stab über das Meer auszustrecken, und das Wasser sollte sich teilen, und der Grund des Meers würde trockener Boden sein. Die Wagenlenker des Pharaos würden in ihrer Torheit den Israeliten in das Meer folgen. Dort würde Gott, so wie bei den Plagen, seine Macht und Herrlichkeit in der Zerstörung des ägyptischen Heeres erweisen. Die Ägypter, so sprach Gott, werden erkennen, daß ich der HERR bin.
2. Mo 14,19-22: Ein Engel Gottes, vielleicht eine Gotteserscheinung (vgl. den Kommentar zu 1.Mose 16,9) oder ein engelgleicher Bote, der vor den Israeliten hergezogen war, stellte sich hinter sie, um sie vor den angreifenden Ägyptern zu schützen. Der Engel wechselte vom Führer zum Wächter. Die ganze Nacht hindurch verursachte die Wolkensäule, die sich ebenfalls nach hinten zwischen die beiden Lager bewegt hatte, eine solche Dunkelheit, daß für die Ägypter ein Vorrücken des Heeres unmöglich war. In dieser Nacht tat Gott ein weiteres Wunder: Er teilte das Meer (vgl. Ps 74,13) durch einen starken Ostwind und trocknete den Meeresboden (vgl. Ps 66,6; Ps 106,9). Das Meer war tief genug (vgl. 2.Mose 15,5), daß später die Ägypter darin ertrinken konnten (2. Mo 14,28). Während der Wind den Meeresboden trocken und das Meer geteilt hielt, zogen die Israeliten durch das Meer (vgl. V.16; Ps 78,13) hindurch. Der Durchgang war vielleicht sehr breit, um 2 Millionen Menschen und ihren Herden den Durchzug zu ermöglichen. Es war ein wunderbarer Wind.
Gottes Errettung des Volkes Israel aus Ägypten schildert anschaulich seine Gnade, denn er erlöst sein ganzes Volk aus der Sklaverei. In einer machtvollen Entfaltung seiner Kraft befreite er Israel.

[[@Bible:Exod 14:23]]e.Die Vernichtung der Ägypter (14,23-31)

2. Mo 14,23-28: Als die Ägypter die Israeliten in dem trockenen Meeresbett verfolgten, verlangsamte der HERR bei der Morgenwache (in der Zeit zwischen 3 Uhr morgens und dem Sonnenaufgang) ihr Fortkommen, und sie wurden von Panik ergriffen. Nach Ps 77,16-19 schickte Gott einen heftigen Regenguß, Blitz und Donner sowie ein Erdbeben. Vielleicht tränkte der Regen den Meeresboden schnell, was die Räder der Streitwagen ausbrechen ließ. Hinzu kam das Heulen des Windes, der die Wasser wie eine Wand aufgebaut hatte. Die Ägypter versuchten, zu entkommen und erkannten, daß der Gott der Hebräer (der HERR) für Israel stritt (vgl. 2.Mose 14,14). Bei Tagesanbruch flossen die Wasser wieder zusammen, und die Ägypter wurden in das Meer gespült (wörtl. »hinuntergeworfen«). Die zusammenbrechenden Wasserwände vernichteten die Ägypter im Meer, so daß nicht ein einziger Soldat überlebte.
2. Mo 14,29-31: Gott errettete sein Volk durch trockenes Land hindurch, während er die Ägypter im Meer vernichtete; ihre toten Körper, die an die Küste trieben, waren eine schreckliche Erinnerung an die furchteinflößende Macht Gottes im Gericht. Als Folge davon fürchteten die Israeliten den HERRN und glaubten an ihn. Das Volk schwankte häufig zwischen Vertrauen und Klage, zwischen Glaube und Unglaube (2. Mo 4,31; 5, 21; 2. Mo 14,10-12.31; 2. Mo 15,24; 2. Mo 16,2-4; 2. Mo 17,2- 3).

[[@Bible:Exod 15:1]]3.Der Lobgesang Moses und Mirjams für die Errettung (15,1-21)


Das Murren und Klagen der Israeliten (2. Mo 14,10-12) wandelte sich in Anbetung um, in triumphierendes Lob, zu dem sie von Mose (2. Mo 15,1-18) und seiner Schwester Mirjam (V.19-21) angeleitet wurden.

[[@Bible:Exod 15:1]]a.Der Lobgesang Moses (15,1-18)

Dieses Lobgedicht besteht aus drei Hauptabschnitten (V.1-6.7-11.12-16) und einem Schluß (V.17-18). Am Ende jedes Abschnittes werden bestimmte Worte wiederholt: »Herr, deine rechte Hand« (V.6); »wer ist dir gleich?« (V.11); »bis dein Volk hindurchzog« (V.16).
2. Mo 15,1-6: Im ersten Abschnitt wird das Thema sofort angegeben - die Vernichtung der ägyptischen Armee im Meer (V.1; vgl. V.4). Mose erkannte die große Stärke (V.2; vgl. V.13) und Macht (V.6; vgl. V.16) des einzigen wahren Gottes an, der solch eine furchteinflößende Befreiung (Errettung) herbeigeführt hatte. Aus diesem Grund, sagte Mose, brachte Gott ihn zum Jubeln (er ist mein Lobgesang).
2. Mo 15,7-11: Dieser zweite Abschnitt erläutert die Vernichtung der Ägypter durch Gott in Einzelheiten. Die Verse legen den Akzent auf die großartige Macht Gottes (deine große Majestät, V.7), der Herr über die Elemente ist und sie zur Vernichtung seiner Feinde gebraucht. Das Schnauben deiner Nase (V.8) bezieht sich auf den Wind, der das Meer teilte, du bliesest mit deinem Atem (V.10) auf den Wind, der die sich türmenden Wasser niederstürzen ließ. Dies sind poetische Anthropomorphismen. Die Ägypter, die auf ihren Sieg vertrauten (V.9), stürmten anmaßend gegen Israel an, aber Gott vernichtete sie völlig mit dem geringsten Kraftaufwand (sie sanken wie Blei; vgl. V.5, »sie sanken wie Steine«). Die Erkenntnis der mächtigen Werke Gottes führte Mose dazu, die Einzigartigkeit des Herrn zu preisen: Wer ist dir gleich? (vgl. Ps 35,10; Ps 71,19; Ps 77,14; Ps 89,7; Ps 113,5; Mi 7,18). Keiner ist in bezug auf Heiligkeit und Herrlichkeit wie er.
2. Mo 15,12-18: Darauf beschrieb Mose die Folgen der Errettung Israels durch solch einen großen Gott. Als ein Ergebnis dieses wunderbaren Triumphes durch seine rechte Hand (vgl. V.6) würde Gott in seiner unerschöpflichen Liebe (hesed, »treuen Liebe«) sein Eigentum in seine heilige Wohnung im verheißenen Land führen. Eine weitere Folge war, daß andere Völker Israel fürchteten, besonders jene Länder, in die Israel gerade jetzt hineinkommen sollte. Die Macht Ägyptens war ausgelöscht worden, das Land geschändet, sein Volk zog in Trauer fort und und sein Heer war zerstört. Andere Völker, die von der Macht des israelitischen Gottes hörten, duckten sich ängstlich. Das Volk der Philister, das hier zuerst erwähnt wird, gehörte zu den ersten, die von dem Durchzug durch das Rote (Schilf-) Meer hörten. Edom lag südlich und östlich des toten Meeres, Moab unmittelbar nördlich von Edom. Nach dem Bericht Josuas von der Landnahme hatten die Kanaaniter große Furcht vor den Israeliten (vgl. 5.Mose 2,25; Jos 2,9-11.24; Jos 5,1).
Moses Lied des Triumphes schließt die Versicherung ein (2.Mose 15, 17), daß Gott sein Volk in das verheißene Land und nach Jerusalem, dem Berg des Erbes Gottes, bringen werde, wo seine Gegenwart im Heiligtum offensichtlich war. Mose bestätigte auch die Tatsache, daß der Herr für immer über sein Volk herrscht. Gott mußte dafür gepriesen werden, wie er eine mächtige Errettung erwirkte, was er dann tat, um das Land zur Eroberung vorzubereiten, und was er in seiner ewigen Herrschaft noch tun würde.

[[@Bible:Exod 15:19]]b.Der Gesang Mirjams (15,19-21)

2. Mo 15,19-21: Obwohl Vers 19 auf den ersten Blick in der Erzählung an der falschen Stelle zu stehen scheint, wiederholt er doch ganz mit Absicht die Ursache für ein solches jubelndes Lob - die Vernichtung der ägyptischen Armee im Meer (vgl. V.1) und die Errettung der Israeliten. Dieser Vers besteht aus drei Sätzen, die (im Hebr.) je mit dem Wort Meer enden. Mirjam (vgl. 4.Mose 12,1-2) ist die erste Frau in der Bibel, die Prophetin genannt wird. Micha weist darauf hin, daß sie zusammen mit Mose und Aaron eine wichtige Führerrolle bei den Wanderungen Israels durch die Wüste innehatte (Mi 6,4).
Da Mose zur Zeit des Auszuges 80 Jahre alt war und Aaron 83 (2.Mose 7,7), war Mirjam möglicherweise in den 90ern, denn sie war bereits ein junges Mädchen, als Mose geboren wurde (2. Mo 2,4.7-9). Sie und die Frauen tanzten zusammen mit Tamburinen (vgl. 1.Sam 18,6) bei ihrer jubelnden Antwort auf Moses Gesang über Gottes Triumph über die Ägypter (vgl. 2.Mose 15,21 mit V. 1).

[[@Bible:Exod 15:22]]4.Der Zug zum Berg Sinai (15,22-18,27)


Nach der wunderbaren Erlösung aus der Sklaverei war das Volk Gottes voller Lob. Aber nun standen sie der Wildnis gegenüber. Würde die Freude über die Errettung und das Wissen, daß ihr Gott da war, ihnen die innere Stärke verleihen, um die vor ihnen liegenden Prüfungen durchzustehen? Dieser Teil des Buches beschreibt die Wanderungen des Volkes vom Roten (Schilf-) Meer zum Berg Sinai; eine dreimonatige Wanderung (2. Mo 19,1). Der Rest des Buches (2. Mo 19-40) beschreibt Gottes Handeln mit dem Volk während sie sich dort lagerten.

[[@Bible:Exod 15:22]]a.Die Versorgung mit Wasser bei Mara (15,22-27)

2. Mo 15,22-26: Nachdem die Israeliten das Gebiet um die Seen verlassen hatten, kamen sie in die Wüste von Schur im nördlichen Teil der Sinai-Halbinsel. Diese Wüste wurde auch die Wüste Etam genannt (4.Mose 33,8). Bei ihrem Zug nach Süden wanderten die Israeliten drei Tage ohne Wasser bis sie nach Mara kamen (vielleicht das heutige Ain Hawara). Aber sie konnten das Wasser nicht trinken, denn es war bitter. So klagten sie Mose an. Diese Reaktion ist im Licht ihrer erst kurz zurückliegenden Errettung und ihres triumphierenden Lobgesanges erstaunlich. Sie hatten ein großes Vorrecht gehabt; doch nun veranlaßte sie die Not sehr schnell, Mose anzugreifen (vgl. 2.Mose 14,10-12; 2. Mo 16,2; 2. Mo 17,3; 4.Mose 14,2; 4. Mo 16,11; 4. Mo 17,6).
Der Anblick des nicht trinkbaren Wassers entmutigte das Volk stark, aber Gott antwortete gnädig auf Moses Gebet und verwandelte das Wasser in Trinkwasser (2.Mose 15,25). Das Holz, das Mose in das Wasser warf, hatte keine magische Wirkung auf das Wasser. Es war nur einfach eine symbolische Handlung, mit der Mose am Wirken Gottes, dem Wunder, teilhatte. (In ähnlicher Weise hatte Mose seinen Stab über das Meer emporgehoben, 2. Mo 14,16).
Darauf gab der Herr dem Volk einen einfachen Grundsatz: Gehorsam bringt Segen, Ungehorsam Gericht. Die Krankheiten (vgl. 5.Mose 7,15; 5. Mo 28,60) beziehen sich vielleicht auf die Plagen oder, was noch wahrscheinlicher ist, auf Geschwüre (vgl. 5.Mose 28,27), die in der Deltaregion Ägyptens eine übliche Erscheinung waren. Das Verwandeln des Wassers in süßes Wasser mit Hilfe eines Astes war ein weiteres Wunder Gottes, um sein Volk unversehrt zu bewahren. Heute führt die Oase bei Ain Hawara nur bitteres Wasser.
2. Mo 15,27: Von Mara zog das Volk nach Elim, vielleicht das Wadi Gharandel etwa zwölf Kilometer südlich von Mara, wo bis heute reichlich Wasser und Schatten vorhanden sind. In Elim gab es 12 Wasserquellen und siebzig Palmbäume. Es wird nicht genau angegeben, wie lange das Volk dort lagerte. Vielleicht half der Umstand, daß Mose die Gegend gut kannte, Elim ausfindig zu machen.

[[@Bible:Exod 16]]b.Die Versorgung in der Wüste Sin (2. Mo 16)

(1) Die Versorgung mit Brot und Wachteln (2. Mo 16,1-20)
2. Mo 16,1-12: Von der Wüste Schur aus (2. Mo 15,22) kamen die Israeliten einen Monat später (vgl. 2. Mo 12,6) in die Wüste Sin zwischen Elim und Sinai. Als das Volk weiterhin in Richtung Sinai zog, versorgte der Herr sie mit mehreren Dingen einschließlich Brot (2. Mo 16,4) und Wachteln (V.13; vgl. V.8-12). Als sich die Wanderung in die Länge zog und Wochen dauerte, erschöpfte sich der Vorrat an Brot schließlich (vgl. 2. Mo 12,34), weshalb das erlöste Volk wieder gegen Mose murrte (vgl. 2. Mo 15,24). Der Mangel an Brot ließ das Volk ihre schreckliche Lage in Ägypten vergessen, nur noch an die Nahrung, die sie in Ägypten hatten, denken (vgl. 4.Mose 11,5) und deswegen die Beweggründe ihrer Führer anfechten. So wie bei der Klage des Volkes in Mara nach Wasser, antwortete der Herr unverzüglich, indem er ihnen Brot aus dem Himmel gab (das sie »Manna« nannten; vgl. den Kommentar zu 2.Mose 16,31). Das Brot kam früh am Morgen (V.8.12-13) - tatsächlich während der Nacht (4.Mose 11,9) - und schmolz in der Hitze des Tages (2.Mose 16,21). Jeden Tag durfte das Volk nur ausreichend Brot für diesen Tag sammeln. Das bedeutete, daß sie dem Herrn vertrauen mußten, daß er die Nahrung jeden Morgen neu schaffen würde. Am sechsten Tag sollten sie genug für diesen und den nächsten Tag sammeln, denn das Brot kam am siebten Tag nicht (V.5; vgl. V.26). Mose und Aaron rügten das Volk für ihr Murren gegen sie (V.7) und den Herrn (V.8), aber versicherten sie seiner Versorgung. Diese Versorgung ließ die Gemeinschaft wissen, daß er der Herr, ihr Gott (V.12) war.
2. Mo 16,13-20: An demselben Abend sorgte Gott, als Antwort auf den Wunsch des Volkes, für Fleisch (V.3; vgl. 4.Mose 11,31-32; diese Stelle nimmt auf ein anderes Ereignis Bezug; Ps 78,27-28; Ps 105,40). Er sandte auf wunderbare Weise Wachteln. Im Herbst ziehen diese kleinen Jagdvögel, die Fasanen und Schottischen Moorhühnern ähnlich sind, südlich von Palästina und Arabien nach Zentralafrika und kehren im Frühjahr zurück. Die ägyptische Kunst stellt Menschen dar, die diese Vögel in Handnetzen fangen.
Das Brot (vgl. 2.Mose 16,4.12) kam mit dem Tau. Wenn der Tau fort war, lagen dünne Flocken in der Wüste. Das Volk, das so etwas nie zuvor gesehen hatte, fragte: man hû´; was ist das? (vgl. den Kommentar zu »Manna« bei V.31). Weil es vom Himmel herabgesandt worden war, nannte es der Psalmist Asaf »das Brot der Engel« (Ps 78,25). Gott befahl ihnen, einen Gomer davon pro Person in die Zelte zu nehmen (vgl. die Tabelle »Biblische Maße und Gewichte« vor 1.Mose), was die Israeliten auch gehorsam taten (2.Mose 16,17). Trotzdem hoben einige von ihnen, der Anweisung nicht gehorchend, einiges davon bis zum Morgen auf. Wegen ihres Mangels an Glauben ließ Gott ihr Brot verderben.
(2) Die Einrichtung der Sabbatruhe für das Volk
2. Mo 16,21-30: Dies ist die erste Erwähnung des Sabbats in der Bibel. Nach seinem Sechstagewerk der Schöpfung ruhte Gott am siebten Tag aus (1.Mose 2,2-3). Die hebr. Worte für »siebter« und »ruhte« sind einander sehr ähnlich. Später wurde Gottes Gebot an die Israeliten, am Sabbat zu ruhen, Bestandteil des Dekalogs (2.Mose 20,8-11). Der größte Teil des Volkes befolgte die Anordnungen des Herrn (2. Mo 16,4) und sammelte nur ausreichend Brot für den jeweiligen Tag und zweimal soviel am sechsten Tag, weil der siebte ein Ruhetag sein sollte (V.23; vgl. V.26), ein heiliger Sabbat des HERRN (vgl. V.26). An diesem Tag wurde ihnen kein Brot gegeben, aber ein Teil des Brotes des sechsten Tages sollte gebacken oder gekocht werden, um es für den siebten aufbewahren zu können. Etliche vom Volk, die Gottes Anweisungen mißachteten, gingen aber am siebten Tag hinaus, um das Brot zu sammeln. Mangel an Glauben an Gottes Wort ist Ungehorsam. Der Herr fragte sie in seinem Unmut: Wie lange wollt ihr euch weigern, meine Gebote und meine Weisungen zu befolgen?
(3) Die Errichtung eines Gedenksteines für Gottes Gnade in der Wüste
2. Mo 16,31-36: Das Volk nannte das Brot Manna (man hû´, »was ist das?« vgl. V.15). Es waren dünne Flocken (V.14), die weiß wie Koriandersamen (ein Gewürz) waren und wie Harz aussahen (4.Mose 11,7, was unter Umständen bedeutete, daß sie eine helle Farbe hatten und/oder klebrig waren). Das Manna schmeckte wie Honigkuchen. Es hatte auch den Geschmack wie etwas, das aus Olivenöl zubereitet wurde (4.Mose 11,8). Verschiedene Ausleger haben behauptet, daß das Manna eine süßschmeckende Ausscheidung war, die Insekten auf den Zweigen der Tamarisken im Juni und Juli zurückgelassen hatten. Allerdings war das Manna das ganze Jahr über vorhanden und lag auf dem Boden, zudem verdirbt die Insektenausscheidung auf den Tamarisken nicht innerhalb von 24 Stunden.
Darauf wies Gott Mose an, einen Gomer Manna, (das ist 1/10 eines Scheffels, 2.Mose 16,36; vgl. die Tabelle »Biblische Maße und Gewichte« vor 1.Mose) in einen Krug als Erinnerung an Gottes Güte für die kommenden Generationen zu sammeln. Das Manna sollte vor die Lade des Gesetzes (V.34) gestellt werden. Der Ausdruck »Die Lade des Gesetzes« bezieht sich auf die beiden Tafeln des Gesetzes (2. Mo 25,16; 2. Mo 31,18; 2. Mo 32,15; 2. Mo 34,29), die in der Lade (des Bundes) des Gesetzes lagen (2. Mo 25,16.21), die der heiligste Ort war. Das hebr. Wort (und das entsprechende Wort im Akkadischen) für »die Lade des Gesetzes« war möglicherweise ein Fachausdruck, um die Bundesübereinkünfte zu bezeichnen. Für die Diskussion, ob das Manna in der Lade aufbewahrt wurde, wie das Hebräische in 2. Mo 9,4 nahelegt, oder ob es vor der Lade stand, vgl. den Kommentar zu 2.Chr 5,10.
Der Herr sorgte weiterhin für das Manna, bis das Volk nach Gilgal kam, wo es begann, die Erzeugnisse des Landes zu verzehren (Jos 5,12). Das Manna in der Lade war eine ständige Erinnerung an Gottes Treue zu seinem Volk, mit der er für seine Bedürfnisse Sorge trug. Jesus, der auf das Manna der Israeliten Bezug nahm (Joh 6, 31.49.58), nannte sich selbst »das wahre (geistliche) Brot vom Himmel« (Joh 6,32), »Gottes Brot... vom Himmel« (Joh 6,33), »das Brot des Lebens« (Joh 6,35.48) und »das lebendige Brot vom... Himmel« (Joh 6,51). Jeder, der an ihn glaubt, so sagte er, wird das ewige Leben haben (Joh 6,33.51. 58).

[[@Bible:Exod 17]]c.Die Versorgung bei Refidim (2. Mo 17)

Dieses Kapitel berichtet, wie Gott zweimal mehr sein Volk versorgte: mit Wasser (V.1-7) und durch den Sieg im Kampf (V.8-16). Gott machte deutlich, daß er in der Lage war, sein Eigentum zu nähren und zu unterhalten.
2. Mo 17,1-7: Nachdem das Volk aus der Wüste Sin hinausgezogen war, lagerten sie sich bei Refidim. (Sie lagerten sich aber auch bei Dofka und Alusch vor Refidim, 4.Mose 33,12-14.) Refidim hielt man schon immer für das heutige Wadi Refayld bei Jebel Musa, die Stelle, die man auch für den Berg Sinai annimmt.
Das Volk, das von der Wanderung ausgedörrt war und kein Wasser in der Oase fand, erhob wiederum Klage gegen Mose nd machte ihm Vorwürfe, weil er es aus Ägypten geführt hatte (vgl. 2.Mose 16,3). Das war schlimmer als ihr argwöhnisches Murren bei Mara (2. Mo 15,24) oder in der Wüste Sin (2. Mo 16,2), weil sie hier sogar mit Mose haderten (2. Mo 17,2) und ihn fast gesteinigt hätten (V.4). Solches Hadern, sagte Mose, hieß den HERRN versuchen (V.2), d.h. sie forderten den Herrn heraus und versuchten seine Geduld (V.7), anstatt ihm zu vertrauen.
Aber Gott hatte mit seinem ungehorsamen und murrenden Volk Geduld. Er wies Mose an, den Stab zu nehmen, mit dem er den Nil geschlagen hatte (2. Mo 7,20), und an den Felsen am Horeb zu schlagen (2. Mo 17,6). Dieser »Stab Gottes« (2. Mo 4,20; 2. Mo 17,9) war ein Symbol der Macht; wenn Mose ihn hielt, so war dies das Zeichen der Abhängigkeit und des Vertrauens auf Gott. Obwohl Horeb ein anderer Name für den Berg Sinai ist, lagerte sich das Volk erst später am Sinai (2. Mo 19,1). Dennoch kann »Horeb« die Region um den Sinai bezeichnen. Refidim war dem Sinai nahe, so daß die Berghänge bis dorthin reichten. Dadurch, daß Mose an den Felsen schlug, sättigte der Herr sein durstiges Volk mit einer überreichen Wassermenge. So sorgte der Herr durch ein weiteres Wunder für sie. Weil das Volk den Herrn hier versucht hatte, gab Mose dem Ort zwei Namen: Massa (»Versuchung«) und Meriba (»Hader«).
2. Mo 17,8-16: Bei Refidim schenkte der Herr seinem Volk auch einen militärischen Sieg. Die Amalekiter waren Nomaden in der Wüste südlich von Kanaan (vgl. 1.Sam 15,7; 1. Sam 27,8). Sie waren Nachkommen von Esau durch Elifas (1.Mose 36,12). Sie versuchten ganz offensichtlich, die Israeliten von dieser angenehmen Oase zu vertreiben und ihr Territorium vor dem Eindringen anderer zu schützen. Bei dieser Krise rief Mose Josua herbei, der hier zum ersten Mal erwähnt wird. Obwohl sich Josua mit Eifer in den Kampf warf, wurde der Sieg auf einzigartige Weise gesichert, um Gottes Macht zu demonstrieren. Daß Mose den Stab Gottes (vgl. 2.Mose 4,20) mit beiden Händen über seinen Kopf hielt, symbolisierte die totale Abhängigkeit von der Macht Gottes. Wenn Mose seine Hände sinken ließ, ein Bild für das Fehlen der Abhängigkeit, siegte der Feind. Mit der Hilfe von Aaron und Hur blieben Moses Hände emporgehoben, und ein großer Sieg wurde erreicht. (Hur wird nur hier; 2. Mo 17,12 und in 2. Mo 24,14; 1.Chr 2,19-20 erwähnt; der in 2.Mose 31,2; 2. Mo 35,30; 2. Mo 38,22 erwähnte Hur ist möglicherweise eine andere Person; 4.Mose 31,8 und Jos 13,21 nehmen noch auf einen anderer Hur Bezug, der ein midianitischer König war.)
Der Sieg über die Amalekiter war ein Geschehen, an das Josua sich nach dem Willen Gottes erinnern sollte. Die Amalekiter blieben ein hartnäckiger, ständig lästiger Feind Israels (vgl. 4.Mose 4. Mo 14,45; Ri 6,33; 1.Sam 14,48; 1. Sam 15,7; 1. Sam 27,8), bis sie durch König David endgültig vernichtet wurden (1.Sam 30). Mose erinnerte sich an den Sieg in seinen Tagen, indem er einen Altar errichtete, den er »der HERR ist mein Feldzeichen« nannte. Interessant ist, daß 2.Mose 17,14 die erste biblische Abfassung einer offiziellen Berichterstattung darstellt, obwohl Mose kein Tagebuch des Aufenthaltes führte (4.Mose 33,2). Gott erwies sich treu darin, sein Volk zu bewahren und zu beschützen.

[[@Bible:Exod 18]]d.Weiser Rat für Mose (2. Mo 18)

Die Geschichte vom Besuch Jitros steht im Gegensatz zu der Auseinandersetzung mit den Amalekitern. Die einen kamen, um zu kämpfen, der andere, um Kenntnis zu erlangen; mit den einen führte man Krieg, mit dem anderen urteilte man gemeinsam und vermittelte Frieden; bei den einen wurde die Hand Moses schwer, bei dem anderen war sein Wirken zu schwer. Das Kapitel besteht aus drei Teilen: der Hintergrund für den Besuch Jitros (V.1-6), das Lob Jitros (V.7-12) und sein Ratschlag (V.13-27).
2. Mo 18,1-6: Als Jitro, der Schwiegervater Moses (vgl. 2. Mo 4,18; auch als Reguël bekannt, 2. Mo 2,18), von dem Auszug hörte, suchte er Mose auf, als sich Israel bei Refidim beim Sinai (zu Horeb und Sinai vgl. den Kommentar zu 2. Mo 17,16), dem Berge Gottes (2. Mo 18,5; vgl. 2. Mo 3,1; 2. Mo 4,27; 2. Mo 24,13), lagerte.



Jitro hatte die Angelegenheiten seines Schwiegersohnes offensichtlich mit Interesse verfolgt, so daß er, als die Israeliten sich in Refidim lagerten, beschloß, Mose aufzusuchen. Jitro kam auch, um seine Enkel Gerschom (»Verbannung«; vgl. den Kommentar zu 2. Mo 2,22) und Eliëser (»mein Gott ist Hilfe«) und seine Tochter Zippora wieder mit Mose zu vereinen, weil dieser sie offensichtlich zu Jitro zurückgeschickt hatte, als er nach Ägypten gezogen war. Obwohl der Grund für dieses Handeln nicht angegeben wird, könnte man sich vorstellen, daß Mose sie vor den Schrecken der ägyptischen Sklaverei schützen wollte. So wurde Mose nun einige Monate später wieder mit seiner Familie vereint.
2. Mo 18,7-12: Moses Zusammentreffen mit Jitro wurde von Gesten des Respekts (verneigte sich) und der Dankbarkeit (küßte) gekennzeichnet, mit denen sie sich gegenseitig begrüßten. Mose erzählte die vielen wunderbaren Ereignisse, die seit seiner Rückkehr nach Ägypten geschehen waren, und zwar besonders, wie der Herr sie errettet hatte. Jitro, der wegen dieser wunderbaren Nachrichten hocherfreut war, antwortete: Gepriesen sei der HERR. Darauf gab er das wunderbare Zeugnis, daß er wußte, daß der Herr, der Gott Israels, größer sei als alle anderen Götter. Von der Überlegenheit Jahwes völlig überzeugt, brachte er Opfer dar, um seine Hochachtung gegenüber Gott zu bezeugen. Das Feueropfer wurde von dem Feuer ganz verzehrt, aber Gemeinschaftsopfer (andere Opfer) waren Teil eines gemeinsamen Mahles, welches Jitro mit den Führern Israels teilte, vielleicht, um einen Bund oder ein Friedensabkommen zu schließen. Der Vorgang wird von jubelndem Lob und Gemeinschaft gekennzeichnet, aber der wahre geistliche Zustand Jitros wird nicht eigens dargelegt. Er kehrte nach Midian zurück (V.27), entweder als ein zu dem wahren Gott Bekehrter, oder vielleicht weiterhin als Priester der götzendienerischen Midianiter. Seine späteren Worte gegenüber Mose scheinen nahezulegen, daß er Gott nun fürchtete (möge Gott mit dir sein, V.19; wähle Männer aus, die Gott fürchten, V.21; Gott gebietet so, V.23).
2. Mo 18,13-23: Jitro beobachtete, daß viel von der Zeit Moses durch Streitschlichtung und Fragenbeantwortung in seiner Funktion als Richter des Volkes beansprucht wurde. Das Volk wollte durch ihn (seinen Propheten, 5.Mose 34,10) den Willen Gottes erfahren. Wegen dieser Arbeitsüberlastung, die Mose ganz allein zu bewältigen versuchte (Warum sitzt du allein als Richter? Du kannst das alleine nicht bewältigen, 2.Mose 18,14.18), warnte Jitro Mose vor der Erschöpfung. Auch das Volk, das darauf wartete, daß es seine Anliegen vorbringen konnte, ermüdete (V.18).
Jitro drängte Mose weise, einige seiner Verantwortungsbereiche anderen zu übertragen. Aber Mose sollte fortfahren, das Volk die Gesetze Gottes zu lehren (vgl. V.16) und es zu unterrichten, wie es vor ihm leben sollte. Mose sollte geistlich und moralisch geeignete Männer als Richter bestimmen, die für das Befolgen der Gesetze sorgen sollten (V.21-22). Sie sollten weise, geachtete Führer in ihren Stämmen sein (5.Mose 1,13.15). Mose sollte das Volk vor Gott vertreten (2.Mose 18, 19) und sein Lehrer sein, aber die meisten Gerichtsangelegenheiten sollten an andere weitergegeben werden. Als Oberste über tausend, hundert, fünfzig und zehn (diese Worte wurden von Leuten in militärischen Rängen gebraucht) sollten sie auf verschiedenen Ebenen des Zivilgerichtes dienen und so Fälle von unterschiedlicher Wichtigkeit anhören.
2. Mo 18,24-27: Mose, der den Ratschlag seines Schwiegervaters annahm, führte dieses Gerichtsystem offensichtlich ein, nachdem das Gesetz am Berg Sinai gegeben worden war (5.Mose 1,9-15; vgl. Horeb in 5.Mose 1,6). Wenn es sich so verhielt, dann war 2.Mose 18,24-26 möglicherweise über die spätere Durchführung des Plans hier in der Erzählung eingeschlossen, um die Geschichte von Jitros Ratschlag zu vervollständigen. Bisweilen haben die alttestamentlichen Schreiber ihren Stoff eher nach Themen, als nach strikter chronologischer Abfolge geordnet.

[[@Bible:Exod 19]]II.Die Offenbarung für Gottes Volk am Sinai (2. Mo 19-40)


Die Israeliten kamen beim Berg Sinai an, wo sie die restlichen Ereignisse, die in 2.Mose 19,1 bis 4.Mose 10,10 berichtet werden, erlebten. Am Sinai lagerten sie 11 Monate und 6 Tage - vom 15. Tag des dritten Monats ihres ersten Jahres der Wanderung (vgl. 2.Mose 12,2.6 mit 2. Mo 19,1) bis zum »20. Tag des zweiten Monat des zweiten Jahres« ihrer Wanderung (4.Mose 10,11). Dort erhielt das erlöste Volk von Gott das Gesetz mit seinen zahlreichen Anweisungen für den Gottesdienst.

[[@Bible:Exod 19]]A.Der Bund Gottes mit seinem Volk (2. Mo 19-31)


Gott hatte sein Volk aus Ägypten, dem Land der Sklaverei (2. Mo 13,3.14; 2. Mo 20,2; vgl. den Kommentar zu 5.Mose 5,6), durch das Versprengen von Blut (2.Mose 12) und durch die wunderbare Errettung durch das Rote (Schilf-) Meer hindurch (2.Mose 14) erlöst. Nun brachte er die Israeliten zum Sinai, wo er mit ihnen in einen Bund eintrat. Das Gesetz war die »Verfassung« des Volkes für ihren theokratischen Staat unter ihrem großen Gott, Jahwe.

[[@Bible:Exod 19]]1.Der Hintergrund für die Offenbarung des Gesetzes (2. Mo 19)


Der mosaische Bund oder »Vertrag« ist der Form der Lehensverträgen der Könige des Nahen Ostens mit ihren Vasallen sehr ähnlich. Viele Bestandteile aus solchen Verträgen sind im mosaischen Bund Gottes mit seinem Volk enthalten. Offensichtlich handelte es sich um eine übliche literarische Struktur jener Tage. (Vgl. die Übersicht »Vergleich zwischen dem Bund am Sinai und nahöstlichen Lehensverträgen«.) Hier ist Gott der absolute Souverän und sein Volk der Vasall.

[[@Bible:Exod 19:1]]a.Die Lagerung vor dem Berg Sinai (19,1-2)

2. Mo 19,1-2: Genau drei Monate nach dem Auszug aus Ägypten kamen die Israeliten in die Wüste von Sinai und lagerten sich gegenüber dem Berg Sinai. Der Begriff »Wüste« steht nicht immer für eine trockene Einöde, sondern manchmal auch für unbewohntes Weideland. Die exakte Lage des Berges Sinai ist nicht bekannt, aber man identifizierte ihn von jeher mit Jebel Musa im südlichen Teil der Sinai-Halbinsel. Es ist derselbe Berg wie der >Berg Gottes< (vgl. 2. Mo 3,1; 2. Mo 4,27; 2. Mo 18,5; 24, 13), der auch Horeb genannt wird, auf dem Gott Mose in einem brennenden Busch erschienen war.

[[@Bible:Exod 19:3]]b.Die Vorrechte des Bundes (19,3-6)

2. Mo 19,3-4: Als sich die Israeliten gegenüber dem Sinai lagerten, ging Mose auf den Berg hinauf. Dort sprach Gott zu ihm über den Bund, den er seinem Volk (Jakob und Israel waren Synonyme für das Volk) bestätigen wollte.
Gott verglich seine Errettung des Volkes aus Ägypten heraus, durch das Rote (Schilf-) Meer hindurch und bis zum Sinai mit dem Tragen auf Adlersflügeln (vgl. 5.Mose 32,10-11). Wenn junge Adler das Fliegen lernen, fliegt ihre Mutter unter sie und breitet ihre Flügel aus, um sie aufzufangen.
2. Mo 19,5-6: Das von Gott vorgebrachte Angebot (mein Bund) gab Israel im Hinblick auf ihre Anerkennung der gerechten Maßstäbe Gottes eine erhöhte Stellung unter den Völkern. Wenn sie die Abmachungen des Bundes annehmen und ihnen gehorchen würden, verhieß Gott ihnen, sie zu seinem geschätzten Eigentum zu machen (vgl. 5.Mose 7,6; 5. Mo 14,2; 5. Mo 26,18; Ps 135,4; Mal 3,17). Sie würden sein eigenes Volk sein, von ihm wertgeschätzt und mit ihm verwandt. Sie sollten auch ein Königreich von Priestern werden, d.h. jedes Mitglied des Volkes kannte Gott als seinen König, hatte zu ihm Zugang und vermittelte zugunsten einer anderen Person, wie es die Priester taten. Sie sollten auch ein heiliges Volk, ein moralisch reines, dem Dienst für Gott ganz und gar hingegebenes Volk sein. Gott hatte Israel erlöst, so daß es mit ihm in Kontakt kam und für ihn ausgesondert war.

[[@Bible:Exod 19:7]]c.Die Vorbereitungen für den Bund (19,7-25)

2. Mo 19,7-15: Mose setzte darauf die Ältesten Israels und das Volk über Gottes Bund und seinen Plan, es völlig zu besitzen, in Kenntnis. Das Volk antwortete aufrichtig und versprach, Gottes Gesetzen strikt zu gehorchen. Um am Bund teilzuhaben befahl Gott dem Volk, sich von Unreinheit fernzuhalten und sich Gott zu heiligen. Das Ritual einer dreitägigen Reinigung schloß ein, daß sie ihre Kleidung wuschen und sich des Geschlechtsverkehrs enthielten. Während dieser drei Tage sollte kein Mensch oder Tier den Berg berühren, oder er bzw. es würde getötet werden. Solch eine sorgfältige Vorbereitung unterstreicht die Bedeutung des bevorstehenden Ereignisses. Der Gott des Himmels wollte nun einen Bund mit seinem Volk schließen. Der Gott Israels, der nicht wie die heidnischen Gottheiten (wie man annahm) in den Bergen hauste, stieg vom Himmel (1.Kön 8,30.49) auf die Berge herab, um mit seinem Volk zu sprechen. Erst als das Volk durch den Schall des Widderhorns (2.Mose 19,16.19) gerufen wurde, durfte es sich auf den Berg zubewegen (V.13).
2. Mo 19,16-25: Dann, am dritten Tag der Vorbereitung, stieg der Gott des Himmels mit entfalteter Macht und Majestät auf den Sinai hinab. Gott demonstrierte seine Heiligkeit und ehrfurchtgebietende Macht: Kein Wunder, daß das Volk erschrak, als es am Fuß des Berges stand (V.16; vgl. 2. Mo 20,18). Es hörte grollenden Donner und einen sehr lauten Posaunenschall (vgl. 19, 13); es sah zuckende Blitze, Feuer und einen dichten, wogenden Rauch wie von einem Schmelzofen; und es merkte, daß der Berg durch ein mächtiges Erdbeben erbebte. Die schwarze Wolke von Rauch führte Finsternis im Himmel herbei (5.Mose 4,11; vgl. 2.Mose 20,21).
Nur Mose (2. Mo 19,20) und Aaron (V.24) war die Anwesenheit auf dem Berg gestattet; die Priester und das Volk mußten davor stehen bleiben. Wenn sie den Herrn aus Neugier sehen wollten, würden sie umkommen (vgl. den Kommentar zu 2. Mo 33,11.20; Joh 1,18). Obwohl das levitische Priestertum noch nicht eingerichtet worden war, dienten die Ältesten (2.Mose 3,18) oder einige jüngere Männer (2. Mo 24,5) als Priester. Mose erstieg dreimal die Bergspitze und kam wieder zurück (2. Mo 19,3.7; V.8-9.20. 25). Diese Anweisungen waren für das Volk, genauso wie das Wunder der göttlichen Offenbarung, eine lebhafte Erinnerung an den unermeßlichen Abgrund zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen.

[[@Bible:Exod 20:1]]2.Die Zehn Gebote (20,1-21)


Eines der großen Ereignisse in der Geschichte Israels und in der Geschichte der gesamten Menschheit ist die Übergabe des Gesetzes. Das Gesetz war nicht dafür gegeben, daß die Israeliten durch seine Befolgung gerecht werden konnten (Röm 3,20a; Gal 3,11). Eine gerechte Stellung (Rechtfertigung) vor Gott geschah immer nur durch den Glauben (Vertrauen) an ihn (1.Mose 15,6; Röm 4,3.22; Röm 5,1; Gal 2,16; Gal 3,6. 21). Das Gesetz hatte die Aufgabe, den Israeliten ihre Sündhaftigkeit im Gegensatz zu Gottes Maßstäben von Heiligkeit und Gerechtigkeit zu zeigen (Röm 3,19-20b; Röm 7,7) und die Menschheit zu verurteilen. Das mosaische Gesetz in 2.Mose besteht aus drei Teilen: die Zehn Gebote (2.Mose 20,1-21), das Bundesbuch mit den zivilen und religiösen Verordnungen (2. Mo 20,22-2. Mo 24,11) und die Zeremonialgesetze (2. Mo 24,12- 2. Mo 31,18).

[[@Bible:Exod 20:1]]a.Die Einleitung zu den Zehn Geboten (20,1-2)

2. Mo 20,1-2: Die Zehn Gebote (in 2. Mo 34,28 wörtlich »Zehn Worte«), der Angelpunkt aller religiösen und zivilen Gesetze Israels, bestehen aus zwei Teilen. Die ersten vier Gebote betreffen die Beziehung der Israeliten zu Gott, die anderen sechs behandeln die gesellschaftlichen Beziehungen innerhalb der Bundesgemeinschaft. Vor der Verkündigung der 10 Klauseln sprach Gott in der Einleitung von seiner einzigartigen Beziehung zu seinem Volk (Ich bin der HERR, dein Gott, 2. Mo 20,2a), in dem historischen Vorspann faßte er in Kürze das zusammen, was er für sie getan hatte (habe dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft geführt, V.2b; vgl. 2. Mo 13,3.14; 5.Mose 5,6; 5. Mo 6,12; 5. Mo 7,8; 5. Mo 8,14; 5. Mo 13,6.11). Jahrhunderte zuvor hatte Gott Abraham aus Ur herausgeführt (1.Mose 15,7); nun führte er die Nachkommen Abrahams aus Ägypten heraus.
Die Zehn Gebote sind eine ausgezeichnete Zusammenfassung der 10 göttlichen Satzungen zur Leitung der Menschen. Die Grundsätze bestimmen 1. Religion, 2. Gottesdienst, 3. Verehrung, 4. Zeit, 5. Autorität, 6. Leben, 7. Reinheit, 8. Besitz, 9. Reden und 10. Zufriedenheit.

[[@Bible:Exod 20:3]]b.Das erste Gebot (20,3)

2. Mo 20,3: Das erste der Zehn Gebote besagt, daß Israel den einen wahren Gott anbeten sollte. Falsche Götter zu verehren bedeutete, neben Gott Rivalen aufzustellen (neben mir könnte bedeuten »mir zuwider« oder auch »in meiner Gegenwart«) und so seine Einzigartigkeit nicht zu beachten (vgl. V.22-23). Leider gehorchte Israel diesem ersten Gebot häufig nicht und verehrte die Götzen anderer Völker. Das führte schließlich dazu, daß das Volk Israel nach Assyrien und Babylonien ins Exil gehen mußte.

[[@Bible:Exod 20:4]]c.Das zweite Gebot (20,4-6)

2. Mo 20,4-6: Die Verehrung Gottes sollte geistlich geschehen, nicht leiblich. Es war Israel untersagt, Götzen anzubeten (V.3) und auch, sich von Gott ein Bildnis zu machen. Götze heißt pesel, »geschnitztes Holz oder gemeißelter Stein«, von pasal, »schnitzen, meißeln«. Später (2. Mo 34,17) waren auch »gegossene Götzenbilder« aus geschmolzenem Metall verboten. Weil Gott Geist ist, kann keine materielle Darstellung ihm gerecht werden. Von Gott ein Bild zu machen, oder ein Bildnis von etwas im Himmel (Sonne, Mond, Sterne) oder auf der Erde (Tiere) oder im Wasser (Fische, Krokodile und anderes Leben im Meer) zum Zwecke der Anbetung herzustellen, war untersagt, weil Gott ein eifersüchtiger Gott ist (vgl. 2. Mo 34,14; 5.Mose 5,9; 6, 15; 5. Mo 32,16.21; Jos 24,19), das heißt, er ist eifrig darauf bedacht, daß er allein verehrt wird. Seine Einzigartigkeit (2.Mose 20,3) erfordert, daß er allein verehrt wird. Das Fehlen solcher Verehrung ist Sünde und wirkt sich auf zukünftige Generationen aus. Diejenigen, die dem Einfluß unterliegen, Gott zu hassen, werden von ihm bestraft werden. Im Gegensatz dazu ist er treu (er zeigt hesed, »treue Liebe« oder Bundesliebe) gegen jene, die ihn lieben und diese Liebe durch ihren Gehorsam zeigen (vgl. 1.Joh 5, 3).

[[@Bible:Exod 20:7]]d.Das dritte Gebot (20,7)

2. Mo 20,7: Der Name Gottes sollte geehrt und geschützt werden. Die Israeliten sollten Gottes Namen nicht für irgendeine nichtige, leichtfertige oder unaufrichtige Absicht gebrauchen (so z.B. der Gebrauch seines Namens, wenn sie einen Eid schwuren, ohne die Absicht zu haben, ihn zu erfüllen, 3.Mose 19, 12). Man sollte seinen Namen nicht für eigennützige oder böse Absichten gebrauchen (vgl. Ps 139,20; vgl. auch den Kommentar zu 5.Mose 5,11), um dadurch zu versuchen, sich seiner Autorität zu bemächtigen.

[[@Bible:Exod 20:8]]e.Das vierte Gebot (20,8-11)

2. Mo 20,8-11: Jede Woche sollte ein Tag der ernsthaften Verehrung Gottes eingehalten werden. Den Sabbat heilig zu halten bedeutet, den siebten Tag von den anderen sechs als einen besonderen Tag dem Herrn abzusondern. Der Mensch sollte sechs Tage arbeiten und am siebten Tag Gott verehren. Dies stand in scharfem Gegensatz zu der Sklaverei der Israeliten in Ägypten, als sie, wie man annehmen kann, keine Unterbrechung in ihrer täglichen Routine hatten. Die Grundlage für dieses Gebot ist Gottes Schöpfung des Universums in sechs Tagen und seine Ruhe am siebten Tag (1.Mose 2,2-3; 2.Mose 16,23). Es sollte kein Tag fauler Untätigkeit sein, sondern ein Tag des geistlichen Dienstes durch die religiösen Feiern. Für den Fall der Übertretung dieses Gebotes drohte Gott Israel die Todesstrafe an (2.Mose 31,15; 4.Mose 15,32-36). Im Zeitalter der Kirche wurde der Tag der Verehrung Gottes von Samstag auf Sonntag verschoben, weil Jesus am ersten Tag der Woche auferstanden ist (vgl. Apg 20,7; 1.Kor 16,2; Offb 1,10).

[[@Bible:Exod 20:12]]f.Das fünfte Gebot (20,12)

2. Mo 20,12: Das fünfte bis zehnte Gebot, der zweite Teil des Gesetzes (V.12-17)
behandeln die Beziehungen der Menschen untereinander. Alle Gebote schließen die negative Seite mit ein, ausgenommen das vierte (das letzte in der ersten Gruppe) und das fünfte Gebot (das erste in der zweiten Gruppe). Das fünfte Gebot befiehlt die Hochachtung (Ehre) der Eltern. Das schließt Gehorsam und Ergebenheit ein (vgl. Eph 6,1-2). Die Verheißung eines langen Lebens, die zu dem Gebot gehört, bezieht sich eher auf die Dauer eines Volkes in der Bundesbeziehung mit Gott (in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir geben wird), als auf eine verlängerte Lebensspanne für jeden einzelnen, der gehorsam ist. Seine Eltern zu verfluchen, was der völligen Ablehnung ihrer Autorität gleichkam, war ein schweres Verbrechen (2.Mose 21,17; 3.Mose 20,9; Spr 20, 20).

[[@Bible:Exod 20:13]]g.Das sechste Gebot (20,13)

2. Mo 20,13: Um die Gesellschaft zu bewahren und weil der Mensch als Gottes Ebenbild geschaffen ist (1.Mose 9,6), wurde den Israeliten befohlen, keinem anderen Menschen durch Mord das Leben zu nehmen (rasah, »töten, ermorden«).

[[@Bible:Exod 20:14]]h.Das siebte Gebot (20,14)

2. Mo 20,14: Dieses Gebot ist auf den Schutz der Heiligkeit der Familie ausgerichtet (Hebr 13,4; vgl. den Kommentar zu 1.Mose 2,24; Mt 19,1-12), den grundlegenden Baustein der Gesellschaft. Das Ehegelübde ist eine heilige Verpflichtung, die unter keinen Umständen durch sexuelle Untreue verletzt werden darf. Ehebruch (na´ap) bezieht sich auf Untreue entweder seitens des Mannes oder der Frau (3.Mose 20, 10).

[[@Bible:Exod 20:15]]i.Das achte Gebot (20,15)

2. Mo 20,15: Dieses Gebot wurde gegeben, um die Achtung vor dem Besitz anderer Menschen zu unterstützen. Auch das ist ein wichtiges Element in einer stabilen Gesellschaft und steht in enger Beziehung zum zehnten Gebot.

[[@Bible:Exod 20:16]]j.Das neunte Gebot (20,16)

2. Mo 20,16: Dieses Gebot betrifft das falsche Zeugnis gegen einen anderen, das diesen einer ungerechtfertigten Anklage aussetzen würde. Das Halten dieses Gesetzes verhilft dazu, eine Gesellschaft zu stabilisieren, indem der Ruf des einzelnen geschützt wird.

[[@Bible:Exod 20:17]]k.Das zehnte Gebot (20,17)

2. Mo 20,17: Dies ist eine allgemeine Schutzvorrichtung gegen viele andere Sünden, insbesondere derer des sechsten bis neunten Gebotes. Die Israeliten sollten sich nicht nach dem sehnen, nicht das ernsthaft begehren und nicht nach dem gierig sein, was anderen rechtmäßig gehörte.
Diese Gebote sind die grundlegenden Darlegungen einer guten und gesunden Gesellschaft, so wie sie von dem heiligen und gerechten Gott angeordnet wurden. Obwohl die Gläubigen nicht unter dem Gesetz sind (Röm 6, 15), sind sie doch verpflichtet, den heiligen Maßstäben treu zu bleiben, die in den Zehn Geboten dargestellt werden. Neun der Zehn Gebote werden im Neuen Testament wiederholt, welches Festsetzungen neu hinzufügt, die höher liegen, als die in 2.Mose 20,3-17 beschriebenen. Das eine Gebot, welches nicht wiederholt wird, ist das Sabbatgebot; dennoch sollte der erste Tag der Woche zur Verehrung Gottes als Erinnerung an die Auferstehung des Retters abgesondert werden.

[[@Bible:Exod 20:18]]l.Die Erwiderung des Volkes (20,18-21)

2. Mo 20,18-21: Die Antwort des Volkes, das vor dem Berg versammelt war, zeigte seine Angst und Ehrfurcht (vgl. 2. Mo 19,16). Als sie die große Macht und Majestät Gottes erkannten, wollten sie ihn durch Mose hören - nicht ihn unmittelbar -, damit sie Gott nicht vernichtete. Mose versicherte ihm, daß es die Absicht dieser Vorführung der Macht Gottes und seiner Heiligkeit sei, die Reaktion des Volkes auf ihn zu prüfen. Furcht vor Gott würde dazu verhelfen, seinen Ungehorsam zu zügeln. Es ist tragisch, daß Israel diese Furcht Gottes schon bald verlor (2.Mose 32) - ein häufiges Thema in seiner Geschichte.

[[@Bible:Exod 20:22]]3.Das Buch des Bundes (20,22-24,11)


Gott wandte die Zehn Gebote an und führte sie in ihrer zivilen und religiösen Bedeutung für das Volk weiter aus. Dieser Abschnitt wird auf der Grundlage des Ausdrucks in 2.Mose 24,7 »das Buch des Bundes« genannt.

[[@Bible:Exod 20:22]]a.Gesetze zum Gottesdienst (20,22-26)

2. Mo 20,22-26: Gott gab dem Volk Bestimmungen über ihre Verehrung des wahren Gottes und der Errichtung eines Altars. Er war vom Himmel auf den Berg Sinai herabgekommen (2. Mo 19,20), um die Zehn Gebote zu übermitteln. Nun (20, 22-2. Mo 23,19) führte er viele dieser Zehn Gebote weiter aus. Das Gebot, nur Gott und keine anderen Gottheiten zu verehren (2. Mo 20,23) und die Warnung davor, geschnitzte oder geschmolzene Götzenbilder von Silber oder Gold zu machen, betont noch einmal das erste und zweite Gebot (V.3-4).
Das Volk sollte auf einem Altar Brandopfer und Dankopfer darbringen, die die Verehrung des Namens Gottes und die Segnung Israels zur Folge haben sollten. Der Bezug auf einen einzelnen Altar macht deutlich, daß es Gottes Absicht war, daß die Verehrung sich an einem Ort konzentrieren sollte. Der Altar sollte schmucklos, ohne Kunstfertigkeiten sein. Er sollte aus Erde (d.h. aus natürlichen Steinen; vgl. 5.Mose 27,5-7) und ohne Stufen sein, so daß die Priester nicht unanständig entblößt werden konnten. Altäre mit reichhaltiger künstlerischer Gestaltung und erhöhten Plattformen mit Treppen waren für die Verehrung falscher Gottheiten üblich.

[[@Bible:Exod 21:1]]b.Gesetze über die Behandlung der Sklaven (21,1-11)

2. Mo 21,1-6: Der Gegenstand der Verse 1-11 sind Regelungen, die die Rechte der männlichen (V.1-6) und weiblichen (V.7-11) hebräischen Sklaven bestimmten. Unter den Israeliten konnte man sich selbst und seine Frau wegen Armut oder Schulden in die Sklaverei verkaufen (3.Mose 25,39; 5.Mose 15, 12; 2.Kön 4,1; Neh 5,5), aber die Knechtschaft mußte auf sechs Jahre begrenzt werden (2.Mose 21,2). So war es also ein durch Vertrag geregelter Dienst. Darüber hinaus war ein Herr dazu verpflichtet, für seinen Sklaven bei seiner Freilassung zu sorgen (5.Mose 15,13- 14). Wenn ein männlicher Sklave in fortdauernder Knechtschaft bleiben wollte, sollte sein Wunsch von den Richtern rechtswirksam gemacht werden, dann sollte eines seiner Ohren mit einem Pfriem durchbohrt werden, um seinen freiwilligen Dienst zu symbolisieren. Eine Sklavin konnte dasselbe tun (5.Mose 15,17).
2. Mo 21,7-11: Sklavinnen wurden unterschiedlich behandelt. Häufig waren Sklavinnen Konkubinen oder Nebenfrauen (vgl. 1.Mose 16,3; 1. Mo 22,24; 1. Mo 30,3.9; 1. Mo 36,12; Ri 8,31; Ri 9,18). Mancher hebräische Vater hielt es für seine Töchter für vorteilhafter, Konkubinen bei einem wohlhabenden Nachbarn, als Ehefrau eines Mannes ihrer eigenen gesellschaftlichen Schicht zu werden. Wenn eine Tochter, die zur Sklavin wurde, ihrem Herrn nicht gefiel, sollte sie von einem nahen Verwandten losgekauft (vgl. 3.Mose 25,47-54), aber niemals an einen Fremden verkauft werden (2.Mose 21,8). Sie konnte sich auch selbst loskaufen. Wenn sie den Sohn ihres Herrn heiratete, mußte ihr die Familienzugehörigkeit eingeräumt werden (V.9). Wenn der Herr eine andere heiratete, wurde von ihm verlangt, daß er seine Sklavin mit drei lebenswichtigen Dingen ausstattete: Nahrung, Kleidung und Zuflucht (eheliche Rechte bedeutete möglicherweise Unterkunft, keine sexuellen Vorrechte).

[[@Bible:Exod 21:12]]c.Gesetze über Kapitalverbrechen (21,12-17)

2. Mo 21,12-17: Diese Verse zählen vier Verbrechen auf, welche die Todesstrafe erforderlich machten: Vorsätzlicher Mord (V.12.14; vgl. das sechste Gebot in 2. Mo 20,13 und 1.Mose 9,6); körperliche Gewalt gegen die Eltern (2.Mose 21, 15; vgl. das fünfte Gebot in 2.Mose 20,12; vgl. 3.Mose 20,9); Menschenraub (V.16; vgl. 5.Mose 24,7). Es wurde berücksichtigt, wenn der Tod unbeabsichtigt eintrat (2.Mose 21,13). Ein Schuldiger konnte in eine der sechs Freistädte fliehen, nachdem Israel im Land war (4.Mose 35,6-34; 5.Mose 19,1-13; Jos 20). Wegen der Bedeutung des Hauses wurde seine Heiligkeit bewahrt, die Eltern geschützt und die Kinder in Schranken gehalten; Rebellion wurde wie Mord behandelt.

[[@Bible:Exod 21:18]]d.Gesetze über Körperverletzung (21,18-27)

Es werden hier Verordnungen über verschiedene zivile Übertretungen gegeben, die für die Verhängung der Todesstrafe nicht ernst genug waren.
2. Mo 21,18-19: In einem Streit sollte die verletzte Partei, egal, ob die Verletzung vorsätzlich geschah oder unabsichtlich, Schadenersatz für den Verlust an Arbeitszeit (während er draußen an seinem Stab herumgeht) und für Ausgaben, die die Heilung betrafen, erhalten.
2. Mo 21,20-21: Sklaven sollten von ihren Herren nicht grausam behandelt werden, obwohl sie als Besitz betrachtet wurden. Wenn ein Herr seinen Sklaven schlug und der Sklave starb, sollte der Herr bestraft werden (wahrscheinlich aber nicht mit dem Tod). Wie auch immer, wenn der Sklave bald wieder genas, sollte keine Strafe verhängt werden (denn offensichtlich war keine Tötung beabsichtigt); der Verlust der Arbeitskraft des Sklaven war der Verlust des Herrn.
2. Mo 21,22-25: Wenn eine schwangere Frau ihr Kind infolge eines Stoßes vorzeitig zur Welt brachte, aber beide sonst unverletzt blieben, so sollte der schuldige Teil die Entschädigung bezahlen, die der Ehemann der Frau und das Gericht festlegten. Aber wenn bei der schwangeren Frau oder ihrem Kind eine Verletzung entstanden war, dann sollte der Angreifer im Verhältnis zur Art der Verletzung bestraft werden. Während der unbeabsichtigte Totschlag normalerweise kein Kapitalverbrechen war (vgl. V.12-13), so ist er es hier eindeutig. Der ungeborene Fötus wird in dieser Passage als menschliches Wesen so wie seine Mutter betrachtet; die so herbeigeführte Fehlgeburt eines Fötusses wurde als Mord betrachtet. Der Verlust eines Körperteils beim Menschen durch Verletzung sollte durch einen gleichwertigen Verlust beim Übeltäter bestraft werden (V.24-25). Dies ist das Gesetz der Vergeltung (vgl. 3.Mose 24,19-20; 5.Mose 19,21). Dieses Gesetz war dazu bestimmt, die Durchführung der Bestrafung auf das gerechte Maß zu beschränken und wurde nur bei Mord wörtlich angewandt, sonst aber durch eine entsprechende Zahlung ersetzt.
2. Mo 21,26-27: Das Gesetz der Vergeltung wurde jedoch nicht auf einen Herrn angewandt, der seinen Sklaven verletzte. Jede auf Dauer zurückbleibende Verstümmelung eines Sklaven hatte seine gesetzmäßige Freilassung zur Folge (der Herr mußte seinen Sklaven freilassen).

[[@Bible:Exod 21:28]]e.Gesetze über strafbare Unterlassungen (21,28-36)

2. Mo 21,28-36: Hier werden Verordnungen für Fälle gegeben, in denen durch Fahrlässigkeit Verletzungen entstanden. Zuerst gab Gott Verordnungen, die durch Tiere zugefügte Verletzungen (V.28-32) betrafen. Wenn ein Rind jemanden zu Tode stieß, sollte das Tier getötet werden. Wenn aber das Tier auch sonst Menschen heftig angriff und der Besitzer tat nichts, um das zu verhindern, und ein Mensch wurde getötet, sollte der Besitzer (so wie auch das Rind) getötet werden. Er konnte die Todesstrafe umgehen, wenn er finanziell für den Schaden aufkommen konnte, der von den Verwandten des Toten gefordert wurde. Wenn ein Sklave von einem Rind getötet worden war, sollte der Besitzer des Tieres den Besitzer des Sklaven durch die Zahlung von 30 Schekeln Silber (vgl. Mt 26,14-15) entschädigen, offensichtlich der Preis des Sklaven.
Im Falle des Verlustes eines Tieres, der auf Fahrlässigkeit zurückging (z.B., indem man eine Grube nicht abdeckte - vielleicht um Regenwasser zu sammeln - und so nicht verhinderte, daß ein Tier in die Grube stürzte), wurde von der schuldigen Partei gefordert, vollen Ersatz für den Verlust des Tieres zu leisten (2.Mose 21,33-34). Diese Verordnung war wichtig, weil Tiere einen wesentlichen Besitz der Israeliten ausmachten.
Wenn ein Rind das Rind eines anderen tötete, sollte der Verlust zu gleichen Teilen zwischen den Besitzern ausgeglichen werden, das lebende Rind sollte verkauft und das Geld geteilt werden (V.35). Wenn ein Mann aber vorsätzlich unterließ, sein stoßendes Rind einzusperren, sollte er für das tote Rind bezahlen.

[[@Bible:Exod 21:37]]f.Gesetze über den Diebstahl (21,37-22,3)

2. Mo 21,37-2. Mo 22,3: Diese Verordnungen drehten sich um den Diebstahl von Tieren. Die Verse entwickeln sich aus dem achten Gebot (2. Mo 20,15). Wenn jemand gestohlen und dann das Rind oder Schaf desjenigen getötet oder verkauft hatte, mußte er für den Verlust aufkommen (zurückzahlen, šalem, »eine gesetzmäßige Verpflichtung zurückerstatten«; vgl. 2.Kön 4,7; Joel 2,25), indem er als Strafe dieselbe Tierart zurückgab. Aber für den Verlust eines Rindes sollten fünf Rinder bezahlt werden und vier Schafe für den Verlust eines Schafes. Ohne Zweifel schreckte diese schwere Entschädigung wirksam vom Diebstahl der Tiere ab. Wenn das gestohlene Tier jedoch noch lebte, war die Entschädigung geringer, aber noch immer recht teuer (2.Mose 22,3).
Wenn ein Dieb in der Nacht stahl und von dem Besitzer des Hauses getötet wurde, war der Angeklagte nicht des Mordes schuldig, dies war er nur, wenn der Dieb zur Tageszeit getötet wurde. (Anscheinend konnte der Dieb am Tag gesehen werden, und man konnte leichter Hilfe bekommen.) Das mosaische Gesetzbuch trachtete danach, menschliches Leben zu schützen, auch das von Verbrechern. Der Dieb sollte entweder für das Verbrechen mit seinem eigenen materiellen Besitz Entschädigung leisten oder in die Sklaverei verkauft werden.

[[@Bible:Exod 22:4]]g.Gesetze über die Zerstörung von Eigentum (22,4-5)

2. Mo 22,4-5: Wenn die Weiderechte eines Bauern von den Herden eines anderen Mannes verletzt wurden oder wenn ein Feuer die Ernte eines anderen zerstörte, so sollte der Übeltäter von seinen eigenen Feldern Ersatz leisten. Dornbüsche brannten häufig sehr leicht und trugen so dazu dabei, daß die Feuer der Felder sich schnell ausbreiteten. Das mosaische Gesetzbuch bejahte energisch das Recht auf Leben und Besitz.

[[@Bible:Exod 22:6]]h.Gesetze über sichere Aufbewahrung (22,6-12)

2. Mo 22,6-12: Im Alten Orient gab es keine Banken, so daß persönlicher Besitz bisweilen einem Nachbarn zur Aufbewahrung übergeben wurde. Derjenige, der die Wertgegenstände eines anderen (Güter, Kleidung oder Tiere) zur Aufbewahrung erhielt, war für sie verantwortlich. Wenn persönliche Wertgegenstände verloren und kein Dieb gefunden wurde, mußte derjenige, der die Güter aufbewahrt hatte, vor den Richtern beweisen, daß er sie nicht gestohlen hatte. Andernfalls mußte er Schadenersatz leisten, indem er das Doppelte bezahlte (V.6-8). Wenn ein Tier bei der Verwahrung verletzt wurde oder verloren ging, mußte derjenige, der auf das Tier aufgepaßt hatte, den Beweis liefern, daß er nicht unachtsam gewesen war. Andernfalls mußte er für den Verlust bezahlen (V.9-12).

[[@Bible:Exod 22:13]]i.Gesetze über das Entleihen (22,13-14)

2. Mo 22,13-14: Wenn ein Tier entliehen wurde, war der Entleiher für seine sichere Verwahrung verantwortlich. Wenn der Besitzer nicht anwesend war, wenn das Tier verletzt wurde oder starb, mußte der Entleiher für den Verlust bezahlen. Aber wenn der Besitzer dabei war, so war der Entleiher nicht schuldig. Wenn ein Tier verliehen wurde und es sich verletzte, so war das Mietgeld auf die Entschädigung für den Besitzer anzurechnen.

[[@Bible:Exod 22:15]]j.Gesetze über sexuelle Verführung (22,15-16)

2. Mo 22,15-16: Diese Gesetze führen das siebte Gebot (2. Mo 20,14) aus. Unverheiratete, unverlobte Töchter wurden in Israel als Eigentum ihrer Familie betrachtet. Es war also folgerichtig, daß der Verlust der Jungfräulichkeit der Tochter ihren Wert herabsetzte. Daher gebührte dem Vater eine Entschädigung. Die Verführung eines Mädchens, das verlobt war, hatte die Steinigung beider Parteien zur Folge (5.Mose 22,23-24). Wenn eine nicht verlobte Jungfrau sich der Verführung ergab, sollte der Mann den Brautpreis bezahlen und sie heiraten. Im Normalfall bezahlte man den Eltern des Mädchens zur Zeit der Verlobung eine gewisse Summe, die den Verlobungsvertrag gültig machte (vgl. 1.Mose 34, 12; 1.Sam 18,25). Wenn ihr Vater nicht wollte, daß seine Tochter den Mann heiratete, war der Mann trotzdem verpflichtet, das Brautgeld zu bezahlen.

[[@Bible:Exod 22: 17]]k.Gesetze über den Götzendienst (22, 17-19)

2. Mo 22,17-19: Die drei in diesen Versen erwähnten Sünden verdienten die Todesstrafe. Sie nahmen den Kampf Israels gegen die Verehrung der Götzen vorweg. Die erste Sünde drehte sich um Frauen, die Zauberei praktizierten (indem sie die Zukunft vorhersagten oder andere durch dämonische Mächte überwachten; vgl. den Kommentar zu 5.Mose 18,9-12 und zu Dan 2,2); die zweite Sünde war die Sodomie (vgl. 3.Mose 20,16; 5.Mose 27,21), die in der kanaanitischen Baalverehrung markant hervorstach (vgl. 3.Mose 18,23-24); die dritte dreht sich um das Opfern für irgendeinen anderen als den wahren einen, den Herrn (vgl. 3.Mose 20,3-5).

[[@Bible:Exod 22:20]]l.Gesetze über die Fürsorge am Bedürftigen (22,20-26)

2. Mo 22,20-26: Es wurden verschiedene Gesetze zum Schutz der Schlechtergestellten mit aufgenommen, weil Gott für sie sorgte: (ich bin voll Mitleid, V.26). Fremde sollten wohlwollend behandelt werden, weil die Israeliten selbst Fremdlinge in Ägypten gewesen waren (V.20; vgl. 2. Mo 23,9). Sie sollten auch die Menschen ohne Väter oder Ehemänner nicht ausnutzen, weil sie bereits ohne Schutz dastanden (2. Mo 22,21-23). Ihre schlechte Behandlung ließ Gottes Zorn aufsteigen, und die schuldigen Parteien verloren das Leben.
Für Witwen und Waisen sollte während der Ernte Getreide auf den Feldern gelassen werden (5.Mose 24,19- 21), einschließlich der Ränder der Felder (3.Mose 19,9-10). Den Helfern sollte bei Festlichkeiten besondere Gastfreundlichkeit zuteil werden (5.Mose 16,11-14), sie sollten jedes dritte Jahr einen besonderen Zehnten erhalten (5.Mose 14,28-29), und es sollte ihnen gestattet sein, während des Sabbatjahres ihre Feldfrüchte auf den Feldern der anderen anzubauen (2.Mose 23,11).
Israeliten in Not sollten zinsfreie Kredite gewährt werden (2. Mo 22,24-26; vgl. 3.Mose 25,35-38; 5.Mose 15,7-11; 5. Mo 23,19-20). Wenn ein Armer einen Kredit erhielt, wurde von ihm ein Besitzstück von Wert, normalerweise ein Mantel, dem Kreditgeber als Pfand für die Zurückzahlung übergeben. Aber sein Mantel sollte ihm zum Sonnenuntergang zurückgegeben werden, um ihm in der Nacht Behaglichkeit zuzusichern (vgl. 5.Mose 24,10-13; Hiob 22,6).

[[@Bible:Exod 22:27]]m.Gesetze über die Ehrfurcht vor Gott (22,27-30)

2. Mo 22,27-30: In den vorhergehenden Versen 20-26 wurden die Bedürfnisse der Menschen der unteren sozialen Schicht erörtert. Dieser Abschnitt (V.27-30) behandelt die Verordnungen für die Menschen der oberen Schichten. Weder dem Namen Gottes, des obersten Herrschers, noch dem Namen der Obrigkeit sollte geflucht werden. Israel sollte sich immer daran erinnern, daß der Erstgeborene ihrer Söhne und Tiere Gott gehörte (vgl. 2. Mo 13,2.12). Die Söhne sollten im Alter von acht Tagen Gott geweiht, und dabei ein Lösegeld bezahlt werden (2. Mo 13,13). Das Erstgeborene der Rinder und Schafe sollte geopfert werden.
Tiere, die von fleischfressenden Bestien getötet wurden, sollten von Israel nicht verzehrt werden, weil das Blut nicht aus dem Tier ausgeflossen war und sie dadurch, zwar nur auf indirektem Wege, mit der unreinen Bestie, die das Tier getötet hatte, in Kontakt kamen. Israels inwendige Heiligkeit sollte mit ihrer physischen Abtrennung von jeder Form der Unreinheit einhergehen.

[[@Bible:Exod 23:1]]n.Gesetze über die Gerechtigkeit vor Gericht (23,1-9)

2. Mo 23,1-9: Diese Ermahnungen, die das neunte Gebot (2. Mo 20,16) entwickelten, drehten sich um die Notwendigkeit unparteiischer Gerechtigkeit bei einem Gerichtsverfahren. Die Israeliten sollten in Gerichtsangelegenheiten ein wahres Zeugnis ablegen. Sie sollten die Gerechtigkeit nicht dadurch verkehren, daß sie von der Menge oder sogar von der Begünstigung des Armen beeinflußt wurden. Die Worte Feind (2. Mo 23,4) und Widersacher (V.5) bedeuten möglicherweise »Gegner im Gericht«; ein Israelit sollte sogar zu den Tieren desjenigen freundlich sein, mit dem er im gerichtlichen Streit lag. Dem Armen die Gerechtigkeit aufgrund seiner gesellschaftlichen Stellung zu versagen (V.6; vgl. V.3), vor Gericht falsches Zeugnis zu geben, das zum Tod eines Unschuldigen führte (V.7), ein Bestechungsgeschenk anzunehmen (d.h. eine Bezahlung für eine Bevorzugung vor Gericht, V.8; vgl. 5.Mose 16,19; - das war im Nahen Osten ein übliches Problem), und den Fremdling zu unterdrücken (vgl. 2.Mose 22,20; vielleicht bezieht sich 2. Mo 23,9 auf Fälle vor Gericht), war verboten.

[[@Bible:Exod 23:10]]o.Gesetze über den Sabbat (23,10-13)

2. Mo 23,10-13: Darauf gab der Herr Israel Anordnungen zum Sabbatjahr (V.10-11) und zum Sabbattag (V.12-13), die das vierte Gebot weiterentwickelten (2. Mo 20,8-11). Das Sabbatjahr erinnerte Israel daran, daß Gott das Land besaß und ihnen lediglich zur Verwaltung gegeben hatte (3.Mose 24,23). Das Sabbatjahr versorgte darüber hinaus die Armen, die von den Feldern sammeln konnten.
Durch die Ruhe am siebten Tag konnten Menschen und Tiere für die nächsten sechs Arbeitstage erquickt werden. Dieser Abschnitt (2.Mose 23,13) endet mit einer allgemeinen Ermahnung, Gottes Geboten zu gehorchen, und einer Warnung, die Namen anderer Götter nicht anzurufen, oder auch nur zu erwähnen.

[[@Bible:Exod 23:14]]p.Gesetze über jährliche Feste (23,14-19)

2. Mo 23,14-19: Hier gab Gott die Anweisung, jedes Jahr drei landwirtschaftliche Feste zu feiern: a) das Fest der ungesäuerten Brote im Monat Abib (März/April), etwa in der Zeit der Gerstenernte; b) das Fest der Ernte im Frühjahr zu Beginn der Weizenernte (vgl. 2. Mo 34,22), wenn die Erstlingsfrüchte dem Herrn gegeben werden sollten und c) das Fest des Einsammelns im Frühherbst (September/Oktober; vgl. die Tabelle »Der Kalender in Israel« bei 2.Mose 12,1).
Das erste dieser großen Agrarfeste war ein Andenken an den überstürzten Auszug aus Ägypten (vgl. 2. Mo 12,15-20). Das zweite Fest, an dem dem Herrn zwei Brotlaibe aus neuem Korn dargebracht wurden (3.Mose 23,15-21), wurde auch Wochenfest genannt (2.Mose 34,22), weil es sieben Wochen (50 Tage) nach dem Fest der ungesäuerten Brote gefeiert wurde. Im NT (Apg 2,1; Apg 20,16; 1.Kor 16,8) wird es dann Pfingsttag genannt. Das dritte Fest, das Fest des Einsammelns, am Ende des landwirtschaftlichen oder bürgerlichen Jahres wurde auch das Laubhüttenfest genannt (3.Mose 23,33-36; 5.Mose 16, 13-15; 5. Mo 31,10).
Diese Feste dienten Israel als ständige Erinnerungen daran, wie Gott sein Volk versorgt hatte. So sollte dreimal im Jahr (2.Mose 23,14.17; 2. Mo 34,23) alles, was in Israel erwachsen und männlich war, mit Korn und Tieropfern zur Stiftshütte (oder später zum Tempel) kommen. Wenn ein Opfer auf dem Altar verzehrt wurde, sollte es ohne Sauerteig sein. Nur das Beste der Erstlingsfrüchte sollte dem Herrn dargebracht werden.
Das Verbot, ein Böcklein nicht in der Milch seiner Mutter zu kochen (2. Mo 23,19; vgl. 2. Mo 34,26; 5.Mose 14,21), könnte sich aus religiösen Praktiken erklären, wonach die Kanaaniter in einem Fruchtbarkeitsritus Ziegen in der Milch ihrer Mutter gekocht haben. Gott wollte nicht, daß sein Volk an irgendetwas teilnahm, das mit der Verehrung von Götzen in Beziehung stand. Das Verbot könnte sich aber auch gegen die unmenschliche Behandlung junger Ziegen richten. Beim Fest des Einsammelns (2.Mose 23,16b) waren die Israeliten möglicherweise in Versuchung, der üblichen Praxis der Beduinen zu folgen und das Fleisch einer jungen Ziege in Ziegenmilch zu kochen, obwohl doch die jungen Ziegen bei ihrer Mutter gelassen werden sollten. Mit anderen Worten: Das Verbot bedeutete unter Umständen, daß die Israeliten nicht das, was dazu gedacht war, das Leben (Ziegenmilch) zu fördern, dazu benutzen sollten, das Leben zu zerstören. Diese Klausel könnte die Grundlage des gegenwärtigen jüdischen Brauches sein, Milchprodukte und Fleisch nicht miteinander in Berührung zu bringen.

[[@Bible:Exod 23:20]]q.Schlussrede: Die Verheissung für die Eroberung des Landes (23,20-33)

Der Abschnitt über die Verordnungen (der in 2. Mo 20,22 beginnt) beinhaltet auch die trostgebende Verheißung, daß Gott sein Volk in das verheißene Land, wo die Gesetze, die gerade aufgezählt wurden, in die Praxis umgesetzt werden sollten, führen würde. Der Abschnitt enthält die Verheißungen der Verfluchung für Ungehorsam und des Segens für Gehorsam, die den Ankündigungen im 3.Mose und 5.Mose ähnlich sind.
2. Mo 23,20-26: Zuerst betonte der Herr die Notwendigkeit des Gehorsams. Der Engel (V.20.23) könnte vielleicht ein besonderer Wächterengel für Israel gewesen sein (vielleicht Michael; Dan 12,1) oder, was noch wahrscheinlicher ist, der Herr selbst oder, wegen seiner Fähigkeit, zu vergeben, der noch nicht fleischgewordene Christus (vgl. 2.Mose 23,20 mit 1.Mose 24,27; vgl. den Kommentar zu 1.Mose 16,9). Gott hatte verheißen, sein Volk in den vor ihnen liegenden Tagen zu führen. Die Führung erfolgte natürlich in besonderer Weise durch Mose und Aaron. Als das Volk in Kanaan ankam, verhieß Gott ihnen, daß er ihre Feinde vertilgen würde (zu den in 2.Mose 23,23 genannten Völkern vgl. den Kommentar zu 2. Mo 3,8). Die Israeliten sollten die Götzenbilder und heiligen Steine (vgl. 34, 13; 5.Mose 7,5; 5. Mo 12,3) der Kanaaniter zerstören. Möglicherweise waren diese Steine männliche Fruchtbarkeitssymbole. Gott zu verehren und ihm zu gehorchen hatte Gesundheit, langes Leben und Belohnung zur Folge.
2. Mo 23,27-30: Gott verhieß auch, daß er den Israeliten das Land allmählich geben würde. Ihre Feinde sollten, von Gott in Schrecken versetzt, verwirrt werden und sich zurückziehen. So als ob sie laufen würden, um dem Stachel einer Hornisse zu entkommen, würden sie in Angst und Schrecken fliehen (vgl. 2. Mo 15,15; 4.Mose 22,3; Jos 2,9-11. 24; Jos 5,1; Jos 9,24). Manche Bibelleser nehmen dennoch den Bezug auf »die Hornisse« wörtlich. Andere sind der Meinung, daß sich der Ausdruck auf die ägyptische Armee bezieht.
Die Eroberung sollte länger als ein Jahr dauern; tatsächlich dauerte die Eroberung Josuas, bei der nicht alle Feinde vertilgt wurden, sieben Jahre (1406- 1399 v.Chr.). Wenn Gott ihnen das ganze Land auf einmal gegeben hätte, anstatt nach und nach (vgl. Ri 1), wäre das Land wüst und von wilden Tieren überschwemmt worden, bevor Israel sich darin ansiedeln und es bebauen konnte.
2. Mo 23,31-33: Dann schrieb der Herr die Grenzen des verheißenen Landes vor. Das Rote Meer ist in diesem Falle der Teil des Roten Meeres, der heute als Golf von Aqaba bekannt ist (vielleicht, um die südöstliche Grenze des Volkes zu bilden). Das Philistermeer (das Mittelmeer) sollte die Grenze im Westen sein, die Wüste die südliche Grenze und der Euphratstrom die nördliche (oder nordöstliche). Dieses Territorium wurde in der Zeit Salomos besetzt (1.Kön 5,1), obwohl ein großer Teil davon Israel nicht völlig unterstand. Enklaven des Feindes bestanden im Land als Vasallen Israels noch immer fort (vgl. 5.Mose 11,24, und siehe den Kommentar zu 5.Mose 1,7). Die Gegenwart dieser Feinde im Land war für Israel eine ständige Bedrohung, so wie es Gott vorhergesagt hatte. Jos 9,13-15 berichtet die Verletzung des Gebotes Gottes, keinen Bund (vgl. 2.Mose 34,12) mit einem der fremden Völker im Land Kanaan zu schließen. Wenn Israel es unterließe, die Feinde auszustoßen (2. Mo 23,31), würde das zur Folge haben, daß sie Israel dazu bringen würden, zu sündigen, und zwar in erster Linie durch ihren Götzendienst. Die spätere Geschichte Israels hat mit Sicherheit bewiesen, daß das der Wahrheit entsprach.

[[@Bible:Exod 24:1]]r.Die Bestätigung des Bundes (24,1-11)

Die Übereinkünfte des Bundes wurden - einschließlich der Zehn Gebote und der Zeremonien -, durch welche das Volk Israel als das Volk des wahren Gottes gelenkt werden sollte nun übermittelt. Dem Volk blieb nur noch übrig, den Vertrag zu bestätigen.
2. Mo 24,1-4a: Gott ließ Mose mit Aaron, seinen zwei ältesten Söhnen Nadab und Abihu (vgl. 3.Mose 10) und 70 der Ältesten (Führer) des Volkes vor ihn kommen. Allerdings sollten alle 73 Männer, ausgenommen Mose, aus Achtung der Majestät und Heiligkeit Gottes vor dem HERRN Abstand bewahren (vgl. 2.Mose 19,12-13.24). Mose stieg auf den Gipfel des Berges, die übrigen 73 Männer waren zwar auf dem Berg, aber nicht auf der Spitze, und das Volk war noch darunter, am Fuß des Berges.
Gott war nun bereit, den mosaischen Bund mit seinem Volk zu bestätigen. Mose wiederholte vor dem Volk alle Worte und Gesetze des HERRN (2. Mo 20,22- 2. Mo 23,33), die »das Buch des Bundes« genannt wurden (2. Mo 24,7). Nachdem das Volk diese Gesetze gehört hatte, äußerte es sich ganz untergeben, ihnen gehorchen zu wollen (vgl. 2. Mo 19,8), und Mose schrieb Gottes Gebote nieder.
2. Mo 24,4b-8: Dann bereitete Mose das Volk auf die Bestätigung des Gesetzes vor. Zuerst baute er einen Altar am Fuß des Berges Sinai und errichtete 12 Steinmale, um die 12 Stämme Israels darzustellen. Weil es die levitische Priesterschaft noch nicht gab, dienten die jungen israelitischen Männer (vielleicht die geweihten Erstgeborenen, 2. Mo 13,1-16) und Mose als Priester und brachten dem HERRN Brand- und Dankopfer dar. In der feierlichen Bestätigung sprengte Mose Blut an den Altar (2. Mo 24,6) und auf das Volk (V.8), das gehört hatte, wie Mose das Buch des Bundes verlas. Sie hatten noch einmal versprochen, dem Gesetz zu gehorchen (V.7; vgl. V.3). Dies ist das einzige Mal im AT, daß Menschen mit Blut besprengt wurden. Möglicherweise wurde das Volk in dem Sinne besprengt, daß die Steine, die es repräsentierten (V.4), besprengt wurden. (Über die Beziehung zwischen Gehorsam und dem Besprengen mit Blut vgl. den Kommentar zu 1.Petr 1,2.) Das versprengte Blut symbolisierte so die rechtsgültige Abwicklung des Vertrages zwischen Gott (der durch den Altar dargestellt wurde, 2.Mose 24,6) und dem Volk (das durch die Steine dargestellt wurde). Israel war auf diese Weise durch das Blut (das Blut des Bundes) als das Volk des wahren Gottes feierlich ausgesondert worden. Später wurde der Neue Bund, der durch Jesus aufgerichtet wurde, auch durch Blut, nämlich sein eigenes Blut, bestätigt (Lk 22,20; 1.Kor 11,25-26).
2. Mo 24,9-11: Mose, Aaron, die beiden ältesten Söhne Aarons und die 70 Ältesten stiegen auf den Berg hinauf, um den Bund vor Gott zu bekräftigen und zu bestätigen. Weil niemand Gott sehen und dann noch leben kann (vgl. den Kommentar zu 2. Mo 33,11.20; Joh 1,18), sahen sie möglicherweise den Gott Israels in dem Sinne, daß sie von ihm ein Gesicht hatten, in dem sie erkannten, wer er ist. Offenbar war der Anblick so wunderbar und ehrfurchteinflößend, daß ihre Augen nur unter seine Füße sahen. Der helle Glanz Gottes sah aus wie Saphir (vgl. den Saphirthron in Hes 1,26). Dann verzehrten sie vor Gott ein Mahl. Es war durchaus üblich, die Bestätigung eines Bundes mit einem Mahl zu symbolisieren (vgl. 1.Mose 26,30; 1. Mo 31,54; Lk 22,15-20).

[[@Bible:Exod 24:12]]4.Die Zeremonialgesetzgebung (24,12-31,18)


Der mosaische Bund war bestätigt worden (2. Mo 24,1-11), und Israel war nun eine Theokratie, ein Staat oder ein Gemeinwesen, das Gott unterstellt war. Nachdem das Volk Gottes von Gott aus der Sklaverei erlöst worden war, und nun in einem Bund unter seinem Gesetz stand, wurde es jetzt über den angemessenen Weg der Gottesverehrung belehrt. Mose wurde in die Gegenwart Gottes gerufen, um die Zehn Gebote in Stein, zusammen mit anderen Geboten zu erhalten (2. Mo 24,12). 40 Tage später kehrte er zurück (2. Mo 31,18; 2. Mo 34,28). In diesem Zeitabschnitt übermittelte Gott Mose die Form der Gottesverehrung für Israel. Die Stiftshütte sollte der Mittelpunkt der Gottesverehrung Israels werden. Dieser ausgedehnte Abschnitt (2. Mo 24,12-2. Mo 31,18) dreht sich um die Verordnungen, die sich auf den Dienst im Heiligtum und den Priesterdienst beziehen - Zeremonialgesetze, die den Bund umgeben.

[[@Bible:Exod 24:12]]a.Die Geschichte der Offenbarung des Zeremonialgesetzes (24,12-18)

2. Mo 24,12-18: Mose sollte auf den Berg vor Gott kommen, um die Steintafeln mit dem Gesetz (den Zehn Geboten, 2. Mo 20,2-17; vgl. 2. Mo 34,28) und die Gebote über die Verehrung für Israel zu erhalten. Gott hatte Mose die Zehn Gebote schon früher gegeben, aber nun wurden sie in Stein eingeschrieben.
Die Führung des Volkes wurde für eine Zeitlang an Aaron und Hur übergeben (vgl. 2. Mo 17,10.12), während Mose mit Josua auf den Sinai, den Berg Gottes stieg (vgl. 2. Mo 3,1; 2. Mo 4,27; 2. Mo 18,5). Josua, der zum ersten Mal in 2. Mo 17,9 erwähnt wird, wurde zunehmend zur führenden Persönlichkeit (vgl. 2. Mo 33,11). Möglicherweise bestieg Josua den Berg nur bis zu einer gewissen Höhe.
Eine Wolke, die Gottes Herrlichkeit darstellte (vgl. 2. Mo 19,16), verkündigte das Herannahen Gottes, um Mose zu treffen. Gottes Herrlichkeit bedeckte den Berg. Dort sprach Gott nach sechs Tagen mit Mose aus der Wolke. Für das Volk unten sah die Herrlichkeit Gottes wie ein verzehrendes Feuer aus (19, 18). Während der 40 Tage aß und trank Mose nichts (vgl. 5.Mose 9,9).



[[@Bible:Exod 25]]b.Die Anweisungen für die Stiftshütte (2. Mo 25-27)

Die Stiftshütte war für das öffentliche Leben Israels wichtig; sie symbolisierte das Wohnen Gottes unter seinem Volk (2. Mo 25,8; 2. Mo 29,45), und war der Ort, an dem Gott den Verantwortlichen des Volkes (2. Mo 29,42) und dem Volk (2. Mo 29,43) begegnete. Gottes Herrlichkeit offenbarte sich in der Stiftshütte (2. Mo 40,35). Sie war darüber hinaus das sichtbare Zentrum der neu errichteten Theokratie zur Verehrung Gottes. Die Stiftshütte war eine vorlaufende Darstellung Christi, von dem es heißt, daß er unter seinem Volk wohnte (Joh 1,14).
Auf die Stiftshütte (2.Mose 25,9) wurde mit verschiedenen Namen Bezug genommen: >Heiligtum<, was soviel bedeutete wie heiliger Ort (2. Mo 25,8); >Zelt< (2. Mo 26,7.11-14.36) wegen ihres zeltähnlichen Aufbaus; >das Zelt der Zusammenkunft< (2. Mo 27,21), was ihren Aufbau und ihre Funktion andeutete; >Wohnung des Gesetzes< (2. Mo 38,21; vgl. Apg 7, 44) und >Hütte des Gesetzes< (4.Mose 9,15), womit der Ort, wo die beiden Gesetzestafeln (das »Gesetz«; vgl. 2.Mose 31,18 und vgl. den Kommentar zu 2. Mo 16,34) aufbewahrt wurden (nämlich in der Bundeslade im Allerheiligsten; vgl. 2. Mo 25,16.21) bezeichnet wurde. Vgl. dazu auch die Skizze »Grundriß der Stiftshütte«. Manche Ausleger nehmen an, daß die Stiftshütte wie ein Zelt mit einer Firststange und einem schrägen Dach wie ein V aussah. Wie dem auch sei, die Heilige Schrift erwähnt keine Firststange. Auch ein Giebeldach würde die Maße des Daches über die Höhe von zehn Ellen hinausgehen lassen, so daß die über das Dach und die Seiten gelegten Zeltdecken die goldbedeckten Bretter nicht in angemessener Weise bedeckt hätte. Daher sollte man wohl der üblichen Ansicht von einer Stiftshütte mit einem Flachdach den Vorzug geben.
(1) Das Sammeln des Materials

2. Mo 25,1-9: Der Herr beschrieb Mose die Materialien, die für den Bau der Stiftshütte zusammengetragen werden sollten. Die Israeliten sollten ein freiwilliges Opfer bringen; jeder, dessen Herz ihn trieb, etwas zu geben.
Die Metalle, die beim Bau benutzt werden sollten, waren Gold, Silber und Kupfer. Das Gold wird vielleicht zuerst genannt, weil es am wertvollsten ist. Nach den drei Metallen werden vier weitere Materialien aufgezählt: Garn in drei Farben und Leinen. Feines Leinen ist die Übersetzung von šeš, ein ägyptisches Wort. »Ägypten zeichnete sich in der Herstellung von Leinen, besonders von doppeltem Leinen aus, bei dem jeder Faden aus vielen Fäden zusammengedreht wurde. Die hebräischen Sklaven mußten viele ägyptische Kunsthandwerke... während ihres Aufenthaltes in Ägypten erlernt haben.« (R. Alan Cole, Exodus, An Introduction and Commentary, S.189). Als nächstes werden Ziegenhaar, Widderfelle und Felle von Seekühen (in anderen Übersetzungen: Dachsfelle) genannt. »Die Seekuh (dugong dugong) ist ein pflanzenfressendes Säugetier, das im Roten Meer und im Golf von Aqaba beheimatet ist. Bis heute stellen die Beduinen aus ihren Häuten Sandalen her« (Ronald F. Youngblood, Exodus, S.114; vgl. auch Hes 16,10, wo das Wort »Leder« dasselbe ist wie dasjenige für »Seekuh« in 2.Mose).
Das Holz der Akazienbäume, die auf der Sinai-Halbinsel häufig vorkommen, eignet sich ausgezeichnet für Bauten. Andere Gegenstände, die herbeigebracht werden sollten, waren Olivenöl, Gewürze und wunderschöne Steine. Gold, Silber und Leinen stammten möglicherweise von den Ägyptern (vgl. 12, 35-36). Einige der anderen Materialien könnten aus der Beute eines Sieges der Israeliten über die Amalekiter stammen (2. Mo 17,8-16) oder aus dem Handel mit den Beduinen.
(2) Die Lade und der Sühnedeckel (2. Mo 25,10-22)

Der vorausgegangene Abschnitt (V.1- 9) schloß mit Gottes ausdrücklichem Befehl an Mose, die Stiftshütte und ihre Ausstattung gemäß seinen Anweisungen aufzubauen. (2. Mo 35-40 berichten von Moses sorgfältiger Ausführung dieser Pläne.) 2.Mose 25,10- 2. Mo 27,21; 2. Mo 30,1-6 beschreiben die Details dieser Anweisungen (vgl. Hebr 9,23- 24). |V83 Mehrere Einrichtungsgegenstände der Stiftshütte werden zuerst beschrieben (2.Mose 25,10-40), bevor, aufgrund ihrer Bedeutung, die Beschreibung der Stiftshütte selbst folgt (2. Mo 26). Die Stiftshütte diente dazu, die Gegenstände zu schützen. Der wichtigste Gegenstand der Stiftshütte überhaupt wird zuerst beschrieben. Es war das einzige Stück in der zweiten Abteilung der Stiftshütte, dem Allerheiligsten.
2. Mo 25,10-16: Die Bundeslade wurde Kasten (Lade), »die Lade mit dem Gesetz« (V.22) und »Lade des Bundes des Herrn« (4.Mose 10,33; 5.Mose 10,8; 5. Mo 31,9.26) genannt. Sie wurde »mit dem Namen« Gottes genannt (vgl. den Kommentar zu 1.Chr 13,6). Die Lade sollte ein rechteckiger Kasten (zweieinhalb Ellen lang, anderthalb Ellen breit und anderthalb Ellen hoch) aus Akazienholz und innen und außen mit Gold überzogen sein. Die Lade sollte auf vier Füße gestellt werden und vier Ringe für zwei goldüberzogene Stangen haben, mit denen die Lade getragen werden konnte. In die Lade sollte Mose die beiden Steintafeln mit den Zehn Geboten (oder das Gesetz), die auf die Tafeln geschrieben worden waren und die er auf dem Berg erhalten hatte (2. Mo 31,18), legen (2.Mose 25,16.21). Gemäß Hebr 9,4-5 enthielt die Lade außerdem einen Krug mit Manna (vgl. 2.Mose 16,33 und den Kommentar zu 2.Chr 5,10) und den Stab Aarons (vgl. den Kommentar zu 4.Mose 17,25).
2. Mo 25,17-22: Ein Deckel (»Gnadenthron«) sollte auf der goldenen Lade angebracht werden. Der Deckel der Lade (zweieinhalb Ellen mal anderthalb Ellen) mit zwei Cherubim (Pl. von »Cherub«), die sich auf dem Deckel gegenüberstanden, sollte aus einem gediegenen Stück von reinem Gold sein. Offenbar sollten diese goldenen Cherubim den geflügelten Engeln in der Gegenwart Gottes gleichen (vgl. 1.Sam 4,4; Ps 80,2; Ps 99,1; Jes 37,16). Auch in die Vorhänge, die die Stiftshütte selbst bedeckten, waren Cherubim eingewebt (2.Mose 26,1-6), ebenso in die Vorhänge zwischen dem Heiligtum und dem Allerheiligsten (2. Mo 26,31-33).
Von besonderer Wichtigkeit ist hier, daß über dem Sühnedeckel zwischen den beiden Cherubim Gott seinem Volk begegnen sollte. Hier sprengte der Hohepriester am großen Versöhnungstag (3.Mose 16,1-20) das Blut auf den Deckel (kapporet, »Deckel«). Das Blut bedeckte (kapar, »bedecken«, »Sühne erwirken für«; vgl. 2.Mose 30,10) so die Sünde Israels. Der Sühnedeckel symbolisierte für Israel das, was später durch Christus erfüllt wurde, der, als das Lamm Gottes (Joh 1,29) durch sein vergossenes Blut (Eph 1,7; 1.Petr 1,18-19), Versöhnung für die Sünden erwirkte (Röm 3,25; Hebr 9,11-14).
(3) Der Tisch für die Schaubrote
2. Mo 25,23-30: Der Tisch mit zwei Ellen Länge und einer Elle Breite sollte aus Akazienholz (wie die Lade, V.10) gemacht, mit Gold überzogen und mit goldüberzogenen Stangen in der selben Weise wie die Lade getragen werden. Eine Leiste von einer Handbreit Höhe um die Ecken des Tisches sollte die Dinge auf dem Tisch vor dem Herabfallen bewahren. Auf dem Tisch, der an der Nordseite des Heiligtums aufgestellt werden sollte (2. Mo 26,35; 2. Mo 40,22), sollten 12 Brotlaibe in zwei Reihen zu je 6 aufgestellt und an jedem Sabbat ersetzt werden (3.Mose 24,5-9). Auf dem Tisch sollten auch goldene Schüsseln (vielleicht um die Brotlaibe zu tragen) und Schalen, Kannen und Becher für Trankopfer aufgestellt werden. Die Brote wurden Brote des Angesichts (Schaubrote) genannt, weil sie in der Gegenwart Gottes (vor mir) lagen. Dieser Tisch mit seinen 12 Brotlaiben, die möglicherweise die 12 Stämme Israels darstellten, war ein Bild für die Gemeinschaft Gottes mit seinem Volk. Wenn die Priester die Brote aßen (3.Mose 24,9), wurde damit deutlich, daß geistliche Gemeinschaft das geistliches Leben stärkte.
(4) Der goldene Leuchter

2. Mo 25,31-40: Der Leuchter (menorâh, daher das deutsche Wort »Menora« für einen jüdischen Kandelaber) sollte das am meisten verzierte Stück der Einrichtung der Stiftshütte sein. Seine dekorativen Kelche, Knäufe und Blüten wurden aus einem gediegenen Stück Gold (V.31.36) gearbeitet. An jeder Seite eines Schaftes sollten drei Arme nach oben gehen (V.32). Jeder Arm hatte drei Kelche in Form von Mandelblüten (V.33), der Schaft in der Mitte vier (V.34). Oben auf dem Schaft in der Mitte und auf jedem der sechs Arme befand sich eine Lampe (V.37). Die sieben Lampen in dem Lampenständer gaben in dem Zelt Licht (V.37).
Der Leuchter, der ununterbrochen brennen sollte, wurde morgens und bei Sonnenuntergang von den Priestern versorgt (2. Mo 27,20-21; 3.Mose 24,3-4). Die für dieses Ausstattungsstück und sein Zubehör - Dochtscheren und Feuerbecken (vielleicht für das Öl) - erforderliche Menge an Gold betrug ein Talent, was etwa 75 Pfund entsprach. So wie der Leuchter für die Aufgaben der Priester vor Gott Licht spendete, so ist Christus heute das Licht der Welt (Joh 8,12), der den Weg zu Gott zeigt (Joh 14,6.9).
(5) Die Zeltdecken der Stiftshütte (2. Mo 26,1-14)

2. Mo 26,1-6: Kapitel 26 legt den Schwerpunkt auf die Stiftshütte, die die drei Gegenstände darin schützte (und darüber hinaus den Räucheraltar, der in 2. Mo 30,1-10 beschrieben wird). Das tragbare Zelt war 10 Ellen mal 30 Ellen groß (vgl. die Skizze »Grundriß der Stiftshütte«), mit einem hölzernen Rahmen an den Seiten, oben und an der Rückseite. Über das Dach und die Rückseite der Hütte wurden 10 Zeltdecken gelegt, die als großes Zelt fungierten. Die Stiftshütte mit ihrem sich darüberwölbenden Zelt wurde von einem großen Vorhof umgeben (2. Mo 27,9- 19).
Die 10 Zeltdecken (Teppiche) waren aus Leinen hergestellt und hatten wunderbare Farben (blau, rotes Purpur und Scharlach) (vgl. 2. Mo 25,4). Sie waren mit Cherubim bestickt (vgl. den Kommentar zu 2. Mo 25,18). Die Teppiche waren jeder 28 Ellen lang und 4 Ellen breit.
Wenn die langen Ecken der 5 Zeltdecken zusammengefügt wurden, maß die so neu gebildete Zeltdecke 20 mal 28 Ellen. Mit den nächsten 5 Zeltdecken zusammen maßen die 10 Decken (die durch 50 goldene Haken an den Ecken der beiden jeweils zusammengefügten Stücke befestigt wurden) 40 mal 28 Ellen.
Die 40 Ellen Länge (10 Decken zu je 4 Ellen Länge) ermöglichten es, daß die Decken das Dach der Stiftshütte (mit 30 Ellen Länge) und die Rückseite (10 Ellen Höhe) völlig bedeckten. Die 28 Ellen (die Länge jeden Teppichs) gingen über das Dach der Stiftshütte (mit 10 Ellen Höhe) hinaus und hingen an jeder Seite bis zu einer Elle auf den Erdboden herunter.
2. Mo 26,7-13: Über den farbigen Zeltdecken, die innerhalb der Stiftshütte aufgehängt wurden (V.1-6) und die Wände, Decke und Rückfront mit auserlesenen Wandteppichen bildeten, hingen noch weitere Decken. Diese 11 Decken waren aus Ziegenhaar, einem schwarzen, wetterbeständigen Material, das noch heute von Beduinen bei der Zeltherstellung benutzt wird. Diese Zeltdecken waren länger als die inneren Vorhänge (eher 30 Ellen als 28 Ellen), so daß sie auf den Seiten der Stiftshütte den Boden berührten (V.13). Dadurch wurden die wunderbaren Farben der inneren Zeltdecken und die kostbaren Geräte in der Stiftshütte vor den Blicken verborgen.
2. Mo 26,14: Fünf der Ziegenhaardecken, und auf dieselbe Weise die anderen sechs Ziegenhaardecken, sollten wie die inneren Zeltdecken zusammengefügt werden. Wenn die beiden Teile zusammengefügt wurden (durch Kupferhaken, V.11), betrug die Länge 44 Ellen. So wurde die Länge der Stiftshütte (30 Ellen) und ihre Rückfront (von 10 Ellen Höhe) ausgelegt. Von den verbleibenden 6 Decken wurden drei doppelt über die Vorderseite gelegt (V.9) und drei an der Rückseite befestigt (V.12). Über die Ziegenhaardecken wurden zwei weitere Decken gebreitet: rotgefärbte Widderfelle und die Häute von Seekühen (vgl. den Kommentar zu 2. Mo 25,5). Für diese Decken werden keine Maße angegeben. Möglicherweise wurden sie über die Ziegenhaardecken gelegt, wie dies bei einigen Beduinenstämmen bis heute Brauch ist.
(6) Das Gerüst für die Stiftshütte

2. Mo 26,15-30: Offenbar waren die Wände der Stiftshütte nicht massiv, sondern bestanden aus Brettern, die ein Gitterwerk bildeten, über das die Zeltdecken angeordnet wurden. Wenn die Wände massiv gewesen wären, hätte man die farbigen Zeltdecken nicht im Innern der Stiftshütte sehen können. Jedes Brett hatte eine Höhe von 10 Ellen, die die Höhe der Stiftshütte andeuteten, und eine Breite von anderthalb Ellen.
Die Breite jedes Gerüstteils erstreckte sich offenbar von der Innenseite der Stiftshütte nach draußen. Josephus schreibt, daß die Gerüstteile eine halbe Elle Durchmesser hatten (Jüdische Altertümer, 3.6.3). Wenn das so war, dann waren die aufrechten Gerüstteile etwa eineindrittel Ellen voneinander entfernt.
Die beiden Vorsprünge an jedem Gerüstteil waren wie Zapfen, die in die silbernen Füße paßten. Alles in allem wurden 48 Gerüstteile gebraucht. 20 für die Südseite, 20 für die Nordseite, 6 für die Westseite (Rückseite) und darüberhinaus zwei Gerüstteile zur zusätzlichen Verstärkung. Die Bretter wurden noch durch eine Reihe von 15 Riegeln abgesichert (5 auf den beiden Seiten und 5 auf der Rückseite), die mit goldenen Ringen horizontal (V.26-30) angefügt wurden. Diese Stangen sollten mit Gold überzogen werden. Die mittlere Stange auf jeder Seite sollte sich über die volle Länge erstrecken; die anderen Stangen waren offenbar kürzer.
(7) Die inneren und äußeren Zeltdecken (2. Mo 26,31-37)

Zwei Vorhänge sollten hergestellt werden: Einer, der das Heilige vom Allerheiligsten abtrennte (V.31-35), und einer beim Eingang in die Stiftshütte (V.36-37).

2. Mo 26,31-35: Der innere Vorhang sollte aus prächtig gefärbtem Garn und Leinen, so wie die 10 Vorhänge über der Stiftshütte mit einer reichen Stickerei mit Cherubim, hergestellt werden. Der Vorhang, der an vier Stangen an goldenen Haken hing (mit Gold überzogen und mit silbernen Füßen; vgl. V.18- 21), teilte die Stiftshütte in zwei Abteilungen. Im inneren Hof, dem Allerheiligsten, war die Bundeslade und ihr Deckel (vgl. 2. Mo 25,10-22) aufgestellt. Im äußeren Teil, dem Heiligtum, stand der Tisch (mit den Schaubroten; vgl. 25, 23-30) und der Leuchter (vgl. 2. Mo 25,31- 39). Im Heiligtum befand sich auch der noch später erwähnte Räucheraltar (2. Mo 30,1-10).
2. Mo 26,36-37: Der Vorhang bei dem Eingang des Zeltes sollte aus denselben Materialien wie der innere Vorhang sein, aber offenbar ohne die Stickerei mit den Cherubim. Die Füße der goldenen Säulen sollten ebenfalls aus Kupfer, nicht aus Silber sein (vgl. V.32), weil dieser Vorhang ein Teil des Äußeren sein würde, das überall Kupfer zeigte. Dieser Vorhang wurde von fünf Säulen gestützt, nicht von vier wie der innere Vorhang (vgl. V.32). Da sich mehr Säulen in derselben Weite von 10 Ellen befanden, war der Raum, um die Stiftshütte selbst zu betreten, enger als der Raum zwischen den vier Säulen beim Eingang in das Allerheiligste.
(8) Der Brandopferaltar

2. Mo 27,1-8: In den Anweisungen über die Stiftshütte ging Gott von innen (der Lade und dem Sühnedeckel) nach außen zum Vorhof außerhalb der Stiftshütte vor.

In dem Vorhof befand sich ein Altar, der »Brandopferaltar« (2. Mo 30,28; 3.Mose 4,7.10.18) oder auch »Altar« (2.Mose 38,30) genannt wurde. Im Gegensatz zum Räucheraltar (2. Mo 30,1-10) war dies ein Altar für Tieropfer. Er sollte aus Akazienholz gemacht werden und fünf mal fünf Ellen lang und drei Ellen hoch sein, und Hörner (wie ein Tierhorn) an allen vier Ecken haben, die mit Kupfer überzogen waren. Die Geräte des Altars sollten ebenfalls aus Kupfer sein (2. Mo 27,3). Die Hörner sollten bei der Opferung durch die Priester (2. Mo 29,1.10-12; 3.Mose 8,14-15; 2. Mo 9,9) und am großen Versöhnungstag (3.Mose 16,18) mit Blut benetzt werden.
Das Gitterwerk oder kupferne Netz, das auf einer Leiste um den Altar herum bis zur Mitte desselben angebracht wurde, stützte den Altar. Möglicherweise wurde dort das Fleisch der Tiere gegart. Die Stangen sollten ebenfalls mit Kupfer überzogen werden und in kupferne Ringe an den Ecken des Altars gesteckt werden, um den Altar zu transportieren. Die untere Hälfte des Altars sollte hohl sein, doch später hat man ihn vielleicht mit kleinen Steinen gefüllt, nicht mit Erde, wie einige vermutet haben, um das Feuer dort zu entfachen. Der genaue Standort dieses Altars wird nicht angegeben, er befand sich aber am Eingang zur Stiftshütte (2. Mo 40,29). Das Becken war zwischen dem Altar und der Stiftshütte (2. Mo 30,18). Dieser Altar veranschaulicht die Tatsache, daß der Mensch nur durch Opfer zu Gott gelangen kann; nur durch Opfer wird Sünde gesühnt. Auf diesem Altar - dem ersten Gegenstand, den man beim Betreten des Vorhofes der Stiftshütte sah, wenn man sich zur Anbetung näherte, - wurden beständig Opfer für die Sünden dargebracht. Das letzte Opfer war Jesus Christus (Hebr 10,1- 18).
(9) Der Vorhof

2. Mo 27,9-19: Die ganze Anlage der Stiftshütte war rechteckig (50 Ellen mal 100 Ellen, V.9.13.18) mit einer äußeren Wand aus leinenen Decken, die von 20 Säulen an der südlichen Seite, 20 an der nördlichen und 10 an der westlichen gestützt wurde. Diese steckten alle in kupfernen Füßen und hatten silberne Haken (um die Decken aufzuhängen) in Ringbändern (V.10- 11.17). Die Säulen standen fast fünf Ellen voneinander entfernt, die Decken wurden durch kupferne Zeltpflöcke (V.19) festgehalten.
Der Eingang im Osten war 20 Ellen breit, da die Decken an jeder Seite des Eingangs 15 Ellen Raum einnahmen (50 Ellen15 Ellen15 Ellen = 20 Ellen). Drei Säulen stützten die Vorhänge auf den Seiten des Eingangs. Diese Säulen waren etwa 5 Ellen voneinander entfernt.
So wie die Vorhänge beim Eingang zum Heiligtum (2. Mo 26,36) und zum Allerheiligsten (2. Mo 26,31-33) sollten die Vorhänge beim Eingang zum Vorhof ebenfalls aus farbigen Garnen und feinem Leinen sein. Der Vorhang zum Heiligen sollte an fünf Säulen hängen (26, 36-37), aber dieser Vorhang hier sollte an vier Säulen aufgehängt werden (2. Mo 27,16). Die Höhe der umgebenden Wand aus Decken betrug 5 Ellen (27, 18). Das war hoch genug, um Blicke von außen abzuhalten; die Decken waren aber nur halb so hoch wie die Stiftshütte selbst es war, so daß diese sichtbar blieb.
(10) Das Öl für den Leuchter

2. Mo 27,20-21: Um in der Stiftshütte für Licht zu sorgen, benötigte der Leuchter mit seinen sieben Lampen (vgl. 2. Mo 25,31-39) eine ständige Versorgung mit Olivenöl. Die Israeliten sollten für dieses Öl sorgen, so daß die Priester den Leuchter als eine ewige Ordnung beständig brennen lassen konnten (vgl. den Kommentar zu 2. Mo 12,14). Wie wir bereits festgestellt haben, bezieht sich das Gesetz auf die Zehn Gebote auf Stein, die in der Bundeslade aufbewahrt wurden. Der Leuchter, der sich im Heiligtum befand, stand also vor der Lade, obgleich ein Vorhang die beiden Abteilungen der Stiftshütte voneinander trennte.

[[@Bible:Exod 28]]c.Die Anweisungen über die Priesterschaft (2. Mo 28-29)

Nach der Beschreibung der Stiftshütte und ihrer Ausstattungsgegenstände gab der Herr Mose Anweisungen über die Priesterschaft, die die Führer des

religiösen Lebens des Volkes waren. Die Priester sollten in dem Bezirk der Stiftshütte auf verschiedene Art und Weise ihren Dienst tun: Sie sollten zweimal täglich auf dem goldenen Altar ein Räucheropfer darbringen, den Leuchter und den Tisch mit den Schaubroten unterhalten, auf dem Brandopferaltar regelmäßig Opfer bringen und das Volk segnen. Zusätzlich führten sie zivile Gerichtsangelegenheiten durch (z.B. 4.Mose 5,5-31; 5.Mose 19,17; 2. Mo 21,5), unterwiesen das Volk im Gesetz (5.Mose 17,9.11; 5. Mo 33,8.10) und ermunterten es in Kriegszeiten (5.Mose 20, 2-4).
(1) Die Kleidung der Priester (2. Mo 28)

2. Mo 28,1: Die Priester, die den Dienst in der Stiftshütte tun sollten, waren Aaron und seine vier Söhne. Später starben Nadab und Abihu unter Gottes Gericht (3.Mose 10,1-2), so daß die aaronitische Priesterschaft durch die beiden jüngeren Söhne Aarons Eleasar, der der Nachfolger seines Vaters als Hoherpriester wurde (4.Mose 3,4), und Itamar fortgesetzt wurde.
2. Mo 28,2-5: Die Kleidung für den Hohenpriester wurde von der gewöhnlichen Kleidung abgehoben, damit seine Funktion eine besondere Stellung erhielt (ihm zur Ehre und zum Schmuck; vgl. V.40) und damit sie eine fortwährende Erinnerung an Gottes Heiligkeit sei. Die Kleider, die nur getragen werden sollten, wenn die Priester in der Stiftshütte ihren Dienst taten (2. Mo 35,19), sollten von geschickten Kunsthandwerkern hergestellt werden (2. Mo 28,3). Sie sollten aus demselben Material sein (Garn und feines Leinen) wie die Vorhänge der Stiftshütte (vgl. V.6.8.15.33.39. 42), mit Gold (V.5; vgl. V.6.8.22. 24 und V.26-27.36) und kostbaren Edelsteinen (V.17-20). Die sechs Kleidungsstücke des Priesters, die in Vers 4 aufgezählt werden, werden im Rest des Kapitels in ihren Einzelheiten beschrieben.
2. Mo 28,6-14: Das Efod (Luther: Schurz) war möglicherweise ein ärmelloses Überkleid, das den Oberkörper des Priesters bedeckte. Offenbar bestand es aus zwei Teilen, einem Vorder- und einem Rückenteil, die an zwei Schulterteilen mit Riemen (geflochtenen Schnüren aus Gold) zusammengefügt waren und eingefaßte Onyxsteine trugen (V.9). Das Ganze wurde mit einem Gürtel um die Taille am Körper gehalten (V.8). Auf den beiden Onyxsteinen sollten die Namen der 12 Stämme Israels eingraviert werden (6 auf jedem Stein, V.10), so daß, wenn Aaron die Stiftshütte betrat, er die Namen Israels vor Gott trug (V.12).
2. Mo 28,15-21: Die Brusttasche des Hohenpriesters sollte aus demselben Stoff wie das Efod sein (vgl. V.6). Sie sollte eine Spanne lang und eine Spanne breit (eine Spanne ist eine halbe Elle) und mit 12 kostbaren Steinen in Gold besetzt sein, die in vier Reihen zu je 3 Steinen angeordnet werden sollten. Auf jedem Stein sollte der Name eines der Stämme Israels eingraviert sein, möglicherweise in derselben Folge wie die Namen auf den gravierten Onyxsteinen (V.9-10).
2. Mo 28,22-28: Die Brusttasche sollte durch vier goldene Ketten eng über dem Efod befestigt werden. Zwei der Ketten sollten an den oberen Ecken der Brusttasche durch goldene Ringe gezogen und an den Schulterstücken des Efods befestigt werden. Die anderen beiden goldenen Ketten wurden an den unteren Ecken der Brusttasche durch goldene Ringe gezogen, an den Seitennähten des Efods angebracht und mit einer blauen Schnur am Bund befestigt.
2. Mo 28,29-30: Die Brusttasche (über dem Herzen Aarons), die in diesen Versen zweimal auftaucht), sollte dazu dienen, eine beständige Erinnerung vor dem HERRN zu sein. Ein weiterer Zweck der Tasche wird in der Bezeichnung Urim und Tummim (Lose) angedeutet. Diese waren die Mittel, mit welchen die Priester für die Israeliten Entscheidungen herbeiführten (vgl. V.15). Die Brusttasche war »doppelt gelegt« (V.16), um so eine Art Tasche für die Urim und die Tummim zu bilden.
In 4.Mose 27,21; 1.Sam 30,7-8 (das »Efod« deutet auf die Urim und die Tummim hin); Esra 2,63; Neh 7,65 wird auf die »Urim« und »Tummim«, die »Licht« und »Recht« bedeuten, Bezug genommen.
Sie waren Mittel, um durch die Priester von Gott auf Fragen und Probleme über die menschliche Erkenntnis hinaus Antworten zu erhalten.
Offenbar waren die Urim und Tummim zwei Steine. Wie sie benutzt wurden, um Gottes Willen festzustellen, ist unbekannt, aber man hat angenommen, daß die Urim für eine negative, die Tummim für eine positive Antwort standen. Es wäre möglich, daß diese Sicht dadurch angedeutet wird, daß Urim (´ûrîm) mit dem ersten Buchstaben des hebräischen Alphabetes beginnt und Tummim (tummîm) mit dem letzten. Von anderer Seite hat man angenommen, daß die Gegenstände lediglich die Autorität des Hohepriesters symbolisierten, Gott zu befragen oder eine Versicherung dafür waren, daß der Priester eine Erleuchtung (»Licht«) und vollkommenes Wissen (»Recht«) von Gott erhielt.
2. Mo 28,31-35: Unter dem Efod (Schurz) sollte der Hohepriester ein blaues ärmelloses Obergewand tragen, das bis unter seine Knie hinabreichte und am Kragen verstärkt war. Es sollte keine Naht haben und Granatäpfel tragen (entweder sollten sie wie Glocken am Saum hängen, oder sie waren auf dem Gewand eingestickt), dazu goldene Schellen am Saum. Die klingelnden Schellen ermöglichten dem Volk, den Hohepriester zu hören, wenn er im Heiligtum diente. Der Klang der Schellen versicherte dem Volk die Gnade Gottes, die es einem Priester gestattete, in ihrem Namen zu dienen. Nur ein angemessen gekleideter Priester konnte das Heiligtum betreten. Diese Anweisungen zu mißachten bedeutete den Tod.
2. Mo 28,36-38: Der Kopfbund des Priesters sollte aus Leinen hergestellt werden (V.39). Das augenfälligste Merkmal des Kopfbundes war ein Stirnblatt aus reinem Gold, auf die die Worte Heilig dem HERRN eingraviert waren. Dieser Ausdruck, der Israels Bedürfnis nach Reinheit vor Gott Ausdruck verlieh, wurde mit einer blauen Schnur vorn am Kopfbund befestigt (über Aarons Stirn). Die Gravur war ein heiliges Diadem (2. Mo 29,6; 2. Mo 39,30; 3.Mose 8,9). Als Stellvertreter des Volkes trug er ihre Schuld, wenn er dessen Gaben dem Herrn darbrachte.
2. Mo 28,39-42: Das Untergewand aus feinem Leinen war ein langes, weißes Gewand, das unter dem Obergewand des Efods getragen wurde (3.Mose 8,7). (Zum Kopfbund, der ebenfalls aus feinem Leinen hergestellt war, vgl. den Kommentar zu 2.Mose 28,36-38.) Die Schärpe war ein breiter Gürtel, den der Priester um die Taille trug und dessen Enden herabhingen. Auch diese Gegenstände trugen zur Ehre und zum Schmuck (vgl. V.2) des Priesters bei und halfen damit, daß die Wertschätzung des Volkes für die Priester und für Gott zunahm. Nachdem die Priester vollständig angekleidet waren, sollten sie geweiht werden (vgl. 2. Mo 29).
2. Mo 28,43: Weil Gott heilig ist, mußten sich die Priester ihm mit Würde und Vorsicht nähern. Im anderen Fall luden sie Schuld auf sich und starben (vgl. V.35). Aaron und seine Söhne sollten sich angemessen kleiden, wenn sie die Stiftshütte (das Zelt der Zusammenkunft) betraten oder sich dem Altar näherten (wahrscheinlich dem Räucheraltar), um vor dem Herrn zu dienen.
(2) Die Weihe der Priesterschaft (2. Mo 29)

Die Verse von 2.Mose 29,1-37, die in 3.Mose 8 wiederholt werden, beinhalten Gottes Anweisungen an Mose, wie dieser die Priester zum Dienst einsetzen sollte.
2. Mo 29,1-9: Gott befahl Mose, einen jungen Stier, zwei Widder, Brot, Kuchen und Fladen zu nehmen, den Bezirk der Stiftshütte zu betreten, und dort Aaron und seinen vier Söhnen zu begegnen. Nach den zeremoniellen Waschungen des Priesters (V.4) sollte Mose Aaron die hohepriesterliche Kleidung (die in 2. Mo 28 beschrieben wurde) anziehen. Auch Aaron sollte mit auf seinem Haupt mit Öl gesalbt werden (vgl. 2. Mo 30,22-33), was seine Berufung vor Gott für einen besonderen Dienst symbolisierte. Die Söhne Aarons sollten nicht mit Öl gesalbt, aber mit den priesterlichen Gewändern bekleidet werden, was Untergewänder, Kopfbänder und Schärpen miteinschloß (vgl. 2. Mo 28,40).
2. Mo 29,10-14: Nach der Weihung Aarons und seiner Söhne wurden eine Vielzahl von Opfern gebracht, wobei die Tiere und Dinge benutzt wurden, die Mose befohlen worden waren, daß er sie herbeibrächte (V.1-2). Mit jedem der drei Tieropfer wurde auf unterschiedliche Weise verfahren. Zuerst wurde ein Stier (V.10) als Sündopfer geopfert (V.14). Wenn man seine Hände auf den Kopf des Tieres legte (V.10; vgl. V.15.19), so bedeutete das die Identifikation mit dem Tier. Die Priester machten sich mit den Tieren eins, die an ihrer Stelle starben. Auf diese Weise erkannten die Priester ihre eigene Sündhaftigkeit und ihre eigene Bedürftigkeit zur Reinigung an (vgl. 3.Mose 17,11; Hebr 9,22).
Von dem Blut wurde etwas auf die Hörner des Brandopferaltars gesprengt. Das übrige Blut wurde an seinem Fuß ausgegossen. Die inneren Organe des Stieres sollten auf dem Altar, der Rest des Tieres außerhalb des Lagers verbrannt werden.
2. Mo 29,15-21: Das zweite Opfer, das Opfer der beiden Widder, sollte ein Brandopfer sein (V.18). Das Brandopfer sollte im Gegensatz zu den Opfern, die von demjenigen, der Gott verehrte, und den Priestern verzehrt wurden, vom Feuer völlig auf dem Altar verzehrt werden. Das Blut der Widder wurde nach allen Seiten des Altars versprengt, und der Widder sollte in Stücke geschnitten und gewaschen werden.
Das dritte Tier, das geopfert werden sollte, war der andere Widder. Sein Blut sollte an das rechte Ohr, den rechten Daumen und die rechte große Zehe Aarons und seiner Söhne als Zeichen dafür gestrichen werden, daß sie gereinigt und Gott geweiht worden waren. Das Blut am Ohr könnte die Weihe zum Hören auf Gottes Wort symbolisieren, das Blut am Daumen vielleicht die Heiligkeit beim Tun der Werke Gottes versinnbildlichen, und das Blut an der Zehe erinnerte möglicherweise daran, im Dienst für Gott umsichtig zu wandeln. Der Rest des Blutes des zweiten Widders sollte an die Seiten des Altars und auf die Priester und ihre Kleider zusammen mit dem Salböl gesprengt werden.
2. Mo 29,22-28: Mehrere der inneren Organe des Widders, ein Laib Brot, ein Kuchen und ein Fladen sollten Aaron und seinen Söhnen als Schwingopfer vor dem HERRN gegeben werden. Das Schwingopfer wurde geschwungen, und zwar nicht von rechts nach links, sondern vor und zurück in Richtung auf den Altar und den Priester, um so zu symbolisieren, daß das Opfer Gott dargebracht worden war. Dann sollten diese Dinge auf dem Altar verbrannt werden. Die Brust des Widders sollte ein Schwingopfer sein, das von Aaron und seinen Söhnen verzehrt wurde (V.26). Wenn jemand ein Dankopfer darbrachte, wurden die Brust und die Schenkel des Tieres immer von den Priestern verzehrt. Auf diese Weise trugen die Israeliten zu dem Werk des Herrn bei.
2. Mo 29,29-30: Bei einem siebentägigen Weihegottesdienst sollte Aarons hohepriesterliche Kleidung an den unter seinen Söhnen weitergegeben werde, der sein Nachfolger werden sollte. So sollte sie jeweils an die nachfolgende Generation weitergereicht werden. Nur für den Hohenpriester sollte eine solch ausführliche Feier durchgeführt werden.
2. Mo 29,31-34: Die Anweisungen für die Teile des Widders der Einsetzung (des zweiten Widders; vgl. V.22), die am Eingang der Stiftshütte gegessen werden sollten, wurden noch einmal wiederholt. Der Widder und das Brot waren in diesem Fall ein Gemeinschaftsmahl, das so heilig war, daß jegliche Reste verbrannt werden sollten.
2. Mo 29,35-37: Der Weihegottesdienst für die Priester dauerte sieben Tage, wobei jeden Tag ein Stier als Sündopfer geopfert werden sollte. (Es wird hier nicht von der Wiederholung der Widderopfer gesprochen.) Sieben Tage lang sollte der Altar für den heiligen Dienst des Opfers entsündigt und geweiht werden.
2. Mo 29,38-41: Nur kurz wird hier auf das tägliche Feueropfer beim Dienst in der Stiftshütte und nicht auf den Einsetzungsgottesdienst des Priesters Bezug genommen. Zwei Schafe zusammen mit einem Mehl- (Mehl und Öl) und einem Trankopfer (Wein) wurden dargebracht (eins am Morgen, und eins am Abend). So enthielten die täglichen Opfer grundlegende Bestandteile der täglichen Nahrung des Volkes: Fleisch, Mehl, Öl und Wein. Diese täglichen Opfer (so wie das Weiheopfer der beiden Widder, V.18- 25) waren dem HERRN ein Wohlgeruch. Ganz ähnlich war das Opfer Christi am Kreuz ein Wohlgeruch und Opfer für Gott (Eph 5,2).
2. Mo 29,42-46: Der Abschnitt endet mit einer Bestätigung der Wichtigkeit des täglichen Brandopfers im täglichen Leben Israels. Dort hatte Gott versprochen, seinem Volk zu begegnen. Gemeinschaft mit Gott geschieht auf der Grundlage des Blutvergießens für die Sünden. Bei der Weihung der Preister, die dem Herrn dienten, wohnte Gott unter ihm, und es erkannte, daß er der Herr, sein Gott, war. Gottes Herablassung, in einem Zelt zu wohnen, spricht von der Tiefe seiner Beziehung zu seinem Volk.

[[@Bible:Exod 30]]d.Die Anweisungen über den Dienst in der Stiftshütte (2. Mo 30-31)

(1) Der Räucheraltar

2. Mo 30,1-10: Möglicherweise wird dieser Ausstattungsgegenstand der Stiftshütte wegen der Verbindung des Räucheraltars (2. Mo 30,1-6) mit den Ritualen, die auf ihm durchgeführt werden sollten (V.7- 10), erst hier und nicht schon in Kapitel 25 beschrieben. Das grundlegende Material für diesen Altar war dasselbe wie für die übrige Ausstattung innerhalb der Stiftshütte: mit Gold überzogenes Akazienholz. Der Altar war vergleichsweise klein (eine Elle lang, eine Elle breit und zwei Ellen hoch). Wie der Brandopferaltar (2. Mo 27,1-2) hatte er Hörner, d.h. überstehende Ecken. Wie der Brandopferaltar, der Tisch für die Schaubrote und die Bundeslade hatte er Stangen in goldenen Ringen, um ihn tragen zu können.
Der Altar wurde vor den Vorhang gestellt, der zum Allerheiligsten führte, in dem die Lade des Gesetzes (vgl. den Kommentar zu 2. Mo 25,22) stand. In Hebr 9,3-4 wird der Räucheraltar als Teil des Allerheiligsten betrachtet. Offenbar geschah dies, weil am Tag der Versöhnung der Hohepriester Räucheropfer von diesem Altar in das Allerheiligste hineintrug (3.Mose 16,12-13).
Aaron wurde angewiesen, auf diesem Altar zweimal täglich Räucheropfer zu verbrennen, wenn er sich um die Lampen auf dem Lampenständer kümmerte. Die Bestandteile für das Räucheropfer werden in 2.Mose 30,34-38 beschrieben. Das Räucheropfer kann ein Symbol für das Gebet sein (Ps 141,2; Lk 1,10; Offb 5,8; Offb 8,3-4). Aaron sollte auf diesem Altar kein anderes Opfer darbringen. Einmal im Jahr, am Tag der Versöhnung, sollte er den Altar entsühnen (d.h. den Altar reinigen und neu weihen), indem er das Blut eines Stieres und einer Ziege auf die Hörner des Altars sprengte (3.Mose 16,18-19; sowie auf den Sühnedeckel, 3.Mose 16,14-17).
(2) Das Opfer des halben Schekels

2. Mo 30,11-16: Bei jeder Zählung (z.B. 4.Mose 1) sollte jeder Israelit, der 20 Jahre alt und älter war, eine Abgabe bezahlen, um damit die Stiftshütte und den Dienst in der Stiftshütte zu erhalten. Diese Abgabe wurde Sühnegeld genannt (2.Mose 30,12), weil ihre Bezahlung den Schutz vor Plagen sicherstellte. Dadurch wurde alles, was männlich war, dazu angeregt, das Geld zu bezahlen. Es wurde auch als Sühne, als Bedeckung für die Sünden, betrachtet.
Bei der Zählung sollte jeder männliche Erwachsene, sowohl Reiche als auch Arme (V.15), einen halben Schekel bezahlen. Ein »Gera« war ein babylonisches Gewicht. Der Schekel war von Silber (vgl. 2. Mo 38,25-26 und den Kommentar dort). Diese Praxis wurde die Grundlage der später eingeführten Tempelsteuer (Neh 10,33; allerdings wurde der Betrag dann auf ein Drittel eines Schekels reduziert), die zu einer jährlichen Steuer zur Zeit Christi wurde (Mt 17,24).
(3) Das Becken

2. Mo 30,17-21: Das Becken, das letzte Stück der Ausstattung der Stiftshütte, wird hier wohl eher wegen der Bedeutung seines Gebrauches als wegen seiner Konstruktion beschrieben. Es sollte aus Kupfer sein, nicht aus Silber oder Gold, weil es in den Vorhof des Heiligtums zwischen den kupfernen Brandopferaltar und den Eingang zum Zelt gehörte (vgl. 2. Mo 40,30). Beim Dienst im Zelt oder vor dem Altar sollten die Priester ihre Hände und Füße waschen. Wenn sie das unterließen, würden sie sterben. Auch sollte dies eine ewige Ordnung sein (vgl. den Kommentar zu 2. Mo 12,14).
Das Becken symbolisierte die Notwendigkeit der Reinheit. Obwohl es vor dem Altar eine rituelle Reinigung gab, benötigten die Priester darüber hinaus eine Reinigung von den tatsächlichen Verunreinigungen. Der Altar spricht von der Errettung durch ein Sühneopfer; das Becken spricht von der Heiligung, die fortlaufend und andauernd geschieht.
(4) Die Salbung mit Öl

2. Mo 30,22-33: Nun gab Gott Mose die Anweisung, Salböl herzustellen (V.22-25), um die Stiftshütte, ihre Ausstattungsgegenstände (V.26-29) und die Priester (V.30) zu salben. Sein Rezept war so einzigartig, weil das Erzeugnis heilig war: etwa 500 Lot Myrrhe, 250 Lot Zimt, 250 Lot Kalmus, 500 Lot Kassia (aus duftender Baumrinde) und eine Kanne Olivenöl. Nach der Vermengung dieser Bestandteile entstand daraus eine wohlriechende Mischung. Der Gebrauch von Öl bei der Weihe der Priester wurde in 2. Mo 29,7 erwähnt. Weil dieses Salböl heilig war, sollte es für keinen anderen Zweck, als den in 2. Mo 30,26-30 bestimmten benutzt werden.
(5) Das Räucherwerk

2. Mo 30,34-38: Besonderes Räucherwerk sollte durch die Mischung gleicher Anteile dreier Gewürze (welche das genau waren, ist uns nicht bekannt) und Weihrauch (ein klares Harz vom Weihrauchbaum) zubereitet werden. Salz sollte zur Erzeugung eines weißen Rauches und des Wohlgeruches zu der Mischung hinzugefügt werden. Salz sollte in der Tat allen Opfern beigefügt werden (3.Mose 2,13). Das Räucherwerk sollte vor die Lade gestellt werden. Möglicherweise bedeutete dies, daß das Räucherwerk auf dem Räucheraltar verbrannt werden sollte (2.Mose 30,1-10), der vor dem Vorhang zum Allerheiligsten stand. Das Räucherwerk sollte, wie das Salböl, ausschließlich für die Stiftshütte verwendet werden (vgl. V.32-33).
(6) Die Berufung der Kunsthandwerker

2. Mo 31,1-11: Der Herr, der Mose für den Bau des Heiligtums und für den Dienst in ihr Anweisungen gegeben hatte (2. Mo 25-30), berief nun die Kunsthandwerker, die den Bau ausführen sollten. Bezalel wurde von Gott dazu berufen, die allgemeine Aufsicht über das Vorhaben zu führen, und Oholiab (2. Mo 31,6) sollte sein Helfer sein. Einer war aus dem Stamm Juda, und der andere aus dem Stamm Dan. Beide waren durch die Gabe Gottes geschickte Kunsthandwerker (V.3.6), was für alle Kunsthandwerker galt, die zu dem Vorhaben berufen wurden. Bezalel hatte zahlreiche Fähigkeiten; er konnte mit wertvollen Metallen arbeiten und auch Steinmetz- und Holzarbeiten ausführen.
In den Versen 7-9 werden die Gegenstände aufgezählt, die von den Kunsthandwerkern hergestellt werden sollten. In Vers 10 werden gewirkte Kleidungsstücke, die vorher nicht erwähnt wurden, zusammen mit den anderen heiligen Kleidern genannt. Man hat vermutet, daß diese gewirkten Kleidungsstücke Unterkleider für den Winter waren. Die Kunsthandwerker sollten auch das Öl (2. Mo 30,22-33) und das Räucherwerk (2. Mo 30,34-38) herstellen.
(7) Das Gedenken des Sabbats

2. Mo 31,12-18: Inmitten der Anweisungen für die Arbeiten, die ausgeführt werden sollten, erinnerte Gott Mose daran, daß auch der Gehorsam eine religiöse Pflicht sei. Der Sabbat war das Zeichen (V.13.17) des Bundes, der Israel zu einer Theokratie machte. Es war eine Prüfung für die Hingabe des Volkes an Gott; das Versäumnis, den Sabbat heilig zu halten, hatte den Tod zur Folge (d.h. die Trennung von der Gemeinschaft, was möglicherweise den Tod zur Folge hatte). Dieses Gebot, so wie es in den Zehn Geboten festgelegt wurde (2. Mo 20,8), hatte seine Grundlage in Gottes Ruhe nach dem sechstägigen Schöpfungswerk (2. Mo 31,17). Weil das Volk in einer Bundesbeziehung mit Gott stand, sollte es so handeln, wie er es getan hatte. Der Sabbat zeichnete Israel als Gottes Volk aus. Das Halten des Sabbats zeigte, daß die Israeliten für Gott ausgesondert (d.h. heilig) waren.
Nun waren die Anweisungen Gottes an Mose, die auf dem Berg Sinai über die Stiftshütte und den priesterlichen Dienst gegeben worden waren (2. Mo 24,12), vollständig. Die Zehn Gebote (die auch das Gesetz genannt wurden, weil sie Gottes Maßstäbe bezeugten) wurden von Gott auf zwei Steintafeln geschrieben. Der Ausdruck »Gottes Finger« (vgl. 2. Mo 8,15; 5.Mose 9,10; Ps 8,4; Lk 11,20) läßt vermuten, daß es wirklich Gottes Handeln war.
Gemäß dem Bericht Moses in 5.Mose 9,12-16 sagte ihm der Herr, daß das Volk »halsstarrig« geworden war, weil sie ein Götzenbild, das wie ein Kalb aussah, gegossen hatten. Innerhalb von 40 Tagen warfen sie ihre Verpflichtung über Bord, das zu halten, was Gott bereits befohlen hatte (2.Mose 20,4).

[[@Bible:Exod 32]]B.Das Versagen und die Wiederherstellung des Volkes Gottes (2. Mo 32-34)


[[@Bible:Exod 32:1]]1.Das Brechen des Bundes durch Israel (32,1-33,6)


[[@Bible:Exod 32:1]]a.Der Götzendienst des Volkes (32,1-6)

2. Mo 32,1: Während Mose einen geistlichen Sieg erlebte, sank das Volk Gottes auf einen geistlichen Tiefpunkt. Gott hatte wiederholt seine Macht und sein Erbarmen bekundet, aber das war schnell vergessen. In 2.Mose reagierten die Israeliten immer wieder mit Unempfänglichkeit und Rebellion auf Gottes wunderbares Entfalten seiner Güte.
Das Volk bekam wegen des Ausbleibens Moses Angst (er war 40 Tage auf dem Berg, 2. Mo 24,18), so daß es zu Aaron ging, der für diese Zeit sein Führer war (2. Mo 24,14). Es nahm an, daß Mose nicht zurückkehren würde, um es zu führen und ihm neu Mut zuzusprechen (wir wissen nicht, was ihm widerfahren ist). So fragte es nach einem Ersatz oder Stellvertreter, der vor ihm hergehe. Es nahm an, daß Aaron ihm Götter machen würde und fragte deshalb nicht nach Göttern, um sie an die Stelle Jahwes zu stellen, sondern nach einem sichtbaren, greifbaren Gegenstand, um diesem zu folgen.
2. Mo 32,2-4: Aaron erfüllte ihre Bitte und empfahl dem Volk, ihm seine goldenen Ohrringe (die es möglicherweise am Tag seines Auszugs von den Ägyptern bekommen hatten, 2. Mo 12,35-36) zu geben, die er darauf zu einem Götzenbild in der Form eines gegossenen Kalbes einschmolz. Manche Ausleger haben angenommen, daß dieses Kalb den ägyptischen Stiergott Apis darstellte, aber das scheint unwahrscheinlich, weil Apis nicht als Bild verehrt wurde. Allerdings symbolisierte der Stier Fruchtbarkeit und sexuelle Kraft. Das verstieß jedoch explizit gegen das zweite Gebot (2. Mo 20,4-6; vgl. 2. Mo 20,23), das das Volk bereits von Gott durch Mose mündlich erhalten hatte.
Vielleicht hielt das Volk das Götzenbild für ein Bild von Gott. Da es nur ein Götzenbild machte, könnte sich der Begriff Götter (2. Mo 32,1.4.8.23.31) sowohl auf das Götzenbild als auch auf Gott beziehen, den es vermeintlich repräsentierte. Es scheint unwahrscheinlich zu sein, daß Aaron den Auszug irgendjemand anderem als dem wahren Gott zuschrieb.
2. Mo 32,5-6: Darauf errichtete Aaron einen Altar, und am folgenden Tag opferte das Volk in einem Fest für den HERRN Brand- und Dankopfer. Doch dann artete ihr Handeln in eine Orgie aus (vgl. 1.Kor 10,7; sahaq deutet auf unmoralisches Verhalten hin). Dadurch wurde das siebte Gebot verletzt (2.Mose 20,14). Man sang und tanzte (2. Mo 32,18-19); die Israeliten waren »zuchtlos« geworden (V.25). Unmoral geht mit Götzendienst häufig Hand in Hand (Röm 1,22-24). Trotzdem waren sie der Meinung, daß sie den wahren Gott anbeteten!

[[@Bible:Exod 32:7]]b.Die Fürsprache Moses (32,7-14)

2. Mo 32,7-10: Während Mose noch auf dem Berg war, sagte Gott ihm, daß das Volk verderbt (schändlich) (V.7) und halsstarrig (V.9) geworden war, d.h. widerspenstig und unempfänglich (vgl. 2. Mo 33,3.5; 2. Mo 34,9; 5.Mose 9,6.13; 5. Mo 10,16; 31, 27). In seinem Zorn wollte Gott das Volk nicht mehr sein eigenes Volk nennen, noch in Anspruch nehmen, daß er es aus Ägypten errettet hatte (dein Volk, das du aus Ägypten geführt hast, 2.Mose 32,7; vgl. dieses Volk, V.9). Nachdem Gott Mose mitgeteilt hatte, was es getan hatte (V.8), sagte er, daß er dessen Auflehnung mit Vernichtung strafen und ein neues Volk mit Mose erstehen lassen würde (ich will dich zu einem großen Volk machen, V.10).
2. Mo 32,11-14: Mose verkehrte die Rache Gottes an Israel als seinem Volk ins Gegenteil (V.7) und nannte es dein Volk (vgl. 2. Mo 33,13). Dann bat Mose aufgrund von zwei Dingen um Gnade: Das Zeugnis für die Ägypter (2. Mo 32,12), und die Verheißungen Gottes an die Patriarchen (V.13). Solch eine Vernichtung würde den Pharao und die Götter Ägyptens bestätigen und die Ägypter dazu führen, über den wahren Gott zu spotten. Darüber hinaus würde man Gott für jemanden halten, der seine Versprechen bricht. Er hatte gesagt, daß er die Nachkommen Abrahams, Isaaks und Israels (Jakobs) unzählbar machen (1.Mose 15,5; 1. Mo 22,17a; 1. Mo 26,4a; 1. Mo 28,14; 1. Mo 32,13) und sie in das verheißene Land bringen würde (1.Mose 15, 18- 21; 1. Mo 22,17b; 1. Mo 26,4b; 1. Mo 28,13). Mose erkannte an, daß das Volk gesündigt hatte. Er versuchte also nicht, dessen Handeln zu rechtfertigen. Das Ergebnis war, daß es Gott reute und er von seinem angedrohten Gericht Abstand nahm. Der Begriff »es gereute ihn« bedeutet nicht, daß Gott seine Meinung geändert hatte, sondern daß er auf andere Weise vorging. Das hebr. Wort naham legt die Bedeutung von Fürsorge oder Mitleid über ein eigentlich geplantes Handeln nahe. Gott ist nicht unerbittlich. Er gibt auf die Bedürfnisse, die Haltung und die Handlungen der einzelnen Menschen Antwort.

[[@Bible:Exod 32:15]]c.Moses Zorn (32,15-29)

2. Mo 32,15-18: Als Mose den Berg mit den beiden Tafeln der Zehn Gebote (vgl. 2. Mo 31,18) hinabstieg, traf er wieder mit Josua zusammen, der offenbar nur einen Teil des Berges hinaufgestiegen war (vgl. den Kommentar zu 2. Mo 24,13), und der sich nicht darüber im klaren war, was die Israeliten gerade taten. Josua war der Meinung, daß das Lager angegriffen worden war. Aber Mose wußte aus dem, was Gott ihm gesagt hatte, daß das Volk sang und in Trunkenheit und Unmoral schwelgte.
2. Mo 32,19-20: Im Zorn tat Mose am Fuß des Berges vier Dinge: Erstens zerschmetterte er die Gesetzestafeln, wodurch der Bundesbruch des Volkes symbolisiert wurde. Zweitens verbrannte er das Götzenbild, zermalmte es zu Staub, verstreute den Staub auf dem Wasser (einen Gebirgsbach, 5.Mose 9,21) und ließ es das Volk trinken. Dadurch demonstrierte er sowohl die Machtlosigkeit des Götzenbildes als auch den Zorn Gottes. Da das Verbrennen allein das goldene Götzenbild nicht zerstört hätte, wurde es in kleine Stücke zerhauen. Daß das Volk dieses Wasser trank, symbolisierte, daß sie die Folgen ihrer Sünde tragen mußten.
2. Mo 32,21-24: Drittens forderte Mose Aaron auf, ihm einen Bericht darüber zu geben, was sich zugetragen hatte. Aarons Entschuldigung war so lächerlich wie das Handeln des Volkes. Er gab dem Volk die Schuld (V.22-23), und log dann noch, daß das Götzenbild »geworden« war. Ich warf es (das Gold) ins Feuer, und es wurde ein Kalb daraus. Aaron hatte das Götzenbild jedoch selbst geformt (V.4). Gott war über Aaron so zornig, daß er ihn töten wollte (5.Mose 9,20).
2. Mo 32,25-29: Viertens richtete Mose die Uneinsichtigen. Er versammelte vor dem Lager alle, die bei der Verehrung des Kalbes nicht mitgemacht hatten. Die Leviten gaben geschlossen Antwort. Sie erhielten den Befehl, durch das Lager zu gehen und alle zu töten, die im Götzendienst verharrten. Dreitausend Israeliten wurden durch das Schwert getötet. Andere starben später durch eine Plage (V.35). Nach dieser grausigen Aufgabe wurden die Leviten dem HERRN ausgesondert. Später wurde ihnen die Verantwortung für den Transport der Stiftshütte übertragen (4.Mose 1,50-53).

[[@Bible:Exod 32:30]]d.Mose legt erneut Fürsprache für das Volk ein (32,30-35)

2. Mo 32,30-35: Obwohl die Hauptanstifter der Sünde durch das Schwert umgekommen waren (ausgenommen Aaron, für den Mose gebeten hatte, 5.Mose 9,20), erkannte Mose, daß das Volk als ganzes an der Schuld teilhatte. Deshalb flehte er den Herrn erneut um Vergebung ihrer Sünde an. Mose sagte zu Gott, daß wenn er seinem Volk nicht vergeben wollte, er seinen eigenen Namen aus dem Buch, das Gott geschrieben hatte (2.Mose 32,32), ausgelöscht haben wollte. Mancher ist der Ansicht, daß es sich dabei um das Buch des Lebens handelte (Offb 20,15; Offb 21,27), das die Namen der Gläubigen aufzählt. Es ist jedoch wahrscheinlicher, daß es sich dabei um die Volkszählung handelt. Moses Ausspruch machte möglicherweise deutlich, daß er bereit war, vorzeitig zu sterben (aber nicht ewige Pein in der Hölle zu leiden). Er wollte nicht mit einem sündigen Volk verbunden sein, dem nicht verziehen worden war. Gott wies Moses Anerbieten zurück und versprach, die Sünder (durch einen vorzeitigen Tod) zu bestrafen. Manche starben an einer Plage (2.Mose 32,35), alle kämpfenden Männer (ausgenommen Josua und Kaleb) starben später in der Wüste (5.Mose 1, 35-36; 5. Mo 2,14). Dennoch sagte Gott Mose zu, daß er das Volk (die jüngere Generation) in das ihnen verheißene Land führen werde (2.Mose 32,34). (Über den Engel Gottes vgl. 2. Mo 33,2.)

[[@Bible:Exod 33:1]]e.Die Demütigung des Volkes (33,1-6)

2. Mo 33,1-6: Gott sagte dann zu Mose, daß er und das Volk in das verheißene Land hinaufziehen sollten. Das war die Antwort auf Moses Gebet (2. Mo 32,13). Mit einem Engel (vgl. 2. Mo 32,34 und den Kommentar zu 2. Mo 23,23) würde Gott ihre Feinde schlagen (vgl. den Kommentar zu diesen Gruppen bei 2. Mo 3,8), und sie würden in das Land, in dem Milch und Honig fließt (vgl. den Kommentar zu 2. Mo 3,8) kommen. Das Volk war darüber bekümmert, daß Gott gesagt hatte: Ich werde nicht mit euch ziehen. Sein Schutz und seine Leitung waren ihm durch einen Engel zugesichert worden, nicht jedoch seine persönliche Gegenwart. Im anderen Falle könnte er es leicht vernichten. Dennoch war Gott aufgrund von Moses Gebet in 2. Mo 33,12-16 bereit, mit seinem Volk zu ziehen (V.17). In seiner Reue trug das Volk keinen Schmuck (Ringe, Halsketten, Armbänder, Fußspangen usw.).

[[@Bible:Exod 33:7]]2.Die Erneuerung des Bundes durch Gott (33,7-34,35)


[[@Bible:Exod 33:7]]a.Die besondere Stellung Moses (33,7-23)

Im Gegensatz zu dem angespannten Verhältnis zwischen Israel und dem Herrn erlebte Mose eine enge Gemeinschaft mit ihm. Diese Verse liefern den Beweis für diese einzigartige Beziehung in zwei miteinander verbundenen Abschnitten.

2. Mo 33,7-11: Mose hatte mit Gott in dem Zelt, das er außerhalb des Lagers errichtet hatte, vertrauten Umgang. Dorthin konnte das Volk gehen, um den Herrn, wie es scheint, um geistliche Führung zu befragen. Dieses Zelt wurde, obwohl es sich nicht um die Stiftshütte handelte, auch das Zelt der Versammlung genannt. Wenn Mose das Zelt betrat, schwebte die Wolkensäule (vgl. 2. Mo 13,21) über seinem Eingang. Die Größe und das Innere dieses Zeltes sind uns nicht bekannt, aber es erinnerte das Volk daran, daß seine Sünde eine Macht war, die es in seiner Beziehung zu Gott entfremdete. Es konnte Gott anbeten, aber nur aus der Distanz (2. Mo 33,10). Er befand sich außerhalb dessen Gemeinschaft.
Gott sprach mit Mose von Angesicht zu Angesicht, so wie ein Mann mit seinem Freund spricht (V.11), d.h. Gott sprach klar und offen mit ihm. Wenn Mose »von Angesicht zu Angesicht« mit Gott sprach, so steht das nicht mit der Tatsache im Gegensatz, daß es ihm nicht gestattet war, das Angesicht Gottes zu sehen (V.20), denn »von Angesicht zu Angesicht« sehen, ist ein bildhafter Ausdruck, der auf Offenheit und Freundschaft hindeutet (vgl. 4.Mose 12,8; 5.Mose 34,10 und den Kommentar zu Joh 1,18). Josua blieb im Zelt, möglicherweise, um sich darum zu kümmern, wenn Mose zum Lager zurückkehrte.
2. Mo 33,12-23: Moses vertraute Gemeinschaft mit Gott wurde auch durch seine geistlichen Anliegen unter Beweis gestellt. Diese Verse können in drei Abschnitte eingeteilt werden, von denen jeder mit den Worten: Mose sprach eingeleitet wird (V.12.15.18). Zuerst wollte Mose gerne vom Herrn erfahren, was er mit seinem Volk vorhabe. Gott hatte Mose zugesagt, das Volk zu führen, jedoch ohne die Gegenwart Gottes, davon war Mose betroffen. Gott kannte Mose mit Namen, d.h. Mose gehörte Gott an. So wollte Mose weiterhin Gottes Wege erfahren und die Gnade Gottes (Wohlwollen) erleben. Er legte für das Volk Fürbitte ein und erinnerte Gott daran, daß es sein Volk war (vgl. V.13.16; 2. Mo 32,11). Als Antwort darauf nahm Gott seine Drohung zurück, nicht mit ihnen hinaufzuziehen (vgl. 2. Mo 33,3.5), und ihnen keine Ruhe zu schenken (V.14).
Moses zweite Bitte galt der Bestätigung, daß der Herr tatsächlich mit seinem Volk ziehen würde (V.15-17). Wenn die Gegenwart Gottes auf dessen Wanderung in das verheißene Land nicht dabei wäre, so würde das für dessen eigenes Ansehen und das Ansehen Gottes schwerwiegende Probleme aufwerfen. So gab Gott wieder der Bitte Moses nach und versicherte ihm, daß er Wohlgefallen vor ihm gefunden habe (V.17; vgl. V.16).
Drittens wollte Mose die Herrlichkeit Gottes sehen (V.18). Diese Bitte wurde dadurch erfüllt, daß Gott Mose gestattete, ein deutlicheres Gesicht seiner Herrlichkeit zu sehen (2. Mo 33,19-23). Indem Gott Mose seinen Namen verkündigte (V.19, sein offenbartes Wesen), gestattete er ihm, seine Güte (V.19) und hinter ihm her zu sehen, jedoch nicht, sein Angesicht zu erkennen (vgl. 2. Mo 3,6 und den Kommentar zu 2. Mo 33,11; Joh 1,18). Dieser Abschnitt verdeutlicht, daß der Mensch Gott zwar wirklich kennen, ihn jedoch nie völlig erfassen kann.

[[@Bible:Exod 34]]b.Die Erneuerung des Bundes (2. Mo 34)

Der Herr gab Mose neue Steintafeln mit den Zehn Geboten und verkündete ihm seine Herrlichkeit als dem, der den mosaischen Bund eingeführt hatte, und zählte die Rechtsforderungen auf, die aus der Bundesbeziehung folgten. Weitere Bundeserneuerungen werden in 5.Mose 5,2-3; 5. Mo 28,69; Jos 24,25 und 2.Kön 23,21-27 berichtet.
(1) Die zweiten Steintafeln

2. Mo 34,1-4: Das sichtbare Zeichen der einzigartigen Beziehung Gottes mit Israel waren die beiden Steintafeln, die Mose zerschmettert hatte (2. Mo 32,19). Noch einmal mußte Mose den Berg Sinai mit den beiden Tafeln hinaufsteigen, die, wie die ersten beiden, aus Stein gemeißelt waren. So wie das erste Mal sollte er allein gehen. Diese Anweisung macht offensichtlich deutlich, daß Gott seinen Bund mit Israel erneuern wollte.
(2) Gott offenbart sich Mose

2. Mo 34,5-9: Auf dem Berg erlebte Mose ein neues Gesicht der Herrlichkeit Gottes als Erblasser des Bundes. Gott erfüllte seine Verheißung (2. Mo 33,19) und offenbarte Mose seinen Namen (sein Wesen). Er sagte zu Mose, daß sein Name Jahwe (der HERR) bedeute, daß er ein Gott des Erbarmens, der Gnade, der Treue (hesed, Liebe, zweimal in V.6-7), der Aufrichtigkeit (´emet, »Verläßlichkeit«) und der Vergebung sei. Diese Angaben treten zu dem hinzu, was schon früher über seinen Namen gesagt worden war (vgl. den Kommentar zu 2. Mo 3,13-14). Jahwe ist der Name, der Gottes Beziehung mit seinem Volk bezeichnet. Einige oder sogar alle diese Attribute Gottes werden sieben weitere Male im AT gemeinsam erwähnt (4.Mose 14,18; Neh 9,17; Ps 86,15; Ps 103,8; Ps 145,8; Joel 2,13; Jona 4,2).
In der Entfaltung seiner großen Güte ist es das Attribut der Gerechtigkeit, das auch die Bestrafung jedes Menschen erforderlich macht, der seinem gerechten Wesen zuwiderhandelt (er straft, 2.Mose 34,7). (Zu Gottes Bestrafung der Kinder bis ins dritte und vierte Glied vgl. den Kommentar zu 2. Mo 20,5.)
Als Antwort auf diese Enthüllung des Wesens Gottes betete Mose Gott an, und bat dann um Gnade für solch ein halsstarriges Volk, wie Gott es genannt hatte (2. Mo 32,9; 2. Mo 33,3.5). Mose bat Gott auch erneut um das Versprechen, mit ihnen zu ziehen (vgl. 2. Mo 33,3.12.14), und dadurch seine Verheißung zu erneuern, unter seinem Volk zu wohnen und sie als sein Erbteil zu besitzen (vgl. 5.Mose 4,20).
(3) Die Erneuerung des Bundes (2. Mo 34,10-28)
2. Mo 34,10-11: Diese Verse bilden eine Präambel oder Einleitung in das Nachtragsgesetz des Bundes, das in den Versen 12-28 folgt. Gott versprach, den mosaischen Bund zu erneuern, mächtig durch sie zu wirken und Wunder (vgl. »Wunder« in 2. Mo 3,20) zu tun, so daß andere Völker erkennen würden, wie furchteinflößend Gott und sein Werk seien. Diese Wunder beinhalteten auch, daß die in Palästina lebenden Völker vertrieben wurden (vgl. den Kommentar zu diesen Völkern in 2. Mo 3,8). Aber die Eroberung war abhängig vom Gehorsam Israels gegenüber Gott.
2. Mo 34,12-17: Gott hatte sein Wesen offenbart (V.5-7) und seine Gegenwart und Macht verheißen (V.10-11). Die Bundesverpflichtung zum Gehorsam, die in den Kapiteln 21-23 ausführlich erläutert wird, wurde hier zuerst als kurze Zusammenfassung übermittelt (34, 12-18). Das Gesetzbuch entspricht im wesentlichen dem, was vorher im »Buch des Bundes« (2. Mo 24,7) übermittelt worden war, jedoch gibt 2. Mo 34,12-18 wegen der kürzlich begangenen Sünde Israels (2. Mo 32) strengere Maßstäbe an.
Eine der Hauptabsichten dieser Anordnungen war, daß Israel vom Götzendienst ferngehalten werden sollte, einer unvorstellbaren Praxis in einer Theokratie. Dennoch war ja Israel bereits dem Götzendienst anheimgefallen. Mit einem Volk einen Bund zu schließen (vgl. 2. Mo 23,32) bedeutete auch, ihre Götter anzuerkennen, doch genau das sollte nicht geschehen. Israel sollte gegen die Götzenbilder radikal vorgehen: Die Altäre sollten umgestürzt, die Steinmale, die möglicherweise männliche Fruchtbarkeitssymbole waren, zerbrochen (vgl. 5.Mose 7,5; 5. Mo 12,3), und die Ascherabilder umgehauen werden. Bei ihrer heidnischen Verehrung errichteten die Kanaaniter zu Ehren der Gottheit Aschera, der Gemahlin Baals, Pfähle (vgl. auch den Kommentar zu 2.Chr 14,2). Weil Israel auch dem Götzendienst anheimgefallen war (2.Mose 32), waren die Anweisungen hier (2. Mo 34,12-13) umfassender als die in 23, 24.
Der mosaische Bund war das Fundament der theokratischen Herrschaft Gottes über sein Volk. Weil er alleine Gott ist, duldet er keine Rivalen (vgl. 2. Mo 20,3) neben sich. In diesem Sinn ist Gott ein eifersüchtiger Gott (vgl. 20, 5).
Mit Götzendienern einen Bund zu schließen würde dazu führen, an ihren gemeinschaftlichen Opfermahlzeiten teilzunehmen (2. Mo 34,15), ihre Töchter zu heiraten (von denen viele für ihre Götter (geistliche) Prostituierte waren; vgl. Hos 4,13-14), und sogar, sich gegossene Bilder zu machen (2.Mose 34,17; vgl. 2. Mo 20,4), so wie das Volk es bereits mit dem goldenen Kalb gemacht hatte (2. Mo 32,4). Tragischerweise beachtete Israel diese Warnungen nicht und ließ sich dann doch darauf ein, die falschen Götzen der Kanaaniter und andere Götzen zu verehren. Schließlich führte dies dazu, daß Israel ins Exil gehen mußte.
2. Mo 34,18-26: Nachdem Gott die verschiedenen Formen der Gottesverehrung beschrieben hatte, vor denen sich Israel hüten sollte (V.12-17), erinnerte Gott das Volk daran, daß es ihn durch die genannten heiligen Feste verehren sollte. Die drei Hauptfeste werden mit der Verheißung aufgezählt (V.18.22), daß ihre ordnungsgemäße Feier zur Folge haben würde, daß Gott ihnen das Land der Verheißung geben und sicher erhalten würde (V.24).
Das siebentägige Fest der ungesäuerten Brote sollte im Monat Abib (März/April), dem Monat des Auszugs, gefeiert werden (vgl. 2. Mo 12,15-20; 2. Mo 23,15), die Erstgeburt sollte dem Herrn geweiht werden (2. Mo 34,19-20; vgl. 2. Mo 13,12-13; 22, 28-29). Diese beiden Dinge standen wegen der Verbindung zwischen der 10. Plage (dem Tod der ägyptischen Erstgeburt) und dem Auszug miteinander in Beziehung.
Bevor das zweite und dritte Fest Erwähnung fanden (2. Mo 34,22), erinnerte Gott Israel an seine Verpflichtung, am Sabbat zu ruhen (vgl. 2. Mo 20,8), wobei auch die Sabbate in den geschäftigsten Jahreszeiten miteingeschlossen waren (während des Pflügens und des Erntens). Die Erntezeit wurde erwähnt, weil sie auf natürliche Weise zu den beiden nächsten jährlichen Festen überleitete, die beide zur Ernte dazugehörten. Das Wochenfest, das auch Erntefest genannt wurde (2. Mo 23,16), und das Pfingstfest sollten 50 Tage nach dem Fest der ungesäuerten Brote gefeiert werden. Dieses zweite Fest fand zu Beginn der Weizenernte statt.
Das Fest der Lese, ebenfalls ein Fest, das mit der Landwirtschaft in Zusammenhang stand, sollte zur Erntezeit, zur Wende des Jahres gefeiert werden (vgl. den Kommentar zu 2. Mo 23,16). Alle Männer Israels sollten zu diesen drei Festen vor dem HERRN erscheinen (2. Mo 34,23; später bedeutete das, nach Jerusalem zur Stiftshütte oder zum Tempel zu ziehen). Diese Pilgerfeste verbanden das Volk in der Verehrung Gottes. Gott hatte verheißen, daß, während die Männer zur Anbetung des Herrn von zu Hause fort waren, er ihr Land beschützen werde.
Doch dieser Abschnitt beinhaltet noch weitere Anweisungen: zwei zusätzliche Anordnungen über das Fest der ungesäuerten Brote - das Vermeiden von Sauerteig und der Verzehr des gesamten Passamahles (2. Mo 34,25; vgl. 23, 18) -, das Gesetz über die Erstlingsfrüchte (die mit dem Wochenfest in Zusammenhang standen), und das Verbot, ein Böcklein ...in der Milch seiner Mutter zu kochen (vgl. den Kommentar zu 2. Mo 23,19).
2. Mo 34,27-28: So wie bei der ersten Übergabe des Bundesbuches, sollte Mose die Gebote niederschreiben (vgl. 2. Mo 24,4). Nach 40 Tagen, die Länge des Aufenthaltes auf dem Berg Sinai (2. Mo 24,18), erhielt Mose die Steintafeln, die die Zehn Gebote enthielten, als Zeichen des Bundes. Die Zehn Gebote (2. Mo 34,28) kamen zu diesen Worten (V.27) hinzu. Im Gegensatz zu den vorausgegangenen 40 Tagen wurde das Volk dieses Mal nicht vom Götzendienst verblendet.
(4) Die Herrlichkeit Gottes bei Mose

2. Mo 34,29-35: Im Gegensatz zu dem Zorn und der heiligen Entrüstung, die Mose zeigte, als er mit der ersten Ausgabe der Tafeln zurückkehrte (2. Mo 32,19), erstrahlte sein Gesicht dieses Mal von der Herrlichkeit Gottes (vgl. 2.Kor 3,7), aber er war sich dessen nicht bewußt. Das ließ das Volk sich vor ihm fürchten, aber er ermutigte sie, zuzuhören, als er ihnen die Festsetzungen des erneuerten Bundes nannte.
Offenbar teilte das Volk Mose mit, daß sein Gesicht glänze, denn er bedeckte es daraufhin mit einer Decke (masweh, ein Wort, das im ganzen AT nur hier, in 2.Mose 34,33-35 gebraucht wird; vgl. 2.Kor 3,13). Aber in der Gegenwart des HERRN nahm Mose die Decke fort (vgl. 2.Kor 3,18).

[[@Bible:Exod 35]]C.Die Errichtung der Stiftshütte (2. Mo 35-40)


Mit der Bundeserneuerung erhielt auch der Bau der Stiftshütte grundlegende Bedeutung. Das meiste des in Kapitel 35-40 beschriebenen Materials für den Bau der Stiftshütte entspricht den Anweisungen Gottes an Mose auf dem Berg (aufgezeichnet in 2. Mo 25-31), ausgenommen der Tatsache, daß der größte Teil der Kapitel 35-40 berichtet, wie Mose und das Volk die Anweisungen Gottes zur Ausführung brachten. Die Reihenfolge unterscheidet sich in diesen beiden Hauptabschnitten des Buches nur geringfügig. Das Buch schließt mit dem Bericht über Gottes Entgegenkommen, in seiner Herrlichkeit unter seinem Volk zu wohnen (2. Mo 40,34- 38).
Die Kommentare zu diesen letzten Kapiteln von 2.Mose fallen vergleichsweise kurz aus, weil es sich um bereits erörterte Dinge handelt. Die Kapitel 35-40 sind dennoch keine nutzlose Wiederholung; sie betonen zwei grundlegende Wahrheiten: (a) die Treue Gottes, der trotz des Versagens unter seinem Volk wohnt, und (b) der Gehorsam Moses bei der Ausführung von Gottes Anweisungen (vgl. 2. Mo 25,9). Siebenmal in jedem der beiden Kapitel 39 und 40 kommen die Worte »wie der Herr es Mose geboten hatte« (oder »wie ihm der Herr geboten hatte«) vor (2. Mo 39,1.5.7.21.26.29.31; 2. Mo 40,19. 21.23.25.27.29.32). Mose war wirklich ein treuer Knecht (4.Mose 12,7; Hebr 3,5).

[[@Bible:Exod 35:1]]1.Die Vorbereitung für den Bau (35,1-36,7)


[[@Bible:Exod 35:1]]a.Die Wiederholung des Sabbatgebotes (35,1-3)

2. Mo 35,1-3: Mose versammelte die ganze Gemeinde Israel (vgl. V.4 und den Kommentar zu 2. Mo 12,3), um ihnen die Anweisungen des Herrn weitergeben zu können. 2. Mo 35,2 wiederholt fast Wort für Wort das Gebot aus 2. Mo 31,15. Weil der Sabbat das Zeichen des Bundes war, den Gott mit Israel geschlossen hatte (2. Mo 31,16-17), war seine Einhaltung von großer Bedeutung. Moses Worte zum Volk über den Sabbat tauchen hier am Beginn der Kapitel 35-40 auf, nicht am Ende wie bei den Anweisungen Gottes in den Kapiteln 25-31. Das lag daran, daß Israel bereits seine Neigung zum Ungehorsam gezeigt hatte. Wenn der Bund bestehen bleiben sollte, mußten den Anweisungen über das Bundeszeichen Gehorsam geleistet werden. Auch wegen der Aufregung des Volkes über die Errichtung der Stiftshütte war es wichtig, daß die Verehrung Gottes nicht vernachlässigt wurde, und sei es, indem für den Zweck der Anbetung Gottes gearbeitet wurde. Das Verbot, kein Feuer am Sabbat anzuzünden (2. Mo 35,3), folgt aus der Anweisung, auch zur Zubereitung des Essens (vgl. 2. Mo 16,23) nicht zu arbeiten (V.2).

[[@Bible:Exod 35:4]]b.Das Sammeln des Materials (35,4-29)

2. Mo 35,4-9: Als Mose seine Ansprache an Israel fortsetzte, forderte er das Volk auf, aus ihren Besitztümern die Dinge zusammenzusammeln, die für die Stiftshütte erforderlich waren (vgl. 2. Mo 25,1-9). Diese Materialien, die freiwillig gegeben werden sollten (wer gerne gab; vgl. 2. Mo 35,21.29), waren ein Opfer für den HERRN.
2. Mo 35,10-19: Dann rief Mose nach Arbeitern (alle, die geschickt sind unter euch), um die verschiedenartigen Einrichtungsgegenstände, Geräte und die Kleider der Priester herzustellen. Die Anordnung, in welcher diese Dinge aufgezählt werden, ist dieselbe, in der sie in Kapitel 36,8-2. Mo 39,31 behandelt werden.
2. Mo 35,20-29: Das Volk gab sich bereitwillig dem Vorhaben hin, und bot seine Güter und Dienste an. Während 25,3 von der Notwendigkeit für Gold, Silber und Kupfer spricht, wird hier ein Punkt hinzugefügt (2. Mo 35,22), nämlich, daß goldener Schmuck herbeigebracht wurde. Die Frauen waren nicht nur daran beteiligt, ihre Gaben zu bringen (V.22.29), sondern sie spannen auch Garn, Leinen und Ziegenhaar.

[[@Bible:Exod 35:30]]c.Die Berufung von Bezalel und Oholiab (35,30-36,7)

2. Mo 35,30-2. Mo 36,1: Dieser Abschnitt gleicht dem von 2. Mo 31,1-11. Ein neues Element in dieser Beschreibung ist die Nennung der Fähigkeiten von Bezalel und Oholiab, andere zu lehren (2. Mo 35,34). Dieser Abschnitt (2. Mo 35,30-2. Mo 36,1) betont die Kunstfertigkeit der vielen Arbeiter.

[[@Bible:Exod 36:2]]d.Der Beginn der Arbeit (36,2-7)

2. Mo 36,2-7: Bezalel und Oholiab übernahmen die Aufsicht über das Vorhaben und über jeden geschickten Handwerker, dem der HERR die Gabe gegeben hatte (V.2; vgl. V.1) und der zur Arbeit bereit war. Wieder (vgl. 2. Mo 35,21.29) liegt die Betonung auf der Bereitwilligkeit des Volkes, mit ihrer Arbeit und ihren Materialien an der Sache teilzuhaben. In der Tat brachte das Volk so viel Material - sogar mehr als genug - daß man ihnen Einhalt gebieten mußte. Der Bestand der herbeigebrachten Materialien wird in 2. Mo 38,21- 31 mit aufgeführt.

[[@Bible:Exod 36:8]]2.Der Bau der Stiftshütte (36,8-39,31)


[[@Bible:Exod 36:8]]a.Die Errichtung des Gebäudes der Stiftshütte (36,8-38)

2. Mo 36,8-38: Die Abfolge des Aufbaus unterscheidet sich von der Anordnung der ausdrücklichen Befehle in Kapitel 26. Hier wird zuerst der Bau der Stiftshütte selbst berichtet, wohingegen in den vorherigen Anweisungen die drei Ausstattungsgegenstände der Stiftshütte zuerst beschrieben werden (2. Mo 25). In 36,8-38 fehlt die in 2. Mo 26,12-13 gegebene Information über die Länge des Überhangs der Ziegenhaardecken. Ansonsten sind die Berichte nahezu identisch.
Das Gebäude der Stiftshütte hatte vier Bestandteile: (a) die leinenen und die purpurnen Teppiche, die die Seiten drapierten und die Decke bildeten (2. Mo 36,8-13; vgl. 2. Mo 26,1-6); (b) die Teppiche aus Ziegenhaar, Widder- und Dachsfellen (2. Mo 36,14-19; vgl. 2. Mo 26,7-14); (c) die Rahmen aus Holz an der Nord- und Südseite sowie an der Rückseite des Baues (2. Mo 36,20-30; vgl. 2. Mo 26,15-25) mit den Querhölzern, um das Rahmenwerk zusammenzuhalten (2. Mo 36,31-34; vgl. 2. Mo 26,26-29); und (d) die beiden Vorhänge am Eingang; einen, um das Innere der Stiftshütte in zwei Räume zu unterteilen und einen für den Eingang (2. Mo 36,35-38; vgl. 2. Mo 26,31-37).

[[@Bible:Exod 37:1]]b.Die Konstruktion der Ausstattungsgegenstände der Stiftshütte (37,1-38,8)

2. Mo 37,1-2. Mo 38,8: Es werden hier sechs Einrichtungsgegenstände erörtert: (a) die Bundeslade mit dem Gnadenthron (37, 1-9; vgl. 2. Mo 25,10-22); (b) der Tisch aus Akazienholz, d.h. »der Tisch für die Schaubrote« (2. Mo 37,10-16; vgl. 2. Mo 25,23-30; 2. Mo 39,36); (c) der Leuchter (2. Mo 37,17-24; vgl. 2. Mo 25,31-39); (d) der Räucheraltar (2. Mo 37,25-28; vgl. 2. Mo 30,1-10) mit dem Salböl und dem Räucherwerk, das auf dem Räucheraltar benutzt wurde (2. Mo 37,29; vgl. 2. Mo 30,22-28); (e) der Brandopferaltar (2. Mo 38,1-7; vgl. 2. Mo 27,1-8) und (f) das kupferne Becken (2. Mo 38,8; vgl. 2. Mo 30,17-21).
Die Beschreibung in 2. Mo 37,1-2. Mo 38,8 fügt zu den vorausgegangenen Anordnungen einen weiteren Punkt hinzu. Das kupferne Becken wurde von den Spiegeln (aus poliertem Kupfer, nicht Glas) der Frauen, die am Eingang des Zeltes der Versammlung dienten, hergestellt.
Hier bezieht sich der Ausdruck »Zelt der Versammlung« möglicherweise auf das Zelt, das Mose außerhalb des Lagers aufgestellt hatte, nachdem der Bund aufgehoben und bevor er erneuert worden war (vgl. 2. Mo 33,7- 11).

[[@Bible:Exod 38:9]]c.Die Fertigstellung des Vorhofes der Stiftshütte (38,9-20)

2. Mo 38,9-20: Dieser Abschnitt stellt eine Wiederholung von 2. Mo 27,9-19 dar und vermittelt keine zusätzlichen Informationen.


[[@Bible:Exod 38:21]]d.Die Bestandsaufnahme (38,21-31)

2. Mo 38,21-31: Dieser Abschnitt hat keine Parallele in den Kapiteln 25-31. Nun, da die Arbeit begonnen hatte, wurde von den Leviten unter Itamar, dem jüngsten Sohn Aarons, eine Bestandsaufnahme der Materialien, die zusammengetragen worden waren, aufgestellt. Die Zahlen spiegeln die Pracht und die Kostbarkeit des Mittelpunktes der Anbetung Israels wider. Die Materialien schlossen eineinhalb Tonnen Gold (2. Mo 38,24), über fünf Tonnen Silber (V.25-28) und etwa dreieinhalb Tonnen Kupfer (V.29-31) ein.
Das bedeutet, daß jeder der 603550 Männer, die 20 Jahre oder älter waren, genau einen halben Schekel gaben, so wie es für das »Sühneopfer« festgesetzt worden war (2. Mo 30,11-16). (Vgl. die Tabelle »Biblische Maße und Gewichte vor 1.Mose.) Obwohl die äußere Bedeckung der Stiftshütte (aus Dachsfellen) ihr vielleicht die Farbe eines Beduinenzeltes gab, tat doch der Reichtum der Metalle Israel die Heiligkeit, Herrlichkeit und Majestät Gottes kund, der unter ihnen wohnte. Sein »Haus« gab zu verstehen, daß er in der Lage war, sich selbst mit Dingen in Hülle und Fülle zu versorgen.

[[@Bible:Exod 39:1]]e.Die Herstellung der Kleidung der Priester (39,1-31)

2. Mo 39,1-31: Diese Verse entsprechen im allgemeinen den Anweisungen Gottes an Mose in Kapitel 28 bezüglich der priesterlichen Kleider (einschließlich des Efod (Luther: Schurz; 2. Mo 39,1-7; vgl. 2. Mo 28,6-14), der Brusttasche (2. Mo 39,8-21; vgl. 2. Mo 28,15-30), des Obergewandes zum Priesterschurz (2. Mo 39,22-26; vgl. 2. Mo 28,31-35), verschiedenartiger Kleidungsstücke (2. Mo 39,27-29; vgl. 2. Mo 28,39-43) und des gravierten Stirnblattes (2. Mo 39,30-31; vgl. 2. Mo 28,36-38). Da sich die Kapitel 35-40 im allgemeinen nur mit der Errichtung der Stiftshütte und nicht mit den Diensten im Heiligtum beschäftigen, erwähnt dieser Abschnitt (2. Mo 39,1-31) die Urim und die Tummim nicht (vgl. 28, 30). Weitere geringe Unterschiede sind, daß ein Bezug auf die »Brusttasche für die Losentscheidungen« (2. Mo 28,15; vgl. 2. Mo 28,29) in 2. Mo 39,8.15.19.21 lediglich als auf die Brusttasche erfolgt. Das Stirnblatt, das vom Hohepriester als Kopfband getragen wurde (2. Mo 28,36- 38), wird hier das heilige Diadem genannt (2. Mo 39,30-31). Es wird ferner in Vers 3 erwähnt, daß die feinen Goldfäden, die in das Purpur und Leinen des Efods eingearbeitet wurden, aus dünnen Goldblättchen herausgehämmert wurden.

[[@Bible:Exod 39:32]]3.Die Vollendung der Stiftshütte (39,32-43)


2. Mo 39,32-43: Als alle Bestandteile und die Einrichtungsgegenstände des zentralen Heiligtums und die Kleidung vollendet worden waren, brachte das Volk die Dinge zu Mose, damit er sie betrachte und segne (V.43). Als Mose erkannte, daß die Kunsthandwerker peinlich genau den Anweisungen des Herrn gefolgt waren, billigte er ihre ganze Arbeit. Die Anordnung der Bestandteile der Stiftshütte und seiner Ausstattungsgegenstände ist mit derjenigen in 2. Mo 35,10-19 und 2. Mo 36,8-2. Mo 39,31 fast völlig identisch. Alles war so ausgeführt worden, wie der HERR es Mose geboten hatte (2. Mo 39,32. 43; vgl. V.1.5.7.21.26).

[[@Bible:Exod 40:1]]4.Die Versammlung bei der Stiftshütte (40,1-33)


Dieser Abschnitt hat zwei Teile, die von ihrem Aufbau her der Beziehung zwischen den Kapiteln 25-30 und 35-39 ähnlich sind. In 40,1-16 gab der Herr Mose Anweisungen über die Anordnung der verschiedenen Bestandteile der Stiftshütte, und die Verse 17-33 berichteten, daß diese Anweisungen zur Ausführung kamen.
2. Mo 40,1-16: Diese Anweisungen drehen sich um drei Dinge: (a) die Einrichtung des Heiligtums vom Inneren zum Äußeren und die Teppiche des Vorhofes (V.1-8); (b) die Weihe (das Absondern zum heiligen Gebrauch) der Stiftshütte und von allem, was darin war (V.9-11) und (c) das Waschen, Bekleiden und Salben der Priesterschaft (Aaron und seine Söhne), damit sie Gott und dem Volk im Heiligtum dienen konnten (V.12-16).
Die Stiftshütte wurde etwa ein Jahr nach dem Auszug aus Ägypten aufgerichtet (V.1): am ersten Tag des ersten Monats (V.2), »im zweiten Jahr« (V.17). Der Auszug geschah am 14. Tag des ersten Monats (2. Mo 12,2.6.33-34). Da das Volk den Sinai drei Monate nach dem Auszug erreichte, waren sie also achteinhalb Monate am Sinai. Ein Teil der Zeit (mindestens 80 Tage) war Mose auf dem Berg (40 Tage, 2. Mo 24,18, und weitere 40 Tage zur Bundeserneuerung, 2. Mo 34,28). So brauchte Israel etwa sechseinhalb Monate zur Sammlung des Materials und zur Aufrichtung der Stiftshütte. Diese Zeit dauerte von Mitte September bis Ende März.
2. Mo 40,17-33: Diese Verse berichten von der sorgsamen Errichtung der Stiftshütte als Antwort auf die Anweisungen des Herrn (V.1-15). Die Verse 17-33 führen die in Vers 16 getroffene Feststellung genauer aus, daß Mose alles so tat, wie ihm Gott geboten hatte. Siebenmal wird in diesem Kapitel von Mose gesagt, daß er genau so handelte, wie der HERR ihm geboten hatte (V.19.21.23.25.27.29.32). Das Gesetz (V.20) in der Bundeslade bezieht sich auf die beiden Steintafeln (2. Mo 16,34; 2. Mo 31,18). Von besonderem Interesse in diesem Abschnitt ist die Tatsache, daß Mose offensichtlich als Priester diente, bis Aaron eingesetzt worden war: Mose verbrannte auf dem goldenen Räucheraltar Räucherwerk (2. Mo 40,27), und er opferte Brand- und Speisopfer auf dem Brandopferaltar.

[[@Bible:Exod 40:34]]5.Gott wohnt unter seinem Volk (40,34-38)


2. Mo 40,34-38: Gottes Verheißung (»Und ich will unter den Israeliten wohnen und ihr Gott sein«, 2. Mo 29,45) wurde erfüllt, als die Herrlichkeit des HERRN die Stiftshütte erfüllte. Die Wolke, die die Gegenwart des Herrn symbolisierte, hatte das vorläufige Zelt außerhalb des Lagers nur gelegentlich erfüllt (2. Mo 33,7-11). Nun kam sie jedoch, um die Stiftshütte zu erfüllen. In der Tat konnte sogar Mose, der bereits etwas von der Herrlichkeit Gottes gesehen hatte (2. Mo 33,18-23), die Stiftshütte nicht betreten. Die Wolke, die die Israeliten geführt hatte, als sie von Sukkot aufgebrochen waren (2. Mo 13,20-22), wohnte nun unter ihnen, um sie in das Land der Verheißung zu führen (2. Mo 40,36-38). Wenn sich die Wolke erhob, zog das Volk weiter. Wenn sie über der Stiftshütte stehen blieb, sich jedoch nicht von ihr weghob, zog das Volk nicht weiter. Der souveräne Gott des Himmels hatte ein Volk in Sklaverei gebracht, es in Macht daraus befreit, einen Bund mit ihm geschlossen und es als Theokratie begründet, ein Volk unter Gott auf der Erde. Das Zeichen des Bundes war der Sabbat, seine Verordnungen (Bedingungen) waren das Gesetz, das die Zehn Gebote und verschiedene zivilrechtlichen und religiöse Bestimmungen beinhaltete. Das Buch schließt mit einer eindeutigen Aussage: Gott war mit dem Volk, und er würde es in das verheißene Land führen.

BIBLIOGRAPHIE


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Das dritte Buch Mose (F. Duane Lindsey)


EINFÜHRUNG


Das dritte Buch Mose war das erste Buch, mit dem sich ein jüdisches Kind beschäftigte; dennoch wird es von vielen Christen als eines der letzten Bücher der Bibel studiert. Ein Buch, auf das das Neue Testament etwa 40 Mal Bezug nimmt, sollte jedoch für jeden Christen von großer Bedeutung sein. Abgesehen von der Frage nach der typologischen Bedeutung der levitischen Opfer enthält das dritte Buch Mose eine umfassende Offenbarung über das Wesen Gottes - insbesondere über seine Heiligkeit, aber auch über seine erwählende Liebe und Gnade. Darüber hinaus bietet es zahlreiche Lektionen über das heilige Leben, das Gott von seinem Volk erwartet. Viele Passagen des NT, einschließlich mehrerer Schlüsselgedanken im Hebräerbrief, können ohne volles Verständnis des Gegenstücks im dritten Buch Mose nicht angemessen bewertet werden.
Die Bezeichnungen des Buches: Die Bezeichnung »Leviticus« leitet sich von dem griechischen Wort Leuitikon ab, einem Adjektiv, das von den Übersetzern der Septuaginta zur Bezeichnung des Buches gebraucht wurde, weil dort die priesterlichen Zeremonien und Institutionen behandelt werden. Man mag diesen Namen für befremdlich halten, da die Leviten nur einmal im ganzen Buch erwähnt werden (3. Mo 25,32). Aber da die aaronitischen Priester aus dem Stamm Levi kamen und das Opfersystem, in dem sie wirkten, ganz allgemein als levitisch bezeichnet wird, ist die Bezeichnung gerechtfertigt. Der Name erschien in der lateinischen Vulgata als »Leviticus«, von der der katholische Name übernommen wurde. Die hebräische Bezeichnung ist wayyiqra´, »und Er rief« (der Beginn des Buches in 3. Mo 1,1).
Autorschaft und Datierung: Obwohl der Autor im Buch nicht besonders genannt wird, sollte man doch aus folgenden Gründen Mose als seinen Verfasser annehmen: 1. Da der Inhalt des Buches Mose am Sinai offenbart wurde (3. Mo 7,37-38; 3. Mo 26,46; 3. Mo 27,34) und zwar größtenteils Mose selbst bzw. durch Mose (3. Mo 1,1; 3. Mo 4,1; 3. Mo 5,20; 3. Mo 6,1.12.17; 3. Mo 7,22; 3. Mo 8,1 usw.), ist er sehr wahrscheinlich derjenige, der die göttlichen Offenbarungen berichtete. 2. Das Buch schließt sich an das 2. Buch Mose an (vgl. den Kommentar zu 3.Mose 1,1), das in besonderer Weise die Autorschaft Moses für sich in Anspruch nimmt (2.Mose 17, 14; 2. Mo 24,4.7; 2. Mo 34,27-28; vgl. 5.Mose 31, 9.24). 3. Jesus bestätigte die Autorschaft Moses, als er sich auf das Gesetz zur Reinigung vom »Aussatz« bezog (Mt 8,4; Mk 1,44; vgl. 3.Mose 14,2-32). So ist also 3.Mose von Mose verfaßt worden; möglicherweise kurz nach der Abfassung des 2. Buches Mose in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts v.Chr.
Liberale Entwürfe, die die Autorschaft Moses leugnen und einen Großteil des Buches, zumindest in seiner gegenwärtigen Form, in die Periode nach dem Exil (viertes Jh. v.Chr.) datieren, sind in zufriedenstellender Weise von zahlreichen konservativen Gelehrten widerlegt worden (z.B. R. K. Harrison, Leviticus: An Introduction and Commentary, S.15-26; B. K. Waltke, »Leviticus,« The Zondervan Pictorial Encyclopedia of the Bible, 3. Mo 3,919-920).
Historisches und theologisches Umfeld: Der historische und theologische Zusammenhang von 3.Mose wird in den Anfangs- und Schlußversen des Buches vermittelt (3. Mo 1,1; 3. Mo 27,34; vgl. 3. Mo 7,37-38). Historisch betrachtet ist das dritte Buch Mose die Fortsetzung des zweiten Buches Mose, denn das levitische Opfersystem war für Israel göttliche Offenbarung, die durch Mose als Teil der Bundesverpflichtung am Sinai vermittelt wurde. Das Buch wird mit den Worten eröffnet: Der Herr rief Mose und sprach zu ihm aus dem Zelt der Versammlung (d.h., der Stiftshütte). So folgt die Gesetzgebung, die in 3.Mose enthalten ist, der historischen Erzählung über die Errichtung der Stiftshütte (2.Mose 25-40) und geht der nächsten wichtigen historischen Erzählung über die Zählung der israelitischen Stämme für den Aufbruch vom Sinai voraus (4.Mose 1-4). Die dazwischenliegenden Ausnahmen sind die historische Erzählung über die Ordination der Priester (3.Mose 8-10) und das kurze Zwischenspiel in 3. Mo 24,10-13.
Theologisch betrachtet wurde das levitische Opfersystem für ein Volk eingerichtet, das aus Ägypten erlöst worden war und in einer Bundesbeziehung mit seinem Gott lebte. So war also das Opfer in Israel nicht ein menschliches Bemühen, von einem feindlichen Gott Gnade zu erhalten, sondern eine Antwort an den Herrn, der sich in der Bundesbeziehung zuerst selbst an Israel übergeben hatte. Aber wann immer Sünde oder Unreinheit, sei sie ethisch oder in bezug auf die Zeremonien geschehen, diese Gemeinschaft zerbrechen ließ, erneuerte der einzelne oder das Volk (je nach Sachverhalt) die Gemeinschaft im Bund mit dem Herrn durch ein Opfer, und zwar durch das besondere Opfer, das von den genauen Umständen der Zerstörung der Gemeinschaft abhing. Selbstverständlich konnte diese Annäherung an Gott mit dem Opfer auch bloß zur Weihung oder gemeinschaftlich geschehen, wenn die Beziehung nicht gestört worden war, aber dieser Fall scheint eher die Ausnahme gewesen zu sein (vgl. den Kommen- tar zu »Die Bedeutung des Opfers im Alten Testament«).
Inhalt und literarische Gattung: 3.Mose behandelt die Anbetung Gottes durch das Volk Israel, seine Opfer, seine Priesterschaft, seine Gesetze, Bestimmungen, wann ein Mensch unrein wird und dadurch von der Anbetung ausgeschlossen ist, und die verschiedenen besonderen Zeiten und Jahreszeiten zur Anbetung. Das Buch enthält auch zahlreiche Verordnungen, die sich auf das tägliche Leben und die praktische Heiligkeit beziehen, sowohl im ethischen als auch im zeremoniellen Bereich. Die literarische Gattung von 3.Mose ist die der Gesetzesliteratur, die sowohl apodiktische Gesetze (Gesetze zur Verhaltensregelung: »Du sollst (nicht)...« z.B. 3. Mo 26,1-2) als auch größtenteils kasuistische Gesetze (Gesetze zur Entscheidung einzelner Fälle: »Wenn (dies oder das geschieht),... dann (wird dies oder das folgen),... z.B. 3. Mo 4,3) enthält. Durch diese literarischen Figuren gefiel es Gott, innerhalb des historischen Rahmens des Bundes zwischen sich und Israel, bestimmte Wahrheiten über die Sünde und ihre Folgen und über die Heiligkeit des Lebens vor ihm zu offenbaren.
Thematik und Struktur: Die Thematik von 3.Mose ist die Anbetung Gottes durch den israelitischen Gläubigen und sein Wandel vor dem heiligen Gott. In der Anwendung ist diese Thematik für uns Christen heute von großer Bedeutung (vgl. 1.Petr 1,15-16). Das Thema des Buches steht in 3. Mo 19,2: »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der Herr, euer Gott« (vgl. 3. Mo 20,26 u.a.m.).
Das dritte Buch Mose ist das Buch der Heiligkeit (qadôš, »abgesondert sein«; vgl. 3. Mo 20,26). Während auf die zeremonielle Heiligkeit großes Gewicht gelegt wird, wobei Menschen, Tiere oder Dinge von ihrem profanen Gebrauch oder kultischer Verunreinigung für den Dienst für Gott abgesondert werden, ist eine solche Heiligkeit schließlich von ihrem Wesen her nur ein Symbol für die Heiligkeit im ethischen Bereich (3. Mo 11,44; 3. Mo 19,2). Gott selbst ist von allem Sündigen und Profanen abgesondert, also moralisch heilig, und erhebt sich transzendent über seine ganze Schöpfung, ist also majestätisch heilig. Gott, der in der Mitte seines Volkes Israel gegenwärtig war (3. Mo 26,11-12), forderte, daß sein Volk heilig sein sollte (3. Mo 20,22-26).
Die Struktur des Buches stimmt mit seiner Thematik überein. Die Kapitel 1-16 behandeln grundsätzlich die Anbetung des einen heiligen Gottes, während die Kapitel 17-27 vorwiegend auf den täglichen Wandel in Heiligkeit vor Gott und den Menschen Bezug nimmt. (Vgl. die folgende Gliederung und die Kommentare zu Beginn der verschiedenen Abschnitte des Kommentars.)
Die Bedeutung der alttestamentlichen Opfer: Im Gesetz wurden die Opfer von Gott als der einzige gangbare Weg für die Israeliten eingesetzt, um in harmonischer Gemeinschaft mit ihm zu bleiben. Es ist bemerkenswert, daß die Offenbarung des Opfersystems durch Mose nicht die Offenbarung einer bestimmten Bedeutung der Opfer einschloß. Sie stellte jedoch deutlich das Prinzip der Versöhnung durch ein stellvertretendes Opfer in den Mittelpunkt (vgl. den Kommentar zu 3. Mo 1,4; 3. Mo 17,11). Eine weitere wichtige Tatsache ist der Unterschied zwischen den beiden Beziehungen, die ein Israelit mit Gott haben konnte: (a) eine gemeinsame Beziehung mit Gott innerhalb eines theokratischen Volkes (vgl. 2.Mose 19-20) und (b) eine persönliche Beziehung mit Gott, die auf persönlicher Erneuerung und Rechtfertigung durch den Glauben basierte. Im Idealfall sollten diese beiden Beziehungsebenen zusammenfallen, dennoch stellte es sich heraus, daß es durch die israelitische Geschichte hindurch (ausgenommen möglicherweise die Zeit unmittelbar nach dem Auszug) nur einen Überrest wahrer Gläubiger gab, und daß häufig die überwiegende Mehrheit nur die Form der Anbetung des Herrn erfüllte, ohne wirklichen Glauben an ihn zu haben.
Die herkömmliche Sicht, daß die Opfer nur die Sünden »bedeckten«, wird der Tatsache der echten Vergebung, die Gott zugesichert hatte, nicht gerecht (3.Mose 4,20.26.31.35; 3. Mo 5,10. 13.16.18). Daß die Sühnung durch die Opfer bloß die Sünde »bedeckte«, ohne sie gewissermaßen auch auszulöschen, findet durch die Etymologie des hebräischen Wortes für »Sühne« keine Unterstützung (vgl. den Kommentar zu 3. Mo 1,4). Vielmehr beinhaltete das Sühneopfer die wirkliche Tilgung der Schuld und der Bestrafung für die begangenen Sünden. Der große Umfang der Opfer am Versöhnungstag (vgl. den Kommentar zu 3. Mo 16) weitete dieses Prinzip dahingehend aus, daß das ganze Volk (3. Mo 16,33) und alle ihre Sünden (V.22) eingeschlossen wurden, d.h. alle Sünden der Israeliten (V.34). Die völlige Vergebung der Sünden der Israeliten für das vergangene Jahr wird ferner in dem Begriff der »Reinigung« von den Sünden in V.30 beschrieben.
Dennoch hatten die levitischen Opfer (so wie auch die aufrichtigen vorlevitischen Opfer) etliche Begrenzungen. Erstens waren die Opfer in ihrer moralischen Wirksamkeit beschränkt. Weil leerer Ritualismus niemals eine annehmbare Alternative für Gott gewesen ist, mußte ein wirklich annehmbares Opfer durch wahren Glauben und Gehorsam auf moralischem Gebiet gegenüber dem offenbarten Willen Gottes bereitwillig gebracht werden (3. Mo 26,14-45, besonders V.31; Ps 40,6-8; Ps 51,18-19; Spr 21,27; Am 5,21-24; Hebr 10,5-10; Hebr 11,4.6). Opfer, die nicht im Glauben gebracht wurden, waren vielleicht gelegentlich ausreichend, um die zeremonielle Reinheit wiederherzustellen und die zivilen Anforderungen zu befriedigen (z.B. die Wiedergutmachung, die mit dem Schuldopfer im Zusammenhang stand), aber es geschah nicht wirklich zum Wohlgefallen Gottes, weil es sich um leeren Formalismus handelte. Es ist bemerkenswert, daß der Gegenstand des Glaubens nicht die Typologie der Opfer (vgl. den nächsten Abschnitt dieser Einführung) oder das Bewußtsein des kommenden Erlösers war, sondern Gott selbst. Selbstverständlich stimmte der Inhalt des Glaubens mit der fortschreitenden alttestamentlichen Offenbarung immer mehr mit dem Kommen des Lammes Gottes als dem letzten »Schuldopfer« überein (Jes 53,10).
Zweitens erfuhren die Opfer, mit der möglichen Ausnahme am Versöhnungstag, in dem Bereich gewisser Arten von persönlicher Sünde ihre Begrenzung. Theologisch gesehen sühnten sie nicht die sündige Natur oder die Adam zur Last gelegte Sünde. Die Vergebung galt auch nicht für vorsätzliche, sündige Handlungen, die gegen Gott getan wurden (vgl. 4.Mose 15,30-31 und den Kommentar zu 3.Mose 4,1-2). Deshalb waren die levitischen Opfer kein vollkommenes und endgültiges Programm, womit alle Formen der Sünde weggetan werden konnten. Es galt hauptsächlich für Sünden, die aus Unwissenheit begangen wurden, die zufällig geschahen oder aus Fahrlässigkeit und Unterlassung heraus getan wurden, wobei darin auch Sünden ritueller Verunreinigung und Vergehen eingeschlossen waren, die Besitzrechte verletzten. Sünden, für die es kein persönliches Opfer gab, geschahen dem Herrn und seinen Geboten zuwider - vorsätzliche Übertretungen der Zehn Gebote (ausgenommen kleinerer Über- tretungen des achten und neunten Gebotes), absichtliche Nichtbeachtung zeremonieller Vorschriften und jede andere Übertretung der Bundesbeziehung zwischen Israel und dem Herrn. Solche Sünden konnten nur auf der Grundlage von uneingeschränkter Gna- de als Antwort auf Glauben und Reue sofort vergeben werden (vgl. Ps 32; 51). Andernfalls verlangten sie nach der Reinigung durch die Zeremonie am großen Versöhnungstag.
Drittens waren die Opfer in ihrem Ziel der Bewahrung des Bundes und der Erneuerung eines erlösten Volkes beschränkt. Die levitischen Opfer waren Teil der Anbetung eines erlösten Volkes in der Bundesbeziehung mit ihrem Gott. Das Ereignis der Schlachtung des Passalammes und das Streichen des Blutes an die Torpfosten in Ägypten, das gemeinsam, möglicherweise jedoch größtenteils persönlich geschah, waren der äußerliche Ausdruck des innerlichen Glaubens, welcher die Erneuerung und Rechtfertigung der einzelnen Israeliten darstellten. Das darauffolgende Opfersystem behandelte vorbildlich Verehrung und Bundeserneuerung, aber nicht die ursprüngliche Errettung. Es war mit der Erfahrung des neutestamentlichen Gläubigen in 1.Joh 1,9 vergleichbar, nicht mit der Erfahrung des Sünders in Joh 3,16. Dennoch wird deutlich, daß, wenn eine neue Generation von Israeliten in das Alter kam, in der sie selbstverantwortlich wurde, sie den Glauben an Erneuerung und Rechtfertigung selbst zum Ausdruck bringen mußte, bevor sie Gott auf richtige Art und Weise verehren und versuchen konnte, in Gemeinschaft mit ihm zu bleiben. Das könnte bei einer ganzen Anzahl von Gelegenheiten geschehen sein, etwa bei der jährlichen Erinnerung an das Passa mit den dazugehörigen Erläuterungen durch die Eltern. In einigen Fällen könnte das geschehen sein, wenn die jungen Israeliten ihr erstes Sühneopfer mit einem echten Verständnis ihres Tuns in dem Glauben an ihren vergebenden Gott darbrachten.
Viertens waren mit Ausnahme des Rituals am Tag der Versöhnung die Opfer in ihrem Anwendungsbereich und ihrer Dauer auf eine Sünde pro Opfer begrenzt. Die gewährte Vergebung war tatsächlich geschehen, aber nur für diese bestimmte Zeit, in dem Sinne, daß jede Sünde ein weiteres Opfer erforderte. So erkannte Gott das Opfer zur Wegschaffung der Schuld für den Fall der Sünde an, um die es ging, aber wenn Gott seinen Zorn für diese Zeit zurückhielt, führte das nicht dazu, daß das Gewissen des Menschen auf Dauer gereinigt wurde (vgl. Hebr 10,2).
Fünftens war die Wirksamkeit der Opfer nicht in den geopferten Tieren oder in einem oder allen Teilen des Opferrituals verankert. Gott gewährte Sühne und Vergebung in Hinblick auf das ausreichende Opfer, das Jesus Christus am Kreuz bringen sollte. Der Tod Christi war ein »Opfer zur Sühne«, durch das Gott vollständig für die Vergebung bezahlte, die er schon Jahrhunderte vor der Kreuzigung gewährt hatte (Röm 3,25). Mit anderen Worten, die levitischen Opfer wurden im Plan Gottes rechtswirksam aufgrund des Todes Christi als dem einen wahren wirksamen Opfer für alle Sünden, da er das Lamm Gottes war, das von Grundlegung der Welt an geschlachtet war (Offb 13,8; vgl. 1.Petr 1,19-20). Die Wirkung der Opfer war daher eher abgeleitet als ursprünglich. In diesem Sinn erklärt der Schreiber des Hebräerbriefes: Es ist unmöglich, daß das Blut von Stieren und Böcken Sünden wegnimmt (Hebr 10,4). Dennoch war der Nutzen, den die alttestamentlichen Gläubigen hatten, so real wie die Kleidung, die von einem Krediteinkäufer des 20.Jh. getragen wird, obwohl sein Kredit noch nicht vollständig bezahlt worden ist.
Zusammenfassend kann man sagen: Die levitischen Opfer waren wirksam und zwar sowohl, um die Bundesbeziehung wiederherzustellen als auch (wenn in Glauben dargebracht) für die eigentliche Vergebung der einzelnen Sünden, aber diese Wirksamkeit war abgeleitet und bedurfte der Rechtsgültigkeit durch das eine allein ausreichende Opfer Christi am Kreuz.
Obwohl der Bereich und die Absicht der Opfer begrenzt waren, hatte ihr geistlicher Wert auch einen pädagogischen Gesichtspunkt, weil sie nämlich Israel den rechten Weg lehrten, sich einem heiligen Gott zu nähern: »Vor allen anderen Dingen mußte man auf die Sünde eingehen; das angemessene Opfer (Sünd- oder Schuldopfer) mußte gebracht werden. Das war eng verbunden mit einem Brandopfer, das diesen Opfern unmittelbar folgte (mit dem begleitenden Speisopfer, so wie es in vielen Fällen festgelegt ist), und so wurde die Hingabe vervollständigt (2.Chr 29,31), die die Opfernden zum letzten Teil der Liturgie berechtigte. Der krönende Teil war die Darbringung von (zusätzlichen) Brand- und Friedensopfern, wovon erstere sowohl die freiwilligen Opfer der einzelnen als auch die kalendarischen Opfer einschlossen, die die ständige Verehrung des Volkes als ganzes symbolisierten, wobei das letztere Opfer das gemeinschaftliche Erlebnis darstellte, an welchem der Herr, der Priester und der Opfernde... Anteil hatten.« (A. F. Rainey, »Sacrifice,« The Zondervan Pictorial Encyclopedia of the Bible, 4,203).
Um die Theologie der rituellen Handlung zusammenzufassen (vgl. den Kom- mentar zu den verschiedenen Opfern zu 3.Mose 1-7), kann man sagen, daß, wenn ein Israelit, der Gott verehren wollte, seine Hand auf das Opfertier legte, er sich mit dem Tier als Ersatz für seine Person identifizierte. Wenn das im Glauben geschah, führte es zu einer symbolischen Übertragung der Sünde und zu einer rechtsgültigen Übertragung seiner Schuld auf das Opfertier. Gott nahm dann das geschlachtete Tier (dieses Annehmen wurde durch das Verbrennen auf dem Altar symbolisiert) als Bezahlung des Lösegeldes für diese besondere Sünde an und so wurde Gottes Zorn vom Sünder (letztendlich) auf Christus am Kreuz abgewendet, so daß Gott jedem Sünder wahre Vergebung zusicherte, der ihm das Opfer im Glauben brachte.
Die Typologie und das dritte Buch Mose: Die biblische Typologie hat möglicherweise unter ihren Freunden ebenso zu leiden gehabt wie unter ihren Feinden. Eine Verteidigung der Hermeneutik der Typologie ginge über diese Einführung hinaus. Da jedoch am Ende des Kommentars zu jedem der fünf levitischen Opfer (vgl. den Kommentar zu 3. Mo 1,17; 3. Mo 2,16; 3. Mo 3,17; 3. Mo 5,13.26) und nach dem Kommentar zum jährlichen Festkalender (3. Mo 23) eine mögliche typologische Auslegung vorgenommen wird, sollen hier einige Kommentare zur Einordnung der biblischen Typologie folgen.
Ein Typus kann als eine außerordentliche alttestamentliche Wirklichkeit betrachtet werden, die in besonderer Weise von Gott angeordnet wurden, um eine bestimmte neutestamentliche Erlösungswahrheit im voraus darzustellen. Wegen seiner göttlichen Einrichtung und seiner Rolle bei der Vergebung der Sünden unter der mosaischen Anordnung sind das levitische Opfersystem und der damit in Zusammenhang stehende Ort und die Zeit für die Verehrung Gottes ein besonders fruchtbarer Boden für das Erkennen von typologischen Modellen. Dennoch müssen die Ausleger der Modelle sich immer an folgendes erinnern: (a) Der historischen Wirklichkeit ist die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken, wobei besonders die symbolische und auf die Erlösung hinweisende Bedeutung für die alttestamentlichen Gläubigen und ihre spätere Fortdauer, das Gedächtnis und der Einfluß auf zukünftige Generationen der Israeliten bis zu seiner Erfüllung im Anti-Typus zu betrachten ist; (b) der Hauptpunkt (oder die Hauptpunkte) der Ähnlichkeit zwischen dem Typus und seinem Anti-Typus muß bestimmt und nicht die Interpretation über diese Punkte gestellt werden; (c) das Verständnis der sinnbildlichen Bedeutung muß zu den neutestamentlichen Gläubigen in Beziehung gesetzt werden, nicht zu den alttestamentlichen Gläubigen, und (d) jedes Modell muß im Licht der festgesetzten Lehren der Schrift ausgelegt werden. Man darf nicht versuchen, eine Lehre auf einen Typus aufzubauen.

AUSLEGUNG


Das 3. Buch Mose ist der literarische Ausdruck für den Wunsch Gottes, daß sich seine Heiligkeit im Leben seines Bundesvolkes Israel widerspiegeln soll. Dies wird in zwei Bereichen des alltäglichen Lebens und der regelmäßigen Opfer deutlich, die sich zwar nicht völlig voneinander trennen lassen, aber dennoch klar zu erkennen sind: a) Das Treten vor Gott durch die Opfer (3. Mo 1-16) und b) Das Leben in Heiligkeit vor Gott durch die Absonderung (3. Mo 17-27).

[[@Bible:Lev 1]]I.Das Treten vor Gott durch die Opfer (3. Mo 1-16)


Dieser erste große Teil von 3.Mose enthält ein Handbuch über die Opfer für das ganze Volk und für die Priester (3. Mo 1-7). Anschließend berichtet 3.Mose von den großen zeremoniellen Ereignissen, die die aaronitische Priesterschaft und das Opfersystem in Kraft setzten (3. Mo 8-10). Es folgen detaillierte Anweisungen, etwa bezüglich der erlaubten Speisen und der Krankheiten, die den Anbeter rituell unrein machten (3. Mo 11-15), sowie bezüglich des Ablaufes des großen Versöhnungstages, an dem die Priesterschaft und das Volk ihre Gemeinschaft mit dem heiligen Gott wiederherstellen und erhalten konnte, und angesichts seiner lebendigen Gegenwart im Heiligtum weiterhin Opfer bringen durfte (3. Mo 16).









[[@Bible:Lev 1]]A. Die Opfergesetze (3. Mo 1-7)


Diese göttliche Offenbarung an Mose ist tatsächlich ein Handbuch für den Ablauf der fünf grundlegenden Opfer auf dem Altar. Der wesentliche Teil dieses Opferhandbuches (3. Mo 1,1- 3. Mo 5,26) ist an die Israeliten gerichtet (3. Mo 1,2; 3. Mo 4,2). Es enthält allgemeine Regeln vom Standpunkt desjenigen aus, der die Opfer bringt, und beschreibt die Riten die der Opfernde und der diensthabende Priester befolgen sollten. Ein Anhang des Handbuches (3. Mo 6,1 - 3. Mo 7,38) besteht im wesentlichen aus zusätzlichen Vorschriften über die Opferriten für die Priester, vor allem über die Bestimmung bestimmter Bestandteile der Opfer, die vorwiegend zum Verzehr gedacht waren. Dementsprechend richtet Mose diesen Abschnitt »an Aaron und seine Söhne« (3. Mo 6,2.18). Lediglich der Schluß 3. Mo 7,22 - 36 richtet sich wieder »an die Israeliten« (V. 23.29).
Jedes der grundlegenden fünf Opfer wird demnach zweimal behandelt, jeweils einmal im allgemeinen Abschnitt für das ganz Volk und einmal in dem speziellen Anhang für die Priester (vgl. die Übersichten zu den levitischen Opfern vor dem Kommentar zu 3. Mose). Zu der unterschiedlichen Reihenfolge in den beiden Teilen vgl. den Kommentar zu 3, Mo 6,1 - 3. Mo 7,38.
3. Mose 1-7 ist die ausführlichste und systematischste Darstellung der einzelnen Opferarten im AT. Andere Texte in den fünf Büchern Mose beschreiben die verschiedenen Opfer im tatsächlichen Vollzug des Gottesdienstes. 4 Mose 28-29 (vgl 3. Mose 23; 5. Mose 16) beschreibt die jährlichen Opfer während der Nationalfeste (vgl. die Übersicht »Opferkalender« 4. Mose 28). Außerdem werden die einzelnen Opfer für konkrete Anlässe, wie der Weihe (z.B. 3. Mose 8), der Entweihung (z.B. 4. Mose 16,14-17) und der Reinigung (z.B. 3. Mose 14,12-20;3. Mo15,14-15.29-30) beschrieben (vgl. die Übersicht am Anfang des Kommentars zu 3. Mose).

[[@Bible:Lev 1:1]]1. Allgemeine Anordnungen über die Opfer für das Volk (3. Mo 1,1-3. Mo 5,26)


Auch wenn sich dieser Abschnitt an das ganze Volk richtet, mußte ihn auch der Priester sorgfältig studieren, so wie ein Lehrer nicht nur das Lehrerhandbuch, sondern auch das Schulbuch studieren muß, um den Studenten helfen zu können.
Die fünf grundlegenden Opferarten, die hier beschrieben werden, sind das Brandopfer, das Speisopfer, das Dankopfer, das Sündopfer und das Schuldopfer. Die Reihenfolge ist nicht die Reihenfolge, in der die Opfer normalerweise tatsächlich dargebracht wurden, sondern eine didaktische Reihenfolge, die die Opfer in ihrer Reihenfolge logisch aneinanderreiht (vgl. die andere Reihenfolge in 3. Mo 6,1 - 3. Mo 7,38 und den Kommentar dazu). So wird das Speisopfer nach dem Brandopfer, mit dem es normalerweise zusammen geopfert wurde (z.B. 4 Mose 15,28-29), und dem Dankopfer, mit dem es immer zusammengehörte, behandelt (z.B. 3. Mose 7, 12-14; 4 Mose 15,3-4) Sünd- und Schuldopfer werden nacheinander behandelt, weil sie eine Reihe von Ähnlichkeiten aufweisen und beide für bestimmte Situationen gedacht waren.
Die ersten drei Opfer werden häufig »die Opfer des Wohlgeruches« genannt, weil der Teil des Opfers, der auf dem Altar verbrannt wurde, einem den HERRN »lieblichen Geruch« (3. Mose 1,9.17; 3. Mo 2,2.9.12; 3. Mo 3,5.16) erzeugte. Dementsprechend werden Sünd- und Schuldopfer normalerweise als »Opfer ohne Wohlgeruch« bezeichnet. Dies ist jedoch kein biblischer Ausdruck und widerspricht der Tatsache, daß auch beim Sünd- und Schuldopfer der verbrannte Teil des Opfers als ein dem HERRN »lieblicher Geruch« (3. Mo 4,31) bezeichnet wird. Der HERR erhielt beim Sündopfer denselben Anteil wie beim Dankopfer, nämlich das »Fette« (vgl. 3. Mo 3,3-4; 3. Mo 4,31). Die Formulierung ein dem HERRN »lieblicher Geruch« scheint sich daher auf den zu verbrennenden Anteil jedes Opfers zu beziehen und sollte daher nicht zur Unterscheidung der Opferarten gewählt werden.
Eine andere Unterscheidung ist die in freiwillige (Brand-, Speis- und Dank- opfer) und unfreiwillige, d.h. geforderte Opfer (Schuld- und Sündopfer). Diese Unterscheidung trifft eher zu, wobei man allerdings nicht außer acht lassen sollte, daß es zahlreiche Gelegenheiten gab, bei denen Brand-, Speis- und Dankopfer ebenfalls nicht freiwillig waren, sondern gefordert wurden (vgl. 4.Mose 6,14.17; 5.Mose 16,10-12.16-17), besonders bei bestimmten Reinigungszeremonien (z.B. 3.Mose 14,12-20) und jährlichen Festen (vgl. 4.Mose 28-29).
Eine befriedigende Einteilung ist die in Opfer der Hingabe (Brand- und Speisopfer), Opfer der Gemeinschaft (Dankopfer und die dazugehörigen Opfer) und Opfer der Versöhnung (Sünd- und Schuldopfer), obwohl in allen fünf Opfern Elemente der Hingabe, der Gemeinschaft und der Versöhnung zu finden sind (vgl. den Kommentar zu 3.Mose 1,4).

[[@Bible:Lev 1]]a.Das Brandopfer (3. Mo 1)

1) Einleitung (3. Mo 1,1-2):
3. Mo 1,1: Der historische und theologische Kontext des 3. Buch Mose findet sich nicht nur in dieser Einleitung, sondern auch in den letzten beiden Versen des Opferhandbuches (3. Mo 7,37-38; vgl. dazu die Einleitung oben). Die Einzelheiten der Opferriten wurden bekannt gegeben, als der HERR Mose rief und mit ihm aus der Stiftshütte redete. Das Opferhandbuch schließt sich also an die historischen Berichte über den Bau der Stiftshütte (2.Mose 25-40) an und steht vor dem historischen Bericht über die Ordination der Priesterschaft (3.Mose 8-10). Der Rest von 3.Mose enthält weitere Offenbarungen über den Gottesdienst und das Leben Israels im Angesicht des heiligen Gottes. Außer 3.Mose 24,10-13) wird der historische Bericht erst in 4.Mose 1-4 mit dem Aufbruch der Stämme Israels vom Sinai fortgesetzt.
3. Mo 1,2: Dieser Vers bildet den Übergang zum Gesetz über das Brandopfer. Er spricht von einem Opfer (qorbon, »das was dargebracht wird« - ergänze »Gott«), wobei dieser Begriff auf alle Opfer angewandt werden kann. Zunächst ist von Opfern von Rindern oder von Schafen und Ziegen die Rede. Die Art der Opfertiere in absteigender Reihenfolge ihres Wertes bildet den Ausgangspunkt für die Gliederung des Brandopfergesetzes (vgl. 3. Mo 6,1-6), zunächst die Rinder (V.3-9), dann Schafe und Ziegen (V.10-13) und schließlich zusätzlich die Vögel (V.14-17).
Zunächst müssen einige wesentliche Punkte über das Brandopfer festgehalten werden:
1. Das Brandopfer (`olâh, »das, was aufsteigt«, 3. Mo 1,3.10.14, wohl weil das ganze Opfer im Rauch zum Herrn aufstieg) unterscheidet sich von den anderen Opfern, weil das Tier vollständig auf dem Altar verbrannt wurde (3. Mo 1,9. 13.17), wenn man einmal vom Fell für den Priester (3. Mo 7,8) und dem Kropf der Vögel (3. Mo 1,16) absieht.
2. Das Brandopfer wird auch als Opfer mit Feuer (kalîl; vgl. 5.Mose 33,10; 1.Sam 7,9; Ps 51,18) bezeichnet.
3. Es wird vermutlich als erstes genannt, weil es das älteste Opfer darstellt (vgl. 1.Mose 8,20 bei Noah) und in Israel am häufigsten dargebracht wurde.
4. In der alltäglichen Praxis ging ihm jedoch oft ein Sünd- oder Schuldopfer voran (vgl. den Kommentar zu 3. Mo 6,1-3. Mo 7,38).
5. Die Art der Opfertiere und die Einzelheiten des Opferrituals ähnelt denen des Dankopfers (3. Mo 3).
6. Wie bei allen levitischen Opfern war der grundlegende Sinn der Brandopfer die Versöhnung wegen der Sünden (3. Mo 1,4; vgl. 4.Mose 15,24-25), aber als direkte Absicht tritt die Erklärung der Hingabe an Gott in den Vordergrund.
7. Obwohl das Brandopfer für die ganze Nation als tägliches (2.Mose 29,38-42; 4.Mose 28,3-8), wöchentliches (4.Mose 28,9-10) und monatliches (4.Mose 28,11-15) Opfer, als Bestandteil zahlreicher jährlicher Feste (vgl. 3.Mose 23; 4.Mose 28-29) und für einzelne bei Reinigungs- und anderen Riten (z.B. 3.Mose 14,12-20; 15, 14-15.29-30; 4.Mose 6,9.12) vorgeschrieben war, konnte es auch von einzelnen freiwillig als einfaches Opfer der Hingabe (einschließlich des Opfers zur Erfüllung eines Eides oder als freiwilliges Opfer, 3.Mose 22,17-20) oder als Opfer im Anschluß an ein Sündopfer (3. Mo 14,19-20; 3. Mo 15,14-15) dargebracht werden (vgl. die Zusammenfassung im Anschluß an den Kommentar zu 3. Mo 1,17 und den Abschnitt »Die Bedeutung der alttestamentlichen Opfer« in der Einführung).
2) Ein Brandopfer mit Rindern (3. Mo 1,3-9):
Das Ritual des Brandopfers bezog wie alle levitischen Opfer den das Opfer darbringenden Israeliten ein. Er besorgte das Tier, brachte es zum Heiligtum, legte ihm die Hände auf, schlachtete, häutete, zerteilte und wusch es. Alle Bestandteile des Rituals, die einen Kontakt mit dem Altar mit sich brachten, waren jedoch den Priestern vorbehalten, also auch die Handhabung des Blutes, des Holzes und der festgelegten Teile des Tieres, die auf den Altar gelegt wurden. Das Ritual wurde ausschließlich vom Priester ausgeführt, wenn es sich um einen Vogel handelte oder der Priester das Opfer für sich selbst oder das ganze Volk darbrachte.
3. Mo 1,3: Der Israelit mußte das Tier vor die Tür der Stiftshütte bringen. Einige Ausleger beschränken den Begriff »Tür« auf den Eingang zum Bezirk der Stiftshütte. Da mit der Stiftshütte jedoch das eigentliche Heiligtum gemeint ist, dürfte mit »Tür« wahrscheinlich der ganze Vorhof vor dem Brandopferaltar gemeint sein. Diese Örtlichkeit kann auch als die Nordseite des Altars (z.B. V.11) oder mit den Ausdrücken »vor der Stiftshütte« (3. Mo 3,8) oder »vor dem Herrn« (3. Mo 1,5; 3. Mo 3,7) oder eben am Eingang der Stiftshütte (3. Mo 3,2) bezeichnet werden. Die eigentliche Darstellung des Opfertieres fand aber wahrscheinlich tatsächlich am Eingang zum Vorhof statt, bevor der Priester und der Opfernde mit dem Tier zur Nordseite des Altars gingen, um das Opferritual zu vollziehen.
Nachdem der Israelit sein Tier vorgezeigt hatte, untersuchte der Priester das Tier aufgrund der folgenden Merkmale des einzelnen Tieres:
1. Das Tier mußte vollkommen, ohne Fehler, Wunde, Krankheit oder Verkrüppelung sein (3. Mo 1,3.10; vgl. die Liste der verbotenen Fehler in 3. Mo 22,17-25; vgl. 5.Mose 15,21; 5. Mo 17,1). (Eine Ausnahme bildeten zu lange oder zu kurze Glieder beim freiwilligen Opfer, 3.Mose 22,23).
2. Das Tier für das Brandopfer mußte, wie bei den meisten Opfern, ein männliches Tier sein. (Weibliche Tiere waren beim Dankopfer zulässig, 3. Mo 3,1.6, und bei Sündopfern für Nichtpriester vorgeschrieben, 3. Mo 4,28.32; 3. Mo 5,5-6).
3. Obwohl die Opfertiere allgemein zwischen einer Woche (3. Mo 22,26-27) bis etwa drei Jahre alt sein konnten, waren für bestimmte Opferrituale einjährige Tiere vorgeschrieben.
Neben diese Merkmale des Tieres selbst traten weitere allgemeine Voraussetzungen:
4. Bei allen levitischen Opfern mußte es sich um reine Tiere handeln (3. Mo 11).
5. Alle Opfertiere mußten Nutztiere sein, die auch zum Verzehr geeignet waren.
6. Alle Opfertiere mußten Haustiere sein. Wilde Tiere durften gegessen, aber nicht geopfert werden (5.Mose 14,4-5).
7. Alle Opfertiere mußten den Besitzverhältnissen des Opfernden entsprechend kostbar sein. Gott verlangte also die höchstmögliche Qualität von dem einzelnen Israeliten.
3. Mo 1,4: Der Darstellung des Opfertieres folgte die Handauflegung. Der Israelit legte (oder »preßte«) seine Hand auf den Kopf des Tieres, damit es ihn wohlgefällig mache und für ihn die Versöhnung schaffe. Das Wort für »seine Hand legen auf« meint eigentlich »ausruhen auf«, »stützen auf«. Durch diesen Akt identifizierte der Israelit das Tier mit sich selbst und machte es damit zu seinem Stellvertreter.
Der Gedanke der Versöhnung beschränkt sich demnach nicht auf die Sünd- und Schuldopfer, da das Brandopfer eindeutig ebenfalls der Versöhnung (kipper, Intensivform von kapar) des Opfernden diente. Es gibt zwei Ansichten über die Etymologie des Wortes kipper. Entweder entspricht es dem arabischen Verb kafara, »bedecken« oder aber einem der beiden Homonyme des akkadischen Wortes kaparu, »wegwischen« oder auch »schmieren« (vgl. Harold R. Cohen, Biblical Hapax Legomena in the Light of Akkadian and Ugaritic, Missoula, Mont., Scholars Press, 1978, S.53-54, Nr. 8). Zahlreiche Gründe, unter anderem der poetische Parallelismus von kipper und mahâh (»auswischen, ausblasen«) in Jer 18,23, sprechen für die zweite Lösung. Ein dritter Vorschlag (z.B. Leon Morris, The Apostolic Preaching of the Cross, Grand Rapids: Wm. B. Eerdmans Publ., 1955, S.142-152) führt die Bedeutung von kipper auf das hebräische Nomen koper, »Lösegeld« zurück. Da aber koper etymologisch auf das akkadische Wort kaparu zurückgeht, sollte diese Lösung nicht als dritte etymologische Erklärung gelten, sondern als wichtiger Beitrag zur Erklärung der Bedeutung von kipper im Sinne von »Versöhnung schaffen«. Dabei können beide Bedeutungen des akkadischen kaparu eine Rolle spielen, das »Schmieren«, weil das Blut bisweilen an die Hörner des Altars geschmiert wurde (3.Mose 16,18) und das »Wegwischen«, weil das Vergehen weggewischt, also gereinigt und beseitigt wurde (vgl. 3. Mo 16,10.19).
Das verwandte hebräische Wort koper, »Lösegeld«, unterstützt die Schlußfolgerung von Leon Morris, daß das Wort im Zusammenhang mit den Opferritualen als terminus technicus für »Versöhnung zwischen Gott und Mensch schaffen« (ebd., S.148) anzusehen ist und insbesondere die Opferung eines Lösegeldes stellvertretend für die Versöhnung des göttlichen Zornes bedeutet (S.152). Im alttestamentlichen Sprachgebrauch wird ersichtlich, daß Versöhnung nicht nur die Wiedergutmachung der Sünde, sondern auch die Besänftigung des göttlichen Richters meint. Auch wenn die Sünde selbst gesühnt werden muß, ist doch wichtiger, daß das Opfer notwendig war, weil die persönliche Beziehung zwischen Gott und Mensch durch die Sünde zerstört wurde.
3. Mo 1,5: Als nächstes mußte der Israelit das Rind vor dem HERRN schlachten. Da Schafe und Ziegen an der Nordseite des Altars (V.11) geschlachtet wurden, wird dies wohl mit den Rindern ebenfalls der Fall gewesen sein, wobei »vor dem Herrn« einfach allgemein jeden Ort im Vorhof der Stiftshütte meint und damit für die Nordseite des Altars steht (vgl. den Kommentar zu 3. Mo 1,3). Der Tod des Tieres durch das »Schlachten« (ein technischer Opferbegriff) war von größter Bedeutung im Opferritual, weil mit dem Blut das Leben ausfloß und der Tod an die Stelle des Lebens trat (vgl. 3. Mo 17,11, wo »Blut« für Leben steht) und das geflossene Blut die Versöhnung bewirkte.
Nun wurde das Ritual vom Priester fortgesetzt. Er fing das Blut mit einem Gefäß auf, während das Tier geschlachtet wurde, um es an alle vier Seiten des Altars zu sprengen. Dies wurde, zumindest in späteren Zeiten, erreicht, indem das Blut gegen zwei einander gegenüberliegende Hörner geworfen wurde, so daß es an alle vier Seiten spritzte.
3. Mo 1,6-9: Bei der Person, die dem Brandopfer das Fell abziehen und es in seine Stücke zerlegen sollte, handelt es sich um den Opfernden, nicht um den Priester (vgl. V.12). Er sollte zugleich die Eingeweide und die Beine (V.9), also die von Exkrementen verschmutzten Teile, waschen, während der Priester das Holz (V.7) zurechtlegte und dann die Teile des Tieres mit dem Kopf und dem Fett (V.8; ausführlicher definiert in 3. Mo 3,3-4, weil dort nur das Fett beim Dankopfer verbrannt wurde) auf das Altarfeuer legte. Die Anweisung für die Priester, Feuer auf dem Altar zu machen (V.7) ist schwer zu erklären, weil bei der Ordination der Priester (3. Mo 8-9), an den nationalen Festen (4.Mose 28-29) und bei zahlreichen persönlichen Anlässen vor dem Brandopfer Sündopfer geopfert wurden, so daß das Feuer schon am Brennen war. Ja, eigentlich durfte das Feuer zwischen den morgendlichen und abendlichen Opfern nie ausgehen (3.Mose 6,5-6). Vielleicht meint der Ausdruck die generelle Verantwortung des Priesters für das Brennen des Feuers.
Das Brandopfer unterscheidet sich von allen anderen Opfern dadurch, daß das Tier vollständig auf dem Altar verbrannt wurde. Daß das Brandopfer ein Feueropfer zum lieblichen Geruch für den HERRN ist (V.9), ist ein anthropomorpher Ausdruck, der die völlige Annahme des Opfers durch Gott beschreibt.
3) Ein Brandopfer aus den Herden (3. Mo 1,10-13):
3. Mo 1,10-13: Wenn als Brandopfer ein Schaf oder eine Ziege geopfert wurde, galten dieselben Voraussetzungen (ein männliches Tier ohne Fehler, V.10; vgl. V.3) und dieselben rituellen Vorschriften, auch wenn sie nicht so ausführlich beschrieben werden, wie in Vers 3-9. Die einzige zusätzliche Erläuterung besteht darin, daß die Schlachtung an der Nordseite des Altars durchgeführt werden sollte (V.11; vgl. den Kommentar zu V.3.5). Es sind die unterschiedlichsten Erklärungen dafür angeboten worden, aber wahrscheinlich war es einfach die Seite des Altars mit dem meisten Platz.
4) Ein Brandopfer mit Vögeln (3. Mo 1,14-17):
3. Mo 1,14-17: Das Opfern einer Turteltaube oder jungen Taube war den Armen beim Brand- und Sündopfer (3. Mo 5,7) gestattet und bei verschiedenen Reinigungsopfern vorgeschrieben (3. Mo 15,14- 15.29-30; 4.Mose 6,10-11). Die geringere Größe dieser Opfertiere machte ein vereinfachtes Ritual notwendig, wobei alles vom Priester allein ausgeführt wurde. Nach Raschi (zitiert bei Norman H. Snaith, Leviticus and Numbers, S.32) trennte der Priester den Kopf des Tieres ab, indem er mit dem Fingernagel schnell unter dem Kopf Gurgel und Nacken aufschlitzte und den Kopf abknickte. Dann ließ man das Blut bis zum letzten Tropfen an der Wand des Altars auslaufen. Der Kropf mit seinem Inhalt sollte auf der Ostseite des Altars auf den Aschenhaufen geworfen werden. Die Flügel wurden eingerissen und der Vogel damit leicht geöffnet und so auf dem Altar zum lieblichen Geruch für den HERRN verbrannt (vgl. 3.Mose 1,9).
Beim Brandopfer erhielt Gott alles, der Opfernde nichts. Typologisch gesehen weisen zwar alle Opfer auf den Tod Jesu Christi hin. Das Brandopfer betont dabei jedoch nicht so sehr den Gedanken, daß Jesus in seinem Opfer die Sünden der Welt trug, sondern daß er sich völlig dem Willen Gottes hingab. Diese völlige Hingabe kommt in Hebr 9,14 zum Ausdruck: »Christus... opferte sich selbst ohne Fehler an Gott« (vgl. Eph 5,1-2; Phil 2,8; Hebr 10,5-7).

[[@Bible:Lev 2]]b.Das Speisopfer (3. Mo 2)

Das Speisopfer (oder Getreideopfer) (minhâh, ein Wort, das außerhalb des levitischen Systems jedes Opfer oder Geschenk bezeichnen konnte; vgl. 1.Mose 4,3-5; Ri 6,18; 1.Sam 2,17) bestand aus einem groben Getreidemehl (aus Weizen oder Gerste), das mit Olivenöl vermischt und mit Weihrauch begossen wurde. Es durfte weder Sauerteig noch Honig enthalten (3.Mose 2,11), mußte aber wie alle Opfer auf dem Altar mit Salz bestreut werden (V.13). Ein Speisopfer konnte für sich allein dargebracht werden (z.B. V.14-16; 3. Mo 6,14; 4.Mose 5,15). In den meisten Fällen kam es aber zu einem Brand- oder Dankopfer hinzu, wobei es Dankopfern immer (3.Mose 7,12-14; vgl. 4.Mose 15,4), Brandopfern meistens, vor allem bei den jährlichen Opfern (4.Mose 28-29), folgte.
Ein weiteres Zusatzopfer, das in 3.Mose 1-7 nicht näher beschrieben, aber in 4.Mose 15,8-10 erklärt wird, war das Trankopfer, das aus Wein oder einem anderen starken Getränk bestand, das für den Herrn am Heiligtum (4.Mose 28,7) ausgegossen wurde. Es wurde zusammen mit dem Speisopfer geopfert, wenn dieses einem Brand- oder Dankopfer folgte. Die Menge des Mehls und Weins war gemäß der einzelnen Opfertierarten genau festgelegt (vgl. 4.Mose 15,2-10).
Die Speisopfer fehlten jedoch bei Brandopfern des Hohenpriesters und bei dem besonderen Versöhnungsritual am großen Versöhnungstag (3.Mose 16,3.5.24). Bei folgenden besonderen Ritualen waren Speisopfer vorgeschrieben: 1. bei den Reinigungsritualen nach Ablauf eines nasiräischen Eides (4.Mose 6,15.19) oder nach der Reinigung eines Aussätzigen (3.Mose 14,10.20-21.31); 2. bei dem sogenannten »Eifersuchtsritual«, bei dem ein Zehntel Scheffel Gerstenmehl ohne Öl und Weihrauch verwendet wurde (4.Mose 5,15.18.25-26).
Das Schwenkopfer der Erstlingsfrüchte, das aus zwei gesäuerten Broten aus dem Mehl von frischem Weizen bestand (3.Mose 23,16-17), stellt eigentlich kein Speisopfer dar, weil es nicht auf dem Altar dargebracht wurde (3. Mo 2,12). Die Verwendung von einem Zehntel Scheffel Mehl ohne Öl und Weihrauch beim Sündopfer der Armen (3. Mo 5,11-13) zählt trotz der Verwendung von Mehl zu den Sündopfern.
Das Gesetz über die Speisopfer (3. Mo 2; vgl. 3. Mo 6,7-16) teilt sich gemäß der Zubereitungsarten in drei Teile: eine Art ohne Backen (3. Mo 2,1-3), drei verschiedene Arten mit Backen (V.4-10) und die besondere Art des Zerstoßens und Röstens von Erstlingsfrüchten (V.14-16).
1) Ein Speisopfer aus Ungebackenem (3. Mo 2,1-3):
Die Abfolge des Rituals des Speisopfers ging in vier Stufen vor sich: 1. Der Opfernde bereitete das Opfer zu (V.1.4-7). 2. Er präsentierte es, vermutlich in einer Schüssel (vgl. 4.Mose 7,13), dem Priester beim Heiligtum (3.Mose 2,2.8). 3. Der Priester nahm davon eine Handvoll als Gedenkopfer bzw. Erinnerungsteil (3. Mo 2,2.9.16). 4. Er verbrannte diesen Teil auf dem Altar »zum lieblichen Geruch für den Herrn« (V.2.9).
3. Mo 2,1: Das grundlegende Speisopfer bestand aus feinem Mehl, das am heutigen Standard gemessen ziemlich grob war und mit Öl und Weihrauch vermischt wurde. Der Weihrauch war der einzige Bestandteil, der die Zubereitung des Opfers von der Zubereitung einer normalen Mahlzeit unterschied.
3. Mo 2,2: Der Priester nahm das Speisopfer von dem Opfernden in Empfang und sonderte eine Handvoll von dem Mehl und Öl samt dem Weihrauch ab und verbrannte es als ein Gedenkopfer (einen Erinnerungsanteil) auf dem Altar. Dieser Anteil sollte zeigen, daß das ganze Opfer dem Herrn gehörte. Wenn ein Priester ein Speisopfer darbrachte, wurde das Mehl vollständig auf dem Altar verbrannt (3. Mo 6,22-23). Das Speisopfer wird mit denselben Worten wie das Brandopfer als ein Feueropfer zum lieblichen Geruch für den HERRN bezeichnet (vgl. 3. Mo 1,9.13.17).
3. Mo 2,3: Im Gegensatz zum Brandopfer, das völlig auf dem Altar verbrannt wurde (vgl. 3. Mo 1,9), wurde das übrige dem Priester zum Essen gegeben, weil es ein Hochheiliges, also der heiligste Teil des Opfers, war. Der Begriff »Hochheiliges« ist im Zusammenhang mit den levitischen Opfern ein terminus technicus, der ausdrückt, daß dieser Teil des Opfers, gleich ob beim Speis-, Dank-, Sünd- oder Schuldopfer, nur den rechtmäßigen Mitgliedern der Priesterschaft zustand. Wenn das Speisopfer mit einem Dankopfer zusammen dargebracht wurde, ging nur ein Teil davon an den Priester (3. Mo 7,12-14), und der andere Teil wurde von dem Opfernden und seiner Familie als Dank- und Gemeinschaftsopfer gegessen.
2) Ein Speisopfer aus Gebackenem (3. Mo 2,4-10):
3. Mo 2,4-7: Indem er die normalen Backgeräte und -methoden benutzte, außer daß für den Teil, der auf dem Altar verbrannt wurde, Weihrauch hinzugefügt wurde (vgl. V.2), bereitete der Opfernde Kuchen oder Fladen, die mit Öl vermischt oder bestrichen waren (V.4), oder auf der Pfanne Gebackenes mit Öl vermischt oder begossen (V.5-6), oder im Tiegel Bereitetes mit Öl vermischt (V.7), zu. Diese Breite von drei Backgeräten und vier Arten von Gebackenem sollte wohl die Israeliten dazu ermuntern, ihre Opfer zu bringen, gleich in welchen wirtschaftlichen Umständen sie lebten.
3. Mo 2,8-10: Das Opferritual für gebackene Speisopfer war dasselbe wie für ungebackene Speisopfer, wobei allerdings der Weihrauch nicht eigens erwähnt wird. Der Priester verbrannte das Gedenkopfer... auf dem Altar und behielt das übrige zum Verzehr für sich selbst, wobei die in Vers 3 genannte Ausnahme auch hier galt.
3) Zusätzliche Vorschriften zum Speisopfer (3. Mo 2,11-16):
3. Mo 2,11-13: Sauerteig und Honig waren bei allen Speisopfern verboten. Beim Opfer der Erstlingsfrüchte (vgl. 3. Mo 23,16-17) war beides zulässig, wobei es sich dabei allerdings nicht um ein Speisopfer handelte, das auf dem Altar zum lieblichen Geruch für den HERRN dargebracht wurde. Alle Opfer auf dem Altar mußten aber Salz enthalten, das offensichtlich die Bundesbeziehung Israels mit Gott (das Salz des Bundes deines Gottes) symbolisierte, die dem ganzen levitischen Opfersystem zugrunde lag. Weil man im Nahen Osten davon ausging, daß Salz nicht durch Feuer zerstört werden konnte, war ein »Salzbund« ein ewiger Bund (4.Mose 18,19; 2.Chr 13,5).
3. Mo 2,14-16: Besondere Vorschriften waren für das Speisopfer der Erstlingsfrüchte zur Zeit der Ernte notwendig. Es bestand aus im Feuer gerösteten Ähren, deren Körner zerstoßen und mit Öl und Weihrauch versehen wurden. Das übliche Gedenkopfer wurde auf dem Altar verbrannt, das übrige ging sicher wieder an den Priester.
Im Gegensatz zu den Tieropfern war die Besonderheit des Speisopfers als eines Pflanzenopfers das völlige Fehlen jedes blutigen Rituales. Allerdings wurde das Speisopfer normalerweise zusammen mit einem Brand- oder Dankopfer dargebracht, die blutige Opfer waren. Da das Speisopfer die alltägliche Nahrung verwendete, die mit ganz normalen Methoden zubereitet wurde, könnte es die Hingabe des ganz alltäglichen Lebens oder auch Gottes Fürsorge für das tägliche Brot symbolisieren. Besonders das Speisopfer der Erstlingsfrüchte war eine Anerkennung der Bundesgnade Gottes und eine Bestätigung des Gehorsams gegenüber dem Herrn des Bundes, der Israel in das Land gebracht hatte (5.Mose 26,9-10).
Typologisch gesehen deutet das Speisopfer auf Jesus und den stellvertretenden Wert seines Todes hin. Dies kommt darin zum Ausdruck, daß das Speisopfer normalerweise Brand- und Dankopfer begleitete. Möglicherweise weist das feine Mehl auf seine vollendete Menschlichkeit in seiner Inkarnation und das Öl auf die Überschattung durch den Heiligen Geist, der Weihrauch auf seine moralische Unantastbarkeit und das Fehlen von Sauerteig auf sein Getrenntsein von der Sünde hin. Jesus benutzt darüber hinaus das Bild vom Weizen, der auf den Boden fällt und »stirbt«, aber dadurch viel Frucht bringt, als Bild für seinen Tod (Joh 12,23-24).

[[@Bible:Lev 3]]c.Das Dankopfer (3. Mo 3)

Das hebräische Wort für das Dankopfer (zebah šelamîm, außer in Am 5,22 immer im Plural) wurde traditionell mit »Friedensopfer« übersetzt. G. J. Wenham (The Leviticus, S.76) zieht diese Bedeutung gegenüber anderen wie »Dankopfer«, »Gemeinschaftsopfer« vor und hält solche Übersetzungen für reine Spekulationen aufgrund der Tatsache des gemeinsamen Mahles am Ende des Opfers. Da die hebräische Vorstellung vom Frieden Gesundheit, Reichtum, Wohlergehen und Frieden einschließt, übersetzt R. K. Harrison (Leviticus, S.56): »ein Opfer des Wohlergehens«. Vielleicht erschließt eine Kombination der Bedeutung »Wohlergehen« als wörtlicher Bedeutung und »Gemeinschaft« als der sich aus dem Ritual der gemeinsamen Mahlzeit ergebenden Bedeutung den umfassenden Sinn des Opfers am ehesten.
Das Dankopfer (vgl. 3.Mose 7,11-36) ist das dritte der Opfer »zum lieblichen Geruch dem Herrn«. Es entspricht dem Brandopfer nicht nur in der Auswahl der Tiere, wobei allerdings Vögel ausgeschlossen und weibliche Tiere (und beim freiwilligen Opfer zu lange und zu kurze Glieder) zugelassen waren, sondern auch im wesentlichen im Ablauf des Rituals. Auch wenn nicht ausdrücklich erwähnt wird, daß das Dankopfer Versöhnung schafft, ist dies im Auflegen der Hände, im Schlachten des Tieres, in der Verwendung des Blutes (vgl. 3. Mo 17,11) und in der Verbrennung des Fettanteils (genau wie beim Sündopfer, dem Versöhnungsopfer schlechthin) inbegriffen.
Auf jeden Fall war ein Dankopfer erst möglich, wenn der Opfernde zuerst durch ein Sünd- oder Schuldopfer die Vergebung erhalten und seine Hingabe durch ein Brand- oder Speisopfer bezeugt hatte. Die Kategorien des Dankopfers, nämlich Opfer des Dankes, Opfer des Gelübdes und freiwillige Opfer (vgl. den Kommentar zu 3. Mo 7,11-36), sind sämtliche Gemeinschaftsopfer, die ihren Höhepunkt in dem Gemeinschaftsmahl am Ende fanden. Dies war eine Zeit der Freude vor dem Herrn (5.Mose 12,12.18-19; 5. Mo 27,7; 1.Kön 8,64-65), bei der der Opfernde, seine Familie und Leviten aus seinem Heimatort, während des Wochenfestes (Pfingsten) auch noch die Armen (5.Mose 16,11), am größeren Teil des Opfers Anteil hatten. Dieser Anteil drückte vielleicht Gottes Segnungen innerhalb der Bundesbeziehung aus. Die näheren Vorschriften zum Dankopfer finden sich nicht hier bei den Vorschriften für den normalen Opfernden, sondern erst im Anhang für die Priester (vgl. 3.Mose 7,11-36).
Das Dankopfer war weitgehend ein freigestelltes Opfer. Das Wochenfest (Pfingsten) war das einzige Nationalfest, bei dem Dankopfer vorgeschrieben waren (3. Mo 23,19-20). Außerdem waren sie für bestimmte Zeremonien des Bundesschlusses (2.Mose 24,5) oder der Bundeserneuerung (5.Mose 27,7), sowie der Weihung (2.Mose 29,19-34; 3.Mose 8,22-32; 1.Kön 8,63) und Entweihung (Erfüllung des Nasiräergelübdes, 4.Mose 6,14.17) gedacht. Es gibt noch weitere Gelegenheiten, bei denen Dankopfer dargebracht wurden: 1. ein siegreicher Feldzug (1.Sam 11,15); 2. das Ende einer Hunger- oder Pestzeit (2.Sam 24,25); 3. die Bekanntgabe eines Kandidaten für den Königsthron (1.Sam 11,15; 1.Kön 1,9); 4. nationale geistliche Erneuerungen (2.Chr 29, 31-36); 5. ein jährliches Familientreffen (1.Sam 20,6) und 6. die Ernte der Erstlingsfrüchte (2.Mose 22,28-30; 1.Sam 9,11-13.22-24; 1. Sam 16,4-5). Ein freiwilliges Opfer war das Minimum an Opfern, das ein Israelit an den drei jährlichen Festversammlungen in Jerusalem darbringen mußte (2.Mose 23,16; 2. Mo 34,20-26; 5.Mose 16,10.16-17; 2.Chr 35,8; Esr 3,5).
Die drei Arten des Dankopfers, die in 3.Mose 7,12-16 behandelt werden (vgl. den Kommentar dort) beschreiben die Motive und Anlässe für das Dankopfer näher.
Das Dankopfer wurde von denselben Opfertierarten bestimmt wie das Brandopfer. Lediglich Vögel waren beim Dankopfer nicht zugelassen. Der Grund könnte darin liegen, daß beim Vogel nicht genug Fleisch für eine gemeinsame Mahlzeit übrigblieb, selbst wenn man nur einen ganz kleinen Anteil auf dem Altar verbrannte. (Beim Sündopfer erhielt der Priester keinerlei Anteil, wenn es sich bei dem Opfertier um einen Vogel handelte.)
1) Ein Dankopfer mit Rindern (3. Mo 3,1-5):
3. Mo 3,1: Im Gegensatz zum Brandopfer konnte es sich bei einem Dankopfer von den Rindern sowohl um ein männliches als auch um ein weibliches Tier handeln (also um einen Bullen oder um eine Kuh). Das Tier mußte wiederum ohne Fehler sein (vgl. 3. Mo 1,3; 3. Mo 22,17-25).
3. Mo 3,2: Das Ritual des Dankopfers entsprach dem des Brandopfers bis zu dem Zeitpunkt der Aufteilung und Verwendung des Opfertieres. Die vier Stufen waren wiederum folgende: 1. Die Darstellung des Tieres durch den Opfernden; 2. die Handauflegung durch den Opfernden; 3. das Schlachten des Tieres durch den Opfernden an der Tür der Stiftshütte, d.h. im nördlichen Teil des Vorhofes vor der Stiftshütte, und 4. die Verwendung des Blutes durch den Priester zum Besprengen aller vier Seiten des Altars. Beim Dankopfer erklärte der Opfernde wahrscheinlich zusätzlich den Anlaß für sein Opfer, ob es sich also um einen öffentlichen Lobpreis für die Erhörung eines Gebets, um die Bezeugung der Erfüllung eines Gelübdes oder um ein freiwilliges Opfer zur Erntezeit oder um etwas anderes handelte.
3. Mo 3,3-4: Die Vorbereitungen des Opfers (Häuten, Teilen, Waschen) folgte offensichtlich ebenfalls derselben Prozedur wie beim Brandopfer. Die beiden Opferarten unterschieden sich aber nun in der Verwendung der einzelnen Teile des Tieres. Der Priester verbrannte nur das Fett, das die Eingeweide umgab, die beiden Nieren mit dem Fett, das daran ist und das Fett an den Lenden, und den Lappen an der Leber auf dem Altar (vgl. die anatomische Bestandsaufnahme bei Harrison, Leviticus, S.57). Weil das Fett als der beste Anteil galt (1.Mose 4,4; 1. Mo 45,18), symbolisierte es die Hingabe des Besten, was der Opfernde hatte, an Gott.
3. Mo 3,5: Das Fett des Dankopfers wurde vom Priester auf dem Altar und dabei auf dem Brandopfer, also auf der Asche des täglichen Brandopfers, hier des Morgenopfers, oder aber auf der Asche eines vorausgehenden Brandopfers desselben Opfernden, verbrannt. Das verbrennende Fett war genauso wie das Brandopfer (vgl. 3. Mo 1,9.13.17) und der Gedenkanteil des Speisopfers (vgl. 3. Mo 2,2.9) ein Feueropfer zum lieblichen Geruch des HERRN, das demnach von Gott in seiner Güte angenommen wurde.
2) Ein Dankopfer mit Kleinvieh (3. Mo 3,6-16):
3. Mo 3,6-11: Auch im Falle eines Schafes (V.7) waren weibliche und männliche Tiere ohne Fehler zugelassen (V.6). Das Ritual entsprach völlig dem Dankopfer mit Rindern, außer daß zusätzlich der ganze Fettschwanz vom Rückgrat abgelöst (V.9) zu dem Fett, das auf dem Altar verbrannt wurde, gehörte. Die in Palästina verbreitetste Schafrasse war das orientalische Fettschwanzschaf (ovis laticaudata), das mehrere zusätzliche Wirbel hat, um das am Schwanz eingelagerte Körperfett zu stützen. Ausgewachsene Tiere können zwischen 22 und 33 Kilogramm wiegen (Harrison, Leviticus, S.59).
Der Hinweis in Vers 11 (und V.16), daß das Dankopfer eine Feuerspeise für den HERRN sei, sollte nicht im heidnischen Sinn verstanden werden, daß der Opfernde zusammen mit Gott aß (vgl. Ps 50,12-13). Der Herr erhielt auch beim Sünd- und Schuldopfer Fett auf dem Altar, obwohl dabei keine anschließende Mahlzeit vorgesehen war.
3. Mo 3,12-16: Auch beim Dankopfer von Ziegen waren offensichtlich männliche und weibliche Tiere zugelassen. Das Ritual entsprach dem Opfer mit Rindern und auch dem mit Schafen, wenn man von der Besonderheit des Fettschwanzes absieht.
3) Zusammenfassende Verbote:
3. Mo 3,17: Der Höhepunkt des Dankopfergesetzes ist das allgemeine Prinzip: Alles Fett gehört dem HERRN. Von diesem Grundsatz ausgehend folgt in Vers 17 eine weit über das Dankopfer und alle Opfer hinausgehende ewige Ordnung: Ihr sollt weder Fleisch noch Blut essen. Diese Ordnung wird noch einmal in 3. Mo 7,23-27 im einzelnen bestätigt und warnt vor der direkten göttlichen Strafe im Falle der Übertretung dieses Gebotes.
Die Besonderheit des Dankopfers liegt in dem Gemeinschaftsmahl des Opfernden mit seiner Familie (vgl. 3. Mo 7,15). Es war im wesentlichen eine freiwillige Handlung, in der der Opfernde das Fleisch von Gott als Geschenk seiner Bundestreue annahm und Gott für seine vergangenen Segnungen pries, gleich ob es sich um eine Gebetserhörung, eine unerwartete Gnadenerweisung oder um eine >normale< Segnung, etwa eine gute Ernte, handelte.
Typologisch gesehen ist das Dankopfer ein Bild für die Gemeinschaft, die der Gläubige des NT mit Gott und anderen Gläubigen aufgrund des Kreuzestodes Jesu Christi hat (1.Joh 1,3). Christus hat durch sein Blut, das er am Kreuz vergoß, »Frieden gemacht« (Kol 1,20). »Er ist unser Friede« (Eph 2,14).

[[@Bible:Lev 4:1]]d.Das Sündopfer (4,1-5,13)

Das Sündopfer (3. Mo 4,1-3. Mo 5,13) und das Schuldopfer (3. Mo 5,14-26) können leicht voneinander unterschieden werden, obwohl sie einige Gemeinsamkeiten haben. (Die traditionelle Bezeichnung der beiden Opfer als »nicht zum lieblichen Geruch bestimmte Opfer« ist nicht aufrechtzuerhalten, weil in 3. Mo 4,31 das Fett des Sündopfers »zum lieblichen Geruch des Herrn« verbrannt wird. Vgl. dazu ausführlicher die Einleitung zum Abschnitt »1. Allgemeine Anordnungen über die Opfer für das Volk«.) Sünd- und Schuldopfer werden am besten als Versöhnungsopfer zusammengefaßt, auch wenn in allen anderen Opfern das Element der Versöhnung ebenfalls mitschwingt.
Dieselben besonderen Anlässe wie Reinigung, Weihe, Entweihung (vgl. den Kommentar zu 3. Mo 1,1ff) erforderten zuerst jeweils ein Sündopfer. Ein Ziegenbock wurde täglich an allen jährlichen Nationalfesten als Sündopfer für das ganze Volk geopfert, nicht aber an normalen Tagen oder wöchentlichen und monatlichen Anlässen, wie es bei den Brandopfern der Fall war.
1) Einleitung (3. Mo 4,1-2):
3. Mo 4,1-2: Das Sündopfergesetz beginnt mit dem Hinweis auf die göttliche Offenbarung: der HERR redete mit Mose und sprach. Diese Formulierung erscheint erst wieder als Einleitung des Schuldopfergesetzes in 3. Mo 5,14. Daran anschließend beschreibt eine Einleitung allgemein den Anlaß und Sinn des Sündopfers: Wenn irgend jemand aus Versehen sündigt gegen etwas, was der HERR zu tun verboten hat.... Das Wort »wenn« (kî) leitet eine weitgefaßte allgemeine Situation ein. Die Situation wird so allgemein wie möglich gefaßt, weil die konkreten Einzelanweisungen von dem Status des einzelnen Sünders abhingen (vgl. 3. Mo 4,3.13.22.27).
Das ganz generelle Tun der Sünde wird in zweierlei Weise qualifiziert und damit eingeschränkt: es ging um Sünde aus Versehen und um Sünde gegen irgendein Gebot des HERRN (was das sündige Tun genauso meinen konnte wie das sündige Nichttun, also Unterlassen, vgl. 4.Mose 15,22-23). Was immer mit der Formulierung »aus Versehen« gemeint ist, so war es klar, daß es bei einer absichtlichen Sünde (in 4.Mose 15,30 wörtlich »Sünde mit erhobener Hand« genannt), also einer mit der erklärten Absicht, Gott ungehorsam zu sein, vollzogenen Sünde, nicht mit dem Opfer eines einzelnen getan war, sondern das Opfer des großen Versöhnungstages nötig wurde (vgl. den Kommentar zu 3.Mose 16 zum großen Versöhnungstag). Deswegen konnte sich David zum Beispiel nach seinem Ehebruch mit Batseba und dem durch Machtmißbrauch ausgeführten Mord an Uria nur auf die Gnade des Herrn berufen. Seine Sünde war Rebellion gegen Gott (Ps 51,16-17).
Was bedeutet nun der Ausdruck »aus Versehen« (bišgagâh, »in Unwissenheit«)? Der Begriff kann zwar eindeutig die reine Unwissenheit und Unabsichtlichkeit meinen (3.Mose 4,2. 22.27), aber auch zum Beispiel auf unabsichtlichen Mord bezogen sein (4.Mose 35,11.15; vgl. Jos 20,3, wo die genannte Sünde weiter als »ohne Vorsatz« beschrieben wird). In 4.Mose 15,22-31 wird der Unterschied einfach in der vorhandenen oder nicht vorhandenen trotzigen Haltung gegen Gott und sein Gesetz gesehen. Der Begriff bišgagâh ist also weit genug, um alle Sünden, die nicht ausdrücklich in einem Geist der Rebellion gegen Gott und seine Bundesordnungen geschehen sind, zu umfassen, also Sünden aus Unkenntnis (3.Mose 4), Sünden ohne bewußte Absicht (3. Mo 5) oder absichtliche Sünden ohne bewußte rebellische Ausrichtung (4.Mose 15,22-29). Für all diese Sünden war also das Sündopfer gedacht.
Der Aufbau des allgemeinen Teiles des Sündopfergesetzes (3.Mose 4; vgl. 3. Mo 5,1-13 und 3. Mo 6,17-23) folgt dem Status der Opfernden: Priester, die Gemeinde, Stammeshäupter und einfacher Israelit. Auch die Opfertiere werden in absteigender Reihenfolge genannt: ein Stier für die Priester (3. Mo 4,3) oder das ganze Volk (V.14), ein Ziegenbock für die Stammeshäupter (V.22-23), eine weibliche Ziege (V.28) oder ein Lamm (V.32) für die gewöhnlichen Israeliten, zwei Vögel für die Armen (3. Mo 5,7) und sogar ein Mehlopfer für die ganz Armen (3. Mo 5,11-13). Der Unterschied zwischen den Opfern hing dabei nicht von dem Maß der Sünde, sondern von dem sozialen Status der Opfernden ab. Der Anhang zum Sündopfergesetz in 3. Mo 5,1-13 enthält Vorschriften für bestimmte Vergehen (3. Mo 5,1-6) und Zugeständnisse für die Armen (3. Mo 5,7-13).
2) Das Sündopfer für den Priester (3. Mo 4,3-12):
3. Mo 4,3: Genauer gesagt geht es um den gesalbten Priester, also den Hohenpriester, denn nur er wurde auf dem Haupt gesalbt (3. Mo 8,12). Als Repräsentant des Volkes vor Gott mußte seine Sünde die Schuld über das Volk bringen. Er mußte dann dem HERRN einen Jungstier ohne Fehler als Sündopfer darbringen. Es ist interessant, daß das hebräische Wort hatta´t sowohl »Sünde« als auch »Sündopfer« heißen kann.
3. Mo 4,4: Das Ritual des Sündopfers entsprach dem generellen Ablauf der anderen Opfer, unterschied sich aber in den einzelnen Vorschriften zur Verwendung des Blutes und zur Aufteilung und Verwendung des Opfertieres. So wurde auch beim Sündopfer das Tier an die Tür der Stiftshütte, also in den nördlichen Bereich des Vorhofes der Stiftshütte (vgl. V.33 »wo man die Brandopfer schlachtet«), gebracht, ihm die Hände aufgelegt und vor dem Herrn geschlachtet.
3. Mo 4,5-7: Die Verwendung des Blutes beim Sündopfer folgte je nach Status des Opfernden innerhalb der israelitischen Gemeinde drei grundlegenden Vorgehensweisen. Das erste Ritual beim Opfer des Hohenpriesters (V.5- 7) und der ganzen Gemeinde (V.16-18) war stärker ausgearbeitet als das zweite Ritual beim Opfer für die Stammeshäupter (V.25) und die gewöhnlichen Israeliten (V.30). Das dritte, am stärksten ausgearbeitete Ritual war für den großen Versöhnungstag (3. Mo 16,6-19) vorgesehen und stand in großem Gegensatz zu dem einfachsten Sündopferritual beim Opfer eines Vogels durch die Armen (3. Mo 5,9).
Beim Opfer wegen der Sünde des Hohenpriesters (und ähnlich der des ganzen Volkes; vgl. V.16-18) trug der Priester das Blut... in die Stiftshütte (in V.6 auch einfach das Heilige oder Heiligtum genannt), tauchte seinen Finger in das Gefäß mit dem Blut und sprengte es siebenmal vor den Herrn gegen den Vorhang des Heiligtums (der zwischen dem Heiligen und dem Allerheiligsten hing) hin, schmierte etwas von dem Blut an die Hörner des Räucheraltars und kehrte dann in den äußeren Hof zurück, um das übrige Blut des Stieres ganz an den Fuß des Brandopferaltars zu gießen. Dieser letzte Akt hatte vermutlich keine Bedeutung für das Opfer, sondern sorgte lediglich für die ordentliche Beseitigung des restlichen Blutes.
3. Mo 4,8-10: Die Verbrennung des Fettes um die Innereien auf dem Brandopferaltar entsprach völlig den Vorschriften des Dankopfers (vgl. 3. Mo 3,3-4 und den Kommentar dazu).
3. Mo 4,11-12: Die Aufteilung des Opfertieres hing davon ab, ob es sich um ein Opfer des Priesters oder des ganzen Volkes, das er repräsentierte, handelte oder um die Opfer anderer Opfernder. Dem Priester war es nicht gestattet, etwas von seinem eigenen Opfer oder von dem Opfer für das Volk zu essen (3. Mo 6,23). Folglich wurden alle Teile des Opfertieres, die nicht verbrannt wurden (das übrige von dem Stier) nach draußen vor das Lager, an einen reinen Ort, auf den Schutthaufen der Fettasche, die beim Verbrennen des Fettes entstand, gebracht und auf Holzscheiten verbrannt. Auch wenn dies im Falle eines Opfers eines Stammeshauptes (vgl. 3. Mo 4,26) oder eines gewöhnlichen Israeliten (vgl. V.31.35) nicht ausdrücklich erwähnt wird, ist aus 3. Mo 6,9 zu schließen, daß der Priester bei diesen Opfern den Rest der Tiere zum Verzehr an heiliger Stätte erhielt. Genauso dürfte der Priester die Versöhnung und Vergebung erhalten haben, wie sie ausdrücklich für andere Opfernde versprochen wird (vgl. 3. Mo 4,20.26.35).
3) Das Sündopfer für die ganze Gemeinde (3. Mo 4,13-21):
3. Mo 4,13-21: Gemeinschaftliche, nationale Bundessünden gab es in der Geschichte Israels immer wieder (z.B. 4.Mose 15,22-26). Die Gemeinde bzw. das Volk wurde von den Ältesten der Gemeinde repräsentiert, die einen Jungstier als Sündopfer darbrachten. Sie legten ihre Hände auf den Kopf des Stieres und schlachteten ihn vor dem Herrn. Der Rest des Rituals war mit dem Sündopfer des Priesters identisch, also die Verwendung des Blutes (3.Mose 4,16-18), die Verbrennung des Fettes auf dem Altar (V.19-20) und das Fortschaffen des Restes vom Stier außerhalb des Lagers (V.21). Das Ergebnis des Sündopfers war die Versöhnung und Vergebung (V.20) für das ganze Volk.
4) Das Sündopfer für Stammeshäupter (3. Mo 4,22-26):
3. Mo 4,22-26: Wenn ein Fürst bzw. Stammeshaupt (nasî´, »der Erhobene«, vgl. 2.Mose 16,22; 4.Mose 34,18) aus Versehen sündigte, mußte er einen Ziegenbock ohne Fehler darbringen. Das Ritual wich an dem Punkt der Verwendung des Blutes von den bisher geschilderten ab. Anstatt das Blut in die Stiftshütte zu bringen, sollte der Priester einfach mit seinem Finger etwas von dem Blut des Sündopfers nehmen und es an die Hörner des Brandopferaltars tun und den Rest an den Fuß des Altars gießen. Nach der Verbrennung des Fettanteils auf dem Altar, empfing der diensthabende Priester das restliche Opferfleisch zum Verzehr für sich und seine Familie (vgl. 3.Mose 6,19. 22). Wenn dieses Ritual im Glauben ausgeführt wurde, war die Versöhnung und Vergebung für die Sünde des Stammeshauptes erwirkt.
5) Das Sündopfer für den gewöhnlichen Israeliten (3. Mo 4,27-35):
3. Mo 4,27-35: Ein gewöhnlicher Israelit mußte im Falle einer Sünde aus Versehen dagegen eine weibliche Ziege ohne Fehler (V.28) oder ein weibliches... Lamm ohne Fehler (V.32) darbringen. Ansonsten entsprach das Ritual bei beiden Opfertierarten völlig dem des Sündopfers eines Stammeshauptes (vgl. V.22-26). Es ist wichtig, daß das Fett, das auf dem Altar verbrannt wurde, ebenso wie alle Brand-, Speis- und Schuldopfer zum wohlgefälligen Geruch für den HERRN bestimmt war. Darin kommt die gnädige Annahme des Sündopfers durch Gott zum Ausdruck, der dem Glaubenden durch das Opfer Versöhnung und Vergebung schenkte (V.31.35).
6) Drei Arten von Vergehen, die ein Sündopfer erforderten (3. Mo 5,1-6):
Die Beziehung zwischen 3. Mo 5,1-13 und dem Text vorher und hinterher ist viel diskutiert worden. Für einige beginnt das Gesetz über das Schuldopfer bereits mit 3. Mo 5,1 (sonst mit 3. Mo 5,14). Andere sehen in 3. Mo 5,1-13 einen Übergang zwischen dem Gesetz über das Sündopfer und dem Gesetz über das Schuldopfer. Es gibt jedoch eine Reihe von Gründen, die dafür sprechen, die beiden Opfer strikt auseinanderzuhalten und 3. Mo 5,1-13 noch zum Gesetz über das Sündopfer zu zählen. Erstens wird das »Sündopfer« immer wieder erwähnt (V.6-7. 9.11-12), das Schuldopfer dagegen nicht. Zweitens erscheinen als Opfertiere ein weibliches Lamm oder eine weibliche Ziege (V.6), was dem Sündopfer (3. Mo 4,28.32), nicht aber dem Schuldopfer entsprach, für das ein Widder vorgeschrieben war (3. Mo 5,15.18.25). Drittens fehlt die Zahlung einer zusätzlichen Wiedergutmachung, wie sie für das Schuldopfer typisch war, in 3. Mo 5,1-13 völlig.
Der erste Abschnitt (V.1-6) nennt vier Sünden, die ein Sündopfer erforderlich machten. Alle vier Fälle behandeln Sünden aus Unwissenheit oder sogar Vergeßlichkeit und fallen damit, wie alle Sünden, die zu Sündopfern führten, unter die unbeabsichtigten Sünden ohne vorheriges Nachdenken, obwohl der Begriff bišgagâh (vgl. die Einleitung zu 3. Mo 4) nicht in Vers 1-6 erscheint.
3. Mo 5,1: Hier geht es um den Fall, daß jemand... die Stimme der Verfluchung (also einen Fluch) hört, damit also Zeuge ist, und sich dennoch nicht als Zeuge meldet.
3. Mo 5,2-3: Hier geht es um zwei Fälle von zeremonieller Unreinheit, nämlich durch das Berühren eines toten Tieres (V.2; vgl. 3. Mo 11,24-28.30-40) oder den Kontakt mit einem Menschen im Zustand der Unreinheit (3. Mo 5,3; vgl. 3. Mo 12-15).
3. Mo 5,4: Im vierten Fall geht es um einen unbesonnen dahergesagten Schwur, um Böses oder Gutes zu tun (eine Redeweise für »irgend etwas«), der nicht eingehalten wurde.
In allen vier Fällen wird das Sündopfer dann fällig, wenn der Betroffene im Moment nicht wußte, was geschah oder das Geschehene vergaß, ihm dies aber später einfach so oder vielleicht auch durch nähere Belehrung zu Bewußtsein kam.
3. Mo 5,5-6: Dann mußte er seine Schuld bekennen und ein weibliches Lamm oder eine weibliche Ziege vor dem HERRN als Sündopfer darbringen.
7) Das Sündopfer für die Armen (3. Mo 5,7-13):
3. Mo 5,7-10: Eine arme Person, die sich kein Lamm leisten konnte, durfte zwei Turteltauben oder zwei junge Tauben, je eine zum Sündopfer und eine zum Brandopfer, darbringen. Das Opferritual ähnelte der Darbringung eines Vogels als Brandopfer (vgl. 3. Mo 1,14-17), außer daß der Priester etwas von dem Blut des Sündopfers an die Wand des Altars sprengte. Vermutlich wurden die Vögel auf dieselbe Weise wie beim Brandopfer behandelt und verbrannt (vgl. 3. Mo 1,16-17). Der zweite Vogel wurde sowieso als Brandopfer nach der Vorschrift dargebracht. Dadurch wurde die Versöhnung erwirkt und dem Opfernden vergeben.
3. Mo 5,11-13: Eine außerordentlich arme Person, die sich noch nicht einmal die beiden Tauben leisten konnte, durfte ein Zehntel Scheffel (Efa) von feinem Weizenmehl als Sündopfer darbringen. Im Gegensatz zum Speisopfer, das auch aus feinem Mehl bestehen konnte (vgl. 3. Mo 2,1-3), aber eher die Hingabe betonte, durfte der Opfernde bei diesem Sündopfer der Ärmsten kein Öl darauftun und keinen Weihrauch darauf legen, weil es ein Sündopfer war. Der Priester nahm nun wie beim Speisopfer das Gedenkopfer (den Erinnerungsanteil) von dem Mehl und verbrannte es auf dem Altar. Der Rest des Mehls wurde dem diensthabenden Priester wie bei dem Speisopfer überlassen. Das Opfer führte zur Versöhnung und dem Opfernden war vergeben. Dieses Beispiel eines unblutigen Versöhnungsopfers für die Ärmsten der Armen mag der Grund dafür gewesen sein, daß der Schreiber des Hebräerbriefes schreibt: »... es wird fast alles mit Blut gereinigt nach dem Gesetz« (Hebr 9,22) und nicht »... alles...«. Allerdings wurde dieses unblutige Sündopfer auf dem Altar und auf den Feueropfern (3. Mo 5,12), also auf den Resten der blutigen Opfer, dargebracht.
Die Besonderheit des Sündopfers war, daß es Versöhnung und Vergebung für unabsichtliche Sünden bewirkte, bei denen keine Wiedergutmachung wie beim Schuldopfer nötig war. Gott nahm das Schlachten des Tieres als Versöhnungspreis für bestimmte Sünden, die passierten, an und wendete damit seinen Zorn von dem Sünder ab, um ihn letztendlich auf seinen Sohn Jesus Christus am Kreuz zu legen.
Das Sündopfer erinnert in besonderer Weise daran, daß alle Menschen auch ohne direkte Absicht gegen die Gebote Gottes sündigen. Unwissenheit schützt nicht vor Strafe, führt aber zu einer Sünde, die sich im darzubringenden Opfer und im Strafmaß von der absichtlichen Sünde gegen Gott unterscheidet, denn diese will Gott in bewußter Rebellion herausfordern.
Typologisch gesehen betont das Sündopfer den Tod Jesu Christi als hinreichendes stellvertretendes Opfer zur Versöhnung und Vergebung der Sünden (2.Kor 5,21; Eph 1,7). Die Identifikation mit Christus durch den persönlichen Glauben führt zur Erfahrung der Vergebung.

[[@Bible:Lev 5:14]]e.Das Schuldopfer (5,14-26)

Das Schuldopfer wurde im Falle von Untreue (3. Mo 5,15) nötig. ma`al meint die Mißachtung oder Verletzung einer rechtmäßigen Verpflichtung einem anderen gegenüber, gleich ob Mensch oder Gott (vgl. 4.Mose 5,12.19; Jos 7,1; Jos 22,20; 2.Chr 26,16.18; 2. Chr 28,22-23). Wenn eine Sünde eine finanzielle Wiedergutmachung erforderte, mußte der Schuldige nicht nur einen Widder als Schuldopfer darbringen, sondern auch die Wiedergutmachung in Form von Grund und Boden oder Silber zuzüglich einer Strafe von 20 Prozent (3.Mose 5,16.24) bezahlen. Die Beispiele, die in diesem Abschnitt genannt werden, sind das unabsichtliche Versündigen am Heiligtum (3. Mo 5,14-16) oder an dem heiligen Gottesdienst (vgl. 3. Mo 14,12.24), das irrtümliche Übertreten der Gebote Gottes (3. Mo 5,17-19) und Sünden an dem Besitz des Nächsten (Kreditleugnung, Behalten von Fundsachen, Erpressung, Meineid; 3. Mo 5,20-26; vgl. 3. Mo 19,20-22; 4.Mose 5,6-10). Es geht offensichtlich nicht nur um unbeabsichtigte Sünden (vgl. den Kommentar zu 3.Mose 4,1-2), da die Sünden, die in 3. Mo 5,20-26 genannt werden, teilweise nur absichtlich getan werden können. Sie richten sich allerdings gegen Menschen und nicht automatisch in Rebellion gegen Gott (vgl. 4.Mose 15,30). Das Schuldopfer wurde also entweder bei unabsichtlichen oder absichtlichen Vergehen notwendig, wobei sich die absichtlichen Sünden nicht gegen Gott richten durften.
1) Das Schuldopfer für unabsichtliche Sünden gegen das Heilige (3. Mo 5,14-16):
3. Mo 5,14-15: Die erste Kategorie von Sünden, die ein Schuldopfer erforderten, war die Mißachtung und Versündigung an heiligen Dingen. Dies konnte sich zum Beispiel auf den falschen Gebrauch von Opferfleisch beziehen, das der Opfernde nach dem Dankopfer zum Verzehr erhielt, auf den Mißbrauch des heiligen Anteils des Speis-, Sünd- oder Schuldopfers, der allein dem Priester vorbehalten war (3. Mo 2,3. 10; vgl. 3. Mo 22,14-16); das Versäumnis von Opfern, Zehnten, Erstlingsgaben oder dem Herrn geweihten Dingen (vgl. 3. Mo 27) oder der Erfüllung eines Gelübdes (4.Mose 6,11-12); oder das sich Entziehen einer anderen Verpflichtung Gott gegenüber. Das erforderliche Tier war normalerweise ein Widder... ohne Fehler (3. Mo 5,15.18.26), jedoch im Falle eines reingewordenen Aussätzigen ein männliches Lamm (3. Mo 14,12.21) und für Arme (3. Mo 14,30) oder für die erneute Heiligung eines verunreinigten Nasiräers (4.Mose 6,12) ein Schaf.
Der Widder mußte nach einer Schätzung an Schekeln Silber nach dem Schekel des Heiligtums einen nen Silberwert haben; laut jüdischer Tradition mindestens zwei Schekel Silber.
3. Mo 5,16: Die Wiedergutmachung für den mißbrauchten Besitz zuzüglich der zwanzigprozentigen Strafe kam zu dem Opfer des Widders hinzu. Da sich in diesem Fall die Sünde gegen den Herrn richtete, ging die Wiedergutmachung an Gottes Repräsentanten, den Priester. Das Opferritual wird hier nicht näher beschrieben, findet sich aber zusammengefaßt in 3. Mo 7,1-6. Das Ergebnis des Schuldopfers war Versöhnung und Vergebung.
2) Das Schuldopfer für unwissende Übertretung göttlicher Gebote (3. Mo 5,17-19):
3. Mo 5,17-19: Diese Verse sprechen allgemeiner von der Übertretung irgendeines Gebotes des Herrn. Der Zusatz ohne es zu erkennen kann sich entweder auf eine fehlende Kenntnis des Gebotes beziehen oder eine Situation meinen, für die jemand später Schuldgefühle bekommt. Wenham (Leviticus, S.107-108) kommt zu dem Schluß, daß es um eine Situation geht, in der der Betroffene später Schuldgefühle bekommt, sich aber nicht darüber im klaren ist, ob Schuld vorlag oder nicht. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb keine Wiedergutmachung gezahlt zu werden brauchte.
3) Das Schuldopfer für Vergehen am Besitz anderer (3. Mo 5,20-26):
3. Mo 5,20-26: Während sich 3. Mo 5,14-19 auf Vergehen gegen die heiligen Dinge des Herrn (3. Mo 5,15) und gegen die Gebote des Herrn (3. Mo 5,17) bezieht, bezieht sich 3. Mo 5,20-26 auf den Betrug an anderen, wobei dieser Betrug aber auch als Untreue gegen den HERRN gesehen wird. Bei den in Vers 21-23 genannten Sünden handelt es sich eigentlich um Sünden gegen das Gebot »Du sollst nicht stehlen«, wobei Diebstahl im AT sehr weit gefaßt wurde. Hier geht es darum, daß 1) jemand etwas anvertraut bekommt und dies hinterher lügnerisch nicht wieder hergibt, 2) jemand einen Kredit erhält und dies später abstreitet, um die Rückzahlung zu vermeiden, 3) jemand etwas raubt, 4) jemand etwas erpreßt, 5) jemand etwas findet und für sich behält, statt nach dem Besitzer zu forschen (vgl. 4.Mose 5,6-10). In allen Fällen ging die Wiedergutmachungszahlung samt der zusätzlichen Strafe von 20 Prozent an den Besitzer, da die Sünde gegen einen Menschen gerichtet war. Die Wiedergutmachung mußte am selben Tag gezahlt werden, an dem der Sünder auch das Schuldopfer darbrachte (3.Mose 5,24).
Die Besonderheit des Schuldopfers ist die Wiedergutmachungszahlung samt Strafzahlung an den, an dem man sich vergangen hatte, sei es Gott oder ein Mensch. Der Widder, der als Schuldopfer dargebracht wurde, war kein Bestandteil der Wiedergutmachung, sondern diente der Versöhnung mit Gott.
Typologisch betont das Schuldopfer, daß Jesus durch seinen Tod auch die Zerstörung und Ungerechtigkeit, die durch die Sünde entsteht, gesühnt hat. Jesaja prophezeite den Tod des Christus als ein »Schuldopfer« (Jes 53,10).

[[@Bible:Lev 6:1]]2.Zusätzliche Anordnungen über die Opfer für die Priester (6,1-7,38)


Dieser Abschnitt ist ein Anhang zu dem an die Allgemeinheit gerichteten Opferhandbuch in Kapitel 1-5 und enthält zusätzliche organisatorische Einzelvorschriften für das Opferritual des Priesters. Während Kapitel 1-5 sich an die Israeliten (3. Mo 1,2; 3. Mo 4,2) richten, ist dieser Anhang (mit Ausnahme des Schlusses in 3. Mo 7,22-38) an »Aaron und seine Söhne« (3. Mo 6,2.18), also an die Priester, gerichtet. Die Betonung des Anhangs liegt auf der Frage, welche Personen, Orte und Teile des Opfertieres vor Gott beim Opfer wohlgefällig sind.
Da dieselben fünf Opferarten behandelt werden wie in Kapitel 1-5, gibt es manche Überschneidungen, obwohl eigentlich nur neue Details vorgeschrieben werden und Kapitel 1-5 stillschweigende Voraussetzung bleiben, übrigens ein wichtiges Argument gegen eine bibelkritische Quellenscheidung an dieser Stelle.
A. F. Rainey hat auf die drei unterschiedlichen Anordnungen in der Behandlung der Opfer aufmerksam gemacht (»Sacrifice«, The Zondervan Pictorial Encyclopedia of the Bible, 4: 201-203):
1. Die didaktische Reihenfolge (Brand-, Speis-, Dank-, Sünd- und Schuldopfer) wird in Kapitel 1-5 eingehalten.
2. Die administrative Reihenfolge (Brand-, Speis-, Sünd-, Schuld- und Dankopfer) wird in Kapitel 6-7 eingehalten (vgl. 4.Mose 7,87-88). Sie gibt die Häufigkeit der Opfer wieder, wenn man Sünd- und Schuldopfer zusammenfaßt, und gibt an, was mit den Teilen des Opfertieres zu geschehen hatte. Das Brandopfer wird zuerst genannt, weil es völlig auf dem Altar verbrannt wurde. Speis-, Sünd- und Schuldopfer wurden teilweise auf dem Altar verbrannt und teilweise von dem Priester verzehrt. Das Dankopfer wird zuletzt genannt, weil es nur zu einem kleinen Teil auf dem Altar verbrannt wurde, während der Rest teilweise von dem Priester, teilweise von dem Opfernden und seiner Familie verzehrt wurde.
3. Die rituelle Reihenfolge, in der die Opfer im tatsächlichen Vollzug nacheinander geopfert wurden (Sünd- und/oder Schuldopfer, Brand-, Speis- und Dankopfer), tritt offensichtlich in vielen Abschnitten zutage; etwa in 3.Mose 8,14-32 (vgl. 2.Mose 29,10-34); 3.Mose 14,12-20; 3. Mo 15,14-15.29-30; 4.Mose 6,16-17 (im Gegensatz zur administrativen Reihenfolge in 4.Mose 6,14-15); 2.Chr 29, 20-35.

[[@Bible:Lev 6:1]]a.Anweisungen für den Priester zum Brandopfer (6,1-6)

3. Mo 6,1-6: Da kein Teil des Brandopfers vom Priester oder dem Opfernden verzehrt wurde, behandelt dieser kurze Abschnitt nur die Verantwortung des Priesters für die korrekte Handhabung von Asche und Feuer.
Die ganze Nacht bis zum Morgen sollte das Brandopfer vom Abend auf dem Altar bleiben und das Altarfeuer in Brand gehalten werden (V.2). Am Morgen sollte der Priester die Fettasche, die durch das Verbrennen des Fettes entstand, vom Altar nehmen und neben den Altar schütten (V.3). Anschließend sollte er die Fettasche nach draußen vor das Lager an einen reinen Ort tragen. Dazwischen hatte er sich jeweils umzuziehen, um die jeweils vorgeschriebenen Kleider zu tragen (V.3.4).
Die Priester waren also dafür verantwortlich, daß das Feuer auf dem Altar immer brannte.

[[@Bible:Lev 6:7]]b.Anweisungen für den Priester zum Speisopfer (6,7-16)

3. Mo 6,7-11: Diese Verse fügen nur wenig zu dem in Kapitel 2 beschriebenen Ritual hinzu. Der Ausdruck das Hochheilige (3. Mo 6,10) bezeichnet den Teil des Opferfleisches, den nur der Priester (jeder männliche Nachkomme von Aaron, V.11) verzehren durfte. Weil beim Brandopfer alles verbrannt wurde und nichts zum Verzehr übrigblieb, wurde auch nichts davon als »Heiliges« oder »Hochheiliges« bezeichnet.
3. Mo 6,12-16: Das regelmäßige Speisopfer (V.13), also das täglich morgens und abends dargebrachte Speisopfer, wird in Kapitel 2 nicht erwähnt. Der in 3. Mo 6,15 erwähnte gesalbte Priester ist der Hohepriester, dessen Söhne das Opfer zur Hälfte am Morgen und zur Hälfte am Abend (V.13) darbringen sollten. Da der Hohepriester grundsätzlich sein eigenes Opfer nicht verzehren durfte, sondern völlig auf dem Altar verbrennen mußte, sollte auch dieses besondere Speisopfer für die Priester ein Ganzopfer sein, also ganz verbrannt werden (V.16).

[[@Bible:Lev 6:17]]c.Anweisungen für den Priester zum Sündopfer (6,17-23)

3. Mo 6,17-23: Dieser Abschnitt behandelt 1. Bestimmungen zum Verzehr des Anteils vom Sündopfer, der für den Priester (V.19) und seine männlichen Verwandten (V.22) bestimmt war; 2. das Ritual für Kleidung und Gegenstände, die mit dem Blut oder Fleisch des Opfers in Berührung gekommen waren (V.20-21) und 3. das Verbot des Verzehrs irgendwelcher Anteile der Sündopfer, bei denen etwas vom Blut in die Stiftshütte gebracht wird (V.23), also der Sündopfer für den Hohepriester oder die ganze Gemeinde (3. Mo 4).

[[@Bible:Lev 7:1]]d.Anweisungen für den Priester zum Schuldopfer (7,1-6)

3. Mo 7,1-6: (In diesem Abschnitt wird das Opferritual des Schuldopfers ausführlicher beschrieben als in 3. Mo 5,14-26). Der Ort des Schlachtens (3. Mo 7,2) entspricht dem Ort des Brandopfers an der Nordseite des Altars (3. Mo 1,11). Die Verwendung des Blutes (3. Mo 7,2) und die Verbrennung auf dem Altar (V.3-5) entsprechen dem Vorgehen beim Dankopfer (3. Mo 3). Das Essen des Opferfleisches (3. Mo 7,6) entspricht den Vorschriften für das Sündopfer (vgl. 3. Mo 6,17-23). (Vgl. jeweils den Kommentar zu den angegebenen Stellen bzw. Opfern.)

[[@Bible:Lev 7:7]]e.Zusammenfassende Anweisungen für den Priester zu den Opfern der Versöhnung und den Opfern der Hingabe (7,7-10)

3. Mo 7,7-10: Dieser Abschnitt erwähnt die ersten der eben behandelten Opfer (Sünd-, Schuld-, Brand- und Speisopfer), die bis hierhin behandelt wurden, bevor ab 3. Mo 7,11 das Dankopfer besprochen wird, das in 3. Mo 7,7-10 nicht erscheint. Der Abschnitt faßt zusammen, was der Priester davon jeweils zum Verzehr erhielt. Alle gebackenen, gekochten und gerösteten Speisopfer sollten dem jeweils diensthabenden Priester gehören (V.9), während alle trockenen, also nicht erhitzten und nur mit Öl vermengten Speisopfer für alle Söhne Aarons, also für alle Priester, gedacht waren (V.10).

[[@Bible:Lev 7:11]]f.Anweisungen für den Priester zum Dankopfer (7,11-21)

Die Besonderheit des Dankopfers war die anschließende gemeinsame Mahlzeit des Opfernden, seiner Familie und des Priesters. Der Abschnitt enthält zahlreiche zusätzliche Einzelheiten.
Die drei Arten des Dankopfers (3. Mo 7,12-16) werfen zugleich Licht auf den Sinn dieses in Kapitel 3 allgemein beschriebenen Opfers:
1. Das eigentliche Dankopfer (tôdâh, »Bekenntnis«, »Anerkenntnis«) war die verbreitetste Art (3. Mo 7,12-15; 3. Mo 22,29) und gab bisweilen dem ganzen Dankopfer seinen Namen (vgl. 2.Chr 29,31; Jer 17,26; 2.Chr 33,16). (Das in 3. Mo 3 beschriebene Opfer wurde hier insgesamt Dankopfer genannt. Andere nennen es »Heilsopfer«, »Friedensopfer« oder »Gemeinschaftsopfer«, wodurch dann der Unterschied zu der Unterart des eigentlichen »Dankopfers« deutlicher wird.) Es wurde als öffentliches Bekenntnis dargebracht, daß Gott Befreiung oder konkreten Segen als Antwort auf das Gebet geschenkt hatte (Ps 56,12-13; Ps 107,22; Ps 116,17-19; Jer 33,11).
2. Das Opfer zum Gelübde (3.Mose 7,16) war ein ritueller Ausdruck für das Ablegen eines Gelübdes (Versprechen unter Eid) oder die Erfüllung eines Gelübdes, etwa des Nasiräergelübdes (4.Mose 6,17-20). Auch wenn dazu ein Dankopfer üblich war, konnte statt dessen auch ein Brandopfer dargebracht werden (3.Mose 22,17-20). Das Dank- opfer des Gelübdes sollte nicht mit der ersten Art des Dankopfers, dem eigentlichen Dankopfer, verwechselt werden, auch wenn dieser Dank sich auf die Erhörung eines Bittpsalms mit einem »Gelübde zum Lob« (»dann will ich dich preisen...«) beziehen konnte.
3. Das freiwillige Opfer war der Ausdruck für die Anbetung und den Dank für einen unerwarteten Segen (3. Mo 7,16; 3. Mo 22,18-23), für den also nicht eigens gebetet worden war. Als freiwilliges Opfer konnte auch ein Brandopfer dargebracht werden (3. Mo 22,17-20).
3. Mo 7,11-15: Im Falle des eigentlichen Dankopfers (3. Mo 7,12), des gebräuchlichsten Dankopfers (vgl. 3. Mo 22,29-30) mußte zu dem Opfertier drei verschiedene Arten von ungesäuertem Gebackenen (V.12) und ein gesäuerter Kuchen (V.13) mitgebracht werden. Von den drei ungesäuerten Backwaren wurde eine zusammen mit dem Fett des Opfertieres als »Gedenkopfer« (Erinnerungsanteil) verbrannt, die anderen beiden gingen an den Priester (3. Mo 7,14). Der gesäuerte Kuchen war offensichtlich für die gemeinsame Mahlzeit und nicht für den Priester allein bestimmt. Der Anteil am Fleisch des Dankopfers wird erst in 3. Mo 7,28-34 festgelegt. Der zum Verzehr durch den Opfernden und seine Familie bestimmte Anteil des Fleisches vom eigentlichen Dankopfer mußte am Tag des Opfers gegessen werden (V.15). Zu dem Gemeinschaftsmahl der Familie konnte ein Levit aus dem Heimatort oder Arme, die sich ein eigenes Dankopfer nicht leisten konnten, eingeladen werden (5.Mose 12,12.18-19). Diese Mahlzeit mußte aber an einem von Gott bestimmten Ort eingenommen werden (5.Mose 12,6-26).
3. Mo 7,16-18: Im Gegensatz dazu wurde bei den anderen beiden Arten des Dankopfers, dem Opfer zu einem Gelübde und dem freiwilligen Opfer, die gemeinsame Mahlzeit zwar am Tag des Opfers begonnen, doch alles, was übrigblieb, durfte auch noch am nächsten Tag gegessen werden. Wenn jemand aber irgendwelches (Opfer-)Fleisch am dritten Tag aß, machte er das ganze Opfer ungültig und wurde zum Gegenstand der göttlichen Strafe. (Zum Ritual für das spezielle Dankopfer zum Gelübde, zur Erfüllung eines Nasiräergelübdes vgl. 4.Mose 6,13-20 und den Kommentar dazu).
3. Mo 7,19-21: (Vgl. 3. Mo 19,5-8) Ein allgemeines Gesetz zum Essen des Fleisches besagte, daß sowohl das Fleisch als auch der Essende zeremoniell rein sein mußten. Jeder zeremoniell Unreine (vgl. 3. Mo 11-15; 22), der trotzdem irgend etwas vom Fleisch des Dankopfers aß, sollte aus dem Volk ausgerottet werden (3. Mo 7,21.25.27; 3. Mo 17,4.9; 3. Mo 18,29; 3. Mo 19,8; 3. Mo 20,6. 17-18; 3. Mo 22,3 etc.).

[[@Bible:Lev 7:22]]g.Zusätzliche Vorschriften an alle Israeliten (7,22-36)

1) Das Verbot, Fett und Blut zu essen (3. Mo 7,22-27):
3. Mo 7,22-27: Das Gesetz, das bereits in 3. Mo 3,17 genannt wurde, wird nun näher ausgeführt. Das Essen des Fettes von einem reinen Tier, gleich ob es auf natürlichem Weg starb, von einem wilden Tier geschlagen (3. Mo 7,24) oder als Opfer geschlachtet wurde (3. Mo 7,25), war bei Androhung des göttlichen Gerichtes (ausgerottet aus seinem Volk) verboten. Der Rest eines solchen Tieres konnte, wenn es sich nicht um ein Opfertier handelte, gegessen werden. Da dies aber für bestimmte Zeit unrein machte (3. Mo 11,39-40; 3. Mo 17,15), war es vorzuziehen, das Fleisch einem Nichtisraeliten zu geben (5.Mose 14,21). Das Fett eines solchen Tieres konnte zu allerlei Werk (z.B. Licht, Polieren) verwendet werden (V.24), eben nur nicht zum Verzehr. Das zweite Verbot richtet sich gegen das Essen von Tieren, deren Blut man nicht völlig hatte auslaufen lassen (vgl. 1.Sam 14,33). Auch hier wurde das göttliche Gericht in aller Schärfe angedroht.
2) Der Anteil der Priester am Dankopfer (3. Mo 7,28-34):
3. Mo 7,28-34: Dieser Abschnitt ergänzt Vers 11-21 über das Gemeinschaftsmahl des Opfernden mit seiner Familie im Rahmen des Dankopfers. Wie bei anderen Opfern, mit Ausnahme des Brandopfers, erhielt der Priester einen festgelegten Teil zum Verzehr. Die Brust des Opfertieres sollte vor dem HERRN als Schwingopfer geschwungen werden und dem Priester gehören (V.31). Jüdische Ausleger sehen darin ein Hin- und Herschwingen, das sie als ein Zeichen für die Übergabe des Opfers an Gott deuten. Das in Vers 32 genannte Hebopfer der rechten Keule war für sie eine Auf- und Abbewegung. Die rechte Keule wurde dem diensthabenden Priester gegeben (V.32-33), die Brust der ganzen Priesterschaft (V.34) und ihren Familien (»Söhne und Töchter«, 4.Mose 18,11-12).
3) Zusammenfassung zum Anteil der Priester an den Opfern (3. Mo 7,35-36):
3. Mo 7,35-36: Diese Verse scheinen sich nicht nur auf das Dankopfer, sondern auf alle Feueropfer zu beziehen. Von dem Tag an, da Gott die Priesterschaft durch Salbung einsetzte, war der jeweilige Anteil an den Opfern für die Priester ein ewiges Anrecht in Israel.

[[@Bible:Lev 7:37]]h.Abschluss der Opfergesetze (7,37-38)

3. Mo 7,37-38: Dieser abschließende Abschnitt bezieht sich auf alle sieben Kapitel über die Opfer, also sowohl auf das Opferhandbuch für die Allgemeinheit (3. Mo 1-5), als auch auf die zusätzlichen Anweisungen für die Priester (3. Mo 6-7). Die administrative Reihenfolge der Opfer wird in Vers 37 wohl deswegen eingehalten, weil sie sich auch in den Anweisungen für die Priester direkt davor findet. Die zusätzliche Erwähnung des Einsetzungsopfers bezieht sich wohl auf die Sonderform des Dankopfers eines Widders (3. Mo 8,22-29) und nimmt die Ordination von Aaron und seinen Söhnen in Kapitel 9 vorweg. Vers 38 erinnert daran, daß diese Gebote der HERR Mose auf dem Berg Sinai gab und zeigt, daß das ganze Opfersystem Teil der sinaitischen Bundesbestimmungen war (vgl. 3. Mo 1,1).

[[@Bible:Lev 8]]B.Die Amtseinsetzung der Priesterschaft und des Opfersystems (3. Mo 8-10)


Diese Kapitel enthalten zusammen mit 3. Mo 24,10-23 die einzigen historischen Berichte in 3.Mose (vgl. den Kommentar zu 3. Mo 1,1). Um vor Gott treten zu können, brauchte ein Israelit nicht nur die Opfer (3. Mo 1-7), sondern auch die Mittlerschaft der Priester (vgl. Hebr 5,1-4). Daher war die Einsetzung der Priesterschaft notwendig, um die Opfer überhaupt darzubringen, und damit die Gemeinschaft mit Gott herzustellen. Gott hatte die Priesterschaft schon grundsätzlich als Erbe Aaron und seinen Nachkommen zugesprochen (2.Mose 29,9).

[[@Bible:Lev 8]]1.Die Einsetzung Aarons und seiner Söhne (3. Mo 8)


3.Mose 8 ist der Bericht der historischen Erfüllung dessen, was in 2.Mose 29 angekündigt wurde, weshalb 2.Mose 29 vorausgesetzt wird und in seinem Aufbau parallel zu 3.Mose 8 steht.

[[@Bible:Lev 8:1]]a.Die Vorbereitung des Einsetzungsgottesdienstes (8,1-4)

3. Mo 8,1-4: Die Formel der göttlichen Offenbarung (der HERR sprach zu Mose) zeigt nicht nur den Beginn eines neuen Abschnittes an, sondern unterstreicht zugleich die andauernde Rolle von Mose als Mittler des Bundes (3. Mo 8-10). Mose erhielt ein doppeltes göttliches Gebot: 1. Nimm Aaron und seine Söhne und alle Dinge, die für die Einsetzungsfeier nötig sind (3. Mo 8,2) und 2. versammle die ganze Gemeinde - vermutlich eine Gruppe von Ältesten als Repräsentanten für Israel (vgl. 3. Mo 9,1) - an der Tür (wohl im Vorhof) der Stiftshütte (3. Mo 8,3). Der Gehorsam von Mose (Mose tat, wie ihm der HERR befohlen hatte) ist ein Beispiel für die in Kapitel 8-10 (außer in 3. Mo 10,1-3) immer wiederkehrende Abfolge von Gebot und Gehorsam.

[[@Bible:Lev 8:5]]b.Die Einsetzung von Aaron in der Kleidung des Hohenpriesters (8,5-9)

3. Mo 8,5-9: Mose wusch zunächst Aaron und seine Söhne... mit Wasser (wahrscheinlich beim bronzenen Kessel, vgl. 2.Mose 30,17-21) und kleidete Aaron anschließend in die Kleider des Hohenpriesters. Diese Kleidung war eine Uniform, die nicht auf die einzelne Person des Hohenpriesters, sondern auf seine Mittlerfunktion hinwies. Sie wird in 2.Mose 28,1-39; 2. Mo 29,5-6 und 2. Mo 39,1-26 näher beschrieben.

[[@Bible:Lev 8:10]]c.Die Salbung Aarons und der Stiftshütte mit Öl (8,10-12)

3. Mo 8,10-11: Mose weihte die Stiftshütte und alles in ihr, sowie den Brandopferaltar und den Bronzekessel, indem er sie mit Salböl besprengte (vgl. 2.Mose 30,26-29; 2. Mo 40,9-11). Die Zusammensetzung des Salböls und das Verbot des profanen Gebrauchs dieses Salböls findet sich in 2.Mose 30,22-25.31-33.
3. Mo 8,12: Mose goß anschließend einiges von dem Salböl über das Haupt Aarons und weihte ihn so (vgl. 2.Mose 29,7; 2. Mo 30,30; 2. Mo 40,13). Der Sinn dieser Salbung war die Absonderung (Heiligung) der Stiftshütte (3. Mo 8,10), der verschiedenen heiligen Gegenstände in ihr (V.10-11) und der Priester, die in ihr dienten (V.12), als dem Herrn heilig (vgl. 2.Mose 30,29).

[[@Bible:Lev 8:13]]d.Die Einsetzung der Söhne Aarons in priesterlicher Kleidung (8,13)

3. Mo 8,13: Im Einklang mit Gottes Gebot (vgl. 2.Mose 28,40-43; 2. Mo 29,8-9) zog Mose jedem der vier Söhne Aarons (3.Mose 10,1; vgl. 2.Mose 6,23) die priesterlichen Kleider an.

[[@Bible:Lev 8:14]]e.Die Darbringung der Opfer zur Einsetzung der Priester (8,14-29)

Mose brachte nun in der Rolle des Priesters drei der in Kapitel 1-7 beschriebenen Opfer dar, während Aaron und seine Söhne die Rolle der normalen Israeliten einnahmen. In diesem Bericht (3. Mo 8,14-29) werden die Opfer ebenso wie im Vorbild in 2.Mose 29,10-34 in der rituellen Reihenfolge beschrieben, in der sie normalerweise tatsächlich dargebracht wurden (vgl. den Kommentar zur Einleitung von 3. Mo 6-7).
3. Mo 8,14-17: Zuerst ließ Mose den Stier zum Sündopfer herzuführen (vgl. 2.Mose 29,10-14) und Aaron und seine Söhne legten ihre Hände auf dessen Haupt. Da Aaron zu diesem Zeitpunkt noch nicht ordiniert war und daher noch nicht seine priesterliche Mittlerfunktion innehatte, kann es sich eigentlich nicht um das erste der beiden Sündopfer, bei denen ein Stier dargebracht wurde, handeln, das für den Hohenpriester dargebracht wurde, sondern nur um das zweite für das ganze Volk. Der eigentliche Zweck dieses von Mose dargebrachten Sündopfers war es, den Altar zu weihen, indem er ihn entsühnte (V.15). Das Ritual des Sündopfers folgte weitgehend dem in 3.Mose 4,3-12 vorgeschriebenen Sündopfer, nur daß das Blut jetzt an die Hörner des Brandopferaltars und nicht an den Räucheraltar (3. Mo 4,6-7) geschmiert wurde. Wie bei jedem Sündopfer für einen Priester wurde das Fell, das restliche Fleisch und der Mageninhalt außerhalb des Lagers verbrannt.
3. Mo 8,18-21: Als nächstes opferte Mose einen Widder als Brandopfer (vgl. 2.Mose 29,15-18) nach dem vorgeschriebenen Ritual (3.Mose 1,10-13) mit dem einzigen Unterschied, daß Mose alle einzelnen Handlungen des Opfers außer dem Handauflegen selbst ausführte.
3. Mo 8,22-29: Das letzte Opfer in dieser Reihe war ein Dankopfer, das auch ein Einsetzungsopfer genannt wurde (vgl. 2.Mose 29,19-28). Das Ritual entsprach weitgehend demjenigen des Dankopfers überhaupt (3.Mose 3, 6-11; 3. Mo 7,28-34). Der offensichtlichste Unterschied war dabei die Verwendung des Blutes. Mose schmierte etwas von dem Blut des Widders an das Ohrläppchen des rechten Ohres von Aaron, an den Daumen seiner rechten Hand und an den großen Zeh seines rechten Fußes. Dasselbe tat er bei Aarons Söhnen. Außerdem sprengte Mose etwas von dem Blut auf Aaron, seine Söhne und auf deren Kleidung (3. Mo 8,30).
Ein einmaliges Ritual fand statt, als Mose das Fett des Widders und die rechte Keule mitsamt dem Gebackenen in die Hände Aarons und seiner Söhne legte (V.25-27). Oben befand sich das Schwingopfer aus den vorgeschriebenen Teilen (V.26), das ganz auf dem Altar verbrannt wurde (V.28). Die Brust des Widders, die der Anteil Moses als diensthabender Priester war, wurde auch vor dem HERRN geschwungen und dann vermutlich von Mose zum Verzehr behalten (vgl. 2.Mose 29,26).

[[@Bible:Lev 8:30]]f.Die Weihe von Aaron und seinen Söhnen mit Salböl und Opferblut (8,30)

3. Mo 8,30: Diese Weihe durch Mose war in 2.Mose 29,20-21 (vgl. 3.Mose 8,23-24) vorgeschrieben worden.

[[@Bible:Lev 8:31]]g.Die siebentägige Bestätigung der Ordination Aarons und seiner Söhne (8,31-36)

3. Mo 8,31-32: Mose wies Aaron und seine Söhne an, den Rest des geopferten Widders zusammen mit dem nicht verbranntem Gebackenen zu essen und die Überreste zu verbrennen.
3. Mo 8,33-35: Aaron und seine Söhne mußten sieben Tage lang Tag und Nacht an der Tür zur Stiftshütte stehenbleiben, um die Tage ihrer Ordination zu erfüllen. Aus 2.Mose 29,35-37 erfahren wir, daß sie während der sieben Tage täglich Sündopfer darbringen mußten.
3. Mo 8,36: Das Kapitel wird mit einer zusammenfassenden Erklärung über den Gehorsam von Aaron und seinen Söhnen abgeschlossen, da sie alles taten, was der HERR ihnen durch Mose geboten hatte.

[[@Bible:Lev 9]]2.Der Beginn des öffentlichen Opfersystems (3. Mo 9)


Die Beschreibung der offiziellen Einsetzung des gesamten Opfersystems in Israel erinnert an die Beschreibung des Rituals des großen Versöhnungstages, da auch an diesem Tag Opfer sowohl für die Priester als auch für das Volk dargebracht wurden. Allerdings ersetzte hier das Dankopfer des Volkes die Sündenbockzeremonie, so daß aus dem Fasten ein Fest wurde.

[[@Bible:Lev 9:1]]a.Die Anordnung des Opfers von Aaron und dem Volk (9,1-4)

3. Mo 9,1-4: Nachdem die Ordination von Aaron und seinen Söhnen erfüllt war, erhielten sie die Anweisung, ihre priesterlichen Opferpflichten aufzunehmen, indem sie zunächst für sich und dann für das Volk Opfer darbrachten (vgl. Hebr 9,7). Der achte Tag meint offensichtlich den Tag nach den sieben Tagen, die Aaron und seine Söhne nach ihrer Ordination an der Tür der Stiftshütte stehen mußten. Nach der jüdischen Überlieferung fand die Ordination am 23. Tag des 12. Monats statt, so daß der achte Tag auf den 1. Tag des 1. Monats fiel, denselben Tag, an dem die Stiftshütte errichtet wurde (2.Mose 40,2.17). Aaron nahm sofort seine priesterlichen Pflichten auf, indem er an zwölf aufeinanderfolgenden Tagen die Opfer für die Stammeshäupter darbrachte (4.Mose 7,10-88). Trotz der Ordinationsopfer (3.Mose 8,14-29) und der täglichen Sündopfer während der sieben darauffolgenden Tage (2.Mose 29,35-37) war es notwendig, daß Aaron für sich selbst ein Sündopfer und ein Brandopfer darbrachte (3.Mose 9,2). Das Volk, vertreten durch seine Ältesten, sollte je ein Sündopfer, Brandopfer, Speisopfer und Dankopfer darbringen. Das ganze Opfersystem wurde dabei durch die Begründung Moses in den richtigen Rahmen gestellt: Denn heute wird euch der HERR erscheinen (V.6). Gott setzte die Opfer ein, damit sein auserwähltes Volk trotz aller angeborener Sündhaftigkeit durch die Versöhnung Zugang zu ihm als heiligen Gott haben konnte und um unter ihnen zu wohnen und ihr Gott zu sein (vgl. den wichtigen Abschnitt 2.Mose 29,42-46).

[[@Bible:Lev 9:5]]b.Die Vorbereitung für die Opfer (9,5-7)

3. Mo 9,5-7: Nachdem Mose die ganze Gemeinde, d.h. alle Ältesten (vgl. V.1), unterwiesen hatte, delegierte er seine priesterliche Funktion an Aaron und forderte ihn auf, mit den Opfern zu beginnen.

[[@Bible:Lev 9:8]]c.Aarons Opfer (9,8-14)

3. Mo 9,8-14: Mit Unterstützung seiner Söhne, die die Rolle des gewöhnlichen Opfernden übernahmen, was das Opferritual selbst betraf, opferte Aaron einen jungen Stier als Sündopfer für sich selbst. Da Aaron früher gesündigt hatte, indem er das Goldene Kalb schuf (2.Mose 32), ist es göttliche Ironie, daß er nun ein männliches Kalb als erstes Sündopfer für sich selbst darbringen mußte und damit auch die damalige Sünde sühnte. Das Ritual, wie es beschrieben wird, folgte genau den Vorschriften in 3.Mose 4,3-12, mit der Ausnahme, daß das Blut wieder (vgl. 3. Mo 8,15) an die Hörner des Brandopferaltars und nicht an den Räucheraltar geschmiert wurde. Anschließend opferte Aaron entsprechend das Brandopfer für sich selbst (vgl. 3. Mo 8,18- 21).

[[@Bible:Lev 9:15]]d.Das Opfer für das Volk (9,15-22)

3. Mo 9,15-22: Es folgten nun die in Vers 3-4 angeordneten vier verschiedenen Opfer für das Volk. Dabei opferte Aaron praktisch alle Opfertierarten und Opfermaterialien (Ziegenbock als Sündopfer des Volkes (V.15), ein Brandopfer (V.16), ein Speisopfer (V.17), Stier und Widder als Dankopfer (V.18)). Nur die Vögel für die Armen fehlten. In der jüdischen Tradition wird die Segnung des Volkes durch Aaron (V.22) nach Vollendung aller Opfer mit dem »aaronitischen Segen« in 4.Mose 6,24-26 in Verbindung gebracht.

[[@Bible:Lev 9:23]]e.Die Erscheinung der göttlichen Herrlichkeit (9,23-24)

3. Mo 9,23-24: Mose und Aaron gingen in die Stiftshütte. Als sie wieder herauskamen, segneten sie das Volk. Da erschien die Herrlichkeit des HERRN dem ganzen Volk. Weshalb Aaron und Mose in die Stiftshütte gingen, muß ebenso offen bleiben, wie die Frage, worin die Erscheinung des Herrn bestand. Jedenfalls ging ein Feuer vom HERRN aus und verschlang das Brandopfer und das Fett auf dem Altar. Ob dies die Erscheinung des Herrn war oder ihr ein anderes sichtbares Zeichen voranging, ist unklar. Die übernatürliche Gegenwart Gottes verschlang mit ihrem Feuer das schon angebrannte Opfer. Damit erfüllte Gott das Opfer und machte seine gnädige Annahme der Opfer deutlich. Dies löste Freude, Ehrfurcht und Anbetung beim Volk aus (V.24).

[[@Bible:Lev 10]]3.Die Folgen der priesterlichen Abweichung von den Zeremonialordnungen (3. Mo 10)


Am allerersten Tag seines Dienstes als Hohepriester mußte Aaron den tragischen Tod seiner beiden ältesten Söhne aufgrund ihres Ungehorsams miterleben. Während in Kapitel 8-9 der strikte Gehorsam gegenüber allen Anordnungen Gottes dazu führt, daß durch das verzehrende Feuer von Gott Gottes gnädige Annahme der Opfer sichtbar wird, führt in Kapitel 10 der unwissentliche oder absichtliche Ungehorsam gegenüber den göttlichen Anordnungen dazu, daß durch das verzehrende Feuer Gottes die Übertreter im augenblicklichen Gericht verzehrt werden.

[[@Bible:Lev 10:1]]a.Der Ungehorsam und augenblickliche Tod von Nadab und Abihu (10,1-3)

3. Mo 10,1-2: Die beiden ältesten Söhne Aarons (vgl. 2.Mose 6,23; 2. Mo 28,1; 1.Chr 5,29) opferten aus Unwissenheit oder absichtlich ein fremdes, d.h. verbotenes, Feuer vor dem HERRN, das er ihnen nicht befohlen hatte. Da fuhr ein Feuer aus von dem HERRN, wie es in 3. Mo 9,24 schon zur Bestätigung der Opfer geschehen war, und verzehrte sie, so daß sie vor dem HERRN starben. Dieser Vorfall unterbricht die regelmäßige Aussage der letzten beiden Kapitel, daß alles so getan wurde, wie Gott es geboten hatte (vgl. 3.Mose 8,36). Es wird nicht näher ausgeführt, was an dem Opfer der beiden »fremd« war. Vielleicht kam das Feuer in ihren Pfannen nicht vom Altar (vgl. 3. Mo 16,12), oder sie wollten das Räucherwerk ohne Fett opfern, oder sie opferten zur falschen Tageszeit (2.Mose 30,7-9), oder sie wollten mit den Pfannen in das Allerheiligste gehen, was nur dem Hohepriester am großen Versöhnungstag gestattet war (vgl. 3.Mose 16,12-13). Das ausdrückliche Verbot an die Priester, keinen Wein oder andere starke Getränke zu trinken (3. Mo 10,9), hat manche veranlaßt, anzunehmen, daß die beiden Söhne Aarons betrunken waren. Auf jeden Fall handelten beide in irgendeiner Form gegen den Willen Gottes und das sofortige Gericht Gottes war ein dramatisches Beispiel, was Gott meinte, wenn er davon sprach, Sünder aus seinem Volk »auszurotten« (vgl. 4.Mose 15,30).
3. Mo 10,3: Mose faßt »die Moral von der Geschichte« mit dem Hinweis auf Gottes Wort zusammen, daß der, der das Privileg besaß, Gott besonders nahe zu sein, auch ein besonderes Vorbild an Heiligkeit und Gehorsam sein müsse.

[[@Bible:Lev 10:4]]b.Die Beseitigung der Körper von Nadab und Abihu (10,4-5)

3. Mo 10,4-5: Im Gehorsam gegen das Gebot Moses trugen zwei Vettern der Gerichteten ihre Körper außerhalb des Lagers, wie dies sonst mit dem unbrauchbaren Rest der Opfertiere geschah.

[[@Bible:Lev 10:6]]c.Anordnungen für die Trauer um Nadab und Abihu (10,6-7)

3. Mo 10,6-7: Im Gehorsam gegen das Gebot Moses verzichteten Aaron und seine beiden übriggebliebenen Söhne, nämlich Eleasar und Itamar, auf alle üblichen Zeichen der Trauer, obwohl alle anderen um die beiden trauern durften. Dies stand im Einklang mit dem späteren Verbot für die Priester, an irgendeiner Trauerfeier ihrer Verwandten teilzunehmen (3. Mo 21,10-12).

[[@Bible:Lev 10:8]]d.Die erneute Bestätigung des hohenpriesterlichen Amtes Aarons durch Gott (10,8-11)

3. Mo 10,8-11: Dies ist die einzige Stelle in 3.Mose, in der berichtet wird, daß Gott direkt, also ohne die Mittlerschaft Moses, zu Aaron sprach. Das Verbot für die Priester, Wein oder starke (oder berauschende) Getränke zu trinken, hatte wohl den Sinn, den Verstand der Priester für ihre priesterlichen Aufgaben freizuhalten, zwischen heilig und unheilig, zwischen rein und unrein zu unterscheiden (V.10). Die Priester mußten ja Israel alle Ordnungen lehren, die der HERR ihnen durch Mose verkündigt hatte (V.11). In schwierigen Fällen mußten sie die Entscheidung selbst treffen (vgl. 5.Mose 17,9-11). Die Erwähnung der Lehraufgabe der Priester bereitet bereits die Anweisungen in 3.Mose 11-15 vor.

[[@Bible:Lev 10:12]]e.Das Gebot Moses über die Verwendung von Opfertieranteilen (10,12-15)

3. Mo 10,12-15: Mose wies Aaron und seine verbliebenen Söhne über die Anteile am Opfertier an, die ihnen zum Verzehr überlassen wurden (vgl. 3. Mo 6,19; 3. Mo 7,12-15).

[[@Bible:Lev 10:16]]f.Der Zorn Moses über die falsche Verwendung des Opfertieranteiles beim Sündopfer (10,16-18)

3. Mo 10,16-18: Mose wurde zornig über Eleasar und Itamar, als er entdeckte, daß sie den ganzen Widder für das Sündopfer (vgl. 3. Mo 9,15) verbrannt hatten, anstatt wie vorgeschrieben einen bestimmten Anteil davon zu verzehren. Der Verweis, daß das Blut des Widders nicht in das Heilige hineingebracht worden war, bezieht sich auf die Anordnung, daß in diesem Fall der Überrest des Opfertieres »außerhalb des Lagers« verbrannt werden sollte (3. Mo 4,12. 21).

[[@Bible:Lev 10:19]]g.Moses Einverständnis mit der Erklärung Aarons (10,19-20)

3. Mo 10,19-20: Aarons Erklärung für das Verhalten seiner Söhne, das er offensichtlich gebilligt hatte, verbindet das Gericht über Nadab und Abihu (die Dinge, die mir geschehen sind) mit der Abweichung von dem Sündopferritual. Aaron fragte seinen Bruder: Sollte es dem HERRN gefallen haben, wenn ich heute von dem Sündopfer gegessen hätte? Aaron hatte also entweder eine echte Furcht, von dem »Hochheiligen« (V.17) zu essen oder war durch die Trauer über das Schicksal seiner Söhne so durcheinander, daß er sich falsch verhielt. In diesem Fall hätte er ein Sündopfer für sich selbst darbringen müssen, was hier aber nicht erwähnt wird. Auf jeden Fall war Mose mit dieser Erklärung zufrieden.

[[@Bible:Lev 11]]C.Die Gesetze über die Unreinheit (3. Mo 11-15)


Obwohl die Gesetze über Reinheit und Unreinheit auch manche positiven gesundheitlichen Folgen hatten, liegt darin nicht ihre eigentliche Bedeutung. Unrein ist nicht gleichbedeutend mit schmutzig oder ungesund oder gar sündig. Immerhin konnte die rituelle Unreinheit durch Unfälle, biologische Vorgänge, Krankheit oder andere Ereignisse eintreten, die an sich nicht verkehrt oder die sogar empfehlenswert waren.
Eigentlich gibt es nicht nur zwei, sondern drei rituelle Zustände: heilig, rein und unrein. Die rituelle Unreinheit war also eher ein neutraler Zustand zwischen heilig und unrein (Wenham, Leviticus, S.18-25). Die Absicht der Reinheitsgesetze war eine theologische bzw. religiöse. Es ging um den Gehorsam gegenüber dem göttlichen Gesetzgeber des Bundes mit Israel. Das schließt natürlich nicht aus, daß es vernünftige Gründe für die einzelnen Unterscheidungen gab.
Eine der Aufgaben der Priester war es, den Unterschied »zwischen unrein und rein« (3. Mo 10,10-11) zu lehren. Es war also wichtig, die göttliche Offenbarung über die rituelle Unreinheit in bezug auf die Nahrung (3. Mo 11), Krankheiten (3. Mo 13-14) oder andere biologische Vorgänge (3. Mo 12.15) zu kennen. Da es Aufgabe der Priester war, diese Unterscheidungen zu lehren, richten sich die ganzen Kapitel sowohl an Mose, als auch an Aaron (3. Mo 11,1; 3. Mo 14,33; 3. Mo 15,1).

[[@Bible:Lev 11]]1.Die Speisegebote und reine und unreine Tiere (3. Mo 11)


Kapitel 11 entspricht fast völlig 5.Mose 14,3-20 und enthält den größten Teil der levitischen Speisegesetze (vgl. 3.Mose 17).

[[@Bible:Lev 11:1]]a.Reine und unreine Tiere (11,1-23)

Warum verbot Gott das Essen bestimmter Nahrung? War es einfach ein unverständlicher Test für den religiösen Gehorsam? Sicher spielten ohne Zweifel gewisse hygienische Absichten in Gottes Fürsorge eine Rolle (Harrison, Leviticus, S.124-126 führt diese Sicht näher aus). Doch der eigentliche Sinn der Speisegesetze war ein theologischer. Sie sollten Israel symbolisch seinen Status als heiliges, also abgesondertes Volk Gottes lehren. Es ist nicht zu übersehen, daß die beiden großen Kapitel über Speisegesetze mit dem Hinweis auf die göttliche Erwählung Israels als heiliges Volk verbunden werden (einleitend in 5.Mose 14,1-2; abschließend in 3.Mose 11,44-45). Die dreifache Einteilung der Tiere in unreine Tiere, reine Tiere und Opfertiere entspricht der parallelen Einteilung der Menschen in Unreine (außerhalb des Lagers Israels), Reine (gewöhnliche Israeliten, die sich nicht verunreinigt hatten) und Priester (die die Opfer im Heiligtum darbrachten) (nach Wenham Leviticus, S.170).
Die Grundzüge von Kapitel 11 sind: 1. Unreine Tiere dürfen nicht gegessen werden, auch wenn keine Strafe für die Übertretung dieses Gebotes genannt wird; 2. alle toten Tiere, gleich ob es sich um reine oder unreine Tiere handelte, mit Ausnahme der geschlachteten Opfertiere, machten den, der sie berührte, rituell unrein, was jedoch nur vorübergehend galt, wenn sie sich wuschen und bis zum Abend warteten. Dasselbe galt für Haushaltsgegenstände, die mit den toten Tieren in Berührung kamen (V.32-38).
3. Mo 11,1-8: Auf dem Land lebende Tiere sind eine der drei großen Tiergruppen der Bibel (vgl. 1.Mose 1,20-25). Reine und damit eßbare Tiere aus dieser Gruppe waren laut dem parallelen Abschnitt 5.Mose 14,4-5: »Rind, Schaf, Ziege, Hirsch, Reh, Damhirsch, Steinbock, Gemse, Auerochs und Antilope«. Alle anderen Tiere waren unrein und durften nicht gegessen werden. Nur die ersten drei Tierarten waren Opfertiere, weil es sich um Haustiere handelte. Alle reinen Landtiere hatten ganz gespaltene Klauen und waren Wiederkäuer (für wiederkäuen steht wörtlich: »das Gekaute aufsteigen lassen«). Das Kamel (3.Mose 11,4), der Klippdachs (V.5) und der Hase (V.6) sind unreine Tiere, weil sie zwar wiederkäuen, aber keine ganz durchspaltenen Klauen haben. Das Kamel hat zwar von oben gesehen scheinbar gespaltene Klauen, doch unter dem Fuß befindet sich ein durchgehendes Bindegewebe. Es stimmt, daß Klippdachs und Hase nicht im modernen Sinn »wiederkäuen«, aber ihre Gründlichkeit im Kauen und ihre Kieferbewegungen fielen unter das, was im Hebräischen mit »wiederkäuen« (»das Gekaute aufsteigen lassen«!) bezeichnet wird. Vielleicht ist mit »Wiederkäuen« auch das Fressen des eigenen Kots gemeint. (Manche Bibelkritiker wollen dem AT hier einen Fehler unterstellen. Es ist jedoch bezeichnend für ihr Vorgehen, daß sie von einer Übersetzung ausgehend den hebräischen Schreibern unterstellen, nicht gewußt zu haben, was Hase und Klippdachs tun. Ihre Kritik ist eher ein Beweis dafür, daß sie sich nicht darum kümmern, was der hebräische Text eigentlich meint, wenn sie nur einen Widerspruch finden können.) Auf der anderen Seite war das Schwein, vermutlich in seiner wilden Form, unrein, weil es nicht wiederkäut.
3. Mo 11,9-12: Die zweite Gruppe der Tiere lebt im Wasser. Nur Fische, die Flossen und Schuppen hatten, durften gegessen werden. Alle anderen Seetiere waren ein Greuel (V.11; ein schärferes Wort für unrein).
3. Mo 11,13-23: Die dritte Gruppe von Tieren umfaßt alle fliegenden Tiere, sowohl Vögel (V.13-19), als auch fliegende Insekten (V.20-23). Zwanzig Vogelarten (einschließlich der Fledermaus, die im heutigen Sinn kein Vogel ist) waren verboten. Alle sind Raubtiere, und waren vermutlich verboten, weil sie damit das Blut ihrer Opfer innehatten und somit die Gefahr bestand, entgegen dem Verbot Blut zu essen (vgl. 3. Mo 17). Obwohl sie nicht genannt werden, hieß das, daß Tauben, Turteltauben, Wachtel und Sperling gegessen werden durften. Die einzigen eßbaren fliegenden Insekten waren vier Heuschreckenarten (3. Mo 11,22).

[[@Bible:Lev 11:24]]b.Die von toten Tieren ausgehende Unreinheit (11,24-40)

3. Mo 11,24-28: Das Berühren der Kadaver von unreinen Landtieren einschließlich aller Tiere, die auf Tatzen (eigentlich »Händen«) gehen (also zum Beispiel Katzen, Bären, Hunde), mach- te rituell unrein und erforderte das Waschen und das Warten bis zum Abend. Die Unreinheit bis zum Abend schloß nicht nur das Verbot des Opferbringens, sondern auch die Einschränkung der Bewegung innerhalb der Gesellschaft ein.
3. Mo 11,29-38: Eine besondere Gruppe von Landtieren waren die, die auf der Erde (oder: auf dem Boden) wimmeln (oder: schwärmen). In Vers 20 werden mit demselben Wort die Insekten bezeichnet. Aber das Wort »Schwärmer« konnte wohl die Bewegung von Tieren auf dem Land, im Wasser und in der Luft beschreiben. Alle wimmelnden Landtiere waren unrein, und wenn sie tot in Haushaltsgefäßen gefunden wurden oder mit einem Gegenstand in Berührung kamen, waren diese unrein bis sie zerstört oder gereinigt wurden. In Vers 36 wird nur für Brunnen und Zisternen eine Ausnahme gemacht. Dies lag wohl an der Notwendigkeit der Wasserversorgung, die durch die Verunreinigung der offen daliegenden Wasserstellen ständig unterbrochen worden wäre.
3. Mo 11,39-40: Selbst die Kadaver von reinen Tieren machten eine Person, die sie berührte, unrein, so daß Waschen und Warten erforderlich wurden (vgl. den Kommentar zu V.24-28).

[[@Bible:Lev 11:41]]c.Zusammenfassung und theologischer Schluss (11,41-47)

3. Mo 11,41-43: Die gesamten Speisegesetze werden durch die Wiederholung ausgewählter Beispiele zusammengefaßt.
3. Mo 11,44-47: So wie Gottes Volk zwischen reinen und unreinen Tieren unterscheiden sollte, unterschied Gott zwischen seinem eigenen heiligen Volk und anderen Völkern. Die Speisegesetze sollten eine immerwährende Erinnerung an die Heiligkeit Gottes und seine Gnade in der Erwählung Israels sein (V.45).

[[@Bible:Lev 12]]2.Das Gesetz für die Wöchnerinnen (3. Mo 12)


[[@Bible:Lev 12:1]]a.Die nachgeburtliche Unreinheit (12,1-5)

Da Kinderlosigkeit im AT ein großes Unglück (z.B. 1.Mose 15; 1.Sam 1) und zuweilen sogar ein Gericht Gottes (3.Mose 20,20; 5.Mose 28,18) war, mutet es merkwürdig an, daß nun eine Geburt die Mutter unrein machte und dazu noch für eine so lange Zeit von 40 bzw. 80 Tagen. Die Mutter wurde aber nicht durch die Geburt selbst zeremoniell unrein, sonst hätte das Baby ja auch unrein sein müssen, sondern durch die nachgeburtlichen Blutungen (3.Mose 12,5.7). Der Grund könnte darin liegen, daß ein ausblutender Körper als nicht vollständig galt und das Konzept der Reinheit mit dem Konzept der Vollkommenheit, Fülle oder Ganzheit zusammenhängt (vgl. Wenham, Leviticus, S.188). Andere vermuten, daß die nachgeburtliche Blutung als Ausstoß von Totem galt (Harrison, Leviticus, S.161).
3. Mo 12,1-5: Wenn eine Frau einen Sohn geboren hatte, war sie für 7 Tage unrein (V.2), denen weitere 33 Tage der Reinigung (V.4) folgten. Im Falle eines Mädchen verdoppelten sich die Zeiten (2 Wochen und 66 Tage). Nur in den ersten 7 bzw. 14 Tagen war sie unrein, wie wenn sie ihre monatliche Periode hatte (V.2; vgl. 3. Mo 15,19-24). Die restliche Zeit sollte sie nur zu Hause bleiben und durfte kein Heiliges anrühren und das Heiligtum nicht betreten (V.4). Der Grund dafür, daß die Mutter im Falle einer Tochter länger zu warten hatte, als im Falle eines Sohnes, wird nicht genannt.

[[@Bible:Lev 12:6]]b.Die Reinigungsopfer nach der Geburt (12,6-8)

3. Mo 12,6-8: Ein Baby zu haben, war keine Sünde, sondern im Gegenteil die Erfüllung eines göttlichen Gebotes (1.Mose 1,28). Die Notwendigkeit eines Sündopfers... zur Versöhnung war daher lediglich eine Frage der rituellen Reinigung. Um diese zeremonielle Reinheit (3. Mo 12,7) zu erreichen, opferte die Mutter ein einjähriges Lamm als Brandopfer und eine junge Taube oder eine Turteltaube als Sündopfer (V.6). Wenn sie arm war, sollte sie zwei Vögel, einen als Brandopfer und einen als Sündopfer, darbringen. Maria, die Mutter Jesu, fiel zum Beispiel in diese Kategorie (Lk 2,22-24).

[[@Bible:Lev 13]]3.Gesetze über ansteckende Hautkrankheiten und Brand (3. Mo 13-14)


Kapitel 13-14 enthalten die Diagnose, Behandlung und zeremonielle Reinigung von ansteckenden Krankheiten an Menschen (3. Mo 13,2-46; 3. Mo 14,1-32) und Aussatz an Kleidung, ähnlichen Gegenständen (3. Mo 13,47-58) und an Häusern (3. Mo 14,33-53). Diese merkwürdige Zusammenstellung erklärt sich, wenn man berücksichtigt, daß das hebräische Wort sara`at (traditionelle Übersetzung: »Aussatz«, »Brand«) umfassend jede ansteckende und sichtbare Veränderung an Menschen und Gegenständen meinen kann. Aus Ermangelung eines besseren Wortes geben die meisten Übersetzungen das Wort weiterhin mit »Aussatz« wieder. Ob mit diesem Begriff überhaupt jemals der eigentliche Aussatz (Lepra) bezeichnet wurde, ist zweifelhaft. Die meisten bezweifeln, daß in Kapitel 13-14 und im AT Lepra gemeint ist. Ein Wissenschaftler meint statt dessen, die folgenden Hautkrankheiten in Kapitel 13 feststellen zu können: Psoriasis (V.2-38), Favus (V.29-37) und Vitiligo (Leukoderma, V.38-39; E. V.Hulse, »The Nature of Biblical »Leprosy« and the Use of Alternative Medical Terms in Modern Translations of the Bible«, Palestine Exploration Quarterly 107 (Juli-Dez) 1975: 87- 105; vgl. Wenham, Leviticus, S.194-197). Harrison setzt sich dagegen dafür ein, Lepra im Frühstadium in den Begriff sara`at einzuschließen (Leviticus, S.136-139), da im Falle einer Erkrankung an Lepra im Spätstadium die Betroffenen das Lager ganz verlassen mußten. Andere sehen gerade darin ein Argument, daß hier Lepra überhaupt nicht gemeint sein kann.
Die Abnormalität aller dieser Vorgänge zerstörte die Ganzheit oder Vollkommenheit des levitischen Gottesdienstes, deshalb wurden die angesteckten Personen und Gegenstände für unrein erklärt.

[[@Bible:Lev 13:1]]a.Diagnose und Behandlung von menschlichen Hautkrankheiten (13,1-46)

3. Mo 13,1-46: Die meisten der 21 Fälle (nicht Arten!) von Hautkrankheiten werden stereotyp beschrieben: 1. die anfängliche Erkennbarkeit der Symptome (z.B. V.2.7.9.12 etc.); 2. die Inspektion oder wiederholte Inspektion durch den Priester (z.B. V.3.13.15 etc.); 3. die genauere Erkennbarkeit der Symptome für den Priester (V.3.11.13.15 etc.); 4. die Diagnose des Priesters, ob es sich um Unreinheit (V.3.8.11.15 etc.) oder Reinheit (V.6.13.17.23 etc.) handelt; 5. im Falle der Diagnose unrein erfolgte die Isolation gemäß Vers 44-46 (vgl. V.11b), im Falle der unsicheren Diagnose konnte eine siebentägige Quarantäne verordnet werden (z.B. V.4. 31), der eine weitere Inspektion folgte (V.5.27), eventuell sogar eine zweite Woche der Quarantäne (V.5. 33).
Der ganze Abschnitt kann wie folgt eingeteilt werden (vgl. Wenham, Leviticus, S.194):
1. Einleitung (V.1)
2. Die erste Testserie für Hautkrankheiten (V.2-8)
3. Die zweite Testserie für Hautkrankheiten (V.9-17)
4. Die dritte Testserie für Hautkrankheiten mit Geschwüren (V.18-23)
5. Die vierte Testserie für Hautkrankheiten mit Brandmalen (V.24-28)
6. Die fünfte Testserie für Hautkrankheiten mit Grind (V.29-37)
7. Das Erkennen einer zeremoniell reinen Hautkrankheit (V.38-39)
8. Das Verhältnis von Hautkrankheiten und Glatzköpfigkeit (V.40-44)
9. Die Behandlung der Hautkranken, bei denen Unreinheit festgestellt wurde (V.45-46)
Der Priester hatte nicht die Funktion eines Arztes, der die medizinische Behandlung vorschrieb. Seine Funktion entsprach eher einem offiziellen Gesundheitsbeamten, der Personen mit ansteckenden Hautkrankheiten in Quarantäne nimmt. Ob die Quarantäne nur zeremonieller oder auch hygienischer Natur war, tut dabei nichts zur Sache. Der Patient wurde im wesentlichen der natürlichen (oder übernatürlichen Selbstheilung überlassen. Während dieser Zeit war er in einem Zustand der Trauer außerhalb des Lagers (V.46) von den anderen Menschen isoliert und dafür verantwortlich, jeden Vorübergehenden mit dem Ruf Unrein! zu warnen (V.45). Die Bedeutung dieser Quarantäne lag nicht nur darin, eine mögliche Infektion zu verhindern, sondern sollte auch die Absonderung der Person aus dem heiligen Lager Israels, wo Gott wohnte, symbolisieren (4.Mose 5,1-4; vgl. 5.Mose 23,11-15).

[[@Bible:Lev 13:47]]b.Diagnose und Behandlung von Schimmel an Kleidung und persönlichen Gegenständen (13,47-59)

3. Mo 13,47-59: Genauso wie infektiöse Hautkrankheiten konnten Stockflecken und Schimmel die Oberfläche verschiedener Gegenstände verunstalten, indem sie Schuppen oder Schorf verursachten. Dieser Abschnitt enthält drei Fälle, in welchen bestimmt wird, welche schimmeligen Gegenstände als unrein zu gelten haben (V.47-52; 53-55; 56-57). Wenn Kleidung oder persönliche Gegenstände von Schimmel befallen waren (V.47), so mußten sie dem Priester gezeigt werden (V.49), der die befallenen Gegenstände für sieben Tage isolierte (V.50). Nach dieser Zeit wurden sie als unrein bezeichnet (V.51) und mußten verbrannt werden (V.52), falls der Schimmel sich ausgebreitet hatte. Wenn der Schimmel sich nicht ausgebreitet hatte (V.53), sollte der Gegenstand gewaschen und weitere sieben Tage isoliert werden (V.54), nach denen er weiterhin unrein war und verbrannt werden sollte, wenn der Schimmelfleck unverändert geblieben war. Wenn er verblaßt war, sollte nur die betroffene Stelle herausgetrennt und verbrannt (V.56), der Rest des Gegenstandes aber nochmals gewaschen und für rein erklärt werden (V.58). Die vollständige Regelung wird dann in Vers 59 zusammengefaßt.

[[@Bible:Lev 14:1]]c.Die rituelle Reinigung einer Person, die von einer Hautkrankheit geheilt worden ist (14,1-32)

Nachdem eine Person, die wegen Unreinheit außerhalb des israelitischen Lagers isoliert worden war, wieder gesund war (entweder aufgrund natürlicher Ursachen oder als Antwort auf Gebet; vgl. 4.Mose 12,13), so konnte sie in die Gemeinschaft des heiligen Volkes wieder aufgenommen werden und sich auch wieder an der Anbetung des heiligen Gottes in der Stiftshütte beteiligen. Diese Rückkehr erfolgte in zwei Stufen: a) Ein Ritual mit zwei Vögeln außerhalb des Lagers (3.Mose 14,3-7), gefolgt von einer zeremoniellen Waschung; und b) eine Folge von Opfern am achten Tag nach der Reinigung (V.10-20). Die Alternative für eine arme Person wird in den Versen 21-32 beschrieben.
3. Mo 14,1-2: Die Einleitung weist Mose als Mittler des Gesetzes über die Reinigung des geheilten Aussätzigen aus.
3. Mo 14,3-7: Das Ritual mit den zwei Vögeln außerhalb des Lagers (vgl. V.49-53, wo dasselbe Ritual für die Entsündigung eines Hauses angewendet wird) erinnert an das Ritual mit den zwei Ziegenböcken am großen Versöhnungstag (vgl. 3. Mo 16,7-9.15-19). Wenham (Leviticus, S.208-209) geht davon aus, daß die zwei lebendigen Vögel den geheilten Israeliten repräsentieren, was daraus hervorgeht, daß das Blut des einen Vogels über ihn gesprengt wurde. Der geschlachtete Vogel würde dann den Tod darstellen, dem der Israelit gerade entkommen ist, während der freigelassene Vogel symbolisch die verunreinigende Hautkrankheit fortträgt. Er könnte aber auch das Leben innerhalb der Gemeinschaft des Lagers symbolisieren, in die der Israelit zurückkehrt. Die Bedeutung von Zedernholz, scharlachfarbene Wolle und Ysop (3. Mo 14,4.6) wird nicht näher erklärt. Alle drei Dinge werden aber auch an anderen Stellen mit der Reinigung in Verbindung gebracht (z.B. 4.Mose 19,6; Ps 51,9). Sie mußten hier zusammen mit dem lebendigen Vogel... in das Blut des geschlachteten Vogels eingetaucht werden (3.Mose 14,6) und wurden dann zur Besprengung des zu Reinigenden verwendet. Nachdem der betroffene Israelit für rein erklärt worden war, wurde der lebendige Vogel in das offene Feld entlassen.
3. Mo 14,8a: Um seine Reinigung von der Unreinheit darzustellen, wusch der Israelit anschließend seine Kleider, scherte sich alle seine Haare ab und badete (vgl. V.9).
3. Mo 14,8b-9: Anschließend verbrachte die gereinigte Person eine Zeit von sieben Tagen in gelockerter Quarantäne innerhalb des Lagers, aber außerhalb seines Zeltes. Am siebten Tag wiederholte er das Waschen und das Scheren der Haare (auf dem Kopf, am Bart und an den Augenbrauen).
3. Mo 14,10-11: Die Opferrituale zur Versöhnung und Reinigung begannen am achten Tag, wenn der Priester die geheilte und gereinigte Person mit seinen Opfern vor den Herrn brachte. Das Opferritual selbst schloß das Opfer aller vier Arten von Opfern ein (Schuld-, Sünd-, Brand- und Speisopfer; vgl. den Kommentar zu 3. Mo 1-7 für weitergehende Erklärungen). Die Abfolge dieser Opfer und die Verwendung des Blutes und des Öls erinnern am ehesten an den Ordinationsgottesdienst von Aaron und seinen Söhnen (3. Mo 8).
3. Mo 14,12-18: Das Schuldopfer bestand aus einem männlichen Lamm. Die Zulassung eines Jungtieres statt des sonst geforderten erwachsenen Schafes (3. Mo 5) sollte möglicherweise die Kosten der Reinigung möglichst niedrig halten, weil in der Regel die betroffene Person ja nicht für die Verunreinigung verantwortlich war. (Vgl. 4.Mose 6,12 mit der parallelen Situation, wenn ein Nasiräergelübde durch äußere Umstände bedingt gebrochen wurde.) Ein Schuldopfer wurde normalerweise geopfert, wenn ein Mensch Gott oder andere Menschen betrogen hatte (vgl. 3.Mose 5,14-26). Vielleicht wurde davon ausgegangen, daß die unreine Person Gott um Gottesdienst und Opfer gebracht hatte. Vielleicht ging man auch davon aus, daß die Krankheit ebenso die Folge einer unbekannten Sünde war. Das Fehlen der 20prozentigen Wiedergutmachung (3. Mo 5,16-19) läßt eher an letzteres denken.
Die ungewöhnlichsten Handlungen bei diesem Schuldopfer waren das Schmieren des Blutes an das Läppchen des rechten Ohres,... an den Daumen der rechten Hand und an den großen Zeh des rechten Fußes (3. Mo 14,14; vgl. bei Aaron 8,23-24), das Sprengen des Öls mit seinem Finger siebenmal vor dem Herrn und das Überstreichen des Blutes an Ohrläppchen, Hand und Fuß mit weiterem Öl (3. Mo 14,17), wobei der Rest des Öls auf den Kopf gestrichen wurde. Das Ergebnis der ganzen Zeremonie war die Entsühnung vor dem HERRN.
3. Mo 14,19-20: Als nächstes folgte ein Sündopfer (ein einjähriges Schaf, V.10) und ein Brandopfer (V.19, das andere in V.10 erwähnte männliche Schaf) zusammen mit einem Speisopfer (V.20).
3. Mo 14,21-32: Als Zugeständnis an die Armen wird hier ein alternatives Ritual beschrieben. Es entspricht dem in Vers 10-20 beschriebenen, außer daß die beiden Lämmer für das Sünd- und das Brandopfer durch zwei junge Tauben oder zwei Turteltauben ersetzt wurden (V.22). Damit verringerte sich auch die Menge des Mehls für das Speisopfer, das gewöhnlich zusammen mit dem Sünd- und Brandopfer geopfert wurde.

[[@Bible:Lev 14:33]]d.Die Erkennung, Behandlung und Reinigung von Aussatz in Häusern (14,33-53)

3. Mo 14,33-53: Dieser Abschnitt ist eigentlich eine Ergänzung zu dem Gesetz über Aussatz an Kleidungsstücken etc. (3. Mo 13,47-59), zumal darin auch die Stoffe, aus denen Zelte gemacht wurden, eingeschlossen waren. Die Ergänzung betrifft Häuser aus Steinen und Lehm (V.42) und wurde daher erst später wichtig, als Israel in Kanaan zu wohnen begann (V.34). Die Prozedur für Erkennung, Behandlung und Reinigung des festen Hauses entsprach der oben beschriebenen für Personen und Kleider bzw. Stoffe. Dies gilt auch für die Quarantänezeiten (V.38). Die befallenen Steine oder Schichten des Hauses wurden beseitigt und ersetzt (V.39-42). Wenn die Behandlung Erfolg zeigte, wurde das Haus durch ein Ritual mit zwei Vögeln gereinigt, das dem Reinigungsritual für Personen glich (V.48-53; vgl. V.3-7).

[[@Bible:Lev 14:54]]e.Zusammenfassung (14,54-57)

3. Mo 14,54-57: Diese Verse beschließen das Gesetz über sara`at, ansteckende Hautkrankheiten und Aussatz (vgl. die Einleitung zu 3. Mo 13-14).

[[@Bible:Lev 15]]4.Gesetze über die Unreinheit menschlicher Ausflüsse (3. Mo 15)


Dieses Kapitel beschreibt vier Fälle von zeremoniellen Verunreinigungen, und zwar einen chronischen und einen periodischen Ausfluß beim Mann und einen periodischen und einen chronischen Ausfluß bei der Frau. Die Ausflüsse gehen in allen vier Fällen von den Geschlechtsorganen aus. (Einige Ausleger denken allerdings in V.2-12 an Hämorrhoiden.) Für Gründe, weshalb diese natürlichen Ausflüsse als unrein angesehen wurden vgl. den Kommentar zu 3. Mo 12,1-5.

[[@Bible:Lev 15:1]]a.Die Reinigung von chronischen Ausflüssen beim Mann (15,1-15)

3. Mo 15,1: Wieder beginnt ein Gesetz mit der Formel über die göttliche Offenbarung. Gott richtet sich dabei wie in 3. Mo 11,1; 3. Mo 13,1; 3. Mo 14,33 an Mose und Aaron.
3. Mo 15,2-12: Bei dem chronischen oder langfristigen Ausfluß in Vers 2-12 handelt es sich wohl um die Gonorrhö (»Tripper«). Es geht dabei vor allen Dingen um die zeremonielle Unreinheit des Mannes und ihre Folgen. Unrein wurde eine Person oder ein Gegenstand nämlich nicht nur durch den Kontakt mit dem Betroffenen selbst, sondern auch durch die Berührung mit dadurch unrein gewordenen Gegenständen, also seinem Bett (oder Lager, V.4-5), seinem Stuhl (V.6), seiner ganzen Person (V.7), seinem Speichel (V.8), seinem Sattel (V.9) und allem, was er unter sich hat (V.10). Zeremoniell gesehen war diese Unreinheit also ansteckender als diejenige der Hautkrankheiten (3. Mo 13-14) oder der unreinen Tiere (3. Mo 11), bei denen die Unreinheit nur durch direkten Kontakt übertragen werden konnte. Da ein Mann mit chronischem Ausfluß jedoch nicht außerhalb des Lagers in Quarantäne leben mußte (vgl. 3. Mo 13,45-46), war die Unreinheit zugleich auch nicht so schwerwiegend, wie die durch Hautkrankheiten verursachte. Dies zeigt einmal mehr, daß der Sinn dieser Vorschriften nicht hygienischer, sondern zeremonieller und theologischer Natur war.
3. Mo 15,13-15: Die vorgeschriebene Reinigungszeremonie verlangte nach dem Aufhören des Ausflusses wie beim Aussatz eine siebentägige Wartezeit, nach der der Mann sich und seine Kleider zu waschen hatte. Am achten Tag konnte er die Versöhnung erwirken, indem er das billigste Opfer brachte, das es gab: zwei Turteltauben oder zwei junge Tauben... eine zum Sündopfer und eine zum Brandopfer.

[[@Bible:Lev 15:16]]b.Die Reinigung von periodischen Ausflüssen beim Mann (15,16-18)

3. Mo 15,16-18: Der zweite Fall eines Ausflusses beim Mann betraf den periodischen Ausfluß durch das Abgehen des Samens, wobei offenbleibt, ob es sich um einen nächtlichen Samenerguß (wohl V.16) oder um Geschlechtsverkehr handelt (wohl V.18). Es war diesmal kein Opfer erforderlich. Statt dessen wurde die Unreinheit durch einfaches Waschen des Körpers und Warten bis zum Abend (vgl. den Kommentar zu 3. Mo 11,24-28) beseitigt. Es ist auffällig, daß die normale sexuelle Beziehung zwischen Mann und Frau (3. Mo 15,18) beide zwar unrein machte, nicht aber schuldig, weshalb kein Opfer gebracht werden mußte. Das soll allerdings nicht bedeuten, daß die chronischen Ausflüsse beim Mann, die ein Sündopfer erforderten, immer auf persönliche Schuld zurückzuführen waren.

[[@Bible:Lev 15:19]]c.Die Reinigung von periodischen Ausflüssen bei der Frau (15,19-24)

Der dritte Fall von Unreinheit durch einen Ausfluß betraf die regelmäßige Menstruationsblutung der Frau, also einen periodischen Ausfluß (vgl. aber V.25-27). Ähnlich wie beim chronischen Ausfluß des Mannes (vgl. V.2-12) galt die Frau sieben Tage lang als unrein und wurde ebenso zusammen mit den von ihr benutzten Gegenständen zur Quelle von Unreinheit. Da der Geschlechtsverkehr während der Periode der Frau verboten war (3. Mo 18,19; 3. Mo 20,18), bezieht sich 3. Mo 15,24 wohl darauf, daß die Menstruationsblutung unerwartet während des Verkehrs begann. In diesem Fall wurde der Ehemann ebensolange unrein und zusammen mit seinen Gegenständen zur Quelle von Unreinheit.

[[@Bible:Lev 15:25]]d.Die Reinigung von chronischen Ausflüssen bei der Frau (15,25-30)

Der vierte Fall, der chronische Ausfluß bei der Frau außerhalb der Menstruationszeit, führte zu einer ausgedehnten Unreinheit bis zum Aufhören des Ausflusses. Die Beschreibung dieses Ausflusses ist allgemein genug, um verschiedene Arten von Ausfluß einzuschließen. Die Quelle der Unreinheit war wiederum nicht nur die Person selbst, sondern auch die von ihr berührten Gegenstände (V.27). Die Frau in der drängelnden Menge, die durch Jesus geheilt wurde, litt unter einem solchen chronischen Ausfluß (Mk 5,25-34; Lk 8,43-48). Wenn man diese levitischen Bestimmungen betrachtet, erklärt sich von selbst, weshalb die Frau darüber bestürzt war, daß Jesus ihre Gegenwart der drängelnden Menge offenbarte.
3. Mo 15,28-30: Am achten Tag nach dem Aufhören des Ausflusses mußte die Frau wie ein unter chronischem Ausfluß leidender Mann zwei Vögel zum Sündopfer und Brandopfer darbringen (V.13-15).

[[@Bible:Lev 15:31]]e.Zusammenfassung (15,31-33)

3. Mo 15,31-33: Diese Verse geben den Sinn dieses Gesetzes an, nämlich damit sie nicht sterben in ihrer Unreinheit, wenn sie meine Wohnung unrein machen, die mitten unter ihnen ist, und führen noch einmal kurz die angesprochenen Fälle an.

[[@Bible:Lev 16]]D.Das Gesetz für den großen Versöhnungstag (3. Mo 16)


Der jährliche große Versöhnungstag war der einzige Fastentag (vgl. den Kommentar zu V.29; vgl. Apg 27,9) unter den jährlichen Festen Israels (vgl. 3.Mose 23). Der große Versöhnungstag wird häufiger im AT beschrieben (2.Mose 30,10; 3.Mose 23,26-32; 3. Mo 25,9; 4.Mose 29,7-11), aber 3.Mose 16 enthält die ausführlichsten Anweisungen.
Wenham schreibt: »Die Hauptbedeutung des großen Versöhnungstages liegt in der Reinigung des Heiligtums von der Verunreinigung durch die unreinen Opferbringenden (vgl. 3. Mo 16,16. 19)... um Gottes fortgesetzte Gegenwart in der Mitte seines Volkes weiter zu ermöglichen« (Leviticus, S.228). Es trifft zu, daß die Reinigung des Heiligtums, der Stiftshütte und des Altars (V.20) ein theologisch wichtiger Aspekt des großen Versöhnungstages war. Er wird in der Verwendung des Blutes des für das Volk geschlachteten Ziegenbockes deutlich (V.15-19). Daneben tritt aber zur Vervollständigung des Sündopfers das Ritual um den lebendigen Ziegenbock, der stellvertretend die Sünde des Volkes (V.22) hinwegtrug, nämlich »alle Missetat der Israeliten und alle ihre Übertretungen, mit denen sie sich versündigten« (V.21). Die Israeliten sollten von allen ihren Sünden gereinigt werden (V.30). Die besonderen Zeremonien des Versöhnungsopfers bezogen sich dabei natürlich vor allem auf Aaron und seine Familie (V.6.11-14). Somit wurde der Zorn Gottes über die Sünde des Volkes im vergangenen Jahr gesühnt.
Es ist erstaunlich, wie umfassend die Sünden am großen Versöhnungstag gesühnt wurden. Man könnte erwarten, daß bestimmte Sünden ausgeschlossen wurden, etwa solche, die durch persönliche Opfer bereits gesühnt worden waren, oder solche, für die es entweder gar kein Opfer gab oder für Sünden, auf die die Todesstrafe oder die Vertreibung aus dem Volk stand (vgl. den Kommentar zu 3. Mo 17,3-7). Aber in Kapitel 16 wird keinerlei Einschränkung vorgenommen. Die einzige Beschränkung lag in der Notwendigkeit der richtigen Herzenseinstellung, also des Glaubens, der auch die Voraussetzung für alle persönlichen Opfer war, da die Opfer nicht magisch oder automatisch wirkten (vgl. die Einleitung »Die Bedeutung der alttestamentlichen Opfer«).

[[@Bible:Lev 16:1]]1.Einführung (16,1-2)


3. Mo 16,1: Dieser Vers ordnet das Gesetz über den großen Versöhnungstag in seinen geschichtlichen Zusammenhang ein. Der HERR redete mit Mose (vgl. 3. Mo 1,1; 3. Mo 4,1 usw.), nachdem die zwei Söhne Aarons bei ihrem Opfer vor dem HERRN umgekommen waren. Nadab und Abihu waren vom Feuer der Gegenwart Gottes verschlungen worden, weil sie auf verbotene Weise vor Gott traten (3. Mo 10,1-2). Im Gegensatz dazu beschreibt Kapitel 16 die richtige, vorgeschriebene Weise, wie der Hohepriester vor Gott erscheinen sollte, wenn er nicht sterben wollte.
3. Mo 16,2: Gott offenbarte die Vorschriften für die Priester nicht Aaron direkt, sondern benutzte Mose als Mittler. Das Verbot, nicht zu jeder Zeit in das Heiligtum zu gehen erklärt sich durch den Zusammenhang des ganzen Kapitels genauer und meint, daß eben nur zu diesem jährlichen Fest der Hohepriester hinter den Vorhang treten durfte. Aaron durfte nicht selbst wählen, wann er das Allerheiligste betreten wollte. Hinter den Vorhang und damit vor die Bundeslade zu treten setzte den Hohenpriester der Gegenwart der Herrlichkeit (Schekina) Gottes in der Wolke über dem Gnadenthron der Lade aus (vgl. 2.Mose 25,10-22, bes. V.22; 2. Mo 40,34-38). Bei dem Gnadenthron oder Sühnedeckel handelte es sich um den Deckel der Bundeslade, den die Cherubim mit ihren ausgebreiteten Flügeln schützten. Der Name des Deckels kapporet ist mit dem Wort kipper, versöhnen (vgl. den Kommentar zu 3.Mose 1,4) verwandt und läßt die Bedeutung »Ort der Sühne« (Luther: Sühnedeckel) vermuten, was gut zu der griechischen Entsprechung hilasterion (etwa Röm 3,25) paßt. (Vgl. die Übersicht »Grundriß der Stiftshütte« zu 2.Mose 25.)

[[@Bible:Lev 16:3]]2.Die Vorbereitung des Hohenpriesters und der Tiere für die Zeremonien (16,3-5)


3. Mo 16,3-5: Zur Vorbereitung des großen Versöhnungstages wurden die vorgeschriebenen Tiere zum Heiligtum gebracht: ein junger Stier als Sündopfer und ein Ziegenbock als Brandopfer für den Hohenpriester und seine Familie und zwei männliche Ziegen als Sündopfer und einen Widder als Brandopfer für die ganze Gemeinde der Israeliten. Der Hohepriester wusch sich zunächst selbst mit Wasser und kleidete sich dann in einfache Leinenkleider (Hemd, Beinkleid, Gürtel und Kopfbund), wie sie noch nicht einmal die normalen Priester trugen (vgl. 2.Mose 39,27-29), um seinen Status als Diener Gott gegenüber deutlich zu machen.

[[@Bible:Lev 16:6]]3.Zusammenfassende Darlegung der Zeremonien (16,6-10)


3. Mo 16,6-10: Bevor eine ausführliche Beschreibung des großen Versöhnungstages gegeben wird (3. Mo 16,11-28), geben diese Verse einen groben Überblick über die wichtigsten Bestandteile der Zeremonien: a) ein Stier als Sündopfer für den Hohenpriester und seine Familie (vgl. V.11-14.24-25.27); b) zwei Ziegen als Sündopfer für das ganze Volk einschließlich der Auslosung des Sündenbockes (V.7-8); c) die Opferung des anderen Ziegenbockes (V.15- 19.24-25), dessen Los dem Herrn zufiel und d) das In-die-Wüste-Schicken des Sündenbockes (vgl. V.20- 22).

[[@Bible:Lev 16:11]]4.Detaillierte Beschreibung der Zeremonien (16,11-28)


[[@Bible:Lev 16:11]]a.Das Sündopfer für den Hohenpriester (16,11-14)

Dieser Abschnitt erklärt die einzelnen Stufen der Blutbesprengungszeremonie im Zusammenhang mit der Schlachtung eines Stieres durch den Hohenpriester als Opfer für sich selbst (V.11). Diese Zeremonie erinnert an das Ritual des normalen Sündopfers für den Hohenpriester (3. Mo 4,3-12). Der Unterschied besteht nur in der Stelle, an die das Blut gesprengt wurde. Das Blut wurde hier nämlich nicht an den Vorhang und den Räucheraltar gesprengt (3. Mo 4,6-7), sondern in das Allerheiligste gebracht und dort »gegen den Gnadenthron« und »vor den Gnadenthron« gesprengt.
3. Mo 16,11: Der Sinn des Sündopfers des Hohenpriesters war die Versöhnung für sich selbst und seine Familie. Der Hohepriester mußte zunächst von aller Verunreinigung durch die Sünde gereinigt werden, bevor er als Mittler »das Sündopfer des Volkes« opfern konnte (V.15). Der Hebräerbrief sieht darin den größten Unterschied zwischen dem levitischen Hohenpriester und Jesus (Hebr 7,27; vgl. Hebr 5,3).
3. Mo 16,12-13: Der Hohepriester betrat das Allerheiligste dreimal; das erste Mal mit einer Pfanne voller glühender Kohlen vom Brandopferaltar. Auf diesen Kohlen wurde der Weihrauch, der speziell für die Stiftshütte zubereitet wurde (2.Mose 30,34-36), verbrannt. Durch die Kohlen entstand eine Wolke aus Rauch, die sich zwischen den Hohenpriester und die Gegenwart der Herrlichkeit Gottes auf dem Gnadenthron stellte und so verhinderte, daß der Zorn Gottes den Hohenpriester traf und sterben ließ.
3. Mo 16,14: Beim zweiten Mal mußte Aaron etwas von dem Blut des Stieres mitnehmen und gegen den Gnadenthron und dann siebenmal vor den Gnadenthron (also auf die Vorderseite der Bundeslade oder vor ihr auf den Boden) sprengen. Die Verwendung des restlichen Blutes des Stieres wird in Vers 18-19 beschrieben.

[[@Bible:Lev 16:15]]b.Das Sündopfer für das Volk (16,15-17)

3. Mo 16,15: Das Sündopfer für das Volk bestand aus »zwei Ziegenböcken« (V.5). Durch Los wurde einer der beiden Böcke als Opfer für den Herrn bestimmt, der andere zum Sündenbock (V.8). Das Losverfahren wird hier übergangen, weil die Ausführungen in der Zusammenfassung Vers 7-8 ausreichend waren. Der Sündenbock wird später in Vers 20-22 behandelt. Denn zunächst mußte der Hohepriester den Ziegenbock für den Herrn als Sündopfer für das Volk schlachten und das Blut im Allerheiligsten verwenden, wie er es mit dem Blut des Stieres tat (vgl. V.14), womit er das Allerheiligste ein drittes Mal betrat.
3. Mo 16,16-17: Mit der Stiftshütte könnte einfach allgemein das Heiligtum gemeint sein, was die Rückkehr zum Ausdruck Heiligtum in Vers 17 nahelegt. Vers 16 könnte aber auch bedeuten, daß die gesamte Stiftshütte mit einem ähnlichen Ritual, etwa das siebenfache Sprengen des Blutes gegen den Räucheraltar und das Schmieren von Blut an die Hörner desselben Altars, ebenfalls entsühnt wurde, worauf sich 2.Mose 30,10 zu beziehen scheint. Man könnte 2.Mose 30,10 jedoch auch auf 3.Mose 16,18 beziehen und nur von einem Reinigungsritual für Heiligtum und Stiftshütte ausgehen. Nach Vers 16-17 schafften die Rituale nicht nur die Versöhnung für den Hohenpriester und seine Familie und die ganze Gemeinde Israel (V.17), sondern auch für das Heiligtum (V.16; vgl. V.20). Beides geschah wegen der Verunreinigungen der Israeliten und ihrer Übertretungen, mit denen sie sich versündigten (V.16).

[[@Bible:Lev 16:18]]c.Die Reinigung des Altars (16,18-19)

3. Mo 16,18-19: Nicht nur das Heiligtum und die Stiftshütte wurden zeremoniell von den Sünden Israels gereinigt, sondern auch der Altar, der vor dem HERRN stand. Auch wenn einige Aus- leger dies auf den Räucheraltar beziehen (z.B. Harrison, Leviticus, S.173), ist doch wahrscheinlich der Brandopferaltar gemeint, der auch an anderer Stelle als vor dem Herrn stehend bezeichnet wird (vgl. 3. Mo 1,3.5; vgl. Wenham, Leviticus, S.401). Die Reinigung wurde vollzogen, indem ein Gemisch vom Blut des Stieres und vom Blut des Bockes... ringsum an die Hörner des Altars gestrichen (V.18) und etwas davon siebenmal auf den Altar gesprengt wurde (V.19). Auch hier war der Sinn des Rituals wieder, den Altar zu reinigen und von den Verunreinigungen der Israeliten zu heiligen.

[[@Bible:Lev 16:20]]d.Die Vertreibung des Sündenbockes in die Wüste (16,20-22)

3. Mo 16,20-22: Es ist bezeichnend, daß der Hohepriester erst die Entsühnung des Heiligtums, der Stiftshütte und des Altars vollbrachte, d.h. beendigte, bevor er den lebendigen Ziegenbock herzubrachte. Er legte seine beiden Hände auf dessen Kopf und bekannte über ihm alle Sünden der Israeliten und alle ihre Übertretungen, mit denen sie gesündigt hatten, wodurch er sie symbolisch auf den Kopf des Ziegenbockes legte. Auch wenn einige Ausleger annehmen, daß dem Sündenbock bereits gesühnte und vergebene Sünden aufgelegt wurden, liegt es näher, davon auszugehen, daß die Blutbesprengungszeremonien die Sünden des Volkes im und gegen das Heiligtum sühnten, während die Vertreibung des Ziegenbockes in die Wüste als Bestandteil des Sündopfers die Versöhnung und Reinigung der Israeliten von allen Sünden erwirkte.
Die Bezeichnung des lebenden Ziegenbockes als Sündenbock drückt das gleiche aus wie Ziegenbock für Asasel (V.8.10.26). Dies bedarf jedoch einiger Erläuterungen, da das hebräische Wort ´aza´zel, das sich nur in Kapitel 16 findet, auf wenigstens vier Arten übersetzt wurde: a) als Bezeichnung des Ziegenbockes selbst mit »Ziegenbock der Vertreibung«; b) als Eigenname »Asasel«, womit eine böse Macht, ein Wüstendämon oder Satan selbst gemeint sein könnten, so daß die Sünden zu ihrem eigentlichen Urheber zurückgesandt wurden; c) als Bezeichnung einer »Felsenklippe«, von der der Ziegenbock rückwärts hinuntergestoßen wurde; d) als ein abstrakter Begriff mit der Bedeutung »völlige Zerstörung« oder »völlige Beseitigung« (vgl. C. F. Feinberg, »The Scapegoat of Leviticus 16«, Bibliotheca Sacra 115(1958): 320-333; Carl Schultz, Theological Wordbook of the Old Testament, Chicago, Moody Press, 1980, 2: 658-659). Eine eindeutige Antwort ist nicht möglich. Deutlich ist jedoch die Bedeutung des Sündenbockes, der die Sünden des Volkes in die Wüste als Ort des Verderbens bringt.

[[@Bible:Lev 16:23]]e.Die Reinigung des Hohenpriesters und das Verbrennen des Brand- und des Sündopfers (16,23-35)

3. Mo 16,23-25: Nachdem der Hohepriester seine leinenen Kleider in der Stiftshütte ausgezogen hatte, wusch er sich zur zeremoniellen Reinigung und zog die regulären herrlichen Kleider des Hohenpriesters an, um die Opfer zu verbrennen. Er verbrannte dann einen Widder (V.3) als Brandopfer für sich selbst und einen zweiten Widder (V.5) als Brandopfer für das Volk zusammen mit dem Fett des Sündopfers, vermutlich sowohl vom Stier als auch von dem Ziegenbock für das Volk. Es fällt auf, daß diesmal das Brandopfer die Versöhnung für den Hohenpriester und das Volk schafft (vgl. 3. Mo 1,4). Offensichtlich wurden die zusätzlichen Opfer von 4.Mose 29,8-11 erst im Anschluß daran dargebracht.

[[@Bible:Lev 16:26]]f.Die Reinigung der anderen Beteiligten und die Beseitigung der Überreste der Sündopfer (16,26-28)

3. Mo 16,26-28: Die zeremonielle Reinheit der an den Zeremonien Beteiligten und die Reinheit des Heiligtums wurden a) durch die Waschungen des Mannes, der den Ziegenbock hinausgeführt hatte, b) durch das Verbrennen der Überreste des Stieres und des Ziegenbockes (der Sündopfer) außerhalb des Lagers und c) durch die Waschung des Mannes, der diese Überreste vor das Lager schaffte, sichergestellt.

[[@Bible:Lev 16:29]]5.Die Einsetzung des großen Versöhnungstages als jährliche Feier (16,29-34)


3. Mo 16,29-34: Der große Versöhnungstag sollte jährlich am zehnten Tag des siebten Monats (Tischri = Oktober/November) wiederholt werden. Offensichtlich gehörte zur Wirksamkeit der Zeremonien auch die echte innerliche Umkehr, die im Fasten (wörtlich »sich verneinen« oder verzichten, was normalerweise das Fasten einschloß, Jes 58,3.5; 3.Mose 23,27.32; 4.Mose 29,7) und im Verzicht auf jede Arbeit zum Ausdruck kam: denn es soll euch ein hochheiliger Sabbat sein und ihr sollt fasten (3.Mose 16,31). Die Bedeutung des großen Versöhnungstages wird in Vers 33-34 zusammengefaßt und seine jährliche Wiederholung in Vers 34 bestätigt. Das Gesetz über den großen Versöhnungstag schließt mit dem geschichtlichen Hinweis, daß der erste große Versöhnungstag so gefeiert wurde, wie der HERR Mose geboten hatte (V.34b).
Der Hebräerbrief weist auf die Erfüllung der Bedeutung des großen Versöhnungstages in dem Opfer Christi für die Sünde des Volkes hin, das jedoch nicht jährlich wiederholt werden mußte, sondern ein für allemal geschah (Hebr 9, 11-12.24-26; 3. Mo 10,10). Christus selbst ging als Hohepriester in das Heiligste, wodurch der Zugang zu Gott frei wurde, was im Zerreißen des Vorhangs vor dem Allerheiligsten sichtbar wurde. Christus wurde jedoch zugleich zum Sühneort, also zu jenem Ort der Gegenwart Gottes auf der Bundeslade, an den der Hohepriester das Opferblut sprengte.

[[@Bible:Lev 17]]II.Das Leben in Heiligkeit vor Gott durch Absonderung (3. Mo 17-27)


[[@Bible:Lev 17]]A.Die Gesetze über das Opfer und den Fleischgenuß (3. Mo 17)


Dieses Kapitel ergänzt gewissermaßen Kapitel 1-7, da es die Bedeutung des Blutes beim Opfern erklärt (3. Mo 17,11) und andere verwandte Fragen anspricht (vgl. 3. Mo 7,26-27; 3. Mo 11,39-40). Es behandelt dabei nicht die Rolle der Priester, obwohl sie in der Einleitung 17,2 ebenfalls angesprochen werden, sondern weist auf mögliche Fehler der Laien bezüglich der Opfer oder des Fleischgenusses hin.

[[@Bible:Lev 17:1]]1.Einführung (17,1-2)


3. Mo 17,1-2: Durch die typische Einleitungsformel Und der HERR redete mit Mose und sprach (vgl. 3. Mo 1,1; 3. Mo 4,1; 3. Mo 6,1; 3. Mo 7,28; 3. Mo 11,1; 3. Mo 15,1; 3. Mo 16,1-2; 3. Mo 18,1-2; 3. Mo 19,1-2) wird ein neues Gesetz eingeleitet. Im folgenden werden die einzelnen Bestimmungen wie in 3. Mo 17,2 jeweils mit der Formel Wer aus dem Hause Israel... (V.3.8.10.13) eingeleitet, so daß sich vier Abschnitte ergeben.

[[@Bible:Lev 17:3]]2.Die Notwendigkeit, Haustiere bei der Stiftshütte zu töten (17,3-7)


3. Mo 17,3-7: Einige Ausleger haben von Vers 3-4 ausgehend gemeint, es handele sich hier um ein generelles Verbot, irgendein Tier nicht bei der Stiftshütte zu opfern. Sie gehen dann davon aus, daß weibliche Tiere wegen ihrer wertvollen Milch sowieso nicht geschlachtet wurden und das Volk in der Wüste mit Manna zur Genüge versorgt war. Dafür könnte sprechen, daß in 5.Mose 12,20-28 mit Hinblick auf die Einnahme Kanaans (V.20) das Schlachten der Tiere generell gestattet wird. Dennoch erweckt 3.Mose 17,5-9 den Eindruck, daß es nur um Opfertiere geht. Dem muß 5.Mose 12,20-28 nicht unbedingt widersprechen. Allerdings könnte die Warnung vor götzendienerischen Opfern in 3.Mose 17,7 ein Hinweis darauf sein, daß generell alle zum Verzehr gedachten Tiere bei der Stiftshütte als Dankopfer (V.5; vgl. 3. Mo 7,11-34) geopfert werden mußten, um jede götzendienerische Verwendung der Tiere auszuschließen. Die Ziegengötzen (Luther: »Feldgeister«) sind möglicherweise eine Anspielung auf die Praxis im östlichen Delta von Unterägypten (Harrison, Leviticus, S.180). Indem jedes Opfer außerhalb des Stiftshüttenbereiches verboten war, konnte sich keiner, der anderen Göttern opferte, damit herausreden, er habe das Tier nur geschlachtet, um es zu verzehren.
Die Strafe für die Übertretung dieses Gebotes war, daß ein solcher Mensch aus dem Volk ausgerottet werden sollte (3. Mo 17,4). Dabei geht es wohl eher um ein direktes Eingreifen Gottes oder um eine Vertreibung aus dem Volk in die Wüste, als um eine von Menschen auszuführende Strafe (vgl. Wenham, Leviticus, S.241-242). Es handelt sich um eine religiöse Strafe, nicht um die mit anderen Worten beschriebene zivile Todesstrafe. Die angegebene Strafe gilt für alle in diesem Kapitel beschriebenen Vergehen (V.9-10.14; vgl. 2.Mose 30,33.38; 3.Mose 7,20-21; 3. Mo 20,17-18; 4.Mose 15,30-31).

[[@Bible:Lev 17:8]]3.Die Notwendigkeit, Opfer bei der Stiftshütte darzubringen (17,8-9)


3. Mo 17,8-9: Dieses Gebot ähnelt dem eben beschriebenen mit dem Unterschied, daß es diesmal um jemanden geht, der nicht generell ein Tier schlachten will, sondern um jemanden, der ein Brandopfer oder Dankopfer darbringen will. Diese Opfer durften ausschließlich bei der Stiftshütte dargebracht werden. Auf das Übertreten des Gebotes stand dieselbe Strafe. Es sei allerdings darauf hingewiesen, daß Israel in seiner späteren Geschichte dieses Gebot ununterbrochen übertrat.

[[@Bible:Lev 17:10]]4.Das Verbot des Verzehrs von Blut (17,10-12)


3. Mo 17,10-12: Von den sieben Verboten des Essens von Blut in den 5 Büchern Moses (1.Mose 9,4; 3.Mose 3,17; 3. Mo 7,26-27; 3. Mo 17,10-14; 3. Mo 19,26; 5.Mose 12,15-16.23-24; 5. Mo 15,23) ist dieser Abschnitt der deutlichste und beschreibt am ausführlichsten den Sinn dieser Bestimmung. Vers 11 nennt zwei Gründe für das Verbot: 1. Das Leben eines Körpers ist in seinem Blut, da ein Tier ohne Blut nicht leben kann. Daher wird durch den Verzicht auf das Essen von Blut die Heiligkeit des Lebens unterstrichen. 2. Das Blut ist die Entsühnung für euer Leben (Luther: »Entsühnung, weil das Leben in ihm ist«). Gott hat das Blut als Preis für das stellvertretende Opfer gewählt. Auf das Essen des Blutes zu verzichten betont daher auch die Heiligkeit der Opfer. Die Aussage Ich habe es euch zur Entsühnung für euer Leben auf dem Altar gegeben schließt eine magische Wirkung des Blutes aus. Es ist nur deswegen von Bedeutung, weil Gott es gegeben hat, also weil Gott es so festlegte. Die Strafe für die Übertretung des Gebotes ist wiederum dieselbe (ausgerottet aus dem Volk, vgl. den Kommentar zu V.4).

[[@Bible:Lev 17:13]]5.Die Anwendung dieser Erfordernisse auf gejagte Tiere (17,13-16)


War bisher vom Opfern und vom Blut von Haustieren die Rede, so wird nun von wilden Tieren gesprochen. Da wilde Tiere sowieso nicht als Opfertiere verwendet werden durften, weil sie den Opfernden nichts kosteten, konnte nur das Verbot des Blutessens auf sie angewendet werden. Es wäre wohl auch schwierig gewesen, ein wildes Tier erst zur Stiftshütte zu führen, bevor man es tötete.
3. Mo 17,13-14: Die Notwendigkeit, reine, also eßbare wilde Tiere ausbluten zu lassen und das Blut zu verscharren wird später auch für Haustiere, die nur zum Verzehr gedacht waren, festgelegt (5.Mose 12,15-16.22-24).
3. Mo 17,15-16: Wenn ein Mensch von einem unreinen Tier aß (genauer gesagt von einem reinen Tier, das durch die fehlende Ausblutung (vgl. 1.Sam 14, 32-35; Hes 4,14; Hes 44,31; Apg 15,20) unrein geworden war), da es gefallen war oder zerrissen wurde, sollte er seine Kleider waschen und sich mit Wasser abwaschen und unrein sein bis zum Abend, um wieder rein zu werden. Im übrigen machte ja schon das Berühren eines Kadavers unrein (3.Mose 11,39-40). Während hier dieses Gebot auch für Fremdlinge galt, wurde das Gebot später geändert, so daß solche Tiere von Fremdlingen, also Ausländern, gegessen werden durften (5.Mose 14,21). Dennoch dürfte sich das frühere Gebot, es vor die Hunde zu werfen (2.Mose 22,30) nicht auf die Ausländer beziehen, sondern wörtlich gemeint sein.

[[@Bible:Lev 18]]B.Die Gesetze über das sittliche Verhalten innerhalb des Bundes und die Nichtanpassung an heidnische Praktiken (3. Mo 18-20)


[[@Bible:Lev 18]]1.Gesetze zur Regelung sexueller Beziehungen (3. Mo 18)


Kapitel 18 legt die Grundlagen für den Rest von 3.Mose. Es führt in die Verantwortung Israels ein, vor dem heiligen Gott sein heiliges Volk zu sein, das sich von allen heidnischen Nationen absondert (vgl. die wichtigen Aussagen zur Einführung V.2-5 und zum Schluß V.24-30). Zugleich spiegelt die Struktur des Kapitels den Aufbau der damals üblichen nahöstlichen Verträge wieder (vgl. K. A. Kirchen, The Bible in its World: The Bible and Archaeology today, Downers Grove, Ill., Inter-Varsity Press, 1978, S.81-85): 1) Präambel: »Ich bin der Herr dein Gott« (3.Mose 18,2); 2) Historischer Rückblick: Ägypten, wo ihr gelebt habt (V.3); 3) Grundlegende Bedingungen: gehorcht meinen Gesetzen (V.4); 4) Verheißung des Segens: ihr werdet durch sie leben (V.5); 5) Einzelne Bedingungen: Vers 6-23; 6) Androhung des Fluches bei Ungehorsam: Vers 24-30. (Vgl. auch die Übersicht »Vergleich zwischen dem Bund am Sinai und nahöstlichen Lehensverträgen« bei 2.Mose 19.) Die Verbote in 3.Mose 18 basieren auf der Heiligkeit der Ehe und der Notwendigkeit der Stabilität des Familienlebens. Die Förderung der freien Sexualität in den heidnischen Kulturen und die kultische Prostitution in heidnischen Religionen, besonders bei den Kanaanitern, stand dem völlig entgegen.

[[@Bible:Lev 18:1]]a.Einführung in die Bundesethik (18,1-5)

3. Mo 18,1-5: Im Aufbau des Bundesvertrages bildet die Formel Ich bin der HERR, euer Gott die Präambel. Sie erscheint weitere fünf Mal als Motivation für das Halten einzelner Gebote (V.4-6.21.30). Mit fast derselben Formel werden die Zehn Gebote eingeleitet (2.Mose 20,2; 5.Mose 5,6). Die Ermahnung, die Bräuche anderer Nationen (besonders Ägypten und Kanaan, 3.Mose 18,3) zu lassen, gründet in der Person Gottes und seiner Bundesbeziehung zu Israel. Gottes Anordnungen für die physische und geistliche Gesundheit, die ein sinnvolles Leben für das erlöste Volk ermöglichen sollten, werden als Gebote und Gesetze bezeichnet. Die Motivation für das Halten dieser Gesetze ist eindeutig: der Mensch, der sie tut, wird durch sie leben, d.h. sich des Lebens erfreuen dürfen.
Gehorsam gegen Gottes Gebote führt zu einem glücklichen und erfüllten Leben (vgl. 3. Mo 26,3-13; 5.Mose 28,1-14). Die ehelichen und sexuellen Einschränkungen in 3.Mose 18 bilden zum Beispiel die Grundlage für ein glückliches und stabiles Familienleben. (Wer das Gesetz jedoch ohne die göttliche Wiedergeburt und aus eigener Kraft halten will, wird nur den Fluch des Gesetzes erfahren; vgl. Gal 3,10.)

[[@Bible:Lev 18:6]]b.Inzestverbote (18,6-18)

3. Mo 18,6-18: Das allgemeine Prinzip dieses Abschnittes wird in Vers 6 genannt: Keiner von euch soll geschlechtlichen Umgang mit Blutsverwandten haben (im Hebr. steht ein Euphemismus; wörtl.: »die Nacktheit aufdecken«). Das eigentliche Anliegen des Abschnittes ist das Verbot von inzestuösen Ehen, da das Verbot von Ehebruch und Unzucht vorausgesetzt wird (vgl. dagegen aber Harrison, Leviticus, S.186). Auch das Verbot einer Heirat mit Nichtisraeliten (5.Mose 7,3-6; vgl. 1.Kön 11,1-2) wird vorausgesetzt. Wenn ein Nichtisraelit sich jedoch zum Herrn bekehrte, war die Ehe zulässig (Beispiel: Rut).
Die folgenden Regelungen können aus dem allgemeinen Gesetz abgeleitet werden. Ein Mann konnte nicht seine Mutter (3.Mose 18,7) oder seine Schwester (V.9; oder Halbschwester; Blutsverwandtschaft ersten Grades gemäß der heutigen Genetik) heiraten. Das Verbot der Heirat der eigenen Tochter (1.Mose 19,30-38) wird vorausgesetzt und deswegen nicht erwähnt. Auch die Ehe mit der Enkelin (3.Mose 18,10; Blutsverwandtschaft zweiten Grades) oder der Tante (V.12-14; die Schwester von Vater oder Mutter) waren verboten, ebenso die Ehe mit der Witwe eines nahen Verwandten, also der Stiefmutter (V.8), mit der Halbschwester (V.11), mit der angeheirateten Tante (V.14), mit der Schwiegertochter (V.15), mit der Schwägerin (V.16), mit der Stieftochter (V.17) und mit der Stiefenkelin (V.17). Der offensichtliche Grund für den Ausschluß von angeheirateten Verwandten ist, daß Ehepartner »ein Fleisch« (1.Mose 2,24), d.h. miteinander verwandt sind und daher zur Verwandtschaft desselben Grades gehören (vgl. Wenham, Leviticus, S.254-258 für genauere Erklärungen der schwierigeren Bestimmungen).

[[@Bible:Lev 18:19]]c. Verbot von kanaanitischen Sexualpraktiken (18,19-23)

3. Mo 18,19: Vgl. 3. Mo 15,19-24 (und den Kommentar dazu); 3. Mo 20,18; 2.Sam 11,4.
3. Mo 18,20: Ehebruch wird im AT als Geschlechtsverkehr einer verheirateten oder verlobten Frau mit einem anderen Mann als ihrem Ehemann verstanden. Dazu zählte also nicht der Verkehr zwischen Unverheirateten, auf den eine geringere Strafe stand (2.Mose 22,15-16; 5.Mose 22,28-29).
3. Mo 18,21: Moloch war die Nationalgottheit der Ammoniter (1.Kön 11,7; vgl. 2.Kön 23,10; Jer 32,35). Es geht hier entweder um Kinderopfer durch Verbrennen (2.Kön 3,27; 5.Mose 12,31; 5. Mo 18,10; vgl. die hohe Strafe in 3.Mose 20,2-5) oder aber, was der Kontext nahelegt, um das Weihen der Kinder zu Tempelprostituierten (so Snaith, Leviticus and Numbers, S.125).
3. Mo 18,22-23: Ebenso waren Homosexualität (vgl. 1.Mose 19; 3.Mose 20, 13; Ri 19,22; Röm 1,26-27; 1.Kor 6,9) und der Verkehr mit Tieren (vgl. 2.Mose 22,18; 3.Mose 20,15-16; 5.Mose 27,21) verboten.

[[@Bible:Lev 18:24]]d.Abschliessende Warnung vor Ungehorsam gegenüber den Bundesbedingungen (18,24-30)

3. Mo 18,24-30: Dieser Abschnitt entspricht dem fünften und letzten Teil eines Lehensvertrages und enthält dementsprechend den Fluch für den Fall des Ungehorsams. Wegen all der eben beschriebenen Dinge (besonders V.19- 23) hatte Gott die Ausrottung der Kanaaniter befohlen. Israel sollte dieselbe Strafe erleiden, wenn es ungehorsam würde. Die bildliche Rede, daß das Land seine Bewohner ausspie (V.25.28) zeigt, was für ein Greuel (V.26.29) Gott die verbotenen Praktiken sind. Das Kapitel endet mit denselben Worten, mit denen es begann: Ich bin der HERR, euer Gott.

[[@Bible:Lev 19]]2.Gesetze zur Förderung der aktiven Heiligkeit vor Gott und den Menschen (3. Mo 19)


»Die Unterschiedlichkeit des Materials in diesem Kapitel zeigt die Vielfältigkeit des Lebens. Alle Aspekte des menschlichen Lebens unterstehen dem Gesetz Gottes« (Wenham, Leviticus, S.264). Die Heiligkeit Gottes (V.2) ist das Fundament, das alle einzelnen Bestimmungen zur Heiligung des alltäglichen Lebens trägt. Auch wenn dem modernen Leser die spezielle Begründung der einzelnen Gebote (z.B. V.19) nicht immer sofort einleuchtet, sind die ethischen Gebote in diesem Kapitel nicht willkürlich, sondern gerecht und human und fördern die rücksichtsvolle Behandlung von alten, behinderten, armen, fremden, arbeitenden und anderen Menschen. Die Gebote behandeln dabei nicht nur äußere Handlungen, sondern gehen bis zur inneren Motivation zurück (vgl. V.17-18). Es muß auch beachtet werden, daß die wichtigen Prinzipien der Zehn Gebote in diesem Kapitel wiederzufinden sind, auch wenn eine andere Reihenfolge und Betonung gewählt wurde. Die Formeln »Ich bin der Herr« und »Ich bin der Herr, euer Gott« finden sich 16 Mal in Kapitel 19 und unterteilen das Kapitel meistens in Unterabschnitte.

[[@Bible:Lev 19:1]]a.Einleitung (19,1-2)

3. Mo 19,1-2: Das Kapitel wendet sich nicht an einige wenige Asketen, sondern an die ganze Gemeinde der Israeliten. Die Motivation für die Heiligung wird mit einem Satz ausgedrückt, der das Motto von 3.Mose überhaupt ist: Ihr sollt heilig sein, denn ich, der HERR, euer Gott, bin heilig. Diese Aussage schweißt Theologie und Ethik für immer und untrennbar zusammen. Alle menschliche Moralität muß immer auf dem unwechselbaren Wesen Gottes beruhen. »Jede biblische Aussage über Gott trägt stillschweigend eine Aufforderung an den Menschen in sich, ihn im alltäglichen Leben nachzuahmen« (R. E. Clements, »Leviticus«, Broadman Bible Commentary, Bd. 2, S.51). (Es ist in diesem Zusammenhang sicher nicht zufällig, daß jede Ethik, auch jede medizinische, politische oder sonstige Ethik, letztlich immer religiös begründet ist.)

[[@Bible:Lev 19:3]]b.Verschiedene Vorschriften (19,3-10)

3. Mo 19,3-4: Das Ehren der Eltern und das Halten des Sabbats fassen das ganze Gesetz und die Zehn Gebote zusammen und zeigen, daß Heiligkeit immer zu Hause beginnt. Ein Kind, das lernt, Vater und Mutter zu ehren (wörtl. »zu fürchten« wie in V.14) wird auch »Gott fürchten« und sich nicht zu den Götzen wenden und keine gegossenen Götter machen (V.4).
3. Mo 19,5-8: Diese Bestimmungen wiederholen die Anordnungen über den richtigen Umgang mit dem Fleisch eines Dankopfers in 3. Mo 7,15-20. Die Härte der Strafe (ausgerottet aus dem Volk, 3. Mo 19,8) zeigt, wie ernst es Gott mit dem Mißbrauch der Opfer war.
3. Mo 19,9-10: Das Getreide in den Ecken der Felder und die abgefallenen Beeren in den Weinbergen sollten für die Armen übriggelassen werden (3. Mo 23,22; 5.Mose 24,19-22; vgl. Rut 2).

[[@Bible:Lev 19:11]]c.Verhalten gegenüber dem Nächsten (19,11-18)

3. Mo 19,11-18: Diese Verbote sollen zunächst ein harmonisches und heiliges Zusammenleben der Israeliten fördern. Doch die Aufforderung Liebe deinen Nächsten wie dich selbst (V.18) wird schon im AT (3.Mose 19,34: Liebe ihn (den Fremdling) wie dich selbst) und erst recht im NT (Mt 5,43; Mt 19,19; Mt 22,39; Mk 12,31.33; Lk 10,27; Röm 13,9; Gal 5,14; Jak 2,8) auf alle Menschen ausgedehnt. Die Bestimmungen fördern die Ehrlichkeit im Umgang mit dem Geld (3.Mose 19,11) und der Wahrheit (V.12), die rücksichtsvolle Behandlung von Schwachen, Arbeitern und Behinderten (V.13-14), Gerechtigkeit vor Gericht für Arme und Große und die Liebe als eigentliches Motiv für den Umgang miteinander (V.17-18). In Vers 17 wird es als Hassen des Bruders angesehen, wenn man ihn nicht mit dem Gesetz Gottes ermahnt. Wahre Liebe führt nicht zu Gleichgültigkeit und falscher Toleranz, sondern zu einem ernsten Sorgen um den anderen.

[[@Bible:Lev 19:19]]d.Verschiedene Vorschriften (19,19-37)

3. Mo 19,19: Dieser Abschnitt beginnt und endet mit der Aufforderung Meine Satzungen sollt ihr halten (V.19.37). Die Trennung von zwei Arten in Vers 19 sollte ein Hinweis darauf sein, daß der Mensch nicht vermischen darf, was Gott getrennt hat und daß der Mensch Gottes Schöpfungsordnungen nicht ändern soll.
3. Mo 19,20-22: Nach 20,10 mußte ein Mann sterben, wenn er Ehebruch mit der Frau eines anderen Mannes beging. In Vers 20 geht es aber um eine Sklavin. In diesem Falle sollten die Betroffenen nicht sterben, da sie nach dem Gesetz immer noch eine Sklavin und nicht freigekauft oder freigelassen war. Trotzdem hatte eine Bestrafung zu erfolgen, vermutlich eine Geldsumme an den Besitzer oder den Verlobten. Außerdem mußte ein Schuldopfer zur Versöhnung dargebracht werden.
3. Mo 19,23-25: Die ersten Früchte eines Obstbaumes sollten im vierten Jahr als ein Opfer des Jubels an den HERRN geweiht werden. Die mageren Ernten der ersten drei Jahre sollten Gott nicht dargebracht werden, sondern galten als unrein. Die Erstgeburtsgesetze umfaßten neben der Ernte (2.Mose 23,19; 3.Mose 23,10; 5.Mose 26,1-15) auch die Tiere (2.Mose 34,19-20; 5.Mose 15,19) und Kinder (2.Mose 13,2; 4.Mose 8,16-18).
3. Mo 19,26-31: Diese Verbote beziehen sich vermutlich auf heidnische Riten, einschließlich heidnischer Trauerriten (V.27-28), kultischer Prostitution (V.29) und Wahrsagerei bzw. Totenbefragung (V.31). Statt dessen sollten die von Gott verordneten Riten und Feste beachtet werden (V.30).
3. Mo 19,32-34: Positiv sollte auch das Alter geehrt werden (V.32) und der Fremdling, der sich niedergelassen hatte, nicht unterdrückt werden (V.33).
3. Mo 19,35-36: Die Ehrlichkeit auf dem Markt beweist, wie praktisch die Heiligkeit im alltäglichen Leben wird, die der Herr erwartet (vgl. 5.Mose 25,13-16; Spr 11,1; Spr 16,11; Spr 20,10; Amos 8,5; Mi 6,11 und den Kommentar zu Hos 12,7).
3. Mo 19,37: Diese Zusammenfassung erinnert an 3. Mo 18,4.30.

[[@Bible:Lev 20]]3.Gesetze über die Todesstrafe (3. Mo 20)


Kapitel 20 ergänzt und unterstreicht Kapitel 18, indem es das Strafmaß für verschiedene Vergehen festlegt. Während die Gesetze in Kapitel 18-19 bestimmte Handlungen verbieten und sich an Menschen wenden, die vor einer Sünde stehen, behandelt Kapitel 20 die Strafe nach geschehenen Verbrechen und wendet sich an die ganze Gemeinde. Auf alle Verbrechen dieses Kapitels, mit Ausnahme der in Vers 19-21 beschriebenen, steht die Todesstrafe (vgl. 2.Mose 21,12-17). Dies war notwendig, um der Ansteckungsgefahr innerhalb des Volkes Gottes vorzubeugen. Die schwerwiegendsten Sünden gegen das Leben, gegen die Religion und gegen die Familie sind an der Todesstrafe zu erkennen, nämlich Mord (2.Mose 21,12; 4.Mose 35; 5.Mose 19), Entführung (2.Mose 21,16; 5.Mose 24,7), Ehebruch (3.Mose 20,10; 5.Mose 22,22), Homosexualität (3.Mose 20,13); Gotteslästerung (3. Mo 24,13-16. 23); Götzendienst (5.Mose 13,6-10) und anhaltender Ungehorsam gegenüber Autoritäten (5.Mose 17,12; 21, 18-21).
Die Art der Todesstrafe wird zweimal mit Steinigung (3.Mose 20,2.27) und einmal mit Verbrennen (V.14, wurde in der jüdischen Tradition fälschlich als das erzwungene Schlucken von heißem Blei verstanden!) angegeben. Die schwerwiegendste Beschreibung der Todesstrafe findet sich jedoch in Vers 3.5-6 (vgl. V.17-18): Ich werde ihn aus seinem Volk ausrotten. Dieses direkte göttliche Strafgericht wird zumindest in diesem Fall durch die Steinigung des Verbrechers vermittelt (V.2). Wenham geht davon aus, daß die Ausrottung durch Gott die staatliche Strafe ergänzt, indem sie eine Trennung vom Volk Gottes auch über den Tod hinaus bewirkt (Leviticus, S.278; vgl. S.242+285).

[[@Bible:Lev 20:1]]a.Sünden gegen die Religion, die die Todesstrafe erfordern (20,1-6)

3. Mo 20,1-6: Der Abschnitt über die Verehrung des Molochs ist eine Erweiterung von 3. Mo 18,21. Die Totenbefragung wurde bereits in 3. Mo 19,31 verboten.

[[@Bible:Lev 20:7]]b.Ermahnung zur Heiligkeit (20,7-8)

3. Mo 20,7-8: Mitten im Abschnitt über die Todesstrafe findet sich Gottes gnädige Aufforderung zur Heiligkeit, die wiederum von seiner Heiligkeit motiviert ist.

[[@Bible:Lev 20:9]]c.Sünden gegen die Familie, die die Todesstrafe erfordern (20,9-11)

3. Mo 20,9-21: Zur Todesstrafe im Fall des fortgesetzten Ungehorsams gegen die Eltern (V.9) vgl. 2.Mose 21,17; 3.Mose 20,10-17. Der Abschnitt entspricht weitgehend 3. Mo 18,6-23 (siehe den Kommentar dort). Es wird die Androhung der Todesstrafe und das Verbot des Geschlechtsverkehrs mit einer Frau während ihrer Periode (vgl. den Kommentar zu 3. Mo 15,19-20) hinzugefügt. Das Strafmaß in 3. Mo 20,19-21 ist unklar.

[[@Bible:Lev 20:22]]d.Ermahnung zur Heiligkeit (20,22-26)

3. Mo 20,22-26: Die Warnungen und Ermahnungen in Vers 22-24 entsprechen weitgehend denen in 3. Mo 18,24-30. Vers 25-26 über den Unterschied zwischen rein und unrein steht in Beziehung zu der Tatsache, daß Gott Israel von den Nationen abgesondert hatte (V.24.26) und sie heilig sein sollten, weil er heilig ist (V.26).

[[@Bible:Lev 20:27]]e.Eine Sünde gegen die Religion, die die Todesstrafe erfordert (20,27)

3. Mo 20,27: Vgl. Vers 6 und 3. Mo 19,31 und den Kommentar zu diesen Stellen.

[[@Bible:Lev 21]]C.Gesetze über die Heiligkeit der Priester und der Opfer (3. Mo 21-22)


[[@Bible:Lev 21]]1.Personenbezogene Einschränkungen für den priesterlichen Dienst (3. Mo 21)


[[@Bible:Lev 21:1a]]a.Einleitung (21,1a)

3. Mo 21,1a: Wenn Gottes Heiligkeit die Grundlage und Motivation für die Heiligkeit der ganzen Gemeinde der Israeliten sein sollte (vgl. 3. Mo 19,2), wieviel mehr mußte sie dies dann für die Heiligkeit der Priester, die am Altar dienten (3. Mo 21,1-9) und für den Hohenpriester, der der Mittler zwischen den Menschen und Gott war, sein.

[[@Bible:Lev 21:1b]]b.Einschränkungen für das Trauern und Heiraten der Priester (21,1b-9)

Den Söhnen Aarons wurden zahlreiche persönliche Verbote gegeben, um ihre priesterliche Heiligkeit zu fördern.
3. Mo 21,1b-4: Die Priester sollten die zeremonielle Unreinheit durch den Kontakt mit Toten, auch bei Trauerfeiern, ganz vermeiden. Die einzige Ausnahme waren nahe Verwandte, nämlich Blutsverwandte ersten Grades, die einzeln genannt werden. Bei der Schwester wird eine weitere Einschränkung vorgenommen. Ihre Leiche darf nur dann vom Priester berührt werden, wenn sie noch nicht verheiratet war. (Im Falle von Nadab und Abihu (3. Mo 10,3-7) galten auch diese Ausnahmen nicht, weil sie durch ein göttliches Gericht starben.)
3. Mo 21,5-6: Wie alle Israeliten (3. Mo 19,27-28; vgl. 5.Mose 14,1) sollten auch die Priester heidnische Trauerriten meiden. Die Teilnahme an solchen Praktiken würde den Namen ihres Gottes entheiligen und sie unfähig machen, die Feueropfer des HERRN zu opfern.
3. Mo 21,7-8: Aus demselben Grund sollten die Priester keine Prostituierten und Geschiedenen heiraten, während dies nicht für Witwen galt (im Gegensatz zum Hohenpriester, V.14). Offensichtlich hatte der Ruf der Ehefrau Auswirkungen auf die Befähigung des Priesters für heilige Dinge. Die Motivation und Bedeutung der Heiligkeit findet sich in dem Ausspruch Ich bin heilig, der HERR, der euch heiligt. Die dreifache Wiederholung dieser Aussage in ähnlicher Form markiert die drei Hauptabschnitte von Kapitel 21 (V.8. 15.23).
3. Mo 21,9: Die Befähigung des Priesters zum Dienst wurde nicht nur von dem Ruf seiner Frau (V.7-8), sondern auch von dem Ruf seiner Tochter berührt. Prostitution (kultisch oder nicht) erforderte die Todesstrafe (Verbrennen mit Feuer).

[[@Bible:Lev 21:10]]c.Einschränkungen für das Trauern und Heiraten des Hohenpriesters (21,10-15)

3. Mo 21,10-12: Ein noch strikterer Maßstab wurde an den Hohenpriester angelegt, der sich von den übrigen Priestern durch das Salböl, das über seinen Kopf gegossen wurde und seine hohepriesterliche Kleidung unterschied. Er durfte sich überhaupt nicht verunreinigen, noch nicht einmal an Vater oder Mutter (V.11 im Gegensatz zu V.2). Er durfte auch nicht die normalen Anzeichen der Trauer zeigen (z.B. die Haare wirr hängen lassen, V.10) und erst recht nicht heidnische Riten befolgen (vgl. V.5). Die Aufforderung in Vers 12, das Heiligtum nicht für Trauerfeiern zu verlassen, bedeutet nicht, daß der Hohepriester dort gelebt hätte.
3. Mo 21,13-15: Der Hohepriester erhielt eine absolut strikte Anweisung, nur eine Jungfrau zu heiraten. Damit war selbst eine Witwe ausgeschlossen, die ein normaler Priester heiraten durfte (V.7). Damit wurde auch sichergestellt, daß der Erstgeborene und damit der nächste Hohepriester, wirklich ein Nachkomme des Hohenpriesters war.

[[@Bible:Lev 21:16]]d.Einschränkungen für Priester mit physischen Fehlern (21,16-23)

3. Mo 21,16-21: Priester mit einem physischen Fehler durften die Darbringung der Opfer nicht vornehmen. Die genannten Entstellungen und Mißbildungen sind wohl eher als Beispiele denn als vollständige Liste zu verstehen (vgl. die Liste über Fehler bei Tieren 22,20-25). Die zeremonielle Ganzheit und Vollständigkeit des levitischen Systems fand in der körperlichen Vollständigkeit und Normalität ihren Ausdruck (Wenham, Leviticus, S.23-25.169-171).
3. Mo 21,22: Die entstellten Priester durften aber nicht nur vom Heiligen, also von dem Priesteranteil beim Dankopfer, sondern auch vom Hochheiligen, also dem Priesteranteil bei allen anderen Opfern, essen.
3. Mo 21,23: Die Zusammenfassung unterstreicht wieder die Rolle des Herrn, der die Menschen heiligt.

[[@Bible:Lev 21:24]]e.Schluss (21,24)

3. Mo 21,24: Dieser Schluß zeigt, daß Mose gehorsam war (vgl. V.1: »sage zu den Priestern«) und die Worte an Aaron und seine Söhne in Gegenwart des ganzen Volkes weitergab.

[[@Bible:Lev 22]]2.Anordnungen über die heiligen Opfer (3. Mo 22)


[[@Bible:Lev 22:1]]a.Einleitung (22,1-2)

3. Mo 22,1-2: Die Einleitung entspricht 3. Mo 21,1 (vgl. den Kommentar dazu). Der Herr gab Mose Anweisungen für Aaron und seine Söhne. Sie sollten das Heilige, d.h. die Opfergaben, die sie heiligen, achten und ehren. Es geht bei diesen Ausdrücken wohl ganz allgemein um die priesterlichen Vorrechte, einschließlich des Zehnten, der Erstlingsgaben und der Opfer (vgl. 4.Mose 18,8-19). Durch den unachtsamen Umgang mit diesen Dingen entheiligten sie nämlich den heiligen Namen des Herrn.

[[@Bible:Lev 22:3]]b.Einschränkungen für den Verzehr der heiligen Opfer durch die Priester (22,3-9)

3. Mo 22,3-9: Ein Priester durfte im Falle zeremonieller Unreinheit weder Opfer darbringen noch Opferfleisch essen. Die Strafe war ernst. Er sollte ausgerottet werden vor meinem Antlitz, wie es bei Nadab und Abihu geschehen war (3. Mo 10). Ursachen für die Unreinheit konnten unter anderem ansteckende Hautkrankheiten (3. Mo 13-14), Ausflüsse (3. Mo 15) und das Berühren von Leichen (vgl. 3. Mo 11,39) sein. Vers 9 unterstreicht wieder die Wichtigkeit der Heiligung und die Tatsache, daß der Herr sein Volk heiligt.

[[@Bible:Lev 22:10]]c.Einschränkungen für den Verzehr der heiligen Opfer durch Nichtpriester (22,10-16)

3. Mo 22,10-13: Diese Bestimmungen legen fest, wer genau an einer heiligen Mahlzeit teilnehmen durfte. Die Familie des Priesters durfte daran teilnehmen, doch wer zählte dazu? Offensichtlich gehörte jeder, der dauerhaft bei ihm wohnte, dazu, also auch ein Sklave (V.11) oder eine verwitwete oder geschiedene und kinderlose Tochter (V.13). Gäste oder Tagelöhner, die nicht dauerhaft bei ihm wohnten (V.10) oder eine Tochter, die im Haushalt ihres Ehemannes lebte (V.12) gehörten jedoch nicht zur Familie des Priesters.
3. Mo 22,14-16: Wer aus Versehen von dem Heiligen aß, obwohl er es nicht durfte, mußte dem Priester alles wiedererstatten und zusätzlich 20 Prozent Strafe bezahlen. Die Priester waren dafür verantwortlich, daß das Heilige nur von berechtigten Personen gegessen wurde (3. Mo 22,15-16).

[[@Bible:Lev 22:17]]d.Einschränkungen bezüglich der Opfer (22,17-30)

3. Mo 22,17-21: Der Abschnitt über die Eigenschaften der Opfertiere beginnt mit einer allgemeinen Einführung über die Brand- und Dankopfer.
3. Mo 22,22-25: Das Verbot, fehlerhafte Tiere zu opfern, wird mit ähnlichen Worten gegeben wie die Regelungen bezüglich der Priester (3. Mo 21,18-20), was wohl mit Bedacht geschieht. Wenham weist darauf hin, daß die Opfertiere »die Priester unter den Tieren« sind. Wie die unreinen Tiere die Heiden und die reinen Tiere die Israeliten symbolisieren, symbolisieren die Opfertiere die Priester (Leviticus, S.290; vgl. S.170). Nur beim freiwilligen Dankopfer wurde eine Ausnahme gemacht (3. Mo 22,23).
3. Mo 22,26-28: Einschränkungen wurden auch bezüglich der Jungtiere gemacht. Sie durften nicht vor dem achten Tag und nicht am selben Tag wie ihre Muttertiere geopfert werden.
3. Mo 22,29-30: Dieser Schluß betont sowohl die göttliche Heiligkeit als auch die göttliche Gnade (der euch aus Ägypten gebracht hat; vgl. den Kommentar zu 5.Mose 4,20) als Motivation für die Heiligkeit im Leben des Volkes Gottes (vgl. 3.Mose 18,24-30; 3. Mo 19,36-37; 3. Mo 20,22-26).

[[@Bible:Lev 23]]D.Die Gesetze über die festgesetzten Feste für den Herrn (3. Mo 23)


Das levitische System kannte sowohl persönliche als auch nationale Anlässe für Opfer und Anbetung Gottes. Der größte Teil der Kapitel 1-7 betrifft Opfer eines einzelnen. Kapitel 23 behandelt die jährlichen Feste der ganzen Nation. Obwohl andere Abschnitte einzelne der Feste ausführlicher beschreiben (z.B. das Passafest in 2.Mose 12-13 und der große Versöhnungstag in 3.Mose 16), findet sich nirgends eine so vollständige Darstellung der Feste in der Reihenfolge des israelischen Festkalenders. Die Bestimmungen werden aus der Sicht eines normalen Israeliten gegeben. 4.Mose 28-29 behandelt praktisch dieselben Feste (mit Ausnahme der Erstlingsgarbe der Ernte, 3.Mose 23,9-14) aus der Sicht der Priester, so daß man dort eher Einzelheiten über den zeitlichen Ablauf der einzelnen Feste findet. Nachdem Israel in das Land Kanaan eingezogen war, waren die drei großen Feste des Jahres (Fest der ungesäuerten Brote mit Passa, Pfingsten, das Fest der Ernte (zur Saat) und das Fest der Lese oder Laubhüttenfest; vgl. 2.Mose 23, 14-17; 2. Mo 34,18-25; 5.Mose 16,1-17) Anlässe zur Pilgerfahrt nach Jerusalem, weil dann »alle« männlichen Israeliten im Zentralheiligtum vor dem Herrn erscheinen sollten. Deswegen schließt die Grundbedeutung des hebräischen Wortes für Fest (hag; z.B. 3.Mose 23,6.34.39; 5.Mose 16,16; 2.Chr 8,13) auch den Gedanken der Pilgerfahrt mit ein und kann mit »Pilgerfest« (Wenham, Leviticus, S.303) wiedergegeben werden. Ein anderes hebräisches Wort (mô`ed, einberufene Versammlung, festgelegte Zeit) erscheint in seiner Pluralform viermal in 3.Mose 23 (V.2.4.37.44).
Die genaue Zahl der jährlichen Feste, die hier aufgelistet werden, ist umstritten. Wenn man das Fest der ungesäuerten Brote (V.4-8) und das Passa (V.9-14) unterscheidet und die erste Garbe der Ernte (V.9-14) nicht als eigenes Fest zählt, kommt man auf sechs Feste. Eine natürlicher wirkende und von dem Aufbau des Kapitels ausgehende Einteilung geht von folgenden Festen aus: a) Die Frühlingsfeste (Frühling und früher Sommer): Passafest, Fest der ungesäuerten Brote mit der Erstlingsgarbe zur Zeit der Saat (manchmal, aber zu Unrecht, als eigenständiges Fest angesehen) und 50 Tage später Pfingsten; und b) die Herbstfeste im siebten Monat: Fest des Posaunenblasens, großer Versöhnungstag und Laubhüttenfest.

[[@Bible:Lev 23:1]]1.Einführender Kommentar (23,1-4)


3. Mo 23,1-4: In Kapitel 23 weist der Herr sein Volk an, bestimmte Zeiten für nationale Anbetung und Opferfeiern freizuhalten. Das hebräische Wort mô`ed (in Kapitel 23 immer Plural: mô`adîm, festgelegte Feste; vgl. zum Wort die Einführung zu 3. Mo 23) kann zwar auch den vereinbarten Ort eines Treffens bezeichnen (z.B. ´ohel mô`ed, »Zelt des Treffens«, d.h. die Stiftshütte), meint hier aber die Zeit des Treffens (V.2.4.37.44). Die Erwähnung des wöchentlichen Sabbats ist eigentlich ein Einschub, weil der Rest des Kapitels ausschließlich jährliche Feste behandelt. Seine Erwähnung soll wohl daran erinnern, daß alle wöchentlichen und jährlichen Feste ein Bestandteil des umfassenden Sabbatsystems sind (vgl. 3. Mo 25). Der Sabbat war eine Zeit der Ruhe (2.Mose 20,8-11; vgl. 1.Mose 2,1-3) und eine Zeit der Erinnerung an die Erlösung aus der ägyptischen Knechtschaft (5.Mose 5,15; 3.Mose 23,43).

[[@Bible:Lev 23:5]]2.Die Frühlingsfeste (23,5-22)


Im Anschluß an die Einleitung teilt sich Kapitel 23 in zwei Teile, die jeweils mit der Formel »Ich bin der Herr, euer Gott« abschließen. Beide Abschnitte unterteilen sich jeweils wieder in zwei Unterabschnitte. Alle vier Unterabschnitte enden mit den Worten »Dies soll eine ewige Ordnung sein bei euren Nachkommen, überall, wo ihr wohnt« (V.14.21.31.41).

[[@Bible:Lev 23:5]]a.Das Passafest und das Fest der ungesäuerten Brote (23,5-14)

3. Mo 23,5: Das Passa des HERRN sollte am Abend (wörtl.: »zwischen den Abenden«, also zwischen Sonnenuntergang und völliger Nacht oder zwischen Niedergang und Untergang der Sonne, am besten »während der Dämmerung«) des 14. Tages des ersten Monats (Abib, später Nisan genannt) gefeiert werden, um an den Auszug Israels aus Ägypten zu erinnern (5.Mose 16,1-7), und dabei besonders an die Erlösung vom Tod, als der Todesengel durch Ägypten ging und die Erstgeborenen in den Häusern schonte, deren Türpfosten mit dem Blut des Passalammes bestrichen waren (2.Mose 12,1-2. Mo 13,10). Das Passa wurde zum ersten Mal am Sinai wiederholt (4.Mose 9,1-5), fand dann aber erst wieder statt, als Israel nach Überschreiten des Jordans im verheißenen Land bei Gilgal lagerte (Jos 5,10-12).
3. Mo 23,6-8: Das Fest der ungesäuerten Brote für den HERRN sollte am Morgen, nachdem das Passalamm geschlachtet worden war, beginnen und sieben Tage dauern (vom 15. bis zum 21. Tag des ersten Monats). Das Fest erhielt seinen Namen in Erinnerung an die eilige Flucht aus Ägypten, als Gott befahl, keinen Sauerteig in das Brot zu tun (2.Mose 12,14-20). Der erste und der letzte Tag waren als Zeitpunkt der heiligen Versammlungen festgelegt. An ihnen durfte keine Arbeit getan werden. Der Verzicht auf den Sauerteig sollte vielleicht den Bruch zwischen dem alten Brot in Ägypten und dem neuen Brot des Herrn symbolisieren, da normalerweise etwas Sauerteig von einem alten Brot dem neuen Teig hinzugefügt, diese Kontinuität nun aber unterbrochen wurde.
3. Mo 23,9-14: Dieser Abschnitt wird von vielen auf ein drittes, eigenständiges Fest bezogen. (Die Garbe stammt offensichtlich von der Gerste, da das Fest im März/April gefeiert wurde, wenn die erste Gerste zu ernten war, während der Weizen nicht vor Juni/Juli geerntet werden kann.) Es wird eine besondere Zeremonie beschrieben (Schwenken der Garbe von Gerste vor dem Herrn), die am Tag nach dem Sabbat stattfinden sollte (V.11; entweder der Tag nach dem Sabbat zu Beginn des Festes der ungesäuerten Brote, also der 16. des Monats, oder der Tag nach dem Sabbat am Ende dieses Festes, also am 21. Tag, so etwa Wenham, Leviticus, S.304). Diese Zeremonie dürfte jedoch eher als Bestandteil des Festes der ungesäuerten Brote zu verstehen sein, da sie unmittelbar in dessen zeitlichen Ablauf gehörte. Die Formel am Ende von Vers 14 erweist die gliederungsmäßige Zusammengehörigkeit des Passa, des Festes der ungesäuerten Brote und der Erstlingsgarbenzeremonie.

[[@Bible:Lev 23:15]]b.Pfingsten (23,15-22)

Das Wochenfest (vgl. 4.Mose 28,26; 5.Mose 16,10) wird im NT Pfingsten genannt (Apg 2,1; nach dem griechischen Wort pentekoste, »der 50.«, gemeint ist der 50. Tag), weil es an dem Tag nach dem Verstreichen von sieben ganzen Wochen im Anschluß an die Zeremonie der Erstlingsgarbe (3.Mose 23,15-16) gefeiert wurde. Es wurde auch »Ernte(dank)fest« (2.Mose 23, 16; vgl. 3. Mo 34,22) und »Tag der Erstlingsfrucht« (4.Mose 28,26) genannt. Als ein bäuerliches Fest im Frühsommer am Ende der Weizenernte (2.Mose 34,22) war es zwar von der Zeremonie der Erstlingsgarbe unterschieden, aber doch eng mit ihr verbunden, gibt es doch keine Zeitspanne wie die 50 Tage, die die Frühlingsfeste mit Pfingsten verbindet. Pfingsten ist das einzige der drei großen Jahresfeste (vgl. 5.Mose 16,1.3.6; 3.Mose 23,42-43), das im AT nicht mit einem Ereignis der Geschichte Israels in Verbindung gebracht wird. Die jüdische Tradition hat Pfingsten allerdings später mit dem Tag, an dem Gott Mose das Gesetz am Sinai gab, in Verbindung gebracht.
3. Mo 23,15-17: Im Anschluß an die genaue Zeitangabe für das Fest (V.15-16a) wird ein neues Speisopfer von Weizenmehl für den Herrn und als Erstlingsgabe ein Schwingopfer von zwei gesäuerten Broten beschrieben. Dies ist die einzige Zeit im Jahr, an der dem Herrn gesäuerte Brote dargebracht werden durften, auch wenn sie nicht auf dem Altar verbrannt wurden.
3. Mo 23,18-20: Die Opfer für dieses Fest waren umfangreicher als diejenigen für das Fest der ungesäuerten Brote (V.12). Sie bestanden aus einem Brandopfer von sieben männlichen Lämmern... einem jungen Stier und zwei Widdern zusammen mit der vorgeschriebenen Menge der Speisopfer und Trankopfer, ein Sündopfer von einem Ziegenbock und ein Dankopfer von zwei Lämmern. Ein Teil dieser Lämmer sollte zusammen mit dem Brot der Erstlingsgabe (vgl. V.17) als Schwingopfer verwendet werden, das dem diensthabenden Priester als Anteil für das Ausführen der Zeremonie gegeben wurde.
3. Mo 23,21: Dieser Festtag war als ein besonderer Tag für eine heilige Versammlung festgelegt, an dem keine normale Arbeit getan werden durfte. Pfingsten und alle damit zusammenhängenden Vorschriften (V.4-14) sollten als ewige Ordnung für alle Nachkommen gelten.
3. Mo 23,22: Die Erinnerung an die Nachlese der Ernte für die Armen scheint im ersten Moment an dieser Stelle fehl am Platz zu sein. Da jedoch die Weinlese, die erst später im Jahr stattfand, im Gegensatz zu 3. Mo 19,1-10 nicht erwähnt wird, scheint diese Erinnerung wegen ihres jahreszeitlichen Zusammenhanges im Anschluß an Pfingsten eingefügt worden zu sein. So wie für die Priester durch den Anteil am Opferfleisch gesorgt wurde (vgl. 3. Mo 23,20), wurde für die Armen durch die Nachlese der Ernte gesorgt, die für sie auf dem Feld bleiben mußte (vgl. 5.Mose 14,27-29; 3. Mo 16,11).

[[@Bible:Lev 23:23]]3.Die Herbstfeste (23,23-43)


Die letzten drei festgelegten Feste des Herrn im siebten Monat (Tischri, Oktober/November) stehen am Ende des landwirtschaftlichen Jahres und vor den beiden Regenzeiten im neuen Jahr. Der siebte Monat wurde in nachexilischer Zeit im staatlichen Kalender zum ersten Monat und damit zum Jahresanfang.

[[@Bible:Lev 23:23]]a.Das Fest des Posaunenblasens (23,23-25)

3. Mo 23,23-25: Silberne Trompeten wurden am ersten Tag eines jeden Monats geblasen (4.Mose 10,2.10). Das Blasen der Trompeten am ersten Tag des siebten Monats war darüber hinaus wohl eine Ankündigung des großen Versöhnungstages (vgl. 3.Mose 23,26-32). Das Fest des Posaunenblasens war ein Tag der Ruhe und eine heilige Versammlung, an denen keine normale Arbeit verrichtet werden durfte und an denen dem Herrn bestimmte Opfer gebracht wurden (vgl. 4.Mose 29,1-6).

[[@Bible:Lev 23:26]]b.Der grosse Versöhnungstag (23,26-32)

3. Mo 23,26-28: Der große Versöhnungstag fand am zehnten Tag des siebten Monats statt. Die wichtigsten Angaben zu diesem großen Tag wurden bereits in 3.Mose 16,1-28 (und 4.Mose 29,7-11) gemacht. Kapitel 23 behandelt nunmehr die Frage, wie sich der normale Israelit an diesem Tag zu verhalten hatte. Vers 26-28 beschreiben das Anliegen des Tages: Ihr sollt eine heilige Versammlung halten und fasten und dem HERRN Feueropfer darbringen und keine Arbeit tun. Neben dem zentralen Versöhnungsopfer (3. Mo 16,3-28) wurden an dem Tag auch weiter vorgeschriebene Opfer dargebracht (4.Mose 29,8-11). Das Arbeitsverbot war absolut zu verstehen (vgl. 3.Mose 23,30-31). An diesem Tag waren nicht nur wie in anderen Fällen (z.B. V.7) die normalen Arbeiten verboten, sondern anscheinend auch kleine Hausarbeiten wie das Anzünden von Feuer oder das Kochen (vgl. 2.Mose 16,23-30; 4.Mose 15,32-36).
3. Mo 23,29-31a: Das Wort für fasten (eigentlich »sich verneinen«, »sich versagen«, V.32) umfaßt wohl auch das Fasten, darüber hinaus aber auch andere Zeichen von Trauer wie das Tragen von Sack und Asche (Jes 58,3. 5). Die Strafe für das Übertreten des Fastengebotes und des Arbeitsverbotes war schwer: Er wird ausgerottet werden (V.29), bzw. er soll vertilgt werden (V.30), worunter wohl ein direktes Gericht Gottes zu verstehen ist.
3. Mo 23,31b-32: Wiederum wird die Bedeutung des Festes als einer ewigen Ordnung (vgl. V.21) betont und sein Charakter als ein Sabbat der Ruhe wiederholt.

[[@Bible:Lev 23:33]]c.Das Laubhüttenfest (23,33-43)

3. Mo 23,33-34: Das Laubhüttenfest war das letzte und wichtigste Fest im Jahr und dauerte sieben Tage (vom 15. bis zum 21. des siebten Monats). Das Fest war nicht nur ein Erntedankfest am Ende des landwirtschaftlichen Jahres (V.39; es konnte auch »Fest der Lese« genannt werden, 2.Mose 34,22; 5.Mose 16,13-15), sondern auch zugleich eine Erinnerungsfeier an Gottes Bewahrung während der vierzigjährigen Wüstenwanderung von Ägypten nach Kanaan, als Israel in Zelten lebte (daher der Name des Festes »Zeltfest« oder »Laubhüttenfest«).
3. Mo 23,35-36: Sowohl am ersten Tag als auch am achten Tag (dem Abschluß der jährlichen Feste, der den sieben Tagen des Laubhüttenfestes folgte) fand eine heilige Versammlung statt. An diesen Tagen war jede normale Arbeit verboten. Die Opfer an diesen Tagen waren die umfangreichsten und beeindruckendsten Opfer des ganzen Jahres (vgl. 4.Mose 29,12-38).
3. Mo 23,37-38: Dieser Einschub weist darauf hin, daß die Opfer und Feste des Herrn (vgl. 4.Mose 28-29) zu den wöchentlichen Opfern für den Sabbat des Herrn und zu den freiwilligen Opfern der einzelnen Israeliten hinzutraten. Auch die Neumondopfer sind hier hinzuzurechnen (4.Mose 28,11-15; 4. Mo 29,6 u.a.).
3. Mo 23,39-43: Nach diesem Einschub in Vers 37-38 werden noch einmal die Kalenderangaben für das Laubhüttenfest wiederholt (V.39). Es folgt die Beschreibung der besonderen Zeremonien an diesem Fest (V.40-43). Die Früchte von schönen Bäumen, Palmwedel, Zweige von Laubbäumen und Bachweiden wurden wohl zum Bau der Laubhütten verwendet, in denen das Volk in Erinnerung an ihr Leben in Zelten beim Auszug aus Ägypten für sieben Tage leben sollte. Die Bedeutung des Festes wird wiederum durch den Hinweis, daß es sich um eine ewige Ordnung handelt, unterstrichen. Die Formel Ich bin der HERR, euer Gott bildet wieder den Abschluß des ganzen Gesetzes, hier des Gesetzes über die Herbstfeste im siebten Monat (vgl. V.22).

[[@Bible:Lev 23:44]]4.Zusammenfassung (23,44)


3. Mo 23,44: Im Gehorsam gegenüber Gottes Befehl (V.2) verkündigte Mose den Israeliten die festgelegten Feste des Herrn.

[[@Bible:Lev 24]]E.Zeremonialgesetze und sittliche Anordnungen (3. Mo 24)


[[@Bible:Lev 24:1]]1.Der tägliche und wöchentliche Dienst im Zelt der Versammlung (24,1-9)


Aaron und seine Söhne mußten sich im täglichen und wöchentlichen Dienst im Heiligtum der Stiftshütte um zwei untergeordnete Gegenstände kümmern, nämlich täglich um die Lampen des goldenen Leuchters (V.2-4) und wöchentlich um die Vorbereitung und das Austauschen der »Schaubrote« (2.Mose 25,30) auf dem goldenen Schaubrottisch (3.Mose 24,5-9).
Kapitel 24 scheint auf den ersten Blick nicht ganz zwischen den Festkalender von Kapitel 23 und die Bestimmungen über Sabbat- und Erlaßjahr (3. Mo 25) zu passen. Sie erinnern jedoch daran, daß Gottes Gegenwart nicht nur während einiger wichtiger Festtage von Bedeutung ist, sondern das ganze Jahr auch durch scheinbar unwichtige Gegenstände symbolisiert wird.

[[@Bible:Lev 24:1]]a.Das tägliche Herrichten der Lampen (24,1-4)

Mose beschreibt das Aussehen (2.Mose 25,31-39), die Konstruktion (2.Mose 37,17-24) und den Aufstellungsort (2.Mose 40,24-25) des goldenen Leuchters. Als Brennstoff für die Lampen wurde reines Öl aus zerstoßenen Oliven verwendet (vgl. 2.Mose 27,20-21), das reiner und von besserer Qualität war als gekochtes Olivenöl. Die Lampen mußten ununterbrochen brennen, da sie das einzige Licht im Heiligtum darstellten.

[[@Bible:Lev 24:5]]b.Die wöchentliche Herrichtung des Schaubrottisches (24,5-9)

3. Mo 24,5-9: Das Brot auf dem goldenen Tisch vor dem Herrn wurde »Schaubrot« oder »Brot der Gegenwart« (Gottes) (2.Mose 25,30) genannt. Dieser Abschnitt ergänzt die Anweisungen in 2.Mose 25,23-30 (vgl. 2.Mose 37,10-16), die wenig über das Brot selbst aussagen. Das Brot bestand aus 12 Laib Brot, die nach der Menge Mehl (3.Mose 24,5) zu urteilen sehr groß gewesen sein müssen und in zwei Reihen auf den Tisch gelegt wurden. Neben die Brote wurde Weihrauch auf den Tisch gelegt, das an jedem Sabbat, wenn die Brote erneuert wurden und die Priester die Brote als ihren Anteil erhielten, auf dem Altar als Gedenkopfer (Erinnerungsanteil) verbrannt wurde.

[[@Bible:Lev 24:10]]2.Ein Fall von Gotteslästerung und das darauf folgende göttliche Gesetz (24,10-23)


Dieser kurze Bericht, der neben Kapitel 8-10 den einzigen erzählenden bzw. geschichtlichen Abschnitt von 3.Mose bildet, unterstreicht, daß die Gesetze in 3.Mose in einer bestimmten geschichtlichen Situation gegeben wurden, um in geschichtlichen Situationen Weisung zu geben.

[[@Bible:Lev 24:10]]a.Gotteslästerung durch einen Halbisraeliten (24,10-12)

3. Mo 24,10-12: Ein Sohn aus einer Mischehe (eine israelitische Mutter und ein ägyptischer Vater) stritt sich mit einem Israeliten und lästerte den Namen des Herrn durch einen Fluch. Da das Volk nicht wußte, was zu tun war, entweder weil er ein Fremdling war oder weil das Strafmaß bisher fehlte, setzten sie ihn gefangen, bis durch den Mund des Herrn eine klare Antwort käme. Dies ist einer von vier Fällen, in denen Mose auf weitere göttliche Offenbarungen warten mußte, um einen Fall richtig behandeln zu können (4.Mose 9,6-14; 4. Mo 15,32-36; 4. Mo 27,1-11).

[[@Bible:Lev 24:13]]b.Die Offenbarung Gottes zu diesem Fall (24,13-22)

3. Mo 24,13-14: In diesem Fall von Gotteslästerung sprach Gott selbst das Urteil: Tod durch Steinigung (vgl. 1.Kön 21,10.13; Mt 26,65-66; Apg 6,11-15; Apg 7,54-58). Alle, die die Gotteslästerung hörten, sollten dem Mann ihre Hände auflegen, und zwar entweder als Zeugen gegen ihn oder um jede Schuld durch das einfache Hören der Gotteslästerung auf den Mann zu übertragen (vgl. Wenham, Leviticus, S.311). Die ganze Gemeinde sollte ihn steinigen, wobei die genaue Art und Weise der Steinigung im AT nicht berichtet wird.
3. Mo 24,15-16: Das Gesetz, das auf diesen Fall zurückgeht, galt für jeden Fremdling oder Einheimischen. Die Fremden, die unter den Israeliten lebten und deswegen gewisse Segnungen des göttlichen Bundes genossen, sollten den Urheber dieses Bundes nicht lästern.
3. Mo 24,17-22: Dieser eingeschobene Abschnitt beschreibt andere Sünden, die für Fremdlinge und Einheimische gleichermaßen verboten waren und auf die die Todesstrafe stand (V.17.21). Das sogenannte lex talionis (Gesetz des Talon, d.h. der Hand: Schaden um Schaden, Auge um Auge, Zahn um Zahn) gebietet, daß die Strafe nach der Höhe des Vergehens zu bemessen war (vgl. 2.Mose 21,23-25; 5.Mose 19, 21). Dies war sowohl eine Beschränkung der Strafe, wenn man diese mit dem Strafmaß anderer altorientalischer Kulturen vergleicht, als auch eine Verhinderung zu geringer Strafen. Nur im Falle von Mord war das lex talionis wörtlich anzuwenden; sonst gab es die Höhe der Ersatzleistung an. Wer das Gesetz nur wörtlich versteht und daraufhin das AT angreift, zeigt nur seine Unkenntnis des AT. Außerdem galt das lex talionis nur für die Obrigkeit bzw. das Gericht, nicht aber für persönliche Racheakte (vgl. Mt 5,38-39)!

[[@Bible:Lev 24:23]]c.Die Hinrichtung des Gotteslästerers (24,23)

3. Mo 24,23: Nach diesem allgemeineren Einschub (V.17-22) und dem Gesetz über die Gotteslästerung (V.15-16) kehrt der Text kurz zu dem geschichtlichen Ereignis zurück. Die Israeliten gehorchten dem durch Mose übermittelten Befehl Gottes und führten den Gotteslästerer vor das Lager und steinigten ihn.

[[@Bible:Lev 25]]F.Gesetze über besondere Jahre (3. Mo 25)


[[@Bible:Lev 25:1]]1.Das Sabbatjahr (25,1-7)


3. Mo 25,1-7: Wie das Volk sechs Tage arbeiten und am siebten Tag ruhen sollte, sollte das Land, auf dem es lebte, für sechs Jahre (V.3) bearbeitet und im siebten oder Sabbatjahr ein Jahr in Ruhe gelassen werden (V.4). In diesem siebten Jahr durfte nicht gesät, gepflügt oder geerntet werden (V.4-5). Von selbst wachsende Früchte des Landes durften von jedermann außer dem Besitzer als Nahrung verwendet werden, aber es durfte keine organisierte Ernte stattfinden oder die Frucht verkauft werden (V.6-7; vgl. 2.Mose 23,11). Ein Siebtel der Zeit waren Landbesitzer und Grundbesitzlose bezüglich der Nahrungsmittelversorgung gleichgestellt. Im Sabbatjahr kam die gesamte Landwirtschaft zum Erliegen. In 5.Mose 15 wird als zweite Bedeutung des Sabbatjahres das Erlassen von Schulden (3. Mo 15,1-11) und das Entlassen der Sklaven genannt (3. Mo 15,12-18; 2.Mose 21,2-6; vgl. aber den Kommentar zu 3.Mose 25,39-55).

[[@Bible:Lev 25:8]]2.Das Jubeljahr (25,8-55)


Das Land Israel war Gottes Besitz und sein Volk war sein Pächter (V.23). Daher durfte ein so verstandener Landbesitz nicht zur Bereicherung der einen und zur Verarmung der anderen, sei es durch Landverkauf (V.14-17) oder indem sich der Besitzer als Sklave verkaufte (V.39-55), mißbraucht werden. Es gab verschiedene Möglichkeiten, Land zu kaufen und wieder auszulösen (vgl. V.23-28). Dieselben Regeln galten für die Freilassung eines Hebräers aus der Sklaverei, um auf seinen Landbesitz zurückzukehren (V.41. 48-55).

[[@Bible:Lev 25:8]]a.Bestimmungen über die Einhaltung des Jubeljahres (25,8-22)

3. Mo 25,8-13: Auf jedes siebte Sabbatjahr, also auf jedes 49. Jahr, sollte ein »Jubeljahr« bzw. »Erlaßjahr« oder »Jahr der Erlösung« (yôbel, ursprüngliche Bedeutung vielleicht »Ziegenbock« oder »Horn des Ziegenbocks«, abgeleitet von dem Horn, das zur Ankündigung des Jubeljahres geblasen wurde, wobei die LXX das Wort jedoch mit »Erlösung«, »Erlösungsjahr« wiedergab) folgen, das zwar offensichtlich am ersten Tag des siebten Monats begann, aber am zehnten Tag, also am großen Versöhnungstag (V.9) durch das Blasen der Trompete verkündigt wurde. (R. North, The Sociology of the Biblical Jubilee, Rom: Pontifical Biblical Institute, 1954, S.109-112 setzt das Jubeljahr mit dem siebten Sabbatjahr, also dem 49. Jahr gleich; Wenham, Leviticus, S.319 sieht in dem Jubeljahr ein Kurzjahr von 49 Tagen, das in den siebten Monat des 49. Jahres eingeschoben wurde.)
Der Sinn des Jubeljahres war die Verkündigung der Freiheit (oder »Erlösung«) im Land mit dem vorrangigen Ziel, Familienbesitz und Familien wieder zueinanderzuführen (V.10.13). Dies bedeutete, daß aller Landbesitz außer in ummauerten Städten (V.29-30) an die ursprünglichen Besitzer bzw. Pächter Gottes (V.23) zurückgegeben werden mußte und daß alle hebräischen Sklaven freigelassen wurden, um auf ihr Land zurückkehren zu können. Außerdem wurde dem Land nach dem siebten Sabbatjahr (dem 49. Jahr) ein weiteres Jahr der Ruhe gegönnt (V.11-12; vgl. V.4-7).
3. Mo 25,14-17: Obwohl es nicht gut war, Land zu verkaufen, wurde es doch bisweilen notwendig. Der Preis sollte dann fair sein, um niemanden zu übervorteilen und auf der Grundlage der Zahl der Jahre seit dem letzten Jubeljahr, genauer nach der Zahl und dem Wert der bis zum nächsten Jubeljahr noch anfallenden Ernten berechnet werden. Es wurde also eigentlich gar nicht das Land selbst verkauft, sondern die Ernte beliehen bzw. die landwirtschaftliche Leistung des Landes verpachtet.
3. Mo 25,18-22: Gott verhieß seinen Segen im Land für den Gehorsam gegenüber seinem Gesetz. Dieser Segen bestand vor allem in der Bewahrung vor Hunger und Not und Krieg (V.19; vgl. 3. Mo 26,3-13; 5.Mose 28,1-14). Diese Verheißung war für die Israeliten besonders angesichts zweier Ruhejahre hintereinander wichtig (3.Mose 25,21). Gott verhieß eine überreiche Ernte im sechsten Jahr, die bis zur Ernte im neunten Jahr, also im Jahr nach dem Jubeljahr, reichen sollte.

[[@Bible:Lev 25:23]]b.Das Verhältnis der Lösung des Landbesitzes zum Jubeljahr (25,23-38)

3. Mo 25,23-24: Das Land Israel gehörte eigentlich nicht dem Volk, sondern dem großen Landbesitzer Jahwe, der Teile des Landes an jeden Stamm und jede Familie weitergab (vgl. 4.Mose 32; Jos 13-20). Dieses theologische Prinzip liegt Kapitel 25 zugrunde. Daß Gott seinem Volk die Nutzung des Landes gestattete, wurzelte in seinem Bund mit Abraham (1.Mose 15,7; 1. Mo 17,8; 1. Mo 24,7; 2.Mose 6,4; vgl. 3.Mose 20,24; 3. Mo 25,2; 5.Mose 5,16). Die Anweisungen für die Auslösung des Landes finden sich in diesem Abschnitt.
3. Mo 25,25-28: Wenn ein Israelit verarmte und etwas von seinem Besitz verkaufte, sollte ihm sein nächster Verwandter (go´el) helfen, indem er das Land auslöste (oder »erlöste«), also zurückkaufte (vgl. Rut 3,12-Ruth 4,6; Jer 32,7-12). Er konnte das Land natürlich auch selbst wieder auslösen, d.h. zurückkaufen, wobei der Wert sich wieder nach dem Abstand zum Jubeljahr bemaß (vgl. V.16.50-53). Geschah weder das eine noch das andere, kehrte das Land spätestens im Jubeljahr zu seinem Besitzer zurück.
3. Mo 25,29-34: Für die Lösung des Grund- besitzes werden zwei Ausnahmen angegeben. Die Rückkehr des Grundbesitzes im Jubeljahr fand nicht statt, wenn es sich um ein Haus in einer ummauerten Stadt handelte, wobei der ursprüngliche Besitzer ein Jahr lang noch ein Rückkaufrecht besaß. Die zweite Ausnahme betraf die Leviten (die nur dies eine Mal in 3.Mose (»Leviticus«) erwähnt werden, obwohl natürlich alle Priester zu den Leviten zählten). Ihre Häuser in ummauerten Städten wie all ihr anderer Grundbesitz konnte immer gelöst werden und kehrte im Jubeljahr an den Besitzer zurück.
3. Mo 25,35-38: Der Stolz sollte keinen Israeliten davon abhalten, jeden armen Israeliten mit derselben Gastfreundschaft aufzunehmen wie einen Fremden oder Beisassen (ein vorübergehend im Haus Wohnender). Außerdem sollte er keinerlei Zinsen irgendeiner Art von Armen fordern (V.36-37), wobei Gottes Güte gegenüber seinem Volk das Vorbild war (V.38).

[[@Bible:Lev 25:39]]c.Das Verhältnis der Lösung der Sklaven zum Jubeljahr (25,39-55)

Die Sklaverei war unter dem mosaischen Gesetz gestattet, wobei allerdings die Sklaverei im AT einen völlig anderen Charakter hatte als die Sklaverei der Griechen, Römer oder der westlichen Kolonialherren. Der Ausdruck »Knecht« wird der Sache eher gerecht. Selbst heidnische Sklaven genossen einen Mindestschutz. So galt die Sabbatruhe auch für sie (2.Mose 20,10; 5.Mose 5,14), und sie durften nicht mißhandelt werden (2.Mose 21,20-21; 5.Mose 23,15-16). Als Knechte Gottes sollten die Israeliten keinem anderen Herrn dienen (3.Mose 25,55). Dennoch konnten verarmte Israeliten in eine Art befristete Sklaverei eintreten, die wohl viel humaner war als Gefängnisstrafen für Schuldner. Hebräische Sklaven hatten dabei mehr Rechte als heidnische Sklaven, und die Macht der Herren wurde bei ihnen stärker eingeschränkt (V.39-43), da sie weiterhin eigentlich Sklaven Gottes blieben.
3. Mo 25,39-43: Ein hebräischer Sklave sollte wie ein Tagelöhner oder Angestellter und nicht mit Härte (V.43) behandelt werden. Er und seine Kinder, die im Haus seines Herrn geboren wurden, mußten im Jubeljahr freigelassen werden. Sie durften nicht als Sklaven verkauft werden (V.42). Laut 2.Mose 21,1-11 und 5.Mose 15,12-18 konnte ein hebräischer Sklave bereits nach sechs Jahren freigelassen werden, aber es ist unklar, wie dies zu den Bestimmungen über das Jubeljahr in Beziehung zu setzen ist.
3. Mo 25,44-46: Heidnische Sklaven waren von diesen Bestimmungen ausgenommen. Sie konnten lebenslängliche Sklaven sein, wurden als Besitz behandelt und konnten vererbt werden.
3. Mo 25,47-55: Ein hebräischer Sklave konnte nach ähnlichen Bestimmungen wie bei der Lösung des Grundbesitzes (V.23-28) gelöst (oder »erlöst«, »freigelassen«) werden, gleich ob sein Herr ein anderer Israelit (V.39-43) oder ein Fremdling oder Beisasse (V.47-53) war. Im Idealfall kaufte ihn ein Verwandter frei, indem er die Schuld, wegen der er in die Sklaverei gehen mußte, bezahlte (V.48-49). Wenn er zu Geld kam, konnte er sich auch selbst lösen. Geschah keines von beidem, wurde er im Jubeljahr gelöst.
Das Jubeljahr wird im AT nicht außerhalb der 5 Bücher Mose erwähnt. Es gibt im AT keinen Beleg dafür, daß es jemals praktiziert wurde. Sicher könnte das Jubeljahr so selbstverständlich gewesen sein, daß man es nicht mehr extra erwähnte. Doch die Tatsache, daß das Volk Israel während der gesamten Zeit der Könige kein Sabbatjahr hielt und in diesem Bereich völlig versagte (vgl. 3. Mo 26,34-35.43; 2.Chr 36,20-21), legt nahe, daß auch das Gesetz über das Jubeljahr nie eingehalten oder häufig übertreten wurde.

[[@Bible:Lev 26]]G.Die Bundessegnungen für Gehorsam und der Fluch für Ungehorsam (3. Mo 26)


Es war allgemein üblich, Lehensverträge im Alten Orient mit einem letzten Teil über den Segen des Gehorsams und den Fluch des Ungehorsams abzuschließen (vgl. Wenham, Leviticus, S.29-31, S.327). Das mosaische Gesetz enthält neben Kapitel 26 weitere lange Abschnitte über Fluch und Segen (2.Mose 23,22-33; 5.Mose 28; vgl. Jos 24,20).

[[@Bible:Lev 26:1]]1.Einführende Zusammenfassung der Grundlagen des Gesetzes (26,1-2)


3. Mo 26,1-2: Die völlige Hingabe an Gott und der Verzicht auf jede Form von Götzendienst und falschem Gottesdienst wurden positiv durch das Halten des Sabbats (vgl. 3. Mo 23,3) und das Achten des Heiligtums (vgl. 3. Mo 17,1-9) zum Ausdruck gebracht.

[[@Bible:Lev 26:3]]2.Die Segnungen für den Gehorsam (26,3-13)


[[@Bible:Lev 26:3]]a.Das Geschenk des Regens und der reichlichen Ernte (26,3-5)

3. Mo 26,3-5: Im Gegensatz zur ständigen Wiederholung des Bedingungssatzes (z.B. »wenn ihr aber nicht gehorcht«) im Falle des Ungehorsams (V.14.18.21. 23.27) wird der Zustand des Gehorsams nur einmal zu Beginn des ganzen Abschnittes über den Segen erwähnt (V.3). Der erste Segen schließt die Verheißung des jahreszeitlichen Regens und die sich daraus ergebende reichliche Ernte an Getreide und Früchten und ein Leben in Fülle und Frieden ein.

[[@Bible:Lev 26:6]]b.Das Geschenk des Friedens im Land (26,6-10)

3. Mo 26,6-10: Der göttliche Schutz vor wilden Tieren und dem Schwert, also angreifenden Armeen, würde zu Frieden ohne Angst, zu einer reichlichen Ernte führen. Es geht dabei um den göttlichen Segen in Erfüllung des Bundes mit Abraham (vgl. 1.Mose 17,7-8).

[[@Bible:Lev 26:11]]c.Das Geschenk der Gegenwart Gottes (26,11-13)

3. Mo 26,11-13: Gottes andauernde Gegenwart in der Mitte seines Volkes Israel und seine sichtbare Herrlichkeit in der Stiftshütte war eine weitere Segnung für die Bundestreue des Volkes Israel (V.11). Gott versprach sogar, inmitten seines Volkes zu wandeln, wie er es schon bei den Patriarchen getan hatte (vgl. 1.Mose 5,22.24; 1. Mo 6,9; 1. Mo 17,1; 1. Mo 24,40; 1. Mo 48,15). Gottes Verkündigung seiner früheren Befreiung des Volkes Israel aus Ägypten schließt den Abschnitt über den Segen für die Bundestreue ab.

[[@Bible:Lev 26:14]]3.Der Fluch für den Ungehorsam (26,14-45)


Wie es in Lehensverträgen im Alten Orient üblich war, ist auch hier der Abschnitt über den Fluch wesentlich ausführlicher als der über den Segen, obwohl es auch Parallelen zwischen beiden Abschnitten gibt (vgl. Wenham, Leviticus, S.328, Nr.5).
Der Bedingungssatz »Wenn ihr nicht auf mich hört« und ähnliche Formulierungen leiten die fünf Unterabschnitte der Fluchbestimmungen ein (V.14.18. 21.23.27). Es folgen jeweils mehrere Ankündigungen »so will ich...« (V.16. 18.21.24.28), die den Fluch für den Ungehorsam beschreiben (vgl. die Übersicht »Die Bundesstrafen« zu Am 4,6).

[[@Bible:Lev 26:14]]a.Schrecken wegen Krankheit, Hunger und Niederlage (26,14-17)

3. Mo 26,14-17: Die göttliche Strafe für Ungehorsam und Untreue gegenüber dem Bund bestand in körperlichen und geistigen Krankheiten, schlechten Ernten und Niederlagen durch die hereinbrechenden Feinde.

[[@Bible:Lev 26:18]]b.Trockenheit und schlechte Ernte (26,18-20)

3. Mo 26,18-20: Gott beschreibt die Strafen für den Fall, daß Israel dann immer noch nicht gehorcht, sehr anschaulich. Die Strafe sollte siebenmal schlimmer sein. Die Aussage: Um Stolz und Halsstarrigkeit zu brechen, will ich euren Himmel wie Eisen und eure Erde wie Erz machen, beschreibt deutlich den Regenmangel, der das Arbeiten unendlich mühsam macht (vgl. 5.Mose 28,23).

[[@Bible:Lev 26:21]]c.Wilde Tiere (26,21-22)

3. Mo 26,21-22: Der weiter anhaltende Ungehorsam sollte wiederum zu siebenfältiger Strafe führen. Wilde Tiere würden Kinder und Vieh fressen, so daß die Straßen vor Angst leer würden.

[[@Bible:Lev 26:23]]d.Pest nach der Niederlage durch die Feinde (26,23-26)

3. Mo 26,23-26: Wenn Israel immer noch nicht gehorchen und weiterhin feindlich gegen Gott handeln würde, sollte die Strafe wiederum siebenfältig sein. Gott würde dann feindlich handeln und das Schwert der Rache wegen des Bundesbruches (vgl. Jud 2,11-15) herbeiführen. Diese Plage durch den Sieg der Feinde sollte durch die Pest auf der Flucht und in den scheinbar sicheren Städten verschärft werden.

[[@Bible:Lev 26:27]]e.Zerstörung und Vertreibung aus dem Land (26,27-39)

3. Mo 26,27-39: In seinem Zorn würde Gott Israel schließlich strafen, indem er sie aus dem Land vertrieb und in der Welt zerstreute. Dies würde mit den schlimmsten Schrecken des Krieges beginnen: Kannibalismus (V.29), Massentötungen, Zerstörung der Städte und Heiligtümer (V.30-31) und der Verwüstung des Landes (V.32). (Zu den Höhen vgl. den Kommentar zu 4.Mose 33,52.) Die Zerstreuung unter die Völker würde folgen (3.Mose 26,33). Als Folge davon würde sich das Land der Ruhe der Sabbatjahre erfreuen, die ihm während der Zeit von Israels Ungehorsam vorenthalten wurde (V.34-35; vgl. 3. Mo 25,1-7). Diejenigen, die das Massentöten überleben würden, sollten in Furcht im Land der Feinde leben und dort schließlich umkommen (3. Mo 26,36-39).

[[@Bible:Lev 26:40]]f.Die Ankündigung der Umkehr und die Verheissung der Wiederherstellung des Bundes (26,40-45)

3. Mo 26,40-45: Den finsteren Aussichten in Vers 14-39 steht die Hoffnung auf die gnädige Verheißung des Herrn in Vers 40-45 gegenüber. Dort werden sie schließlich ihre Sünden und die Sünden ihrer Väter bekennen... Dann... will ich mich an meinen Bund... mit Abraham erinnern und des Landes gedenken (V.40-42). Auch wenn Israel den Bund brechen würde (vgl. V.25), würde Gott den Bund mit ihnen nicht brechen (V.44). In seiner Bundestreue würde er eines Tages seinen Bund mit Abraham erfüllen (vgl. 1.Mose 12,1-3), indem er den gläubigen Überrest der bußfertigen Generation Israels segnen würde, wie es dann ja auch in der Rückkehr aus Babylon geschah.

[[@Bible:Lev 26:46]]4.Zusammenfassender Schluß (26,46)


3. Mo 26,46: Dieser Schluß erinnert an Vers 3 und macht deutlich, daß Mose der Mittler der göttlichen Offenbarung war, die Gott schenkte, als das Volk am Berg Sinai lagerte.

[[@Bible:Lev 27]]H.Das Gesetz über Gelübde, Gaben und den Zehnten (3. Mo 27)


Da der direkte Zusammenhang von Kapitel 27 mit Kapitel 26 nicht offensichtlich ist, haben manche Kritiker Kapitel 27 für einen späteren Zusatz gehalten. Nun stehen in einer Gesetzessammlung nicht immer nur miteinander verbundene Themen hintereinander. Auch dürfen wir nicht unsere modernen Maßstäbe anlegen. Allerdings steht das Thema der Eide und Gelübde doch im Zusammenhang mit Fluch und Segen. Die Erwähnung von Gelübden in Zusammenhang mit Opfern paßt gut zu den Opfergesetzen in 3.Mose. Vor voreiligen Gelübden wird im AT häufiger gewarnt (vgl. Pred 5,4-5; 5.Mose 23,22-24; Spr 20,25).

[[@Bible:Lev 27:1]]1.Gelübde betreffs Menschen und Tieren (27,1-13)


[[@Bible:Lev 27:1]]a.Gelübde bezüglich Menschen (27,1-8)

3. Mo 27,1-8: Wie in früheren Kapiteln von 3.Mose wird auch hier Mose zu Beginn als Mittler des Gesetzes genannt. Der erste Abschnitt behandelt die Erfüllung eines Gelübdes, bei dem Menschen dem HERRN geweiht wurden. Dies geschah entweder durch die Zahlung einer Summe (und zwar in Lot Silber nach dem Gewicht im Heiligtum; vgl. 3.Mose 27,25; 3. Mo 5,15) von entsprechendem Wert an den Schatz des Heiligtums oder indem diese Person dem Herrn ganz im Heiligtum diente (z.B. Hannas Gelübde in Bezug auf ihren Sohn Samuel, 1.Sam 1,11; vgl. 2.Sam 15,8; Ps 116,14-18).
Die Höhe der Zahlung (3. Mo 27,3-7) richtete sich nach Alter und Geschlecht, nicht jedoch nach den persönlichen Bedingungen des einzelnen. Dabei richtet sich der Betrag nach der Arbeitsfähigkeit des Betreffenden, wobei wir erfahren, daß die normale Zeit der Arbeit des erwachsenen Mannes zwischen dem 20. und 60. Lebensjahr, also zwischen Erwachsenwerden und Ruhestand, lag. Lediglich für Arme durfte der Betrag herabgesetzt werden (V.8). Da die Summe von 50 Lot Silber für einen arbeitsfähigen Mann etwa 50 Monatslöhnen entsprach, dürfte diese Regelung wohl zur Abschreckung vor leichtfertigen Gelübden gedient haben.

[[@Bible:Lev 27:9]]b.Gelübde bezüglich Tieren (27,9-13)

3. Mo 27,9-13: Diese Bestimmungen betreffen Gelübde bezüglich Tieren für den Herrn, gleich ob es sich um Tiere, die als Opfer wohlgefällig waren, handelte, oder um solche, die nicht als Opfer wohlgefällig, also mit Fehlern behaftet waren oder von den Tierarten, die nicht als Opfertiere zugelassen waren, stammten. Opfertiere konnten nicht durch Geld oder andere Tiere ausgelöst werden. Andere Tiere konnten ohne Rücksicht auf den Grund ausgelöst werden, wenn ihr vom Priester angegebener Wert zuzüglich 20 Prozent gezahlt wurde. Im anderen Fall ging das Tier demnach an den Priester.

[[@Bible:Lev 27:14]]2.Weihung von Häusern und Land (27,14-25)


[[@Bible:Lev 27:14]]a.Gelübde bezüglich Häusern (27,14-15)

3. Mo 27,14-15: Ein Haus (wohl in einer ummauerten Stadt, vgl. 3. Mo 25,29-31) konnte dem Herrn geweiht werden. Es wurde dann als heilig abgesondert und von den Priestern genutzt. Es konnte durch die übliche Zahlung von 120 Prozent des Wertes wieder gelöst werden.

[[@Bible:Lev 27:16]]b.Gelübde bezüglich Grundstücken (27,16-25)

3. Mo 27,16-21: Das Versprechen von Grundstücken in Familienbesitz war komplizierter, da es auch das Jubeljahr betraf (vgl. 3. Mo 25,23-38). Die Methode zur Ermittlung des Wertes des Landes begann mit der Errechnung des Wertes im Falle von 49 Ernten in den Jahren zwischen zwei Jubeljahren. Davon wurde ein Betrag entsprechend der bereits verstrichenen Jahre seit dem letzten Jubeljahr abgezogen (3. Mo 27,17-18). Die Auslösung erforderte wieder eine Zahlung von 120 Prozent des Wertes (V.19). Wurde der Acker nicht abgelöst, sondern verkauft, so ging er im nächsten Jubeljahr an den Herrn über und stand den Priestern zur Verfügung (V.20-21).
3. Mo 27,22-25: Geliehenes Land, das nicht zum Familienbesitz gehörte, ging dagegen im Jubeljahr automatisch an den ursprünglichen Besitzer zurück. Daher mußte der, der das Gelübde tat, den Wert des Grundstükkes bis zum nächsten Jubeljahr sofort zum Zeitpunkt des Gelübdes entrichten. Berechnungsgrundlage war wieder das Lot nach dem Gewicht des Heiligtums, das hier näher bestimmt wird (V.25).

[[@Bible:Lev 27:26]]3.Andere Pflichten und Gaben (27,26-33)


[[@Bible:Lev 27:26]]a.Die Erstgeburt (27,26-27)

3. Mo 27,26-27: Erstgeborene Tiere gehörten bereits dem Herrn (2.Mose 13,2; 2. Mo 34,19-20) und konnten ihm daher nicht extra geweiht werden. Aber die Erstgeborenen von unreinen Tieren konnten geweiht und daher auch wieder ausgelöst werden (vgl. 2.Mose 34,20).

[[@Bible:Lev 27:28]]b.Kein Auslösen von Gebanntem (27,28-29)

3. Mo 27,28-29: Alles was gebannt war (herem, »das, was unter dem Bann steht«, normalerweise im Zusammenhang mit »heiligen Kriegen« zur Ausrottung der Feinde; vgl. 4.Mose 21,2; 5.Mose 7,2; 1.Sam 15,3-21 und den Kommentar zu Jos 6,21), konnte nicht ausgelöst werden, sondern gehörte unwiderruflich dem Herrn. Solche Gelübde bezogen sich wohl auf das ganze Volk und konnten nicht von einzelnen geleistet werden.

[[@Bible:Lev 27:30]]c.Der Zehnte (27,30-33)

3. Mo 27,30-33: Der Zehnte des Landes konnte durch die übliche Zahlung von 120 Prozent des Wertes ausgelöst werden. Dies galt jedoch nicht für den Zehnten vom Vieh.

[[@Bible:Lev 27:34]]4.Abschluß (27,34)


3. Mo 27,34: Das Buch schließt mit einem Hinweis auf den göttlichen Autor, den Bundesmittler, den Ort und die Zeit der Gesetzgebung (während die Israeliten am Sinai lagerten) und auf die Empfänger der Gesetze.

BIBLIOGRAPHIE


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Das vierte Buch Mose (Eugene H. Merrill)


EINFÜHRUNG


Das 4. Buch Mose hat seinen lateinischen Namen »Numeri« (»Zahlen« im Sinne von »Zählung«) von der griechischen Bezeichnung der LXX Arithmoi. Dieser Name geht darauf zurück, daß sich in 4.Mose viele Statistiken, Volkszählungen und Listen finden. Der hebräische Name des Buches bemidbar ist zugleich das fünfte Wort des Buches und bedeutet »in der Wüste von« und macht deutlich, daß 4.Mose die Zeit der Wüstenwanderung vom Sinai bis an die Grenzen Kanaans behandelt.
Verfasserfrage: Die jüdische und christliche Tradition schreibt 4.Mose zusammen mit dem ganzen Pentateuch ausnahmslos Mose zu, auch wenn 4.Mose selbst dies kaum angibt (vgl. aber 4. Mo 33,2; 4. Mo 36,13). Sogar bibelkritische Ausleger gestehen zu, daß 4.Mose untrennbar mit dem Pentateuch verbunden ist, auch wenn sie bekanntlich die mosaische Autorschaft ablehnen. Mose ist unbestreitbar die Hauptperson des Buches und zugleich Augenzeuge der wichtigen Ereignisse. Ohne die subjektiven und im Zirkelschluß verhafteten Argumente der Bibelkritiker wäre wahrscheinlich kaum ein normaler Leser auf eine andere Idee gekommen, als daß Mose hier als Augenzeuge berichtet. Vgl. dazu ausführlich die Einleitung zu 1.Mose.
Entstehungszeit: Die letzten Verse von 4.Mose lauten: »Das sind die Gebote und Rechte, die der Herr durch Mose den Israeliten gebot im Jordantal der Moabiter gegenüber Jericho« (36, 13). Israel hatte die Wüstenwanderung beendet und war im Begriff, in Kanaan einzumarschieren. Die Jordanüberquerung fand 40 Jahre nach dem Auszug aus Ägypten statt (Jos 5,6), der auf 1446 v.Chr. zu datieren ist. Demnach stammt 4.Mose aus dem Jahr 1406 v.Chr., einige Zeit vor dem Tod Moses im selben Jahr. (Das Jahr 1446 v.Chr. wird auf der Grundlage von 1.Kön 6,1 errechnet, wo es heißt, daß der Tempel im vierten Jahr der Regierung Salomos (also im Jahr 966 v.Chr.) und 480 Jahre nach dem Auszug aus Ägypten fertiggestellt wurde. Vgl. den Kommentar zu 1.Kön 6,1.)
Absicht: 4.Mose scheint ein »Handbuch« für das nachsinaitische Israel zu sein. Dieses Handbuch behandelt drei Bereiche: 1. die Aufstellung des Volkes während der Wanderung; 2. die Aufgabe der Priester und Leviten während der Wanderung; 3. die Vorbereitung auf die Eroberung und Besiedlung Kanaans. Die vielen erzählenden Abschnitte berichten von den Erfolgen und Niederlagen des Volkes Gottes, je nachdem, ob es sich an die Gebote der Gesetzes- und Kultvorschriften des Buches hielt. Das Buch ist ein Geschichtsbuch, weil es die ganze Spanne von 40 Jahren zwischen der Gesetzgebung am Sinai und dem Vorabend der Eroberung Kanaans umfaßt. Doch es geht um mehr als um Geschichte. Es geht um die Erwartungen Gottes und die Reaktionen des Volkes während einer einmaligen und unwiederholbaren Zeit, in der Israel das Land Kanaan verheißen bekommen hatte, aber auf die Erfüllung der Verheißung wartete.

AUSLEGUNG


[[@Bible:Num 1:1]]I.Vorbereitungen für die Wanderung (1,1-10,10)


[[@Bible:Num 1]]A.Die Ordnung der Stämme (4. Mo 1-2)


[[@Bible:Num 1:1]]1.Die Krieger (1,1-46)


4. Mo 1,1-16: Nach dem Bundesschluß und der Verkündigung des Gesetzes am Sinai wies der Herr Mose an, eine Volkszählung aller Stämme Israels nach Geschlechtern und Sippen vorzunehmen (V.2). Diese Zählung betraf nur kriegs- fähige Männer über 20 Jahre (V.3) und wurde am ersten Tag des zweiten Monats im zweiten Jahr nach dem Auszug aus Ägypten angeordnet (V.1). Dies war genau einen Monat nachdem die Stiftshütte am Berg Sinai errichtet worden war (2.Mose 40,17). Ein Mann aus jedem Stamm assistierte Mose (4.Mose 1,4). Ihre zwölf Namen werden in den Versen 5-15 genannt.
4. Mo 1,17-46: Nach sorgfältiger Untersuchung der Geschlechter- und Familienchroniken wurden alle kriegsfähigen Männer über 20 Jahren versammelt und gezählt (V.17-19). Das Ergebnis war folgendes:
Ruben 46500(V.21)
Simeon 59300(V.23)
Gad 45650(V.25)
Juda 74600(V.27)
Issachar 54400(V.29)
Sebulon 57400(V.31)
Ephraim 40500(V.33)
Manasse 32200(V.35)
Benjamin 35400(V.37)
Dan 62700(V.39)
Asser 41500(V.41)
Naftali 53400(V.43)
Insgesamt 603550(V.46)
Die Reihenfolge der Stämme scheint weiter keine Bedeutung zu haben, auch wenn dieselben Gruppierungen in der Lagerordnung der Stämme um die Stiftshütte wieder erscheinen (4. Mo 2,2-31). Die Anordnung in 4. Mo 26,5-50 ist ebenfalls dieselbe, nur werden Ephraim und Manasse vertauscht. Ein Vergleich mit den Söhnen Jakobs in 1.Mose 29-30 zeigt, daß die bei der Zählung zuerst genannten Stämme Ruben und Simeon von den beiden ältesten Söhnen Leas abstammten (1.Mose 29,31-33).
Die hohe Zahl von 603550 wehrfähigen Israeliten stellt ein Problem dar. Die Zahl stimmt mit 2.Mose 38,26 überein. Beim Auszug aus Ägypten waren es 600000 wehrfähige Männer gewesen (2.Mose 12,37). Da nur Männer über 20 gezählt wurden, muß die Gesamtzahl der Israeliten mehrere Millionen betragen haben. Wie konnten so viele Menschen organisiert werden und durch die Wüste wandern? Allerdings ist das Problem nicht unlösbar. Es gibt in der Geschichte ähnliche Fälle, und außerdem versorgte Gott selbst das Volk. Daß die Zahl im Text falsch überliefert ist, ist höchst unwahrscheinlich, da sich dieselbe Zahl mehrfach findet und der Höhe nach zu späteren Zählungen paßt.
Man hat vorgeschlagen, daß das Wort für Tausend ´elep in Wirklichkeit als soziale Größe, als »Geschlecht« zu übersetzen wäre (vgl. Ri 6,15; 1.Sam 10,19; Mi 5,2 u.a.). Der Stamm Ruben bestände dann zum Beispiel nicht aus 46500, sondern aus 46 Geschlechtern und 500 anderen Personen. Wenn zu jedem Geschlecht im Schnitt 100 Männer gehörten, bestünde Ruben aus 4600 und 500 Männern. Die Zahl wäre also erheblich kleiner. Schon die nicht zu einem Geschlecht gehörigen Männer sind dabei schlecht zu erklären. Widerlegt wird diese Auffassung jedoch dadurch, daß sich die Gesamtzahl der Israeliten nicht, wie dann zu erwarten wäre, auf 598 Geschlechter und 5550 Einzelpersonen belief, sondern auf 603550.
Auch die Annahme, daß ´elep im Hebräischen falsch vokalisiert sei und richtig vokalisiert »Haupt«, »Befehlshaber« bedeute, scheitert an derselben Tatsache.

[[@Bible:Num 1:47]]2.Die Leviten (1,47-54)


4. Mo 1,47-54: Die Leviten wurden bei dieser Volkszählung nicht mitgezählt, da sie vom Militärdienst, genauer gesagt vom Waffentragen, befreit waren. Dies ist aus dem Umstand zu schließen, daß sie für den Dienst an der Stiftshütte und ihren Gegenständen abgesondert waren. Nur sie durften die Stiftshütte auf- und abbauen. Alle anderen, die die Stiftshütte berührten, mußten sterben (V.51; vgl. 1.Sam 6,19-20; 2.Sam 6,6-7). Die Leviten bauten ihre Zelte neben der Stiftshütte auf, während die anderen Stämme in einem äußeren Ring um die Stiftshütte lagerten (4.Mose 1,52-53; vgl. 4. Mo 2).

[[@Bible:Num 2]]3.Die übrigen Stämme (4. Mo 2)


4. Mo 2,1-9: Der Herr ordnete die Lagerordnung für die Stämme während der Wüstenwanderung an. Es sollte jeweils eine Gruppe von drei Stämmen auf jeder Seite der Stiftshütte lagern. Der Stamm Levi sollte nach Geschlechtern verteilt direkt um die Stiftshütte wohnen. (Vgl. die Übersicht »Die Anordnung der 12 Stämme« und »Die Marschordnung der 12 Stämme«).



Die Zeichen oder Flaggen bezeichneten die einzelnen Familien, die Banner die jeweilige Gruppe von drei Stämmen an einer Seite der Stiftshütte. Die drei Stämme im Osten der Stiftshütte waren Juda,... Issachar und Sebulon (V.3-9), wobei Juda die Abteilung anführte. Der Führer von Juda, Nachschon, Sohn des Amminadab (V.3), erscheint später im Stammbaum der messianischen Linie (vgl. Rut 4,20; Mt 1,4). Die drei Stämme stammen vom vierten, fünften und sechsten Sohn von Jakobs Frau Lea ab (vgl. den Kommentar zu 4. Mo 1,17-46). Nach Osten war die Stiftshütte ausgerichtet. Bei der Wanderung gelangte daher diese Abteilung automatisch an die Spitze des Zuges.
4. Mo 2,10-17: Im Süden lagerte Ruben zusammen mit Simeon und Gad. Ruben und Simeon waren die beiden ältesten Söhne Leas. Da der dritte Sohn Leas, Levi, eine besondere Rolle spielte, wurde stattdessen Gad als ältester Sohn von Leas Magd hinzugenommen. Diese Abteilung folgte der Abteilung Rubens in der Marschordnung.
Als nächstes kamen in der Marschordnung die Leviten nach ihren Geschlechtern (V.17; vgl. 4. Mo 3,21-28) mit der Stiftshütte.




4. Mo 2,18-24: Im Westen lagerte die Abteilung von Ephraim zusammen mit Manasse und Benjamin. Ephraim und Manasse als Nachkommen Josefs und Benjamin stammten von Jakobs zweiter Frau Rahel ab. Sie folgten den Leviten in der Marschordnung.
4. Mo 2,25-34: Im Norden lagerte die Abteilung von Dan mit Asser und Naftali. Dan und Naftali stammten von Rahels Magd ab, Asser war der zweite Sohn von Leas Magd.
Es zeigt sich also eine gewisse Struktur in der Verteilung der Söhne Jakobs. Die Abteilungen sind nach den Frauen Jakobs geordnet, wobei die Söhne Leas in zwei Gruppen aufgeteilt sind, Levi als Leas Sohn durch einen Sohn von der Magd Leas ersetzt und der verbleibende Sohn der Magd Leas den Söhnen der Magd Rahels zugeordnet wird.

[[@Bible:Num 3]]B.Anweisungen für die Leviten (4. Mo 3-4)


[[@Bible:Num 3:1]]1.Das Verhältnis der Leviten zu den Priestern (3,1-13)


4. Mo 3,1-4: Kapitel 3 weist auf die Offenbarung Gottes über die Familie Aarons und Moses an Mose am Berg Sinai zurück (vgl. 2.Mose 28-29). Aaron, der Hohepriester, hatte vier Söhne, die ihm assistierten und später sein Amt übernehmen sollten. Zwei von ihnen, Nadab und Abihu, starben wegen ihres selbstherrlichen Abweichens von den Opfervorschriften (vgl. den Kommentar zu 3.Mose 10,1-2). Deswegen blieben Eleasar und Itamar übrig. Da nur Aaron und seine Söhne als Priester dienen durften (2.Mose 28,1; 2. Mo 29,9; 40, 15), war es unmöglich, ihnen alle religiösen Verpflichtungen in Israel zu übertragen. Deswegen wurde der gesamte Stamm Levi auserwählt, um die weniger wichtigen Aufgaben der Priester zu übernehmen. Da Aaron auch ein Levit war, hatte das zur Folge, daß zwar alle Priester Leviten, aber nicht alle Leviten Priester waren.
4. Mo 3,5-10: Die besondere Aufgabe der Leviten war der Dienst bei der Stiftshütte (V.7-8). Sie durften jedoch nicht das Heiligtum selbst betreten (V.10). Der Hinweis auf das Heiligtum (im Hebräischen steht nur »wenn einer... sich naht«) beschreibt deutlich die Grenzen der Leviten. Sie durften keine Opfer für die anderen Israeliten darbringen und keinen Dienst innerhalb der Stiftshütte selbst tun.
4. Mo 3,11-13: Hier wird noch einmal der Grund für die Auserwählung des Stammes Levi genannt. Da der Herr die Erstgeborenen der Kinder Israels und der Tiere in der zehnten Plage in Ägypten verschonte, gehörten von nun an die Erstgeborenen ihm. Anstelle der Erstgeborenen erwählte Gott aber die Leviten (vgl. den Kommentar zu 2.Mose 13,1-16). Die Auslösung der Erstgeburt wird im einzelnen in 4.Mose 3,40-51 beschrieben.

[[@Bible:Num 3:14]]2.Die Geschlechter der Leviten und ihr Dienst (3,14-39)


4. Mo 3,14-26: Schließlich wurden auch die Leviten gezählt, und zwar alle Männer, die älter als einen Monat waren (V.15). Anschließend wurden die Leviten nach den drei Söhnen Levis, Gerschon, Kehat und Merari (V.17), in drei Geschlechter aufgeteilt. Die Gerschoniter werden in die Libniter und Schimiter aufgeteilt, die zusammen 7500 Männer ausmachten (V.21-22). Sie lagerten im Westen der Stiftshütte und waren für die Kleider, Decken und Vorhänge der Stiftshütte verantwortlich.
4. Mo 3,27-32: Die Kehatiter zerfielen in die Amramiter, Jizhariter, Hebroniter und Usiëliter und waren zusammen 8600 Männer (V.27-28). (Amram war der Vater von Aaron und Mose; 4. Mo 26,58-59; vgl. 2.Mose 6,16-20.) Sie lagerten im Süden der Stiftshütte und waren für die heiligen Gegenstände der Stiftshütte verantwortlich (4.Mose 3,31). Ihr Führer war Eleasar, der Sohn Aarons, des Hohenpriesters.
4. Mo 3,33-37: Die Merariter wurden in die Machliter und Muschiter unterteilt und kamen auf 6200 Männer. Sie lagerten im Norden der Stiftshütte und waren für die Holzkonstruktion der Stiftshütte mit allen Säulen, Ständern usw. verantwortlich.
4. Mo 3,38: Mose und Aaron und seine Söhne lagerten im Osten der Stiftshütte. Sie waren für das Heiligtum verantwortlich, was wohl die Aufsicht über die Arbeit der anderen Leviten bedeutete, da diese bereits alle anderen Aufgaben wahrnahmen.
4. Mo 3,39: Die Gesamtzahl der Leviten... betrug 22000. Zählt man aber alle Zahlen in Vers 22.28.34 zusammen, erhält man 22300 Männer. Die Zahl 22000 kann jedoch keine Rundung sein, weil in Vers 46 die Zahl der Erstgeborenen mit 22273 die Zahl der Leviten um 273 Männer übertrifft. Die beste Lösung geht davon aus, daß es sich bei den zusätzlichen 300 Leviten um die Erstgeborenen der Leviten handelte, die natürlich nicht wie die anderen Leviten die Erstgeborenen der anderen Stämme auslösen konnten (vgl. den Kommentar zu V.40-41).

[[@Bible:Num 3:40]]3.Die Auslösung der Erstgeborenen durch die Leviten (3,40-51)


4. Mo 3,40-51: Weil er alle männlichen Erstgeborenen Israels in der zehnten Plage in Ägypten verschont hatte, erklärte der Herr, daß alle erstgeborenen Männer und Tiere ihm gehören sollten (vgl. den Kommentar zu V.11- 13). Das bedeutete nicht, daß sie sterben, sondern daß sie Gott ihr Leben lang dienen sollten. Eine Weiterentwicklung dieses Prinzips war die Auslösung der Erstgeborenen durch den Stamm Levi, der Gott ein Leben lang anstelle der männlichen Erstgeborenen der anderen Stämme dienen sollte.
Die Zahl der Leviten betrug 22000 (V.39), die Zahl der auszulösenden erstgeborenen Männer 22273 (V.43). Das bedeutete, daß es 273 Leviten zu wenig gab. Deshalb mußten die restlichen 273 erstgeborenen Israeliten durch die Zahlung eines Lösegeldes von fünf Lot Silber pro Kopf ausgelöst werden (V.47). Insgesamt waren das also 1365 Lot Silber, was etwa 10000 DM entsprach.
Gegen die Zahl von 22000 Leviten wird häufig Einspruch erhoben, weil sie im Vergleich mit der Zahl der anderen Stämme zu niedrig erscheint. Immerhin hatte Manasse als kleinster Stamm 32200 Männer (4. Mo 2,21), und dabei wurden nur die Männer über 20 Jahre, nicht wie bei den Leviten alle männlichen Stammesangehörigen über einem Monat, gezählt. Doch warum soll Levi nicht der kleinste Stamm gewesen sein? Warum muß er unbedingt so schnell gewachsen sein wie die anderen? Immerhin stimmt die Größenordnung mit anderen Zahlen der Leviten (z.B. 8580 Männer zwischen 30 und 50 Jahren in 4. Mo 4,48) überein.
Andere bezweifeln die Zahl von 22273 Erstgeborenen, wenn es insgesamt 603550 Männer über 20 Jahre gab (4. Mo 1,46), weil dies ein Verhältnis von 1 zu 27 ergäbe. Es ist aber wahrscheinlich, daß nur die Erstgeborenen gerechnet wurden, die geboren wurden, nachdem die Leviten ihre besondere, heilige Aufgabe erhielten. Das ursprüngliche Gebot über die Erstgeborenen (2.Mose 13,11-13) macht deutlich, daß seine Bestimmungen für die Zukunft, nicht aber rückwirkend über den Auszug aus Ägypten hinaus galten. Daß jedoch in den zwei Jahren (4.Mose 1,1) zwischen dem Auszug und der Absonderung des Stammes Levi 22273 Erstgeborene geboren worden waren, ist realistisch.

[[@Bible:Num 4]]4.Der Transport der Stiftshütte (4. Mo 4)


4. Mo 4,1-3: Für den levitischen Dienst, der hier beschrieben wird, mußte ein Levit zwischen 30 und 50 Jahre alt sein. Daß die Leviten vorher ab dem Alter von einem Monat gezählt wurden (4. Mo 3,39-41), lag demnach nur daran, daß ihre Zahl für die Auslösung der Erstgeborenen festgestellt werden mußte. Das Alter von 30 Jahren als Dienstbeginn der Leviten wurde noch Jahrhunderte später eingehalten (vgl. den Kommentar zu Hes 1,1). Allerdings konnten die Leviten verschiedene Aufgaben auch schon in jüngeren Jahren wahrnehmen (4.Mose 8,24). (Der Israelit wurde im Alter von 20 Jahren wehr- und steuerfähig und damit erwachsen.) Hier geht es aber um die schwere Arbeit des Transportierens der Stiftshütte mit ihrem gesamten Zubehör.
4. Mo 4,4-20: Die Kehatiter erhielten als erste ihre Aufgabe. Beim Aufbruch sollten Aaron und seine Söhne den inneren Vorhang abnehmen (V.5) und zusammen mit weiteren Decken um die Bundeslade legen (V.5-6), um sie vor dem Wetter, den Augen und der Berührung von Menschen zu schützen (vgl. V.20). Auch der Schaubrottisch (V.7) mit allen seinen Geräten, der Leuchter (V.9) und alle anderen Gegenstände, die im Gottesdienst in der Stiftshütte benötigt wurden (V.12), sollten eingewickelt werden. Der große eherne Altar für die Brandopfer mußte von der Asche gesäubert und ebenfalls eingepackt werden (V.13-14). An all diesen schweren Gegenständen wurden schließlich Stangen (V.6.8.11.14) bzw. Tragehölzer (V.10.12) angebracht.
Wenn die Priester alles soweit vorbereitet hatten, sollten die Kehatiter alles tragen. Dabei sollten sie sehr vorsichtig sein, die heiligen Gegenstände nicht zu berühren, um nicht zu sterben (V.15; vgl. V.19-20). Eleasar, der Priester, hatte alles zu überwachen und mußte darauf achten, daß das Öl, der Weihrauch und das Mehl für die Speisopfer richtig behandelt wurden. (V.16).
4. Mo 4,21-28: Die Gerschoniter waren für den Transport der nicht aus Holz bestehenden Teile der Stiftshütte und des Vorhofes einschließlich aller Decken, Vorhänge, Seile und anderer Ausrüstung zuständig. Sie wurden von Itamar, dem Priester, beaufsichtigt.
4. Mo 4,29-33: Die Teile des Stiftshüttenbezirkes, die aus Holz oder Metall bestanden, wurden von den Meraritern transportiert. Auch sie wurden von Itamar beaufsichtigt (vgl. V.28).
4. Mo 4,34-49: Die Zahl der am Transport beteiligten Leviten betrug 2750 Kehatiter (V.36), 2630 Gerschoniter (V.40) und 3200 Merariter (V.44), also insgesamt 8580 Leviten (V.48).

[[@Bible:Num 5]]C.Reinigung und Weihe (4. Mo 5-6)


[[@Bible:Num 5:1]]1.Die zeremoniell Unreinen (5,1-4)


4. Mo 5,1-4: Der Herr erinnerte sein Volk an seine Heiligkeit und daran, daß es für die Israeliten notwendig war, heilig zu leben, wenn sie in der Nähe seiner Wohnung leben wollten. Im alttestamentlichen Bund wurde die geistliche Heiligkeit der Gemeinde durch die körperliche Ganzheit und durch harmonische Beziehungen symbolisiert. Deshalb konnte niemand, der sich eine Krankheit zugezogen hatte, die ihn unrein machte, Gemeinschaft mit Gott bei der Stiftshütte und mit seinen Mitmenschen haben. Darunter fielen ansteckende Hautkrankheiten, körperliche Ausflüsse (Menstruation, Samenerguß usw.) und die Berührung von Toten. (Eine ausführliche Schilderung der verschiedenen Arten von Unreinheit findet sich 3.Mose 12-15 und 4.Mose 19 und in den Kommentaren zu diesen Stellen.)

[[@Bible:Num 5:5]]2.Das Gesetz der Erstattung (5,5-10)


4. Mo 5,5-10: Das Gesetz der Erstattung atmet den Geist des ganzen Gesetzes, das davon ausgeht, daß Sünde gegen Mitmenschen in Wirklichkeit Sünde gegen Gott ist (vgl. Ps 51,6). Wer irgendeiner Person in irgendeiner Art und Weise schadete, mußte diese Sünde bekennen, den vollen Betrag erstatten und 20 Prozent hinzufügen. Dies bezieht sich offensichtlich auf Schäden, die in Geldwert gemessen werden konnten (vgl. 3.Mose 5,20-26 für Einzelheiten). Wenn der Geschädigte nicht mehr lebte und auch kein naher Verwandter mehr da war, dem die Erstattung gezahlt werden konnte, ging der Betrag der Erstattung an den Herrn ... zusammen mit einem Widder, der für ein Schuldopfer zur Versöhnung nötig war (vgl. 3.Mose 5,15; 3. Mo 5,25; 3. Mo 7,1-10). Dieses Opfer ging dann an den Priester (3.Mose 7,6-7).

[[@Bible:Num 5:11]]3.Die Anklage wegen Ehebruch (5,11-31)


4. Mo 5,11-15: In der Bundesgemeinschaft zwischen Gott und Israel galt Ehebruch nicht nur als Verbrechen gegen den Bruder oder die Schwester (V.6), sondern als bildhafte Untreue gegenüber Gott. Der Bruch des Bundes zwischen Mann und Frau (2.Mose 20,14) und der Bruch des Bundes mit Gott (Hes 16) konnten nicht geduldet werden. Wenn ein Mann seine Frau im Verdacht hatte, die Ehe gebrochen zu haben, sollte er sie vor den Priester bringen, gleich ob er Beweise hatte oder nicht (4.Mose 5,11-15). Da Ehebruch eine Sünde gegen Gott war, wurde ein Getreideopfer dargebracht. Der Sinn dieses Opfers war es, Schuld ans Licht zu bringen (V.15). Wie dies geschah, wird in V.18.25-26 erklärt.
4. Mo 5,16-18: Um die Zeremonie zur Feststellung der Schuld einzuleiten, stellte der Priester die Frau vor den HERRN (also vor das Heiligtum), nahm Wasser, das für diesen Zweck geweiht und beiseite gestellt wurde, und vermischte es mit Staub vom Boden des Heiligtums. Er löste dann das Haar der Frau und gab ihr das Getreideopfer in die Hand,... während er das Gefäß mit dem bitteren Wasser in seiner Hand hielt. Auch wenn dieses Ritual an magische Praktiken der Heiden erinnern mag, war alles Magische im AT ausdrücklich verboten (z.B. 5.Mose 18,9-13). Wir müssen diese Zeremonie daher von dem symbolischen Wert der Elemente her verstehen. Der Weizen stellt die Bereitschaft zum Gericht dar, zumal er nicht mit Öl oder Weihrauch vermischt wurde (vgl. 4.Mose 5,15; 3.Mose 2,1-2; 3. Mo 5,11-13). Das Wasser war heilig (4.Mose 5,17), da es aus einem heiligen Gefäß stammte (wahrscheinlich aus dem ehernen Meer). Der Staub erinnerte an das Gericht über die Schlange, die Staub fressen mußte (1.Mose 3,14), und an die Sterblichkeit des Menschen. Wenn die Frau schuldig war, stand sie wie die Schlange unter dem Fluch Gottes. Das Lösen der Haare bewies den Ernst der Anklage und die Tatsache, daß der eifersüchtige Ehemann von der Schuld der Frau ausging. Die losen Haare standen jedoch nicht direkt für die Unmoralität, weil die Schuld noch nicht erwiesen war.
4. Mo 5,19-31: Wenn alles soweit fertig war, teilte der Priester der Frau mit, daß sie nicht verflucht würde, wenn sie unschuldig wäre, aber verflucht sei, wenn sie doch Schuld trage. Die Frau sollte darauf antworten bzw. schwören: Amen, d.h. »so sei es«.